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Alfred_Schmidt

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Beiträge: 19 037

Registrierungsdatum: 9. August 2004

1

Dienstag, 11. April 2006, 21:57

Bach auf modernen Instrumenten - Ist das heute noch vertretbar ?

Liebe Forianer,

Bachs Werke erlebten während ihrer Interpretationsgeschichte zahleiche Wandlungen, sowohl in der Wahl der Instrumente - als auch in der Art der Interpretation, der Besetzung, des Tempos, etc.

Karl Richter reformierte einst das gängige Bachbild, indem er Bach "dynamisch - temperamentvoll" spielte - und dafür von der Musikwissenschaft gescholten wurde. Heute gilt er - was weiß ich warum - als "altmodisch.

Ein weiterer Vertreter von "zeitgenössischem" Instruimentarium war Helmut Rilling - heute von vielen abgelehnt.

Und nun zur Kernfrage:

Kann man Bach heute überhaupt mit modernem Instrumentarium spielen ?

Oder hat die HIP-Welt unseren Geschmack schon soweit beeinflusst,
daß wir anderen Deutungen unsere Ohren versagen......

Um Tonbeispiele wird gebeten

LG

aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

der Lullist

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Beiträge: 3 963

Registrierungsdatum: 13. Januar 2005

2

Mittwoch, 12. April 2006, 08:20

Also generell finde ich es gut, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist.
Ich finde es teilweise auch recht interessant wie die Musik in unterschiedlichen "Behandlungen" klingt.
Aber letztendlich werde ich nur mit HIP richtig glücklich, allerdings interessieren mich da immer die neuesten Versuche.

Es durchaus angenehm ein paar Bach Werke auf dem Flügel zu hören - aber für mich ist das eher eine nette Alternative für Zwischendurch, wenn ich Bach ernsthaft höre, dan wähle ich Einspielungen mit Cembalo.

Gestern habe ich ein paar CD's von meinem Vater geschenkt bekommen, die er auf dem Flohmarkt entdeckt hatte:

"East German Revolution" - gewissermaßen ein Einblick in die Musikkultur der DDR.
Da war auch u.a. die 4. Orchestersuite von Bach drauf, gespielt durch das Leipziger Gewandhaus unter Max Pommer.....


.... einfach nur Ohrenkrebs erzeugend :D :D :D
Aber trotzdem interessant

Ich denke das Bachs Musik - und damit meine ich auch die Gesamte Musik des 17. & 18. Jahrhunderts ( wär schön wenn das 19. Jahrhundert auch bald mehr berücksichtigt werden würde...) durch die nachempfundenen Instrumente und Spielweisen gewinnt.

Bestes Beispiel ist doch die "Wiederentdeckung" des Generalbasses. In älteren Aufnahmen nur durch Cembalo vertreten, Heute ist das fast schon ein kleines Orchester und sieht im besten Falle so aus:

2 - 3 Cembali
Orgel
Gamben und Celli
Kontrabässe
Lauten, Theorben und Gitarren
Harfen und Fagotte....

so ein Fundament - wenn dann noch gut gespielt wird - ist allen älteren Aufnahmen überlegen, das bringt eben die Zeit mitsich, in 20 Jahren werden die jetzigen Aufnahmen auch überholt sein.

Zu konkreten Beispielen:

Man vergleiche z.B. das Weihnachtsoratorium ( Akademie für alte Musik Berlin / Rias Kammerchor unter René Jacobs ) mit älteren Einspielungen - die fallen ohne Ende ab...

Oder der für mich krasseste Unterschied: Bachs Messe in h-moll


die Aufnahme von H.v.K.
Für mich eine Erruption der Langeweile und altbackener Musizierweise - mir hätte es da nicht nur die Freude an dem Werk gekostet sondern fast die ganze Liebe zu Bachs Musik

Für mich ist es das schlimmste was sich in meinem Bestand findet *schauder*


dann das Gegenteil:


die Aufnahme von Ton Koopman....

ein ganz anderer Höreindruck, ich habe mich damals durch mehrere Aufnahmen durchgehört, bei meinem alten Händler ging das noch :rolleyes:
Und da bin ich hängen geblieben - und seit dem Karajan Fiasko ( was sich in allen übrigen Barockeinspielungen mit ihm für mich wiederholte ) kaufte ich grundsätzlich nur noch Einspielungen von Ensembles die der historisch informierten Aufführungs Praxis nachgehen, da habe ich schlichtweg mehr von.

