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Philhellene

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1

Montag, 27. August 2007, 23:35

Grenze zwischen Emotion und Kitsch? - Lakmé und die Blüten

à Maria de Padova, amie de cette opéra

Aus der Werbung ist das Duett, das die beiden Mädchen singen, hinreichend bekannt, ja mehr als das: Es wird auch geliebt. Niemand in der Werbungsbranche würde wohl Musik, die allgemein Ablehnung hervorruft, in mehreren verschiedenen Spots verwenden. Und dass dieses Duett eine gewisse Schönheit besitzt, wird wohl niemand bestreiten, die Frage ist nur, wie man diese Art von Schönheit bewertet.

Zitat

Original von Wulf
Das "Blumenduett" oder wie dat Ding da heißt aus Delibes Lakme war bei mir nach Carmen der erste positive Kontakt mit dem Genre Oper. Und auch heute stehe ich noch zu diesem grandiosen Ausflug in Sachen Grenze zwischen Emotion und Kitsch. Ich liebe dieses Duett!!!!


Die Szene stellt einen geheimnisvoll zauberhaften Garten voller Blumen dar. Es ist das Reich Lakmés, der jugendlichen Tochter des aufständischen Hindupriesters Nilakantha, der hier den von der Kolonialherrschaft verbotenen Götterkult fortführt. Lakmé dient ihm dabei als Medium, Priesterin, Hüterin des verborgenen Gartens.

"Lakmé, c'est toi qui nous protèges! c'est que Dieu prends pitié de ta candeur d'enfant." Mehr als Priesterin: sie ist wie eine Göttin, wenn ihre leuchtende Stimme ihr aus dem Tempel vorausgeht und über dem Morgengebet der Hindus schwebt. Leben denn nicht die Götter in den Tempeln und in den heiligen Hainen, so wie Lakmé, die kein anderes Leben kennt als das in ihrer Phantasiewelt? In dieser Phantasiewelt spielen diese ersten Szenen der Oper. Das ist kein Kitsch! Für Lakmé ist es Realität, eine bittere Realität, der Versuch eines Vaters, seine Tochter in ihrer eigenen Kindheit einzusperren. Und das so harmlos schöne, ja fast gefällige "Blumenduett" ihr erster Ausbruch aus dieser Welt voll Nektar.

Ihre junge Dienerin Mallika soll mit ihr gehen. Die beiden Mädchen gehen aus dem vom Zuschauerraum leicht einsehbaren vorderen Bereich des Gartens nach hinten, wo man sie nicht mehr sehen, nicht mehr hören kann. Was besprechen die beiden, die an der Schwelle zum Frau-Sein stehen? Welche Geheimnisse sind es, von denen Mallika singt, die sie nur sehen kann, wenn der Vater weg ist? Lakmé hält ihr Herz "toujours fermé", immer geschlossen vor den strengen Blicken des Vaters.
Ihre Stimme klingt rein und mädchenhaft, wenn sie einem Muezzin gleich zum Gebet ruft. Ihre Stimme schwebt auch im Duett, sie hat keineswegs die Hauptstimme, nein, eine fragile Oberstimme. Aber wenn sie wiederkehrt von diesem Gespräch, die Arme voll von Blumen, hat sie an Menschlichkeit gewonnen. Sie singt eine Arie, in der sie ganz allmählich, ganz sanft aus der lyrischen Kindheit hinauswächst, und gleichzeitig aus ihrem Paradies der Blüten. Sie singt es selbst: "Je commence à vivre."
Sie beginnt zu leben. Ihre Stimme wird zunehmend im Orchesterklang geerdet. Sie bezieht Position gegen ihren Vater, der sie vom echten Leben abgetrennt hat, indem sie ihm den jungen Mann, der ihr Heiligtum entweiht, verschweigen will. Nun ist sie keine asexuelle Göttin mehr. Sie ist eine Menschenfrau.

