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Martin

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1

Montag, 2. Januar 2006, 21:25

Malcolm Arnold, der Trompetenspieler - ein großer?

Ich liebe die Musik von Malcolm Arnold sehr. Ich kam zu ihr, weil ich irgendwann einmal in einem Klassikmusikgeschäft die Sinfonien 1 und 2 entdeckte und sofort begeistert war.



Malcolm Arnold war und ist ein englischer Komponist, der 1921 geboren geboren wurde und meines Wissens auch noch lebt. Er widersetzte sich vielem. Zunächst mal widersetzte er sich als kleines Kind kategorisch der Schule ( auf diesen Gedanken hätte ich auch kommen sollen). So mußte er denn auch nicht zur Schule, sondern bekam Privatunterricht. Später - im zweiten Weltkrieg - widersetzte er sich dem Militär und wurde Kriegsdienstverweigerer. Allerdings wurde er dann schließlich doch Soldat, schoß sich aber bald in den Fuß, so daß aus der Sache dann doch nichts wurde. Schließlich aber widersetzte er sich dann schließlich auch bald der modernen Musik. Er ist ein konservativer Musiker, und ein solches Statement wie "eine Sinfonie ist für mich Mozart, Beethoven und Brahms" ( und Berlioz für ihn das große Vorbild) kennzeichnet ihn nun sozusagen als extrem konservativen Musiker, obwohl das völlig irreführend ist, weil seine Musik dann doch nicht nach Mozart, Beethoven und Brahms klingt, sondern dann eben doch viel moderner ist und auch er kann dann schon mal schroff, schrill, ja aggressiv und in Maßen dissonant klingen.

Malcolm Arnold ist jedenfalls ein Komponist, den ich wirklich ausgesprochen gerne höre. Ich muß sagen, daß er vermutlich dann doch der Komponist ist, den ich aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg am meisten höre. Er wird im Plattentext der Naxosaufnahmen als Spätromantiker gehandelt, aber ich weiß nicht so recht, irgendwie empfinde ich ihn beim Hören gerade der Sinfonien wirklich nicht als Spätromantiker. Also die blaue Blume der Romantik sucht er in seinen Sinfonien nun sicherlich nicht.

Zum Beispiel der erste Satz der 7. Sinfonie dürfte die Geschmacksgewohnheiten eines an Spätromantik gewöhnten Hörers doch schon gewaltig überfordern:



Wie auch immer, nach dem ich mit der 1. und 2. Sinfonie eingestiegen war, kaufte ich nach und nach auch die anderen Sinfonien aus der Naxosreihe, immer mit großer Vorfreude und Begeisterung. Die 4. Sinfonie ist schon manchmal ein wirklich fetziges Stück Musik. Und gerade was nun das "Spätromantische" bei Arnold anbetrifft, ist nun weiß Gott der erste Satz mit diesem massiven Einsatz des Schlagzeugs alles andere als spätromantisch:



Aber auch die 5. höre ich sehr gern. Den zweiten Satz hat ein wirklich schönes und eingängiges Thema. Daß dieses Thema, das dann im letzten Satz wieder aufgegriffen wird, nun sagen wir mal die Noblesse eines Brucknerthemas hat, nun das wohl nicht, aber ich glaube sowieso, daß man Arnold nicht auf die "big tunes" reduzieren sollte. Ich finde seine Musik immer spannend, immer interessant, auch abseits der "big tunes".



Arnolds 9. ist dann seine letzte Sinfonie und auch seine längste. Der letzte, sehr lange Satz, ein Lento, ist dann ein letzter Satz vielleicht im Stile von Mahlers 9. oder Tschaikovskys 6. , ich finde ihn bewegend, obwohl dann doch meinetwegen zu Mahler schon ein Abstand ist. Eigentlich ein ungewöhnlicher Satz für Arnold, dessen Sinfonien zwar keineswegs kurzatmig sind, aber sich dann doch eher im Rahmen meinetwegen Beethovenscher oder Nielsens Sinfonielängen bewegen. Die Naxos CD enthält zusätzlich ein Interview mit dem Komponisten, der allerdings ein bißchen nuschelt, so daß sein Englisch nicht immer leicht zu verstehen ist.




Die Sinfonien sind nun vermutlich die ambitioniertesten Werke von Arnold, aber die sinfonischenTänze muß man meiner Meinung nach unbedingt haben. Auf der Naxos CD befinden sie sich in chronologischer Reihenfolge so daß man gewissermaßen auch den Werdegang des Komponisten von den wunderbar fetzigen frühen englischen Tänzen über die oft herrlich originellen späteren bis zu den oft schwermütigen spätesten verfolgen kann. Diese CD befand sich sehr oft in meinem CD Player, ich habe die immer sehr gerne gehört, und wenn die sinfonischen Tänze auch nicht so ambitioniert sein mögen wie die Sinfonien, enthalten sie doch eine Fülle guter Arnoldscher "Tunes", die dann auch wunderbar verarbeitet und instrumentiert sind.




Erfreulicherweise sind all die hier aufgeführten Sachen billig zu erwerben. So ist auch die folgende Decca CD sehr billig ( 3 Euro bei JPC). Am besten gefällt mir hier das Gitarrenkonzert ( die englischen Tänze sind natürlich auch auf der Naxos CD), das ich mir oft, wenn ich mal in der Stimmung war, aufgelegt habe.



Sehr schön ist die Naxos CD mit Kammermusik von Malcolm Arnold. Ich finde diese Musik sehr gut. Beeindruckend ist vor allem die Cellosonate ( ohne Klavierbegleitung). Irgendwie mag ich so etwas nicht, aber Arnold schafft es doch, einen selbst mit dem Cello alleine zu fesseln ( Benjamin Brittens Cellosonaten vermochten das zum Beispiel nicht).



Malcolm Arnold hat mich eigentlich nie enttäuscht. Aber die Klavierstücke haben es dann doch getan. Nun gut, Malcolm Arnold ist auch kein Komponist, der vom Klavier kommt. Er war Trompetenspieler ( nachdem er als Kind Louis Armstrong hörte, wollte er unbedingt Trompete spielen). Als Trompetenspieler hat er es dann auch weit gebracht, immerhin zum ersten Trompeter der Londoner Philharmoniker. Deshalb hat er auch für Orchester sehr gute Musik geschrieben ( und die Trompeten vielleicht doch irgendwie ein bißchen bevorzugt?). Und er hat dann möglicherweise auch immer im kompositorischen Understatement gesagt, wie stolz er doch sei, ein Trompetenspieler zu sein. Dagegen machte er sich über Komponisten, die am Klavier komponierten lustig ( "Wenn man am Klavier komponiert, schreibt man Sachen wie Franz Liszt"). Ich werde mir die Scheibe trotzdem noch mal anhören ( sie ist auch spottbillig, 3 Euro). Entschuldigt, das Cover ist wirklich winzig, aber ich finde nichts besseres.



Wenn man dann die CDs, die ich aufgeführt habe, schon kennt, sollte man die folgende Scheibe mal ins Auge fassen. Sie enthält die Sinfoniettas und das Flöten und Oboenkonzert. Die erste Sinfonietta und das Oboenkonzert sind mir zu betulich konservativ, aber die anderen Sachen finde ich besser, ohne daß sie dann an die Sinfonien heranreichen würden. Und natürlich sind die Sachen auch relativ kurzatmig. Auch diese CD ist nicht teuer.




Aber wie steht ihr zu Malcolm Arnold ( falls ihr ihn kennt)? Ich schätze ihn sehr hoch ein. Und wenn denn auch Britten, Schostakowitsch und Messian dann doch sicher höher gehandelt werden ( und wahrscheinlich auch zu Recht), aber ich weiß nicht, einen Komponisten, den man so gerne und oft hört, sollte man den nicht doch ein wenig höher hängen, ihn vielleicht sogar in diese Kategorie aufnehmen? Was ist eure Meinung?

Gruß Martin

Edwin Baumgartner

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2

Montag, 2. Januar 2006, 22:50

sir malcolm

Tatsächlich lebt Sir Malcolm Arnold noch, allerdings hat er zu komponieren aufgehört.
Arnold hat einen Hang zu humoristischen und ironischen Wendungen - und so passt es gut, dass fast jeder eine Melodie von ihm kennt, die gar nicht von ihm ist. Sir Malcolm schrieb nämlich die Musik zum Film "Die Brücke am River Kwai".
Da ist der berühmte Marsch drin.
Nur gerade der ist nicht von Malcolm Arnold, sondern von irgendeinem Militärmarsch-Komponisten.
Fast schon wieder tragisch.
Und genau so ist Arnolds Musik für mich: Es ist in ihr eine Heiterkeit, die in Bitterkeit umschlagen und zu Tränen rühren kann. Das Vorbild Gustav Mahler schimmert immer wieder durch - und doch ist Arnold nicht einfach ein Nachahmer.
Ehrlicher Weise muss man aber auch sagen, dass bei Arnold der Geniestreich neben der totalen - und nicht ironisch gemeinten - Geschmacksverirrung stehen kann. Der langsame Satz der Fünften etwa hat ein Gesangsthema, das wirklich schön ist, den Geist von Tschaikowskij und Mahler atmet und delikat begleitet eingeführt wird. Doch wenn dann allerhand Farb-Schnickschnack mit Harfen, Celesta und geteilten Streichern dazukommt, schlägt der Charakter einer noblen Nostalgie um in geradezu unglaublichen Kitsch.
Fast frei von solchen Geschmacksverirrungen, die, wie ich gestehen muss, mein prinzipiell gutes Verhältnis zu Arnolds Musik trüben, sind nur die Dritte und die Neunte Symphonie, wobei die dritte etwas verkrampft wirkt. Die Neunte allerdings ist eine wirklich bedeutende Symphonie und reiht sich würdig ein in den Kanon der Symphonik nach Schostakowitsch.

