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Barockbassflo

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1

Sonntag, 4. November 2007, 09:48

Thomas Mann: Doktor Faustus - ein Stachel im Fleisch der deutschen Leser(?)

Die Inspiration zu diesem Thread stammt aus der Süddeutschen Zeitung vom 3./4. November 2007, wo Jens Malte Fischer in einem "Die ethische Luft und der faustische Duft" betitlten, fünfspaltig-ganzseitigen Beitrag Thomas Manns Roman "Doktor Faustus" anlässlich einer kommentierten Neuausgabe einer Würdigung unterzieht.

In der einleitenden Spalte geht er auch auf die Rezeptionsgeschichte ein, die, wie könnt' es anders sein in einer Welt so schlecht wie diese, ein Trauerspiel sei.

"Dieser Roman ist ein Stachel im Fleisch der deutschen Leser", so geht es los. Denn Thomas Mann habe mit diesem Roman eine "spezifisch deutsche Atmosphäre kritisch evozieren" wollen, die sich mit Nietzsche als die "ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft" umschreiben lasse.

Sodann stellt Herr Fischer fest, dass das wegen dieser kritischen Botschaft (gegen die "unerlaubte Verwechslung von Kultur mit Politik") in Deutschland bis heute eine schwierige Rezeptionsgeschichte erfahren habe, die in der Gegenwart - Überraschung! - noch problematischer geworden sei, denn während es für Musikliebhaber "einst selbstverständlich" gewesen sei, dieses Werk zu lesen (und zu lieben), so brächte heute schon "kaum ein Student des [germanistischen] Faches die durchaus hilfreichen Musikkenntnisse mit - und auf(...)".

Der Kritik am Werk, an der "unvital bleibenden" Figur des Serenus Zeitblom und an der doppelt problematischen Wahl der Musik als "zentrales Paradigma" räumt Jens Malte Fischer zwar auch gewissen Raum (und ein gewisses Recht) ein, die Tendenz ist aber ein großes kulturpessimistisches Wehklagen darüber, dass dieser Roman immer mehr ins Abseits gerate.

Mir wurde davon spontan die Milch im Frühstückskaffee sauer, denn ich als der Musik- und Literaturliebhaber der ich bin habe meinen Faustus gelesen, nicht nur einmal. Mit dem Resultat, dass ich höchstens dem Gruft-Prädikat zustimmen kann. Kein faustischer Duft, eher ein moralinsaueres Mottenkugelaroma entsteigt für mich diesem Buch. Mit der Folge, dass eine etwaige kritische Evokation welcher Verwechslung oder Atmosphäre auch immer in meinem nach Sauerstoff lechzendem Hirn nicht mehr ankommen will, von Lesefreude ganz zu schweigen.

Sprich: ich eigne mich als Lehrbuchfall für den von Herrn Fischer beklagten Kulturverfall.

Was mich jetzt als solcher in meiner kulturhedonistischen Fankurve interessiert: wie geht es anderen Taminos mit diesem Roman? Lest ihr ihn? Mögt ihr ihn? Graust es euch vor ihm? Lässt er euch kalt?

Immerhin merkt Herr Fischer an, es ruhe im Verborgenen, wie viele Musikliebhaber ihren Faustus noch auf dem Nachtkästlein hätten - ich bin also nicht der Einzige, den es interessiert. ;)

Einen schönen Sonntag wünscht
Flo
"Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

Klawirr

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2

Sonntag, 4. November 2007, 11:32

Vorab: auf meinem »Nachtkästlein« liegt kein Exemplar des »Doktor Faustus« - was nicht zuletzt dem Umstand gezollt ist, daß ich gar kein »Nachtkästlein« habe. Aber selbst, wenn ich eines Tages eines anschaffen sollte, käme der »Doktor Faustus« wohl nicht gut darauf zu liegen.

Über Geschmack läßt sich bekanntlich (nicht) trefflich streiten! Darum ist meine persönliche Einschätzung dieses Romans (ich liebe ihn nicht sonderlich) auch unerheblich.

Interessanter scheint mir die in dem von Flo im Eingangsposting referierten Artikel scheinbar präsente Verdoppelung des kulturpessimistischen Akzents zu sein, der ja auch Herrn Mann immer wieder umgetrieben hat. Vielleicht ist dieser Roman doch erheblich »deutscher«, als sein Autor zu hoffen wagte. Was ich so gar nicht nachvollziehen kann ist, daß Herr Fischer den Kulturverfall, den er entlang einer zunehmenden Nicht-Beachtung des »Doktor Faustus« beobachten will (was so ja wohl auch nicht stimmt – sicherlich können die Verkaufszahlen der Mannschen Romane nicht mit denen des neuen »Harry Potter« mithalten, aber Sorge, daß Th. Manns Werke in Vergessenheit geraten würden, braucht man wohl allenthalben nicht haben), auf eine typisch deutsche Verwechslung von Kultur mit Politik festmachen möchte. Gerade Thomas Mann höchstselbst hat einer solchen »Verwechslung« wiederholt durchaus absichtsvoll Vorschub geleistet – in seinen Essays zum Ersten Weltkrieg etwa (e.g. »Gedenken im Krieg« [1914] und »Gedanken zum Kriege« [1915]), insbesondere aber in seinen »Betrachtungen eines Unpolitischen« (1918 ). Der »Doktor Faustus« scheint mir da doch einigermaßen stringend auf Linie zu liegen, wenn auch unter veränderten Vorzeichen und mit veränderter Stoßrichtung. Jedenfalls scheint mir dieser Roman - wie der ganze Thomas Mann – wenig geeignet diesen Konnex aufzubrechen und dann auch solche Begrifflichkeiten hinterfragen zu lassen, in denen sich dieser Konnex verdichtet: »kulturtragende Schicht« etwa, »Bildungsbürgertum« oder auch »Hochkultur« (mit Ausnahme des letzten sind die wohl auch kaum sinnvoll in andere Sprachen zu übersetzten – aber da lasse ich mich gern korrigieren).

Jedenfalls läßt das Buddenbrookgleiche Lamento des Herrn Fischer IMO nicht so recht darauf schließen, daß die (unzulässige) Verwechslung von Kultur und Politik tatsächlich nicht länger erwünscht wäre...

Womöglich gehört der »Doktor Faustus« wirklich auf die »Nachtkästlein« (bildungs-)bürgerlicher Schlafzimmer – das wäre eigentlich schade, denn ob dieser Ort für einen Roman schon das Elysium ist, wage ich doch zu bezweifeln. Aber wenn's denn so ist, sollte man vielleicht Sibylle Bergs »Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot« als Antidoton gleich daneben legen... ;)

Ganz herzlich,
Medard

Zwielicht

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3

Sonntag, 4. November 2007, 14:49

Lieber Florian, lieber Medard,

so ganz glücklich werde ich mit der Richtung nicht, die dieser Thread schon nach zwei Beiträgen einschlägt. Das fängt bereits mit dem "Nachtkästlein" an, das sich zweifellos hervorragend als Aufhänger für alles mögliche eignet, aber in der Rezension Fischers überhaupt nicht vorkommt. Das korrekte Zitat lautet: Welche Musiker und Musikliebhaber von heute den "Faustus" noch als Pflicht- oder Vergnügenslektüre ansehen (so war es einst selbstverständlich), das ruht im Verborgenen.

Ansonsten gibt es nur eine Passage am Ende der Rezension, die Resignation bezüglich der heutigen Voraussetzungen zur Lektüre des "Faustus" anklingen lässt - und die angesichts von ganz anderen Formen des Kulturpessimismus, wie man sie auch in diesem Forum reichhaltig antrifft, sehr moderat wirkt. Zudem vergleicht Fischer die möglicherweise abnehmende Häufigkeit und Intensität der Faustus-Lektüre mit der ungebrochenen Popularität früherer Werke Manns, insb. der "Buddenbrooks" - und da hat er ja wohl Recht. Zum Inhalt der Rezension: Sie widmet sich zum einen der "eigentlichen" Aufgabe, die neue Edition, insbesondere den Kommentarband, zu besprechen. Zum anderen wird den problematischen Aspekten des Romans viel Raum gewidmet, wobei Fischer nie in eine apologetische Perspektive verfällt.

Zum Faustus-Roman selbst: Ich habe ihn nur einmal gelesen, mir aber just gestern nach der Lektüre der Rezension vorgenommen, das Buch bald mal wieder auf mein Nacht...äh...auf den Fußboden neben mein Bett zu legen. Meine Erinnerung an die Lektüre: ich habe ein im Vergleich zu anderen Mann-Romanen eher sprödes, aber gerade deshalb auch beeindruckendes, sehr "schwarzes", pessimistisches Buch im Gedächtnis behalten.

Ich erlaube mir mal kurze Kommentare zu den hauptsächlichen Kritikpunkten an Thomas Mann, die hier teilweise auch schon angeklungen sind:

a) Die Werke Manns sind "formal" in ihrer ganzen Faktur eher traditionell, sie haben kaum Teil an der literarischen Moderne und Avantgarde.

b) Inhaltlich und in Bezug auf Produktion und Rezeption tradieren die Werke Manns die begrenzte Sichtweise einer groß- bzw. bildungsbürgerlichen Schicht, die sich - wie von Medard schon maliziös angesprochen - als (hoch-)kulturtragend versteht. So entströmt etwa dem "Faustus" allenfalls ein "moralinsaures Mottenkugelaroma" (BBF).

c) Auch beim politischen Koordinatensystem ("politisch" im weitesten Sinn) hat sich in Manns Werk seit dem Ersten Weltkrieg und den "Betrachtungen eines Unpolitischen" nicht viel geändert - die "Wende" der 20er Jahre war ein eher äußerliches Ereignis und hat das altbewährte "Wertesystem" Manns nicht verschoben.


zu a) Stimmt zweifellos. Mann ist nicht in dem Sinn ein "moderner" Erzähler wie Proust, Kafka, Joyce oder Nabokov. Allerdings ist man inzwischen von der Vorstellung der alleinseligmachenden Moderne doch etwas abgekommen - das muss ich in diesem Forum eigentlich niemandem mehr erzählen. Abgesehen davon ist der Faustus neben dem Josephsroman sicherlich das "modernste" Werk Manns - die (auch bei Fischer erwähnte) Collage- und Montagetechnik und die Verwandlung des Erzählenden in das Essayistische, auch und gerade die Einarbeitung von "Textbausteinen" aus fremder (Adornos) Hand wären hier zu nennen.

zu b) Auch das ist bis zu einem gewissen Grade richtig - nichts hat Manns Rezeption so geschadet wie die von ihm selbst und von der Nachwelt betriebene Stilisierung zum großbürgerlichen Großschriftsteller (nicht umsonst habt ihr beide sofort allergisch auf die entsprechenden Passagen in Fischers Rezension reagiert). Trotzdem sollte man auch hier in erster Linie die Werke betrachten und sich ein Sensorium für die Aspekte bewahren, die nicht dem üblichen Mann-Klischee entsprechen. Nach meiner Erinnerung finden sich im "Faustus" trotz aller verbindenden Linien zu früheren Werken weniger Stereotype wieder als in frühreren Romanen Manns. "Moralinsaures Mottenkugelaroma" kann ich in diesem Roman beim besten Willen nicht erkennen, noch nicht einmal irgendeine "Botschaft". Wenn überhaupt, dann ist in Manns Werken - gerade im Faustus - doch das Versagen ebenderselben "kulturtragenden Schicht" dargestellt, deren Affirmation dem Autor vorgeworfen wird.

zu c) Das halte ich für falsch, und das gilt explizit auch für Medards Hypothese über die - wenn auch mit veränderten Vorzeichen - bis ins Spätwerk Manns fortdauernde "Verwechslung von Politik und Kultur". Ich denke, schon im "Zauberberg" werden zentrale Hypothesen der "Betrachtungen eines Unpolitischen" widerrufen - sofern das im fiktionalen Gefüge eines Romans überhaupt möglich ist. Auch die Rolle der Musik als vorgeblich zentrales Paradigma der verhängnisvollen Entwicklung der deutschen Geschichte wird doch im "Faustus" eher unterhöhlt oder "dialektisch" in Frage gestellt als naiv bestätigt.

