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Johannes_Krakhofer

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Beiträge: 3 419

Registrierungsdatum: 24. Februar 2005

1

Freitag, 14. November 2008, 16:34

Japan zur Zeit B.F. Pinkertons

Hallo liebe historisch interessierten Opernfreunde!

Das Puccini-Jahr neigt sich dem Ende zu und ich möchte mit diesem Thread einen kleinen Beitrag leisten. Als passionierter Hobbyhistoriker und Neugierologe habe ich ein bissal in meiner kleinen Bibliothek gestöbert und möchte euch nun das Ergebnis meiner Stöberei präsentieren.

Wir befinden uns in Japan im Jahre 1850. Das japanische Inselreich führt die schon jahrhunderte andauernde Politik der Isolation. Nur die Holländer sind erduldet (auf der hermetisch abgeriegelten und überwachten Insel Deshima bei Nagasaki). Das Land wird offiziell vom Kaiser (Tenno) in Kyoto regiert, der seine Abstammung direkt von der shintoistischen Sonnengöttin Amaterasu herleitet. Der Tenno aber ist zu einer bedeutungslosen Marionette des Shogunats in Edo degradiert worden. Das Shogunat (genauer die Tokugawa-Dynastie) regiert schon seit Beginn des 17. Jahrhunderts. Sie herrscht über ein Land, das (noch immer !!!) in Lehen aufgeteilt ist und von lokalen Herrschern (Daimyos) verwaltet wird. Die herrschende Klasse, der Adel, sind die Samurai, die neben beträchtlichen Grundbesitzen eine große militärische und politische Macht besitzen.
Die Isolation Japans, die durch etliche Vorfälle mit christlichen Missionaren im 15. & 16. gefördert wurde, hält schon 200 Jahre an. Niemand darf Japan betreten oder verlassen, der nicht in Japan geboren wurde! [Ausnahme Deshima]

Den Europäischen Kolonialmächten und den USA taugt diese Situation überhaupt nicht und man hofft durch Verhandlungen und, wenn nötig, auch Waffengewalt das Inselreich zu einer Kolonie zu machen, denn man hat gehört, dass es im Land kriseln soll. Die Daimyo und die Samurai waren hoch verschuldet und es habe schon mehrere Aufstände der Landbevölkerung gegeben. Die Holländer gewannen von Deshima aus immer größeren Einfluss und drängten den Shogun den Handel zu öffnen (natürlich nur für die eigenen Händler). Nach einigen abenteuerlichen Vorkommnissen (ua einem russischen Schiff, das strandete und versuchte das Land auszuspionieren/ einer Fluchtwelle der Landbevölkerung nach Taiwan) merkten die Kolonialmächte, dass das einst so starke Japan in der Krise steckte.
Also versuchten die USA, Frankreich, Großbritannien, Holland, Russland und (wiederum) Portugal eine Öffnung Japans durch ihre Gesandten zu erreichen, was glanzvoll misslang, da die Japaner den „Barbaren aus dem Süden“ misstrauten.

1853 reichte es den USA endgültig und sie sandten eine Flotte gepanzerter Dampfschiffe (die Technologie der Japaner war hoffnungslos veraltet, sie benutzten noch portugiesische Arkebusen aus dem 16. Jahrhundert) in den Hafen von Edo. Das Flottengeschwader wurde angeführt von Matthew Perry. Das japanische Volk fürchtete sich vor den „an Tauen zerrenden Vulkanen“ und man betete, sie mögen schnell verschwinden. Doch die Angst vor den Fremden war größer als ihr Nationalstolz und so empfing die Regierung des Shoguns die Amerikaner. [Seit 1613 war niemand mehr vom Shogun empfangen worden, der sich einfach so der Küste näherte] Dies taten sie auch, allerdings stellten sie dem Shogun ein Ultimatum von einem Jahr, die Insel für den freien Handel zu öffnen. Dann würden sie wiederkommen.

Sie kamen wieder um „ein eigenbrötlerisches und isoliertes Volk in die Familie der zivilisierten Nationen einzugliedern“ [Matthew Perry]. Im Februar 1854 öffnete Japan den Amerikaner 2 Häfen. 1859 wurden die Häfen für den freien Handel geöffnet.

Japans alte Ordnung war zerstört und Japan war reif für Veränderungen, um nicht komplett unterzugehen. Als erstes wurde das Tokugawa-Shogunat von den bis jetzt unterdrückten Daimyo vernichtet. Sie suchten sich eine neue Führungspersönlichkeit und fanden sie in der Person des Tenno, der wieder an Macht gewann. „Verehrt den Kaiser, vernichtet die Barbaren“ wurde zur Parole, denn man hoffte, die ungebetenen Fremden wieder loszuwerden. Doch die Technologie der Japaner war hoffnungslos veraltet und so blieb es vorübergehend ruhig. Hin und wieder kam es zu kleineren Reibereien und Ausschreitungen, doch als 1863 ein englischer Gesandter in Kagoshima ermordet wurde, reagierten die Briten mit voller Härte: Sie sandten etliche Kriegsschiffe, die die Stadt in Schutt und Asche legten.
Nun war der Isolationswille der Japaner endgültig gebrochen und eine Gruppe von Intellektuellen ergriff das Ruder. Diese Gruppe meinte, dass man von den Barbaren lernen solle, um ein neues, noch größeres Japan erstehen zu lassen.

