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Alfred_Schmidt

Administrator

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Beiträge: 19 034

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1

Mittwoch, 18. August 2004, 00:29

Quo vadis Klassik ?

Hallo Forianer,

Wird "Klassische Musik" in unserere Zeit überhaupt noch wahrgenommen ?
Ich spreche hier nicht vom "Marktanteil, das ist eine andere Geschichte. Nein ich meine vielmehr, wenn man die diversen Foren durchforstet, dann findet man (manchmal) neben diversen anderen Gruppen sogar "Musik". Aha, denk man und schaut.
Da gibts wirklich allerlei. Es ist schon beachtlich wie viele Musikrichtungen die letzten Jahre hervorgebracht haben.
Klassik ? Fehlanzeige .
Dennoch gibt es genügend Nachwuchs, die Klassik-CD Abteilungen sind zumindest einigermaßen von Leuten aller Generationen frequentiert.
Aber trotzdem. Junge Leute die das gerne hören *rechtfertigen* sich gelegentlich sogar :D
Und die Zeiten wo Opernpremieren ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges waren
(24 Stunden anstellen vor der Wiener Staatsoper für eine Stehplatzkarte, wenn Karajan eine Premiere dirigierte) dürften wohl auf immer voerbei sein.

Wie sehr Ihr das ?


Gruß aus Wien

Alfred





[Dieser Beitrag wurde am 06.07.2004 - 00:59 von Alfred_Schmidt aktualisiert]

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

DorcyDuck

Anfänger

  • »DorcyDuck« ist männlich

Beiträge: 75

Registrierungsdatum: 10. August 2004

2

Mittwoch, 18. August 2004, 00:39

Alfred schrieb:

[zitat]
Da gibts wirklich allerlei. Es ist schon beachtlich wie viele Musikrichtungen die letzten Jahre hervorgebracht haben.
Klassik? Fehlanzeige.[/Zitat]

Das könnte daran liegen dass die Klassik ja schon etwas älter ist, also in den letzten Jahren nicht "erfunden" werden musste.
Wenn du willst, kann man aber auch sehen dass es in der Klassik neue Richtungen gibt: die Rückehr zur Tonalität fällt als erste ein, aber auch die Verschmelzung von Film- und ernster Musik. Neobarock u.ä. gab es früher auch nicht.
Gerade in völlig Themenfremden Foren (das Heise-Forum z.B.) überrascht mich immer wieder der relativ hohe "Klassikanteil".

Alfred schrieb:

[zitat]
(24 Stunden anstellen vor der Wiener Staatsoper für eine Stehplatzkarte, wenn Karajan eine Premiere dirigierte)[/Zitat]

Das liegt m.E. vor allem an den neuen Vertriebswegen - wenn man die Karte bequem per Internet (evtl. gar eBay!) erwerben kann, warum dann noch anstehen?

Jan

DarkSound

unregistriert

3

Mittwoch, 18. August 2004, 00:44

Ich möchte hiermit versuchen, diese Frage und wie sich die Situation aus meiner Sichtweise darstellt, zu beantworten.
Als (Hobby)musiker, welcher in unterschiedlichen musikalischen Formationen (Brassensemble, Kammermusikensemble, sinfonisches Blasorchester bis hin zum Kirchenorchester) tätig ist, komme ich auch mit vielen verschiedenen Menschen, darunter einer Menge junger Leute zusammen.
Ich teile Alfreds Meinung, es gibt zum Glück Nachwuchs, aber Jugendliche im Alter von 13 bis 17, welche sich der klassischen Musik verschrieben haben, sind eher Ausnahme denn Regel.
Und die sind dann – hauptsächlich – unter den Streichern, PianistInnen, etc. zu suchen.

Eine Beobachtung mache ich jedoch immer wieder: es gibt gewisse Schlüsselmomente (nur als ein Beispiel: das Spielen des Scherzo aus Bruckners 4. im sinf. Blasorchester), welche bei den jungen Leuten ein Aha – Erlebnis auslösen. Die wollen dann mehr wissen von diesem Werk, mehr von diesem Komponisten, usw.
Eine Feuerwerks- oder Wassermusik gefällt jedem/jeder, ich kenne niemanden, der sich vor solchen Werken verschließt, ebenso vermag – wieder nur als Beispiel – Suppés „Leichte Kavallerie“ sofort zu begeistern.
Die Liste ist lange, beinahe jede/r Nichtmusiker kennt den Hochzeitsmarsch aus „Ein Sommernachtstraum“.
Direkt gefragt, antworten die Menschen mit Begeisterung, wenn man weiter ergründen will, stößt man schnell auf Misstrauen bzw. blocken viele ab, da sie IMHO Angst haben, sich als „Nichtkenner“ zu outen.
Manche würden sich u.U. sofort CD’s kaufen, wissen aber nicht, „was sie da letzte Woche bei der Hochzeit, dem Konzert, usw.“ gehört haben, wissen nicht, wonach sie suchen sollen.
Kaufen dann – wenn’s hochkommt – „Diegroßeallesumfassendesupersammelbox“ der klassischen Musik.
Für viele mag dies ausreichend sein, dagegen ist auch gar nichts zu sagen.
Ein anderer Grund könnte sein, dass vielen Leuten „Sinfonische Riesenschlangen“ vom Schlage Mahler,etc., viel zu anstrengend, ja suspekt sind. Sie wollen einfach etwas leichter unterhalten werden – sagen sie.
Eigenartigerweise sitzen diese dann aber mit mir im Orchester (oder leiten es !!!) und proben das neue 40minütige Machwerk des Zeitgenossen xyz, das ach so toll ist, weil darin wassergefüllte Gläser und ein Didgeridoo (nur als Beispiel, ich greife keinen Komponisten persönlich an !), vorkommt. Die schrägsten Akkorde und garstigsten Dissonanzen werden plötzlich hingenommen, als wäre dem zu lauschen wie Eine Kleine Nachtmusik...ja sogar die Jungmusiker finden das „cool“!

Ich für meinen Teil stehe jedes Jahr ein- zweimal für 2 bis 3 Stunden an, um Stehplatzkarten der Wiener Philharmoniker zu ergattern.
Auch für andere Orchester, wenn auch die Stehzeit hierfür manchmal kürzer ist.
Und was mir da gefällt, sind die Jugendlichen, die es mir gleichtun.

Noch etwas: viele (auch professionelle) Musiker nennen oftmals nur eine sehr bescheidene CD – Sammlung ihr Eigen. Eine hochwertige (ich meine damit nicht hochpreisige) HiFi – Anlage besitzen sie auch nicht zwingend.
Aber die Liebe zur Musik, welche sie spielen, überträgt sich zu 99,9% auch auf die Kinder !

Ist der Stellenwert der klassischen Musik am Schwinden ? Vermutlich, wenn man es im Verhältnis zu anderen Stilrichtungen betrachtet.
Jazzfans stellen sich evtl. auch öfters diese Frage.
Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, und wenn ich sehe, dass es in meinem Bekanntenkreis einen Menschen gibt dem man nur etwas auf die Sprünge helfen müsste, dann erlaube ich mir, dies zu tun.
Jedoch: mit Nachdruck versuche ich sicher niemanden zu bekehren...

Grüße aus OÖ,

DS

Theophilus

Administrator

  • »Theophilus« ist männlich

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4

Montag, 6. Dezember 2004, 17:10

Weil man sich, wie geschrieben, in der Regel für Stehplatzkarten anstellt. Die gibt es nicht im Internet. Als in den 70ern HvK nach rund einem Jahrzeht Abwesenheit erstmals an die WSO zurückkam (ich glaube Trovatore und Figaro), kamen die ersten Fans drei Tage vor der ersten Vorstellung! (Da wurde natürlich beim Warten abgewechselt, aber auch in der Nacht der Platz nicht verlassen). Der letzte mir bekannte Ansturm war für die legendäre Rosenkavalier-Serie von Carlos Kleiber, wo die Leute auch vor der Oper übernachteten.
Ich glaube jedoch, dass diese Zeiten bis auf Weiteres vorbei sind. Ich wüsste jedenfalls derzeit keinen Künstler, für den ich derartige Strapazen auf mich nehmen würde.

Ciao

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

reklov29

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5

Montag, 13. Dezember 2004, 22:59

Quo vadis Klassik ?

Hallo,

meiner Ansicht nach hat jedes Jahrzehnt seine Zuläufe und Abgänge von Klassikfans.
Die heutige Zeit beschehrt den jugendlichen vielmehr Zerstreuung als noch vor 30-40 Jahren.

Umso vielversprechender sind die gegründeten Musikschulen in den letzten Jahren anzusehen....
Der Zulauf an Jugend ist überragend.... die gegründeten Jugendsinfonieorchester mit hohem Leistungs-
stand und stehend im Wettbewerb untereinander auf Kreis- Länder- und Bundesebene birgt ein
unerschöpfliches Reservoir an neuen Klassikfreunden.....
Ich sehe hier nicht so schwarz für die Zukunft......