Zum Schluss eine vielleicht schon bekannte Anekdote, die Fischer in seiner Rezension bringt: Die Ausführungen Wendell Kretzschmars über Beethovens op. 111 hat stammen bekanntlich fast ausschließlich von Adorno und nicht von Mann. Beim Entziffern der handschriftlichen Vorlage Adornos unterlief Mann ein Fehler: das "Eigengewicht der Akkorde" wurde zum völlig unsinnigen "Fugengewicht der Akkorde". Adorno ist das beim Korrekturlesen wohl auch entgangen - und so stand es noch unbeanstandet in der alten Frankfurter Ausgabe der 70er Jahre...


Viele Grüße

Bernd
Was heut gehet müde unter, hebt sich morgen neugeboren.

Klawirr

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4

Sonntag, 4. November 2007, 15:16

Lieber Bernd,
danke für die Richtigstellungen! Ich hatte Fischers Artikel nicht gelesen, sondern bin auf das mir wirklich übelst aufstoßende Kulturverfallslamento angesprungen, das in der Rezension präsent zu sein schien. Inzwischen habe ich die Lektüre aber nachgeholt - und das Verfallslamento finde ich, obwohl es tatsächlich nicht sooo penetrant ist, dennoch tendenziell ennervierend.

Den »Doktor Faustus« habe ich nur einmal recht intensiv und dann hin und wieder dienstbeflissen kursorisch gelesen. Daß ich den Roman nicht so recht mag (dieses Schicksal teilt er mit den anderen großen Romanen Manns) liegt nicht daran, daß er nicht besonders avanciert wäre oder so. Es liegt einfach an meinen ganz subjektiven Präferenzen.

Nun aber doch zu dem einen oder anderen sachlichen Punkt. Daß Thomas Mann seine politischen Einstellungen nicht revidiert hätte, habe ich nicht behauptet und es wäre auch Humbug. Du hast zurecht darauf hingewiesen, daß Mann im »Zauberberg«, in dessen wirklich grandioser Schlußpassage der martialische Mann der »Gedanken im Kriege« sich selbst dekonstruiert, indem er seinen Herrn Castorp sich orientierungslos auf den schlammigen Schlachtfeldern Flanderns verlieren (eine atemberaubende Parodie auf den kolporierten Langemarck-Mythos) und mit dem Liedchen »Am Brunnen vor dem Tore« (statt des Deutschlandlieds im Langemarck-Mythos) einen Schwanengesang auf das »Bildungsbürgertum« anstimmen läßt, einige Positionen aus den »Betrachtungen« grundsätzlich reviediert hat. Allein: der Konnex zwischen Kultur und Politik bleibt hier stabil und er ist auch noch im »Doktor Faustus« stabil. Mann verändert allein die Perspektive von der Affirmativen zur kritischen Subversion. So gesehen halte ich die Hypothese von den »veränderten Vorzeichen« und (diesen Teil »meiner« Hypothese hast Du im Zitat unterschlagen :D) »mit veränderter Stoßrichtung« (etwa nun die Darstellung des Versagens der »kulturtragenden Schicht«) für durchaus korrekt.

Was den beklagten Popularitätsverlust des »Faustus« anbetrifft, so glaube ich, daß Herr Fischer einfach falsch liegt. Der »Faustus« hatte nie die breite Popularität der »Buddenbrooks« oder auch des »Zauberbergs« - das Buch galt immer als »schwierig« (was es im Vergleich zu diesen beiden doch recht geradeaus erzählten Romanen durchaus auch ist), es war immer schon elitär aber eben nie ein elitärer Bestseller. Den Verlust einer Popularität zu beklagen, die es nie gegeben hat und dies dann als Zeichen für irgendetwas zu lesen, ist schon ein bissel komisch.

Soviel für den Moment...

Ganz herzlich,
Medard

p.s.: wenn der Faustus jetzt auf dem Fußboden neben Deinem Bett liegt, solltest Du Dir umgehend Sibylle Berg besorgen... ;)

Zwielicht

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5

Sonntag, 4. November 2007, 16:48

Zitat

Original von Klawirr
Lieber Bernd,
danke für die Richtigstellungen! Ich hatte Fischers Artikel nicht gelesen, sondern bin auf das mir wirklich übelst aufstoßende Kulturverfallslamento angesprungen, das in der Rezension präsent zu sein schien. Inzwischen habe ich die Lektüre aber nachgeholt - und das Verfallslamento finde ich, obwohl es tatsächlich nicht sooo penetrant ist, dennoch tendenziell ennervierend.



Lieber Medard,

wie gesagt - ich kenn da ganz andere Kulturverfallslamenti... :D Ich hasse wohlfeilen Kulturpessimismus weißgott wie die Pest, insbesondere wenn er auf bestimmten Bahnen daherwandelt - und trotzdem bin ich zumindest in meiner Profession als Lehrender an einer Universität nicht ganz davor gefeit.


Zitat

Den »Doktor Faustus« habe ich nur einmal recht intensiv und dann hin und wieder dienstbeflissen kursorisch gelesen. Daß ich den Roman nicht so recht mag (dieses Schicksal teilt er mit den anderen großen Romanen Manns) liegt nicht daran, daß er nicht besonders avanciert wäre oder so. Es liegt einfach an meinen ganz subjektiven Präferenzen.



Hier werden wir uns schnell einig. Dass ich gleich die Apologie Thomas Manns angestimmt habe, liegt schlichtweg an meiner subjektiven Präferenz für diesen Autor. Ich verdanke ihm mehrere prägende Leseerlebnisse so um mein 15./16./17. Lebensjahr herum. Wie Hanno Buddenbrook habe ich meine Lehrer gehasst (und meinen relativ liberalen NRW-Erziehern damit wohl auch Unrecht getan) - solche Identifikationen bleiben, und bis heute liebe ich den Roman heiß und innig, obwohl ich so manche literarische Schwäche eingestehen muss. Eine der schockartigsten Erfahrungen, die ich mit dem Thema "Lesen" verbinde, war die erstmalige Lektüre von "Mario und der Zauberer" - nach dem Ende war mir, als hätte ich selbst die tödlichen Schüsse abgegeben. Und so vieles andere, u.a. natürlich die Passagen über Musik (wiederum Hanno Buddenbrook, dann natürlich das Grammophon-Kapitel aus dem "Zauberberg" und auch Kretzschmars Analyse von op. 111, die ich schon vor der Lektüre des "Faustus" kannte). Wer - wie ich - Wagner meistens mit schlechtem Gewissen geliebt hat, findet bei Thomas Mann ebenfalls Rückendeckung...


Zitat

Nu aber doch zu dem einen oder anderen sachlichen Punkt. Daß Thomas Mann seine politischen Einstellungen nicht revidiert hätte, habe ich nicht behauptet und es wäre auch Humbug. Du hast zurecht darauf hingewiesen, daß Mann im »Zauberberg«, in dessen wirklich grandioser Schlußpassage der martialische Mann der »Gedanken im Kriege« sich selbst dekonstruiert, indem er seinen Herrn Castorp sich orientierungslos auf den schlammigen Schlachtfeldern Flanderns verlieren läßt (eine atemberaubende Parodie auf den kolporierten Langemarck-Mythos) und mit dem Liedchen »Am Brunnen vor dem Tore« (statt dem Deutschlandlied des Langemarck-Mythos) einen Schwanengesang auf das »Bildungsbürgertum« anstimmen läßt, einige Positionen aus den »Betrachtungen« grundsätzlich reviediert hat. Allein: der Konnex zwischen Kultur und Politik bleibt hier stabil und er ist auch noch im »Doktor Faustus« stabil. Mann verändert allein die Perspektive von der Affirmativen zur kritischen Subversion. So gesehen halte ich die Hypothese von den »veränderten Vorzeichen« und (diesen Teil »meiner« Hypothese hast Du im Zitat unterschlagen :D) »mit veränderter Stoßrichtung« (etwa nun die Darstellung des Versagens der »kulturtragenden Schicht«) für durchaus korrekt.


So ungefähr hatte ich Dich auch verstanden, gebe Dir aber trotzdem nur teilweise Recht. Mann bleibt auf das Thema "Kultur und Politik" fixiert, das sehe ich auch so, aber er wechselt nicht nur die Vorzeichen und die Stoßrichtung( :D) (das ist ja überhaupt schonmal nicht wenig). Während Mann früher glaubte (vereinfacht gesprochen), Politik durch Kultur ersetzen zu können (bei Fischer war ja auch von "Verwechslung" die Rede), wächst später das Bewusstsein dafür, dass das verabsolutierte Paradigma "Kultur" ein fragwürdiges ist - was m.E. schon im Zauberberg aufscheint. Dass Manns Horizont ein beschränkter bleibt, ist klar - der "Doktor Faustus" kann nicht "alles" erklären; angesichts der Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Genozids muss ein "Teufelspakt" à la Goethe und Dostojewski läppisch wirken. Diesen Anspruch sollte man gar nicht auf den Roman projizieren.

Naja, ein richtiger Widerspruch war das jetzt nicht - eigentlich gebe ich Dir weitgehend Recht... ;)


Zitat

Was den beklagten Popularitätsverlust des »Faustus« anbetrifft so glaube ich, daß Herr Fischer einfach falsch liegt. Der »Faustus« hatte nie die breite Popularität der »Buddenbrooks« oder auch des »Zauberbergs« - das Buch galt immer als »schwierig« (was es im Vergleich zu diesen beiden doch recht geradeaus erzählten Romanen durchaus auch ist), es war immer schon elitär aber eben nie ein elitärer Bestseller. Den Verlust einer Popularität zu beklagen, die es nie gegeben hat und dies dann als Zeichen für irgendetwas zu lesen ist schon ein bissel komisch.


Mir scheint, Fischer bezieht diese Anmerkung eher auf die elitäre Gemeinschaft der Hochkultivierten und/oder Musikliebhaber. Der Verweis auf das immer stärkere Auseinanderdriften literarischer und musikalischer Bildung ist m.E. nicht völlig unbegründet, allerdings natürlich auch etwas prätentiös, weil Herr Fischer dann als eine der letzten Bastionen universeller Bildung dasteht :D. Und überhaupt - ich hab schon genug damit zu tun, Tommy zu verteidigen, da muss Fischer einfach hinten rüberfallen... :D


Zitat

p.s.: wenn der Faustus jetzt auf dem Fußboden neben Deinem Bett liegt, solltest Du Dir umgehend Sibylle Berg besorgen... ;)



Ha! :D Ich hab schon vor zig Jahren Lesungen von Frau Berg besucht, und mindestens zwei ihrer Bücher stauben in meinen Regalen gemütlich neben dem "Faustus" vor sich hin. In meinem Herzen finden halt viele literarische Wohnungen Platz: großbürgerliche mit Nachtkästen, und weißgetünchte Appartements, in denen Bücher auf dem Fußboden liegen... :D


Viele Grüße

Bernd
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Barockbassflo

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6

Sonntag, 4. November 2007, 17:10

Das Nacht- und Schatzkästlein

Lieber Bernd,

das Nachtkästlein war auch als ironische Brechung gemeint (der hier im Forum manchmal zu findende Kulturpessimismus reizt mich dagegen eher zum erbrechen) und nicht auf Thomas Mann gemünzt, sondern auf die professorale Highbrow-Attitüde - aber da sind wir uns ja einig.