1868 wurde dem 15-jährigen Mutsuhito [dem Tenno] die offizielle Regierung des Landes übergeben. Der reformfreudige Tennno schaffte zuerst das Lehnssystem, dann den Feudaladel (die Samurai) und förderte die Bildung und sandte Gesandte in alle wichtigen Länder der Welt (1871), wo man die Sitten und Gebräuche imitierte. Die Japaner hatten nun ein neues Regierungsmotto: „Wissen aus aller Welt soll gesammelt werden, um den Kaiser zu stärken“.
Von nun an entschieden nicht der Shogun, die Samurai oder die Daimyo, was im Land geschehen zu hatte, sonder allein der TENNO. Der einstige Samuraistand wurde entmachtet und zu einem Adel nach europäischem Muster umgeformt. Fähige Köpfe wurden zu Beratern des Kaisers ernannt. Auch die westlichen Mächte hatten Berater des Tenno zu stellen. Die Briten bauten die Marine der Japaner neu auf, die USA reformierte das Geld- Schul- und Telegrafenwesen, die Franzosen reformierten die Armee (die bisher nur aus Bauern bestanden hatte) und die Deutschen sandten Ärzte, um das Gesundheitswesen zu reorganisieren. Der Tenno gab sich ein Motto, nach dem er regieren wollte: MEIJI „Erleuchtete Regierung“.

Der Meiji-Tenno in europäischer Uniform

1868 siedelte der Meiji-Tenno nach Edo um, das sogleich in Tokio (östliche Hauptstadt) umbenannt wurde.
1871/72 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, das Tragen von Waffen war nun jedermann erlaubt. Vor allem die Samurai traf dies, da nur ihnen das Tragen der Schwerter („der Seele des Samurai“) erlaubt war. Im selben Jahr wurde die allgemeine Schulpflicht eingeführt und über 54000 Schulen errichtet. Von nun an konnte ein ehrgeiziger, aber armer Bauer, ebenso Karriere machen, wie ein Sohn aus reichem Hause. Die sozialen Schranken fielen immer weiter. In den 1880er Jahren wurde sogar schon eine Universität in Tokio gegründet. Viele Lehrkräfte kamen aus allen Teilen der Welt, um den Japanischen Studenten ihr Wissen zu vermitteln.

1873 war Japan sogar Teil der Weltausstellung in Wien.

Die Restauration und Verwestlichung Japans geschah in irrem Tempo, sodass ein englischer Professor meinte: „Wer die Übergangszeit zum modernen Japan erlebt hat, meint vorzeitig gealtert zu sein.“
Ende der 1880er Jahre kehrten viele Japaner aber den europäischen Werten teilweise den Rücken und kehrten zu den alten, traditionellen Werten zurück. Man trug (ua) wieder Kimono und entwickelte ein neues Nationalbewusstsein, sodass die Hoffnungen der Europäer schwanden, man könne Japan zu einer Kolonie machen. Schließlich im Jahre 1889 bekam Japan eine von deutschen Rechtsexperten ausgearbeitete Verfassung, die der deutschen Verfassung von 1871 ähnlich war.

Kurzum: Innerhalb von 2 Jahrzehnten war Japan vom hintlerwäldlerischen Bauernland zu einem der modernsten Staaten der Erde aufgestiegen. Eine einmalige Leistung!
Hier will ich meine geschichtliche Erzählung enden lassen und zum kulturellen Teil übergehen:

Wie gesagt, man wollte so schnell von den Fremden lernen, dass man sie bald wieder nach Hause schicken kann. Man passte sich den Fremden an und kleidete sich wie sie, pflegte dieselben Hobbys und richtete sich die Häuser nach Europäischem Stil ein.

Einige Beispiele: „haikara“ (Stehkragen) kommt vom englischen „high collars“, eine schmähhafte Verformung des englischen Wortes, da die Japaner die schlechte sitzende Kleidung der Europäer kritisierten.
Die jungen Japaner (die 68er Generation :D) befassten sich nun mit alten europäischen und amerikanischen Hobbys: So wurde der Mesmerismus (Mozart lässt grüßen :D) sehr populär. Es entstanden etliche Hahnenkampfarenen und vor allem Baseball wurde zu einem Nationalsport der Japaner. Die Regierungsbeamten kamen nun nicht mehr mit den traditionellen Kimonos in die Sitzungen, sondern mit maßgeschneiderten europäischen Nadelstreifenanzügen. Hygienisch gesehen wurde das Zähneschwärzen geächtet, man achtete nun sehr auf weiße Zähne und auch das gemeinsame Bad von Männern und Frauen war in Verruf geraten, da die christliche Moral dies als anzüglich empfand.

