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Guercoeur

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Beiträge: 1 845

Registrierungsdatum: 20. Februar 2005

1

Mittwoch, 12. Dezember 2007, 23:45

Arnold Schönbergs größter Erfolg - Die 'Gurrelieder'

Arnold Schönberg (1874-1951):
Gurrelieder - Oratorium in 3 Teilen 1900-11 (UA 1913)

für Sopran, Mezzosopran, 2 Tenöre, Baß, Sprecher, 3 vierstimmige Männerchöre, achtstimmigen gemischten Chor und großes Orchester





Uraufführungen

Uraufführung des I. Teils (in einer Bearbeitung für 2 Klaviere zu 8 Händen):
Ehrbar-Saal in Wien am 14. Januar 1910
Waldemar - Hans Nachod, Tenor; Tove - Martha Winternitz-Dorda, Sopran;
Etta Werndorf, Arnold Winternitz, Anton von Webern, Rudolf Weinrich, Klavier

Uraufführung der dreiteiligen Gesamtfassung:
Großer Musikvereinssaal, Wien; Sonntag, 23. Februar 1913

Waldemar - Hans Nachod, Tenor; Tove - Martha Winternitz-Dorda, Sopran; Waldtaube - Marya Freund, Alt; Klaus-Narr - Alfred Boruttau, Tenor; Bauer - Alexander Nosalewicz, Baß; Ferdinand Gregori, Sprecher;
Wiener Philharmonischer Chor, Wiener Kaufmännischer Gesangverein;
Wiener Tonkünstler-Orchester;
Leitung: Franz Schreker




Großer Musikvereinssaal in Wien, am Sonntagabend des 23. Februar 1913 um halb acht Uhr.

Vor der Uraufführung des Oratoriums 'Gurrelieder' des vom Großteil des Publikums als "Bürgerschreck" verschmähten Arnold Schönberg herrscht eine gespannte Atmosphäre. Immer wieder hatten Aufführungen der Werke des Komponisten in den vergangenen Jahren tumultartige Szenen und Skandale provoziert, so z. B. die Uraufführung seines 2. Streichquartetts (1907/08). Der Schöpfer der frühen symphonischen Dichtungen, Lieder und Kammermusik spätromantischer Prägung hatte sich konsequent - und von der ablehnenden Reaktion der zeitgenössischen Zuhörerschaft unbeeindruckt - zum eigensinnigen "Neutöner" entwickelt. Ein ebensolches eindrucksvolles Beispiel für seine tiefgreifende Radikalität hatte der Vater der 'Zweiten Wiener Schule' 1912 mit dem Melodram 'Pierrot Lunaire', opus 21 vorgelegt.

In Erwartung eines weiteren provozierenden "Events", das man nicht gewillt war, unkommentiert über sich ergehen zu lassen, hatte sich zur Uraufführung der 'Gurrelieder' unter die zahlreichen Zuhörer eine ganze Reihe von potentiellen Störenfrieden gemischt:

In hundert Augen lauert schon die Schadenfreude: heute wird man's ihm wieder einmal zeigen, ob er sich's wirklich erlauben darf, zu komponieren wie er will und nicht wie die anderen es ihm vorgemacht haben. Es kam jedoch gänzlich anders.
Das jubelnde Rufen, das schon nach dem ersten Teil losbrach, stieg zum Tumult nach dem dritten, ... Und als dann der machtvoll aufbrausende Sonnenaufgangsgruß des Chors vorüber war, ... kannte das Jauchzen keine Grenze mehr; mit tränennassen Gesichtern wurde dem Tondichter ein Dank entgegengerufen, der wärmer und eindringlicher klang, als es sonst bei einem "Erfolg" zu sein pflegt: er klang wie eine Abbitte.
Ein paar junge Leute, die ich nicht kannte, kamen mit schamglühenden Wangen und gestanden mir: sie hätten Hausschlüssel mitgebracht, um zu Schönbergs Musik die ihnen angemessen erscheinende hinzuzufügen, und nun seien sie so ganz zu ihm bezwungen worden, daß sie nun nichts mehr von ihm abbringen könne.

Nicht nur die Publikumsreaktionen, sondern auch die durchweg positiven Zeitungsberichte deuteten bereits an, daß dieses Uraufführungskonzert als einer der größten Erfolge des Komponisten in die Rezeptionsgeschichte der Schönbergschen Werke eingehen sollte.

Wie kam es aber nun dazu, daß ein derart publikumsfreundliches, im Schönklang der Spätromantik schwelgendes, opulent besetztes und umfangreiches Opus in einer Zeit präsentiert wurde, in der Schönberg längst die Grenzen der Tonalität hinter sich gelassen hatte? -
Wie sich im Folgenden zeigen wird, hatte sich der Komponist keinesfalls zum Romantiker zurückentwickelt, um sich einem konservativen Publikum anzubiedern, sondern es kam 1913 zur längst überfälligen Aufführung eines Werkes, dessen Komposition zwar lange vollendet worden war, deren Orchestrierung sich jedoch (mit Unterbrechungen) etwa zehn Jahre hingezogen hatte.


Autor und Text

Jens Peter Jacobsen (1847-1885)




Gurresange (Gurrelieder) aus der Sammlung: En cactus springer ud (Ein Kaktus blüht) - Novelle 1869/70 (1886 erschienen)

Deutsche Übersetzung: Robert Franz Arnold (1872-1938) (eigentlich: Levisohn)
Übersetzung 1897 entstanden und 1899 erschienen.

Der von Schönberg vertonte Text stammt aus der Feder des dänischen Botanikers und Dichters Jens Peter Jacobsen (1847-1885). Der überzeugte Darwinist war um die Jahrhundertwende ein vielgelesener, populärer Romanautor.
Die Versfolge 'Gurresange' hat Jacobsen mit weiteren, in impressionistischem Stil gehaltenen Jugendgedichten zu einer Novelle mit Rahmenhandlung zusammengefügt: In 'En cactus springer ud' ('Ein Kaktus blüht') vertreiben fünf junge Männer sich selbst sowie ihrem Gastgeber nebst Tochter die Zeit durch das Vortragen eigener Werke (darunter 'Gurresange'), während man auf das Aufblühen eines seltenen Kaktus wartet.

Der Inhalt der 'Gurresange'-Gedichte gründet sich auf den im 19. Jahrhundert sehr beliebten und in etlichen Fassungen überlieferten mittelalterlichen Sagenstoff (I. Teil) um die heimliche Liebe des dänischen Königs Valdemar (oder auch Volmer) IV. Atterdag zu dem schönen Mädchen Tovelille (kleine Taube) auf Schloß Gurre am Esrom-See (nördlich von Kopenhagen). Zum Ende des I. Teils verkündet die Stimme der Waldtaube den Tod Toves durch die rasend eifersüchtige Königin Helwig.
Der sehr kurz gehaltene II. Teil enthält eine wilde Gottes-Anklage Waldemars, in der er - verzweifelt über den Verlust der Geliebten - unverhohlen die allzu menschlichen Züge des tyrannischen Herrschers verurteilt.
Die im III. Teil geschilderte 'Wilde Jagd', nach der König Waldemar und seine Mannen dazu verdammt sind, als unerlöste Tote rastlos durch die Nacht zu reiten, entstammt einem eigenen Sagenkreis und wurde erst später mit der 'Gurre'-Legende verknüpft.
Mit Einführung der Figuren des abergläubischen Bauern und des Klaus-Narr erfährt die Geschichte, insbesondere bezüglich allzu naiver, irdisch-menschlicher Vorstellungen von Gott, Himmel, Sünde, Strafe und Erlösung eine ironische Brechung.
Der das Werk beschließende Abschnitt 'Des Sommerwindes wilde Jagd' beschreibt die im Tages- und Jahresrhythmus stets wiederkehrende Auferstehung der Natur. Und vor allem in der anschaulichen Schilderung der Pflanzen, der Tiere, des Windes und schließlich der aufgehenden Sonne zeigt sich überaus deutlich die exakte Beobachtungsgabe Jacobsens, des studierten Botanikers und Naturwissenschaftlers, der jedoch darüber hinaus von den zeitgenössischen spekulativen Theorien über das Seelenleben der Pflanzen beeinflußt war.
Und somit findet die Handlung des Werkes nicht wie bei Wagner im Liebestod ihr Ende, sondern - versinnbildlicht im strahlenden Aufgang der Sonne - in einer hymnischen Verklärung der allumfassenden Natur.
Im vorletzten Gesang des III. Teils spricht Waldemar die Vorstellung von der beseelten Natur aus. Tove und die Natur sind eins geworden:


Mit Toves Stimme flüstert der Wald,

mit Toves Augen schaut der See,

mit Toves Lächeln leuchten die Sterne ...



Entstehung

Schönberg lernte Jacobsens Gedichte in der Übersetzung des Wiener Philologen Robert Franz Arnold (1872-1938) kennen, die 1897 entstand und 1899 im Druck erschien.
Auf die Ausschreibung eines Komponistenwettbewerbes des Wiener Tonkünstler-Vereins hin begann Schönberg vom Jahre 1900 an, einige Gedichte als Liederzyklus für Gesang und Klavier zu vertonen. Weil er jedoch den Liedern wegen ihrer Neuartigkeit keine großen Erfolgschancen bei dem Wettbewerb einräumte, reichte er diese nicht ein, sondern verwendete sie als Grundlage zur Schaffung eines großen, dreiteiligen Oratoriums für Solisten, Chöre und Orchester, wobei die Komposition bereits 1901 vollendet wurde, die Umarbeitung und aufwändige Instrumentierung sich aber - verursacht durch längere Unterbrechungen - bis 1911 hinzog.


Besetzung

Soli:
Singstimmen: Sopran, Mezzosopran, 2 Tenöre, Baß; Sprechstimme: 1 Sprecher (Melodram)
Rollen: Waldemar - Tenor; Tove - Sopran; Waldtaube - Mezzosopran; Bauer - Baß; Klaus-Narr - Tenor

Chöre:
3 vierstimmige Männerchöre, 1 achtstimmiger gemischter Chor

Orchester:

Holzbläser: 4 Piccoloflöten, 4 Flöten, 3 Oboen, 2 Englischhörner, 3 Klarinetten in A oder B, 2 Klarinetten in Es, 2 Baßklarinetten, 3 Fagotte, 2 Kontrafagotte

Blechbläser: 10 Hörner, 6 Trompeten, 1 Baßtrompete, 1 Altposaune, 4 Tenorposaunen, 1 Baßposaune, 1 Kontrabaßposaune, 1 Kontrabaßtuba

Schlagzeug: 6 Pauken, Große Rührtrommel, Becken, Triangel, Glockenspiel, kleine Trommel, große Trommel, Xylophon, Ratschen, Tamtam, einige große eiserne Ketten

4 Harfen, Celesta

ca. 80 Streicher: Violinen I - zehnfach geteilt, Violinen II - zehnfach geteilt, Bratschen - achtfach geteilt, Celli - achtfach geteilt (sämtlich in mehrfacher Besetzung), Kontrabässe


Aufführungsdauer: ca. 1:50:00


Aufbau

I. Teil
Orchestervorspiel (Mäßig bewegt)
1. Waldemar: Nun dämpft die Dämm'rung jeden Ton von Meer und Land
2. Tove: Oh, wenn des Mondes Strahlen leise gleiten, und Friede sich und Ruh durchs All verbreiten
3. Waldemar: Roß! Mein Roß! Was schleichst du so träg! Nein, ich seh's es flieht der Weg hurtig unter der Hufe Tritten.
4. Tove: Sterne jubeln, das Meer, es leuchtet, preßt an die Küste sein pochendes Herz
5. Waldemar: So tanzen die Engel vor Gottes Thron nicht, wie die Welt nun tanzt vor mir.
6. Tove: Nun sag ich dir zum ersten Mal: "König Volmer, ich liebe dich!"
7. Waldemar: Es ist Mitternachtszeit, und unsel'ge Geschlechter stehn auf aus vergess'nen, eingesunknen Gräbern
8. Tove: Du sendest mir einen Liebesblick und senkst das Auge, doch der Blick preßt deine Hand in meine
9. Waldemar: Du wunderliche Tove! So reich durch dich nun bin ich, daß nicht einmal mehr ein Wunsch mir eigen.
Orchesterzwischenspiel (Ein wenig bewegter)
10. Stimme der Waldtaube: Tauben von Gurre! Sorge quält mich, vom Weg über die Insel her! Kommet! Lauschet!