Wie schon oben gesagt: Arnold hatte auch ein Faible für Heiterkeit und Ironie. Und so gibt's von ihm ein köstliches Konzert für Klavier zu drei Händen, die "Beckus"-Ouvertüre. Und, geschrieben für Gerard Hoffnungs witzige Konzerte, die "Grand Grand Ouverture", die einen unglaublichen, sogar orgel-gestützten, Bombast entfaltet, und zwar über eine absolut unsinnig-simple Wendung. Vorsicht! - Wer sich dieses Werk auf CD zulegen will (es ist ja Fasching!): Ungekürzt ist es meines Wissens nach nur im Konzertmitschnitt des originalen Hoffnung-Konzerts.
...

Martin

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3

Dienstag, 3. Januar 2006, 06:19

RE: sir malcolm

Lieber Edwin,

das mit dem "unglaublichen Kitsch" im langsamen Satz der 5. Sinfonie habe ich absolut nicht so empfunden. Das ist farbig, natürlich, aber wie ich finde, absolut passend. Ich höre diesen Satz, so wie er ist, sehr gerne. Wie ich eben auch die Sinfonien von Arnold überhaupt sehr gerne höre und nicht wie Du jetzt die 3. und 9. herausheben möchte.

Du hast recht, dieser "weltberühmte Marsch" ist eben gerade nicht von Arnold. Allerdings stammt die Begleitung dann wohl doch von ihm. Man müßte vielleicht mal den originalen Marsch neben Arnolds Bearbeitung hören. Ich schätze das Stück verdankt seinen Erfolg eben doch nicht zu einem geringen Teil dieser Ironisierung des Pazifisten Arnold eines Militärmarsches.

Aber das ist Filmmusik und Filmmusik hat Malcolm Arnold meines Wissens immer sehr schnell geschrieben, als Broterwerb sozusagen, und sicher nicht so ernst genommen.

Das "Vorbild Mahler" kann ich bei Malcolm Arnold nicht in dem Maße entdecken. Meines Wissens hat Malcolm Arnold gerade das Mahlersche Sinfoniekonzept der Sinfonie "als Welt" abgelehnt und sich dann eher auf die Tradition Mozart, Beethoven und Brahms bezogen. Aber das sind alles Informationen, die ich aus CD Begleitheften habe. Ein Buch oder dergleichen über Malcolm Arnold habe ich noch nicht gesehen.

Es gibt dann möglicherweise bei Malcolm Arnold doch schon so etwas wie die "Ironisierung des Trivialen", auch wie ich vermute gerade der Militärmusik. Davon kannst Du möglicherweise schon bei Mahler irgend etwas entdecken. Aber das ist doch nun ein Topos, den Du überall in der Musik des 20. Jahrhunderts entdecken kannst, etwas vollkommen allgemeines, was man nicht unbedingt auf Mahler zurückführen muß. Und Malcolm Arnold hat da einen Sarkasmus, den Du bei Mahler so sicher nicht finden wirst. Diesen Sarkasmus empfinde ich dann auch schon als etwas, was die Musik Malcolm Arnolds dann doch auch zu einer Musik nach dem 2. Weltkrieg, zu einer zeitgemäßen Musik macht.

Aber mit dem "Kitsch" ist es immer so eine Sache. Also der Musik von Mahler hat man ja nun über Jahrzehnte auch so etwas vorgeworfen ( oder von trivialen Themen und dergleichen gesprochen). Meiner Meinung nach ist Malcolm Arnold bei weitem nicht so dumm, zu übersehen, wo er sich in die bedenkliche Nähe zum Kitsch begibt. Er ist solche Risiken aber immer eingegangen und das ehrt ihn. Mit dem Kitschproduzenten, der den Kitsch ganz bewußt in Kauf nimmt, ja ihn fabrikmäßig produziert, hat das gar nichts aber auch wirklich gar nichts zu tun. Und Malcolm Arnold wird ja dieses Jahr 85 und wenn er nun im Verlaufe seines langen Lebens 9 Sinfonien geschrieben hat, ist er weiß Gott kein Vielschreiber. Gerade in diesem Zusammenhang mußte ich dann über einen CD Begleitheftschreiber schmunzeln, der dann von Malcolm Arnold als einem ungeheuer kreativen Vielschreiber schrieb, der sich Filmmusiken, Konzerte und Sinfonien einfach so "aus dem Ärmel schüttelte". Ja, bei den Filmmusiken mag das schon so gewesen sein, aber an den Sinfonien hat er doch jahrelang gearbeitet.

Und mich würde es halt doch sehr freuen, wenn es mir gelänge, gerade den konservativen Menschen hier, die bei Musik nach 1945 am liebsten gleich "die Schotten dicht machen", die Musik Malcolm Arnolds schmackhaft zu machen, sie vielleicht auch ein bißchen neugierig zu machen.

Gruß Martin

Edwin Baumgartner

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4

Dienstag, 3. Januar 2006, 15:42

Lieber Martin,
"Vielschreiber" ist so eine Sache... Auch Britten und Schostakowitsch waren Vielschreiber. Aber sie wussten genau zu unterscheiden zwischen den bedeutenden Werken und den Werken, die man eben auch schreibt, weil's Geld bringt oder weil es ein ehrender Auftrag ist oder weil ein Freund etwas bestellt hat.
Objektiv gesehen war Arnold schon ein Vielschreiber, er hat Unmengen an Kammermusik und Filmmusik produziert (seltsamer Weise aber fast keine Vokalmusik), auch das kostet Zeit. Aber zweifellos sind die Symphonien das Herz seines Schaffens. An ihnen wird er gemessen werden. Und von ihnen sind einige wirklich bedeutende Stücke - für mich die Zweite, die Fünfte, die Siebente und die Neunte.

Nun der Vergleich mit Mahler: Die Symphonie als philosophischer Weltentwurf trifft bei Mahler nicht auf jedes Werk zu. Ich empfinde etwa weder Mahlers Sechste noch seine Neunte als Weltentwürfe. In ihnen geht es um die eigene Existenz, um einen Blick in die Abgründe der eigenen Seele, letzten Endes um die beiden zentralen Themen der menschlichen Existenz: Liebe und Tod.

Insoferne ist für mich zumindest Arnolds Neunte ebenfalls ein solcher Entwurf, und in den anderen Symphonien stehen einzelne Sätze, die sich mit diesen Kernfragen befassen. Ein oberflächlicher Komponist, der nur Hörlust bieten wollte, war Arnold meiner Meinung nach nur in den Nebenwerken.

Zu den Geschmacksverirrungen: Ich finde es ok., wenn Du sie problemlos akzeptieren kannst. Ich habe mit ihnen leider wirklich Probleme. Ich hörte einmal in London die Erste "live", die ich damals noch nicht kannte - ich war wirklich begeistert. Und dann kommt der Schluss mit diesen furchtbar pathetischen Bläserakkorden und der endlos sequenzierten Melodie. Ich dachte nur: "Mensch, Arnold, mach Schluss, Du ruinierst Dir ein Meisterwerk." Und noch eine Sequenz und noch eine Sequenz. Schade...
...

Martin

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5

Dienstag, 3. Januar 2006, 16:44

Lieber Edwin,

ich verstehe vollkommen, was Du meinst. Vielleicht jetzt nicht so sehr beim langsamen Satz der 5., aber ich verstehe genau, was Du meinst, wenn Dir manche Satzschlüsse von ihm einfach zu "effektvoll" vorkommen.

Für mich sind das aber Dinge, die für mich einfach zu Arnold gehören. Auch ohne nun ein Fachmann zu sein, sondern ein Laie, weiß ich sehr wohl, daß die Methoden, mit dem Du einen Satz zum Schluß noch mal "zum Höhepunkt treibst" und die Arnold ganz gut beherrscht, musikalisch vermutlich eher trivialer Natur sind. Anderseits nun wieder: Ich kann's ihm nicht so übel nehmen. Du treibst die Stimmung am Ende zum Höhepunkt und erzeugst zum Schluß Begeisterung. Aber die Begeisterung ist doch nun nicht für den Schluß, sondern fürs Werk, mit dem Schluß fährst Du einfach nur die Ernte ein.

Aber sind nicht Satz- und vor allem Werkschlüsse überhaupt ein Problem? Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Briefwechsel zwischen Clara Schumann und Johannes Brahms. Clara Schumann fand die erste Sinfonie von Brahms großartig. Aber dieser Schluß! Clara Schumann fand ihn einfach nur schlecht und "schematisch" und ich denke, man kann durchaus nachvollziehen, was sie meint. Brahms hat ihn trotzdem so drin gelassen. Und wer sind wir, Brahms dafür kritisieren zu wollen.

Tatsache ist: Viele Satzschlüsse erfüllen einfach ihren Zweck. Und das unbefangene Publikum, der unbefangene Hörer, stört sich nicht an ihnen. Man merkt: Nun geht es aufs Ende zu, und freut sich darauf, wie nun wieder die Dominante donnernd in die Tonika fallen wird.

Arnold mag dir vielleicht in dieser Hinsicht zu "effektvoll" sein. Aber ich würde das nicht zu hoch hängen im Sinne: Hier ruiniert sich jemand ein Meisterwerk. Das merkwürdige ist doch, daß das Publikum, wenn es einen Werkschluß hört, höchst begeistert nach Hause geht, aber trotzdem hört sich niemand von Meisterwerken zwanzig Passagen hintereinander an, wo es auf den Schluß zugeht, sondern würde das dann vermutlich höchst langweilig finden.

Das ist wiegesagt eine Geschmacksfrage. Der eine findet es besser, wenn ein Musiker sozusagen "diskret" und geschmackvoll zum Schluß kommt, der andere findet wieder dieses "Geschmackvolle" eigentlich ziemlich fade und dazu gehört wohl Arnold. Aber ich habe die erste Sinfonie lange nicht mehr gehört und werde sie mir gerne noch mal daraufhin anhören.

Gruß Martin

C.Huth

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6

Mittwoch, 4. Januar 2006, 18:23

RE: sir malcolm

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Und, geschrieben für Gerard Hoffnungs witzige Konzerte, die "Grand Grand Ouverture", die einen unglaublichen, sogar orgel-gestützten, Bombast entfaltet, und zwar über eine absolut unsinnig-simple Wendung. Vorsicht! - Wer sich dieses Werk auf CD zulegen will (es ist ja Fasching!): Ungekürzt ist es meines Wissens nach nur im Konzertmitschnitt des originalen Hoffnung-Konzerts.


