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ThomasBernhard

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Donnerstag, 10. März 2005, 15:16

Der "große Bogen"

Hallo, heute mal eine geradezu musikphilospísche Fragestellung:

ich möchte mich gerne über den "großen Bogen" unterhalten. Wir alle sprechen gelegentlich davon und haben natürlich eine vage Ahnung, was wir damit meinen, aber eigentlich ist die Definition des "grossen Bogens" ja fast so eine art "Tabuthema" - denn wer kann schon eine halbwegs obejktive definition abliefern und sie auch noch an konkreten Beispeilen absichern...

Was ich mit dem großen Bogen meine ist, daß ein Dirigent eine Symphonie von vorne bis hinten so durchgestaltet, daß ein großer Spannungsbogen spürbar ist. Nun, ob der wirklich so spür- oder messbar ist? Was meint Ihr? Und was beinhaltet der großen Bogen? Reine Tempogestaltung? phrasierung? Was muß man noch berücksichtigen?
Picken wir mal einen Einzelfall raus: Einige behaupten, Furtwängler sei der meister des grossen Bogens - andere sprechen ihm das ab, angesichts seiner vermeintlich geradezu willkürlichen tempogestaltung.

Wenn der große Bogen fehlt, spricht man davon, daß das Stück auseinanderzubrechen drohe... wie kann man das feststellen, wenn der grosse Bogen fehlt? Wann kann man sagen, daß sich ein Interpret in Details verliert und den großen Bogen vergisst?

Also: wie steht ihr zu dem berühmten Bogen???
Gruß, markus
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Gerrit_Stolte

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2

Donnerstag, 10. März 2005, 15:59

RE: Der "große Bogen"

Schwer zu definieren. Für mich gehören zum großen Bogen auch unendlich viele kleine Bögen :D Und da gehört dann alles dazu: Rhythmus, Dynamik, Phrasierung. Ist der Bogen nicht da, höre ich nur aneinander gereihte Noten, ohne Bezug zueinander: Der Musiker wirkt überrascht, wenn er bei der letzten Note angelagt ist - und das ist hörbar.

Ist der Bogen da, spielt der Musiker die erste Note einer Melodie mit der letzten Note im Bewusstsein: mit der richtigen Lautstärke, der richtigen Phrasierung etc - die erste Note ist ohne die letzte Note nicht denkbar.

Problematisch wird's dann halt, wenn die Relationen (Tempo, Takt, Phrasierung) vom Interpreten verändert werden. Thielemann etwa hat es in seinen frühen Aufnahmen nicht geschafft. Furtwängler schafft es: Zum Beispiel die letzten beiden Minuten von Beethoven 5 (27. Mai 1947) - das wird in dieser frenetischen Raserei nicht in der Partitur zu finden sein. Aber WF hat diese Relationen gleichmäßig verändert und deshalb ist der Bogen noch zu hören.
Gruß,
Gerrit

peet

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3

Donnerstag, 10. März 2005, 16:44

RE: Der "große Bogen"

Zitat

Original von Gerrit_Stolte
Furtwängler schafft es: Zum Beispiel die letzten beiden Minuten von Beethoven 5 (27. Mai 1947) - das wird in dieser frenetischen Raserei nicht in der Partitur zu finden sein. Aber WF hat diese Relationen gleichmäßig verändert und deshalb ist der Bogen noch zu hören.


Hallo Gerrit,

was hat denn Furtwängler da geändert?

Gruß

ThomasBernhard

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4

Donnerstag, 10. März 2005, 16:58

RE: Der "große Bogen"

Hallo Peet

Ich nehme an ein gigantisches Crescendo und Accelerando (?)

Gruß, Markus
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Gerrit_Stolte

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5

Donnerstag, 10. März 2005, 17:10

RE: Der "große Bogen"

Zitat

Original von peet

Zitat

Original von Gerrit_Stolte
Furtwängler schafft es: Zum Beispiel die letzten beiden Minuten von Beethoven 5 (27. Mai 1947) - das wird in dieser frenetischen Raserei nicht in der Partitur zu finden sein. Aber WF hat diese Relationen gleichmäßig verändert und deshalb ist der Bogen noch zu hören.


Hallo Gerrit,

was hat denn Furtwängler da geändert?