II. Teil
11. Waldemar: Herrgott, weißt du, was du tatest, als klein Tove mir verstarb?

III. Teil: Die wilde Jagd
12. Waldemar: Erwacht, König Waldemars Mannen wert! Schnallt an die Lende das rostige Schwert
13. Bauer: Deckel des Sarges klappert und klappt, schwer kommt's her durch die Nacht getrabt.
14. Waldemars Mannen: Gegrüßt, o König, an Gurresees Strand! Nun jagen wir über das Inselland. Holla!
15. Waldemar: Mit Toves Stimme flüstert der Wald, mit Toves Augen schaut der See
16. Klaus-Narr: "Ein seltsamer Vogel ist so 'n Aal, im Wasser lebt er meist, kommt doch bei Mondschein dann und wann ..."
17. Waldemar: Du strenger Richter droben, du lachst meiner Schmerzen, doch dereinst beim Auferstehn des Gebeins
18. Waldemars Mannen: Der Hahn erhebt den Kopf zur Kraht, hat den Tag schon im Schnabel
Des Sommerwindes wilde Jagd
Orchestervorspiel (Langsam)
19. Melodram - Sprecher: Herr Gänsefuß, Frau Gänsekraut, nun duckt euch nur geschwind
20. Gemischter Chor: Seht die Sonne, farbenfroh am Himmelssaum, östlich grüßt ihr Morgentraum!


Die Komposition

"Verschwenderische Melodienvielfalt", "ausdrucksgesättigte Tonsprache", "romantischer Überschwang", "weit gespannte, expressive Melodiebögen", "hymnisch prachtvolle Klänge", "Riesenbesetzung", "differenzierteste Orchestrierung", "Wagner-Nachfolge", . . . - diese oder ähnliche Schlagworte begegnen dem Leser von Konzertkritiken, Einführungstexten und Werkbesprechungen bei dem Versuch, prägnante Charakterisierungen zu Schönbergs bedeutendem Oratorium zu formulieren. Attribute, die bereits einen sehr treffenden Einblick in die Klangwelt der 'Gurrelieder' vermitteln und die darüber hinaus die so ungemein große Begeisterung des Publikums während und nach der Uraufführung sowie nach zeitgenössischen konzertanten Darbietungen des Werkes nachvollziehbar macht.

In der Tat schöpft der zu Beginn der Komposition (im Jahre 1900) 26-jährige Schönberg in jeder Hinsicht aus dem Vollen. Die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vorherrschende Neigung zum Gigantismus offenbart sich bei den 'Gurreliedern' bereits im Hinblick auf das immense vokale wie instrumentale Aufgebot an Mitwirkenden. Ähnlich wie in Gustav Mahlers VIII., der sogenannten "Symphonie der Tausend" (1906/07) oder Havergal Brians I., der "Gothic Symphony" (1919-27), verlangt der Komponist der 'Gurrelieder' einen riesigen Aufführungsapparat von fünf Gesangssolisten, einem Sprecher sowie die erst im III. Teil hinzutretenden Chöre - bestehend aus drei, jeweils vierstimmigen, Männerchören und einem großen, achtstimmigen gemischten Chor. Und auch der instrumentale Aufwand ist, wie obige Orchesterauflistung zeigt, außergewöhnlich umfangreich und vielfältig. (Das Orchester soll eine Anzahl von mindestens 150 Musikern umfassen!)
Allerdings erliegt der noch junge Komponist in keiner Weise der Versuchung, angesichts solcher Möglichkeiten ungehinderter Klangentfaltung, eine ausschließlich auf äußerliche Effekte zielende, lärmig-bombastische Geräuschkulisse zu produzieren, sondern er erweitert das Wagnersche Orchester zwar einerseits zur heftigen Klangmassierung an bestimmten Punkten der Komposition (vor allem im III. Teil), reichert es aber vielmehr an, um feinste und differenzierteste Klangbilder von betörender Schönheit zu gestalten. Eine hoch entwickelte Kunst der Nuancierung also, die auch Schönbergs berühmte Komponistenkollegen zeitgleich zur Entstehung der 'Gurrelieder' entwarfen, z. B. das so überaus fein und raffiniert eingesetzte und in nur allen erdenklichen Farben schillernde und funkelnde Orchester eines Alexander von Zemlinsky in 'Die Seejungfrau' (1903), eines Franz Schreker in seinem ersten großen Bühnenerfolg 'Der ferne Klang' (1901-10) oder des 14-jährigen Erich Wolfgang Korngold in der 'Sinfonietta' von 1911/12.

Jedoch nicht nur bezüglich der Besetzung zeigt sich die ungeheure Fülle an Mitteln, derer sich Schönberg bedient - auch hinsichtlich der Wahl der Gattung offenbart sich bei genauerer Betrachtung ein vielseitiges Bild. So gibt der Komponist seinem großen, noch in spätromantischer Tradition stehenden Werk eine heterogene Form - gestaltet es aus Elementen eines Liederzyklus, eines Oratoriums, eines Musikdramas sowie eines Melodrams.

Stilistisch geht Schönberg in seinen 'Gurreliedern' von Richard Wagner aus. Die Prinzipien einer "schwebenden Tonalität" neben der fortschreitenden "Emanzipation der Dissonanz" sind ebenso präsent wie die Verwendung von Leit- und Erinnerungsmotiven, welche in abgewandelter Form und in immer neuen Kombinationen das ganze Werk durchziehen. Die dramaturgische Weiterentwicklung dieser musikalischen Themen und Motive beruht hingegen auf dem auf Johannes Brahms zurückgehende Prinzip der "entwickelnden Variation".
Eine 100 Seiten starke thematische und harmonische Analyse legt Alban Berg 1912 in dem ein Jahr später von der Universal-Edition verlegten 'Gurrelieder-Führer' vor, in dem er anhand von 129 Notenbeispielen das über die gesamte Komposition gesponnene, dicht gewebte Netz an thematischen Beziehungen, melodischen wie harmonischen Verknüpfungen offenlegt.

Wie bereits erwähnt, gliedert sich Schönbergs Oratorium in drei in sich geschlossene Teile, die jedoch durch Themen der Vorahnung (I. Teil) bzw. Erinnerung (III. Teil) miteinander verbunden sind. Die das Werk umrahmenden Naturbilder des Sonnenuntergangs zu Beginn und des Sonnenaufgangs am Ende sind auch musikalisch miteinander verklammert, vor allem durch den in unterschiedlichen Ausprägungen erklingenden Quintsextakkord, der eines der wichtigsten kompositorischen Elemente der 'Gurrelieder' bildet.


I. Teil
An den Beginn des I. Teils ist ein etwa siebenminütiges Vorspiel in Es-dur gesetzt, welches in seinen hoch differenzierten und wunderbar delikaten Orchesterklängen, die friedlich-beschauliche Atmosphäre eines Sonnenuntergangs schildert.
Bei der sich unmittelbar anschließenden Folge von neun Liedern handelt es sich um einander stetig abwechselnde Gesänge zwischen Tenor (Waldemar) und Sopran (Tove) - eine Reihung lyrischer Monologe, wie sie sich z. B. in Gustav Mahlers 'Lied von der Erde' (1907/08) oder Alexander von Zemlinskys 'Lyrischer Symphonie' (1922) findet, d. h. die beiden Solostimmen vereinen sich an keiner Stelle der Komposition zu einem Zwiegesang oder gar zu Ensembleszenen. Allerdings geht Schönberg in der Gestaltung seines Werkes mit der auch in diesem Punkt an Wagner erinnernden durchkomponierten Form über Mahlers Konzeption hinaus, indem er die einzelnen Lieder mithilfe von motivischen Verflechtungen sowie durch Überleitungen bzw. Zwischenspiele des Orchesters miteinander verbindet und diese somit zu einer weit gespannten Form zusammenfaßt.

Die paarweise angelegten Gesänge von Waldemar und Tove sind jeweils einem bestimmten Ausdrucksgehalt verpflichtet. Die ersten beiden, die Naturstimmungen der Dämmerung und der Nacht beschwörenden Lieder, sind in noch gänzlich kontemplativer Stimmung des Vorspiels gehalten. Dem entgegengesetzt, sind die ersten großen stürmischen Ausbrüche leidenschaftlicher Gefühle in den Gesängen III und IV, die Waldemars und Toves Vorfreude und erregte Erwartung auf die bevorstehende Begegnung widerspiegeln. Nach den beiden folgenden, vom Glück der Liebe handelnden Liedern (V und VI) schlägt die Stimmung in Nr. VII plötzlich in eine düstere Atmosphäre um. Waldemars "Es ist Mitternachtszeit ..." ist als - das Unheil vorausahnende - Todesvision bereits geprägt von den Motiven des Gespensterzuges aus dem III. Teil. Der letzte Gesang Toves (Nr. VIII) steht, mit der Idee der Verschränkung von verbotener Liebe und Todessehnsucht, ganz in der Tradition von Wagners 'Tristan und Isolde' (Tove: "So laß uns die goldene Schale leeren ihm, dem mächtig verschönenden Tod: Denn wir gehn zu Grab wie ein Lächeln, ersterbend im seligen Kuß!"). Nach einer nochmaligen Erwiderung Waldemars im IX. Gesang wird die Folge der lyrischen Monologe durch Toves Ermordung unterbrochen. Die schreckliche Tat erfährt der Hörer jedoch zunächst nicht aus dem Text, sondern mithilfe des Orchesters; denn der anschließende orchestrale Abschnitt hat nicht nur die Funktion eines die Gesänge verbindenden Zwischenspiels, sondern er erzählt die Geschichte, die die Worte verschweigen, eigenständig weiter. Die stetig gesteigerte Erregung gipfelt schließlich in einem gewaltigen Tutti-Schlag des Orchesters (in Takt 950), welcher dem Hörer den grausamen Angriff der rachesüchtigen Königin Helwig plastisch vor Ohren führt. In denkbar größtem Kontrast dazu erhebt sich unmittelbar anschließend die Stimme eines einsamen Englischhorns in fahlem, gebrochenem Tonfall. Die Waldtaube berichtet in ihrem Klagelied von Toves Tod und Waldemars Trauerzug. Ihr Gesang sowie der sie begleitende Orchesterpart steigern sich von kammermusikalischer Schlichtheit zum opernhaft dramatischen Höhepunkt und wirkungsvollen Abschluß des I. Teils.