Ein treffendes Beispiel erfolgte vor ein paar Tagen hier im Raum Ostwestfalen.... ein hiesiges Stadttheater wird total umgbaut und innen Entkernt....
geboten wurde in den Trümmern bei einer Eiseskälte vor Ort.... Schuberts Winterreise....
die Sänger traten in Pelzmänteln auf.... die 2 Flügel wurden an verschiedenen Stellen platziert....
die Gesangssolisten begegneten sich Kommend und Singend aus verschiedenen Richtungen.....
eine spektakuläre Aufführungsform begeisterte alle.... Besucher... überwiegend Jugend.....!!!

Oder ein anderes Beispiel: in den U-Bahn-Zugängen spielte im Sommer das Sinfonie-Orchester den
Räumlichkeiten entsprechend, Zeitgenössische Musik... der Erfolg war überwältigend.... Zulauf von
Jugend... die begeistert den Heimweg antraten....

Heute muss alles ein wenig spektakulärer dargeboten werden, um den Nachwuchs für die Klassik zu
inspirieren......

Viele Sonntagsmatineen in der Oetkerhalle werden speziell von dem hiesigen Sinfonieorchester
auf die Kinder und Jugendlichen ausgerichtet... z.B. Peter und der Wolf von Prokofieff... etc.
Der Zulauf lässt keine Wünsche offen...

Nicht unerwähnt lassen möchte ich den Hinweis auf die Berliner Philharmoniker, die jeden Sommer
in der Waldbühne dort vor 25.000 Zuhörern auftreten mit ihrem Sommerkonzert... Besucher...
Familien mit Kind und Kegel.....!!!!

Herzliche Grüße aus Spenge
reklov29
Bach ist so vielfältig, sein Schatten ist ziemlich lang. Er inspirierte Musiker von Mozart bis Strawinsky. Er ist universal ,ich glaube Bach ist der Komponist der Zukunft.
Zitat: J.E.G.

Maik

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6

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 11:33

Hallo allerseits,

ich denke auch, dass klassische Musik in unserer Zeit noch wahrgenommen wird.
Die Frage ist nur, wie man letztlich damit umgeht. Man wird vieler Orts damit konfrontiert oder anders gesagt, man wird mit ihr in Berührung gebracht.
Durch das zahlreiche und vielseitige Musikangebot hat doch jeder die Wahl. Ich bin mir sicher, ich könnte nicht einmal alle Richtungen aufzählen, die es gibt. Weil mich eigentlich fast alle nicht ansprechen. Es gibt sicherlich innerhalb dieser Gruppen Ausnahmen, aber der überwiegende Teil lässt mich kalt, interessiert mich einfach nicht.
Und genau das gleiche wird mit der klassischen Musik für andere sein. Es sind vielleicht alt bewerte Stücke oder auch einmal was ausgefallenes, was man toll findet und kennt, aber es ist letztlich sehr oberflächlich und man verspürt einfach kein Verlangen, tiefer in diese Materie einzudringen.

Bei der Jugend wird es zum größten Teil so sein, dass sie sich an dem modernen Musikangebot bedient.
Es ist wie mit der Mode - immer auf dem aktuellstem Stand sein und nicht hinterher hinken. Da Jugendliche vielleicht keinen Bezug zur klassischen Musik haben, weil diese schon vor etlichen Jahren entstanden ist und auch die Künstler (Komponisten) nicht mehr leben, fehlt ihnen das menschliche Idol, welchem man zujubeln kann. Welches man live erleben kann.
Da ist es doch ganz anders bei der heutigen Musik - die Künstler sind noch da und man hat Gelegenheit ihnen nahe zu kommen.
Das fehlt manchen wahrscheinlich.


Natürlich gibt es auch positive Entwicklungen, wie sie ja schon beschrieben wurden.
Es gibt also auch andere Verhaltensweisen beim Kontakt mit klassischer Musik.
Sicherlich etwas mehr, wenn man sie selbst fabriziert/musiziert, aber auch als 'normaler' Jugendlicher' ist es möglich, dass einem diese Musik gefällt und man sich intensiver mit ihr auseinandersetzt - das mir am nächsten stehende Beispiel wäre ich selbst.


Ich denke die Klassik ist sicherlich nicht die im Allgemeinen beliebteste oder höchst angesehene Gattung, aber dennoch sicher nicht auf einem absteigenden Ast!


Gruß, Maik
Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.

Sirach 32, 7

Ulli

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7

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 12:12

Zitat

Original von Maik
Da Jugendliche vielleicht keinen Bezug zur klassischen Musik haben, weil diese schon vor etlichen Jahren entstanden ist und auch die Künstler (Komponisten) nicht mehr leben, fehlt ihnen das menschliche Idol, welchem man zujubeln kann. Welches man live erleben kann.
Da ist es doch ganz anders bei der heutigen Musik - die Künstler sind noch da und man hat Gelegenheit ihnen nahe zu kommen.
Das fehlt manchen wahrscheinlich.


Salut,

das könnte vielleicht einer von vielen Gründen sein. Aber auch heute singt und spielt nicht jeder Pop-Komponist seine Werke selbst, sondern bleibt als Schöpfer im Hintergrund. "Verehrt" werden die ausführenden Gruppen und SängerInnen. Dies wäre bei der Klassischen Musik ebenfalls möglich, indem man nicht die Komponisten [welche schon längst unter der Erde], sondern die ausführenden Gesangssolisten und Ensembles umjubelt...

?(

Interessant wäre, was wohl passieren würde, wenn Michael Jackson oder irgendwelche heute sehr viel bekanntere und beliebtere Pop-Künstler urplötzlich umswitchen und nur noch Klassische Musik präsentieren würden.

Hätte dies ggfs. Einfluß auf die jugendlichen Konsumenten? Meiner Meinung nach JA, denn die Pop-Künstler werden ja unter anderem auch als Botschafter eingesetzt bzw. tun dies freiwillig, wenn es z.B. um Antidrogenkampagnen, Umweltschutz und dergl. geht...

LG
Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

Maik

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8

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 12:23

Hallo Ulli,


es stimmt, man kann es auch so sehen, dass es letztlich ein gewisser Personenkult um die Ausführenden ist.
Vielleicht sollte man aber dabei auch den Unterschied zu vielen klassischen Werken beachten.
Natürlich gibt es reichlich Solokonzerte, aber bei Symphonien etc. ist es eine viel größere Gruppe oder Personenanzahl, die umjubelt werden müsste.
Bands bestehen doch meistens aus 4 oder etwas mehr Mitgliedern, aber viele sind Solosänger...Es könnte so sein (vielleicht ist es ja auch so), dass es letztlich wirklich nur um die Ausführenden geht, die angehimmelt werden. Vielleicht weil dieser und jene einfach total süß aussieht. Das hört man doch oft in den Nachrichten oder so, dass die kreischenden Mädchen (ich weiß gar nicht ob es solche Fälle auch bei männlichen Wesen in solchem Ausmaße gibt!?) Liebesbotschaften übermitteln.
Erst vor kurzem habe ich in den Nachrichten solche Mädchen sehen und hören dürfen. Zum einen bei dem R.Williams Konzert im Velodrom hier in Berlin. Aber auch bei der sehr jungen Band Tokio Hotel (ich bin mir nicht einmal sicher, ob sie wirklich so heißen...). Da sprechen sie aus, dass sie total in den und den aus der Band verliebt sind und deshalb stehen sie hier, kreischen und weinen...

Persönlich finde ich das albern...Aber gut. Ich stecke nicht in deren Körper.


Aufgrund dieses überwiegenden Personenkultes kann ich dir schon zustimmen, dass es möglich wäre, dass die Fans ihrem Idol folgen würden, egal was er macht. Denn was er macht ist toll und modern! Er ist einfach klasse und wir halten treu zu ihm...



Gruß, Maik
Wie ein Rubin auf einem Goldring leuchtet, so ziert die Musik das Festmahl.

Sirach 32, 7

Theophilus

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9

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 13:35

Salut

Zitat

Dies wäre bei der Klassischen Musik ebenfalls möglich, indem man nicht die Komponisten [welche schon längst unter der Erde], sondern die ausführenden Gesangssolisten und Ensembles umjubelt...

Du brauchst nur die entsprechenden Threads (und die Zeitungen) durchlesen, was als Reaktion darauf folgt, wenn das wirklich passiert (Stichwort Netrebko und Villazón).

Da kann man gar nicht so schnell schauen, wie die Erbsenzähler und Sauertöpfer plötzlich hervorgekrochen kommen. Denn so etwas schickt sich nicht in der klassischen Musik!

:stumm: :stumm: :stumm:
:D :D :D

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Ulli

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10

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 13:50

Salut,

ich meine, es ist untragbar, die ausübenden Künstler nur noch als schlechte Werkzeuge zu degradieren. "Sich [nicht] schicken" finde ich da viel zu harmlos. :kotz:

Sogar die Komponisten traten teilweise vor den Leistungen "ihrer Opfer" zurück oder stampften sie in Grund und Boden. Eine noch so grandiose und schwierige Koloratur ist schnell "erfunden" - aber umgesetzt?

Dabei ist der Name der KünstlerIn nicht massgebend, sondern Geschmacksache.

LG
Ulli
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(Vincenzo Geilomato Hundini)

SMOB

Profi

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11

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 13:58

Zitat


Salut

Zitat:
Dies wäre bei der Klassischen Musik ebenfalls möglich, indem man nicht die Komponisten [welche schon längst unter der Erde], sondern die ausführenden Gesangssolisten und Ensembles umjubelt...