Zum Autor Thomas Mann selbst kann ich selbst nur sagen, dass ich seine Hauptwerke (meist mehrfach) gelesen habe, sie mir aber bislang verschlossen geblieben sind. Statt moralinsäuernden Mottenkugeln hätte ich wohl auch abgestandene Zigarrenluft in Großbürgers Lesesalon schreiben können, wobei da dann der zeigefingernde Aspekt unterbelichtet geblieben wäre, denn wenn es auch unklar sein mag, wo denn nun die "Botschaft" des "Faustus" zu verorten sein mag, bedeutungsschwer bis zur Rückgratverkrümmung kommt das Werk allemal daher.

Für mich bedient Thomas Mann auch im Faustus ein gewisses Stilisierungsbedürfnis, auf das es in hochkulturtragenden Kreisen eine durchaus substanzielle Beschönigungsprämie gibt. Goethe wäre als Opfer eines ähnlichen Phänomens zu nennen.

Wobei ich als Stifter-Fan (ja, Fan) selbstredend garnichts gegen Stilisierung habe, es kommt nur darauf an, ob die Stilisierung verstopft-verlogen daherkommt oder ob sie, wie bei Stifter, keine Pose ist, sondern eine Haltung.

Was - da schließe ich mich Medard an - selbstredend subjektives Empfinden ist, über das ich gar nicht streiten will.

In jedem Falle freue ich mich sehr über Eure Antworten - ich lerne ja gern dazu!

Aus der kunsthedonistischen Fankurve grüßt
Euer
Ex-BBF
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7

Sonntag, 4. November 2007, 17:19

Lieber Bernd,

Zitat

Original von Zwielicht

Lieber Medard,

wie gesagt - ich kenn da ganz andere Kulturverfallslamenti... :D Ich hasse wohlfeilen Kulturpessimismus weißgott wie die Pest, insbesondere wenn er auf bestimmten Bahnen daherwandelt - und trotzdem bin ich zumindest in meiner Profession als Lehrender an einer Universität nicht ganz davor gefeit.


:yes: Wem sagst Du das?


Zitat

Zitat

Den »Doktor Faustus« habe ich nur einmal recht intensiv und dann hin und wieder dienstbeflissen kursorisch gelesen. Daß ich den Roman nicht so recht mag (dieses Schicksal teilt er mit den anderen großen Romanen Manns) liegt nicht daran, daß er nicht besonders avanciert wäre oder so. Es liegt einfach an meinen ganz subjektiven Präferenzen.



Hier werden wir uns schnell einig. Dass ich gleich die Apologie Thomas Manns angestimmt habe, liegt schlichtweg an meiner subjektiven Präferenz für diesen Autor. Ich verdanke ihm mehrere prägende Leseerlebnisse so um mein 15./16./17. Lebensjahr herum. Wie Hanno Buddenbrook habe ich meine Lehrer gehasst (und meinen relativ liberalen NRW-Erziehern damit wohl auch Unrecht getan) - solche Identifikationen bleiben, und bis heute liebe ich den Roman heiß und innig, obwohl ich so manche literarische Schwäche eingestehen muss. Eine der schockartigsten Erfahrungen, die ich mit dem Thema "Lesen" verbinde, war die erstmalige Lektüre von "Mario und der Zauberer" - nach dem Ende war mir, als hätte ich selbst die tödlichen Schüsse abgegeben. Und so vieles andere, u.a. natürlich die Passagen über Musik (wiederum Hanno Buddenbrook, dann natürlich das Grammophon-Kapitel aus dem "Zauberberg" und auch Kretzschmars Analyse von op. 111, die ich schon vor der Lektüre des "Faustus" kannte). Wer - wie ich - Wagner meistens mit schlechtem Gewissen geliebt hat, findet bei Thomas Mann ebenfalls Rückendeckung...


Ich habe bei der Lektüre von Manns Romanen zumeist die Assoziation von Kräutertees und muffigen Raucherzimmern mit Bücherschränken (edit: jetzt sehe ich gerade, daß Flo dieselbe Assoziation hat - muß wohl was dran sein ;) ). Und auch das hat einen Sitz im Leben – die Familie einer früheren Freundin von mir hat in den 1980ern so in etwa die Mann-Romane, insbesondere die Buddenbrooks gewissermaßen nachgelebt (ich hab' da vielleicht gelitten....).
Aber es gibt durchaus auch Texte vom Thomas die ich gern mag, etwa der von Dir schon erwähnte »Mario« und insbesondere der »Tonio Kröger«, in dem der ganze Mann schon drin ist, ohne daß man sich durch huntere Seiten quälen müßte. Am meisten mag ich aber »Herr und Hund« :D .

Ich glaube als Schüler braucht man Identifikationsfiguren, um gegen den Lehrkörper bestehen zu können. Bei mir war das Robert Walsers »Jakob von Gunten« – die absolut irrwitzige Szenerie mit den auf dem Speicher schlafend herumstehenden Lehrern passte irgendwie wie die Faust auf das Auge der Situation des anämisch-elitären Klostergymnasiums, auf dem ich war.


Zitat

Zitat

Nu aber doch zu dem einen oder anderen sachlichen Punkt. Daß Thomas Mann seine politischen Einstellungen nicht revidiert hätte, habe ich nicht behauptet und es wäre auch Humbug. Du hast zurecht darauf hingewiesen, daß Mann im »Zauberberg«, in dessen wirklich grandioser Schlußpassage der martialische Mann der »Gedanken im Kriege« sich selbst dekonstruiert, indem er seinen Herrn Castorp sich orientierungslos auf den schlammigen Schlachtfeldern Flanderns verlieren läßt (eine atemberaubende Parodie auf den kolporierten Langemarck-Mythos) und mit dem Liedchen »Am Brunnen vor dem Tore« (statt dem Deutschlandlied des Langemarck-Mythos) einen Schwanengesang auf das »Bildungsbürgertum« anstimmen läßt, einige Positionen aus den »Betrachtungen« grundsätzlich reviediert hat. Allein: der Konnex zwischen Kultur und Politik bleibt hier stabil und er ist auch noch im »Doktor Faustus« stabil. Mann verändert allein die Perspektive von der Affirmativen zur kritischen Subversion. So gesehen halte ich die Hypothese von den »veränderten Vorzeichen« und (diesen Teil »meiner« Hypothese hast Du im Zitat unterschlagen :D) »mit veränderter Stoßrichtung« (etwa nun die Darstellung des Versagens der »kulturtragenden Schicht«) für durchaus korrekt.


So ungefähr hatte ich Dich auch verstanden, gebe Dir aber trotzdem nur teilweise Recht. Mann bleibt auf das Thema "Kultur und Politik" fixiert, das sehe ich auch so, aber er wechselt nicht nur die Vorzeichen und die Stoßrichtung( :D) (das ist ja überhaupt schonmal nicht wenig). Während Mann früher glaubte (vereinfacht gesprochen), Politik durch Kultur ersetzen zu können (bei Fischer war ja auch von "Verwechslung" die Rede), wächst später das Bewusstsein dafür, dass das verabsolutierte Paradigma "Kultur" ein fragwürdiges ist - was m.E. schon im Zauberberg aufscheint. Dass Manns Horizont ein beschränkter bleibt, ist klar - der "Doktor Faustus" kann nicht "alles" erklären; angesichts der Menschheitskatastrophe des Zweiten Weltkriegs und des Genozids muss ein "Teufelspakt" à la Goethe und Dostojewski läppisch wirken. Diesen Anspruch sollte man gar nicht auf den Roman projizieren.

Naja, ein richtiger Widerspruch war das jetzt nicht - eigentlich gebe ich Dir weitgehend Recht... ;)


Weißt Du, ich finde Thomas Mann ist – ganz unabhängig davon, daß mich viele seiner Werke nicht unbedingt begeistern – tatsächlich eine der interessantesten Figuren der jüngeren deutschen Kulturgeschichte. Gerade dieser komplizierte Weg vom radikalen Antimodernisten, Antidemokraten, expliziten Kulturnationalisten und hochpolitisch Unpolitischem zu einem bürgerlich-konservativen, republikanischen und unpolitisch politischem Intellektuellen – ein Weg und Irrweg, den er in seinen Werken, im »Zauberberg« und »Doktor Faustus« zudem schmerzlich reflektiert – ist ja schon bemerkenswert. Mit den Positionen, die Mann 1915-1918 formuliert hat stand er ja keineswegs allein. Dummerweise sind nicht unbedingt viele den Weg gegangen, den Mann ab 1918 eingeschlagen hat.

Zitat

Zitat

Was den beklagten Popularitätsverlust des »Faustus« anbetrifft so glaube ich, daß Herr Fischer einfach falsch liegt. Der »Faustus« hatte nie die breite Popularität der »Buddenbrooks« oder auch des »Zauberbergs« - das Buch galt immer als »schwierig« (was es im Vergleich zu diesen beiden doch recht geradeaus erzählten Romanen durchaus auch ist), es war immer schon elitär aber eben nie ein elitärer Bestseller. Den Verlust einer Popularität zu beklagen, die es nie gegeben hat und dies dann als Zeichen für irgendetwas zu lesen ist schon ein bissel komisch.


Mir scheint, Fischer bezieht diese Anmerkung eher auf die elitäre Gemeinschaft der Hochkultivierten und/oder Musikliebhaber. Der Verweis auf das immer stärkere Auseinanderdriften literarischer und musikalischer Bildung ist m.E. nicht völlig unbegründet, allerdings natürlich auch etwas prätentiös, weil Herr Fischer dann als eine der letzten Bastionen universeller Bildung dasteht :D. Und überhaupt - ich hab schon genug damit zu tun, Tommy zu verteidigen, da muss Fischer einfach hinten rüberfallen... :D


Hm, das muß ich mir daraufhin nochmals anschauen...

Herzlichst,
Medard

Zitat

Zitat

p.s.: wenn der Faustus jetzt auf dem Fußboden neben Deinem Bett liegt, solltest Du Dir umgehend Sibylle Berg besorgen... ;)



Ha! :D Ich hab schon vor zig Jahren Lesungen von Frau Berg besucht, und mindestens zwei ihrer Bücher stauben in meinen Regalen gemütlich neben dem "Faustus" vor sich hin. In meinem Herzen finden halt viele literarische Wohnungen Platz: großbürgerliche mit Nachtkästen, und weißgetünchte Appartements, in denen Bücher auf dem Fußboden liegen... :D


=)

BigBerlinBear

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8

Sonntag, 4. November 2007, 17:31

Zitat

Zum Autor Thomas Mann selbst kann ich selbst nur sagen, dass ich seine Hauptwerke (meist mehrfach) gelesen habe, sie mir aber bislang verschlossen geblieben sind.


Also derartigs finde ich schon faszinierend und gewiss auch nicht frei von Masochismus, denn wer bitte sonst täte sich dergleichen an und stundierte die sich nicht erschliessen wollenden Hauptwerke eines Autors, der ihm, zumndest aus dem Bauche heraus, irgenwie suspekt ist gleich mehrfach ?

Ich habs z.B. auch mal mit Stifter versucht, aber da es sich mir beim ersten Lesen nicht erschloss, liess ich die Finger davon und der Himmel mag wissen, ob es da einen 2. Anlauf geben wird.

Die Bücher von Thomas Mann haben mich mein ganzes Leben lang begleitet und die ausgsprochenen "Favoriten" unter seinen Werken wechselten im Laufe der Jahrzehnte mehrfach...

Der "Faustus", das geb ich allerdings zu, gehörte zu keiner Zeit zu den Büchern, welche ich immer und überall in Griffweite haben musste und vielleicht traf ja genau auf ihn Manns Statement, er fühle sich "ausgebrannt"
zu. Für ein wichtiges Buch halte ich es jedoch allemal und ich kann mir gut vorstellen, daß das Werk sich Personen, die noch ganz bewusst in Diktaturen gelebt haben, leichter erschliesst als all jenen, die nur unter demokratischen Verhältnissen, wo de facto jedes Buch jenen jederzeit ohne Mühe verfügbar ist, die ihren Zugang zum Werk eines Autors suchen.

