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Zwielicht

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Beiträge: 2 436

Registrierungsdatum: 10. Oktober 2006

1

Sonntag, 17. August 2008, 23:33

Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 93 D-dur

Diese 1791 (zwischen Nr. 95 und 94) komponierte Sinfonie ist eine der unbekannteren unter ihren Geschwisterwerken, obwohl sie seinerzeit besonders großen Erfolg erzielte – zu keiner anderen der für London komponierten Sinfonien haben sich so (relativ) ausführliche Pressereaktionen erhalten. Die bejubelte Uraufführung fand am 17. Februar 1792 statt: der zweite Satz musste wiederholt werden und die Times rühmte novelty of idea, agreeable caprice und whim combined with all Haydn’s sublime and wonten [wanton?] grandeur. Hier sind zwar zentrale Kategorien der Haydn-Rezeption versammelt, aber man hätte doch (wie bei vielen heutigen Musikkritiken) gerne auch konkrete kompositorische Bezugspunkte erfahren. Wie auch immer: Die Sinfonie erfreute sich so großer Beliebtheit, dass sie auf vielfachen Wunsch noch zweimal (am 20.4. und 18.5.1792) aufgeführt wurde.

Ich fand das Werk lange Zeit eher spröde und habe es nur selten gehört. Das hat dann sich später zwar tendenziell geändert, aber erst jetzt bekomme ich einen direkteren Zugang. Zur Charakterisierung der Sinfonie zitiere ich Ludwig Finscher (S. 365): In ihrer endgültigen Gestalt [es gab eine nicht erhaltene Erstfassung des Finales] ist die Symphonie ungleich anspruchsvoller als I:96 und 95, aber auf eine unter den Londoner Symphonien einzigartige Weise, indem sie eine Entwicklung vom Einfachen zum Komplizierten und von ungetrübter Freundlichkeit zur Bizarrerie umschreibt; andererseits weisen die thematischen Beziehungen zwischen Kopfsatz, Menuett und Finale und die Gestalt des Menuetts und Trios auf die späteren Werke voraus.

Der erste Satz beginnt mit einem Adagio im ¾-Takt: auf ein mächtiges Tutti-Unisono auf D antwortet eine gesangliche Phrase, die dann dynamisch gesteigert und nach A-dur abgebogen wird – worauf die Phrase leise wiederkehrt, aber in der weit entfernten Tonart Es-dur, „eine Stelle von geradezu mystischer Wirkung“ (W. Lessing). Über A-dur geht es in einer schreitend-zeremoniellen Abwandlung des Themas wieder zurück nach D. Eine harmonisch ungewöhnlich (wenn auch symmetrisch) gestaltete Einleitung. Der Allegro-assai-Haptsatz, ebenfalls im ¾-Takt, ist ebenfalls ungewöhnlich, aber zunächst eher wegen der Simplizität der Exposition. Ein eher lyrisches, in seiner symmetrischen Struktur fast menuetthaftes Hauptthema wird breit entwickelt, nur tendenziell etwas verdichtet und von einem im Charakter ähnlichen, allerdings eher ländlerhaften Seitenthema abgelöst. Die Überraschung folgt in der ausgedehnten Durchführung: sie beschäftigt sich ausschließlich mit einem vom Seitenthema abgespalteten Motiv, in teilweise dramatischer Zuspitzung und vor allem in einer ungeheuer dichten und variablen thematischen Arbeit. Nach einer Generalpause setzt wieder die Reprise ein, als sei nichts geschehen – sie ist verkürzt (und zwar ausgerechnet um die verdichteten Passagen um das Hauptthema). Auch in der kurzen Coda, die mit Material aus dem Hauptthemenkomplex bestritten wird, tut sich mit Ausnahme einer harmonischen Irritation nicht mehr viel. Für diese totale Abhebung der Durchführung vom Rest des Satzes fällt mir momentan kein anderes Beispiel bei Haydn ein.