Du brauchst nur die entsprechenden Threads (und die Zeitungen) durchlesen, was als Reaktion darauf folgt, wenn das wirklich passiert (Stichwort Netrebko und Villazón).

Da kann man gar nicht so schnell schauen, wie die Erbsenzähler und Sauertöpfer plötzlich hervorgekrochen kommen. Denn so etwas schickt sich nicht in der klassischen Musik!

stumm stumm stumm


Dieses Verhalten ist doch genau richtig. Personenkult ist mir ein Graus. So lange die musikalischen Fähigkeiten gelobt werden, ist das ja voll in Ordnung, aber wenn es um das Aussehen geht hört es doch auf.

Aber mit den damaligen Karajangeschichten fängt es schon an. Da geht es doch oft wenig um die Musik selber. Dabei zu sein war IN MODE und TRENDY.

Allerdings würde es wohl nur einen richtigen Klassikboom wieder geben, wenn man die jungen Menschen mit Personenkult bedient (siehe d. Geschichte).

Dann lieber in Ruhe Klassik genießen.
"Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten" Gustav Mahler

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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12

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 14:37

Ich mag Starrummel auch nicht (insbesondere bin ich nicht der Ansicht, dass er wichtig für das Überleben oder Ansehen klassischer Musik ist). Aber es gibt ihn seit dem 18. Jhd. und in einem Medienzeitalter ist er schon gar nicht zu vermeiden. Solange keine Nichtsänger wie Charlotte Church oder Helmut Lotti gepusht werden, kann ich damit leben.
Das Aussehen finde ich für die Opernbühne jedoch überhaupt nicht unwichtig: eine häufige Schizophrenie "konservativer" Opernfreunde ist bekanntlich, dass auf einer orignalen zugigen Montmartre-Mansarde bestanden wird, aber Mimi von der jungen hübschen, schwindsüchtig wirkenden Senora Monströserrat Caballé gegeben wird (was die Möglichkeiten der Personenregie auf Standbein-Spielbein-Wechsel reduziert :D) Also abgesehen von der Mansarde quasi-konzertant :D

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Theophilus

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Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

13

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 14:54

Hi SMOB

Zitat

Original von SMOB

Zitat


Salut

Zitat:
Dies wäre bei der Klassischen Musik ebenfalls möglich, indem man nicht die Komponisten [welche schon längst unter der Erde], sondern die ausführenden Gesangssolisten und Ensembles umjubelt...

Du brauchst nur die entsprechenden Threads (und die Zeitungen) durchlesen, was als Reaktion darauf folgt, wenn das wirklich passiert (Stichwort Netrebko und Villazón).

Da kann man gar nicht so schnell schauen, wie die Erbsenzähler und Sauertöpfer plötzlich hervorgekrochen kommen. Denn so etwas schickt sich nicht in der klassischen Musik!

stumm stumm stumm


Dieses Verhalten ist doch genau richtig. Personenkult ist mir ein Graus. So lange die musikalischen Fähigkeiten gelobt werden, ist das ja voll in Ordnung, aber wenn es um das Aussehen geht hört es doch auf.

Aber mit den damaligen Karajangeschichten fängt es schon an. Da geht es doch oft wenig um die Musik selber. Dabei zu sein war IN MODE und TRENDY.

Allerdings würde es wohl nur einen richtigen Klassikboom wieder geben, wenn man die jungen Menschen mit Personenkult bedient (siehe d. Geschichte).

Dann lieber in Ruhe Klassik genießen.


Deine idealistische Sicht der Dinge in Ehren, aber sie führt uns nirgendwo hin. Klassische Musik ist ein Markt, der finanziert werden muss. Wenn dies nicht geschieht, verschwindet er von der Bildfläche.
Finanziert wird er in erster Linie durch Kaufen von Tonträgern, aber um das Werkl am Laufen zu halten, brauchst zu Akzente, die die Leute immer wieder zum Kaufen ermuntern. Stars sind das beste Schmiermittel, um den Klassikmarkt am Leben zu erhalten, ob es dir gefällt oder nicht.

Es läuft im Moment eine sehr seltsame Entwicklung. Die meisten großen Stars der letzten Jahrzehnte sind uns weggestorben oder in schon fortgeschrittenem Alter. Es wäre also mehr als genug Platz für neue, junge Stars. Seltsamerweise werden aber potentielle neue Stars in der Öffentlichkeit oft mehr gebremst als gefördert und da in unserer schnelllebigen Zeit langsam aufgebaute Karrieren fast unmöglich sind, muss ein junger Künstler entweder ganz schnell hochkommen, oder er ist weg vom Fenster. Daher fallen einem auch für die letzten ca. 25 Jahre viel mehr abgewürgte als erfolgreich verlaufene Karrieren ein. Es ist ein rechter Teufelskreis.

Ich muss auch Maik ein wenig dämpfen. Natürlich wird Klassik auch heute noch wahrgenommen, es fragt sich nur, von wem noch außer uns? Man müsste die Statistiker zu Wort kommen lassen, aber eine grobe Vorstellung kann ich aus dem Gedächtnis vermitteln.
Vor 40 Jahren lag weltweit der Klassikanteil bei verkauften Tonträgern in der Gegend von 20%, heute bei etwa 5%! Wenn die Entwicklung so weitergeht - und leider spricht nichts dagegen - brauchst du keinen Taschenrechner sondern nur deine zehn Finger, um dir auszurechnen, wann die großen Medienkonzerne die Klassik fallen lassen werden wie eine heiße Kartoffel, und wir nur mehr durch rührige Kleinlabels oder große kleine wie Naxos versorgt werden.

Eine andere Betrachtungsweise: in den letzten vierzig Jahren hat sich die Weltbevölkerung fast verdoppelt. Das Fassungsvermögen der Opernhäuser hat sich nicht nennenswert geändert, bei Konzertsäälen schaut es etwas besser aus, aber ich glaube nicht, dass 10% Zuwachs überschritten wurden. Andere musikalische Events werden in großen Stadthallen mit einem Vielfachen an Fassungsvermögen abgehalten, oder gar in Stadien mit zigtausend Zusehern. Der Anteil an Klassikhörern schmilzt und damit auch die Bereitschaft, Klassik zu subventionieren. Was glaubst du, wie lange Opernhäuser noch subventioniert werden? Nur solange, als die Politiker der Meinung sind, damit außer einem wohlklingenden Kulturauftrag auch noch anderen Interessen dienen zu können. Dazu brauchen sie aber Konsumenten, die Klassik überhaupt noch positiv wahrnemen. Und um möglichst viele Leute aktiv an Klassik zu erinnern, brauchst du - STARS. Es geht nicht anders, zumindest ist noch keinem ein anderes gangbares Rezept eingefallen.

Wenn du diesen Mechanismus negierst, sägst du selber den Ast ab, auf dem du sitzt... ;)
Allerdings hast du in deinem vorletzten Satz ohnehin etwas sehr Richtiges geschrieben. Du willst dich nur nicht mit der sich daraus ergebenden Konsequenz anfreunden.

Ciao

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SMOB

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14

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 15:21

Zitat


Vor 40 Jahren lag weltweit der Klassikanteil bei verkauften Tonträgern in der Gegend von 20%, heute bei etwa 5%! Wenn die Entwicklung so weitergeht - und leider spricht nichts dagegen -



Ich weiß immer gar nicht so genau, warum es keine Klassikbegeisterung gibt hier in Deutschland oder auch in anderen Ländern. Aber ein Aspekt spielt schon eine Rolle: Die klassische Musik ist ihnen kaum bekannt. Sie bekommen höchstens in der Werbung mal einen Fetzen zu hören. Natürlich tickt jeder Mensch anders, aber es muss doch auch einen gemeinsamen Nenner geben.

Ich denke schon, dass man viele Menschen für klassische Musik begeistern könnte. Ich will keine Lehrer kritisieren, aber in der Schule ist die Erfolgsquote nicht sonderlich hoch. Bei mir haben meine Eltern mit ihrer Begeisterung eine große Rolle gespielt, auch wenn sie leider nur die Sachen gespielt haben, die mir kaum zusagen. Aber wenigstens haben ab und an auch guten Geschmack bewiesen und so hab ich den Einstieg geschafft. Obwohl ich letztenendes durch ein Buch auf die Goldbergvariationen kam, welche ich mir aber auch bestimmt erst mal 5 Mal anhören musste, um mich richtig für sie zu begeistern. Also es dauert schon seine Zeit und man muss sich darauf einlassen, ohne sich gleich zu überfordern. Das ist bloß im Schulunterricht schlecht möglich. X(
Irgendwie muss man an die Leute kommen und Ihnen verschiedene Musik anbieten, von der sie sich dann was raussuchen können. Da müsste man sich mal was Gscheites ausdenken. :rolleyes:
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Maik

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15

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 15:22

Hallo Theophilus,


Zitat

Ich denke die Klassik ist sicherlich nicht die im Allgemeinen beliebteste oder höchst angesehene Gattung, aber dennoch sicher nicht auf einem absteigenden Ast!


du hast dich sicher auf diesen Satz bezogen.
Allerdings habe ich nirgends bemerkt, dass ich den von dir beschriebenen Mechanismus negiere - also säge ich mir doch nicht den Ast ab.