An dieser Stelle ist für Aufführungen des Oratoriums eine Pause vorgesehen.

II. Teil
Im nur aus einer einzigen wilden Gottesanklage König Waldemars bestehenden II. Teil beherrschen vorrangig Trauer, Verzweiflung und Wut die Stimmung des etwa fünfminütigen Stücks. Aus einem zunächst zaghaft tappenden Trauermarsch zu Beginn entwickelt sich die Gangart über einen nobel dahinschreitenden Duktus (Waldemar: "Herrgott, ich bin auch ein Herrscher") hin zu einem unerbittlich vorwärtstreibenden Marsch-Rhythmus am Ende. Auch hier - wie im I. Teil - eine Vorausdeutung auf die im III. Teil von Waldemar selbst angeführte 'wilde Jagd'.

III. Teil
Der III. und letzte Teil der 'Gurrelieder' erscheint durch die von Schönberg verwendeten verschiedenen Gattungselemente (Lieder, Chöre, Opernattitüde, Melodram), die kontrastreichen Stimmungen (Schauerromantik, Ironie, Wiedererweckungsjubel) sowie die neu hinzukommenden Figuren (abergläubischer Bauer, skurriler Klaus-Narr, Sprecher als distanzierter Beobachter) als der heterogenste des Werks. In der Länge in etwa dem I. Teil zu vergleichen, unterscheidet er sich jedoch in vielen anderen Punkten radikal von diesem:
Ist der I. nach dem Muster eines symphonischen Zyklus von Orchesterliedern gestaltet, so nimmt der III. die Form einer dramatischen Kantate an.
Auch bezüglich der Orchesterbehandlung bestehen gravierende Unterschiede, als Schönberg im I. Teil - von Wagner ausgehend - das ihm zur Verfügung stehende gewaltige Instrumentarium als Palette für Farbmischungen verwendet und im Gegensatz dazu im III. die Instrumente öfter solistisch einsetzt und mit anderen Soloinstrumenten zu neuartigen Klangkombinationen in Verbindung bringt, also eine Entmischung der Farbpalette anstrebt.

Der III. Teil, mit der Überschrift 'Die wilde Jagd', steht - bis auf den verklärten Schluß - gänzlich im Zeichen einer seit Webers 'Freischütz' in die Musik eingegangenen Schauerromantik. Der Tonschöpfer zeigt auch an dieser Stelle eine exzellente Begabung für wirkungsvolle Effekte neben einer perfekten Beherrschung der kompositorischen Mittel. Der Beginn der düsteren Szene steht in der nächtlichen bzw. Todestonart es-moll und bildet in dieser Hinsicht den größt möglichen Kontrast zum strahlenden Chorfinale in der Sonnen- und Lichttonart C-dur. Die schaurig-gespenstische Atmosphäre des mitternächtlichen Schauplatzes wechselt mit wuchtig wilden Passagen der als unerlöste Tote durch die Luft dahin brausenden Mannen Waldemars. In diesem Abschnitt scheut Schönberg einerseits nicht den Einsatz von plakativeren Mitteln z. B. mit der Verwendung von klirrenden großen Eisenketten zur Untermalung der Gruselstimmung (ähnlich wie Richard Strauss in seiner 'Alpensymphonie' Wind- und Donnermaschine zur naturalistischen Darstellung von Sturm und Gewitter heranzieht), andererseits werden die mächtigen Chormassen in drei jeweils vierstimmige Gruppen gegliedert und deren Stimmen höchst kunstvoll polyphon in Kanontechnik geführt und verweisen damit auf den alten musikalischen Topos von Jagd - Flucht - Fuge.
Die in die Passagen der wilden Jagd und der immer wieder aufflammenden Klagegesänge Waldemars über den Verlust seiner Geliebten Tove eingefügten Abschnitte des abergläubischen Bauern, der sich vor dem Geisterspuk zu verbergen sucht sowie des einen skurrilen Humor anschlagenden grotesken Liedes des Klaus-Narr erhalten die Funktion, die jeweilige pathetische Atmosphäre der Trauer oder des Unheils ironisch kommentierend zu brechen.
Ein letzter Mannen-Gesang, der teils vom Orchester kammermusikalisch begleitet wird bzw. teils sogar a cappella erklingt, verflüchtigt sich kurz vor Anbruch des neuen Tages. An der Stelle, an welcher sich die Auflösung des Spuks vollzieht, verleiht Schönberg den Stimmen der nicht zur Ruhe kommenden Seelen einen wahrlich geisterhaften Klangcharakter, indem er die Tenöre in höchsten Lagen im Falsett singen läßt sowie die Bässe in tiefsten Regionen: "O, könnten in Frieden wir schlafen!"
Auch die Tönung im Orchester verdunkelt sich bis ins Schwarze (durch die Verwendung sehr tiefer Holz- und Blechbläser).

Der nach einer kurzen Pause einsetzende, letzte Abschnitt 'Des Sommerwindes wilde Jagd' beginnt in seinem Orchestervorspiel demgegenüber in den höchsten Regionen der Holzbläser. Beim Hören dieser ungewöhnlichen Klänge, die wie ein feines Lispeln und Wispern erscheinen, stellen sich Assoziationen eines zunächst leicht wehenden, durch Gräser und Pflanzen streichenden Windes ein.
Der am weitesten in die Zukunft vorausweisende Teil der 'Gurrelieder' stellt das unmittelbar anschließende Melodram dar, welches eine Schilderung der wiedererwachenden Natur am frühen Morgen enthält. Der Dichter und Botaniker selbst liegt am Gurresee und beobachtet die sich allmählich regenden Tiere, die sich öffnenden Blüten der Blumen unter seinem Vergrößerungsglas.
Als Vorbild für die von Schönberg übernommene Neuerung des Sprechgesangs darf wohl Engelbert Humperdincks Melodram 'Königskinder' (in der 1. Fassung von 1897) gelten. Danach ist neben dem Rhythmus auch die Tonhöhe der Sprechstimme durch eine eigene Notenschrift genau vorgegeben. Auch in späteren Werken greift der Komponist das Sprechen bzw. den Sprechgesang zu einer instrumentalen Begleitung - jedoch in ausdifferenzierterer Weise - immer wieder auf, z. B. in 'Pierrot Lunaire' (1912) oder 'Ein Überlebender aus Warschau' (1947).
Die letzte Passage des Sprechers, mit den Worten "Erwacht, erwacht, ihr Blumen zur Wonne!", mündet nahtlos in den gewaltigen, achtstimmigen Schlußchor. Das Nachtstück 'Gurrelieder' endet in einer hymnischen Begrüßung der aufgehenden, lebensspenden Sonne in C-dur, dem wohl strahlendsten und überwältigendsten Sonnenaufgang, der je komponiert wurde.


Seht die Sonne,

farbenfroh am Himmelssaum,

östlich grüßt ihr Morgentraum!

Lächelnd kommt sie aufgestiegen

aus den Fluten der Nacht,

läßt von lichter Stirne fliegen

Strahlenlockenpracht!



Einspielungen

Die folgende, nach Aufnahmedatum geordnete Auflistung enthält sämtliche (bis heute 18) auf Tonträger erschienenen Gesamteinspielungen der 'Gurrelieder'.

Die erste komplette Aufnahme des Werks entstand im Jahre 1932 mit dem Philadelphia Orchestra unter Leitung von Leopold Stokowski:

Waldemar - Paul Althouse, Tenor; Tove - Jeanette Vreeland, Sopran; Waldtaube - Rose Bampton, Mezzosopran; Klaus-Narr - Robert Bette, Tenor; Bauer - Abrasha Robofsky, Baß; Benjamin de Loache, Sprecher;
Princeton Glee Club, Fortnightly Club, Mendelssohn Club, Eight part mixed chorus;
Philadelphia Orchestra, Leopold Stokowski
Aufnahme: Live, Philadelphia, 04/1932, mono
Labels: RCA Victor / EMI / Pearl



Richard Lewis, Ethel Semser, Nell Tangeman, Ferry Gruber, John Riley, Morris Gesell;
Chorus & Orchestra of the New Symphony Society Paris, René Leibowitz
Aufnahme: Paris, 10/1953, mono
Labels: Haydn Society / Nixa / Erato / Vox / Lys / Preiser



Herbert Schachtschneider, Inge Borkh, Hertha Töpper, Lorenz Fehenberger, Kieth Engen, Hans Herbert Fiedler;
Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Rafael Kubelik
Aufnahme: München, 03/1965, stereo
Label: Deutsche Grammophon



Alexander Young, Martina Arroyo, Janet Baker, Niels Møller, Odd Wolstad, Julius Patzak;
Danish State Radio Chorus, Danish Radio Symphony & Concert Orchestras, János Ferencsik
Aufnahme: Kopenhagen, 03/1968, stereo
Label: EMI



Arturo Sergi, Gundula Janowitz, Christa Ludwig, Murray Dickie, Herbert Lackner, Eva Pilz;
Chor der Wiener Singakademie, Wiener Schubertbund, Chorus Viennensis, Wiener Symphoniker, Josef Krips
Aufnahme: Live, Wien, 06/1969, stereo
Label: Arkadia



Jess Thomas, Marita Napier, Yvonne Minton, Kenneth Bowen, Siegmund Nimsgern, Günter Reich;
BBC Singers, BBC Choral Society, Goldsmith's Choral Union, Gentlemen of the London Philharmonic Choir,
BBC Symphony Orchestra, Pierre Boulez
Aufnahme: London, 11 & 12/1974, stereo
Labels: Columbia / CBS / Sony Classical



James McCracken, Jessye Norman, Tatiana Troyanos, Kim Scown, David Arnold, Werner Klemperer;
Tanglewood Festival Chorus, Boston Symphony Orchestra, Seiji Ozawa
Aufnahme: Live, Boston, 03 & 04/1979, stereo
Labels: Philips / Aquarius



Siegfried Jerusalem, Susan Dunn, Brigitte Fassbaender, Peter Haage, Hermann Becht, Hans Hotter;
Chor der St. Hedwigs-Kathedrale Berlin, Städtischer Musikverein zu Düsseldorf,
Radio-Symphonie-Orchester Berlin, Riccardo Chailly
Aufnahme: Berlin, 05 & 06/1985, stereo, DDD
Label: Decca



Manfred Jung, Eva-Maria Bundschuh, Rosemarie Lang, Wolf Appel, Ulrich Cold, Gert Westphal;
Rundfunkchor Berlin, Rundfunkchor Leipzig, Prager Männerchor,
Dresdner Philharmonie, Mitglieder des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Leipzig, Herbert Kegel
Aufnahme: Dresden, 08/1986, stereo, DDD
Labels: Eterna / Berlin Classics / Edel Classics