Mein derzeitiges Lieblinsgbuch Thomas Manns ist "Der Erwählte" aus dem Jahr 1952, das ich früher überhaupt nicht beachtet hatte und dessen Lektüre mir jetzt schon zum 2. Mal hinterenander grösstes Vergüngen bereitet.
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

Zwielicht

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9

Sonntag, 4. November 2007, 17:47

RE: Das Nacht- und Schatzkästlein

Zitat

Original von Barockbassflo
Zum Autor Thomas Mann selbst kann ich selbst nur sagen, dass ich seine Hauptwerke (meist mehrfach) gelesen habe, sie mir aber bislang verschlossen geblieben sind. Statt moralinsäuernden Mottenkugeln hätte ich wohl auch abgestandene Zigarrenluft in Großbürgers Lesesalon schreiben können, wobei da dann der zeigefingernde Aspekt unterbelichtet geblieben wäre, denn wenn es auch unklar sein mag, wo denn nun die "Botschaft" des "Faustus" zu verorten sein mag, bedeutungsschwer bis zur Rückgratverkrümmung kommt das Werk allemal daher.

Für mich bedient Thomas Mann auch im Faustus ein gewisses Stilisierungsbedürfnis, auf das es in hochkulturtragenden Kreisen eine durchaus substanzielle Beschönigungsprämie gibt. Goethe wäre als Opfer eines ähnlichen Phänomens zu nennen.

Wobei ich als Stifter-Fan (ja, Fan) selbstredend garnichts gegen Stilisierung habe, es kommt nur darauf an, ob die Stilisierung verstopft-verlogen daherkommt oder ob sie, wie bei Stifter, keine Pose ist, sondern eine Haltung.

Was - da schließe ich mich Medard an - selbstredend subjektives Empfinden ist, über das ich gar nicht streiten will.



Lieber Florian,

die "abgestandene Zigarrenluft" reizt mich jetzt doch noch - nicht zum Husten, sondern zu kurzem Widerspruch. Die Anwendung von Begriffen wie "verlogen" bzw. überhaupt "Lüge" und "Wahrheit" oder auch "Pose" und "Haltung" finde ich im Bereich fiktionaler Literatur problematisch - auch wenn man nicht so weit gehen will wie z.B. Nabokov (ein Thomas-Mann-Verächter), der sinngemäß Lüge und Literatur als Schwestern ansah. Zweifellos spielen Dinge wie "Pose" oder "Fassade" sowohl im Leben als auch im Werk Manns eine große Rolle - das sagt aber weder etwas über Qualität noch über die Zugänglichkeit der Werke etwas aus. Man schaue sich nur eine Figur wie Thomas Buddenbrook an, der an seinem Zwang, jeden Tag posieren zu müssen und jeden Morgen die Fassade neu aufzubauen, zugrunde geht. Mir ist es merkwürdigerweise nie schwer gefallen, bei Thomas Mann hinter den Posen das Existenzielle zu spüren - ich kenne aber viele Freunde und Bekannte, denen es ähnlich geht wie Dir (was mich immer irritiert hat). Ich fühle mich komischerweise in den fiktionalen Welten Manns heimisch - obwohl ich (wie ich betonen möchte :D) NICHT in einem großbürgerlich-hochkulturellem Milieu aufgewachsen bin und diesem auch heute noch mit Distanz gegenüberstehe.

Ich sehe gerade, dass Medard auch Zigarrenluft assoziiert...seltsam...naja, irgendwo gibt's bestimmt eine Untersuchung über die Rolle des Rauchens im Werk von Thomas Mann... :D


Viele Grüße

Bernd
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Carola

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10

Sonntag, 4. November 2007, 17:48

Auch ich habe mich lange Zeit recht schwer getan mit dem Doktor Faustus - aber das gilt schließlich für das ein oder andere Beethovensche Streichquartett auch. In beiden Fälle hat sich das Dranbleiben aber gelohnt.

Ich sollte vielleicht vorab bemerken, dass mich schon seit meiner Jugendzeit eine mir selbst unerklärliche Sympathie zum Werk Thomas Manns erfüllt. Diese Anziehung hat wohl auch stark mit Dingen zu tun, die gar nicht unbedingt im Zentrum des Werkes stehen. Mit Manns rhythmisch dahinfließender, in meinen Ohren regelrecht hypnotischer Sprache vor allem, mit seiner Liebe zum Meer und wie er es zu beschreiben weiß, mit dem Vergehen der Zeit und wie er dies zu beschreiben weiß, nicht zuletzt mit seinem spröden Humor. Ich wundere mich immer, wie wenig gerade dieser Humor oft gesehen wird. Im Doktor Faustus zum Beispiel der stotternde Herr Kretzschmar und seine recht spärlich besuchten Vorträge - ich finde einige Passagen darin wirklich zum Brüllen komisch.

Um mit dem Doktor Faustus etwas vertrauter zu werden, habe ich vor allem zwei Dinge getan: Ich habe mir den Roman als Hörbuch angehört, am nächsten Tag dann die gleiche Passage noch mal gelesen, und ich habe mir den schon an anderer Stelle erwähnte Essayband von Hans Rudolf Vaget zu Gemüte geführt.



Seitdem sehe ich etwas klarer, den Roman aber auch kritischer. Vor allem scheint er mir sehr überfrachtet, oder, wie Vaget es formuliert, "überdeterminiert". Einerseits will er die geistig-psychologischen, kulturellen Vorbedingungen für den Erfolg der Nazi-Ideologie in Deutschland aufzeigen, anderseits aber auch "persönliche Beichte" über die eigene Kälte als Bedingung künstlerischer Produktivität sein, so oder ähnlich schreibt Thomas Mann irgendwo in "Die Entstehung des Doktor Faustus". Das ist ein bisschen viel auf einmal und geht in der Anlage auch nicht so recht auf für meine Begriffe. Auch das zentrale "Teufelsgespräch" finde ich alles in allem nicht sehr überzeugend, ebenso die Passagen, in denen Mann in eine archaisierend-stilisierte Sprache wechselt, z.B. im Brief Leverkühns an den fiktiven Erzähler (S. 189ff). Von der Nepomuk-Episode und den "dienenden Frauen" ganz zu schweigen...

Trotzdem, man kann durch diesen Roman ein Gefühl dafür bekommen, was das denn für eine deutsche Mentalität und geistige Haltung war, die später in die Nazi-Diktatur mündete. Abgesehen davon lernt man auch das ein oder andere über Musik und ihre Entwicklung. Nicht zuletzt darf zwischendrurch trotz aller Beklommenheit herzhaft gelacht werden. Das ist doch nicht schlecht für einen Roman.

Mit Gruß von Carola
.
Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen. (Astrid Lindgren)

lohengrins

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11

Sonntag, 4. November 2007, 18:05

Hallo.

Nur ganz kurz von mir an dieser Stelle: Den "Doktor Faustus" habe ich mir für die kommende Woche vorgenommen, da ich einige freie Tage verbringe (während meine Frau arbeiten muss). Und ich freue mich auf diese Lektüre, die ich mir auch nicht zum ersten Mal antue.

Wenn hier Assoziationen wie moralinsauer, Mottenkugeln, abgestandene Zigarrenluft, Großbürgertum, Stilisierungsbedürfnis usf. auftauchen, so ist das generell wenig überraschend. Ich denke, dass das ganz gängige und weit verbreitete Urteile (teils gewiss auch Vorurteile) zu Mann sind.
Ich teile diese Einschätzung indes nicht. Für mich ist Thomas Mann jemand, der in seinem Werk hinter (teils) großbürgerlichen Fassaden Abgründe aufzeigt. Und sein für mich wesentliches Stilmerkmal ist das der Humor, mehr noch die Ironie (die auch vor ihm selbst nicht halt macht). Insofern kann ich Carola nur zustimmen, wenn sie diesen Aspekt hervorhebt.
Insgesamt hat Thomas Mann für mich wenig mit der zufriedenen Selbstvergewisserung eines Bildungsbürgers zu tun, der sich bei einem Teechen seinen Zauberberg oder eben Faustus hervorholt und sich mal so richtig gebildet oder als Bildungsbürger gestreichelt fühlen kann. So lese ich Thomas Mann nicht. Ich weiß auch nicht, wie man das bei den Stoffen bewerkstelligen sollte.

Ob es andererseits zu einem breit angelegten kulturpessimistischen Verdikt reicht, dass der Faustus (möglicherweise) nicht den Stellenwert genießt, der ihm nach Ansicht manches Mann-Freundes zusteht? Ich weiß nicht.

Gruß, Ekkehard.

Zwielicht

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Sonntag, 4. November 2007, 18:06

Zitat

Original von Klawirr
Aber es gibt durchaus auch Texte vom Thomas die ich gern mag, etwa der von Dir schon erwähnte »Mario« und insbesondere der »Tonio Kröger«, in dem der ganze Mann schon drin ist, ohne daß man sich durch huntere Seiten quälen müßte. Am meisten mag ich aber »Herr und Hund« :D .


Lieber Medard,

komisch - in "Tonio Kröger" fand ich das manchmal etwas klischierte Leitmotivsystem Manns immer sehr plump. Und die verquälte Künstlerthematik hat mich auch nie angesprochen. "Herr und Hund" ist natürlich klasse, ich mag auch sehr "Unordnung und frühes Leid".


Zitat

Ich glaube als Schüler braucht man Identifikationsfiguren, um gegen den Lehrkörper bestehen zu können. Bei mir war das Robert Walsers »Jakob von Gunten« – die absolut irrwitzige Szenerie mit den auf dem Speicher schlafend herumstehenden Lehrern passte irgendwie wie die Faust auf das Auge der Situation des anämisch-elitären Klostergymnasiums, auf dem ich war.


Robert Walser habe ich dafür erst zu spät kennengelernt, mit Anfang 20 etwa. Ein wunderbarer Schriftsteller!


Zitat

Weißt Du, ich finde Thomas Mann ist – ganz unabhängig davon, daß mich viele seiner Werke nicht unbedingt begeistern – tatsächlich eine der interessantesten Figuren der jüngeren deutschen Kulturgeschichte. Gerade dieser komplizierte Weg vom radikalen Antimodernisten, Antidemokraten, expliziten Kulturnationalisten und hochpolitisch Unpolitischem zu einem bürgerlich-konservativen, republikanischen und unpolitisch politischem Intellektuellen – ein Weg und Irrweg, den er in seinen Werken, im »Zauberberg« und »Doktor Faustus« zudem schmerzlich reflektiert – ist ja schon bemerkenswert. Mit den Positionen, die Mann 1915-1918 formuliert hat stand er ja keineswegs allein. Dummerweise sind nicht unbedingt viele den Weg gegangen, den Mann ab 1918 eingeschlagen hat.


Genau, ganz meine Meinung! Wenn man die ganze schopenhauerisch-nietzscheanisch-wagnerianische Sozialisation Manns bedenkt, den eingeschlagenen konservativ-reaktionären Weg bis hin zu den antirepublikanischen und antisemitischen Ausfällen während der Münchner Räterepublik - dann ist die Wende der 20er Jahre wirklich erstaunlich. Gerade weil - wie Du ja schon gesagt hast - der "normale" Weg ein anderer gewesen ist.


Viele Grüße

Bernd
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Klawirr

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13

Sonntag, 4. November 2007, 18:33

Zitat

Original von lohengrins
Wenn hier Assoziationen wie moralinsauer, Mottenkugeln, abgestandene Zigarrenluft, Großbürgertum, Stilisierungsbedürfnis usf. auftauchen, so ist das generell wenig überraschend. Ich denke, dass das ganz gängige und weit verbreitete Urteile (teils gewiss auch Vorurteile) zu Mann sind.