Ich habe anfangs geschrieben, dass die Klassik wahrgenommen wird, nur verschieden damit umgegangen wird.
Konsumieren ist hierbei etwas anderes. Das ist ein Prozess, den ich nur ganz leicht angeschnitten habe. Nämlich das oberflächliche 'Interesse' (eigentlich sollte man es nicht Interesse nennen - es ist eher wie: Ach ja, das Forellenquintett ist auch ganz nett.).
Solche Einstellungen bringen der Klassik an sich gar nichts, besonders nicht wenn es um Verkaufszahlen geht. Mir ging es bei diesem Beispiel darum, wie manche Klassik wahrnehmen.

Zitat

Original von Alfred
Ich spreche hier nicht vom "Marktanteil, das ist eine andere Geschichte.


Alfred hatte auch eigentlich schon erwähnt, dass es ihm hier nicht um den Markt geht, der, wie du uns ja deutlich geschildert hast (auch wenn ich mir darüber im Klaren bin), eine wichtige und entscheidende Rolle spielt. (Genauso wie Marketing und natürlich das promoten der Stars.)


Noch einmal zu meinem Satz.
Denn du hast ja gesagt, ich wolle mich nicht mit der sich daraus ergebenden Konsequenz anfreunden.
Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass es nicht rosig aussieht.
(mir ist eben aufgefallen, dass du recht hast - ich will mich nicht wirklich damit anfreunden :rolleyes: ich glaube jetzt brauche ich dir in dem Punkt nicht zu widersprechen ;) )

Es sieht wahrlich nicht gut aus. Ein Grund mehr, hier eine starke Plattform für die klassische Musik zu schaffen! Denn letztlich kann doch auch ein starkes Tamino-Forum für Werbung sorgen.


Und vielleicht sollten wir aufhören zu sparen und kaufen, kaufen, kaufen :D


Gruß, Maik
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Sirach 32, 7

Maik

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16

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 15:33

Hallo SMOB,

Zitat

Ich denke schon, dass man viele Menschen für klassische Musik begeistern könnte. Ich will keine Lehrer kritisieren, aber in der Schule ist die Erfolgsquote nicht sonderlich hoch.[...] Obwohl ich letztenendes durch ein Buch auf die Goldbergvariationen kam, welche ich mir aber auch bestimmt erst mal 5 Mal anhören musste, um mich richtig für sie zu begeistern. Also es dauert schon seine Zeit und man muss sich darauf einlassen, ohne sich gleich zu überfordern. Das ist bloß im Schulunterricht schlecht möglich. X(
Irgendwie muss man an die Leute kommen und Ihnen verschiedene Musik anbieten, von der sie sich dann was raussuchen können. Da müsste man sich mal was Gscheites ausdenken. :rolleyes:


also es gibt auch Ausnahmen. Denn ich bin letztlich durch den Schulunterricht zur klassischen Musik gekommen.
Dennoch stimme ich dir zu, dass die Erfolgsquote nicht sonderlich hoch ist...

Du sprichst einen ganz entscheidenden Aspekt an.
Heute sind doch (fast) alle Menschen bequem und faul geworden. Niemand will sich überanstrengen und sich in seiner Freizeit mit Dingen beschäftigen, die ihn belasten oder überfordern könnten.
Warum sollten sie sich für schwere Sachen entscheiden, wenn sie es doch auch leicht haben können!? Weshalb sollten sie sich mühen, einen Zugang zur klassischen Musik zu finden, wenn sie doch auch so schon glücklich mit POP oder Ähnlichem sind.

(Es sind natürlich nicht alle! Aber dies lässt sich sicher auf den Großteil der Deutschen (speziell diese) und auch andere Nationen übertragen.)

Also, um es mit deinen Worten zu sagen: Sie wollen sich aus Bequemlichkeit nicht auf Herausforderungen einlassen.


Gruß, Maik
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Sirach 32, 7

Theophilus

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17

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 15:34

Hallo Maik,

ich bezog mich in meinem Statement rein auf die Aussage von SMOB. Der kurze Sidestep zu dir bezog sich nur auf den Satz

Zitat

ich denke auch, dass klassische Musik in unserer Zeit noch wahrgenommen wird.
und deine zwar löbliche, in der Realität aber wahrscheinlich etwas zu positive Einschätzung der Lage...

Ciao

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SMOB

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18

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 15:56

Hallo Maik,

es kann schon sein, dass die Gesellschaft immer hedonistischer wird.

Dazu würde auch dieser Artikel passen:

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,379975,00.html

Irgendwie muss klar werden, dass von nichts nichts kommt und dass schon etwas dran ist am Stufengedicht von Hesse. Aber das passt kaum in den Zeitgeist.
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Alfred_Schmidt

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19

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 16:04

Ahhh,
Endlich mal wieder am Thema !!! :D


Als erstes möchte ich, was ich sonst nur ungern tue, Theophilius widersprechen:

Nach meinem Wissensstand war der Klassikantei NIEMALS 20 %,
Er lag nur unwesentlich höher als heute, wobei wir uns die Frage stellen müssen, wonach wir den Klassikmark beurteilen:

a) Nach Stückzahlen
b) Nach Geld

Ich gehe davon aus, daß die Stückzahlen in den letzten Jahren eher nach oben gegangen sind, wer konnte sich vor 40 Jahren schon 10 Gesamtaufnahmen von Beethovens Sinfonien leisten ? Abgesehen davon, daß gar nicht so viele interessante Einspielungen existierten. - im Gegensatz zu heute.

Klassik, ich erinnere mich genau, galt damals als "Langsamdreher" der aber sehr langlebig war (diese Theorie hat sich ja bewahrheitet, noch heute lebt beispielsweis DGG von Karajans Beethoven Zyklus Nr 1 in Stereo aus den 60ier Jahren.)

Aber genau hier liegt die Crux: Man will Klassik den Regeln der U-Musik unterwerfen, und das meine Herren in den Vorstandsetagen der Tonträgerindustrie geht nicht. Klassik ist keine Ware wie jede andere und die Klientel ist mehr als mimosenhaft heikel und kaum berechenbar. Als Betreiber eines Forums für klassische Musik muß ich das doppelt unterstreichen !!! :D :D :D
Aber der Kunde ist treu. Wem er einmal das Vertrauen geschenkt hat, dem lässt er es auch.
Micht der Klassikmarkt ist eingebrochen (zumindest nicht mehr als andere Märkte, sondern die Erwartungen waren einfach zu hoch.
Wenn mann im U-Bereich ein halbnacktes Mädchen, oder einen derartigen Burschen blöde in die Kamera blicken lässt, - dann ist das für den Verkauf des Produktes, das sie repräsentieren, zumeist genug - ob sie jetzt nicht singen oden nicht spielen können - das bleibt sich gleich- Das Produkt verkauft sich. Zumiindest einige Wochen dauert es bis das kritisch hinterfragt wird - Dann ist zumeist die erste Auflage verkauft - und man wendet sich neuen Stars zu.

Genau DAS funktioniert im Klassikbereich jedoch NICHT. Der Klassikkunde ist im allgemeinen intelligen und kritisch, dazu nicht gerade entschlußfreudig. Er will ausloten, ob sich der Kauf lohnt, er hat (in Gegensatz zu modernen U-Stilrichtungen) die Wahl des Interpreten.
Bis es da zu größeren Käufen kommt, ist die CD zumeist gestrichen.

Aber eine gewisse Einbuße an Klassik und Kultur gibt es DERZEIT schon.
Ich orte die Ursache darin, daß die "Opinion-Leader" und etliche Mächtige an den "Schalthebeln der Wirtschaft" und der öffentlichen Meinung ganz einfach unintelligent sind. Daraus resultiert das derzeitige Bild unserer Welt. -Aber das wird sich eines Tages ändern.

Nach Geld sind sicher durch den enormen Preisverfall bei CDs Einbußen zu verzeichnen. Man wollte damit die Stückzahlen hochschrauben - und hat bis heute nicht erkannt, daß das nicht funktioniert.

Es ist so als wollte ich durch Senkung de (nicht existierenden !!) Mitgliedsbeitrags des Tamino Klassikforums um 90 % dessne Mitglieder verzehnfachen :D :D - das klappt einfach nicht. Umgekehrt kann das Preisniveau auch nicht wieder angehoben werden - weil die meisten Firmen nicht die Rücklagen haben einen allfälligen Kaufboykott von Seiten der Konsumenten zu überleben.
So hat man sich aus Unkenntnis der Produkte die man verkaufen will, und (noch mehr) ihrer Kunden (das Wort Konsument ist hier fehl am Platz) in eine nahezu aussichtslose Situation hinein manövriert....

Kommen wir zum IMAGE der klassischen Musik. Maik hat völlig richtig erkannt, daß Tamino hier um eine Verbesserung bestrebt ist - und sie auch erreicht. Nach Maßstäben heutiger Konzerne wäre das Projekt aber schon gescheitert: Alles was nicht mindestens 10 Millionen Konsumenten(hier passt das Wort wieder) in wenigen Tagen bis Wochen zum Kauf motivieren kann ist für sie uninteressant .
Klassische Musik als Opfer des Turbokapitalismus.
Der ist aber - auch wenn es manche noch nicht wahrhaben wollen - längst ein Auslaufmodell.........

Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

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Ulli

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20

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 16:35

Zitat

Original von MaikWarum sollten sie sich für schwere Sachen entscheiden, wenn sie es doch auch leicht haben können!? Weshalb sollten sie sich mühen, einen Zugang zur klassischen Musik zu finden, wenn sie doch auch so schon glücklich mit POP oder Ähnlichem sind.


Salut,

Klassik ist nicht immer "schwer" - es gibt genügend Beispiele von Werken, die man genausogut als "U-Musik" hören könnte, auch wenn sich jetzt einige aufregen werden. Man kann Klassische Musik genauso nebenbei beim Bügeln dudeln lassen, wie andere Musik. Es ist niemand verpflichtet, sich über Komponist, Werk, Instrumentation zu infomieren bzw. sich damit auseinander zu setzen, man kann Klassik auch einfach so hören und/oder genießen.

Andersherum: Wenn das Hören von Pop-Musik verbindlich an eine Werkauseinandersetzung geknüpft wäre, würde es hier "auch" weniger Interessenten geben.

Ich denke nach wie vor, dass "Klassik" bei der heutigen Jugend als altbacken verpönt ist, den Benimmregeln gleichgestellt, die man ja auch nicht mehr beachtet. :stumm: Natürlich betrifft das nicht alle, aber doch gelinde gesagt einige viele.

Ich bin gespannt, wann es ein Pop-Forum geben wird, welches mit dem Niveau auch nur des schlechtesten Klassikforums mithalten kann... [hoffentlich habe mich mich nicht zu weit aus dem Fester gelehnt].

Der Thread-Titel ist eigentlich zu fade... er sollte er "Quo vadis Kunst" heißen. Wenn ich nun behaupte, dass POP-Musik keine Kunst ist, bekomme ich gleich wieder eine Ohrfeige... ich sehe das einfach mit den Augen der ignoranten Jugend, welche nämlich selbst aus ihrer Musik ein Konsumgut macht und die bildende Kunst - hier ist egal, ob modern oder altbacken - stets verschandaliert, d. h. mit Graffitis besprüht etc.

Wenig rühmlich geht die Welt zugrunde...

LG
Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
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Theophilus

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21

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 16:55

Hallo Alfred,

ich habe keine exakten Zahlen zur Hand, bin mir aber sicher, dass ich in den Relationen ziemlich richtig liege. Also wird deine Aussage, dass sich der Klassikanteil nur geringfügig gesenkt hat, auf jeden Fall falsch sein. Dass du dich auch bezüglich der Stückzahlen gewaltig geirrt hast, bezeugt ein Ausschnitt eines aktuellen Interviews mit einem deutschen DGG-Manager:

Zitat

Kellersmann: Dieses Konzept entstand im Jahr 1999 und war getrieben von erschreckenden Zahlen. Seit 1994 gab es einen Rückgang des Klassik-Marktanteils am Gesamtmarkt um 25 Prozent. Noch dramatischer war, dass sich der Verkauf von Klassik-Tonträgern von 1994 bis 2003 halbierte - von 20,1 Millionen auf exakt 10,1 Millionen Einheiten. Mit anderen Worten: Im Jahr 2003 gab es 50 Prozent weniger Klassik-Käufer als im Jahr 1994. Es musste etwas passieren. Und zwar dringend.

Ciao

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GiselherHH

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22

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 17:23

Zitat

Original von Theophilus

Zitat

Kellersmann: Dieses Konzept entstand im Jahr 1999 und war getrieben von erschreckenden Zahlen. Seit 1994 gab es einen Rückgang des Klassik-Marktanteils am Gesamtmarkt um 25 Prozent. Noch dramatischer war, dass sich der Verkauf von Klassik-Tonträgern von 1994 bis 2003 halbierte - von 20,1 Millionen auf exakt 10,1 Millionen Einheiten. Mit anderen Worten: Im Jahr 2003 gab es 50 Prozent weniger Klassik-Käufer als im Jahr 1994. Es musste etwas passieren. Und zwar dringend.


Wenn ich den Blick über meine mit CDs angefüllten Regalmeter schweifen lasse, kann ich jedenfalls mit gutem Gewissen sagen:

ICH BIN UNSCHULDIG !!!

Vielleicht sollte man dem guten Mann von der DG mal unseren Thread "Heute erst gekauft" zeigen. An unseren Mitgliedern scheint die Klassikmarkt-Krise spurlos vorbeizugehen... :D

Grüße

GiselherHH
"Mache es besser! (...) soll ein bloßes Stichblatt sein, die Stöße des Kunstrichters abglitschen zu lassen."

(Gotthold Ephraim Lessing: Der Rezensent braucht nicht besser machen zu können, was er tadelt)

Alfred_Schmidt

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23

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 17:49

Hallo Theophilius,

Das passt nicht zusammen:

Herr Kellermann mag das gesagt (und vielleicht sogar geglaubt haben) es stehr aber in ziemlichen Widerspruch zu den Aussagen von Herrn Klaus Heymann, dessen Unternehmen zumindest stabil blieb.

Aus meiner Sicht nicht sosehr wegen des günstigeren Preises, sondern wegen der zahlreichen Neueinspiewlungen, die er anbot.
Herr Kellermann vergaß zu erwähnen, daß die Schallplattenindustrie seit Jahren keine interessanten Neuaufnahmen mehr auf den Markt gebracht hat, zumindest. nichts was spektakulär wäre wie einst Soltis Ring, Böhms Zauberflöte mit Wunderlich oder Karajans Einspielung aller Beethoven Sinfonien 1960/62 .
Jahrelang hat man vergessen das Image von Stars "aufzubauen" , als es eng wurde hat man zum althergebachten Rezept von shooting-Stars gegriffen, ohne drüber nachzudenken welche Klientel man eigentlich bedient.
Die Arbeitsmartksituation tut ein übriges, einige haben ihren Job verloren und müssen sparen, andere sparen für den Fall daß sie ihren Job verlieren - von Pensionen will ich mal gar nicht reden. Spinner wie ich, die auf gewisse Dinge verzichte, um sich Klassik-Cds kaufenzu können gibt es sicher nicht allzuviele....

Dann hat man den Klassikkunden EINGEREDET, sie würden kopieren, sie de facto erst auf die Idee gebracht. Zudem hat man willkürlich das Lager gestrafft - das rächt sich. Merke: Der Klassikkunde ist KAUF-WILLIG aber auch EIGEN-WILLIG.
Für mein Teil habe ich annähernd alles was mir von den Majors interessant erscheint - sollten in Zukunft nur mehr Kleinlabel den Markt beackern - ich kann damit leben.

Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

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Theophilus

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24

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 18:18

Hallo Alfred,

ich glaube schon, dass Herr Kellersman weiß, wovon er spricht. Auch hat er nichts vergessen zu erwähnen. Im teilweise zitierten Interview spricht er auch den grundlegenden Fehler der 90er Jahre an. Es gab in dieser Zeit überhaupt keinen gezielten Aufbau junger Künstler! Die letzten Karrieren, die sorgfältig aufgebaut worden waren, waren jene von Anne-Sophie Mutter und Nigel Kennedy! Und das liegt bekanntlich schon einige Zeit zurück. DGG und mit ihr viele andere Großen haben in dieser Zeit nur von der Substanz gelebt und nichts für die Zukunft getan. So etwas rächt sich irgendwann...

Der Vergleich mit Klaus Heymann hilft nicht wirklich, denn sein NAXOS war die einzige wirkliche Erfolgsstory in dieser Zeit. Was dafür ausschlaggebend war? Ich würde vier Punkte ins Treffen führen:

1) Preis
Gar keine Frage, dass dies vor allem am Anfang der wichtigste Faktor war. In unseren geizig-geilen Zeiten ist ein niedriger Preis ein sehr überzeugendes Argument.

2) Wert
Obwohl preislich günstig waren die Aufnahmen nicht "billig", d.h. der Käufer bekam zwar keine großen Namen, aber immer ordentliche Qualität geliefert. Das Preis/Leistungsverhältnis war immer besser als bei den Marken-Vollpreisprodukten. Dazu kam, dass sich immer öfters echte Highlights in den Katalog verirrten. Gute Kritiken machten den Namen NAXOS auch in renommierten Zeitschriften salonfähig.

3) Klare Linie
Bei NAXOS weiß man immer, woran man ist. Eine CD kostet immer gleich viel, und von wenigen Sonderausgaben abgesehen gilt dies auch für Boxen.
Demgegenüber stand eine völlig undurchsichtige und verwirrende Politik der Markenlabel mit ihren Hochpreis-, Midpreis- und Billig-Serien. Nicht wenige Konsumenten waren verärgert, wenn sie sahen, dass die sündteuer gekaufte Scheibe im nächsten Jahr nur mehr die Hälfte kostete, weil sie mit anderer Aufmachnung in einer anderen Serie erschien

4) Konsistenz
Bislang ist NAXOS wirklich einzigartig. Wenn eine CD in den Katalog aufgenommen wird, bleibt sie dort. Mir ist es wenigstens noch nie passiert, dass eine CD, die irgendwo in einem alten Heft positiv besprochen worden war, nicht mehr lieferbar ist. Das werden sie nicht ewig durchhalten, aber es ist kein Vergleich zur Politik der großen Labels, wo es nie abzuschätzen ist, wie lange sich eine CD im Katalog hält..

