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Caesar73

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1

Freitag, 30. Dezember 2005, 15:27

Mitsuko Uchida- ex Oriente lux?

Mitusko Uchida
Mitsuko Uchida wurde 1948 in Japan geboren. Da ihr Vater im diplomatischen Dienst tätig war, verbrachte sie ihre Jugend vorwiegend im Ausland. Als sie 12 Jahre alt war wurde ihr Vater nach Wien versetzt. In Wien erhielt Mitsuko Uchida Unterricht an der Wiener Hochschule für Musik.


Nach einem Intermezzo in Köln kehrte sie wieder nach Wien zurück wo sie ihre Studien abschloß. 1969 gewann sie den ersten Preis des Wiener Beethoven-Wettbewerbs, 1970 den zweiten Preis des internationalen Chopin-Wettbewerbs in Warschau. Den ersten Erfolgen folgten rasch weitere Engagements. Mitsuko Uchida wurde durch ihre Wiener Jahre sicher stark geprägt- aber mit der fortschreitenden Dauer ihres Aufenthalts fühlte sie sich in der K.u.K Metropole zunehmend eingeengt- durch die stete Präsenz der Tradition. Ihr neuer Lebensmittelpunkt wurde London. Die Motive für den Wechsel an die Themse beschreibt Mitsuko Uchida so:

"After having come to London I wanted to shake off all that was Japanese or Viennese in my musical expression. This made for a very difficult, though rewarding, five or six years."

1982 gelang ihr mit einer Serie von Konzerten in Wigmore Hall entgültig der Durchbruch. Mit was für einem Programm? Mit Mozart natürlich wird der Kenner sagen. Aufgrund ihrer Prägung scheint es völlig logisch, dass die Beschäftigung mit Mozart im Mittelpunkt ihres Schaffens steht. Die Pianistin äußert sich selbst dazu so:


"One day things became easier - but it had been a gradual process. I wanted to do something significant. I thought: either Mozart complete piano sonatas or Schubert complete piano sonatas. At that time Alfred Brendel was very associated with Schubert in London. But nobody that I could see was playing the Mozart sonatas. And that is the only reason this association with Mozart came about."

Es wäre aber verkehrt Mitusko Uchida auf die Mozart-Interpretin Uchida zu reduzieren. Ihr Repertoire reicht von Mozart bis Debussy und immer wieder die Komponisten der zweiten Wiener Schule.


Welche Aufnahmen von Mitsuko Uchida kennt und schätzt Ihr besonders?

Hier eine kurze Auswahl:











Herzliche Grüße,:hello::hello:

Christian
Beherrsche die Sache, die Worte werden folgen! (Cato der Ältere)

Theophilus

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2

Freitag, 30. Dezember 2005, 15:58

RE: Mitsuko Uchida- ex Oriente lux?

Hallo,

ich finde die Aussage von einem Künstler, bei dem Mozart und Schubert zentrale Bedeutung haben, "alles Wienerische aus meinem musikalischen Ausdruck abschütteln zu wollen" schon sehr interessant. Ob dies objektiv überhaupt wünschenswert sein kann? Die meisten Pianisten können nur davon träumen, in Wien für Schubert ausgebildet zu werden....

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

sagitt

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3

Freitag, 30. Dezember 2005, 16:27

RE: Mitsuko Uchida- ex Oriente lux?

Sagitt meint:
Es gibt einige Konzertaufnahmen mit ihr, die schlicht großartig sind. Ihr viertes Beethoven-Konzert mit Metha oder verschiedene Mozartkonzerte mit der camerata, sie selbst als Dirigentin. Man ist zwar ein wenig an Kabuki-Theater erinnert, wenn man sie dirigieren sieht, aber ein Feuer hat die Frau !
Das sind die lebendigsten Wiedergabe der Mozartkonzerte, u.a. KV 415, 466, die ich kenne.