Die reichen Japaner kauften nun die neueste europäische Mode und richteten sich Salons ein, die Kopien der französischen High-Society sein könnten. In diesen Salons, und jetzt wird’s für uns Taminos natürlich interessant, wurde eifrigst europäische Musik gespielt. Europäische Instrumente wurden importiert und nachgebaut. Kammermusikabende wurden in den diversesten Salons Mode und reiche Japaner schickten ihre Kinder an Musikhochschulen in die ganze Welt, bevorzugt in die USA. 1887 wurde dann schon in Tokio eine Musikhochschule gegründet, wo westliche Musik gelehrt und interpretiert wurde. Vor allem Musik in kleinem, intimen Rahmen (vor allem Beethoven, der in Japan immer noch äußerst populär ist) wurde gegeben, denn bis zur Gründung des ersten Orchesters sollte es noch bis zum Jahr 1926 (NHK Symphony Orchestra aus Tokio) dauern.



[SIZE=7][Bild aus Meilensteine der Weltgeschichte 19-Seite 106/107][/SIZE]
Hier wird im Jahre 1889 ein Abschlusskonzert einer Klasse der 1887 gegründeten Musikhochschule in Tokio gezeigt. Die Pianistin soll angeblich sogar am Amerikas Vassar College studiert haben und eine japanische Adelige gewesen sein.

Ich hoffe, diese wunderschöne Bild zeigt wie solche Konzerte abgelaufen sind.
Wer erkennt, was gespielt wird? :D

Im Jahr 1904 entstand die erste japanische Oper: „Traum auf dem Biwakplatz“, eigentlich eine Mischung aus Kabuki-Theater und klassischer Oper, die eine Geschichte aus dem russisch-japanischen Krieg erzählt. Bis zum zweiten Weltkrieg komponierte Kosuke Komatsu einige Opern auf japanisch (ua Hagoromo).

Nicht nur die einheimischen Opernkomponisten und -librettisten entdeckten das Potential, dass die japanische Geschichte, Mythologie und auch das Japanklischee bieten. Im selben Jahr wie die erste japanische Oper entstand auch die bekannteste in Japan spielende Oper: Madame Butterfly [Madame Butterfly Inhalt], die sich noch heute auf unzähligen Opernbühnen wiederfindet und, wenn konventionell inszeniert, ein tolles, wenn auch idealisiertes Bild japanischen Alltagslebens bietet.
Mascagni komponiert im Jahre 1898 die Oper Iris, die allerdings japanische Städte und Vornamen nicht zu unterscheiden weiß. :D

Japanische Instrumentalmusik möchte ich hier einmal ausklammern, wir sind ja im Opernforum.

So das war mein kleiner Ausflug in die Zeit der Meiji-Restauration, ich hoffe auf interessante Diskussionen und etliche Anregungen, Wünsche und Beschwerden.

LG Joschi


PS: Hier eine kleine Liste:
Filme, die diese Zeit behandeln:
Last Samurai (Tom Cruise, Eduard Zwick)

Literatur:
Meilensteine der Weltgeschichte Band 19
Manfred Pohl: Geschichte Japans-CH Beck
Peter Kirsch: Barbaren aus dem Süden-Geschichte der Europäer im alten Japan 1543-1854 Mandelbaumverlag HAMMERBUCH!!! :jubel: :jubel:
H.O.Meissner: Das Wunder der aufgehenden Sonne Bertelsmann
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

(Erste Allgemeine Verunsicherung)

georgius1988

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2

Samstag, 15. November 2008, 00:20

Was soll ich sagen: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Der Artikel könnte auch aus einer Zeitschrift stammen. Hochinteressant und macht Lust auf mehr.
Für Oper interessiere ich mich zwar nicht sooo brennend, dafür liebe ich Geschichte.
Gerade die Geschichte Japans ist für mich immer noch ein weißer Fleck. Anders verhält es sich mit der Geschichte Chinas, die ja einige Paralellen aufweist (nur ein offener Hafen- Kanton, Isolation, Misstrauen gegenüber dem Westen, kaputte Regierung, gewaltsame Öffnung) und sich gleichzeitig deutlich unterscheidet (Aufstieg Japans, Ruin Chinas).


Bitte mehr davon (wurscht welche Epoche :D)

Lg

Georg
Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)

Elisabeth

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3

Samstag, 15. November 2008, 07:18

Zitat

Original von georgius1988
Was soll ich sagen: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:

Bitte mehr davon (wurscht welche Epoche :D)




Lieber Joschi,


die Bitte nach "mehr" möchte ich angesichts des großartigen Beitrags sehr gerne unterstützen - ganz herzlichen Dank dafür!


LG, Elisabeth

Johannes_Krakhofer

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4

Samstag, 15. November 2008, 13:59

Hier mal ein weiterer Link für historisch interessierte:
Spanien im Mittelalter

Stimmen, die wir niemals hören werden:
Giulia Grisi
Caffarelli
Senesino
Gaetano Berenstadt
Jenny Lind

Viel Spaß, wenn ihr diese Threads noch nicht kennt.

LG joschi
Den Mozart und den Wagner hör´ich gerne, wenn ich jausen
nur beim Herrn Stockhausen kriegt mein Hamster Ohrensausen

(Erste Allgemeine Verunsicherung)