Lieber Ekkehard,
also, das mit der abgestandenen Zigarrenluft und dem (Groß-)Bürgertum sind nicht nur böse Vorurteile. »Die Buddenbrooks« und der »Tonio Kröger« etwa sind (jetzt mal metaphorisch gesprochen) voll davon - und auch der »Zauberberg« ist noch vom Duft der Sumatras durchzogen, auch wenn die Sanatoriumsinsassen das Rauchen aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend eingestellt haben.

Ich weiß auch gar nicht recht, was an dieser Assoziation so despektierlich sein soll. Th. Mann zeigt - darin eben anders als die ätzende Satire seines großen Bruders - das »Bürgertum« und dessen »Niedergang« mit einer kritischen Melancholie, ja einer gewissen Traurigkeit und da liegt es durchaus nahe, bestimmte Requisiten aus dem Fundus des deutschen Kulturbürgertums um 1900 zu assoziieren.


Zitat

Ich teile diese Einschätzung indes nicht. Für mich ist Thomas Mann jemand, der in seinem Werk hinter (teils) großbürgerlichen Fassaden Abgründe aufzeigt. Und sein für mich wesentliches Stilmerkmal ist das der Humor, mehr noch die Ironie (die auch vor ihm selbst nicht halt macht). Insofern kann ich Carola nur zustimmen, wenn sie diesen Aspekt hervorhebt.


Ja, das stimmt natürlich. Die Abgründe sind es gerade, die er hinter den Fassaden gähnen läßt. Aber es ist doch immer eine gewisse Traurigkeit über den inneren Verfall zu spüren - selbst im »Doktor Faustus« noch, einen Traurigkeit darüber, daß »der« deutsche Intellektuelle den Pakt mit dem Teufel einzugehen bereit war; eine Traurigkeit über die Irrungen der »kulturtragenden Schichten«.


Zitat

Insgesamt hat Thomas Mann für mich wenig mit der zufriedenen Selbstvergewisserung eines Bildungsbürgers zu tun, der sich bei einem Teechen seinen Zauberberg oder eben Faustus hervorholt und sich mal so richtig gebildet oder als Bildungsbürger gestreichelt fühlen kann. So lese ich Thomas Mann nicht. Ich weiß auch nicht, wie man das bei den Stoffen bewerkstelligen sollte.


Auch ich sehe da keine zufriedene Selbstvergewisserung, sondern - wie gesagt - Trostloskeit bzw. Untröstlichkeit darüber, daß Schein und Sein des deutschen Kulturbürgers bitter auseinanderklaffen und dies die Katastrophen der Jahre 1933 bis 1945 (wenn nicht [mit-]ermöglicht so doch zumindest auch) nicht verhindert hat.

Das hindert mich (aus oben genannten Gründen) indes nicht daran, etwa bei der Lektüre des »Tonio Kröger«, den ich gern mag, Kräutertees und getäfelte Raucherzimmer mit geschlossenen Bücherschränken zu assoziieren.

Ganz herzlich,
Medard

Zwielicht

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14

Sonntag, 4. November 2007, 18:37

Zitat

Original von Carola
Ich sollte vielleicht vorab bemerken, dass mich schon seit meiner Jugendzeit eine mir selbst unerklärliche Sympathie zum Werk Thomas Manns erfüllt. Diese Anziehung hat wohl auch stark mit Dingen zu tun, die gar nicht unbedingt im Zentrum des Werkes stehen.



Liebe Carola,

noch jemand, dem es so ging und geht wie mir!

Ich denke, über die Fragen, was im Zentrum eines Werks steht, kann man lange diskutieren - gerade die Dinge, die Du aufzählst, finde ich auch sehr wichtig, während andere "zentrale" Inhalte - z.B. das komplementäre Verhältnis von abnehmender Lebenstüchtigkeit und zunehmender künstlerischer Sensibilität in den "Buddenbrooks" - heute eher "historisch" interessant sind.

Bezüglich Humor und Ironie: Gerade letztere war ja bis etwa in die 70er Jahre ein zentraler Gegenstand der Thomas-Mann-Forschung, bis es allen zum Halse heraushing. Heute werden diese Faktoren möglicherweise eher zu wenig betont, was natürlich auch damit zu tun hat, dass Manns Humor heute gelegentlich als etwas betulich und seine Ironie als vorhersehbar empfunden wird. Wohlgemerkt, nicht von mir!





Zitat

Seitdem sehe ich etwas klarer, den Roman aber auch kritischer. Vor allem scheint er mir sehr überfrachtet, oder, wie Vaget es formuliert, "überdeterminiert". Einerseits will er die geistig-psychologischen, kulturellen Vorbedingungen für den Erfolg der Nazi-Ideologie in Deutschland aufzeigen, anderseits aber auch "persönliche Beichte" über die eigene Kälte als Bedingung künstlerischer Produktivität sein, so oder ähnlich schreibt Thomas Mann irgendwo in "Die Entstehung des Doktor Faustus". Das ist ein bisschen viel auf einmal und geht in der Anlage auch nicht so recht auf für meine Begriffe. Auch das zentrale "Teufelsgespräch" finde ich alles in allem nicht sehr überzeugend, ebenso die Passagen, in denen Mann in eine archaisierend-stilisierte Sprache wechselt, z.B. im Brief Leverkühns an den fiktiven Erzähler (S. 189ff). Von der Nepomuk-Episode und den "dienenden Frauen" ganz zu schweigen...

Trotzdem, man kann durch diesen Roman ein Gefühl dafür bekommen, was das denn für eine deutsche Mentalität und geistige Haltung war, die später in die Nazi-Diktatur mündete. Abgesehen davon lernt man auch das ein oder andere über Musik und ihre Entwicklung. Nicht zuletzt darf zwischendrurch trotz aller Beklommenheit herzhaft gelacht werden. Das ist doch nicht schlecht für einen Roman.



Vaget ist ein guter Lektüretip, muss ich mir mal besorgen. Das "Überfrachtete" sehe ich auch, lese den Roman aber kaum noch auf eine "Botschaft" hin und suche in ihm auch keine "Erklärung" für irgendetwas. Ähnlich wie bei den "Buddenbrooks" finde ich das weltanschauliche Gerüst zwar wichtig - zumal man es ja auch nicht ignorieren kann - sehe die Qualitäten aber eher in der Konstruktion, der Sprache, dem Collagierten, auch im Atmosphärischen. Das ist es jedenfalls, was mir vor allem im Gedächtnis geblieben ist.


Viele Grüße

Bernd
Was heut gehet müde unter, hebt sich morgen neugeboren.

lohengrins

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15

Sonntag, 4. November 2007, 19:40

Hallo.

Zitat

Original von Klawirr

Zitat

Original von lohengrins
Wenn hier Assoziationen wie moralinsauer, Mottenkugeln, abgestandene Zigarrenluft, Großbürgertum, Stilisierungsbedürfnis usf. auftauchen, so ist das generell wenig überraschend. Ich denke, dass das ganz gängige und weit verbreitete Urteile (teils gewiss auch Vorurteile) zu Mann sind.


Lieber Ekkehard,
also, das mit der abgestandenen Zigarrenluft und dem (Groß-)Bürgertum sind nicht nur böse Vorurteile. »Die Buddenbrooks« und der »Tonio Kröger« etwa sind (jetzt mal metaphorisch gesprochen) voll davon - und auch der »Zauberberg« ist noch vom Duft der Sumatras durchzogen, auch wenn die Sanatoriumsinsassen das Rauchen aus gesundheitlichen Gründen vorübergehend eingestellt haben.

Ich weiß auch gar nicht recht, was an dieser Assoziation so despektierlich sein soll. Th. Mann zeigt - darin eben anders als die ätzende Satire seines großen Bruders - das »Bürgertum« und dessen »Niedergang« mit einer kritischen Melancholie, ja einer gewissen Traurigkeit und da liegt es durchaus nahe, bestimmte Requisiten aus dem Fundus des deutschen Kulturbürgertums um 1900 zu assoziieren.
...
Das hindert mich (aus oben genannten Gründen) indes nicht daran, etwa bei der Lektüre des »Tonio Kröger«, den ich gern mag, Kräutertees und getäfelte Raucherzimmer mit geschlossenen Bücherschränken zu assoziieren.

Ganz herzlich,
Medard


Also, nur von "bösen" Vorurteilen habe ich ja bewusst nicht gesprochen, Despektierlichkeiten habe ich da eigentlich nicht verorten wollen. Es wird eben so gesehen; punktum; das mag doch jeder so halten. Ich will auch gar nicht widersprechen, dass es ums Bürgerliche geht, natürlich tut es das, es geht um dessen Versagen und vor allem um dessen Untergang (wobei ich nicht unbedingt Manns Einschätzung teile, dass dieser Untergang unweigerlich quasi aus Überfeinerung erfolgen muss).

Was ich nicht teile, ist das Anfügen wertender Begriffe wie abgestanden-mottenkugelig oder moralinsauer (gerade letzteres finde ich bei Mann eben nicht zutreffend; dafür den von Dir angesprochenen melancholischen Grundton; die Abgründe beziehen sich aber keineswegs nur auf den Niedergang des Bürgertums, s. "Die Betrogene"). Abgestandenes würde mir die Lektüre gründlich vergällen; auch wenn diese natürlich eine vergangene Gesellschaft atmosphärisch abbildet.

Mein Zugang zu Thomas Mann erfolgte über meine Mutter. Sie hatte dessen Werke als Jugendliche während des Zweiten Weltkriegs kennengelernt, als sie ausgebombt worden war und bei einer Familie aufgenommen wurde, die Mann "einfach so" (trotz Bücherverbrennung) im Regal stehen hatte, einige der Personen der "Buddenbrooks" auch kannte. Für meine Mutter, und somit mittelbar für mich, war Thomas Mann deshalb wohl auch ein Vertreter eines anderen, durchaus auch eines unwiederbringlich verlorenen Deutschland.

Beim letzten von Dir angesprochenen Zitat ging es mir bei der "zufriedenen Selbstvergewisserung" nicht um die von Mann, sondern um die des heutigen Konsumenten. Da habe ich mich missverständlich ausgedrückt. Entschudigung. Es ist mir eben bei der von Dir angesprochenen "Trostlosigkeit" ein Rätsel, wie man derlei lesen und sich als Bildungsbürger so richtig wohl fühlen kann; es sind ja bei Gotte keine Wohlfühlthemen, die da verhandelt werden.

Und natürlich sind Dir Deine Assoziationen unbenommen, das wäre ja noch schöner!

Gruß, Ekkehard.

Loge

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16

Sonntag, 4. November 2007, 22:31

Ich habe den Doktor Faustus vor Jahren gelesen und habe nur noch wage Erinnerungen. Meine Erwartungen an den Roman waren riesig. Möglicherweise war ich deshalb am Ende sehr enttäuscht. Meine berechtigte Hoffnung, nach der Lektüre seiner berühmten Essays zu Schopenhauer, Nietzsche und Wagner nun eine schlüssige Herleitung der deutschen Katastrophe aus dem spezifisch deutsch-romantischen Milieu ("ethische Luft, der faustische Duft, Kreuz, Tod und Gruft") in Romanform zu erhalten, hat sich für mich nicht erfüllt. Aus meiner Sicht ist T. M. mit diesem Romankonzept grandios gescheitert. Die ersten 200-300 Seiten habe ich als Musicus natürlich mit Interesse gelesen. Und noch meinte ich, dass hier die Anlagen zu einem großen dämonischen Finale gelegt würden. Im zweiten Teil des Romans konnte T. M. mich aber zunehmend weniger erreichen. Die gesellschaftlichen Schilderungen empfand ich als langweilig oder belanglos. Natürlich ist es von vornherein verfehlt, bei T. M. anzunehmen, er hätte den Roman nicht vollständig und in allen Details auf eine Aussage hin konzipiert. Ich meine aber, dass er mit dem Faustus den heutigen Leser kaum mehr erreichen kann. Den Hinweis auf die "Mottenkugeln" empfinde ich insofern als treffend. Die kurzen Intermezzi zur aktuellen deutschen Situation empfand ich in dieser Form als forciert und unpassend. Von einem Stachel kann ich nichts sehen. Der Roman führt ein vergleichsweise ungelesenes Schattendasein, woran auch der nun vorliegende Kommentar nichts ändern wird, und das wohl zu recht.
Aus meiner Sicht kann der Faustus weder mit dem genialen Frühwerk noch mit dem Zauberberg konkurrieren.