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4

Freitag, 30. Dezember 2005, 19:10

.. ich schätze Mitsuko immer und immer mehr. Den ersten tiefen Eindruck hinterließ sie in mir, als ich den Film über ihre Debussy-Etüden sah (sie spielte in einer Art Kimono und darüber hinaus barfuß!) - Was für eine tolle, lebendige (oder überdrehte?) Frau!
Ihre Debussy-Etuden strotzen vor Poesie und pianistischer Anmut - Nein, geschmeidiger machen das selbst Pollini und Aimard nicht!
Schumanns "Carnaval" höre ich am liebsten von ihr und Mozarts KV491, dass sie anlässlich des Abschiedskonzerts von Kurt Sanderling in Berlin spielte, ist eine Sternstunde...
Als nächstes stehen "Uschis"Mozart-Konzert mit J. Tate und die Schubert-Sonaten auf dem Speiseplan - köstlich!

Schöne Grüße!
Daniel

Robert Stuhr

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5

Freitag, 30. Dezember 2005, 19:54

Daniel, was ist denn das für ein Film? DVD? Würde mich schwer interessieren...
Ermutigung nach 200 Jahren (auf dem heimweg von einem orgelkonzert)
Zu füßen gottes, wenn
gott füße hat,
zu füßen gottes sitzt
bach,
nicht
der magistrat von leipzig
(Reiner Kunze, Auf eigene Hoffnung, Gedichte)

Caesar73

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6

Freitag, 30. Dezember 2005, 20:02

Servus Robert:

Bin zwar nicht Daniel, aber da mich der Film interessiert habe ich ein wenig recherchiert, es scheint sich um folgenden Film zu handeln (VHS):



Herzliche Grüße,:hello:

Christian
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7

Freitag, 30. Dezember 2005, 20:17

Hallo Robert, Hallo Christian,
...ja, der scheint's zu sein. Wie gesagt, er wurde mal (zu Zeiten, als auch die CD herauskam) im Fernesehen gesendet, daher weiß ich nicht, wie er verpackt ist. Aber es wird ja wohl keine zwei Filme geben...

Schöne Grüße!
Daniel

Robert Stuhr

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8

Freitag, 30. Dezember 2005, 21:21

Danke Christian, das hilft mir momentan leider nicht viel, weil ich keine VHS mehr abspielen kann. Aber ich weiß wenigstens, wonach ich bei DVD-Neuerscheinungen die Augen aufhalten kann! :)
Ermutigung nach 200 Jahren (auf dem heimweg von einem orgelkonzert)
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Alfred_Schmidt

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9

Sonntag, 1. Januar 2006, 17:51

Ich besitze nur eine einzige CD von Frau Uchida - und zwar mit Schuberts Klaviersonaten D 850 und D 784.

Wenn es nach mir geht, wird es auch dabei bleiben. In der Tat ist es ihr gelungen alles Wienerische abzuschütteln. , und auch jedes "Schubertsche Flair"

An Alfred Brendel oder Christian Zacharias darf man dabei gar nicht denken. Ich kann schwer widergeben, was ich empfand als ich die Aufnahme hörte - am ehesten - gar nichts....

Ihren Mozart kenne ich nicht, Debussy ist nicht mein Fall (wenn ich jetzt schriebe: zu modern - träfe wahrscheinlich einige Forianer der Schlag - dieses Risiko möchte ich gar nicht erst eingehen :D )

LG

aus Wien

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Uranus

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10

Dienstag, 3. Januar 2006, 12:44

Hallo Alfred,
Du bist doch sonst nicht so...!?
Ich meine, Du solltest Dich schon näher mit Frau Uchida befassen. Ich teile Deine Begeisterung für Zacharias' Schubert, aber glaub' mir, auch der von M.U. ist es wert, näher und umfassender betrachtet bzw. gehört zu werden. Der Meinung sind übrigens z.B. die Kritiker von Rondo nach meiner Erinnerung auch.
Die Debussy-Etüden habe ich auch, kann damit aber ebenso wie Du nicht viel anfangen.
Dann besitze ich noch ihre Gesamteinspielung der Mozart-Sonaten, die ich sehr gelungen finde, auch wenn mir - zumindest als Gesamteinspierlung - der Vergleich fehlt.
Herzliche Grüße
Uranus

Theophilus

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11

Dienstag, 3. Januar 2006, 12:59

Hallo Achim,

ich gebe dir prinzipiell mit deiner Einschätzung von Mitsuko Uchidas Schubert Recht. Du musst jedoch berücksichtigen, dass ein gewisser Kreis von Musikliebhabern südlich des Weisswurstäquators engere und strengere Vorstellungen von Schubert-Interpretationen hat als der durchschnittliche Rondo-Rezensent.