Hallo Edwin,

ich teile im wesentlichen Deine Einschätzung, was Arnolds Musik angeht: Wirklich gelungenes und wirklich gutes stehen meiner Meinung nach neben mancher Geschmacksverwirrung, bei der ich mir an den Kopf fasse und mich frage, was Arnold da getrieben hat. Dennoch, von Zeit zu Zeit höre ich seine Sinfonien (in der Einspielung unter Andrew Penny) recht gerne, habe es aber wohl lange nicht mehr getan, denn als ich eben die vierte (deren Kopfsatz auch ein ganz gutes Beispiel dafür ist, das Arnold den schmalen Grad zum Kitsch durchaus auch schlafwandlerisch sicher betreten konnte, ohne die Grenze zu überschreiten) wieder hören wollte, stelle ich mit Verwunderung fest, dass mir die Nrs. 5 und 6 noch fehlen....Naja, sind ja für wenig Geld zu haben, glücklicherweise!

Probleme habe ich in fast allen Arnold-Sinfonien mit den Finali, deren häufig zur Schau gestellter orchestraler Bombast nach meinem Gefühl oft nicht mit dem Inhalt der vorangehenden Sätze in einem gesunden Verhältnis stehen und mir allzu häufig als ein ganz bewusst "effektvoll" geplanter Abschluss erscheinen.

Zweifellos beherrscht Arnold diesen Effekt, und davon kann man sich hervorragend in den Ouvertüren, die oftmals für bestimmte Konzerte konzipiert wurden, überzeugen - und als furiose Einleitung eines Konzertes funktionieren die meisten sicher auch gut. Davon kann man sich in der recht neuen Einspielung unter dem jungen Briten Rumon Gamba auf Chandos machen. Gamba beherrscht die effektvolle Orchestersprache Arnolds hervorragend, das bestens aufgelegte BBC Philharmonic folgt ihm willig - und die "Grand grand festival Overture" zu Beginn ist meines Wissens nach ebenfalls ungekürzt....



Um auf die Sinfonien zurück zu kommen: Ich halte nur die Neunte für eine der ganz großen Sinfonien des 20. Jahrhunderts. Die anderen sind gewiss keine schlechte Musik und könnten ebenso sicher öfter gespielt werden - denn man hört sie doch immer ganz gerne. Aber welch ein Unterschied etwa zu den letzten Sinfonien Schostakowitschs, zur 6. Sinfonie Carl Nielsens oder zu so einem ambitionierten Werk wir Carters "Sinfonia"!!

Beste Grüsse,

C.
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Edwin Baumgartner

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7

Mittwoch, 4. Januar 2006, 19:52

Hallo C.!
Einverstancen mit jedem Wort von Dir! Bloß eine kleine Unfairness will ich anmerken: Wer kann denn schon einem Schostakowitsch das Wasser reichen? Und einem Nielsen? (Der Carter ist meiner Meinung nach nicht vergleichbar, weil dieses Werk mit ganz anderem intellektuellen Anspruch geschrieben ist.)
Vergleichen wir Arnold lieber mit Vaughan Williams und den anderen britischen Symphonikern. Und da schneidet Arnold im Vergleich nicht übel ab - diesbezüglich sind wir sowieso einer Meinung!
LG

PS.: Die von Dir genannte Aufnahme der Grand Grand Overture habe ich in meiner Sammlung - und glatt vergessen! Ich erinnerte mich, als ich den Cover sah. Seltsam, wie man manchmal etwas vergisst...
...

C.Huth

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8

Mittwoch, 4. Januar 2006, 20:02

Hallo Erwin,

natürlich ist der Vergleich mit Schostakowitsch, Nielsen und Carter nicht ganz fair, aber dennoch: Wenn man nach den großen Sinfonien des 20. Jahrhunderts fragt, muss man (u.a.) diese Namen nennen und vergleichend heranziehen. Da kann bei Arnold beiweitem nicht alles mithalten, meiner Meinung nach, übrigens auch bei Vaughan Williams, vom dem ich aber nicht alle Sinfonien kenne, nicht. Sieht man Arnold im britischen Kontext, sieht das anders aus, gewiss, da sind wir uns einig....;)

Wie mundet Dir die Gamba-Aufnahme der Ouvertüren Aronolds?

Beste Grüsse,

C.
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Edwin Baumgartner

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9

Mittwoch, 4. Januar 2006, 22:23

Die Gamba-Aufführung finde ich o.k. - das ist, ehrlich gestanden, für mich nicht die Musik, anhand der ich die Tiefe eines Interpreten ausloten will.

Du hast recht: Vaughan Williams schrieb schon verdammt gute Symphonien, etwa die von mir heiß geliebte Sechste und die atmosphärisch so eigentümliche Neunte. Aber wenn ich an Arnolds Neunte denke: Mit diesem Werk kann er mit Vaughan Williams mithalten.

Ich würde auch niemals Arnold als einen der bedeutendsten Symphoniker des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Ich mag ihn recht gern. Aber für mich gibt es bei den ganz großen Symphonikern in der fraglichen Zeit neben Schostakowitsch auch noch Schnittke, Tischtschenko und Lutoslawski...
Jetzt, wo ich diese Namen genannt habe... Aber lassen wir die Vergleiche! Halten wir fest: Arnolds Neunte ist wirklich ein sehr gutes Werk...
...

Martin

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10

Mittwoch, 4. Januar 2006, 23:08

Lieber Edwin, lieber C.Huth,

also ihr seid mir doch ein bißchen zu arg kritisch. Schostakowitsch ist ein ganz großer, selbstverständlich oder auch Nielsen ( der aber auch schon wieder eine andere Generation ist). Aber Arnold ist eben Arnold, ein anderer Stil und jedenfalls hätte Schostakowitsch eine gute Arnoldsinfonie gewiß nicht hinbekommen. Und mir gefällt durchaus nicht alles von Schostakowitsch ( mit der 11. kann ich wenig anfangen, auch die 12. finde ich nicht so stark).

Mir gefällt auch die Rede vom "britischen Kontext" nicht. Die englische Musik des 20. Jahrhunderts konnte sich mit jeder messen und Vaughan Williams ist für mich einer der großen des 20. Jahrhunderts ( auch wenn nicht alle seine Sinfonien gleich gut sind). Wenn man von einer Ausnahmeerscheinung wie Schostakowitsch absieht, würde ich die Dinge eher anders formulieren: Manche Sache, die im Weltmaßstab gar nicht mal schlecht ist, würde im "britischen Kontext" eher untergehen. :P

Vaughan Williams sollte eigentlich viel populärer sein. Vielleicht jetzt nicht gerade in seiner 4. aber doch in vielen seiner Werke ist Vaughan Williams einfach schön und die Liebhaber des Schönen in der Musik, die sich am besten gleich auf die Wiener Klassik zurückziehen, könnten dieser Musik vielleicht sogar etwas abgewinnen und da sind es nicht nur die Sinfonien, sondern auch Werke wie "Serenade for Music", "A lark ascending", das Oboenkonzert und einiges andere.

Heute habe ich wieder die 1. und 2. Sinfonie Arnolds gehört und sie gefallen mir sehr gut. Natürlich, das Finale der 2. ist etwas leichtgewichtig aber sehr peppig. Also mir gefällt das gut, wie ich überhaupt sagen muß, daß es in der Sinfonik von Arnold keine "Ausfälle" gibt. Die sind alle toll, die Sinfonien ( ich habe in den letzen Tagen die 1.,2., 4., 5.,6. und 7. gehört). Aber mit der 11. von Schostakowitsch etwa konnte ich bisher nichts anfangen und ich glaube nicht, daß die gut ist. Ich habe im moment so ein bißchen den Eindruck, daß man ihn in den Himmel hebt, vielleicht aus schlechtem Gewissen dafür, daß man noch vor wenigen Jahrzehnten herablassend als "Propagandamusik" abtat. Ich kenne alle Sinfonien von Schostakowitsch, aber ich finde sie nicht alle gleich gut. Auch dem, was ich von den Streichquartetten hörte, konnte ich bisher nichts abgewinnen.

Schnittke habe ich gehört und ich mochte ihn nicht sonderlich. Ich habe mal Filmmusik in einem Hamburger Konzert gehört, die gefiel mir gut. Ich werde dem Schnittke irgendwann noch mal eine Chance geben. Von Lutoslawski weiß ich, daß er die "Aleatorik" angewendet haben soll und da hat er mich dann nicht weiter interessiert. Aber vielleicht mache ich trotzdem mal einen Versuch mit Lutoslawski, er ist ja auch auf Naxos eingespielt worden.

Gruß Martin

Alfred_Schmidt

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11

Donnerstag, 5. Januar 2006, 00:14

Ich habe soeben die dritte Sinfonie von Arnold gehört - Immerhin ist mein Urteil milder als beim Ersthören.

Im "Beipackzelltel" wird Arnold quasi als Spätromantiker verkauft, was er meiner Meinung nach nicht ist. Es wird dort betont, wie sehr er sich den Traditionen der "Klassischen" Sinfonie verbunden fühlt - Zu hören ist davon IMO nichts. Der Grundcharakter der Sinfonie ist eher düster, wobei die Stimmung ständig schwankt, eine merkwürdige Art von Unentschlossenheit in jeder Beziehung, sei es den Stimmungscharakter der Sinfonie betreffend, sei es der Stil. Weder ausgesprochen konservativ - noch neutönerisch, manchmal erschreckend belanglos, dann wieder pseudomodern. Irgendwie hatte ich den Eindruck einer Collage - Der Wiedererkennungswert des Sinfonie ist minimal. ich könnte kein einziges Thema im Kopf nachsummen - wenn ich das denn wollte. Hören und wieder vergessen - das ist mein Eindruck. Ich kann keine Strukturen und Muster erkennen, das Ganze wirkt auf mich amorph.
Das Interessanteste dran ist stellenweise die Instrumentierung
Allerdings hatte ich die Aufnahme als Schreckgespenst in Erinnerung - Das Wiederhören war dann eher eine Erleichterung, als eine Bestätigung. Nichts was wehtut, aber auch nichts was ich zu meinem Vergnügen hören möchte.

Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

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Martin

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12

Donnerstag, 5. Januar 2006, 15:49

Lieber Alfred,

ich habe gerade noch mal die 3. Sinfonie von Arnold gehört und ich kann Deine Kritik teilweise verstehen. Ich habe doch den Verdacht, daß sie die schwächste des Zyklus ist. Ich habe sie selten gehört und das wird schon seine Gründe haben. Der langsame Satz klingt sehr ernsthaft, aber es fehlt mir da die Melodik, die ihn erst interessant machen könnte, den letzten Satz empfinde ich als etwas banal. Ein "Totalausfall" ist die 3. nicht, aber mir haben die anderen Sinfonien in den letzten Tagen viel mehr Freude gemacht. Die 8. möchte ich in den nächsten Tagen noch mal hören ( weil ich sie auch nicht mehr in Erinnerung habe), dann bin ich mit dem Wiederhören des Sinfoniezyklus durch. Die 9. höre ich dann auch noch mal.

Das mit dem "Spätromantiker" Arnold sehe ich auch nicht so. Das mag auch Verkaufsstrategie von Naxos sein, ihn als Spätromantiker zu verkaufen.

Allgemein sind uns im Zuge des "Nachweltkriegsultramodernismus" da entschieden auch die Maßstäbe verrutscht, wo dann wahrscheinlich noch ein ein Karl Amdeus Hartmann ( am Ende noch der Henze) als "Konservative" durchgehen.

Arnold hatte aber wohl auch einen Hang zur leichten Muse, zum Peppigen, Fetzigen. Das ist aber noch nicht Spätromantik, wo er seriös wird, ist er eben ganz und gar nicht spätromantisch. Sondern modern, allerdings nicht im Sinne unserer "verrutschten Maßstäbe". Korngold war wohl Spätromantiker, Arnold ist es sicher nicht. Ich bin aber kein Fachmann für Musikstilkunde, ich kann nur sagen, daß ich Arnold eben nicht als Spätromantiker empfinde.

Ich bin nicht sicher, ob die Sache mit dem "banalen Arnold" so stimmt ( wiewohl ich den letzten Satz der 3. wiegesagt teilweise schon banal fand). Er bedient sich sehr verschiedener "musikalischer Schichten", das ist wahr, aber ich habe eigentlich nur selten in seinen Sinfonien empfunden, daß er einfach nur leeres Stroh drischt. Ich finde diese Musik sehr dicht, meistens jedenfalls. Vielleicht geht dieser Musik dann zuweilen auch die Fähigkeit zu "ausschweifendem Gesang" ab, das ist sicher der Arnoldsche Stil, da mag aber auch zuweilen ein gewisses Unvermögen dahinter stehen, ausschließen will ich das nicht. Aber selbst wenn dies Unvermögen von Arnolds Seite aus sein sollte, es wäre jedenfalls ein höchst integres Unvermögen, es ist nicht so schwer für einen Komponisten allzu schnelle "Stimmungschwankungen" zu vermeiden, wenn er nur bereit ist, die Dinge entsprechend "auszuwalzen", das ist aber Arnolds Sache nicht. Wiegesagt, diese Musik ist dicht, sie ist gerade nicht pseudomodern, wie Du es genannt ist, pseudomodern ist für mich der Komponist, der den Arnold kompositionstechnisch sozusagen auf der linken progressiven Seite überholt und dann noch schriller, dissonanter klingt und dabei im Grunde nur leeres Stroh drischt. Das ist Arnold nun ganz sicher nicht. Daß Du ihn "pseudomodern" nennst, tut mir dann doch schon ein bißchen weh. Gerade wo er "modern" klingt, finde ich ihn meist recht originell. Pseudomodern ist es für mich, seine Unfähigkeit hinter irgendeinem Modernismus zu kaschieren, wo dann das gemeine Publikum leider "nicht mehr folgen kann" und über den "mangelnden Zugang" klagen muß.

Auch das mit dem Collagenartigen mag stilistisch gelegentlich schon irgendwie stimmen, finde ich aber auch keinen Einwand. Man mag das eben, oder eben nicht. Man ist überzeugt von diesen "Collagen" oder man findet sie abwegig. Und Arnold geht mit diesen Collagen halt schon ziemlich weit, in der 4. läßt er sogar mal für einen kurzen Abschnitt eine "irische Folkband" zu Worte kommen.

Aber wiegesagt, laß Dich nicht von der 3. Sinfonie abschrecken, noch weiteres von Arnold zu hören, mir gefällt sie ja ehrlich gesagt auch nicht so gut, aber insgesamt mag ich Arnold doch sehr. Die 4. und 5. habe ich am häufigsten gehört, die 1. und 2. liebe ich allein schon deshalb, weil sie mein Einstieg in den Arnold waren ( und sie sind auch toll), den ersten Satz der 7. finde ich sehr bemerkenswert, auch die 6. finde ich nicht schlecht, wobei der Sprung vom entrückten Trompetensolo zum schrillen "Bossa Nova" im langsamen Satz allerdings schon bemerkenswert ist ( und nicht jeder ihn gutheißen wird) und mir das schmissige Trompetenthema im letzten Satz zu oft wiederholt wird.

Gruß Martin

C.Huth

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Registrierungsdatum: 17. August 2004

13

Donnerstag, 5. Januar 2006, 16:03

Hallo zusammen,

ich will mich in den nächsten Tagen gerne noch einmal ausführlicher zu dem schwierigen Thema "Bewertung" äußern, aber eines sei jetzt schon einmal festgehalten: Ich kann nicht ganz sehen, wo im Beiheft bei NAXOS stünde, Arnold sei ein Spätromantiker. Ich kann nur eine Passage finden, die etwas anders klingt, da steht nämlich: "Seine Sprache steht voll und ganz auf dem Boden der Spätromantik". Ich denke, das ist etwas anderes als "Arnold ist ein Spätromantiker. Ich denke auch, dass man das nicht wird abstreiten können, wie auch etwa bei Vaughan-Williams oder Willam Alwyn nicht: Der Nährboden für Arnolds Musik ist im wesentlichen die Spätromantik - seinen Stil selbst kann man schwer beschreiben, ich würde mich mit der stilistischen Klassifizierung schwer tun. Wahrscheinlich auch deshalb versteigt sich das Beiheft der Naxos-Aufnahme der 3. und 4. Sinfonie gerade nicht zu der Aussage, Arnold sei ein Spätromantiker.

Beste Grüsse,

C.
Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

Martin

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14

Donnerstag, 5. Januar 2006, 18:49

Lieber C.Huth,

diese Differenzierung zwischen Spätromantik und "steht auf dem Boden der Spätromantik" ist mir ehrlich gesagt zu fein gesponnen. Alle moderne Musik steht irgendwie auf dem Boden der Spätromantik, weil halt alle Musik auf dem Boden der alten steht. Das ist völlig banal, es sei denn man macht halt die Gruppierung der musikalischen Super-Avantgardisten, die mit ihrem Avantgardismus soweit gehen, 600 oder 1000 oder wer weiß vielleicht auch 10.000 Jahre ( dann allerdings nicht mehr historisch verzeichneter) Musikgeschichte einfach so zu beerdigen, zum Maß aller Dinge.

Wenn man sich ( wie ich) weigert, diese Form von Modernität als Norm anzuerkennen ( umstritten war sie immer und ich glaube, daß es heute kaum jemanden gibt, der diese neutönerische Norm noch anerkennt), dann bleibt vom Satz "steht auf dem Boden der Spätromantik" wirklich nur noch die Banalität normaler historischer Entwicklung übrig.

Den Vergleich Vaughan Williams und Malcolm Arnold kann ich auch nicht so nachvollziehen. Das sind doch zwei völlig verschiedene musikalische Generationen! Vaughan Williams steht nicht auf dem Boden der Spätromantiker, er ist in vielerlei Hinsicht Spätromantiker und Malcolm Arnold ist es eben nicht. Vaughan Williams ist 1872 geboren, Malcolm Arnold 1921, da liegen doch musikgeschichtlich Welten dazwischen. Die 7. von Malcolm Arnold empfinde ich als ein absolut modernes Werk ( das ich toll finde, aber ob es Alfred gefällt? ), mit was von Vaughan Williams willst Du die vergleichen? Am ehesten wohl noch mit Vaughan Williams 4. ( die ich aber nicht mag und nicht für sein gelungenstes Werk halte).

Gut vielleicht ist auch für Vaughan Williams die Einstufung als Spätromantiker falsch. Ich habe da auch schon solche Kategorisierungen wie "Nachromantiker" ( was das nun wieder sein soll, weiß ich auch nicht) gelesen. Jedenfalls gehört für mich Vaughan Williams, obwohl etwas jünger, eindeutig zur Generation Jean Sibelius, Mahler, Strauss, Reger, Pfitzner, die mit dem Modernen wohl gelegentlich ein kleines bißchen flirten und auch gelegentlich bahnbrechend wirken, im übrigen aber der Romantik trotzdem verhaftet bleiben. Dagegen fand der 50 Jahre später geborene Malcolm Arnold schon eine vollkommen veränderte musikalische Umwelt vor.

Ein Konservativer mag er sein. Aber auch seine Einstufung als "Eklektiker", die in einem dieser Naxosbegleithefte las, fand ich völlig abwegig. Malcolm Arnold war doch nun sicher nicht so dumm, die Romantik wieder zum Leben erwecken zu wollen. Das hätte doch bedeutet, die 50 Jahre Musikentwicklung, die eben zwischen Vaughan Williams und Malcolm Arnold liegen, ganz einfach auszublenden. Das er das tut, glaube ich aber einfach nicht, selbst wenn er als nicht unbegabter Melodiker bisweilen melodische Ideen hat, die sehr nach Spätromantik klingen. Seine Musik kann schön sein, sie ist es aber nicht in einem auf die Romantik bezogenen "nostalgischen" Sinne.

