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  • »Johannes Roehl« ist männlich
  • »Johannes Roehl« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 11 483

Registrierungsdatum: 12. August 2005

1

Samstag, 6. September 2008, 23:27

Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 15 D-Dur

Haydn Sinfonie Nr. 15 D-Dur

Besetzung: je 2 Oboen & Hörner, Streicher.

Enstanden vermutlich um (oder vor) 1760 noch vor Haydns Anstellung bei Eszterhazy, es handelt sich hier also um ein wesentlich früheres Werk als 6-8 oder 13.

1. Adagio - Presto - Adagio

Ein recht ungewöhnlicher und durchaus bemerkenswerter Beginn. Natürlich wird allenthalben die französische Ouverture mit ihrer langsam-schnell-langsam-Form genannt. Allerdings hat der adagio-Teil (3/4) wirklich gar nichts von dem pompös-punktierten Gestus dieser Gattung. Es handelt sich eher um einen sehr einfachen, dabei jedoch raffiniert und klangsinnlich instrumentierten Abschnitt mit eher serenadenhaftem Charakter: Über einer pizzicato Begleitung der restlichen Streicher stimmen die Geigen eine schlichte Melodie an, kontrastiert von Einwürfen der Hörner. Man könnte auch an eine Schauspielmusik denken vielleicht auch an eine Opernarie (mit erregtem Mittelteil)
Der energische Presto-Abschnitt im 4/4-Takt (T.34-111) muß dagegen als ein kompletter, wenngleich knapper Sonatensatz gesehen werden, mit einem Seitenthema in der Dominante ab T.49, Reprise ab T. 81 (Seitenthema in D-Dur, danach Moll ab T.93).
Die Wiederholung des Adagios ist leicht gekürzt.


2. Menuett

Der Hauptteil wirkt etwas altmodisch-feierlich mit seinen punktierten Rhythmen (die nun ein wenig an die französische Ouverture erinnern mögen)
Sehr hübsch ist aber das Trio (G-Dur, nur Streicher, aber Celli und Bässe getrennt), hier werden Violen/Celli den Geigen jeweils in schmeichelnden Terzen gegenübergestellt.

3. Andante (2/4) G-Dur (nur Streicher)

ist wieder ein recht typischer Satz für diese Zeit. Ein tatsächlich "gehender" Satz mit kleingliedriger Melodik. Zweiteilig /:1-25://:25-72:/ (beide Teile werden wiederholt). Der erste Teil endet auf der Dominante, ein melodisch oder motivisch wirklich eigenständiges zweites Thema ist aber kaum auszumachen.
Es gibt dann beinahe so etwas wie eine Durchführung mit rudimentärer Verarbeitung von Motiven, eher vielleicht als Dialog der 1. Vl. mit 2. Vl und Viola zu hören und recht deutlich eine Reprise des ersten Teils ab T.49.
Reizvoll hier ist das Wechselspiel von paralleler und eher dialogischer Führung der Streicherstimmen, ebenso wie einige rhythmische Finessen (Synkopen und sforzati, z.B. in T. 22 ff., 38-47 usw.).


4. Finale: Presto 3/8

Das ist quasi ein zweites Menuett (oder eine Art Gigue?) Fischer spielt es eher im Menuett-Tempo, m.E. viel zu langsam; Solomons ist deutlich schneller unterwegs. Jedenfalls bestärkt es für mich den Verdacht, daß es sich hier vielleicht um nachträglich zu einer Sinfonie zusammengestellte Stücke handelt, die vielleicht vorher schon eine andere Funktion als Schauspielmusik o.ä. hatten.
Ich sehe das als ein Rondo wie folgt:
Refrain "A": T. 1-20
"B" 20-32
A: 32-44
"C" Mittelteil/Trio in d-moll 45-102) nur für Streicher
A 103-124
B 125-136
A 137-158, der letzte Teil ist als kleine Coda (ab 148 ) gestaltet.

Wobei allerdings wegen der Verwandtschaft der B-Teile mit dem Refrain und ihrer Kürze beinahe der Eindruck einer einfachen Dreiteiligkeit überwiegt. Auch dieser leichte Kehraus zeigt, daß das Werk eher im Umkreis der Sinfonie Nr.1 anzusiedeln ist.


NB: Die Partituren der Sinfonien 13-18 sind erfreulicherweise online einsehbar:

http://www.dlib.indiana.edu/variations/s…arge/index.html

:hello:

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Pius

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  • »Pius« wurde gesperrt

Beiträge: 3 644

Registrierungsdatum: 11. Mai 2005

2

Sonntag, 21. September 2008, 19:51

Hallo,

seltsam, im Gegensatz zur Nr. 16 hat mir die Nr. 15 wirklich gut gefallen, obwohl sie ja auch eher eine sehr frühe ist.