Zitat

In der Tat ist es ihr gelungen alles Wienerische abzuschütteln. , und auch jedes "Schubertsche Flair".

Was sich bei Alfred als einfache Feststellung liest, ist in Wirklichkeit eine vernichtende Kritik. Ich persönlich würde es etwas milder formulieren, ich kenne die gleiche CD und bin nicht sonderlich beeindruckt. Ich wunderte mich weiter oben nicht umsonst, was für einen Sinn diese Künstlerin darin sieht, das in Wien Gelernte so gut wie möglich abzuschütteln, wenn sie Mozart und Schubert als zentrale Komponisten spielt. Erhält man dafür etwa ein breiteres internationales Publikum? Wie auch immer, man kann es hören und es gereicht nicht zum Vorteil...

:hello:

Ciao

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tom

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12

Dienstag, 3. Januar 2006, 14:36

Ich stehe momentan ein wenig auf dem Schlauch!

Warum sollte die Aussage

"I wanted to shake off all that was Japanese or Viennese in my musical expression."

bedenklich sein? Was ist denn das typisch "wienerische" im musikalischen Ausdruck? Und wer sagt uns denn, daß Frau Uchida mit ihren Wienerfahrungen in vollem Unfang brechen wollte, als sie sich nach London begeben hat? Vielleicht war sie lediglich der Auffassung, sich von gewissen negativen Auswüchsen, die ich freilich nicht näher definieren kann - aber vielleicht gibts die ja - eines vermeintlich typisch wienerischen Ausdrucks verabschieden zu müssen.

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13

Dienstag, 3. Januar 2006, 14:58

Ein paar kurze Anmerkungen (ich habe noch nie bewußt was von Uchida gehört, in der internationalen (Google)gruppe ist sie eher so etwas wie ein bete noir (was aber nicht viel sagt, denn das sind dort Brendel und Arrau auch):
-Ich würde Uchidas Aussage eher so interpretieren, dass sie nicht sofort in eine Schublade ("Flinke Japanerin, die in Wien studiert hat") gesteckt werden will. Auch wenn es manche nicht glauben wollen, solche Klischees sind kaum zu vermeiden; besonders in ihrer plumpsten Form aber ziemlich unerträglich, daher ist jeder Versuch, solchen Einordnungen den Wind aus den Segeln zu nehmen, verständlich.
- Ich finde, dass der immer wieder geäußerte Weaner Monopolanspruch ans Lächerliche grenzt, besonders wenn er auf einen Komponisten wie Mozart, der seine gesamten Lehr- und Wanderjahre anderswo verbracht hat, d.h. ein fertiger Komponist war, als er nach Wien kam, ausgedehnt wird. Alle Musik, die es heute überhaupt noch lohnt, gespielt und gehört zu werden, steht erstmal über solchen Provinzialitäten (was nicht heißt, dass sie völlig unabhängig davon wäre, das schlagendste Beispiel ist wohl die Strauß-Familie, aber man wird einem großen Strauß-Fan wie mir nachsehen, wenn er bei aller Liebe die Musik Schuberts und Mozarts für etwas vielschichtiger hält, jedenfalls in ihren lichten Momenten :D)
Schubert ist zugegeben ein Fall, wo am Weanarischen was dran ist, dennoch klingt für mich einer der wichtigsten Schubertinterpreten des 20. Jhds., Sviatoslav Richter, kein bißchen Weanarisch.
Abgesehen davon, dass ich gar nicht genau weiß, worin diese Weanarische besteht, heurigenselige Gemütlichkeit wirds wohl nicht sein, die kann mir bei ernstzunehmender Musik auch gestohlen bleiben.

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Theophilus

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14

Dienstag, 3. Januar 2006, 15:02

Zitat

Warum sollte die Aussage

"I wanted to shake off all that was Japanese or Viennese in my musical expression."

bedenklich sein?

Vielleicht, weil es grundsätzlich problematisch ist, seine Wurzeln und damit seine Identität zu kappen? Gerade bei einem Musiker ist es doch eher schade, wenn er seine persönliche und nationale Eigenheiten aufgibt. Was könnte er denn zum Ausgleich erreichen? Mehr Objektivität? Ein schwacher Ersatz für Individualität, wie ich meine...