Gruß Martin

C.Huth

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15

Donnerstag, 5. Januar 2006, 21:47

Hallo Martin_2,

mag sein, dass die Unterscheidung zwischen "steht auf dem Boden der Spätromantik" und "ist ein Spätromantiker" spitzfindig erscheinen mag - ich finde sie trotzdem wichtig. Und zwar, weil die Formulierung meiner Erachtens nach eben auch klarmacht, das Arnold nicht auf dem "Boden der Atonalität" oder auf dem "Boden der Zwölftonmusik" steht, auch nicht "auf dem Nährboden Strawinskys", sondern eben auf dem der "Spätromantik". Hier kommen wir natürlich in Gefahr, was die Definition des Begriffes angeht, der wie jeder musikalische Epochenbegriff reichlich schwammig sein kann. Ich habe schon meine Zweifel, Mahler, Zemlinsky und Schreker etwa als Spätromantiker zu bezeichnen. Zumal in anderen Kunstrichtungen meines Wissens die Spätromantik ohnehin weit vor der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angesetzt wird, aber da mag ich mich irren und man muss natürlich berücksichtigen, dass musikalische Epochenbezeichnungen anderen Richtungen merkwürdigerweise immer nachhinken (hat jemand dafür eigentlich eine Erklärung?) Aber vielleicht ist das auch mein persönliches Problem mit der Bezeichnung "Spätromantik".

Der Komponist Vaughan-Williams ist in der Tat ein krasser Grenzfall: Geboren sozusagen in der Hochzeit der (musikalischen) Romantik, entstehen seine Sinfonien, soweit ich sehe, ab 1910. Da waren einige wichtige Schritte in der Musikgeschichte des 20. Jahrhundert schon erfolgt oder lagen in der Luft ("Ich fühle Luft von anderen Planeten!") - und Sinfonien wie die Vierte (1931-1934) oder die Sechste (1944-1947), die ich beide besonders schätze, kann ich nur noch mit Bauschmerzen "Spätromantisch" nennen. Vielleicht ist es schon eine Art Postromantik. Auf jeden Fall ist es Musik, die auf dem Boden der Spätromantik (und nicht folgender Entwicklungen) steht - und genauso verhält es sich meiner Meinung nach mit Malcolm Arnolds Musik auch (nochmal: Ich höre die Sinfonien gerne, wir sind uns nur uneinig in ihrer Bewertung für die Bedeutung der Sinfonie im 20. Jahrhundert). Arnold knüpft bei Brahms, bei Schumann, bei Berlioz an, und er beherrscht die Idiome des Jazz und der Filmmusik seiner Zeit - aber die Entwicklungen dazwischen, die hat er - bewusst, sicherlich - nie einfliessen lassen. Auch nicht in der Siebenten, die den ein oder anderen zwar verschrecken mag - aber was ist das gegen Vaughan Williams Vierte, um einmal im britischen Kontext zu bleiben?

Die Bezeichnung Arnolds als "Ekklektiker" finde ich eigentlich gar nicht so dumm - ich verstehe den Begriff auch nicht negativ.

Schließlich noch zum Ende:

Zitat

Das ist völlig banal, es sei denn man macht halt die Gruppierung der musikalischen Super-Avantgardisten, die mit ihrem Avantgardismus soweit gehen, 600 oder 1000 oder wer weiß vielleicht auch 10.000 Jahre ( dann allerdings nicht mehr historisch verzeichneter) Musikgeschichte einfach so zu beerdigen, zum Maß aller Dinge.


Diese Aussage zeigt, dass Du die Avantgarde entweder nur vom Hörensagen kennst (wie Lutoslawski, weil er vermeintlich mit "Aleatorik" arbeitet - richtiger wäre vielleicht ein Begriff wie "aleatorischer Kontrapunkt" oder "kontrollierte Aleatorik", auch wenn das jetzt vielleicht wieder spitzfindig scheint) oder nicht sehen willst, dass die ganze Avantgarde auf dem Boden der Musikgeschichte steht. Selbst so schreckliche Menschen wie John Cage oder György Ligeti oder Karlheinz Stockhausen sind sich der musikalischen Wurzeln sehr bewusst und setzen sich damit auseinander. Ich denke, ein "respektloses" Reden über Musik ist in jeder Hinsicht wünschenswert, aber solche Vorurteile, sorry, da geht mir dann doch ein wenig die Hut(h)schnur hoch....

Nix für ungut, freundliche Grüße,

C.
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Martin

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16

Donnerstag, 5. Januar 2006, 23:40

Zitat

Original von C.Huth

Zitat

Das ist völlig banal, es sei denn man macht halt die Gruppierung der musikalischen Super-Avantgardisten, die mit ihrem Avantgardismus soweit gehen, 600 oder 1000 oder wer weiß vielleicht auch 10.000 Jahre ( dann allerdings nicht mehr historisch verzeichneter) Musikgeschichte einfach so zu beerdigen, zum Maß aller Dinge.


Diese Aussage zeigt, dass Du die Avantgarde entweder nur vom Hörensagen kennst (wie Lutoslawski, weil er vermeintlich mit "Aleatorik" arbeitet - richtiger wäre vielleicht ein Begriff wie "aleatorischer Kontrapunkt" oder "kontrollierte Aleatorik", auch wenn das jetzt vielleicht wieder spitzfindig scheint) oder nicht sehen willst, dass die ganze Avantgarde auf dem Boden der Musikgeschichte steht. Selbst so schreckliche Menschen wie John Cage oder György Ligeti oder Karlheinz Stockhausen sind sich der musikalischen Wurzeln sehr bewusst und setzen sich damit auseinander. Ich denke, ein "respektloses" Reden über Musik ist in jeder Hinsicht wünschenswert, aber solche Vorurteile, sorry, da geht mir dann doch ein wenig die Hut(h)schnur hoch....

Nix für ungut, freundliche Grüße,

C.


Lieber Huth,

also Du darfst mir nun gewisse Vorurteile nicht übel nehmen ( das "nix für ungut" wäre da überhaupt nicht nötig gewesen) Sind nicht Vorurteile etwas völlig normales? Ich habe zum Beispiel auch Vorurteile gegenüber Sendungen wie "Schwarzwaldklinik" oder "Lindenstraße". Möglicherweise entgehen mir da die Höhepunkte der deutschen Kultur, aber ich bin halt einfach ein vorurteilsbeladener Mensch.

So, mit dieser Einleitung habe ich es vermutlich mit Dir verdorben. Aber seis drum. Jedenfalls wirst Du mir nicht weis machen können, daß ich gegenüber der Musik nach dem zweiten Weltkrieg nun der vorurteilsbelandenste aller vorurteilsbeladensten Menschen bin. Ganz im Gegenteil bin ich jemand, der immer mal wieder "einen Versuch macht".

Wiegesagt: Das "nix für ungut" wäre wahrlich nicht nötig gewesen. Aber: Wenn Du mich in die Ecke des reaktionären Ignoranten stellen willst, so ist das einfach schlicht und ergreifend nicht richtig. Für Musik nach dem zweiten Weltkrieg interessiert sich doch nun wirklich nahezu niemand. Außer jungen Leuten vielleicht, aber die sind dadurch ausgezeichnet, daß sie sich eigentlich für alles und jedes interessieren. Ich bekenne mich dazu, ein bißchen jung geblieben zu sein, und von daher gesehen auch mal Experimenten in Richtung moderner Musik aufgeschlossen zu sein. Das ist für einen 44 jährigen ( der ich bin) viel, sehr viel ....

Dir braucht da gar nicht die Hut(h)schnur hochgehen. Was soll das? Immerhin habe ich noch eine grundsätzliche Bereitschaft, mich mit Musik nach 45 überhaupt auseinanderzusetzen. Die meisten älteren haben da doch längst schon abgeschaltet. Klappe zu, Affe tot. Entschuldige, aber so einfach ist das.

Und "kontrollierte Aleatorik" interessiert mich ehrlich gesagt genauso wenig wie unkontrollierte. Wiegesagt, ich sage das zum drittenmal, das "nix für ungut" ist völlig überflüssig. Sehen solltest Du allerdings, daß auch ein 44 jähriger wie ich nicht mehr die Zeit hat, sich mit jedem Unsinn auseinanderzusetzen. Das überlasse ich gerne jungen Leuten. Und was ich hier sage, haben andere schon zehnmal gedacht.

Mir geht es in diesem Thread nur um Malcolm Arnold, der für mich einfach ein integrer, seriöser und - am wichtigsten- auch genialer Komponist ist. Das ist mir das wichtigste. "Kontroliere Aleatorik" dagegen interessiert mich wirklich nur etwa soviel wie die neusten intellektuellen Entwicklungen in der Schwarzwaldklinik. Aber ich werde mir den Lutoslawski irgendwann noch mal anhören.

Gruß Martin

Edwin Baumgartner

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17

Donnerstag, 5. Januar 2006, 23:48

Die Insel ist anders!

Lieber Martin, lieber C.Huth,
ich bin mit Dir, C. Huth, so einverstanden, dass ich fast sprachlos bin! Dazu später.

Nun, Martin, die 11. Symphonie von Schostakowitsch ist meiner Meinung nach ein Geniestreich. Wie Schostakowitsch das Werk von der gespannten Ruhe des ersten Satzes bis hin zu dem bohrenden Thema und dem quälenden Finale entwickelt, zeugt von einem ganz großen Symphoniker, von einem nämlich, der eine Symphonie als gesamten Kosmos entwickelt und nicht nur Sätze aneinander reiht.
Ich muss auch sagen - aber das ist wirklich persönlicher Geschmack -, dass ich eine große Vorliebe für diese "Weltanschauungs-Symphonien" habe, also für Bruckner, Mahler und eben Schostakowitsch, als dessen Nachfolger ich Schnittke empfinde: Das ist sicher schwerere Kost als Arnold, und ich bin nicht jeden Tag in der Lage, etwa Schnittkes für mich grandiose Achte zu hören. Dennoch...
Lutoslawski verkennst Du völlig! Aleatorik - na und? Die Tonhöhen sind genau definiert, damit unterliegt die Harmonik keineswegs dem Zufall. Aleatorik heißt in diesem Fall (C. Huth, bitte die Simplifizierung verzeihen!), dass ein Akkord ad libitum ornamentiert wird. Mit Ausnahme einiger weniger Werke wie dem Streichquartett setzt Lutoslawski solche aleatorischen Blöcke an bestimmte Kulminationspunkte eines Satzes, komponiert den restlichen Satz aber minutiös aus. Seine Dritte Symphonie, die ich zu den Höhepunkten der Neuen Musik zähle, ist ein wunderbarer Weg zu einer in sich ruhenden finalen Melodie - ich kenne wenige Werke, die auf mich einen so vollendeten Eindruck machen, hier sind Ausdruck, Schönheit und Intellekt in vollkommener Balance.