Es folgt ein Largo in G-dur. Ein einfaches, aber harmonisch leicht verschattetes, etwas marschartiges Thema wird zunächst von einem Streichquartett vorgetragen (aparte Wirkung!), dann tutti, aber pianissimo. Es folgt eine als Antwort eine Moll-Variante im Fortissimo, die in ihrem gezackten Rhythmus, ihren 32tel-Läufen und ihren Pralltrillern sehr barock anmutet – vielleicht wirklich eine Reminiszenz an Händel, wie W. Lessing vermutet (was auch ein wenig den Erfolg des Satzes beim zeitgenössischen Londoner Publikum erklären könnte). Dem entgegengesetzt ist eine durchgehende Bewegung in Achteltriolen, die teils melodische Belebung erfährt, meist aber mit dem Hauptthema kombiniert wird – besonders schön nach Takt 44, wenn das Thema sich aus seinem rhythmischen Korsett befreit und vorübergehend nach Moll gewendet wird. Kurz vor Schluss einer der rauheren von Haydns Scherzen: die Musik fällt in kleine rhythmische Bruchstücke, dann in einzelne Akkorde und Töne auseinander, die sich harmonisch verrennen, bevor die Fagotte mit einem fast schon obszön wirkenden tiefen C im Fortissimo Ordnung schaffen. Leicht indigniert und ganz im Stil des gutbürgerlichen Wissenschaftlers bemerkt Ludwig Finscher zu den Gründen des Erfolgs der Sinfonie: „… zur Ehre des Londoner Publikums wollen wir nicht annehmen, daß es der nicht gerade subtile Scherz des fortissimo-C der Fagotte am Ende des Largo war“.

Sehr ungewöhnlich das Menuett. Zunächst wegen seiner Tempovorschrift – kein Molto allegro wie bei Nr. 94, aber immerhin Allegro. Noch mehr aber wegen seiner Struktur: auf einen ungebärdigen scherzohaften Unisono-Vordersatz folgt ein fast wilder Ländler als Nachsatz (der aus dem Seitenthema des ersten Satzes abgeleitet ist). Nach einer abwechslungsreichen Durchführung, bei der besonders eine Passage auffällt, die unter repetierten Flötenachteln und über einem Orgelpunkt der Pauke mit Bruchstücken des Themas spielt, folgt eine auf den Ländler verkürzte Reprise. Völlig aus dem Rahmen fällt das Trio: schmetternden Fanfaren in D und A antwortet ein flehend wirkendes piano-Streicherthema, das drei verschiedene Tonarten vorschlägt (h, G, F). Statt einer Synthese bricht aber in diesem Kontext höchst überraschend ein derbes, stampfendes Ländlerthema hervor (analog zum Menuett-Hauptteil). Finscher beschreibt diesen Satzteil m.E. zu Recht mit „eher bedrohlich als komisch“.

Das Finale, Presto ma non troppo im 2/4-Takt, ist diesmal weniger ein “Sonatenrondo” als ein sehr ungewöhnlicher Sonatensatz. Das durch seinen fortwährend wiederholten Zwei-Achtel-Auftakt geprägte Hauptthema wird zunächst mehrfach thematisch verdichtet, (auch kontrapunktisch) verarbeitet, nach Moll umgefärbt und erweitert, bevor fast nach der Hälfte des Satzes (T. 118 ) das zweite Thema erscheint – dieses ist noch deutlicher als das Ländlerthema im Menuett aus dem Seitenthema des ersten Satzes abgeleitet (das ja dort bereits vollständig die Durchführung beherrscht hatte). Nach einem weiteren durchführungsartigen Teil verrennt sich ein Solocello schließlich mit dem Auftaktmotiv des Hauptthemas auf C und muss vom gesamten Orchester fortissimo nach D korrigiert werden – gewissermaßen eine Antwort auf das Fagott-C des langsamen Satzes. Damit setzt die Reprise ein, in der endlich das Seitenthema ordnungsgemäß an das Hauptthema angeschlossen wird. In der Coda werfen sich Holzbläser und Streicher noch einmal den Nachsatz des Themas über einem Pauken-Orgelpunkt zu (vgl. Menuett!), bevor es mit aus demselben Thema abgeleiteten Fanfaren (die Hermann Kretzschmar im 19. Jh. an das Viva la libertà! aus dem ersten Don-Giovanni-Finale erinnerten) zum Ende geht. Insgesamt eine sehr dicht gestrickte und konzentrierte Sinfonie, bei der Menuett und Finale keineswegs weniger gewichtig sind als die ersten beiden Sätze!