Ciao

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tom

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15

Dienstag, 3. Januar 2006, 15:19

Das setzte aber voraus, daß sich ihre Herkunft als Japanerin oder ihre Ausbildung zur Pianistin von Weltformat speziell in Wien in ihren Interpretationen wiederpiegelt. Das ist für mich nicht greifbar. Deshalb meine Frage nach dem typisch "wienerischen" im Ausdruck.

Theophilus

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16

Dienstag, 3. Januar 2006, 15:25

Hallo JR

Zitat

- Ich finde, dass der immer wieder geäußerte Weaner Monopolanspruch ans Lächerliche grenzt, besonders wenn er auf einen Komponisten wie Mozart, der seine gesamten Lehr- und Wanderjahre anderswo verbracht hat, d.h. ein fertiger Komponist war, als er nach Wien kam, ausgedehnt wird.

Unabhängig davon, wie lächerlich du es findest, ist dennoch etwas dran, wenn auch nicht in dem von dir gemeinten Sinn. Entgegen Alfreds Ansicht bin ich nicht der Meinung, dass Mozart und Haydn in ihrem musikalischen Ausdruck besonders Österreichisch sind (Haydn etwas mehr, Mozart weniger). Sie gehören der letzten Generation Musiker an, wo Musik etwas universelles war, bestenfalls regional geprägt, aber nicht national. Dies blieb zum größten Teil dem unseligen 19. Jahrhundert vorbehalten.
Wahr ist jedoch, dass Mozart und Haydn bei uns in der musikalischen Ausbildung sicherlich einen höheren Stellenwert haben als irgendwo sonst. In Österreich ausgebildete Musiker haben also einen gewissen Startvorteil in Sachen Mozart und Haydn, und das wegdiskutieren zu wollen wäre nun wirklich lächerlich.

Ein spezielles Problem stellen Komponisten dar, die eine hohe Eigenart besitzen, die noch dazu stark von ihrer Heimat geprägt ist. Franz Schubert ist einer der bedeutendsten Vertreter dieser Gattung. Gerade wenn man viel Schubert spielt, ist Uchidas Ausspruch für Menschen aus dem Schubert-Land zumindest etwas seltsam.


Zitat

Schubert ist zugegeben ein Fall, wo am Weanarischen was dran ist, dennoch klingt für mich einer der wichtigsten Schubertinterpreten des 20. Jhds., Sviatoslav Richter, kein bißchen Weanarisch.

Und genau das ist das Problem mit Richters Schubert. Richters Schubert ist zweifellos interessant, irgendwo mag Richter als einer der bedeutendsten Schubertinterpreten gelten, aber nicht bei uns. Der Komponist heißt Franz Schubert und nicht nicht Frantisek Schubertsky.

(Im hier oft zu Recht lobend erwähnten Richter-Portrait spielt er ein Stück Chopin so, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass irgendein Chopin-Liebhaber damit glücklich sein kann. Über sein Alborada del Grazioso hüllt man am besten den Mantel des Schweigens; Richter spielt eben immer am besten Richter, das aber außerordentlich gut, und ein Glück, wenn der Komponist einigermaßen gut dazu passt! ;) )

Ciao

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tom

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17

Dienstag, 3. Januar 2006, 15:32

Zitat

Original von Theophilus

" ... aber nicht bei uns ..."



Muß man in Österreich geboren und sozialisiert sein, um Schubert vermeintlich richtig zu verstehen, d.h. zu interprtieren?

:hello:

Theophilus

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18

Dienstag, 3. Januar 2006, 15:35

Zitat

Deshalb meine Frage nach dem typisch "wienerischen" im Ausdruck.

Tut mir echt leid, diese philosophische Abhandlung übersteigt meine rethorischen Fähigkeiten.