Zur "Insel-Symphonik" der Engländer - und damit zu dem von C. Huth bereits sehr gut artikulierten Thema.
Sieht man sich die englische Symphonik genauer an, dann gibt es "symphonische Explosionen" innerhalb eines ruhig-beschaulichen und ziemlich konservativen (das meine ich ohne Wertung!) Gesamtwerks. Vaughan Williams ist ein Paradebeispiel: Seine Vierte mit ihren harschen Dissonanzen und ihrer heftigen Gestik würde ich im Umfeld des Expressionismus ansiedeln, die Sechste ist fast ebenso kühn und enthält einen letzten Satz, dessen diffuser Klang fast etwas wie musikalischer Nihilismus ist. Die Neunte setzt das romantische Vokabular wie unter Anführungszeichen und zwingt ihm eine fast permanent durchgehaltene Abschiedsgestik auf. Sieht man von der neoklassizistisch trockenen "Achten" ab, sind Williams übrige Werke das, was ich Pastoral-Romantik nenne.

Nun sind in Großbritannien auch zu Vaughan Williams' Lebzeiten einige Symphonien entstanden, die durchaus Gewicht haben: ... Jetzt will ich zwei, drei aufzählen und schon komme ich ins Stocken... Vielleicht gibt's bei dem knorrigen Havergal Brian ein paar Juwelen, aber seine Musik ist schablonenhaft kurzatmig, die Dritte ist nicht übel - aber ich würde sie niemals mit Schostakowitsch vergleichen - nicht einmal mit einer seiner Filmmusiken. Edmund Rubbras Zuspät-Romantik ist fast lächerlich, Holsts Choral Symphony ist ein Wurf, aber mehr Kantate als Symphonie. Der brillante Frank Bridge schrieb keine Symphonie, Bantock - du meine Güte, das ist wirklich schlimm! Elgars Symphonien - na ja... Stanford und Parry fischen um Jahre zu spät in Brahms' Gewässern. Hätte man in dieser Zeit in England neben Vaughan Williams einen Symphoniker vom Rang auch nur eines Felix Draeseke, von einem Nielsen, einem Sibelius oder einem Langgaard nicht zu reden, er wäre als DER große englische Komponist weltweit bekannt.

Was tut sich bei Arnolds ungefähren Zeitgenossen? - Brittens Sinfonia da requiem liebe ich heiß, ein großes Werk. Aber ich verehre Britten viel zu sehr, als dass ich mir jetzt überlegen will, ob sie die Tiefe von Schostakowitschs Achter oder Fünfzehnter erreicht. Tippetts Vierte ist beachtlich komponiert, Waltons Erste auch. Aber von einem Symphoniker wie Schostakowitsch sind sie meilenweit entfernt, es fehlt ihnen das gewisse Etwas, das aus einem Orchesterwerk eine Symphonie macht.
In der Generation nach Arnold ist die Dritte von Peter Maxwell Davies ein tieferschürfendes Werk.

Und was tut sich sonst an Symphonik? - William Mathias arbeitet Hindemith, Strawinskij und die Minimalisten auf, Alun Hoddinott schreibt wenigstens in der Zweiten geradezu verwegene Klangballungen, ehe auch er zur allgemeinen Pastoral-Lieblichkeit findet. Alan Rawsthorne probiert's mit zu spätem, vor allem aber entschärftem Hindemith, David Bedford lässt eine aufregende Avantgarde-Phase zugunsten langweiliger Polystilistik hinter sich, die Schnittke einfach besser beherrscht. Robert Simpson ist spannender, vor allem ist er ein echter Symphoniker, seine Werke sind weiträumig angelegt und von großem Ernst getragen. Können sie neben Schostakowitsch bestehen? - Wenn Simpsons Musik nur nicht immer wieder so deutlich darauf hinweisen würde, wie nachdrücklich bedeutend sie ist. Schostakowitsch setzt dieses Pathos auch ein, aber bei ihm ist es gebrochen, menschlicher, berührender.

Fazit: Von wenigen Ausnahmen abgesehen ist die Symphonik Großbritanniens ein allzu spätes Erbe der Romantik, man liebt verträumte Oboen-Weisen zu sanften Streicherakkorden, als wolle man eine Schafherde auf der grünen Wiese vor das geistige Auge des Zuhörers zaubern.

Inmitten solch einer symphonischen Landschaft, in der Benjamin Britten bis in die 50er-Jahre als verwegen modern galt und Maxwell Davies noch in den 80er-Jahren als völlig ausgeflippter Irrer, ist Malcolm Arnolds Beitrag zur Britischen Symphonik von fast schon unabsehbarer Bedeutung.

Arnold hat durchaus intellektuelle Qualitäten, er hat Ironie, Witz, er ist ein guter Melodiker, er würzt seine meist (meist!!!) wenig avancierte Harmonik durchaus pikant, seine Rhythmik ist vital, seine Instrumentierung, sieht man von den gewissen Geschmacksverirrungen ab, erfreulich schlackenlos und scharf konturiert. Und seine Neunte ist, wie gesagt, wirklich ein großes Werk.
Ergebnis - ganz subjektiv für mich: Ich mag Arnold. Seine Musik gefällt mir, es gibt Stellen, an denen sie mich wirklich berührt.
Aber bei all dieser Zuneigung muss mir klar sein: Arnold ist kein Schostakowitsch, kein Schnittke, kein Lutoslawski, kein Carter, auch kein Henze. Er ist vergleichbar amerikanischen Symphonikern wie David Diamond, William Schuman oder Roy Harris. Also: Ein hochbegabter, brillanter, oft tiefsinniger und mit unglaublichem Einfallsreichtum begabter Komponist. Ich würde ihn als eines der großen symphonischen Talente des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Aber sicherlich nicht als eines der großen Genies.
...

C.Huth

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18

Donnerstag, 5. Januar 2006, 23:56

Werter Martin,

mit Deinem Posting hast Du die Positionen hinreichend klar dargestellt, Du wirst allerdings vestehen, dass ich keinen Anlass sehe, irgendwie korrigierend in Deine Meinung einzugreifen. Du hast Deine Meinung über das, was du "Super-Avandgardisten" nennst, gefällt, et bien. Wie, das soll mich fürderhin nicht jucken, denn wenn man sich noch nicht einmal auf grundlegende Begriffe einigen kann (und von der Aleatorik eines John Cage ist Lutoslawskis "kontrollierte Aletaorik" eben Welten entfernt, das ist durchaus kein Nebenpunkt, über den man nonchalant hinwegsehen kann), braucht man darob auch nicht zu diskutieren.

Ich kann mich nur in einem wundern: Man wirft der (vermeintlichen, sie fängt ja oft bei Webern vor ca. 100 Jahren an) Avantgarde so oft vor, sie habe alle Traditionen negiert. Warum eigentlich besteht so wenig Bereitschaft, einmal von Anfang an zu schauen, was aus den Traditionen geworden ist und warum es sich so entwickelt hat? Ich bin mir fast sicher: Es gibt im 20. Jahrhunder keine einzige musikalische Entwicklung, die nicht auf der Musikgeschichte beruht. Aber, wie gesagt, Deine Meinung ist fest, ich will sie nicht ins Wanken bringen.

Und daher nochmal, denn ich meine es nicht böse und nicht persönlich:

Nix für ungut und beste Grüsse,

C.
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Martin

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19

Freitag, 6. Januar 2006, 00:57

Lieber Carl Huth, lieber Edwin,

ach ich weiß nicht, ob meine Meinung tatsächlich so fest ist, wie Du ( C.) sie einschätzt. Ich bin eigentlich mal neugierig auf den Lutoslawski und würde mir gerne mal was von ihm anhören. Ich kenne als Mensch der älteren Generation Lutoslawski allein schon durch das Konzert für Orchester als Hintergrundmusik für den erzkonservartiven Löwenthal für seine politische Sendung im ZDF. Ich glaube mich schwach zu erinnern, daß ich dieses Konzert für Orchester mal gehört habe und es gefiel mir. Dann hörte ich eine Sinfonie im Radio, die ich mir auch mitschnitt und sie gefiel mir nicht. Ich werde mit dem Lutoslawski aber, wie ich schon sagte, noch mal einen Versuch machen.

Nur teile ich halt nicht alle Eure Meinungen. Elgars Sinfonien, die Edwin mit einem "na ja" abtut gefallen mir sehr gut, Langaard, den Edwin mit Sibelius als einen der großen aufzählt, finde ich bestenfalls mal interessant, mehr nicht. Aber es wäre ja auch langweilig, wenn wir immer einer Meinung wären.

Gruß Martin

C.Huth

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20

Freitag, 6. Januar 2006, 10:37

Lieber Martin,

ich heiße nicht Carl, sondern Claus - nur zur Sicherheit ;) Mag sein, dass Deine Meinung gestern strikter rüberkam, als sie ist, ich finde es nur merkwürdig, wie gerne und schnell der "Avantgarde" eben der Traditionsbezug abgesprochen wird - und das war in Kombination mit der vehementen Verteidigung, Arnolds Musik sei mit "steht auf dem Boden der Spätromantik" nicht beschreibbar, naja. Vielleicht war ich auch zu erregt gestern, sei's drum. Ist sicher alles auch eine Frage der Formulierung, die wird im rein schriftlichen schnell missverstanden - da nehme ich mich nicht aus.

Lutoslawskis "Konzert für Orchester" wäre ein Einstieg, aber ich würde Dir eher zu der von Edwin schon genannten wunderbaren Dritten Sinfonie raten - am besten gleich in Kopplung mit der meiner Meinung nach außergewöhnlich intensiven Vierten. In beiden Werken wendet Lutoslawski die "kontrollierte Aleatorik" an - es wäre interessant, zu erfahren, ob man das überhaupt merkt, wenn man die Stellen nicht kennt. Aber da sollten wir den Thread wechseln, denke ich. Es böte sich geradezu an, diesen hier zu nehmen...