Gruß


Die Notenwerte, das Tempo. Vor der Coda scheint die Musik fast zu verharren, um dann gleichmäßig an Fahrt zu gewinnen. Die letzten Takte vor dem endgültigen Kadenz dirigiert Furtwängler schneller zumindest als Toscanini, Zinman, Gardiner, vielleicht auch Leibowitz. Ich habe es nicht gestoppt, aber diesen Eindruck macht es.
Gruß,
Gerrit

ThomasBernhard

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6

Donnerstag, 10. März 2005, 17:24

RE: Der "große Bogen"

Hallo Gerrit,

genau, habe die aufnahme jetzt auch nochmal gehört.
Aber auf diese irrwitzige temposteigerung folgen dann die schlußakkorde wieder so ergreifend erschöpft und ersterbend. faszinierend, einmalig, naja, ich weiß schon warum WF ganz oben auf meinem Dirigentenranking postiert ist.
Gruß, Markus
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peet

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7

Donnerstag, 10. März 2005, 22:47

Und was steht in der Partitur?

Gerrit_Stolte

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8

Donnerstag, 10. März 2005, 22:58

Gruß,
Gerrit

Alfred_Schmidt

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9

Sonntag, 13. März 2005, 23:32

Hallo,

Ich worde den "Großen Bogen" in der Form sehen und beschreiben, daß jemand "das große Ganze", die "Gesamtarchitektur" , die Proportionen zueinander im Auge (Ohr) hat, anstatt sich liebevoll in Details zu verzetteln, vobei ersteres zweiteres nicht unbedingt ausschließt aber selten ist.

Übertriebene Detailarbeit, sowohl an einem musikalischen Werk als auch an einem Gemälde (hier besser sichtbar für den Laien) kann dazu führen, daß der Ausführende die großen Bezüge zueinander (eben den "Großen Bogen") aus den Augen verliert.

Die Interpretation bietet dann "interessante" Detaillösuingen, lässt aber den Eindruck eines "geschlossenen Ganzen" vermissen.
Die Gefahr besteht besonders bei "Eigenwilligkeiten" des Interpreten, der vor lauter Freude darüber, daß er Teile des Werks erfolgreich "umgedeutet" hat, den Bezug zu anderen Teilen des Werke verloren hat.

Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

peet

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10

Montag, 14. März 2005, 09:54

Zitat

Original von Gerrit_Stolte
http://www.stadtbibliothek-bremen.de/


Mit anderen Worten, du hast keine Ahnung davon.

Verständnisvolle Grüße

Heinz

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11

Montag, 14. März 2005, 10:07

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Ich würde den "Großen Bogen" in der Form sehen und beschreiben, daß jemand "das große Ganze", die "Gesamtarchitektur" , die Proportionen zueinander im Auge (Ohr) hat, anstatt sich liebevoll in Details zu verzetteln, vobei ersteres zweiteres nicht unbedingt ausschließt aber selten ist.



Hallo Alfred,

genau so sehe ich das auch. Besonders auch die Bemerkung, daß die liebevolle Bemühung ums Detail bei den Große-Bogen-Interpreten häufig etwas zu kurz kommt. Wirklich zufrieden ist man (bin ich) eben doch erst, wenn beides genügend berücksichtigt wird, und nicht das Eine auf Kosten des Anderen auf der Strecke bleibt.

Nette Grüße
Heinz

12

Sonntag, 20. November 2005, 20:23

IMO steht der große Bogen in Zusammenhang mit einer Inspirationsästhetik, die ein Werk als Eingebung sieht, bei der der Komponist zu schreiben beginnt, und wie in einem Rausch von anfang bis ende alles notiert.

Vielleicht die Erzählung über Händels Messias aus Stefan Zweigs "Sternstunden der Menschheit" als Beispiel.

EIne Interpretation versucht demnach ebenfalls, das Werk in einem großen Ganzen zu sehen. Wie das vor sich geht, kann schwer beschrieben werden. Aus der Übung heraus läßt sich zum Beispiel der Überblick einer Oper herstellen. Wenn man den großen Bogen erstellen möchte, haben alle Tempi eine Relation zueinander - im Normalfall haben sie das ohnehin, aber durch den Zusammenhang entsteht eine innere (persönliche) Logik, die diese Relationen verständlich macht. dem müssen keine mathematischen Gleichungen zugrundeliegen, eher eine Gefühl für Kontrastwirkungen.