Einen Tip habe ich jedoch: Es ist sehr viel leichter, das Fehlen eines typisch Wienerischen Ausdrucks zu erkennen bzw. zu empfinden, als dessen Vorhandensein verbal zu beschreiben.
Das hilft dir natürlich nicht viel weiter, auch nicht die Aussage, dass das entsprechende Gespür wahrscheinlich nur durch Hören der entsprechenden Musik über viele Jahre hindurch entwickelt werden kann.
Dass übertriebener Wienerischer Ausdruck ins Negative abrutschen kann, ist unbestritten, deswegen schätzen wir eben jene Künstler so außerordentlich, die eine gute Balance in dieser Hinsicht zustande bringen. Oft deutlich über ihr internationales Ansehen hinaus.

Ciao

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Theophilus

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19

Dienstag, 3. Januar 2006, 15:57

Zitat

Muß man in Österreich geboren und sozialisiert sein, um Schubert vermeintlich richtig zu verstehen, d.h. zu interprtieren?

Nein, aber es ist ungeheuer hilfreich! ;)

1. Geboren ist nicht notwendig.

2. Sozialisiert wäre gut (zumindest eine Zeit lang). :D

Man muss aber etwas differenzieren. Verstehen und selbst interpretieren sind zwei paar Schuhe. Ein einfühlsamer Musikliebhaber kann, wenn er es will, mit der Zeit für viele musikalische Stile ein gutes Empfinden entwickeln. Ich glaube auch von mir, idiomatisch gutes Chopin-Spiel zu erkennen, wenn ich es höre. Und wenn Alicia de Larroccha Spanische Klaviermusik spielt, "stimmt" es einfach. Genauso glaube ich, dass man nicht Österreicher sein muss, um Schubert erfahren zu können. Es werden aber vielleicht viele gar nicht den Anspruch erheben wollen, idiomatisch gutes Schubert Spiel zu erleben, solange es grundsätzlich gut genug ist. JRs Ausspruch über Richter geht in diese Richtung, man kann auf hohem Niveau "falsch" spielen, und dennoch wird es vielen gefallen. Grundsätzlich habe damit auch überhaupt kein Problem, zum Problem wird es für mich erst dann, wenn diese unidiomatische Sicht zur Referenz gekürt wird!

Schubert idiomatisch gut zu spielen ist einfach sehr schwierig. Du brauchst sehr viel Wissen über Schubert und seine Zeit, seine Umstände. Wo willst du das hernehmen, wenn du nicht an Stätten ausgebildet wirst, die eine lange Tradition in der Vermittlung genau dieses Wissens besitzen? Wo du den sprichwörtlichen Geist des Komponisten noch atmen kannst.

Ein passendes Beispiel passierte sogar in unserem Forum. Selbst unser größter Kammermusikexperte hatte keine Ahnung über die Bedeutung der Parallelführung der Streicher im Adagio in Schuberts Quintett. Ich behaupte einmal, dass das die wenigsten Musiker draußen in der Welt jemals erfahren. Bei uns existiert dieses Wissen und wird weitergegeben. Was Uchida in Wien über "Österreichische" Musik gelernt hat, würde sie in dieser Form kaum irgendwo anders in ähnlicher Qualität gekonnt haben. Schon interessant, dass sie das abstreifen will (wobei natürlich immer die Möglichkeit besteht, dass dieses solitaire Zitat so aus dem Zusammenhang herausgelöst ist, dass es viel stärker oder gar anders wirkt als es eigentlich gedacht war; wir laufen hier daher prinzipiell Gefahr, über ungelegte Eier zu gackern).



Ich möchte noch betonen, dass ich hier in sehr allgemeiner Form meine Meinung zum Besten gebe. Ich bin mir durchaus bewusst, dass es genug spezifische Gegenbeispiele gibt oder geben mag. Aber im großen Zusammenhang stehe ich zu meinen Aussagen!

:hello:

Ciao

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Caesar73

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20

Dienstag, 3. Januar 2006, 16:12

Liebe Freunde,

ich finde die obige Diskussion ausgesprochen spannend- und habe mir einige Gedanken gemacht: Eines vorab, Historiker haben es ja immer mit dem Kontext einer Quelle. Wie passt das auf Mitusko Uchida? Also: Mit der oben zitierten Äußerung beschreibt die Pianistin wie sie zu Beginn der 70er Jahre empfunden hat. Es wäre also interessant zu wissen, ob sie immer noch denkt wie damals oder ob sich ihr Standpunkt inzwischen geändert hat.