Der eher unbeachtete Roman "Der Erwählte" ist auch meines Erachtens lesenswerter - BigBerlinBear hat auf ihn hingewiesen. Schon der Beginn ("Glockenschall, Glockenschwall...") ist reinstes Glockengeläut in Buchstaben - macht einen ganz trunken. Im weiteren Verlauf will man gar nicht glauben, was T. M. einem hier bietet, so kühn ist alles gefasst. Nie vergisst man das Bild des auf einem nackten Felsen langsam verhutzelnden Protagonisten. Man darf nur auch hier nicht den Fehler begehen, das Ganze bloß für skurrile Ironie zu nehmen.


Liebes Zwielicht,

Zitat

Original von Zwielicht
andere "zentrale" Inhalte - z.B. das komplementäre Verhältnis von abnehmender Lebenstüchtigkeit und zunehmender künstlerischer Sensibilität in den "Buddenbrooks" - heute eher "historisch" interessant sind.

ist das nicht eher eine anthropologische Konstante und als solche auch heute noch interessant? Ich kenne mehrere Personen, auf die das zutrifft und bei denen es sich tagtäglich auswirkt.

Loge

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17

Sonntag, 4. November 2007, 23:13

(Von tiefenbiographisch fundierten Ressentiments bin ich dank kleinbürgerlicher Herkunft verschont geblieben. Endlich mal ein Vorteil davon, dass man nie ein getäfeltes Rauchzimmer von innen gesehen hat!)

Ich habe das Buch leider nur einmal gelesen, vor mehr als 15 Jahren, kurz nach dem Abitur. Ich erinnere mich auch nicht mehr besonders gut. Ich wollte es immer mal wieder lesen, es hat sich aber nie ergeben (zumal ich kein Exemplar besitze).
Erzähltechnisch ist es für mich als literaturwissenschaftlichen Laien bei weitem das komplexeste und vermutlich modernste seiner Bücher, obwohl ich es meiner Erinnerung nach nicht wesentlich schwieriger zu lesen fand als den Zauberberg. (Was ist BTW technisch an Nabokov so modern, Lolita liest sich doch wie die Abendpost...)
Letzteren habe ich damals kurz vorher, dann vor wiederum ca. 9 Jahren noch einmal gelesen und war beim zweiten Mal doch außerordentlich gut unterhalten und fasziniert.
Das vermutlich beliebteste Werk, die Buddenbrooks finde ich dagegen zwar ganz nett, aber wenig mehr (einen der Joseph-Bände habe ich nach ca. der Hälfte gelangweilt abgebrochen).

Der Zauberberg ist m.E. kein mild-melancholischer Abgesang, sondern ein ziemlich bitterer Nachruf auf das Bürgertum und die Tragfähigkeit seiner kulturellen Oberfläche.
Bie Faustus sind die Erinnerungen wie gesagt teils recht blaß. Aber liege ich falsch, wenn hier von Großbürgertum nicht viel zu spüren ist? Zeitblom (der soll selbstverständlich blaß bleiben) und Leverkühn haben doch eher einen kleinbürgerlichen Hintergrund oder sehe ich das falsch? Die geschilderte Münchner Boheme hat auch eher wenig mit dem hanseatischen Geldadel der früheren Romane zu tun.
Ich war damals hautpsächlich von den musikalischen und Dostojewskij/Faust-Aspekten fasziniert; an das Politische, den Kommentar zur Nazizeit erinnere ich mich gar nicht mehr (obwohl ich natürlich weiß, dass der Roman solches beinhalten soll). Aber auch davon abgesehen war es stellenweise ein recht spannender Gesellschaftsroman (all diese Geschichten mit Schwerdtfeger und dieser Dame (Ines?) usw.)

Ich zögere ein wenig mit der Wiederlektüre, weil ich befürchte, dass ich das Ganze heute etwas überfrachtet fände. Aber gleich wie es gelungen ist, finde ich es doch spannend, die Musik derart konsequent in den Mittelpunkt zu stellen. Ich halte das auch für viel weniger bildungsprotzerisch als solche eigentlich albernen Seitenhiebe wie wenn die ungebildete Frau Stöhr im Zauberberg von der "Erotica" spricht.

Andererseits wird ihre Rolle als dunkle, den Menschen lebensuntüchtig machende Kunst ja bereits mehrfach vorher, etwa beim kleinen Hanno und bei Settembrinis Kommentar über die Musik, die "zum feinsten Genusse der Zeit" wecken, aber eben auch zum Gegenteil, dem dumpfen Rausch verführen kann. Das mag eine zugespitzte Charakterisierung sein (und eigentlich von Nietzsche oder wem auch immer stammen), aber sie ist ja nicht ganz verfehlt.

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
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Barockbassflo

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18

Montag, 5. November 2007, 07:48

Zitat

Original von BigBerlinBear

Zitat

Zum Autor Thomas Mann selbst kann ich selbst nur sagen, dass ich seine Hauptwerke (meist mehrfach) gelesen habe, sie mir aber bislang verschlossen geblieben sind.


Also derartigs finde ich schon faszinierend und gewiss auch nicht frei von Masochismus, denn wer bitte sonst täte sich dergleichen an und stundierte die sich nicht erschliessen wollenden Hauptwerke eines Autors, der ihm, zumndest aus dem Bauche heraus, irgenwie suspekt ist gleich mehrfach ?

(...)

Mein derzeitiges Lieblinsgbuch Thomas Manns ist "Der Erwählte" aus dem Jahr 1952, das ich früher überhaupt nicht beachtet hatte und dessen Lektüre mir jetzt schon zum 2. Mal hinterenander grösstes Vergüngen bereitet.


Lieber BBB,

Masochismus ist es nicht, da kann ich Dich beruhigen - selbstquälerischer Kunsthedonismus wäre mir dann doch eine Windung zu kompliziert 8) . Motivation ist eher die Hoffnung, mir diesen Autor irgendwann doch noch erschließen zu können - wäre schließlich nicht das erste Mal, dass sich bestimmte Werke erst nach mehreren Versuchen dem Verständnis und/oder der Einfühlung erschließen.

Den Erwählten setze ich daher auf meine Liste - wo Herr und Hund auch schon recht treuherzig auf Anschaffung und Lektüre warten.

Noch ein Nachtrag zu Humor und Ironie bei Thomas Mann, (nicht nur) für Carola und Bernd: sehr wahrscheinlich liegt da der Hund begraben bei mir - ich finde bei Thomas Mann nur sehr wenig davon, was bei mir auch "funktionieren" würde - oft bleibt die Wirkung im sprachlichen Gewebe stecken, sozusagen. Und Kretzschmar als komische Figur zu erleben - ich weiß ja nicht. Ich fühle eher mit ihm...

:hello:
Flo
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Klawirr

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19

Montag, 5. November 2007, 08:59

Hallo JR,

Zitat

Original von Johannes Roehl
(Von tiefenbiographisch fundierten Ressentiments bin ich dank kleinbürgerlicher Herkunft verschont geblieben. Endlich mal ein Vorteil davon, dass man nie ein getäfeltes Rauchzimmer von innen gesehen hat!)


von »Ressentiments« würde ich eigentlich nicht reden wollen (das klingt so hart ;) ), eher von einem lockeren Assoziationsgefüge, das nicht ganz willkürlich ist, sondern einerseits tendenziell mit dem Setting der Storys korrespondiert und zum anderen zumindest partiell erfahrungsgesättigt ist. »Tiefenbiographisch fundiert« würde ich das deshalb dann auch nicht gerade nennen - das klingt so nach Trauma oder so. Ich kann über mich und meine seltsamen Kräuterteeassoziationen (die ja im Raucherzimmer durchaus einen Bildbruch markieren - eigentlich gehört da ja starker Kaffee und Cognac hin) durchaus schmunzeln. Ein getäfeltes Raucherzimmer - in dem von mir hin und wieder besuchten, stand zudem tatsächlich ein Klavier - nicht von innen gesehen zu haben, ist jedenfalls kaum ernstlich ein Verlust. Ich jedenfalls habe mich dort immer gefühlt wie Alice im Wunderland oder eher: wie ein Pinguin in Gizeh... ;)

Ganz herzlich,
Medard

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20

Montag, 5. November 2007, 15:37

Zitat

Original von Klawirr

Zitat

Original von Johannes Roehl
(Von tiefenbiographisch fundierten Ressentiments bin ich dank kleinbürgerlicher Herkunft verschont geblieben. Endlich mal ein Vorteil davon, dass man nie ein getäfeltes Rauchzimmer von innen gesehen hat!)


von »Ressentiments« würde ich eigentlich nicht reden wollen (das klingt so hart ;) ), eher von einem lockeren Assoziationsgefüge, das nicht ganz willkürlich ist, sondern einerseits tendenziell mit dem Setting der Storys korrespondiert und zum anderen zumindest partiell erfahrungsgesättigt ist. »Tiefenbiographisch fundiert« würde ich das deshalb dann auch nicht gerade nennen - das klingt so nach Trauma oder so. Ich kann über


Ich habe das auch nicht völlig ernst gemeint. Ich verstehe vermutlich auch ganz gut, was einige stört. Es klang aber, auch bei BBF schon danach, dass Euch ein bestimmtes Milieu, das Mann repräsentierte (oder das sich auch heute noch durch Mann repräsentiert sieht) auf den Keks geht (sehr nachvollziehbar) und das dieser Umstand auf Eure Rezeption der Romane ausstrahlt.
Es geht mir aber weniger um die Persönlichkeit Manns als um die Erzählungen und Romane. Da er das dort geschilderte Milieu kennt und auch eher selten (außer vielleicht bei Joseph, aber das fand ich eh langweilig, kriegt aber irgendwann auch noch ne Chance) verläßt, finde ich das aber kein Problem.
Die Glorifizierung kann ich wie auch andere schon sagten, eher selten entdecken (ganz anders als bei Repräsentanten der sog. neuen Bürgerlichkeit unter heutigen Schreiberlingen). Die verbreitete Hohlheit bzw. die sich selbst bei Nicht-Hohlen wie Settembrini zeigende mangelnde Tragfähigkeit der großbürgerlichen Kultur wird im Zauberberg und anderswo m.E. viel eindringlicher und beindruckender von "innen" geschildert als der von vornherein kritisch-distanzierte Blick von außen in Heinrichs "Untertan".

Sprachlich finde ich allerdings einiges ziemlich manieriert bzw. mit einem nervigen "Schaut-her welch gewählte, sanft-ironische Formulierung mir wieder gelungen ist"-Gestus daherkommt. Vor einem bitter ironischen und teils tragischen Hintergrund wie im Zauberberg funktioniert das gut und erhöht m.E. die Eindringlichkeit. Bei einem leichteren Opus wie "Königliche Hoheit", wo ich mich letztes Jahr mal durchquälte, finde ich es, von einigen wirklich witzigen Stellen abgesehen, eher ermüdend.

:hello:

JR
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Zwielicht

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21

Montag, 5. November 2007, 16:54

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Original von Loge

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Original von Zwielicht
andere "zentrale" Inhalte - z.B. das komplementäre Verhältnis von abnehmender Lebenstüchtigkeit und zunehmender künstlerischer Sensibilität in den "Buddenbrooks" - heute eher "historisch" interessant sind.

ist das nicht eher eine anthropologische Konstante und als solche auch heute noch interessant? Ich kenne mehrere Personen, auf die das zutrifft und bei denen es sich tagtäglich auswirkt.