Ansonsten: Es ist IMO eine schwere Sache mit der Bewerterei, wie schnell fallen da persönlicher Geschmack und scheinbar objektives Werturteil zusammen. Die Sinfonien Elgars habe ich noch nie geschafft, durchzustehen, ich hüte mich daher aber auch, aus diesem persönlichen Schluss etwas über ihre Qualität zu sagen. Die kann ich nicht beurteilen, weil ich bei diesen Stücken einfach nicht durchsteige (und solange das so ist, gilt bei mir: In dubio pro reo). Mag sein, dass ich es irgendwann einmal schaffe, dann erlaube ich mir auch ein Qualitätsurteil, wenn mir das opportun erscheint. Die Musik Arnolds im Gegensatz höre ich gelegentlich sehr gerne, bin aber dennoch überzeugt, dass er - mit Ausnahme der Neunten Sinfonie - nicht zu den großen Sinfonikern des 20. Jahrhunderts zählt. So what? Das tut doch meinem Spaß beim Anhören der Vierten, der Siebten keinen Abbruch!

Beste Grüsse,

C.
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Martin

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21

Freitag, 6. Januar 2006, 16:28

Lieber Edwin,

ich möchte zu Deinem Posting "Die Insel ist anders" noch etwas sagen. Ich denke, daß Du dieses "ruhig-beschauliche" der englischen Symphonik gewaltig unterschätzt. Aber man müßte dann natürlich auch sagen, über welche Werke man eigentlich redet. Würdest Du zum Beispiel Vaughan Williams 3. und 5., die allerdings ruhiger und pastoraler ( vor allem die 3. ) sind, zu dieser Kategorie zählen?

Ich denke die Briten haben im 20. Jahrhundert oft sehr schöne Musik gemacht ( und sind dabei wohl konservativer geblieben). Trotzdem sind sie selbstverständlich von allem Modernen nicht unberührt geblieben, sie haben dem aber ihren Konservativismus entgegengesetzt und das gab meineserachtens eine sehr gute Mischung. So sehe ich es jedenfalls, sehe ich es falsch?

Ich schätze jedenfalls diesen englischen Konservativismus hoch ein, er mag über Jahrhunderte auch eine gewaltiger Hemmschuh gewesen sein, aber seit Elgar ist es damit vorbei ( wobei ich englische Musik zwischen Purcell und Elgar ehrlich gesagt überhaupt nicht kenne, ich habe es so gelesen, ein eigenes Urteil gebildet habe ich mir nicht, aber ich glaube, da kennen sich auch nur die wenigsten aus). Da hat sich etwas eigenständiges entwickelt. Aber jedenfalls damit hast Du recht: Die Insel ist anders! Und wir können gerne mal einen Vaughan Williams oder einen Elgarthread aufmachen ( falls es den nicht schon gibt). Das würde mich dazu anregen, diese schönen Komponisten mal wieder zu hören.

Aber die 11. von Schostakowitsch höre ich mir gerne noch mal an, vielleicht sehe ich die auch tatsächlich falsch.

Gruß Martin

teleton

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22

Dienstag, 24. Oktober 2006, 08:24

Malcolm Arnold, der trompetende Filmkomponist

Hallo Arnold-Freunde,

den ausschlaggebenden Grund diesen Thread zu öffnen, ist der Eröffnungswunsch im Thread Wunschthemen gewesen.
:hello: Ich verspreche mir davon nun mehr über Malcolm Arnold (1921 - 09/2006) zu erfahren, da ich mich erst seit kurzem mit M.Arnold´s Musik befasse.

Sein Name ist mir schon seit meiner Jugend bekannt, als er mit dem LSO das DeepPurple´s Concerto for Group and Orchestra sowie Jon Lords Gemini Suite dirigierte.

Weiterhin begegnen mir in CD-Läden in NAXOS-Regalen immer wieder Arnold-CD´s. Darum habe ich vor 2Wochen bei EBAY eine Arnold-NAXOS-CD der Sinfonie Nr.9 für 1,-€ ersteigert (diese ist jedoch nicht der richtige Einstieg).
Im Konkurez-Forum hatte ich dann einen Kenner der englischen Sinfonik gefragt, welches Werk (Sinfonie) der beste Einstieg wäre.

Nachdem ich mir nun die NAXOS-BOX aller neun Malcolm Arnold - Sinfonien gekauft habe, kann ich die erhaltene Empfehlung nur dankend unterstützen.
Die Sinfonie Nr.5 op.74 (1961) hat mich sehr begeistert. Die frische Sinfonie enthält unerwartete Stimmungswechsel und ist in ihrem sympathisch tonalen Grundkonzept für jeden fasslich.
Auch die Sinfonien Nr.1(1949), 4(1960) und 6(1967) sind interessante, abwechslungsreiche Werke, die ich auch nach der Nr.5 als Einstieg empfehle.

Symphonien Nr. 1 - 9
Ireland SO, Penny
NAXOS, Aufnahmen 2000

Die Naxos-Aufnahmen haben eine für Naxos überdurchschnittlich hohe Klang-Qualität und Andrew Penny kauft man sein Engagement für Arnold 100% ab.
Für knapp 20,-€ ein guter Einstieg !

Hier ist eine interessante Seite mit den wichtigsten Daten über
[EMAIL=http://de.wikipedia.org/wiki/Malcolm_Arnold]Malcolm Arnold[/EMAIL]

Hallo Wolfgang,
Danke, daß Du auf meinen Wunsch reagiert hast, ein Thread bestand aber schon. Habe die beiden zusammengefügt.
TB
Gruß aus Bonn, Wolfgang

Edwin Baumgartner

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23

Dienstag, 24. Oktober 2006, 13:45

Habe ich ein Déjà-vu? Einen Malcolm-Arnold-Thread gab's hier doch schon vor einiger Zeit, soviel ich weiß, hat ihn der von Tamino gegangene Martin eröffnet. Titel etwa "Malcolm Arnold - ein großer?"
:hello:
...

teleton

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24

Mittwoch, 25. Oktober 2006, 07:37

Hallo Edwin und TB,

ja, jetzt nachdem ich den bereits vorhandenen Arnold-Thread sehe kann ich mich auch daran erinnern.
Leider steht dieser nicht in der Themenliste - hier schaue ich vorher nach bevor ich einen neuen Thread eröffne.

:hello: Danke für die INFO, denn hier steht ja schon eine Menge interessantes über M.Arnold drin.
Gruß aus Bonn, Wolfgang

teleton

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25

Mittwoch, 28. November 2007, 11:20

Malcolm Arnold: Klavierkonzerte

Nachdem ich durch Hüb´s Beitrag in "Heute erst gekauft" von der Existenz der Naxos-CD mit Arnolds Klavierkonzerten erfuhr, war diese bei der nächsten jpc-Bestellung dabei.

Bei dieser CD, die ich seit knapp einer Wioche habe, kann man wirklich fragen:
"Habt ihr schon die Neuste von Arnold ?"
Die branneue Naxos-CD (Aufnahme 2007) bietet die Klavierkonzerte von M.Arnold.
Witzige und knapp gehaltene sinfonische Meisterstücke mit fetzigem Pepp und den berühmten überdrehten Schlüssen, voller Spielwitz - Klasse Musik !


Konzert für 2 Klaviere (3-händig) op. 104CD
Konzert für Klavier-Duett & Streicher op. 32;
Beckus the Dandipratt-Ouvertüre op. 5
Fantasy on a Theme of John Field (für Klavier und Orchester) op. 116

Phillip Dyson, Kevin Sargent, Ulster Orchestra, Esa Heikkilä
Label: Naxos , DDD, 2007

Sehr gute aktuelle DDD-Klangqualität und sehr anständige Klaviersolisten, sowie Orchester und Dirigent in TOP-Form.
Gruß aus Bonn, Wolfgang

Wulf

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26

Montag, 30. März 2009, 15:58

RE: Die Insel ist anders!

Zitat

Original von Edwin Baumgartner
Nun sind in Großbritannien auch zu Vaughan Williams' Lebzeiten einige Symphonien entstanden, die durchaus Gewicht haben: ... Jetzt will ich zwei, drei aufzählen und schon komme ich ins Stocken... Vielleicht gibt's bei dem knorrigen Havergal Brian ein paar Juwelen, aber seine Musik ist schablonenhaft kurzatmig, die Dritte ist nicht übel - aber ich würde sie niemals mit Schostakowitsch vergleichen - nicht einmal mit einer seiner Filmmusiken. Edmund Rubbras Zuspät-Romantik ist fast lächerlich, Holsts Choral Symphony ist ein Wurf, aber mehr Kantate als Symphonie. Der brillante Frank Bridge schrieb keine Symphonie, Bantock - du meine Güte, das ist wirklich schlimm! Elgars Symphonien - na ja... Stanford und Parry fischen um Jahre zu spät in Brahms' Gewässern. Hätte man in dieser Zeit in England neben Vaughan Williams einen Symphoniker vom Rang auch nur eines Felix Draeseke, von einem Nielsen, einem Sibelius oder einem Langgaard nicht zu reden, er wäre als DER große englische Komponist weltweit bekannt.


Beim Stöbern wiedergefunden.
Aber, aber, lieber Edwin - einen hattest Du bei der Aufzählung vergessen: Arnold Bax. Vielleicht nicht mit Nielsen, DSCH und den anderen vergleichbar, aber ich wüsste nicht warum seine 2., 3. und 6. Symphonien den m.E. nach recht durchmischten Langgaards nachstehen sollten (sicher: seine "Sphärenmusik ist ein Geniestreich und Meisterwerk) - die sind doch recht eigenständiger Natur und bieten - zumindest für meine Ohren - mehr als bloße Pastorale. Aber im Prinip gebe ich Dir bei Arnold recht.

Inzwischen musse ich für mich ein Erfolgserlebnis verbuchen: lag mir früher ein Behauptung der Art" XY war wirklich talentiert, aber mit den Großen kann man ihn nicht vergleichen" schwer im Magen, so sehe ich heute kein Problem mehr. Daß gewisse Meister eine bestimmte Gattung zur Vollendung gebracht haben, heißt ja eben noch nicht, daß sie die talentierten kurz oder weiter hinter ihnen Stehenden ersetzen können, es sei denn diese waren 100%ige Kopisten. So kann ich mich auch ohne das Damoklesschwert der ständigen Hierachisierung auf einen guten Arnold oder einen guten Bax oder einen guten Walton einlassen, die eben keine schlechten DSCH-Kopisten sind, sondern "ledglich" das symphonische Niveau eines DSCH nicht erreichen konnten.