(Der letzte Punkt ist auch eine sehr erfreuliche Sache bei Orfeo, nur leider sind die viel teurer...)

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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25

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 21:31

Wir hatten das ja schon mehrere Male, ein paar Anmerkungen:

1. Klassische Musik wird selbstverständlich nicht hauptsächlich durch Verkäufe von Schallplatten finanziert, sondern in den meisten Ländern durch die öffentliche Hand oder Sponsoren, der Rest durch Eintrittsgelder. Das betrifft praktisch alle Konzerte, Festspiele und regulär unterhaltene Orchester und Opernhäuser, selbst CD-Produktionen werden teils von Funkanstalten oder Sponsoren unterstützt.

2. Ein gesunkener Marktanteil verglichen mit 1960 wäre überhaupt kein Wunder und gar kein Problem. Denn offenbar ist die Finanzkraft der Jugendlichen, die Popmusik kaufen, und damit der Popanteil gewaltig gestiegen.
Ein schrumpfender Marktanteil bedeutet daher nicht automatisch schrumpfenden Markt, denn Pop wächst ja nicht unbedingt zu Lasten der Klassik, sondern es zeigt nur, dass der Klassikmarkt nicht so massiv gewachsen ist wie der Pop-Markt.
Zu einer Zeit als 1000 Mark netto ein ordentlicher Monatslohn war kosteten LPs auch schon DM 15-20; die Jugendlichen kauften Singles oder (später) schnitten aus dem Radio auf Band mit, während die besser betuchten Klassikhörer LPs kaufen konnten (damit wäre jedenfalls ein in dieser Zeit deutlich gesunkener Anteil zu erklären)

(Zum Argument mit der Weltbevölkerung: es ist nun mal leider so, dass die 100 Mio Nigerianer und Bangla-Desher, die zusammen 2,2 Mrd. Inder und Chinesen größtenteils andere Probleme haben, als neue Opernhäuser zu bauen, sorry für den Zynismus)

3. Konkret zu den Marktanteilen. Die 20% Klassik sind eine Chimäre, die gab es nie, jedenfalls was die Welt, Europa, D oder USA betrifft (in Liechtenstein oder Österreich mag es anders aussehen, aber diese Märkte sind zu klein).

Ein insider schrieb vor einiger Zeit in der internationalen NG, dass auf dem US-Markt der Anteil immer zwischen 3 und 5% betragen hätte, mit einem kurzen Peak (8%) zum Beginn des CD-Zeitalters, inzwischen ist wieder Normalität mit ca. 3% eingetreten (USA).

Zu Deutschland fand ich mit Google einige Zahlen, die Gerrit Stolte 2002 mal für die Usenet-Gruppe gesammelt hat (Alfred wird sich erinnern: Österreich 10-12% :jubel: :D):
Marktanteil Klassik 2001 7,5%
(ebenso wie 1997, die Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen, da ist Rieu etc. wohl dabei, 1998 betrug der Anteil 9,5%, weil der Titanic-soundtrack zu Klassik zählte! aber das ist halt die Statistik der Branche)

Leider liegen mir keine Zahlen aus dem Anfang der 90er vor, um die Krokodilstränen des Herrn Kellermann zu würdigen. Ich halte solche Einbrüche aber für unwahrscheinlich. Selbst wenn es massive Einbrüche seit Anfang der 90er gegeben haben sollte, so wäre das nur ein Einpendeln auf die Normalität vor Einführung der CD, denn dass der Boom nach Neueinführung der CD nicht ewig so weitergehen konnte, ist auch einem Nicht-MBA klar.
Ich finde gerade noch eine andere Äußerung von Kellersmann (2001), wo er sagt, der Anteil der Käufer (Kaufakte? wie wird das gemessen?) sei von 1994 bis 2001 von 7 auf 6,4 Mio gefallen. Das sind 10%, nicht 50% (denn ich glaube kaum, dass sie in den letzten 4 Jahren um weitere 3 Mio gesunken ist)

4. Zu den "Stars".
Ich halte es für eine Illusion, dass Stars klassikferne Kreise zur Klassik ziehen. Ebendiese Kreise hören/zappen genauso weg, wenn ein Klassikstar im TV auftritt wie ich das bei einem Popstar tue. Oder man läßt es über sich ergehen, wobei egal ist, wer da nun Geige spielt. Denn für den Klassikfernen ist der Star ja kein Star, er kennt ihn doch gar nicht.
Da bringt es mehr, wenn zufällig ein Stück Klassik in einem bekannten Hollywood-Film verwendet wird.

Unter den Leuten, die ohnehin Klassik hören und CDs kaufen, mögen Stars für einen gewissen Basisabsatz sorgen. Aber wenn man errreichen möchte, dass die Stammkäufer mehr CDs kaufen, helfen keine Stars, sondern breiteres Repertoire. Nicht jeder will 10 Beethoven- und 5 Brucknerzyklen, zigmal La traviata oder was weiß ich zuhause stehen haben.

Zum Schluß stimme ich vielen von dem, was Alfred geschrieben hat, zu: Man hat nicht verstanden, dass mit Klassik nicht in der Weise schnelles Geld zu machen ist wie mit Pop. Obendrein hat man idiotischerweise den Boom der 80er extrapoliert und insgesamt versäumt, rechtzeitig neue Käuferkreise zu erschließen.

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Theophilus

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26

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 23:36

Hallo JR

Zitat

1. Klassische Musik wird selbstverständlich nicht hauptsächlich durch Verkäufe von Schallplatten finanziert, sondern in den meisten Ländern durch die öffentliche Hand oder Sponsoren, der Rest durch Eintrittsgelder. Das betrifft praktisch alle Konzerte, Festspiele und regulär unterhaltene Orchester und Opernhäuser, selbst CD-Produktionen werden teils von Funkanstalten oder Sponsoren unterstützt.

Keine öffentliche Hand und kein Sponsor gibt Geld her für etwas, was die Leute nicht interessiert. Und woher kommt das Interesse der Leute? Von den Schallplatten, die die Tonträgerindustrie ihnen anbietet (und die Rundfunkanstalten gehören dazu, denn 95% der Musik, die im Radio hörst, sind Schallplatten). Kein Mensch zahlt teures Geld für eine Karte, wenn er gar nicht weiß was ihn erwartet. Die Medienmaschinerie funktioniert heute so, dass die Leute bereit sind, dafür zu zahlen, um gelegentlich Live das zu erleben, was sie von zu Hause aus der Konserve ohnehin schon kennen. Der Trick dabei ist, die Leute zum Konzert- oder Opernbesuch zu animieren, und das geht nur über Medienpräsenz, und die wiederum funktioniert nur über die Stars. Das ist im Pop so, das ist im Jazz so, das ist im Sport so und in der Politik ebenfalls. Und glaube mir, die Klassik kann heutzutage kein eigenes Süppchen kochen.
Ohne die Schallplattenindustrie ist kein Klassikbetrieb denkbar. Nimm den Spitzenorchestern ihre Plattenverträge weg und sie haben am gleichen Tag zu existieren aufgehört! In der Folge sind die konzertierenden Solisten arbeitslos. Der gesamte Konzertbetrieb würde zusammenbrechen, wir würden Hausmusik machen und es bräche die große Zeit der Klaviersolisten, Streichquartette und Blockflötenensembles aus.
Warum glaubst du stürmen die Japaner die Wiener Staatsoper? Doch nicht, um eine unbekannte Kuriosität kennen zu lernen, sondern weil sie die Leute, die sie von zu Hause von den Platten her kennen, einmal Live auf der Bühne zu erleben (und als Draufgabe auch gleich ein Orchester zu hören, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Wiener Philharmonikern hat - die sie auch schon von ihren Platten her kennen!). Kein Mensch würde in Salzburg Unsummen für Kost, Logis und Karten ausgeben, wenn er nicht die Topstars unseres Planeten sehen und hören könnte (lediglich Bayreuth dürfte eine Ausnahme sein, die Leute würden auch kommen, nur um den Geist Wagners im Gebälk ächzen zu hören :) ).


Zitat

Ein gesunkener Marktanteil verglichen mit 1960 wäre überhaupt kein Wunder und gar kein Problem.

Das halte ich für eine krasse Fehleinschätzung. Die Finanzmanager in den großen Medienkonzernen werden sich nicht auf Dauer mit einer Sparte herumärgern, die zwei oder drei Prozent vom Gesamtkuchen ausmacht. Das werden sie ohne zu zögern den Kleinfirmen überlassen.


Zitat

(Zum Argument mit der Weltbevölkerung: es ist nun mal leider so, dass die 100 Mio Nigerianer und Bangla-Desher, die zusammen 2,2 Mrd. Inder und Chinesen größtenteils andere Probleme haben, als neue Opernhäuser zu bauen, sorry für den Zynismus)

Das war nicht der Punkt meiner Argumentation. Es geht um den Klassikanteil am Geschehen. Selbst wenn wir von 100%-Auslastung ausgehen, ist es von der Größenordnung her heute nicht wesentlich mehr Leuten möglich, klassische Musik live zu erleben als vor vierzig Jahren. Aber in ALLEN anderen Unterhaltungssparten und vor allem im Sport sind die entsprechenden Kapazitäten sprunghaft angestiegen. Das derzeitige absolute Halten des Konsumentenniveaus ist langfristig der sichere Tod für klassische Musik in der Öffentlichkeit.