Bei Bach geht es meist ja auch noch ihn auf modernen Instrumenten zu spielen ( sofern man nicht alles mit unnötigem Vibrato zuschmiert ) aber wenn ich da an die Opern von Händel denke, da kann ich keinen Kompromiß mehr eingehen.... da gibt es Einspielungen da taugen die CD's bestenfalls aufgehängt im Garten als Vogelschreck....

Daniel

Profi

  • »Daniel« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 27. November 2005

3

Mittwoch, 12. April 2006, 18:47

Hallo,

Generell mag ich sowohl historisierende Aufführungspraxis als auch "modernerne" Bachinterpretationen.

Historische Aufführungspraxis is authentischer, versetzt uns in die Zeit und ich finde auch die "Geschichte" um die Instrumente unglaublich spannend. Klanglich, ähnliches wie damals für den Komponisten hörbar.

Dann wiederum bin ich der Meinung, daß Musik dynamisch ist, und auch für sich fortlebt, d.h. Weiterentwicklungen unterworfen ist. Deshalb dürfen wir auch neuere Errungenschaften nutzen. Ich glaube auch, daß Bach dies ausdrücklich gewünscht hätte. Oft hat er ja auch nur für "Tasteninstrument" geschrieben, und der Flügel ist ein Tasteninstrument!

Und abschließend möchte ich noch einen ganz pragramatisch-einleuchtenden Grund aus der Sicht des Musikers nennen: Ich möchte Bach spielen, habe aber kein Cembalo oder ähnliches daheim. Da ist das Klavier dann aber auch keine Notlösung, es ist für mich eine vollwertige Lösung.

Viele Grüße,
Daniel :hello:

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 499

Registrierungsdatum: 12. August 2005

4

Mittwoch, 12. April 2006, 18:59

Bach auf dem modernen Klavier werden sich die Pianisten nicht nehmen lassen, m.E. auch zu recht.
Sonst sehe ich das auch eher entspannt. Es gibt ja nicht nur "Abschreckendes" wie Furtwängler oder Karajan, moderne Kammerorchesterinterpretationen wie die Marriners oder Leppards aus den 70ern finde ich durchaus akeptabel, bzw. sogar ziemlich gut.
Ich halte auch Rillings neuere Aufnahme der Matthäuspassion für sehr hörenswert (zwar moderne Instrumente, aber m.E. deutlich damatischer und schlanker als seine Sachen aus den 70ern, dazu ausgezeichnete Sänger).
Viel schlimmer finde ich, wenn aus falsch verstandenem Historismus in Opern Kontratenöre eingesetzt werden (wo sie historisch nichts zu suchen haben), dei mit Mühe und Not "durchkommen", aber keine Chance zu dramatischer und flexibler Gestaltung des gesungen haben. Oder allgemein wenn kraftvolle dun ausdruckstarke Musik wie die Bachs und Händels betulich-brav musiziert wird, egal auch was für Instrumenten...

viele Grüße

JR
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Alfred_Schmidt

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Registrierungsdatum: 9. August 2004

5

Mittwoch, 12. April 2006, 19:12

Hallo

Natürlich kann das Problem Cembalo vs. Klavier hier auch zur Sprache kommen - obwohl ich glaube, daß es drüber schon einen eigenen Thread gibt - aber besonders geht es mir darum - ob Ihr euch HEUTZUTAGE Neuaufnahmen mit modernem Intrumentarium vorstellen könntet, beispielsweise von den "Brandenburgischen Konzerten" - oder ob das für Euch ein Sakrileg ist.