Nilakantha sieht es, aber er versteht es nicht: "Ton doux regard se voile, ton sourire s'est attristé. Comme on voit pâlir une étoile, une ombre assombrit ta beauté. C'est que Dieu de nous se reitre, c'est qu'il attend la mort du criminel." Er denkt, dass die Götter böse seien, weil ein Heide den Garten betreten hat, und dass sie deshalb Lakmé mit Melancholie schlügen. Ein Vater, der das Erwachsenwerden seiner Tochter verhindern will - das ist die Tragödie der Lakmé. Und keine Musik könnte diese missbrauchte Kinderpsyche, eingesperrt in ihren Tempel, in ihre Blüten, anrührender zeigen als die Schönheit dieses "Blumenduetts", "Grenze zwischen Emotion und Kitsch". Vielleicht eher: Krieg, ein Kräftemessen zwischen Lakmés wahren Emotionen und Nilakanthas Kindheitskitsch.






Liebe Grüße,
Martin

Der-wonnige-Laller

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2

Dienstag, 28. August 2007, 00:02

RE: Grenze zwischen Emotion und Kitsch? - Lakmé und die Blüten

Dieses Duett habe ich (vielleicht glücklicherweise) zuerst auf irgendeinem Opernsampler kennengelernt bevor es mir in der TV-Werbung begegnete. Zu meiner Schande muss ich gestehen, daß ich die Oper Lakmé ansonsten gar nicht kenne - dabei habe ich schon recht lange vor, dies endlich mal zu ändern.
Wenn dieses Duett unter die Rubrik "Kitsch" fällt - bitte sehr. Ich lasse mir aber eine gewisse Vorliebe für Kitsch (auch in Sachen Oper) nicht absprechen. Für mich hat das auch immer viel mit dem Zusammenhang zu tun, in den etwas gestellt wird bzw. in dem man etwas erlebt. Generell liegt für mich ein großer emotionaler Reiz der Oper in der Vereinigung von Frauenstimmen. Das hat IMO oft etwas sehr ätherisches und auch - im ursprünglichen Sinne - etwas sehr erotisches, das einem in Männer-Duetten äusserst selten begegnet.
Ähnliches empfinde ich z. B. auch im Butterfly-Duett, in den Duetten und dem Schlussterzett des Rosenkavalier oder der Canzonetta sull´aria im Figaro. Seltsam, daß diese doch recht unmittelbare, sinnliche Vereinigung meist den Frauen vorbehalten ist. Die Herren scheinen da meist doch eher in Duetten ein "Gegeneinander" auszutragen...
Lieben Gruß!

Clemens

************************************

"Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters. Es ist der seligste Schlupfwinkel für diejenigen, die ihre Kindheit heimlich in die Tasche gesteckt und sich damit auf und davon gemacht haben, um bis an ihr Lebensende weiterzuspielen."

Fairy Queen

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3

Mittwoch, 5. September 2007, 08:55

Lieber Philhellene, erstmal bedanke ich mich für die Ehre und Widmung :jubel:
Ja, ich liebe dieses Duett und die ganze Oper und Du hast das sehr schôn beschrieben. Lakmé geht es ähnlich wie Gilda, die ja auch von ihrem Vater vor der Welt und der Liebe (anderer Männer) abgeschirmt werden soll. In beiden Fällen endet das ganze mit dem tragischen Tod, ein soclher Weg ist und bleibt eben wider die Natur.
Schon lange Zeit vor Freud wurde hier auf viel schônere und rûhrendere Weise das Thema Vater-Tochter loslassen müssen auf die Bühne gebracht.
Dass besagte Duett in Kitschverdacht kommt, hängt wahrscheinlich eher mit seiner Vermarktung in der Fernsehwerbung zusammen.
Fûr sich allein genommen ist das einfach hinreissende Musik, so wie auch viele andere Stellen dieser eher unbekannten Oper es sind.
Wenn das Kitsch sein soll, möchte ich mal wissen, was die Mehrzahl aller Operetten ist???????
Aber die Definition von Kitsch haben wir hier ja schonmal versucht und sind bei Puccini ziemlich gescheitert. Delibes ist in jedem Fall weit weniger "vorhersehbar" und origineller in seinen Harmonien als ich es von vielen Puccinis kenne aber auch das ist nun wieder serh subjektiv.....
Das Blumenduett ist für mich in dieser Oper der letzte ausflug in die heile Welt der Mâdchen-Lakmé. Danach wird sie zur Frau und muss den tödlcihen Preis der Liebe zahlen.
Auch im Duett ahnt sie das musikalisch schon vor und ihre Dienerin Malika versucht sie noch zu trösten.
Die zauberische Melancholie und Schönheit des Duetts rüihrt vielleciht gerade daraus, dass die Vergänglcihkeit der Blumen schon mit darinnen ist.
Fairy Queen,