Bei Sonatenformen hat man den Vorteil der Reprisenform, daß man die gleiche Themen "wiedertrifft", und so entweder zum Anfangstempo zurückfindet.

oder - der romantische Entwicklungsgedanke - daß das Reprisenthema "etwas durchgemacht hat und verändert wird.
Wahrscheinlich ist auch dieser Gedanke wichtig, da er IMO für diese ganze (von mir gehaßte) Gesamtaufführerei zuständig ist.
Man denkt im ernst daran, daß z.B: das WTK eine kompositorische Einheit bildet und im Ganzen gespielt werden soll....
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

CRC

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Registrierungsdatum: 26. Oktober 2005

13

Sonntag, 20. November 2005, 20:44

Es gibt Aufführungen oder Aufnahmen, bei der denen der "große Bogen" fehlt, obwohl der Komponist das Werk als schlüssiges Ganzes unter eine solchen gestellt hat.

Auf der anderen Seite kann eine gute Interpretation auch einen Bogen spannen, den der Komponist so gar nicht intendiert hat. Beispiele sind eben das Wohltemperierte Klavier oder extremer noch: die Kunst der Fuge.
Wenn alles stimmt: Ernsthaftigkeit, Kongenialität des Spiels, Schlüssigkeit, Inspiration - dann kann der nachschöpfende Interpret solche Zyklen unter einen "großen Bogen" stellen indem er einfach neugierig macht auf das Kommende, indem er die Spannung hält oder anders ausgedrückt: indem er die Seele des Hörers erreicht.

Es gibt also "große Bögen", die es nachzubilden gilt, weil der Komponist sie wollte, und es gibt solche, die der Interpret erzeugen kann.

Der Lackmustest ist einfach der: Ich, der Hörer, will, dass es weitergeht! Die Musik soll einfach nicht aufhören!
"Muss es sein? - Es muss sein!" Grave man non troppo tratto.

14

Sonntag, 20. November 2005, 21:25

Zitat

Es gibt Aufführungen oder Aufnahmen, bei der denen der "große Bogen" fehlt, obwohl der Komponist das Werk als schlüssiges Ganzes unter eine solchen gestellt hat.



Bitte!!!! hier fehlt es doch sehr an Details!

Welcher Komponist? Welches Werk?
Wo ist die Beweisführung von seiten des Komponisten?


Zitat

Der Lackmustest ist einfach der: Ich, der Hörer, will, dass es weitergeht! Die Musik soll einfach nicht aufhören!



wie geht dieser Test? - heißt das, du als Hörer weißt besser, wie die Musik weitergehen soll???
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

15

Sonntag, 20. November 2005, 21:50

Vielleicht als Nachtrag: die Inspirationsästhetik hat mit der Romantik zu tun; als Reaktion auf die vorangegangene Epoche mit kunstvollen langen (Sonatensatz) Formen und komplizerteren Kompositionsstrukturen folgten einfache und kleine Liedformen und im Moment erfundene Stücke (impromptu). Wichtig daran war der Einfall, die Inspiration eines Themas, das andere folgte quasi von selbst.

Anders ausgedrückt - der Weg von einer bewußten Kompositionsweise zur eher unbewußten. Infolgedessen wurden die Künstler als Genies angesehen, denen die Inspiration zuteil wurde - das kompositorische Handwerk bekam einen üblen Beigeschmack.

Durch den Vergleich mit früheren Schöpfungen entstand der Wunsch, Größeres zu schaffen - leider nur durch die Länge eines Werks.
Das führte zur IMO äußerst unglücklichen Entwicklung der Romantischen Symphonie mit den bis zur Schmerzgrenze ausufernden Sätzen.

Kann irgendjemand behaupten, daß Mozart keine 80 minütige Symphonie hätte komponieren können?
Oder daß eine Bruckner Symphonie aufgrund ihrer Länge bedeutender wäre?

zusätzlich noch das zweifelhafte Vorbild Beethovens - wie hätten die Mendelssohn Symphonien ausgesehen ohne die 9.