Schwierig wirds, wenn man den geschätzten Meister persönlich kennenlernt, wie bei mir vor kurzem mit Steve Reich geschehen. Dazu aber an anderer Stelle. :yes:

:hello:
Wulf
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(Leonard Bernstein)

WolfgangZ

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27

Samstag, 20. August 2011, 18:42

Hallo, miteinander!

Ich würde gerne Malcolm Arnold, einen der großen sehr populären und dennoch geistreich-niveauvollen englischen Komponisten des 20. Jahrhunderts nach oben rücken, indem ich mich auf wenige Zitate von längst ausgeschiedenen Mitgliedern dieses Forums beziehe. In vieler Hinsicht kann ich mich Edwin Baumgartner vollauf anschschließen, kann andererseits in meiner aktuellen Begeisterung für diesen Komponisten, den ich vor zehn Jahren kaum kannte, Martin recht gut verstehen, der regelrecht für Arnold schwärmt, während Baumgartner dann doch eine wohlwollende, aber professionellere Distanz wahrt.

Zitat

Der langsame Satz der Fünften etwa hat ein Gesangsthema, das wirklich schön ist, den Geist von Tschaikowskij und Mahler atmet und delikat begleitet eingeführt wird. Doch wenn dann allerhand Farb-Schnickschnack mit Harfen, Celesta und geteilten Streichern dazukommt, schlägt der Charakter einer noblen Nostalgie um in geradezu unglaublichen Kitsch.
(Edwin Baumgartner)
Wenn man alle Sinfonien Arnolds gut kennt, weiß man, dass die Farbeffekte seines Schlagwerks zu seinem unverwechselbaren Personalstil gehören, zu seiner Orchestersprache. Auch ein pathetisches Thema wie die "big tune" der Fünften erfährt dadurch eine charakteristische Nivellierung bis hin zur ironischen Aufweichung. Ich glaube nicht, dass Arnold je wie Tschaikowsky dachte oder schreiben wollte. Wenn er in seinem späteren Werk - wie gerade der neunten Sinfonie - die ganz persönliche Tragik eines schwachen Gesundheitszustandes einfließen ließ, so geschah dies eher in karger Bescheidung seiner harmonisch-melodischen Mittel, charakteristischer Sekund-, Quart-, Tritonus- und Quintfolgen etwa. Der Umgang mit dem folkloristischen und dem der Unterhaltungsmusik entnommenen Vokabular wird dann zurückgenommen. In der fünften mit achten Sinfonie wiederum werden die Finalsatz-Schlüsse beinahe so problematisiert, wie dies in mancher Schostakowitsch-Sinfonie geschieht. Mit "Kitsch" hat das meines Erachtens nichts zu tun.

Zitat

Fast frei von solchen Geschmacksverirrungen, die, wie ich gestehen muss, mein prinzipiell gutes Verhältnis zu Arnolds Musik trüben, sind nur die Dritte und die Neunte Symphonie, wobei die dritte etwas verkrampft wirkt. (Edwin Baumgartner)
Was Baumgartner als "verkrampft" bezeichnet, dürfte das Konzept der Passacaglia in der dritten Sinfonie sein. Sie findet sich bei Arnold aber nicht nur hier und sie überzeugt mich von der Gesamtanlage her in dieser Sinfonie durchaus.

Zitat

Tatsache ist: Viele Satzschlüsse erfüllen einfach ihren Zweck. Und das unbefangene Publikum, der unbefangene Hörer, stört sich nicht an ihnen. Man merkt: Nun geht es aufs Ende zu, und freut sich darauf, wie nun wieder die Dominante donnernd in die Tonika fallen wird. (Martin)
Wie oben schon angedeutet, erfüllen sie diesen Zweck nur unter Vorbehalt. Die Hollywood-Melodie aus dem langsamen Satz der fünften Sinfonie wird gegen Ende des Finales scheinbar apotheotisch aufgegriffen, aber nicht bis zum Schluss durchgehalten. Sie wird verzerrt, ein schreiender Mollakkord folgt und ein resignatives Verlöschen. Das ist bei aller Verständlichkeit und Publikumswirksamkeit ein klares Zugeständnis an eine differerenzierte moderne Weltsicht. Der Verlust behält die Oberhand. Auch in den folgenden Sinfonien wirken die versöhnlichen Schlüsse zumindest teilweise abrupt aufgesetzt. Das ist erkennbar aber keine Schwäche des Komponisten, sondern ebenso ein Mittel der Infragestellung, welches an Schostakowitsch erinnert - natürlich unter anderen persönlichen und sozialen Voraussetzungen, und in einem weniger ausladenden Rahmen.

Fazit: Nicht nur diese, aber vor allem die neun Sinfonien bieten ein bemerkenswertes Spektrum an Musik - es wurde hier ja auch besprochen. Ich kann die preisgünstige und klangschöne Gesamtaufnahme bei Naxos nur wärmstens empfehlen:



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Harald Kral

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28

Samstag, 20. August 2011, 22:53

Um sich Malcolm Arnold erstmals zu nähern, sollte man sich seine eigenen Aufnahmen anhören - nichts gegen die billigen Naxos-Einspielungen, aber hier gibt es Musik aus erster Hand, z.B.:



Das, was Baumgartner als "verkrampft" bezeichnet, hat wahrscheinlich etwas mit der Enstehungsgeschichte der 3. Sinfonie zu tun - mitten im "kalten Krieg".

Ein Irrtum sei hier noch aufgeklärt: Malcolm Arnold hat zwar die Filmmusik zu "Die Brücke am Kwai" komponiert (und dafür einen "Oscar" bekommen) - nur der eigentliche "Hit" des Films, der Colonel-Bogey-Marsch (oder auch "River-Kwai-Marsch" genannt), der damals überall gepfiffen wurde und den auch heute noch jeder kennt - der stammt vom britischen Militärmusik-Komponisten Kenneth Alford.

LG

:hello:
Harald

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teleton

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29

Sonntag, 21. August 2011, 11:55

RE: Arnold dirigiert Arnold

Hallo Harald,

es ist sicher interessant M.Arnold mit seinen eigenen Werken auf CD zu hören.
Aber tatsächlich besser ?

Zumindest bei seinen Aufnahmen seiner zahlreichen Ouvertüren stelle ich dies in Frage:
*** Ich habe die ausgezeichnete CD mit 10 Ouvertüren unter Rumon Gamba (Chandos) die C.Huth in Beitrag 6 abbildet.

Später erreichte mich eine in England gekaufte audiphile CD der Firma RerenzRecordings (RR, 1992, DDD) auf der M.Arnold nur ganze 5 Ouvertüren unterbringt.
Mehr geht auch nicht drauf, denn seine eigenen Spielzeiten unterscheiden sich radikal von den fetzigen Interpretationen Rumon Gambas !

Beispiele: A Sussex Ouvertüre dauert bei Ihm 12:11 gegenüber 9:18; Beckus the Dandipratt 10:45 gegenüber 7:57; The Smoke 11:56 gegenüber 7:55; The Fair Field 9:17 gegenüber 7:17; Neuland ist auf der RR-CD nur die Commonwealth Christmas Ouvertüre mit 18:55.
Mir gefällt Gamba deutlich besser, obwohl es bei Arnold auch nicht übel klingt. Man kann aber durchaus beide Zugänge schätzen.


Die Sinfonien - GA mit A.Penny NAXOS, DDD, die ich in Beitrag 22 vorstellte, scheint ein neues aktuelles Cover zu haben.
Volle Zustimmung an WolfgangZ, dass diese eine dicke Empfehlung wert ist.

Wie mag Arnold eigene Aufnahme der Sinfonie Nr.3 dagegen klingen ? (Spielzeiten waren nicht zu erfahren.)
Gruß aus Bonn, Wolfgang

WolfgangZ

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30

Mittwoch, 30. Mai 2012, 00:50

5. Sinfonie



Mittlerweile kenne ich drei Aufnahmen der hier schon mehrmals diskutierten 5. Sinfonie. Alle können meines Erachtens nebeneinander bestehen.

Während Andrew Penny im ersten Satz einen gewissen Mittelweg gegenüber der drängenderen Version von Douglas Bostock wählt und von daher mit Arnold selbst vergleichbar sein dürfte, überrascht der Komponist als Dirigent durch seine ungewöhnlich melancholische Haltung gegenüber dem langsamen Satz, der gegen Ende immer leiser und langsamer wird. Auch das Scherzo wirkt nicht ganz so frech wie in den beiden anderen Einspielungen, eher tendiert es zur Eleganz. Am meisten überzeugt mich der Zusammenbruch am Ende des Finalsatzes, der in Arnolds eigener Aufnahme länger ausgesungen wird und dadurch elementarer, unheilvoller erscheint.

Vielleicht hängt all dies auch mit Arnolds Lebensumständen während des Dirigats (1972 mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra) zusammen. Er war ja nun durchaus ausgeprägten Gemüts- und Gesundheitsschwankungen unterworfen, die bei allem Witz, aller Eleganz, allem Sentiment, allem Einfallsreichtum eben auch hörbar werden.

Ein Vergleich der drei Aufnahmen dieser attraktiven Sinfonie lohnt auf jeden Fall.

Die Doppel-CD enthält noch Diverses, das ich nicht komplett gehört habe. Was ich mittlerweile von den heute bei mir eingetroffenen eher schon älteren Einspielungen bereits kenne: das trotz leichter Trivialität ungemein wirkungssichere Konzert für zwei Klaviere (drei Hände) und Orchester sowie die erste Sinfonie, die im Vergleich zu Pennys Interpretation wiederum stärker melancholisch, ebenso aufgrund des insgesamt langsameren Tempos aber disparater wirkt. Zwei Modelle, mit denen ich mich anfreunden kann.

:hello: Wolfgang
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