Zitat

Ich halte es für eine Illusion, dass Stars klassikferne Kreise zur Klassik ziehen.

Nein, tun sie auch nicht. Aber jene, die relativ nahe sind und noch keine oder nur sehr sporadische Kunden sind, können erfolgreich angelockt werden. Wer glaubst du hat die Millionen CDs der drei Tenöre gekauft? Sicherlich nicht die eigentlichen Klassikliebhaber, sondern die, die sie im Fernsehen erlebt haben und es ihnen gefallen hat. Von den vielen Millionen haben sicherlich ein erkleckliches Häufchen die eine oder andere weitere Klassik-CD gekauft. Der Medienindustrie bleibt gar nichts anderes übrig, als zu versuchen, dieses Spiel erfolgreich weiter zu spielen. Wenn es ihr nicht gelingt, wird sie das Interesse daran verlieren und wir verlieren die großen, finanzstarken Anbieter (mit unabsehbaren weiteren Folgen).


Zitat

Unter den Leuten, die ohnehin Klassik hören und CDs kaufen, mögen Stars für einen gewissen Basisabsatz sorgen. Aber wenn man errreichen möchte, dass die Stammkäufer mehr CDs kaufen, helfen keine Stars, sondern breiteres Repertoire.

Im Prinzip richtig, aber das breitere Repertoire will erst einmal finanziert werden, und für die Finanzierung des breiteren Repertoires ...


Zitat

Man hat nicht verstanden, dass mit Klassik nicht in der Weise schnelles Geld zu machen ist wie mit Pop.

Im Prinzip richtig. Nur die großen Konzerne wollen das nicht verstehen, und werden das auch nie verstehen wollen. Entweder sie schaffen es, auch mit Klassik auf Dauer groß zu verdienen, oder sie werden es bleiben lassen. Alles andere ist naives Wunschdenken.

Ciao

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petemonova

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27

Mittwoch, 19. Oktober 2005, 23:38

Hallo,

mir kam eben beim Lesen noch ein Gedanke in den Sinn, der eine Rolle spielen könnte bezüglich der ablehnenden Haltung der Jugend der Klassik gegenüber. Vielleicht auch generell den Menschen.
Wir leben ja nun in einer Zeit, die sehr schnelllebig ist. Kaum ist man hier, muss man schon wieder weg. Stress ist überall angesagt, man hat einfach keine Zeit mehr. Da kommt natürlich niemand auf die Idee, sich dann noch eine Bruckner-Sinfonie von einer Stunde anzuhören.
Die schnelle Nummer zwischendurch (nicht falsch verstehen ;)) ist angesagt. Man konsumiert halt einfacher einen 3-Minuten-Song. Und länger sind die Lieder ja heutzutage gar nicht mehr.
Ich weiß nicht, ob man vor einigen Jahren mehr Zeit hatte, vielleicht auch nicht. Die Uhr tickte halt ein wenig langsamer.


Gruß, Peter.
Musik zu hören ist zweifellos eine der extravagantesten Arten, sein Geld auszugeben.
- Mauricio Kagel

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28

Donnerstag, 20. Oktober 2005, 10:32

Zitat

Original von Theophilus

Zitat

1. Klassische Musik wird selbstverständlich nicht hauptsächlich durch Verkäufe von Schallplatten finanziert, sondern in den meisten Ländern durch die öffentliche Hand oder Sponsoren, der Rest durch Eintrittsgelder. Das betrifft praktisch alle Konzerte, Festspiele und regulär unterhaltene Orchester und Opernhäuser, selbst CD-Produktionen werden teils von Funkanstalten oder Sponsoren unterstützt.

Keine öffentliche Hand und kein Sponsor gibt Geld her für etwas, was die Leute nicht interessiert. Und woher kommt das Interesse der Leute? Von den Schallplatten, die die Tonträgerindustrie ihnen anbietet (und die Rundfunkanstalten gehören dazu, denn 95% der Musik, die im Radio hörst, sind Schallplatten). Kein Mensch zahlt teures Geld für eine Karte, wenn er


Also hier beißt sich was in den Schwanz. Warum sollte sich jemand für klassische Schallplatten interessieren, bevor er sich für Konzerte interessiert und nicht umgekehrt?
Das ist seit ca. 40 Jahren wegen der relativen Preisgünstigkeit und leichten Verfügbarkeit von Platten vielleicht meistens so (aber s.u.). Vorher gab es auch schon über 100 Jahre Konzertbetrieb im modernen Sinne und noch in den 50ern waren Platten und Abspielgeräte für viele Leute so teuer, dass ein Stehplatz im Konzert (besonders aber ein Hörplatz am Radio) erschwinglicher waren.

Zum andern hat niemand behauptet, dass durch Zauberhand alle Schallplatten von heute auf morgen verschwinden sollen. Wenn es heute der Fall ist, dass mit Schallplatten kein dickes Geld mehr zu machen ist, sondern entweder nur auf Naxos-Art oder man mit Sponsor gerade dahin kommt, nicht draufzulegen, geht daran die klassische Musik und der Konzertbetrieb nicht zugrunde. Den gab es lange vor den Schallplatten.

Zitat


gar nicht weiß was ihn erwartet. Die Medienmaschinerie funktioniert heute so, dass die Leute bereit sind, dafür zu zahlen, um gelegentlich Live das zu erleben, was sie von zu Hause aus der Konserve ohnehin schon kennen. Der Trick dabei ist, die Leute zum Konzert- oder Opernbesuch zu animieren, und das geht nur über Medienpräsenz, und die wiederum funktioniert nur über die Stars. Das ist im Pop so, das ist im Jazz so, das ist im Sport so und in der Politik ebenfalls. Und glaube mir, die Klassik kann heutzutage kein eigenes Süppchen kochen.
Ohne die Schallplattenindustrie ist kein Klassikbetrieb denkbar. Nimm den Spitzenorchestern ihre Plattenverträge weg und sie haben am gleichen Tag zu existieren aufgehört! In der Folge sind die konzertierenden Solisten


Das halte ich für falsch bzw. glaube ich erst, wenn ich konkrete Zahlen sehe. Wenn die Berliner Philharmoniker so empfindlich in ihrer Existenz von Schallplattenverträgen abhingen, dann hätten sie gewiß schon massive Einbußen in den letzen Jahren hinnehmen müssen. ich glaube eher, dass das ein willkomenens Zubrot ist, aber nicht existenzbedrohend (Die Orchester, die aufgelöst wurden, waren meist kleinere regionale Ensembles, die niemals von Platten gelebt haben, wenn sie überhaupt je welche produzierten).
Ich glaube Du überschätzt massiv wie vergleichsweise unwichtig Platten für die allermeisten Ensembles sind. Man kann doch nicht so tun als käme es nur auf Wiener oder Berliner Philharmoniker an. Ich weiß nicht, wieviele Rundfunkorchester und Radiophilharmonien es in D gibt, mehr als 10. Kaum eines von denen, vom WDR oder BR abgesehen, macht Geld mit Schallplatten: der hr hat inwzischen ein eigenens Label, damit wird sicher nicht das große Geld gemacht und ich bezweifle, dass das Saarbrücker Orchester von den Bruckner-Aufnahmen bei ArteNova finanziell viel hatte.
Die Substanz der Klassik sind gewiß nicht die Wiener Philharmoniker und Karajan mit Privatjet, sondern die tausende von Musikern, die auch zu Boomzeiten kaum Geld mit Platten verdient haben. Die Masse der Klassikhörer, die es schließlich ausmacht, sind nicht ein paar japanischen Touris oder Schickimickitypen in den Metropolen, sondern die Millionen, die über Provinz und mittlere Großstädte verteilt leben und dort mit Klassik vertraut werden. Abgesehen davon, dass, was immer es für eine Krise geben mag, Renommierobjekte wie die Berliner oder Wiener gewiß nicht bedroht sind, würde sich im Grunde gar nichts ändern, wenn es die beiden von heute auf morgen nicht mehr gäbe.
Die Kleinen geraten leicht aus dem Bilck, aber sie machen die eigentliche Substanz aus. Ganz ähnlich wie die den Staat erpressenden Großunternehmen nur 10% oder so der Arbeitsplätze stellen, der Mittelstand aber die Substanz ausmacht, ist es im Musikbetrieb.

Zitat


Warum glaubst du stürmen die Japaner die Wiener Staatsoper? Doch nicht, um eine unbekannte Kuriosität kennen zu lernen, sondern weil sie die Leute, die sie von zu Hause von den Platten her kennen, einmal Live auf der Bühne zu erleben (und als Draufgabe auch gleich ein Orchester zu hören, das eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Wiener Philharmonikern hat - die sie auch schon von ihren Platten her kennen!). Kein Mensch würde in Salzburg Unsummen für Kost, Logis und Karten ausgeben, wenn er nicht die Topstars unseres Planeten sehen und hören könnte (lediglich Bayreuth dürfte eine Ausnahme sein, die Leute würden auch kommen, nur um den Geist Wagners im Gebälk ächzen zu hören :) ).