Paul Frey, Elizabeth Connell, Jard van Nes, Volker Vogel, Walton Grönroos, Hans Franzen;
Chor des NDR Hamburg, Chor des Bayerischen Rundfunks, Opernchor der Städtischen Bühnen Frankfurt a. M.,
Radio-Sinfonie-Orchester Frankfurt, Eliahu Inbal
Aufnahme: Frankfurt a. M., 05/1990, stereo, DDD
Labels: Denon / Brilliant Classics



Gary Lakes, Eva Marton, Florence Quivar, Jon Garrison, John Cheek, Hans Hotter;
New York Choral Artists, New York Philharmonic Orchestra, Zubin Mehta
Aufnahme: New York, 05/1991, stereo, DDD
Label: Sony Classical



Siegfried Jerusalem, Sharon Sweet, Marjana Lipovšek, Philip Langridge, Hartmut Welker, Barbara Sukowa;
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Arnold Schönberg Chor, Slowakischer Philharmonischer Chor Bratislawa,
Wiener Philharmoniker, Claudio Abbado
Aufnahme: Live, Wien, 05/1992, stereo, DDD
Label: Deutsche Grammophon



Thomas Moser, Deborah Voigt, Jennifer Larmore, Kenneth Riegel, Bernd Weikl, Klaus Maria Brandauer;
Chor der Sächsischen Staatsoper Dresden, Chor des Mitteldeutschen Rundfunks Leipzig, Prager Männerchor,
Staatskapelle Dresden, Giuseppe Sinopoli
Aufnahme: Live, Dresden, 08/1995, stereo, DDD
Label: Teldec



Ben Heppner, Deborah Voigt, Waltraud Meier, Matthew Polenzani, Eike Wilm Schulte, Ernst Haefliger;
Philharmonischer Chor München, Herrenchor der Bamberger Symphoniker, Münchner Philharmoniker, James Levine
Aufnahme: Live, München, 07/2001, stereo, DDD
Label: Oehms Classics



Thomas Moser, Karita Mattila, Anne Sofie von Otter, Philip Langridge, Thomas Quasthoff, Thomas Quasthoff;
Rundfunkchor Berlin, MDR Rundfunkchor Leipzig, Männerstimmen des Ernst-Senff-Chors Berlin,
Berliner Philharmoniker, Simon Rattle
Aufnahme: Live, Berlin, 09/2001, stereo, DDD
Label: EMI Classics



Stephen O'Mara, Melanie Diener, Jennifer Lane, Martyn Hill, David Wilson-Johnson, Ernst Haefliger;
Simon Joly Chorale, Philharmonia Orchestra London, Robert Craft
Aufnahme: London, 10/2001, stereo, DDD
Labels: Koch International Classics / Naxos



Robert Dean Smith, Melanie Diener, Yvonne Naef, Gerhard Siegel, Ralf Lukas, Andreas Schmidt;
Chor des Bayerischen Rundfunks, MDR Rundfunkchor Leipzig,
SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Michael Gielen
Aufnahme: Freiburg i. Br. / Frankfurt a. M., 10/2006, stereo, DDD, Multichannel
Label: Hänssler Classic



Stig Andersen, Soile Isokoski, Monica Groop, Andreas Conrad, Ralf Lukas, Barbara Sukowa;
Philharmonia Voices, City of Birmingham Symphony Chorus,
Philharmonia Orchestra London, Esa-Pekka Salonen
Aufnahme: Live, London, 02/2009, stereo, DDD, Multichannel
Label: Signum



Schöne Grüße
Johannes

Jacques Rideamus

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2

Donnerstag, 13. Dezember 2007, 07:33

RE: Die 'Gurrelieder'

Lieber Johannes,

ich bin absolut geplättet und begeistert. Diese hervorragend recherchierte und geschriebene Darstellung der GURRELIEDER wird dem Werk in jeder Hinsicht gerecht - auch im Aufwand.

Da bleibt mir nur ein mattes :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel: etc.

Seit ich mir in den 60ern die LP-Box der Kubelik-Aufnahme zugelegt hatte, gehört das Lied der Waldtaube zu meinen absoluten Favoriten. Vielleicht die erschütterndste Klage, die bis dahin in Töne gesetzt wurde. Als ich sie damals einem Kreis von Freunden vorspielte, mit denen ich von Zeit zu Zeit Musik hörte (damals entdeckte ich auch Mahler, konnte ihn aber, im Gegensatz zu diesem Werk, noch nicht schätzen), flossen selbst bei nicht so leicht gerührten Männern die Tränen. Seither ist die Aufnahme mein Maßstab für das Werk, an den Inbal, den ich mal günstig gebraucht erhaschte, lange nicht heran reicht.

Andere Aufnahmen kenne ich noch nicht, weil ich mich seither, wie wohl aus meinen sonstigen Beiträgen ersichtlich, vom Monumentalen weg bewegt habe. Dein Artikel reizt mich aber, mich wieder mal mit dem Werk zu befassen, und deshalb bin ich sehr gespannt darauf, welche Aufnahme(n) Du bevorzugst, und auf die Vorlieben der anderen Taminos natürlich auch.

Vielen Dank und beste :hello: Rideamus
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audiamus

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3

Donnerstag, 13. Dezember 2007, 10:33

Lieber Guercoeur,

ich schließe mich den Worten meines Vorredners an. Ein beeindruckender Artikel über einen monumentalen Monolithen, den man leider selten in einem Konzerthaus gesetzt sieht, habe Dank.

Ich selbst besitze die Aufnahme aus Boston unter Ozawa (mit dem flirrenden und äußerst passenden Munch drauf).
Die, abgesehen vom Dirigenten, durchwegs amerikanische Crew lässt kaum Wünsche offen, stört man sich nicht an McCrackens wenig gravierendem, aber unüberhörbarem Akzent und seinem recht baritonalen Timbre.
Jessye Normans gewaltigen Sopran assoziiert man vielleicht nicht gerade mit einem taubengleichen Mädchen, doch ich finde sie, wie so oft, grandios.
Sehr eindringlich und mit großem Gestus unterstreicht Tatiana Troyanos die bedrohliche Musik der Waldbewohnerin.
Interessant vielleicht: Die Rolle des Sprechers übernimmt Otto Klemperers Sohn Werner, welcher sich nach der Emigration in die Vereinigten Staaten als Schauspieler einen Namen machte. Einem breiteren deutschen Fernsehpublikum ist er - ausgerechnet - als trotteliger Lagerkommandant Oberst Klink in der Serie Hogan’s Heroes (Ein Käfig voller Helden) bekannt.

Leider fehlen auch mir die Vergleichsmöglichkeiten, was dieses Werk betrifft, ich konnte allerdings bisher mit dem opulenten, gleichwohl nie außer Kontrolle geratenden und gut durchhörbaren Dirigat Ozawas gut leben.
Die Klangtechnik ist trotz des Alters der Einspielung und der Nachteile einer Live-Aufzeichnung hervorragend.


Es gibt im Übrigen eine Bearbeitung des Werkes für, man sollt’s nicht meinen, Violoncello und Klavier des Duo Sarasate, welche sich wohl am Klavierauszug Alban Bergs orientiert und bildnerisch begleitet wird von einem Zyklus aus 28 Farbradierungen des Künstlers Ernst v. Hopffgarten.











Gruß,


audiamus

"Oh, das schmeckt gut. Danke!" - Johannes Brahms' letzte Worte

Fairy Queen

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4

Donnerstag, 13. Dezember 2007, 11:34

Lieber Guercoeur, das ist ein wahrhaft enzyklopädie-würdiger und ganz und gar bewundernswürdiger Beitrag. :jubel: :jubel: :jubel:
Ich gestehe zu meiner Schande, dieses Werk nicht zu kennen und habe natürlich auch keine Aufnahme davon. :untertauch:
Was ist für Einsteiger (ich bin bis dato ausser Pierrot Lunaire innerlich noch nicht zu Schönberg vorgedrungen, komme mit Alban Berg viel besser zurecht) die beste Möglcihkeit, sich damit vertraut zu machen? Bei 2 Stunden Dauer ist bei mir recht oft schon eine Schmerzgrenze erreicht, wenn es sich um schwere und schwierige Musik handelt.
Gleich alles auf einmal oder erstmal die Highlights zum Eingewöhnen ? Wenn ja in welcher Einspielung?


Fairy Queen
Leben zeugt Leben, Energie erschafft Energie. Man wird reich , indem man sich verschwendet. (Sarah Bernardt)

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5

Donnerstag, 13. Dezember 2007, 11:52

Hallo liebe Fairy Queen,

ich empfehle Dir wärmstens das Gurren des Herrn Rattle: Hör doch mal kurz bei jpc in den 3. Track: DAS ist die Stimmung des ganzen Werkes, wunderbar gesungen durch Frau von Otter.

Ja, lieber Guercoeur, chapeau! Welch eine Arbeit! Vielen Dank. Es ist eine Wonne, solche grosszügigen „reichen“ Menschen auf dem Forum zu haben!

Gurrende Grüsse von

Walter
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Guercoeur

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6

Donnerstag, 13. Dezember 2007, 20:59

Hallo Gurrelieder-Begeisterte und die es werden wollen,

ganz lieben Dank für Eure herzlichen Rückmeldungen zu meinem 'Gurrelieder'-Beitrag. Da mich das Werk, seit ich es in den 80-er Jahren sehr schnell in mein Herz geschlossen habe, nach den vielen Jahren noch immer überwältigt wie am ersten Tag, war es mir natürlich eine Herzensangelegenheit, diesen neuen Thread zu starten, da es bei 'Tamino' noch keinen gab.

Kennengelernt habe ich das Oratorium in der Boulez-Aufnahme (damals noch auf LP). Zwar kamen im Lauf der Jahre noch fünf weitere, aus meiner Sicht mehr oder weniger gelungene, hinzu (Ozawa, Chailly, Inbal, Abbado, Sinopoli), zurückgekehrt bin ich jedoch immer wieder zu Boulez, teilweise vielleicht aus Gewöhnung, teils weil sie meiner Vorstellung einer idealen Interpretation am nächsten kommt.
Eines der wichtigsten Kriterien ist mir dabei stets die Wahl des richtigen Tempos, wobei mir in dieser Hinsicht ein sehr langsam und sehr breit dahinströmender, den ausladenden Charakter des Werks betonender Grundduktus vorschwebt - ein Interpretationsansatz, den ich in gleicher Weise bezüglich Pfitzners Eichendorff-Kantate 'Von deutscher Seele' favorisiere.

Außerdem halte ich bei dem so üppig besetzten Klangapparat der 'Gurrelieder' eine höchst brillante Klangqualität für unerläßlich, um die vielen orchestralen Einzelheiten der Partitur in all ihrem Detailreichtum hörbar zu machen.