Viele Grüße

Bernd
Was heut gehet müde unter, hebt sich morgen neugeboren.

rappy

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Registrierungsdatum: 5. November 2005

2

Sonntag, 17. August 2008, 23:50

Danke für den Beitrag. Diese Sinfonie gehört seitdem ich sie das erste Mal gehört habe zu meinen Lieblingssinfonien Haydns, ich wusste gar nicht, dass sie zu den unbekannteren gerechnet wird. Das Menuett ist vielleicht neben denen der nachfolgenden und der 104. sein gelungenstes (sinfonisches).
Ich habe nur die Aufnahme aus der Fischer-Box, finde sie aber ziemlich gut. Könnte aber auch daran liegen, dass ich keinen Vergleich hab.
"Das Große an der Musik von Richard Strauss ist, daß sie ein Argument darstellt und untermauert, das über alle Dogmen der Kunst - alle Fragen von Stil und Geschmack und Idiom -, über alle nichtigen, unfruchtbaren Voreingenommenheiten des Chronisten hinausgeht.Sie bietet uns das Beispiel eines Menschen, der seine eigene Zeit bereichert, indem er keiner angehört." - Glenn Gould

Pius

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Beiträge: 3 644

Registrierungsdatum: 11. Mai 2005

3

Samstag, 13. September 2008, 22:22

Hallo!

Mir ging es genau so wie Bernd

Zitat

Ich fand das Werk lange Zeit eher spröde und habe es nur selten gehört.


- aber seit ich folgende Aufnahme habe:



höre ich die 93. öfters. Jochum gelingt hier eine sehr lebendige und frische Einspielung, für mich der Höhepunkt dieser sehr guten Doppel-CD.

Kann zufällig jemand mit Jochums DGG-Aufnahme der Symphonie vergleichen? Ich überlege, ob die Anschaffung der Londoner-Box lohnt. Das wäre dann der Fall, wenn die 93,94,95,98 da noch besser als in der BerlinClassics-Aufnahme sind.

Viele Grüße,
Pius.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 504

Registrierungsdatum: 12. August 2005

4

Sonntag, 14. September 2008, 15:33

Zitat

Original von Pius
Hallo!

Mir ging es genau so wie Bernd

Zitat

Ich fand das Werk lange Zeit eher spröde und habe es nur selten gehört.


- aber seit ich folgende Aufnahme habe:



höre ich die 93. öfters. Jochum gelingt hier eine sehr lebendige und frische Einspielung, für mich der Höhepunkt dieser sehr guten Doppel-CD.

Kann zufällig jemand mit Jochums DGG-Aufnahme der Symphonie vergleichen? Ich überlege, ob die Anschaffung der Londoner-Box lohnt. Das wäre dann der Fall, wenn die 93,94,95,98 da noch besser als in der BerlinClassics-Aufnahme sind.


Etliche geben wohl im Zweifel den Dresdner Aufnahmen den Vorzug. Ich habe nur eine CD (100-102) aus dem späteren Londoner set, kann daher keine konkreten Sinfonien vergleichen. Ich finde diese 93 aber auch sehr gut, eher besser als die drei, die ich auf DG habe.
Viel geben sie sich allerdings auch nicht. Der Klang des Dresdner Orchesters ist charakteristischer (die Klangqualität aber auch nicht so besonders toll). Bonus der neueren Version bei DG (der mich schon beinahe zum Kauf bewogen hätte) ist eine CD mit drei weiteren Aufnahmen (88, 91, 98 ) mit den Berliner Phil., Spradow erwähnte das in einem anderen thread

Mir hat das Stück, wenn ich recht erinnere, von Anfang an ziemlich gut gefallen, obwohl die Szellsche Aufnahme, mit der ich es kennenlernte, viel zu langsam im Kopfsatz ist.