Ja, solche Leute gibt es zweifellos - ich kenne aber auch viele künstlerisch begabte bzw. sensible Menschen, von deren Lebenstüchtigkeit und Durchsetzungsfähigkeit ich mir noch eine Scheibe abschneiden könnte. Auf dieser Ebene wird man das nicht generalisieren können, schon gar nicht historisch. Sicherlich gibt es auch Fälle, in denen sich Menschen nach bestimmten Vorbildern oder literarischen Topoi stilisieren - wie die oben von Medard erwähnte Familie, die offenbar zumindest teilweise die "Buddenbrooks" nachlebt.

Eine Reflexionsebene höher argumentiert: Es gibt eine lange Tradition der Vorstellungen und Topoi, die mit dem "Künstlerischen" und der Person des Künstlers zusammenhängen - und hier ist das von von Thomas Mann in der Figur Hanno personifizierte Modell ein sehr typisches für das Ende des 19. Jahrhunderts. Vor 1800 (ganz grob gesagt) findet man ganz andere Topoi, die Lebensuntüchtigkeit gehört m.W. nicht dazu. Zumal es eh gewagt ist, Phänomene, die untrennbar mit dem keineswegs "zeitlosen" Begriff "Kunst" verknüpft sind, als "anthropologische Konstanten" zu bezeichnen.



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Original von Johannes Roehl
(Was ist BTW technisch an Nabokov so modern, Lolita liest sich doch wie die Abendpost...)


Lolita liest sich in der Tat an der Oberfläche sehr leicht - darunter verborgen ist aber eine enorme Komplexität. Das betrifft gar nicht in erster Linie die ganzen intertextuellen Bezüge, die den Vergleich mit Thomas Mann nicht scheuen müssen - sondern das Bewusstsein für die Fiktionalität von Literatur. Kaum ein Leser schafft es, sich dem Sog von Humberts Erzählung zu entziehen - und dabei übersieht man, dass sich hinter dieser Ebene möglicherweise eine ganz andere Geschichte abgespielt hat (der Leser wird zum partiellen Komplizen Humberts und macht sich durch seine oberflächliche Lektüre quasi zum Mitschuldigen). Gerade im extrem Gegensätzlichen liegt der Reiz: Einerseits hat man immer wieder bewundert, wie imaginativ Nabokov in diesem Buch die Vereinigten Staaten porträtiert - andererseits wird diese scheinbar reale Welt gegen Ende des Romans immer brüchiger, wenn sich etwa die virtuose Aufreihung us-amerikanischer Ortsnamen, durch die Humbert der verschwundenen Lolita folgt, nahtlos in das Wahnsystem der fiktiven Figur Humbert einfügt (und irgendwann die Verbindung zwischen der Sprache und den von ihr bezeichneten Dingen verlorengeht). Sehr hilfreich kann die Lektüre einer kommentierten Ausgabe sein - leider fehlen m.W. in der gängigen deutschen Taschenbuchausgabe die vorzüglichen Anmerkungen Dieter E. Zimmers, die in dem entsprechenden Band der neuen Gesamtausgabe vorhanden sind. Noch besser eine kommentierte Ausgabe in der Originalsprache: "The Annotated Lolita" mit Kommentar von Alfred Appel, relativ preiswert über die üblichen Anbieter zu beziehen.

Außerdem hat Nabokov natürlich nicht nur Lolita (und das Schwesterwerk Pnin) geschrieben: Hier sei vor allem auf Pale Fire (dt. Fahles Feuer) von 1962 verwiesen, vielfach als einer der ersten "postmodernen" Romane eingeordnet - ein Spiegelkabinett der Fiktionen, nicht mehr linear durcherzählt, sondern als ein langes Gedicht eines fiktiven Autors mit den fünfmal so umfangreichen Anmerkungen eines anderen fiktiven Autors versehen, wobei immer unklarer wird, wer hier eigentlich was kommentiert. Im englischsprachigen Raum schon lange als ein Schlüsselwerk erkannt, in Deutschland fast unbekannt - seit Monaten ist eine Neuauflage in der deutschen Gesamtausgabe angekündigt, die vielleicht daran etwas ändern wird. (Die literarischen Wurzeln der Werke von Thomas Pynchon, der Nabokovs legendäre Vorlesungen an der Cornell University gehört hat, sind u.a. auch hier zu verorten). Als eine thematische Parallele zum Doktor Faustus wäre Bend Sinister (dt. Das Bastardzeichen) von 1947 zu nennen, ein sehr düsteres, eher schwer zu lesendes Buch über das Sterben in einem "totalitären" System.




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Andererseits wird ihre Rolle als dunkle, den Menschen lebensuntüchtig machende Kunst ja bereits mehrfach vorher, etwa beim kleinen Hanno und bei Settembrinis Kommentar über die Musik, die "zum feinsten Genusse der Zeit" wecken, aber eben auch zum Gegenteil, dem dumpfen Rausch verführen kann. Das mag eine zugespitzte Charakterisierung sein (und eigentlich von Nietzsche oder wem auch immer stammen), aber sie ist ja nicht ganz verfehlt.


Die Musik hat ja von Anfang an ihren festen Platz im literarischen Koordinatensystem Thomas Manns - nämlich als eine Vorstufe zur Auflösung, zum Tod. Das rezipiert sowohl Schopenhauer als auch Nietzsche, aber vor allem auch Wagners Tristan (der "tück'sche Tag", die "heil'ge Nacht"). Im Zauberberg gibt es die Jugenderinnerung Hans Castorps, bei der er sich in einem Ruderboot abends mitten auf einem See befindet, wobei es im Westen noch tageshell ist, im Osten aber schon unerklärlich verlockend dunkel. Hier fügt sich vieles ein: Naphta und Madame Chauchat (beide verkörpern "dunkle" Verlockungen, intellektuelle und erotische) vs. den "westlichen", aufgeklärten Settembrini. Bezüglich der Musik sind es in der "Fülle des Wohllauts" fast ausschließlich "Todesmusiken", die Hans Castorp faszinieren - von der Aida-Schlusszene bis zu Schuberts "Lindenbaum", den er noch auf den flandrischen Schlachtfeldern auf den Lippen trägt.

Der Zauberberg ist aber auch das erste Werk Manns, in dem die angebliche Übermacht der Nachtseite in Frage gestellt wird. Zentral das Schnee-Kapitel, in dem Hans Castorp eben nicht den scheinbar vorgezeichneten Weg in den Tod geht, sondern aus seinem Traum aufwacht und ins Leben zurückkehrt. Dann - besonders beeindruckend - die spiritistische Séance, an deren Ende der verstorbene Vetter Joachim als "Geist" erscheint - und bei der Hans Castorp dem Überschreiten der Grenze zwischen Leben und Tod ein Ende bereitet, indem er das elektrische Licht anschaltet: die alte Ikonographie der Aufklärung (leicht modernisiert), wie sie seit dem 18. Jahrhundert existiert, auch im Licht-C-dur von Haydns "Schöpfung" aufscheint, dann aber in Wagners "Tristan" mit dem bewussten Auslöschen der Fackel durch Isolde negiert wird. Auch Settembrini, der als ganz "starrer" Frühaufklärer in den Wortduellen mit Naphta fast immer den kürzeren zieht und zwischendurch fast zu einem Clown wird, entpuppt sich am Ende im realen Pistolenduell als der menschlich Überlegene.

Im "Faustus" wird der Musik ja tatsächlich auch noch die Todesnähe zugeschrieben - aber bevor ich mich da äußere, ist erstmal die Zweitlektüre dieses Buches fällig.

Das Thema Musik im "Faustus" hat mich auch von Anfang an fasziniert - sowohl die reale Musik (Beethovens op. 111 kann ich nicht ohne Kretzschmar im Hinterkopf hören) als auch die fiktive (wessen Lieblingskomponist war nochmal Adrian Leverkühn? :D).


Viele Grüße

Bernd
Was heut gehet müde unter, hebt sich morgen neugeboren.

Klawirr

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22

Montag, 5. November 2007, 18:07

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Original von Johannes Roehl

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Original von Klawirr

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Original von Johannes Roehl
(Von tiefenbiographisch fundierten Ressentiments bin ich dank kleinbürgerlicher Herkunft verschont geblieben. Endlich mal ein Vorteil davon, dass man nie ein getäfeltes Rauchzimmer von innen gesehen hat!)


von »Ressentiments« würde ich eigentlich nicht reden wollen (das klingt so hart ;) ), eher von einem lockeren Assoziationsgefüge, das nicht ganz willkürlich ist, sondern einerseits tendenziell mit dem Setting der Storys korrespondiert und zum anderen zumindest partiell erfahrungsgesättigt ist. »Tiefenbiographisch fundiert« würde ich das deshalb dann auch nicht gerade nennen - das klingt so nach Trauma oder so. Ich kann über


Ich habe das auch nicht völlig ernst gemeint.


Ich hatte es auch als nicht so völlig ernst gemeint verstanden. ;)

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Ich verstehe vermutlich auch ganz gut, was einige stört. Es klang aber, auch bei BBF schon danach, dass Euch ein bestimmtes Milieu, das Mann repräsentierte (oder das sich auch heute noch durch Mann repräsentiert sieht) auf den Keks geht (sehr nachvollziehbar) und das dieser Umstand auf Eure Rezeption der Romane ausstrahlt.


Das ist durchaus auch so - wobei mein (übrigens gar nicht so immens ausgeprägtes) Mißfallen an den Mannschen Romanen sich wirklich nicht so sehr am bürgerlichen Setting entzündet, sondern eher an dem was Du ganz am Ende Deines Beitrags schilderst - aber darauf komme ich gleich noch.

Zitat

Es geht mir aber weniger um die Persönlichkeit Manns als um die Erzählungen und Romane. Da er das dort geschilderte Milieu kennt und auch eher selten (außer vielleicht bei Joseph, aber das fand ich eh langweilig, kriegt aber irgendwann auch noch ne Chance) verläßt, finde ich das aber kein Problem.


Um mal ääährlich zu sein: die Persönlichkeit Manns ist mir (um das mal salop zu formulieren) ziemlich schnurz - abgesehen von dem spezifischen Weg eines deutschen Intellektuellen in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, den er gegangen ist. Aber dieser Weg ist eben nicht durch die Stationen Lübeck - München - Zürich - Princeton - Los Angeles - Zürich gekennzeichnet (allenfalls äußerlich) sondern durch die Stationen »Tonio Kröger« - »Buddenbrooks« - »Betrachtungen eines Unpolitischen« - »Zauberberg« - »Doktor Faustus« (eigentlich muß »Herr und Hund« unbedingt auch noch in die Reihe :D ). Also: mich interessieren die Texte und die Entwicklung, die sich in denselben abzeichnet.

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Die Glorifizierung kann ich wie auch andere schon sagten, eher selten entdecken (ganz anders als bei Repräsentanten der sog. neuen Bürgerlichkeit unter heutigen Schreiberlingen). Die verbreitete Hohlheit bzw. die sich selbst bei Nicht-Hohlen wie Settembrini zeigende mangelnde Tragfähigkeit der großbürgerlichen Kultur wird im Zauberberg und anderswo m.E. viel eindringlicher und beindruckender von "innen" geschildert als der von vornherein kritisch-distanzierte Blick von außen in Heinrichs "Untertan".