Bezüglich der Solisten wird wohl jeder Hörer wieder nach den eigenen Präferenzen auswählen, welche Zusammenstellung an Stimmen ihm am meisten zusagt und welche eher nicht. Letztendlich wird es einem "wählerischen" Hörer - derer es in diesem Forum sicher viele gibt - wohl kaum gelingen, eine einzige Einspielung zu finden, die - gerade bei einem solch groß besetzten Werk wie den 'Gurreliedern', die eigenen Idealvorstellungen in allen Punkten erfüllt. Für mich heißt die Devise in dieser Hinsicht, zu versuchen, den bestmöglichen Kompromiß zu finden, was die Sache nicht viel einfacher macht. :wacky: :D


Hallo Rideamus,

Zitat

Original von Rideamus
Dein Artikel reizt mich aber, mich wieder mal mit dem Werk zu befassen, und deshalb bin ich sehr gespannt darauf, welche Aufnahme(n) Du bevorzugst ...


wenn meine Abhandlung dazu beitrüge, Dein Interesse an dem Werk erneut zu wecken, würde mich das sehr freuen. Natürlich ist es in vielerlei Hinsicht eines der monumentalsten der Musikgeschichte, allerdings enthält es ja - wie Du bereits ausgeführt hast - etliche sehr innige und zutiefst berührende Stellen in geradezu kammermusikalisch gestalteten Passagen.

Leider kenne ich die von Dir favorisierte Kubelik-Einspielung nicht, so daß ich dazu kaum etwas sagen kann. Allerdings ist mir, als ich die Auflistung der Covers zusammengestellt habe, aufgefallen, daß es sich bei Kubelik um die (mit 98 Minuten) am schnellsten dirigierte Interpretation des Werkes handelt, was mich beim Lesen der Dauer etwas zusammenzucken ließ, da mir gehetzte Tempi bei diesem (im Durchschnitt mit 110 bis 115 Minuten bemessenen) Stück ein gewisses Unbehagen bereiten. Auch die Chailly-Aufnahme, die ich mir gerade eben seit langem wieder zu Gemüte geführt habe, geht leider in diese Richtung.
Aber, wie oben bereits erwähnt, sind mehrere Komponenten wichtig, um Vorlieben und Abneigungen einer Aufnahme gegenüber zu empfinden, so daß die von mir befürchtete Hektik im Blick auf sämtliche "Zutaten" vielleicht gar nicht so stark ins Gewicht fällt.

Was Einspielungsempfehlungen angeht, bin ich, wie gesagt, von der Boulez-Aufnahme stark vorgeprägt. Werde mich aber in den nächsten Tagen / Wochen durch die anderen in meinem Besitz befindlichen Interpretationen durchhören und noch mal genauer darauf eingehen.


Hallo audiamus,

Zitat

Original von audiamus
Die Klangtechnik ist trotz des Alters der Einspielung und der Nachteile einer Live-Aufzeichnung hervorragend.


Da ich die Ozawa-Aufnahme seit bestimmt über 15 Jahren nicht mehr angehört habe, sind meine Erinnerungen daran nicht mehr allzu frisch. Allerdings weiß ich noch, daß mich damals die dumpfe Akustik (sprich: Live-Bedingungen) und die damit verbundene nicht sonderlich brillante Klangqualität ziemlich abgeschreckt haben, auch wenn Frau Norman sicher traumhaft interpretiert. Werde mir die Einspielung aber bald einmal wieder zu Gemüte führen und meinen damaligen Höreindruck überprüfen.

Zitat

Original von audiamus
Es gibt im Übrigen eine Bearbeitung des Werkes für, man sollt's nicht meinen, Violoncello und Klavier des Duo Sarasate ...


Sachen gibt's. Sicher eine herrliche Kuriosität. :D


Hallo Fairy Queen,

Zitat

Original von Fairy Queen
Was ist für Einsteiger (ich bin bis dato ausser Pierrot Lunaire innerlich noch nicht zu Schönberg vorgedrungen, komme mit Alban Berg viel besser zurecht) die beste Möglcihkeit, sich damit vertraut zu machen? Bei 2 Stunden Dauer ist bei mir recht oft schon eine Schmerzgrenze erreicht, wenn es sich um schwere und schwierige Musk handelt.
Gleich alles auf einmal oder erstmal die Highlights zum Eingewöhnen ?


Ich bin mir ziemlich sicher, daß Dir der frühe Schönberg der 'Gurrelieder' keine ernsthaften Probleme bereiten wird, da er sich hier in noch gänzlich tonalen und spät- / nachromantischen Gefilden bewegt und somit bei Hörern großen Anklang gefunden hat und findet, die ansonsten mit dem späteren (atonalen bzw. zwölftönigen) Schönberg wenig bis gar nichts anfangen können. Ich würde also raten: Hinein ins warme Wasser, und alles gleich auf einmal durchhören. :yes:


Hallo Walter,

Zitat

Original von Walter Heggendorn
ich empfehle Dir wärmstens das Gurren des Herrn Rattle


auch Dir vielen Dank für Deine herzlichen Worte. :]
Die Rattle-Einspielung kenne ich leider auch noch nicht, steht aber ziemlich weit oben auf meiner Wunschliste.

Herzliche Grüße
Johannes
:hello:

Elisabeth

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7

Donnerstag, 13. Dezember 2007, 21:15

Lieber Johannes,

auch von mir ganz herzlichen Dank für diesen informativen und aufschlußreichen thread. Und aus eigener Hörerfahrung: die Rattle-Aufnahme solltest Du Dir unbedingt zulegen.

Meine erste Begegnung mit den Gurreliedern war Zufall - auf einer längeren Autofahrt im Radio. Die Ansage hatte ich nicht gehört, von der Musik war ich auf Anhieb begeistert - und dann sehr überrascht, zu hören, dass das Schönberg war (typischer Fall von Vorurteil).

:hello:

Elisabeth

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8

Freitag, 14. Dezember 2007, 02:18

Hallo Elisabeth,

muß wohl was dran sein an der Rattle-Aufnahme. Vielen Dank auch an Dich für die nochmalige Bestätigung!
Und das mit dem unvoreingenommenen Musikhören kann ich aus eigener Erfahrung nur empfehlen. Bei den monatlichen Treffen zum Musikhören mit zwei Freunden wird das jeweilige Werk zunächst ohne einen Hinweis, um welchen Komponisten oder welches Stück es sich handelt, angespielt und der / die anderen versuchen einzuordnen, von welchem Komponisten oder zumindest aus welcher Zeit / aus welchem Land es stammen könnte. Ein anregendes Spielchen, das uns seit vielen Jahren immer wieder großen Spaß bereitet. :]

:hello:
Johannes

9

Mittwoch, 12. März 2008, 23:30

Gurrelieder mit Brandauer

Hallo Johannes,

du hast ja einen Beitrag zu den Gurreliedern geschrieben, der alle Rekorde an Vielseitigkeit und Anspruch überbietet. Herzlichen Glückwunsch dazu.

Ich kenne und liebe die Gurrelieder seit langem, aber merkwürdigerweise hatte ich kaum ein Interesse, sie mir als CD anzuhören. Vielleicht wäre eine DVD für mich geeigneter.

Dein Beitrag weckt eine Erinnerung an ein schönes Konzert bei mir. Ende der 1980er Jahre eine Aufführung des Werkes durch das Orchestre Philharmonique de Liège mit dem Dirigenten Günter Neuhold und mit Klaus Maria Brandauer als Sprecher für den Schlussteil.

Innerhalb der ersten fünf oder sechs Takte erreichten die Musiker eine wunderbare Balance der Klangabmischung in dieser so reich besetzten Partitur und behielten sie dann bis zum Schluss bei. Schade, dass damals keine Fernsehaufzeichnung gemacht wurde.
Liebe Grüße!

Ralf

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10

Donnerstag, 13. März 2008, 04:17

Live oder Tonträger?

Hallo Ralf,

vielen Dank für die lobenden Worte. :O

Zitat

Original von Kulturvermittler
Ich kenne und liebe die Gurrelieder seit langem, aber merkwürdigerweise hatte ich kaum ein Interesse, sie mir als CD anzuhören.

Zwar würde ich niemals auf die rein akustische Begegnung mit dem Ausnahmewerk am heimischen Plattenaltar verzichten wollen, trotzdem kann ich Deine Bevorzugung des ganzheitlichen Live-Erlebnisses im Konzertsaal sehr gut nachvollziehen.

Das erste Kennenlernen der 'Gurrelieder' vollzog sich bei mir, wie oben beschrieben, mithilfe der Boulez-Einspielung, die damals (Mitte der 80-er Jahre) eine der ganz wenigen greifbaren Aufnahmen war, wobei ich mit dieser Art der Begegnung mit dem Stück zunächst vollends zufrieden war.

Das erste von mir besuchte 'Gurrelieder'-Konzert - 1988 mit dem ECYO unter Claudio Abbado in der Alten Oper Ffm. - war aber (trotz Barbara Sukowa als Sprecherin) ein noch viel überwältigenderes und wahrhaft unvergeßliches Erlebnis. :]
Seit diesem Zeitpunkt wurden mir die Dimensionen des Werkes erst so richtig bewußt sowie die Schwierigkeit von Seiten der Aufnahmetechnik, einerseits die Feinheiten der differenzierten Farbpalette und andererseits die mächtigen Klänge des riesigen Klangapparats einzufangen und für den Hörer vor der heimischen Stereoanlage erfahrbar zu machen. Denn bei den meisten Einspielungen gewinnt man den Eindruck, als handle es sich bei Chor und Orchester der 'Gurrelieder' um eine "normal große" spätromantische (Wagner-) Besetzung. Selbst bei der nun schon mehrfach erwähnten Boulez-Aufnahme bemerkte ich, als ich mir nach einigen Jahren zusätzlich zur LP die CD-Version zulegte, eine Verkleinerung d. h. Beschneidung des Klangbildes gegenüber der, die Größe und Weite sehr viel besser abbildenden, LP-Ausgabe.
Meine volle Zustimmung also: Speziell bei den 'Gurreliedern' ist der Live-Eindruck sehr viel intensiver als der vom Tonträger kommende, rein akustische.

Zitat

Original von Kulturvermittler
Vielleicht wäre eine DVD für mich geeigneter.

Diesbezüglich kann ich Dir leider wenig Hoffnung machen. Von den Aufführungen Abbados im August 1988 ist diejenige aus Berlin (dort sogar mit Jessye Norman als Tove, anstelle von Rosalind Plowright in Frankfurt) zwar für das ZDF mitgeschnitten worden - der vollständige Fernsehmitschnitt, dem eine elfminütige Werkeinführung vorangestellt war und auch damals gesendet wurde, ist aber meines Wissens (zumindest derzeit) weder auf VHS noch auf DVD erhältlich. Ob noch weitere Film- / Fernseh-Aufnahmen von 'Gurrelieder'-Aufführungen existieren, ist mir leider nicht bekannt.

So müssen wir uns einstweilen mit den verfügbaren CD-Produktionen begnügen sowie auf möglichst baldige Aufführungen hoffen.

LG
Johannes

11

Mittwoch, 26. März 2008, 11:38

Lieber Johannes,

eine gewaltige Einführung in ein gewaltiges Werk, das ich nur dem Namen nach kannte. Ganz lieben Dank für Deine so gehaltvolle Ausarbeitung: Deine vielen schönen - farbigen und bildhaften - Schilderungen der Eindrücke, die für Dich von dieser Musik ausgehen, ließen mir das Wasser im Munde zusammenlaufen und die Ohren in Vorfreude klingen. Gerne bin ich also Walters Empfehlung gefolgt und habe mir Rattles Einspielung besorgt.