:hello:

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Pius

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  • »Pius« wurde gesperrt

Beiträge: 3 644

Registrierungsdatum: 11. Mai 2005

5

Montag, 6. Oktober 2008, 21:00

Hallo!

Ich habe mich nochmal um diese nichtige Fragestellung gekümmert, da in der neuen Brilliant-Haydn-Box (Foto s.u.) Haydns Eigentranskription des 2. Satzes der 93. für Klavier enthalten ist, und ich mit der Lisztschen Pastoraltranskription vergleichen konnte.
Ich bleibe dabei: Beethoven hat sich stark inspirieren lassen. Pasta. :beatnik:


Spradow

Profi

  • »Spradow« ist männlich

Beiträge: 534

Registrierungsdatum: 6. August 2006

6

Samstag, 15. November 2008, 16:07

Da ich in den nächsten Wochen keine Möglichkeit habe, den aktuell vorgestellten Haydn-Symphonien zu folgen, muss ich wohl zu ein paar alten meinen Senf dazugeben. Immerhin habe ich in weiser Voraussicht ein paar Lücken gelassen. ;)

Die 93 ist keiner meiner absoluten Favoriten, aber sie gefällt mir insgesamt gut und reiht sich im Londoner Mittelfeld ein.

Den ersten Satz mag ich sehr (na gut, das trifft auf fast alle Londoner Kopfsätze zu). Wie Haydn aus dem ziemlich gemütlichen Hauptthema heraus beschleunigt und Vorwärtsdrang schafft, finde ich magisch; ich muss da immer an Charles Rosens Analyse des Beginns der Merkur-Symphonie denken ("Der klassische Stil"), wo das nicht so gut klappt: Rosen bemerkt dazu, dass Haydn das bei den späteren Symphonien scheinbar mühelos gelinge. Diese hier und 91 sind für mich Musterbeispiele dafür. Interessant, dass einige von Euch gerade diese beiden Symphonien als spröde bewerten!
Gut finde ich auch die Durchführung mit ihren chromatischen kontrapunktischen Abschnitten.

Der zweite Satz mit seinem etwas melancholischen Thema gefällt mir recht gut: Sehr schön die Idee, nach dem Tutti-Schluss des ersten Satzes den zweiten kammermusikalisch-intim zu beginnen, und den Kontrast dann noch einmal mit Hilfe der Mollvariation hervorzukehren. Auch eine tolle Stelle ist das oben von Bernd angesprochene "Abbiegen" einer der Variationen nach Moll. Die Fagottstelle - na ja. :D

Das Menuett - ich werde mit den Dingern so langsam warm - ist wirklich spitze. Ich glaube, das ist sogar mein Lieblingssatz aus dieser Symphonie. Das ist Lichtjahre vom galanten Gesellschaftstanz entfernt, andauernd gegen den Strich gebürstet und kein bisschen langweilig! Eigentlich will ich den Satz gerne mal HIP hören - Wie schnell sind da die einschlägigen Spezialisten? Jochum kommt auf 4:11 Minuten.

Im Finale mag ich dann vor allem die kontrapunktischen Abschnitte; an meine liebsten Haydn-Finali kommt dieses hier aber nicht heran.

Ad Jochum: Ich habe die DG-Sammlung, allerdings die Dresdener Aufnahmen nicht. Dass mir diese Symphonie nicht spröde vorkommt, könnte (wie auch bei 91) ein Hinweis darauf sein, dass auch diese Aufnahmen gut sind, aber ich habe bei dieser Symphonie keinen Vergleich.
Dass der Kauf der Sammlung wegen der Bonus-CD mit den Berlinern lohnt, glaube ich nicht, gerade wenn man eh schon viel zu viele Haydn-Aufnahmen hat. ;) Ich werde da in den nächsten Tagen nochmal reinhören, inzwischen habe ich für 88 und 98 Klemperer zum Vergleich.
Ich meine, Alfred hat auch die Jochum-Sammlung?! Alfred, liest Du mit? :) Was ist Deine Einschätzung zu der Bonus-CD?


Gruß,
Spradow.