Glaube ich nicht, halte ich jedenfalls für weit übertrieben. Der überwiegende Anteil der Leute geht nciht wegen einzelner Stars in die Oper (zumal ja auch die meisten mittelgroßen oder Privnzbühen nicht mit Stars aufwarten können), sondern wegen der Musik, wegen des gesellschaftlichen Ereignisses oder weil man eh ein Abonnement hat. Ein Tourist würde auch ohne Phonoindustrie ebenso in die Semperoper gehen wie in den Zwinger oder ein Elbfahrt machen oder was immer.

Es ist in der Tat so (wenn ich meinem insider trauen kann), dass Konzertbesucher nicht identisch mit den obsessiven Plattensammlern sind. Sie kaufen natürlich auch etwas, aber nicht hunderte oder gar tausende von CDs

Zitat


Zitat

Ein gesunkener Marktanteil verglichen mit 1960 wäre überhaupt kein Wunder und gar kein Problem.

Das halte ich für eine krasse Fehleinschätzung. Die Finanzmanager in den großen Medienkonzernen werden sich nicht auf Dauer mit einer Sparte herumärgern, die zwei oder drei Prozent vom Gesamtkuchen ausmacht. Das werden sie ohne zu zögern den Kleinfirmen überlassen.


Ich habe die Zahlen genannt, wenn Du aktuellere oder besser hast, bitte her damit!
Der Marktanteil war in D nie stabil zweistellig.
Markanteil ist außerdem eine sehr irreführende Bezeichung. Es ist ja nicht wie bei Zahnpasta, wo wenn ich welche brauche Dentagard und Blendamed um meine Gunst konkurrieren. Sondern es konkurrieren vielleicht Karajans und Bernsteins Brahmseinspielungen, aber keine von beiden mit den Beatles oder Britney Spears. Wenn das Volumen insgesamt gigantisch gewachsen ist, kann sinkender Marktanteil in diesem Sinne immer noch gestiegenen Umsatz oder Gewinn bedeuten. Und wie gesagt, es ist eher unwahrscheinlich, ob der Marktanteil jemals stabil wesentlich höher war als in D ca. 7-8 und in den USA etwa 3,5%
(Der Marktanteil des Jazz am Plattenmarkt beträgt in D unter 2%, dennoch habe ich noch nie ein solches Gejammer aus dieser Ecke gehört.)
Umgekehrt wird leider ein Schuh draus: Seitdem es keine Firmen mehr gibt, die nur oder hauptsächliche Klassik verlegen, sondern sie Teile riesiger Konzerne sind, geht es bergab, weil die völlig unrealistische Erträge in kurzer Zeit erwarten.
Es stimmt allerdings, dass Klassik allgemein mit mehr Unterhaltungsoptionen als vor 40 Jahren konkurriert. Darin liegt aber auch eine Chance, weil die Käuferschichten nicht mehr so homogen sind wie früher.

Zitat


Das war nicht der Punkt meiner Argumentation. Es geht um den Klassikanteil am Geschehen. Selbst wenn wir von 100%-Auslastung ausgehen, ist es von der Größenordnung her heute nicht wesentlich mehr Leuten möglich, klassische Musik live zu erleben als vor vierzig Jahren. Aber in ALLEN anderen Unterhaltungssparten und vor allem im Sport sind die entsprechenden Kapazitäten sprunghaft angestiegen. Das derzeitige absolute Halten des Konsumentenniveaus ist langfristig der sichere Tod für klassische Musik in der Öffentlichkeit.


Das verstehe ich nicht: wenn ein stabiler Prozentsatz erhalten bleibt, warum ist das der Tod??? Man bräuchte ja noch mehr Opernhäuser, wenn die schon überfüllt wären, wer sollte das denn bezahlen? Nochmals, die werden aus Steuern bezahlt, nicht von Universal Classics

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Ich halte es für eine Illusion, dass Stars klassikferne Kreise zur Klassik ziehen.

Nein, tun sie auch nicht. Aber jene, die relativ nahe sind und noch keine oder nur sehr sporadische Kunden sind, können erfolgreich angelockt werden. Wer glaubst du hat die Millionen CDs der drei Tenöre gekauft? Sicherlich nicht die eigentlichen Klassikliebhaber, sondern die, die sie im Fernsehen erlebt haben und es ihnen gefallen hat. Von den vielen Millionen haben sicherlich ein erkleckliches Häufchen die eine oder andere weitere Klassik-CD gekauft.


Das wäre zu untersuchen. Ich bin aus eigener Erfahrung extrem skeptisch gegenüber angeblichen Mitnahmeffekten von Crossover etc. Ausflüge von Opernsängern ins populäre Genre gibts zwar seit Caruso, aber wenn die 3 Tenöre etc. soviele Hausfrauen zu Klassiksammlern gemacht haben, warum klagt dann die Industrie über mangelnden Absatz? Die meisten Leute kommen immer noch durch frühe Bekanntschaft in Elternhaus oder Schule oder eigenes Musizieren zur klassichen Musik. An Mitnahmeeffekte glaube ich eher bei ein paar Spielfilmen als bei einem Spektakel wie den 3 Tenören.

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Unter den Leuten, die ohnehin Klassik hören und CDs kaufen, mögen Stars für einen gewissen Basisabsatz sorgen. Aber wenn man errreichen möchte, dass die Stammkäufer mehr CDs kaufen, helfen keine Stars, sondern breiteres Repertoire.

Im Prinzip richtig, aber das breitere Repertoire will erst einmal finanziert werden, und für die Finanzierung des breiteren Repertoires ...


Das halte ich für falsch. Ein Problem der großen Labels heute ist, dass sie sich und ihre Stars an absurde Erträge und Honorare während der Boomzeiten der späten 80er gewöhnt haben. Viele damalige Glamour-Produktionen kosteten viel mehr als sie einbrachten. Ich rede hier nicht von einem Best of Domingo-Album, damit kann man vielleicht sogar Geld verdienen, sondern von kompletten Opernproduktionen.
Inzwischen ist es angeblich so, dass das Crossover-Geld abgeschöpft wird, statt riskante Projekte querzufinanzieren (vgl. nächstes posting)

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Man hat nicht verstanden, dass mit Klassik nicht in der Weise schnelles Geld zu machen ist wie mit Pop.

Im Prinzip richtig. Nur die großen Konzerne wollen das nicht verstehen, und werden das auch nie verstehen wollen. Entweder sie schaffen es, auch mit Klassik auf Dauer groß zu verdienen, oder sie werden es bleiben lassen. Alles andere ist naives Wunschdenken.


Tja, dann sollen sie es halt bleiben lassen, dann gibt es eben mehr kleine independent-labels und die großen gehen baden. Dann bleiben immer noch Naxos und ein paar andere independents baden und die Konkursverwalter leben von Neuauaflagen des vorhandenen Katalogs. Die Musik hat schon ganz andere Zeiten überstanden.

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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29

Donnerstag, 20. Oktober 2005, 10:34

Ein paar Ausschnitte aus eine längeren Beitrag eines Industrie-Insiders
(Markesten in rec.music.classical.recordings dez 2001 mit GoogleGroups zu finden)

"I have been privy to many market studies done on this very subject.
Historically, the sad truth of the matter is that concert goers are NOT
purchasers of recorded music. At least not in the numbers that would qualify
them for "collector" status. Concert goers tend to get their music "live," and
that's pretty much the way it goes. When I worked at BMG Direct
we used this information to our advantage which meant basically writing off the classical
concert-going public as a target for our marketing efforts. The record labels,
who didn't bother doing the studies and didn't have the info, wasted precious
time and money in a doomed-to-failure bid to generate CDs sales at "kiosks,"
ie: gift shops at concert venues. The insignificant sales figures generated at
such sites were greatly exceeded by the large number of product returns the
labels had to deal with!"

"We're now at the point where my $3.49 box of Wheat Chex® contained a FREE CD of
Classical Holiday music produced by BMG Special Projects. Leontyne Price and
others - including a full orchestra - provide more than enough classical Xmas
music for the casual observer. Why on earth would they spend $17.99 to pick up
an Xmas title on Hyperion? Anybody want to venture a guess as to what was more
profitable for BMG: the Wheat Chex CD or Gunther Wand's latest BMG Bruckner
outing?

The sad truth of the matter is that the classical labels are making more money than they ever have by focussing on crossover artists, cross-market promotions and such. The fact that they no longer seem interested in channeling such profits back into expensive projects speaks to the matter of ownership of the
labels (mega-corporations) and the be-all and end-all quest for maximum
profitability, not necessarily to the people charged with marketing the product
and making those big bucks."

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
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Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Ulli

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Montag, 24. Oktober 2005, 15:40

Salut,

bemerkenswert fand ich die zu Beginn des Jahres [?] erfolgte Umstellung des jpc courier: Vor der Umstellung war die Klassik m. W. an erster Stelle, nun beginnt der Katalog mit POP, gefolgt von Jazz, dann erst Klassik und zum Schluß Film...

:kotz:
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)