Und ich muss schon sagen: Mein lieber Schwan!!! Das hatte ich nicht erwartet. Da habe ich mich also bislang mehr oder minder erfolgreich um eine detaillierte Auseinandersetzung mit Wagners Musik herumdrücken können, und dann trifft mich mit einem Schlag eine derart massive Wagneriana ... :baeh01: pardon, Musik mit einer gelegentlich gelinde an ein entfernt wagnerisches Idiom gemahnenden Tonsprache. Da flirrt in lichtesten Reflexen und schönsten Streichertremoli das Rauschen im Walde, da lugen immer wieder Motive um die Ecke, die so oder ähnlich - das allenthalben sich teppichartig ausbreitende klangmalerische Handwerkszeug ohnehin - man meint, bei Wagner schon gehört zu haben.

Und dann: Wenn das ein kammermusikalischer Ansatz ist - was Rattle selbst und auch die Rezensenten ausdrücklich betonen -, will ich einen großorchestralen Ansatz lieber erst gar nicht hören. :untertauch: Ganz ehrlich: diese Chor-/Instrumenten-/Klangmassen haben mich erst erschlagen und danach :D fast ratlos zurückgelassen. Die Kritik lobt diese Rattle-Einspielung als klangtechnisch besonders gelungen - ich will es mal glauben und annehmen, dass besonders viel von den Klangmassen besonders durchsichtig dort zu hören ist. Tatsächlich dürfte sich dieses Werk aber - ähnlich wie zum Beispiel Mahlers Achte - jeder Klangkonservierung entziehen. Offenbar um Rattles kammermusikalischen Ansatz zu betonen, meinte ein Kritiker zu dieser Aufnahme tatsächlich lobend, Thomas Moser habe hier ja fast gar nicht schreien müssen - na herzlichen Glückwunsch!

Wahrhaft heiß war mein Bemühen, als ich nach erstem zweimaligen Hören Deine Ausführungen zur Hand nahm und die Musik mit dieser Handreichung durchging - großen Dank noch einmal für diese Möglichkeit. Vieles habe ich damit besser verstanden. Trotzdem: Den Zugang zu dieser Musik habe ich im Großen und Ganzen nicht gefunden. Ich freue mich indes, dass so viele hier von einer so warmherzigen Beziehung zu diesem musikalischen Monument zu berichten wissen. Für mich kann ich dies nur für die letzten Abschnitte des dritten Teils sagen, die mir nahe gehen. Offenbar sind dies die Stellen, die Schönberg zunächst nicht hatte instrumentieren können und deren Instrumentierung er nach langen Jahren und vielen anderweitigen Erfahrungen und persönlichen Entwicklungen nachgetragen hatte. Besonders schätze ich den zweiten Chor von Woldemorts/Waldemars Mannen - 18. Der Hahn erhebt den Kopf zu Kraht - und das Melodram - 19. - einschließlich seines Vorspiels.

Zur Zeit kann ich dieses Werk nur als historisch interessantes Kind seiner Zeit - darauf hast Du ja schon hingewiesen - ansehen, musikalisch genießen kann ich es nicht. Eine gargantuesque Gigantomanie wird mir immer unverständlich und suspekt sein. Wenigstens vermeidet Schönberg in seine Gurreliedern, was zu vermeiden Mahler in seiner Achten - der einzigen seiner Sinfonien, die ich nicht besonders mag - nicht immer gelingen mag: eine Satire, ein bizarres Zerrbild ihrer selbst zu sein.

Ich werde dran bleiben an diesem Stück - es könnte tatsächlich eines sein, das für meine Rezeptionsstruktur nur für die öffentliche Aufführung und nicht für die Konserve geeignet ist - obwohl: diese jammervollen Volksmassen dann auch noch mit ansehen zu müssen, das könnte mir den Rest geben. Immerhin führt dies meinen Grundansatz ad absurdum, ich müsse ein Stück nur oft genug hören, um es dann wenigstens ein bisschen zu mögen.

Vielleicht noch ein paar Worte zur Aufnahme selbst: soweit man diese Klangmassen hörbar, womöglich gar durchhörbar machen kann, scheint dies Rattle und seiner Klangtechnik tatsächlich gelungen zu sein - großes Lob. Karita Mattila und Thomas Moser scheinen geradezu idealtypische Besetzungen für ihre Partien zu sein, sie voll ausfüllend. Thomas Quasthoff bringt einen charakteristischen Bauern und ein ganz herausragendes Melodram - letzteres könnte ich mir besser nicht vorstellen. Anne Sofie von Otters Waldtaube ist ergreifend, mit ihrer dramatischen Gestaltung dieser Rolle scheint sie jedoch der Charakteristik ihrer Stimme nicht Rechnung zu tragen und wirkt streckenweise überfordert, gelegentlich gepresst. Den vorgenannten ist durchweg gute, den Männerstimmen sehr gute bis ganz außerordentliche Textverständlichkeit zu bescheinigen. Für Philip Langridge gilt dies nicht - eine dermaßen unidiomatische Aussprache ist heute dankenswerter Weise selten zu ertragen. Sollte es bei der Besetzung ausschließlich darum gegangen sein, das satirisch-skurrile der Rolle des Klaus-Narr zu untermalen, ist dies vollauf und auch in der stimmlichen Gestaltung gelungen. Und die Chöre, das Orchester? Sie produzieren sehr schön die Klangmassen. So weit man individualisierbares hört: sehr gut. Die Tempi: Nicht hetzend, nicht schnell.

Liebe Grüße, Ulrich

Gurnemanz

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Donnerstag, 27. März 2008, 13:15

Gurre-Lieder, 1. Teil: Rattle und Kegel

Den Danksagungen meiner Vorredner schließe ich mich gern an: Eine grandiose Einführung, lieber Johannes! Und das in ein Werk, das auch mir viel bedeutet (im Unterschied zu Ulrich fühle ich mich in den "Klangmassen" wie zuhause); da ich gerade dabei bin, zwei Einspielungen (Rattle 2001 und Kegel 1986) im Vergleich zu hören, hier ein paar Eindrücke, zunächst nur den 1. Teil betreffend.

Rattles Orchester (die Berliner Philhamoniker) wirkt auf mich wie ein "Klangkörper", der ein großes Gemälde mit dicken Pinselstrichen und satten Farben voller Sinnlichkeit entwirft, voller Klangschönheit und Homogenität, wie aus einem Guß. Kegel legt es breiter und langsamer an (68:31 statt 59:46), auch wenn das gar nicht so auffällt: Seinen Zugriff erlebe ich als packender, leidenschaftlicher: Er bringt sein Orchester (Dresdner Philharmonie und Mitglieder des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Leipzig) zum Glühen: Er "malt" nicht wie Rattle, sondern arbeitet die Kanten und Schärfen der Partitur herausr. Ich mache dabei die paradoxe Erfahrung, daß Kegel, indem er die Tristan-Nähe offenlegt, "moderner" wirkt: Ich höre schon den späteren Schönberg heraus, den Ton der Variationen op. 31 beispielsweise: Das 20. Jahrhundert ist hier präsent.

Ich räume offen ein: Die heißblütige Auffassung Kegels spricht mich deutlich mehr an als der Rattlesche Schönklang.

Zu den Solisten: Bei Manfred Jung (Waldemar bei Kegel) bin ich begeistert vom Wagnerschen Heldentenor, der noch über Kraftreserven zu verfügen scheint, während Thomas Moser (Rattle) an seine Grenzen kommt und das hört man auch. Auch Eva-Maria Bundschuh (Tove/Kegel) überzeugt mich mehr als Karita Mattila (Rattle). Anne Sofie von Otter als Waldtaube (Rattle) finde ich darstellerisch überzeugend, Rosemarie Lang (Kegel) gesanglich ansprechender.

Gurnemanz

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Donnerstag, 27. März 2008, 14:16

Gurre-Lieder, 2. Teil: Rattle und Kegel

Auch hier wieder: Kegel (5:24) deutlich packender und dynamischer als Rattle (4:42), erstaunlich wieder: trotz des langsameren Tempos! Bei Manfred Jung erschüttert die Wut und Verzweiflung Waldemars, blaß und angestrengt dagegen Thomas Moser.

Gurnemanz

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Donnerstag, 27. März 2008, 16:03

Gurre-Lieder, 3. Teil: Rattle und Kegel

Auch im 3. Teil sagt mir der klare, dramatisch zugespitzte und mit viel Sinn für das Groteske Gestaltete (dies wird ja hier teilweise dominant) der Kegel-Aufnahme mehr zu als die Al-Fresco-Malerei Rattles. Im Tempo liegen beide hier nicht wesentlich auseinander: Kegel: 47:31, Rattle: 45:36.

Thomas Quasthoff (Rattle), den ich ansonsten schätze, scheint mir hier fehl am Platz: Als Bauer überfordert - dagegen eindrucksvoll derb-naiv: Ulrik Cold (Kegel) - und als Sprecher zu monoton, möglicherweise allerdings rhythmisch präziser als Gert Westphal, der seine ganze Erfahrung als lebendiger Erzähler einsetzt, vielleicht ein wenig zu drastisch.

Interessant der Vergleich beim Klaus-Narr; unterschiedliche ästhetische Modelle höre ich da heraus: Philip Langridge (Rattle), der an den David der Meistersinger erinnert, und Wolf Appel (Kegel) mit dem Vorbild des Mime (Siegfried) - auch im Orchester wird das hörbar.

Die Chöre finde ich in beiden Fällen überzeugend, auch wenn hier wieder die unterschiedlichen Gesamtkonzeptionen deutlich werden. Wie höllisch schwierig die beiden Männerchorsätze sind (vor allem der erste: "Gegrüßt, o König, an Gurre-Seestrand", die vielen "Holla"-Rufe, 12-stimmig durcheinander), weiß ich aus eigener Erfahrung, da ich vor 10 Jahren selbst - nach monatelanger Einstudierung - in zwei Aufführungen (in Mannheim und Frankfurt) unter der Leitung von Jun Märkl als einer von Waldemars Mannen mitwirken durfte: eine eindrückliche Erinnerung.

Insgesamt also: Für mich ist die Kegel-Aufnahme eindeutig vorzuziehen, sowohl vom Orchester als auch von den Solisten her eine durchwegs schlüssige und begeisternde Interpretation - nun würde es mich interessieren, ob jemand ebenfalls beide Aufnahmen gehört hat...

Gurnemanz

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Donnerstag, 27. März 2008, 17:26

Gurre-Lieder: Boulez

Da ich heute nachmittag schon mal beim Vergleichen bin, habe ich eine weitere Aufnahme herausgesucht und in den 3. Teil hineingehört: Pierre Boulez, BBC Symphony Orchestra (1974).

Mit Kegel und Rattle noch gut im Ohr: Bei Boulez wieder eine ganz andere Konzeption, weder klangschön (Rattle) noch hitzig (Kegel), sondern schroff, schnell (obwohl objektiv nicht viel schneller als Kegel!), unerbittlich, straff: kein Raum für Romantik - streckenweise denke ich sogar an Strawinsky (Orchestervorspiel: Des Sommerwindes wilde Jagd)! Auch wenn es im direkten Kontrast zu Kegel etwas gehetzt wirkt - durchaus eine ernstzunehmende Alternative.

Boulez benötigt 63:44 (1. Teil), 5:47 (2. Teil) und 45:17 (3. Teil).