Und erst bei diesen Monsterwerken taucht regelmäßig die Fragestellung auf, welcher Dirigent die Spannung halten könne...

den großen Bogen bei Werksammlungen und Zyklen zu verspüren, halte ich für eine unbeweisbare Einbildung...


"die Seele des Hörers Erreichen" ist für mich ein indiskutabler Begriff! - glaubst du im Ernst, der Interpret tut etwas aktiv, im Bewußtsein, damit die Seele eines Hörers zu erreichen...
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
(frei nach Marcus Porcius Cato Censorius)

CRC

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Registrierungsdatum: 26. Oktober 2005

16

Montag, 21. November 2005, 10:05

Hallo Tastenwolf!

"Beweisführung von seiten des Komponisten" klingt mir so dramatisch.

Ich gehe einfach davon aus, dass ein Komponist z.B. eine Sinfonie als Ganzes sieht, was m.E. zwangsläufig auf besagten "großen Bogen" hinausläuft.
Ich habe (leider) einige Aufnahmen in meinem CD-Regal, auf denen die Interpreten den Notentext zwar einigermaßen richtig buchstabieren, aber für mein Empfinden keine schlüssige Einheit daraus herstellen können.
Ich gebe gerne zu, dass dieser Ansatz subjektiv ist, und vermute einmal stark, dass eine rein objektive Beschreibung der Kritereien für einen "großen Bogen" kaum möglich sein dürfte. Letzendlich muss der Rezipient diesen "großen Bogen" empfinden. Die subjektive Komponente ist also immanent.

Natürlich weiß ich nicht, wie die Musik weitergehen soll. Wenn allerdings Werk und Interpretation mich neugierig machen auf das Kommende, ist das für mich eine wesentlicher Hinweis auf das Vorhandensein eines solchen Bogens.

Du siehst das Problem m.E. eher wissenschaftstheoretisch. Mein Ansatz ist pragmatisch und - wie gesagt - durchaus subjektiv. Insofern gebe ich mich auch gerne der "Einbildung" eines Spannungsbogens bei Werksammlungen und Zyklen hin. Wenn ein Interpret es schafft, diese "Einbildung" in mir zu erzeugen, spricht das m.E. nur für ihn.

Mich erstaunt, dass du meine Formulierung" die Seele des Hörers erreichen" ablehnst. Warum diese Scheu?
"Muss es sein? - Es muss sein!" Grave man non troppo tratto.

17

Mittwoch, 23. November 2005, 01:02

Hallo C3PO (sorry CRC, konnte nicht widerstehen :P)


darf ich ein bißchen präzisieren - "Beweisführung von seiten des Komponisten und Interpreten"

dramatisch?
ein Unterschied zwischen einer 15 minütigen Symphonie und einer einstündigen ist klar?
daß es hier um eine andere Kombinations bzw. Gedächtnisleistung in bezug auf die Tempogestaltung handelt...
woher weiß man denn nach 10 Minuten -- während des Musizierens - mit welchem Tempo man angefangen hat???

Daß sich seit Einführung der Sonatenform auf dem Gebiet unheimliches verändert hat - warum hat ein Herr Beethoven plötzlich irgendwelche Codas angehängt, die Mozart nicht gebraucht hat?
Es hat sich hier ein Formgefühl verändert - das muß auch bedeuten, daß die Teile in einer anderen Relation zueinander stehen.
Es ging offensichtlich weniger um die Proportionen der Abschnitte, sondern um "Einfälle", die die "offizielle Ordnung" verdrängten.

Also - die subjektive Gestaltung gewann an Bedeutung.

Zusätzlich wurde das Problem des subjektiven Tempos erst geschaffen - die alte Musik -. Bewegung hat darauf hingewiesen, wie klar die Tempi früher eingeteilt war - es bestand ein Wissen über "das richtige Tempo"...

das andere habe ich schon erwähnt - die subjektive Komponierweise- die Inspiration, die wichtiger wird als jede Verarbeitung, als das Handwerk.


vorläufiges Schlußwort:
der große Bogen ist IMO eine Bezeichnung für das Empfinden von Relationen innerhalb einer Interpretation.

oder anders gesagt:
ein Komponist (meist des 19.Jh, auch Beethoven) erstellt eine subjektive Ordnung
ein Interpret erzeugt subjektive Temporelationen, um das Werk als Ganzes zu "sehen"
ein Hörer empfindet jene Relationen subjektiv als großen Bogen

Natürlich bin ich bereit, ein Phänomen, daß von mehreren Menschen wahrgenommen werden kann, zu diskutieren - wir könnten anschließend auch von UFOs sprechen ;)
Aber es ist unendlich schwer belegbar...