( immer wieder auf der Suche nach einer Duett-Mailka)
Leben zeugt Leben, Energie erschafft Energie. Man wird reich , indem man sich verschwendet. (Sarah Bernardt)

Philhellene

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4

Mittwoch, 5. September 2007, 11:07

Ja, du hast ganz Recht - und ich finde, einige Aufführungen und Aufnahmen dieses Duetts, besonders wenn sie in einem Konzert aus dem Kontext gelöst dargebracht werden, leiden darunter, dass die Sängerinnen das Mädchenhafte nicht genügend darstellen können (insbesondere die Mallikas sind diesbezüglich gefährdet!). Und aufgrund dieses Duetts bestehe ich auch darauf, dass Mallika auch ziemlich jung dargestellt werden muss - diese Musik ist nur für zwei junge Mädchen geeignet, und die Sängerinnen sollten es dementsprechend zart singen und kein zu dunkles Timbre haben. Deshalb habe ich mir auch schon überlegt, ob man Mallika nicht ebenfalls von einer Sopranistin singen lassen sollte. Ich glaube, das wäre klanglich die optimale Lösung. Oder eben von einem sehr lyrisch-leichten hellen Mezzo.

Die Blüten setzen sich ja fort: dass dieses Duett so sehr von Blüten handelt ist kein Zufall! Lakmés Geschichte ist untrennbar mit ihnen verbunden, die Blüten sind ein Sinnbild: sie blühen auf - und dann verwelken sie, so wie Lakmé, die eine Stechapfelblüte küsst - wie sagt Gerald: "C'est un pays enchanteur puisqu'on y peut mourir en mordant une fleur."
Wir können allerdings auch Gerald nicht von einer Mitschuld an der Tragödie ausnehmen: Was sieht denn er in Lakmé? Während des Quintetts im ersten Akt wird seine Phantasie doch von der Vorstellung einer nur halb menschlichen, jungfräulichen Göttin merklich befeuert. Und im dritten Akt fragt er verwundert: "N'es-tu plus l'enfant charmante pour qui j'ai tout oublié?" Für ein Kind, für ein Mädchen hat er alles vergessen, nicht für eine erwachsene Frau! Genau wie Nilakantha will auch er die Frau in Lakmé unterdrücken.

Liebe Grüße,
Martin

Fairy Queen

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5

Mittwoch, 5. September 2007, 11:15

Lieber Philhellene, die Malika ist auch meiner Meinung nach etwas für einen zweiten Sopran. Etliche Mezzi, die ich kenne, singen das auch sowieso nicht oder nur sehr ungern, weil die Tessitur zu angespannt ist.
Es muss und soll wirklich zart und mâdchenhaft klingen und vor allem müssen die beiden Stimmen wirklich zusammen passen.
Über deine sehr interessante Einschätzung von Gerald, der Lakmé nur als Blütenmädchen und nicht voll aufgeblühte Frau will, muss ich mal nachdenken. Das soll es ja öfter geben......
Damit wäre er nur eine Verlängerung des Vaters.

Spannend!

Fairy Queen
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Philhellene

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6

Mittwoch, 5. September 2007, 12:23

Und Frederics Ansichten über indische Frauen sind auch nicht besonders sympathisch... Ich glaube, nur ein einziger Mann in der Oper begreift, was mit Lakmé geschehen ist: Hadji. Ich zitiere aus dem Récitatif N°12 bis:
"Aujourd'hui tu es femme,
ton coeur a d'autres désirs."