Guercoeur

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Donnerstag, 27. März 2008, 18:42

Lieber Ulrich,

vielen Dank für Deine ausführlichen Betrachtungen und Schilderungen Deiner Hörerfahrung.
Gerade deshalb schade, wenn Dich das Oratorium mit seinen speziellen Charakteristika so seltsam ratlos zurückgelassen hat. Weshalb das Werk allerdings nicht genießbar sein soll, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Bei jedem erneuten Hören entdecke ich in zahlreichen Passagen der Partitur so viel Schönes und Sinnliches, vor allem in den Stellen, in denen der Komponist Natur zum Klingen bringt, z. B. im abendlichen Vorspiel. Das ist Musik, die ich einfach hemmungslos genießen kann.
Mir geht es da wie Gurnemanz: gerade den schwelgerischen, ausladenden Charakter, die riesige Besetzung, den romantischen Überschwang schätze und liebe ich ganz ungemein. :] Dabei würde mich ein kammermusikalischer Ansatz enorm stören. Aber, jeder hat natürlich seine speziellen Vorlieben bezüglich der Interpretation. Vielleicht bedarf es einfach noch einiger Anhörungen, bis Du Dich einigermaßen damit angefreundet hast oder eines Live-Erlebnisses, um es richtig genießen zu können; denn Deiner Bermerkung, daß sich ein Werk mit einer solch gigantischen Besetzung der Konservierung entzieht, kann ich größtenteils zustimmen. :yes:


Lieber Gurnemanz,

ganz vielen Dank auch Dir für Deine detaillierten Ausführungen und den aufschlußreichen Vergleich der drei Einspielungen (Rattle / Kegel / Boulez). :]
Lustig, daß Du bereits einen von Waldemars Mannen verkörpert hast, noch dazu in einer Aufführung, die ich damals ( Mi., 24.06.1998 ) in der Alten Oper erleben durfte. :D Hach, zehn Jahre ist das schon wieder her. Seufz. :rolleyes:

:hello:
Johannes

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Donnerstag, 27. März 2008, 19:42

Zitat

Original von Guercoeur
Dabei würde mich ein kammermusikalischer Ansatz enorm stören.

Mich auch. Daher verwundert es mich, wenn Rattle im Textheft zu seiner Aufnahme ernsthaft behauptet, daß "es sich bei den Gurreliedern wohl um das größte Streichquartett der Welt handelt, auch wenn dafür 400 Mitwirkende benötigt werden. Es ist das gigantischste Stück Kammermusik, das jemals geschrieben wurde, und sollte darum besonders transparent wirken." Einmal abgesehen davon, daß ich Kegels und auch Boulez' Adaption für deutlich transparenter halte - was um Himmelswillen Sir Simon hier meint, erschließt sich mir nicht, auch wenn er in der Folge darauf verweist, daß Schönberg bei der Komposition noch sehr jung war und niemals zuvor für Orchster komponiert hat. (Das allerdings ist in der Tat erstaunlich!)

Rattle sagt noch, daß "Schönbergs Musik ausgesprochen sexy, elegant und sinnlich wirkt, so dass man ihn nicht unbedingt mit seinem meist grimmigen Gesichtsausdruck in Verbindung bringt". Eleganz und Sinnlichkeit meine ich aus seiner Interpretation schon herauszuhören, doch, wie gesagt, Kegel trifft es für mich besser.

Zitat

Lustig, daß Du bereits einen von Waldemars Mannen verkörpert hast, noch dazu in einer Aufführung, die ich damals ( Mi., 24.06.1998 ) in der Alten Oper erleben durfte. :D Hach, zehn Jahre ist das schon wieder her. Seufz. :rolleyes:

Ach, Du warst das. Nein, im Ernst: Die Gurre-Lieder im Konzert, das wäre wieder einmal etwas - damals konnte ich immerhin an drei aufeinanderfolgenden Tagen (zweimal im Mannheimer Rosengarten, einmal in Frankfurt, im "Olymp") den 1. Teil im Publikum miterleben, aber auch hinter dem Orchester stehend (wir hatten ja nur 3 relativ kurze "Szenen") war es eindrucksvoll. Du hast in der Alten Oper übrigens eine langsamere Fassung zu hören bekommen: Jun Märkl, der Dirigent (damals GMD in Mannheim), erklärte ausdrücklich, wegen der halligeren Akustik in der Alten Oper die Tempi langsamer zu wählen als im Rosengarten.

Was die erwähnten "Hollas" angeht, so erinnere ich mich noch daran, daß der Chorleiter uns vor der Frankfurter Aufführung noch einmal eindringlich an uns appellierte, präzise zu singen, das sei eine reine Vertrauenssache, denn kein Dirigent der Welt könne es bemerken, wenn wir rhythmisch danebenhauen würden ("Holla! Hussa Hund! Hussa Pferd!").

Was Schönberg hier wohl von seinen Sängern erhofft haben mag?

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18

Donnerstag, 27. März 2008, 20:14

Zitat

Original von Gurnemanz

Zitat

Original von Guercoeur
Dabei würde mich ein kammermusikalischer Ansatz enorm stören.

Mich auch. Daher verwundert es mich, wenn Rattle im Textheft zu seiner Aufnahme ernsthaft behauptet, daß "es sich bei den Gurreliedern wohl um das größte Streichquartett der Welt handelt, auch wenn dafür 400 Mitwirkende benötigt werden.
...Nun ja, wenn man sich Schönbergs erstes Streichquartett anhört, durchaus nachvollziehbar. :D

Zitat

Original von Gurnemanz auch wenn er in der Folge darauf verweist, daß Schönberg bei der Komposition noch sehr jung war und niemals zuvor für Orchster komponiert hat. (Das allerdings ist in der Tat erstaunlich!)
Pelleas und Mellisande wurd 1903 fertig komponiert und 1905 uraufgeführt, also 8 Jahre vor den Gurre-Liedern.

Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von »A. Philipp Maiberg« (27. März 2008, 20:24)


Gurnemanz

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19

Donnerstag, 27. März 2008, 20:29

Zitat

Original von A. Philipp Maiberg
Hmmm... ich bin mir ziemlich sicher, Pelleas und Melisande dürfte älter als die Gurre-Lieder sein.

Ja und nein: Pelleas und Melisande entstand 1902/03, die Gurre-Lieder - Johannes erwähnt es eingangs - entstanden 1900 - 1911. Unbescheiden war Schönberg gerade nicht - ohne allzuviel Orchestererfahrung gleich so einen Klotz hinzustellen! Aber gerade das Gigantomanische daran finde ich faszinierend. Unter anderem.

Chorknabe

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20

Mittwoch, 2. April 2008, 20:26

Hallo,

soeben verklang der letzte Akkord der Gurrelieder in dieser Einspielung:



Es war meine erste Begegnung mit diesem Werk. Und ich bin noch regelrecht trunken von den Klangmassen, die auf mich eingeströmt sind.

Ein riesiges Dankeschön an diesen Thread, durch den ich neugirig auf Komponist und Werk geworden bin. Ich bin außerordentlich begeistert von dieser Musik! :jubel: Die Einspielung selbst halte ich ebenfalls für sehr gelungen. :yes:

Liebe Grüße, der Thomas. :hello:

a.b.

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21

Donnerstag, 22. Januar 2009, 11:03

René Leiborwitz

Die erwähnte Aufnahme der Gurrelieder von René Leibowitz hat hier wohl niemand gehört? Kann jemand dazu etwas berichten?

Die dürftigen Soundschnitzel kommen mir recht straussisch vor und ausnehmend musikalisch. Vor allem aber scheint es mir also ob die Solisten ohne das gewaltige Wellenreiten auskämen, das ich noch bei Ozawa im Ohr habe (so eine Erinnerung nach einem Konzert an an meinen zweiten Kontakt durch diese Aufnahme vor vielen, vielen Jahren).

:hello:
Gruß ab

---
Und ich meine, man kann häufig mehr aus den unerwarteten Fragen eines Kindes lernen als aus Gesprächen mit Männern, die drauflosreden nach Begriffen, die sie geborgt haben, und nach den Vorurteilen ihrer Erziehung.
J. Locke

Jacques Rideamus

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22

Donnerstag, 22. Januar 2009, 11:24

RE: René Leiborwitz

Ich besitze diese Aufnahme, habe sie aber länger nicht gehört. Wenn die derzeit dringenderen Dnge erledigt sind, will ich gerne mal wieder hinein hören.

In meiner Erinnerung handelt es sich um eine vorzügliche Interpretation, die aber darunter leidet, dass die damalige Tontechnik der in der Partitur geforderten Masse der Mitwirkenden nur ungenügend gerecht wurde bzw. werden konnte. Wem das nicht so viel ausmacht (man kann das auch begrüßen), der ist mir dieser Aufnahme sicherlich bestens bedient.

(Hoffentlich) demnächst mehr dazu.

:hello: Jacques Rideamus
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Norbert

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23

Samstag, 24. Januar 2009, 19:11

Die Gurre-Lieder zählen zu den Entdeckungen der letzten beiden Jahre (nebenbei: Schuberts Winterreise gehört auch dazu; ich finde es schön und faszinierend, wenn man sich in ganz unterschiedlichen Bereichen den Horizont erweitern kann). Wie ein derart monumental-klanggewaltiges und spätromantisches Werk unbeachtet an mir vorbeiziehen konnte, ist mir vollkommen unverständlich, aber sei's drum...

Kennen lernen durfte ich das Werk in der sehr preiswerten Einspielung mit Eliahu Inbal. Nach mehrmaligem (vergleichs-)Hören ist das für mich eine Aufnahme, die im guten Sinne solide und handwerklich ordentlich gemacht ist. Es mag an der etwas entfernten und "neutralen" Klangtechnik liegen, daß der rechte Begeisterungsfunke selten bei mir überspringen wollte. Inbals Interpretation wirkt mir zu verhalten und gezügelt - und das, obwohl er mit ca. 107 min (58'17'', 4'41'', 44'54'') die kürzeste Spielzeit benötigt. In den "grelleren Passagen" (z.B. "Ein seltsamer Vogel ist so'n Aal) ist er mir schlichtweg zu brav.

Mit einem anderen musikalischen Kaliber wartet James Levine mit seiner Live-Aufnahme auf (63'43'', 5'06'' und 46'20''). Der damalige Chefdirigent der Münchner Philharmoniker bevorzugt den "dicken Pinsel". Soll heißen, er liefert eine außerordentlich (klang-)ästhetische Sichtweise der verschiedenen Stimmungen ab.
Ein großes Plus stellt die Besetzung der Solisten dar. Ernst Haeflinger ist nicht nur als ehemaliger Sänger, sondern auch als Sprecher Geschmackssache, aber die Gesangsleistung von Ben Heppner ist mehr als beeindruckend (wenn man wollte, könnte man sie "referenzwürdig" nennen). Er meistert alle Klippen in den hohen, aber noch mehr in den für einen Tenor unangenehmen tiefen Passagen und singt sehr textverständlich (an dem "rrrollenden rrr" darf man sich nicht stören ;) ).