Da stimme ich Dir in allen Punkten zu. Wenn ich weiter oben von »kritischer Melancholie« gesprochen habe, so meine ich, daß in Manns Texten, in seinem bitteren Abgesang auf das Bürgertum IMO immer eine ungeheure Traurigkeit über das Ende einer Welt und ihrer Ideale mitschwingt. Da ist nicht das Prinzip: »Was fallen will, das soll man stoßen!« am Werk.
Das ist auch im wirklich bitteren Schluß des »Zauberbergs« so. Mann parodiert den bis in die frühen 1930er Jahre hochpopulären Langemarck-Mythos (die kolportierte Rede vom "heldenhaften Opfergang" der bürgerlich-akademischen Jugend, die im Nov. 1914 im Ypern-Bogen mit dem Deutschlandlied auf den Lippen für »Volk und Vaterland« in den Tod gestürmt sei) - und zugleich hat diese bittere Parodie etwas zutiefst trauriges - für mein Empfinden jedenfalls. Daß das auch anders geht, kann man bei Ernst Jünger nachlesen, der das Ereignis von Langemarck ebenfalls als Endmarke des (bildungs-)bürgerlichen Zeitalters und seiner kulturellen Paradigmen deutet - aber ganz anders bewertet:

Zitat

Es sei hier erinnert an den berühmten Angriff von Langemarck. Dieses Ereignis, das weniger kriegs- als geistesgeschichtliche Bedeutung besitzt, ist in bezug auf die Frage, welche Haltung in unserer Zeit und in unserem Raume überhaupt möglich ist, von hohem Rang. Wir sehen hier einen klassischen Angriff zusammenbrechen, ungeachtet der Stärke des Willens zur Macht, der die Individuen beseelt, und der moralischen und geistigen Werte, durch die sie ausgezeichnet sind. Freier Wille, Bildung, Begeisterung und der Rausch der Todesverachtung reichen nicht zu, die Schwerkraft der wenigen hundert Meter zu überwinden, auf denen der Zauber des mechanischen Todes regiert.

[...]

Hier kündete sich das Aussterben eines besonderen Menschenschlags im Angriff auf seine vorgeschobenen Posten an. Aber die Empfindungen des Herzens und die Systeme des Geistes sind widerlegbar, während ein Gegenstand unwiderlegbar ist - und ein solcher Gegenstand ist das Maschinengewehr.

Ernst Jünger: Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt [1932], in: Sämtliche Werke Bd. 8, Stuttgart 1978, S. 113


Ich erspare uns mal die weiteren Deduktionen des Herrn Jünger. Jedenfalls klingt das ziemlich anders als der Schluß des »Zauberbergs« - und vielleicht hat die Melancholie, die in Manns Abgesang auf das Bürgertum mitschwingt, ihn davor bewahrt, sich in die Irrungen der Konservativen Revolution zu verstolpern.

Zitat

Original von Johannes Roehl
Sprachlich finde ich allerdings einiges ziemlich manieriert bzw. mit einem nervigen "Schaut-her welch gewählte, sanft-ironische Formulierung mir wieder gelungen ist"-Gestus daherkommt. Vor einem bitter ironischen und teils tragischen Hintergrund wie im Zauberberg funktioniert das gut und erhöht m.E. die Eindringlichkeit. Bei einem leichteren Opus wie "Königliche Hoheit", wo ich mich letztes Jahr mal durchquälte, finde ich es, von einigen wirklich witzigen Stellen abgesehen, eher ermüdend.

:hello:

JR


Ja! - und genau da habe auch ich mein Problem mit Herrn Mann. Seine Sprache ist häufig so selbstverliebt, da weiß jemand wie toll und subtil er erzählen kann und muß es dem Leser immer wieder vor Augen führen, ja ihn mit der Nase drauf stoßen. Allerdings geht es mir in den Schlußfolgerungen genau andersherum als Dir: ich kann das in narrativen Fingerübungen und kurzen Virtuosenstücken gut ertragen (deshalb mag ich den »Tonio« und insbesondere »Herr u. Hund« so gern), während ich es in den Romanen alsbald unerträglich finde.

Ganz herzlich,
Medard

Barockbassflo

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Samstag, 5. Januar 2008, 11:02

In der online-Ausgabe der NZZ ("www.nzz.ch) findet sich derzeit ein kurzer, völlig ohne kulturpessimistische Krokodilstränen auskommender Artikel von Manfred Koch über den Doktor Faustus und den neuen Kommentarband.

Allen Interessierten möchte ich ihn empfehlen.

:hello:
Flo
"Dekonstruktion ist Gerechtigkeit." (Jacques Derrida)

audiamus

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24

Dienstag, 8. Januar 2008, 09:20

Zitat

Original von Klawirr
Ja! - und genau da habe auch ich mein Problem mit Herrn Mann...


Dazu bin ich jüngst gestolpert über dies:



„Petrus fragte: ‚Wer klopft da ans Himmelstor?’
Es antwortete von draussen:
‚Es ist, wenn man, um einmal, was ja erlaubt scheint, einen volkstümlichen Ausdruck zu gebrauchen, so sagen darf, eine arme Seele, die den weiten Weg hierher unternommen hat.’
Da meinte Petrus: ‚Ah, Thomas Mann. Na, denn komm man rin!’“


Christian Strich, "Der Autorenabend"


[run] :angel: :angel: :angel:[/run]

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bubba

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25

Mittwoch, 9. Januar 2008, 01:05

Ih gestehe hiermit ganz naiv, uneloquent und auch bestimmt die interessante Diskussion hier in keiner Weise voranbringend - ich lese sie jedoch mit größtem Interesse - dass ich den Doktor Faustus innerhalb kürzester Zeit in der Lesung von Gert Westphal :jubel: angehört habe. Ein ungemein faszinierendes Buch, um mich kurz zu fassen.
:hello:
Das Frühstück ist ihm viel zuviel Zeremonie. Die ganze Lächerlichkeit kommt zum Ausdruck, wenn ich den Löffel in die Hand nehme. Die ganze Sinnlosigkeit. Das Zuckerstück ist ja ein Anschlag gegen mich. Das Brot. Die Milch. Eine Katastrophe. So fängt der Tag mit hinterhältiger Süßigkeit an.

Barockbassflo

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26

Mittwoch, 9. Januar 2008, 08:48

Zitat

Original von bubba
[...] und auch bestimmt die interessante Diskussion hier in keiner Weise voranbringend [...]


Lieber Bubba,

das würde ich aus der Perspektive des Threadstarters nicht sagen - mich interessiert es jedenfalls sehr, wieviele Taminos ein positives Verhältnis zum Faustus haben (genauso natürlich, wer ein negatives, unentschiedenes oder gleichgültiges Verhältnis hat), ob dieses Buch also tatsächlich immer noch ein Werk ist, an dem Klassikhörer sich abarbeiten oder eben nicht.

:hello:
Flo
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GiselherHH

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27

Mittwoch, 9. Januar 2008, 10:03

Lieber BBF,

ich fand es als Erfahrung interessant, dass mir - nach der lange zurückliegenden, nicht immer nur beglückenden Lektüre des Werkes - die letztes Jahr vom Hessischen und Bayerischen Rundfunk erstellte Hörspielfassung eine neue, zusätzliche Perspektive auf das Werk eröffnet hat. Obwohl natürlich - trotz fast 11 Stunden Dauer - inhaltlich (insbesondere bei der Zeitblomschen Rahmenhandlung) gekürzt werden musste, hat mir die akustische Umsetzung vor allem bei den Werkanalysen Wendell Kretzschmars sehr geholfen. Bei dem Vortrag über Beethovens "Hammerklaviersonate" spielte parallel zum Sprecher ein Pianist die entsprechenden Stellen und so wurde mir das, was mir damals an musikalischem Fachvokabular schwer verständlich erschien, nun plötzlich sinnfällig. Auch die raffinierte Einflechtung der für das Hörspiel komponierten Musik, die etwa das "Esmeralda"-Motiv oder Schwerdtfegers Violinkonzert nachvollzieht, ist ein besonderer Reiz. Oder, wenn sich im Teufelsgespräch die verschiedenen Inkarnationen (Kretzschmar, Kumpf, Schleppfuß usw.) mit den jeweiligen Sprechern abwechseln. Insofern war das Hörspiel für mich eine lohnende Ergänzung und Auffrischung der Lektüre.

:hello:

GiselherHH
"Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."

(Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

audiamus

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Mittwoch, 9. Januar 2008, 15:10

Liebe Faustus-Leser,

hier habe ich eine Frage zu einer Stelle im Roman, die mir NIE klar geworden ist.

In dem von GiselherHH angeführten Kapitel VIII, welches ich selbst jenen, die sich das Buch nicht in seiner Gänze antun möchten, nachdrücklich auch als isoliert lesbar empfehlen kann, geht es um den völlig in der Kunst aufgehenden Stotterer Wendell Kretzschmar.
Thomas Mann schildert eindringlich dessen schlecht besuchte, von sprachlichen Imponderabilien beeinträchtigte, doch hochoriginelle und am Piano illustrierte Vorträge zu verschiedenen Musikthemen, im Publikum stets die Jugendlichen Adrian und Serenus.

Einen gewissen Raum nimmt hierbei die detaillierte und, wie ich finde, reizende Wiedergabe eines Referates des Organisten ein, das sich mit der Frage beschäftigt, warum Beethoven zu Op.111 keinen dritten Satz geschrieben habe.
Kretzschmar kommt zu einer eigenen These: Das unschuldige, kleine Thema des Variationssatzes C-GG, D-GG, Mann verbalisiert es, neben „dim - dada“, „Him - melsblau“, „leb’ - mir wohl“, oder, als Hommage an Adorno, „Wie - sengrund“, erfahre am Ende, nach gewaltigen Abenteuern, eine kleine melodische Erweiterung zu C-Cis-D-G-G und, in Kurzfassung, mit diesem zwischengeschalteten, wehmütigen, tröstlichen, aber auch Abschied bescheidenden Cis habe Beethoven zu 111 - und der Sonate an sich - alles gesagt, was es noch zu sagen gäbe.

Auch für diese Mutation findet Mann verbale Entsprechungen: „o - du Himmelsblau“, „leb’ - mir ewig wohl“, „Alles - war nur Traum“, „nun ver - giss der Qual“ oder „grü - ner Wiesengrund“.

Doch gerade diese verstehe ich nicht.
Die Betonung in der Musik Beethovens liegt eindeutig auf dem Cis. Nicht jedoch in Manns Wortbeispielen.
Analog zur Partitur wären die Betonungen „oh DU Himmelblau“, „leb’ MIR ewig wohl“, „alLES war nur Traum, „nun VER - giss der Qual“ oder „grüNER Wiesengrund“. Also auf Silben, die selbst sterblichen Nicht-Thomas-Mannen und Frauen mehr als ungewöhnlich vorkommen sollten.

Wahrscheinlich bin ich nur zu blöd.
Aber wer kann’s mir erklären? Helfen Giselhers Tonbeispiele weiter?


Gruß,


audiamus

.

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Antracis

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Mittwoch, 9. Januar 2008, 15:28

Lieber Audiamus

Ich hab den Faustus vor vielen Jahren gelesen, op. 111 aber zufälliger weise gerade heute vormittag mal wieder gehört (Pollini), mich an Kretzschmars Erläuterungen erinnert, und just deshalb gerade in diesen Thread geklickt.

Ich befürchte jetzt, das ich Dich mißverstehe: Sind es nicht gerade die Betonungen auf "Du" und Mir", die sowohl in Partitur als auch im männlichen Text ihren Sinn kreuzen ? Zumindest in Verbindung mit dem Himmelsblau und dem Lebewohl ergibt das für mich durchaus einen Sinn - zu den sterblichen zähle ich sicher, Thomas Mann-Fanatiker ebenfalls - hoffentlich nicht auch dämlich. ;):D

:hello:
Sascha

audiamus

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Mittwoch, 9. Januar 2008, 15:39

Lieber Antracis,

das sind noch die beiden nachvollziehbaren. Aber bei "al-LES war nur Traum", „nun VER - giss der Qual“, "groß WAR Gott in uns" oder „grü-NER Wiesengrund“ steige ich aus.


audiamus


EDIT: "bleib MIR - hold gesinnt" bringt er auch noch.

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