Im 1. Satz wurde ich beim Ersthören gleich dreimal überrascht - vom langsamen Beginn, den ich so (und schon gar nicht bei den Frühwerken) nicht erwartet hatte, dann wieder beim Einsetzen des schnellen Themas und zum dritten Mal beim abschließenden langsamen Teil.

Ich empfinde es zumindest retrospektiv als naheliegenden Gedanken, eine solche Form des ersten Satzes als modellhaft zu wählen. Es kam ja dann anders - wohl auch besser so. Allerdings wären ein paar Sätze dieser Art im späteren Werk Haydns schon interessant gewesen.

Auch die anderen Sätze der Symphonie finde ich "hübsch".

Viele Grüße,
Pius.

ThomasNorderstedt

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  • »ThomasNorderstedt« ist männlich

Beiträge: 1 367

Registrierungsdatum: 26. Juni 2006

3

Montag, 29. September 2008, 11:19

Gestern habe ich das erste Mal die Sinfonie Nr. 15 gehört. Mir ging es wie Pius, auch ich habe mich gut unterhalten und fand das Adagio des ersten Satzes überraschend.

Unterhaltsam fand ich auch den letzten Satz. Eine zu große Langsamkeit habe ich nicht empfungen. JR schrieb oben:

Zitat

Das ist quasi ein zweites Menuett (oder eine Art Gigue?) Fischer spielt es eher im Menuett-Tempo, m.E. viel zu langsam

Hmh, wenn es ein (quasi) Menuett ist, warum soll es dann nicht im Menuett-Tempo gespielt werden? Ja, es steht Presto drüber, aber angenommen, Fischer hält den Menuett-Charakter des letzten Satzes für wesentlich, warum soll er das nicht in der Tempo-Gestaltung berücksichtigen und seine Auffassung auf diese Weise zum Ausdruck bringen?

Wie gesagt, mir gefällt der Satz in dem Tempo, in dem Fischer ihn spielt. Das Tempoverhältnis der Sätze empfinde ich als stimmig. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass mich demgegenüber eine Prestoraserei am Ende vor dem Hintergrund des Anfangsadagios eher stören würde, muss allerdings einräumen, dass mir der Vergleich mit einer schnelleren Einspielung fehlt.

Viele Grüße
Thomas

  • »Johannes Roehl« ist männlich
  • »Johannes Roehl« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 11 483

Registrierungsdatum: 12. August 2005

4

Montag, 29. September 2008, 11:51

Zitat

Original von ThomasNorderstedt

Zitat

Das ist quasi ein zweites Menuett (oder eine Art Gigue?) Fischer spielt es eher im Menuett-Tempo, m.E. viel zu langsam

Hmh, wenn es ein (quasi) Menuett ist, warum soll es dann nicht im Menuett-Tempo gespielt werden? Ja, es steht Presto drüber, aber angenommen, Fischer hält den Menuett-Charakter des letzten Satzes für wesentlich, warum soll er das nicht in der Tempo-Gestaltung berücksichtigen und seine Auffassung auf diese Weise zum Ausdruck bringen?

Da ist mein Text tatsächlich schlecht formuliert bzw. zeigt seine Entstehungsschichten. :D Ich habe "zweites Menuett" geschrieben, nachdem ich als erstes Fischer gehört hatte. Dann sah ich in den Noten "presto 3/8" und hörte die ältere Aufnahme (von LP auf der Festplatte, nicht erhältlich) mit Solomons sowie in Goodmans Klangschnipsel und dann war es mir doch eher zu langsam. Also du hast recht: wenn es eine Art Menuett ist, ist Fischer auf der richtigen Spur. Wenn es eher den anderen schnellen (häufig auch 3/8 und presto bezeichnet, die Faustregel ist wohl noch aus dem Barock, daß ein 3/8-Takt immer eher schneller als ein 3/4 gespielt werden sollte, bei Bach gibt es Giguen, die im 12/16 notiert sind!) Finalsätzen der frühen Zeit (wie in NR. 1 z.B.) zuzuordnen ist, ist er eher zu langsam.

:hello:

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
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(Bob Dylan)

Don_Gaiferos

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  • »Don_Gaiferos« ist männlich

Beiträge: 1 260

Registrierungsdatum: 4. Juni 2013

5

Sonntag, 18. Dezember 2016, 00:48

Das Pizzicato verleiht dem ersten Satz ein teilweise Keckes, teilweise geheimnisvoll-verspieltes Element, wie ich finde. Das Menuett unter der Leitung Adam Fischers mutet in der Tat etwas betulich an, gibt dieser Musik in jener Lesart jedoch auch den großen Atem, um sich richtig zu entfalten, und neben dem tänzerischen Element weht hier ein Hauch von Melancholie mit, v.a. wenn die tiefen Streicher ihre Einwürfe bringen. Insgesamt in der Tat eine sehr ansprechende, espritvolle, charmante und feine Symphonie.