Außerdem gabs da doch irgendeine Aussage von Glenn Gould - er habe bei seiner 2.Aufnahme der Goldbergvariationen nach Temporelationen gesucht...

Abgesehen davon, daß man die Richtigkeit seiner Tempi auch in frage stellen darf,
es ist nicht die einzige oder die richtige Lösung...wer weiß, was Bach gedacht hat...
UND: was beweist, daß auch bei anderen Werken (nicht das WTK, sondern z.B: Suiten = Werke mit thematischem Zusammenhang) solche Relationen bestehen - und wie sie anzuwenden wären...

Schließlich geht es in der Romantik (z.B: Bruckner) um intuitive Findung des großen Bogens - nicht um Mathematik...



:O Blamage
ok, ich habe deinen letzten Beitrag nur überflogen - die Subjektivität gibst du ja zu...

Zitat

Wenn ein Interpret es schafft, diese "Einbildung" in mir zu erzeugen

das ist eine ausgezeichnete Formulierung...

die Scheu, deswegen, weil diese Verbindung zwischen Spieler und Hörer etwas ist, was ich zwar mittlerweise ganz gut herstellen kann, aber ich "weiß" nicht, wie - es ist keine kontrollierbare Leistung.

Schließlich kommt es sehr auf die Offenheit des "Empfängers" an, auf die Bereitschaft, etwas anzunehmen...
Ich habe sehr oft die Angst, man kontrolliert mich bloß während des Konzerts und teilt mich in irgendeinen Karteikasten ein...(rationale Wahrnehmung einer Irrationalen Botschaft geht ja schwer...)

Würde mich freuen, wenn sich weiteres in dem Thread ergibt
Im übrigen bin ich der Ansicht, dass gepostete Bilder Namen des Fotografen, der dargestellten Personen sowie eine genaue Angabe des Orts enthalten sollten.
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Uwe Schoof

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18

Dienstag, 28. Februar 2017, 19:04

Ja, die Ausgestaltung des großen Bogens scheint ein wesentlicher Aspekt dafür zu sein, ob ein Stück spannend oder langweilig wirkt bzw. ob und wie es in seiner Gesamtheit erfasst wird. Ich sehe es wie Alfred: "Übertriebene Detailarbeit, sowohl an einem musikalischen Werk als auch an einem Gemälde (hier besser sichtbar für den Laien) kann dazu führen, daß der Ausführende die großen Bezüge zueinander (eben den "Großen Bogen") aus den Augen verliert." Selbstverständlich ist es möglich, im Kleinen zu faszinieren, sei es durch überbetontes Spiel, durch technische Rafinessen, durch Betonungen oder sonstwie, aber letztendlich wird dies meist nur von kurzer Dauer sein und das Gefühl des Gesamtzusammenhangs in Gefahr bringen. Alfred Hitchcock, der Filmregisseur und Meister der Spannung, hat stets betont, dass das Einzelne immer dem Gesamten dienen muss, aber dennoch immens wichtig ist, kann man den Zuschauer mit Kleinigkeiten doch emotional gut beeinflussen und lenken.