Die Zeit bleibt ja nicht stehen. Ich erinnere mich als vor etwa 30 Jahren Bach esrtmals mit einem Moog- Synthsizer gespielt wurde. Welch ein Jubel - Bach ist unzerstörbar und zeitlos !!! Heute sieht man diese Aufnahmen differenzierter und kritischer...


Beste Grüße aus Wien

Alfred

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Robert Stuhr

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6

Mittwoch, 12. April 2006, 21:51

Bach sollte unbedingt - auch und gerade - auf modernen Instrumenten gespielt werden! Das funktioniert tadellos und klingt kein bißchen altbacken oder verstaubt.

Das gilt vorzüglich für den modernen Flügel, mit dem heute (zB Perahia, Hewitt) so wie in früheren Jahrzehnten (zB Fischer, Harold Samuel, Feinberg) hervorragende Aufnahmen möglich sind, die dem Hip-Instrumentarium um nichts nachstehen.

Ähnliches gilt auch für die Violinkonzerte, siehe Zehetmaier oder Hahn. Ich möchte übrigens auch Bronislaw Huberman und den jugendlichen Menuhin nicht missen, trotzdem achte ich auch meinen Manze.

Bei den Brandenburgern oder Ouvertüren ist es genauso. Karajan oder Furtwängler, na ja, hüllen wir den Mantel der Liebe über diese Interpretationen. Aber Adolf Busch oder Horenstein? Da möchte ich nicht drauf verzichten! Deshalb habe ich keine Bedenken gegen eine aktuelle Aufnahme auf modernen Instrumenten - wenn denn die Interpretation stimmt.
Ermutigung nach 200 Jahren (auf dem heimweg von einem orgelkonzert)
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7

Mittwoch, 12. April 2006, 22:05

Was Alfreds Präzisierung der Frage betrifft: Wie Robert finde ich z.B. Zehetmairs Einspielung (die trotz der modernen Instrumente nicht ganz unbeleckt von HIP-Einflüssen ist) hervorragend. (Bei den Konzerten f. Klavier und Streicher bevorzuge ich eh modernes Klavier)
Bei eine Konzert oder Kammermusikabend fände ich es ohnehin völlig ok., ein Orchesterstück oder eine der Violine/Klaviersonaten auf modernen Instrumenten zu spielen.
Bei manchen Stücken denke ich jedoch, dass für CD-Aufnahmen alte Instrumente vorzuziehen sind. Die Klangbalance in den Brandenburgischen Konzerten ist teils so diffizil, dazu etwa im ersten Konzert der rustikale "a la caccia" Klang der Hörner u. Oboen doch sehr zentral. Oder was macht man bei der Matthäuspassion Blocklöten mit modernem Orchester? oder Querflöten statt der Blockflöten. ich würde das demnach teils von den Stücken abhängig machen. Die neueste, mir bewußte Aufnahme der Brandenburgischen etwa, ist ca. 15 Jahre alt (Chamber Orchestra of Europe) und das empfand ich damals schon als ein wenig seltsam. Oder gibt es neuere?

Zumindest das erste Switched on Bach-Album ist übrigens wirklich gut. Das hat m.E. sehr viel mehr mit Bach zu tun als Stokowskis Dr Mabuse Arrangements (obwohl ich ich für die auch eine Schwäche habe ;))

viele Grüße

JR
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Alfred_Schmidt

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Registrierungsdatum: 9. August 2004

8

Samstag, 9. Dezember 2017, 08:18

"East German Revolution" - gewissermaßen ein
Einblick in die Musikkultur der DDR.
Da war auch u.a. die 4. Orchestersuite von Bach drauf, gespielt durch das Leipziger Gewandhaus unter Max Pommer.....

.... einfach nur Ohrenkrebs erzeugend :D :D :D
Aber trotzdem interessant

Es war natürlich auf die Wiedergabe durch "modernes Orchester" gemünzt.
Heute, elf Jahre später könnte sich der Trend zu HIP verschäft habem oder er könnte bereis im Abklingen sein.
Die Titelfrage bleibt nach wie vor aktuell.

mfg aus Wien
Alfred

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