(Heute bist du eine Frau,
dein Herz hat andere Wünsche.)

Liebe Grüße,
Martin

Fairy Queen

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7

Mittwoch, 5. September 2007, 13:02

Lieber Martin, ich finde das sehr schön, wie du das beobachtest hast und wie genau du den Text gelesen hast.
Ich habe mich wirklich mit dieser Oper schon beschäftgit, aber das war mir SO bis heute nciht bewusst.
Merci!!!!! :jubel:

Es ist wohl immer schwierig, nciht nur für einen liebenden Vater, wenn aus einem Mädchen plötzlich eine(selbstbestimmte) Frau wird. Libretti und Opern, meist von Männern geschrieben, spiegeln Frauenbilder wieder, die heute überholt scheinen, es aber manchmal doch nciht sind.
Die sehr mädchenhafte femme fragile ist auch ein literarischer Topos, der in all den schwindsüchitgen zarten Romanheldinnen im 19 Jh seine Blüte hatte und neben der femme fatale, die alle ins Verderben reisst, weil sie eben KEIN Mâdchen ist, in vielen Opern zu finden. Bei Bellini sind ausser der Norma fast nur diese fragilen Mâdchenfrauen zugange, sie werden bei Erschütterungen wahnsinnig, fallen in Ohnmacht oder sterben eben. Das Gegenbild, die femme fatale ist dann Carmen oder Dalilah.
Lakmé môchte wahrscheinlich keine femme fragile mehr sein, denn sie selbst ergreift weitreichende Initiative, wird dem Vater ungehorsam, und pflegt Gerald auf eigene Faust gesund. Auch ihren Tod wählt sie letzlich selbst. Fatale Fragilität..........

Fairy Queen
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Harald Kral

Erleuchteter

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8

Mittwoch, 1. Februar 2012, 19:54

Lakmé in Bonn

Das Opernhaus der Bundesstadt Bonn bringt Delibes' Lakmè zur Aufführung. Premiere war gestern, 31. Januar 2012. Mein facebook-Freund Mirko Roschkowski, früher Rheinoper, hatte mir eine Einladung zukommen lassen - zu seinem Debut als Gérald in Paul-Emile Fournys Inszenierung:

LAKMÉ
von Léo Delibes

Oper in drei Akten
Text von Edmond Gondinet und Philippe Gille
In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Eine Koproduktion mit Opéra-Théâtre de Metz-Métropole
Musikalische Leitung: Stefan Blunier
Chor des THEATER BONN
Beethoven Orchester Bonn
Inszenierung: Paul-Emile Fourny
Bühne: Benoit Dugardyn
Kostüme: Giovanna Fiorentini
Choreinstudierung: Sibylle Wagner
Choreographie: Elodie Vella

Der ehemalige Intendant der Opéra de Nice und zukünftige Leiter der Opéra-Théâtre de Metz-Métropole Paul-Emile Fourny inszeniert zum ersten Mal am THEATER BONN. Generalmusikdirektor Stefan Blunier widmet sich erstmals diesem magischen Werk des ausgehenden 19. Jahrhunderts und bringt damit in Bonn einen Meilenstein der französischen Operngeschichte zur Aufführung.



Die Inszenierung ist sehr konventionell - typisch französisches Provinztheater, mit vielen sängerfreundlichen Rampen-Szenen.
Was den Kritikern nicht gefiel - die forderten mehr "Regietheater" - wie man's macht, ist's falsch....

Worum es in der Oper geht, das sagt uns der Tamino-Opernführer - hier: DELIBES, Leo: LAKMÉ

LG

:hello:
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)

Harald Kral

Erleuchteter

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Registrierungsdatum: 20. Juni 2007

9

Mittwoch, 1. Februar 2012, 20:31

Lakmé in Bonn

Eine erste Kritik findet ihr hier:

http://www.general-anzeiger-bonn.de/loka…icle613567.html

LG

:hello:

Link funktioniert nicht!
Harald

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