Ich möchte diesen Abstecher in den Film nutzen, um ein gelungenes Beispiel für das Zusammenspiel von Einzelnem und Gesamtheit zu erwähnen. Im Film "Die Vögel" lernt Mitch Melanie kennen; beide möchten sich näherkommen. Gefühlte 20 Minuten sind keine bedrohlichen Vögel gemäß dem Titel zu sehen, alles ist nett, die Geschichte der beiden Liebenden schreitet locker voran. Dann kam Hitchcock, wie er später schreibt, auf die Idee, mal einen aggressiven Vogel zu präsentieren, damit der Zuschauer auch bestätigt wird, das er im richtigen Film ist und ohne Ablenkung dem Geschehen folgen kann. Es ist schönes Wetter, Mitch hilft Melanie aus dem Boot. Dann kommt, aus besagtem Grund, eine Möwe vom Himmel und pickt ihr auf den Kopf, sodass Melanie blutet. Der Vogel verschwindet wieder; insgesamt eine Szene von Sekunden. Die anwesenden Leute schütteln verwundert die Köpfe, aber schon geht die Geschichte der Liebenden weiter, alles ist vergessen. Fast. Was zweifellos bleibt, ist eine Steigerung des Erregungszustands, der Emotion. Man beginnt zu fühlen, dass da noch was mit den Vögeln kommt. Kurzum: Die kurze gut gedrehte Szene ist für sich genommen allerdings fast eine Lapalie und bindet die Aufmerksamkeit der Zuschauer nicht mehr lange auf sich. Sie dient allerdings dazu, die emotionale Ergriffenheit weiter nach vorne zu bringen.

Wieder zur Musik: Gerrit Stolte hat gut beschrieben, dass der große Bogen aus vielen kleinen besteht und es darum geht, Bezüge zueinander herzustellen: "Für mich gehören zum großen Bogen auch unendlich viele kleine Bögen :D Und da gehört dann alles dazu: Rhythmus, Dynamik, Phrasierung. Ist der Bogen nicht da, höre ich nur aneinander gereihte Noten, ohne Bezug zueinander...Ist der Bogen da, spielt der Musiker die erste Note einer Melodie mit der letzten Note im Bewusstsein: mit der richtigen Lautstärke, der richtigen Phrasierung etc - die erste Note ist ohne die letzte Note nicht denkbar." Genauso sehe ich das auch.

Aber was kann der Dirigent / der Interpret tun, um einen Spannungsbogen herzustellen und zu halten? Wie kann er die Herstellung von Bezügen zwischen musikalischen Bausteinen in dem Werk angemessener Weise kreieren? Wie kann er beim Geflecht kleinerer und größerer Bögen einerseits jede Einheit für sich ausarbeiten, aber gleichzeitig in den Dienst des übergeordneten Gesamten stellen? Es wurden bereits einige technische Parameter genannt, aber ich glaube, dass besonders kleine Nuancen, kaum bemerkbare und messbare Dinge, die in der Partitur nicht ersichtlich sind, ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Interpretation spielen können. Gefragt sind hier einerseit bestimmt die Persönlichkeit der Interpreten und der Fähigkeit zu "erzählen", andererseits muss das das unter Verwendung von psychologischen "Tricks" aber auch gelernt und eingeübt werden. Insofern glaube ich, dass es nicht reicht, ein technisch absolut versierter Dirigent zu sein, wenn man nicht gleichzeitig auch ein gerissener Geschichtenerzähler ist und etwas zaubern kann.

Uwe
Ich bin ein Konservativer, ich erhalte den Fortschritt. (Arnold Schönberg)

Dr. Holger Kaletha

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19

Mittwoch, 1. März 2017, 11:19

Gerrit Stolte hat gut beschrieben, dass der große Bogen aus vielen kleinen besteht und es darum geht, Bezüge zueinander herzustellen: "Für mich gehören zum großen Bogen auch unendlich viele kleine Bögen :D Und da gehört dann alles dazu: Rhythmus, Dynamik, Phrasierung. Ist der Bogen nicht da, höre ich nur aneinander gereihte Noten, ohne Bezug zueinander...Ist der Bogen da, spielt der Musiker die erste Note einer Melodie mit der letzten Note im Bewusstsein: mit der richtigen Lautstärke, der richtigen Phrasierung etc - die erste Note ist ohne die letzte Note nicht denkbar." Genauso sehe ich das auch.
... das klingt wie eine Paraphrase der Worte von Sergui Celibidache, der sagte, Tempo und Dynamik seien dann richtig, wenn der Anfang im Ende präsent ist. :)

Schöne Grüße
Holger

Uwe Schoof

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20

Samstag, 4. März 2017, 12:54

Das klingt sehr schön. Ich habe es gerne, wenn ich in Kunstwerken das Gefühl einer "abgerundeten" Geschlossenheit habe und die einzelnen Teile der Festigkeit des Gesamten dienen.

Uwe
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