Das Problem für Uchida könnte ja grundsätzlicher Natur sein:Als Japanerin ist sie in einer Kultur aufgewachsen die sich von der westeuropäischen in vielen Bereichen unterscheidet. Ich könnte mir vorstellen, dass es ausgesprochen schwierig ist zwei derart verschiedene Kulturen in sich zu vereinen. Solche Assimilationsprozesse sind ausgesprochen kompliziert.

Anbei noch ein Zitat von Mitsuko Uchida. Hier erläutert die Künstlerin ihr Verhältnis zur "Wiener Tradition" ein wenig genauer:

Zitat

Vienna, musically, is wonderful. My time there was crucial. But what I minded particularly then was the idea that the Viennese way of playing music was always the right way. How do they know how Mozart is to be played? Even now, I don't know, and I'm asking the questions every day. Or Schubert or Beethoven - they thought they knew, because there was a tradition. There are many traditions.'



Herzliche Grüße,:hello:

Christian
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Theophilus

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21

Dienstag, 3. Januar 2006, 16:29

Hallo Christian,

dieses letzte Zitat ist natürlich viel differenzierter und substantieller. Ein unabhängiger Geist - und der ist sie sicherlich - wird von den genannten Ansprüchen immer zumindest seltsam berührt sein. Und die von dir angesprochene kulturelle Problematik wird ganz offensichtlich. Sie kann nicht anders als das, was für viele von uns "selbstverständlich" ist, ständig in Frage zu stellen.

Ob dieses ständige in Frage stellen letztlich zu besseren Ergebnissen führt, als die stetige Entwicklung eines Künstlers, der sich seiner Richtung klar bewusst ist, kann nur individuell entschieden werden und ist fast ein Thema für einen eigenen Thread.


Aber: I don't think that there are many traditions to play Mozart and Schubert (especially Schubert)! :)



PS: Ich finde es grundsätzlich immer wieder faszinierend, wie Künstler aus dem fernen Osten, die zur Ausbildung nach Österreich (oder allgemeiner nach Mitteleuropa) kommen, in der Lage sind, sich unsere Kultur quasi "anzuziehen". Ich erlebe immer wieder junge Künstler, die perfekt in unserer musikalischen Sprache sprechen, und die doch so verschieden von der ihrer Heimat ist. Eine erstaunliche Tatsache!

Ciao

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Cosima

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22

Dienstag, 3. Januar 2006, 18:17

Zitat

Original von Theophilus
Richter spielt eben immer am besten Richter, das aber außerordentlich gut, und ein Glück, wenn der Komponist einigermaßen gut dazu passt! ;) )


Hallo Theophilus,

bei allem Respekt, aber das möchte ich nicht unkommentiert stehen lassen. Hier steht Deine Ansicht im deutlichen Gegensatz zu Kaisers (und meiner) Meinung:

„Weder ein bestimmter Stil noch ein bestimmter Ton oder gar eine bestimmte Tendenz scheinen typisch für Richters Spiel, sondern eine sehr persönliche Verbindung aus Intelligenz, bravouröser Technik und sicherem Instinkt.“

und:

„Weil Richter sich auf keinen „Personalstil“ festgelegt hat und festlegen lässt, darf man ihn auch keinem bestimmten Komponisten zuordnen. Sein außerordentlich großes Repertoire […] ist Folge dieser alles in Besitz nehmenden Neugier und Verwandlungsfähigkeit. Es gibt keinen Richter-Stil, ja nicht einmal einen Richter-Ton.“

Das nur am Rande, wobei ich natürlich auch der Ansicht bin, dass Richter nicht alle Komponisten gleich brillant interpretierte. Aber was seinen Schubert angeht, halte ich es wie JR: „einer der wichtigsten Schubertinterpreten des 20. Jhds.“.

LG, Cosima

Alfred_Schmidt

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23

Mittwoch, 4. Januar 2006, 03:10

Hallo

Leider war ich gestern nachmittag, abends nicht hier im Forum,
so kommen meine Gedanken zu einigen hier gemachten Aussagen relativ spät.