Ebenfalls "live" entstand die Aufnahme mit Michael Gielen.
Wahrscheinlich ist ein derart monumentales Werk wie die Gurre-Lieder nur im Konzert richtig akustisch zu durchdringen (so wie z.B. auch das Requiem von Berlioz), aber wenn's denn eine "Konserve" sein soll, dann muß sie so klingen wie bei Gielen. In den Fortissimo-Passagen gerät die Klangtechnik an die Grenzen, der Pegel ist kurz vor dem Übersteuern, aber anders ist die immense Dynamik des Werkes wohl kaum zu bewältigen.

Wie bei vielen Einspielungen Gielens gibt es auch hier ein paar Anmerkungen des Dirigenten: "Das Besondere ist hier ja, dass das Lianenhafte, Wuchernde des Jugendstils polyphon auskonstruiert ist und deshalb nicht in einem parfümierten Wohlklang sich auflösen darf.", heißt es im Beiheft.
Viel stärker als in den anderen Aufnahmen macht Gielen diese Polyphonie hörbar. Sei es in dem sanft-filigranen Orchestervorspiel, sei es, wenn Waldemars Mannen ihren König grüßen, sei es, wenn Waldemar mit Gott hadert, sei es, wenn ganz zum Schluß die Sonne strahlt; stets hat Gielen das fantastisch aufspielende Orchester im Griff und läßt dem Orchesterspiel eine Transparenz angedeihen, die sich derart selbstverständlich und organisch entwickelt, daß man denkt "genau so muß es klingen" (das Sonnenaufgangs-Finale treibt mir jedes Mal Tränen in die Augen, ja auch Männer dürfen mal Gefühle zeigen.. ;) ). Auch im Tutti sind die einzelnen Orchestergruppen gut hörbar.
Die Chöre stehen der Orchesterleistung nichts nach: Deutlich ist zu hören, daß es sich um vielstimmige Chöre handelt ("Transparenz" lautet auch hier das Stichwort).

Leider kann Gielens Waldemar, Robert Dean Smith, weder mit der physischen Kraft eines Ben Heppners oder der gestalterischen Intelligenz eines Manfred Jungs (Herbert Kegel) mithalten, es fehlt bisweilen an sicherer Höhe und noch sicherer Tiefe der Stimme). Auch mit Melanie Diener als Tove bin ich nicht 100%ig "glücklich" (ein paar Höhenprobleme und igs. etwas zu "reif für ein Täubchen"), aber da bei den beiden dennoch ein gutes Niveau geboten wird, sind das die einzigen kleinen "Wermutströpfchen" in einer rundherum empfehlenswerten Einspielung.



Ach ja, daß ich die Tempi bisher nicht erwähnte, hat einen bestimmten Grund: Man merkt gar nicht, daß sich Gielen mit 65'35'', 5'40'' und 49'41'', also knapp 122 min, die meiste Zeit gönnt.

PS.: Auch Herbert Kegel, dessen Aufnahme ich unlängst erwarb, kann igs. nicht ganz an Gielen heran reichen. Da aber Kegel ibs. im zweiten und dritten Teil der Gurre-Lieder einen ganz anderen Blickwinkel auf das Werk hat als Gielen, höre ich lieber noch ein- zweimal mehr bevor ich mich äußere...
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

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Gurnemanz

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24

Samstag, 24. Januar 2009, 23:33

Zitat

Original von Norbert
Viel stärker als in den anderen Aufnahmen macht Gielen diese Polyphonie hörbar. Sei es in dem sanft-filigranen Orchestervorspiel, sei es, wenn Waldemars Mannen ihren König grüßen, sei es, wenn Waldemar mit Gott hadert, sei es, wenn ganz zum Schluß die Sonne strahlt; stets hat Gielen das fantastisch aufspielende Orchester im Griff und läßt dem Orchesterspiel eine Transparenz angedeihen, die sich derart selbstverständlich und organisch entwickelt, daß man denkt "genau so muß es klingen" [...]

Das macht mich neugierig - herzlichen Dank für die schöne Beschreibung! Daß Kegels Solisten von Gielens Truppe noch übertroffen werden könnten, hätte ich auch nie erwartet; zu hoch ist das Niveau, das dort vorgelegt wurde (habe auch den Eindruck, daß Gielen bei der Auswahl seiner Solisten nicht immer ein glückliches Händchen hat). Daß Gielen andererseits mit seinem kühl-analytischen Ansatz gerade bei einem so riesigen und opulenten Orchesterwerk genau richtig liegen könnte, leuchtet mir gut ein, da ich mich beispielsweise daran erinnere, wie er Franz Schreker interpretiert - die Gielen-Gurrelieder sind jedenfalls vorgemerkt.

Norbert

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25

Sonntag, 25. Januar 2009, 00:12

Lieber Gurnemanz,

"analytisch" im Sinne von "Hörbar machen des Orchestersatzes und der musikalischen Strukturen" ist Gielen mit Sicherheit, nicht jedoch "kühl". Im Gegenteil, feiner gewoben als bei Gielen wird man das Orchestervorspiel wahrscheinlich nicht hören können, ebenso dürfte die Strahlkraft der im Finale aufgehenden Sonne schwerlich zu übertreffen sein.

Es stimmt aber, Kegel kann mit den besseren Solisten aufwarten.
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

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Norbert

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26

Sonntag, 1. Februar 2009, 16:32

Fast identisch von den Spielzeiten der Aufnahme mit Michael Gielen, aber vom Charakter vollkommen unterschiedlich, ist die Einspielung Herbert Kegels



Im 1. Teil weiß Kegel durch ein sehr detailreiches Orchesterspiel zu gefallen, aber insgesamt wirkt er mir ein bißchen zu sehr "bemüht". Er "erarbeitet" die Musik eher als daß er sie, wie Gielen, organisch fließen läßt.
Auch wirken mir die Tempi stellenweise zu langsam (Kegel braucht für den ersten Teil 68'51''). Mag sein, daß ich zu sehr durch Gielens Transparenz zu sehr voreingenommen bin, aber erste Wahl ist Kegel im ersten Teil für mich nicht. Eva-Maria Bundschuh als Tove und Rosemarie Lang als Waldtaube gefallen mir sehr gut; bei Manfred Jung fällt auf, daß auch er längst nicht über die herausragenden stimmlichen Mittel eines Ben Heppner verfügt. Jungs Timbre empfinde ich als nicht sehr angenehm, er forciert manchmal zu sehr, wenn es in die Höhe geht, aber man merkt ihm an, daß er weiß, was er singt. Gegen seine Gestaltung des Waldemars ist nichts einzuwenden.

Welch Unterschied aber dann ist im zweiten und dritten Teil zu hören (5'24'', 47'31''): Nirgendwo ist Waldemars Verzweiflung und Wut über Toves Tod so prägnant wie bei Kegel und Jung. Solist und Orchester verausgaben sich schier in der Beschreibung der Gefühlswelt. Besonders fallen die schneidenden, aggressiven Blechbläser auf.

Zeit zum "Luft holen" bleibt kaum, denn bei Kegel ist die folgende "wilde Jagd" tatsächlich eine. Ulric Cold hat als Bauer seine Mühe, Kegels Tempo zu folgen, bewältigt seine Aufgabe, wie insgesamt alle Solisten, in beeindruckender Manier. Die Chöre stehen den Solisten nicht nach.

Daß in "des Sommerwindes wilde Jagd" Kegel nicht ganz so viel Strahlkraft verbreitet wie Gielen, liegt ausschließlich am direkten Vergleich und daran, daß Gielen wohl einen Standard geschaffen hat, der nicht zu übertreffen sein wird.

Insgeamt also hat Gielen leicht die Nase vorn, wenngleich Kegel über die besseren Solisten verfügt und im zweiten und Teilen des dritten Teils durch seine rasante, aggressive Grundtendenz zu gefallen weiß.

Eine lohens- und nebenbei preiswerte Alternative.
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

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Sonntag, 20. Juni 2010, 10:26

Gurre Lieder von A. Schönberg

Jetzt auf 3SAT

Mariss Jansons dirigiert Arnold Schönberg:
Gurre-Lieder
Philharmonie am Gasteig, München, Oktober 2009
Der Name Arnold Schönberg steht gewöhnlich für Zwölf-Ton-Musik und Werke mit kleiner Besetzung. Von Schönberg stammt aber auch eine der am größten besetzten Kompositionen der klassischen Musik überhaupt. Seine 1913 uraufgeführten "Gurre-Lieder" schrieb er für ein Orchester mit 150 Musikern und 450 Sängerinnen und Sänger.Chor: NDR Chor
Chor: MDR Rundfunkchor
Chor: Chor des BR
Orchester: Symphonieorchester des BR
Musikalische Leitung: Mariss Jansons


Die "Gurre-Lieder" von Arnold Schönberg sind eine Kantate auf einen Gedichtzyklus des dänischen Dichters Jens Peter Jacobsen, der mittelalterliche Sagen seiner Heimat zusammenfasste. Schönberg vertonte diese mit Orchesterklängen, die in ihrem Reichtum an Richard Wagner und in ihrer Durchsichtigkeit an Claude Debussy denken lassen, und komponierte damit einen der letzten Höhepunkte der romantischen Musik.

Arnold SchönbergMariss JansonDer Name Arnold Schönberg steht gewöhnlich für Zwölf-Ton-Musik und Werke mit kleiner Besetzung, doch mit den "Gurre-Liedern" hat Schönberg auch eine der am größten besetzten romantischen Kompositionen der klassischen Musik überhaupt geschaffen. Seine 1913 uraufgeführten "Gurre-Lieder" verlangen nach einem Orchester mit 150 Musikern, nach drei vierstimmigen Männerchören und einem achtstimmigen gemischten Chor mit zusammen bis zu 450 Sängerinnen und Sänger. Dazu kommen fünf Gesangssolisten und ein Sprecher. Solch ein gigantisches Werk kann nur selten aufgeführt werden. Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nahmen das Jubiläum ihres 60-jährigen Bestehens zum Anlass, den gigantischen Liederzyklus in drei Teilen seinem Publikum in der Philharmonie im Gasteig in München unter der Leitung des Chefdirigenten Mariss Jansons zu präsentieren.

3sat zeigt eine Aufzeichnung des Konzerts vom 22. und 23. Oktober 2009.

Solisten:
Deborah VoigtTove - Sopran
Mihoko Fujimura Waldtaube - Mezzosopran
Stig Andersen Waldemar - Tenor
Herwig Pecoraro Narr -Tenor
Michael VolleBauer und Sprecher - Bariton
musica

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musica

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28

Sonntag, 20. Juni 2010, 11:07

Textverständlichkeit? Leider wenig, oder habe ich was mit den Ohren? ?(
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Gunter Hämel

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29

Sonntag, 20. Juni 2010, 14:15

Liebe Frau Musica,

mit den Ohren hast Du es bestimmt nicht ! Leider versteht man ja heute nicht mal mehr die deutschen "Muttersprachler", wie soll man dann die Ausländer verstehen, wenn sie Deutsch singen !

musica

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30

Sonntag, 20. Juni 2010, 14:18

Ja leider ist das so, schade um die schönen Stimmen, die hier präsentiert wurden. Ich bin auch eine Fanatikerin des verständlichen Textes, die ich bei meinen Schülern vom Beginn der Ausbildung verlange.
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