Zitat

Abgesehen davon, dass ich gar nicht genau weiß, worin diese Weanarische besteht


Besser hätte ich es auch nicht formulieren können :D

Ich kann Dir das auch nicht vermitteln -
man fühlt es - oder nicht

Vielleicht eine kleine Annäherung:

"Weana" bin ich beispielsweise keiner, das ist zwar wienerisch, aber eine ziemlich volkstümliche Varante. (Nicht vuilgär, eher kleinbürgelich -leutselig, jovial) Wenn ich spreche, spreche ich (meist) reines Hochdeutsch (einige im Foruim haben mit mit ja bereits telefoniert),
aber natürlich ist eine Wienerische Färbung da.

Und hier sind wir schon am Thema: Ich schreiben "Wiener" ich spreche Wiener - und dennoch klingt es anders, als wenn ein Hannovraner- dasselbe Wort ausspricht.

Wenn am Wiener Burgtheater ads Stück "Der Biberpelz" von Gerhard Hauptmann gegeben würde (Ich mag Hauptmann nicht, und das Stück noch weniger, musste es aber mal in eine Schüleraufführung spielen)
dann würde das für einen Wiener ziemlich glaubwürdig wirken, aber ich wage nicht, mir vorzustellen, was beispielsweise ein Berliner oder Nordeutscher über die Vorstellung dächte- Das gesamte Lokalkolorit, die Sprache, der (angebliche) Humor - all das ist mir fremd.

So in etwa ist es auch, wenn Deutsche eine englische Komödie spielen - das Britische fehlt - oft sind es nur kleine Nuancen.

Was ist "wienerisch" ?

Wenn ein berühmtes Wiener Orchester, nach einer durchzechten Nacht unexakt spielt - und alle präzisieren Orchester trotzdem derangiert... :D

Nein - im Ernst - das lässt sich nicht erklären. - Vielleicht, daß böhmische Musiker den Wienerischen am ähnlichsten sind.

Zu Joachim Kaiser / S.Richter/ Schubert Klaviersonaten

Ich schätze Herrn Kaiser sehr, vor allem durch das Vorwort,seines Buches, wo er mit wissenschaftlicher Akribie über die Grenzen von Kritik und Kritikern behandelt, und uber Subjektivität und Fehlurteile - auch eigene - schreibt.
Indes - Herr Kaiser ist ja auch kein Wiener (Österreicher) - und indes nicht in der Lage - festzustellen inwieweit Richters Interpretation idiomatisch richtig ist.

Theophilius aus Graz (Graz ist sehr Wienerisch, weil schon im k.u.k. Zeiten viele Wiener nach ihrer Pensionierung nach Graz übersiedelten)
hat schon vorweggenommen, was ich an dieser Stelle mit eigenen Worten widerholen möchte.

Es mag zwar Schubert-Interpretationen geben, die auf hohem Niveau den Wiener Ton verfehlen, vielleicht den Geist des Werkes generell - und deswegen TROTZDEM (vielleicht sogar DESHALB) bejubelt werden.

Und auch ich habe dagegen wenig zu sagen.

REFERENZ kann das in meinen Augen jedoch keine sein.

Hier fällt mir eine berühmte alte Anekdote ein:

Der berühmte Wiener Volksschauspieler Hans Moser, war durch seinen nuschelnden Tonfall unverwechselbar. Ganze Legionen von Stimmimitatoren versuchten ihn mehr oder weniger erfolgreich nachzumachen.

Eines Tages kommt Moser zu einem Freund. " Du bist ja ganz erschöpft. Wo Warst Du ?"
Moser: "Ich hab bei einem "Hans.Moser-Stimmimitations-Wettbewerb" mitgmacht"
Freund " Na sowas. - Und - Was War ?"
Moser: "Nix war - DRITTER bin ich wordn"

----------------------------------------------------------

Ich möchte noch ein Cliché hier behandeln: Die Wiener "Heurigengemütlichkeit", die von Deutschen oft angegriffen wird.

Das geschieht durchaus zu recht - aber vor allem Deshalb, weil die Ausländer speziell von Reisegruppen in Heurigenorte geführt werden, die eine Art "Disneyland für Wien-Touristen" darstellen. Der echte Wiener Heurige ist unspektakulärer - aber für Ausländer auch uninteressanter - weil nicht mentalitätsgerecht.

In Deutschland gibts ein Gegenstück dazu - das Münchner Oktoberfest - und alles was da dazugehört.

Zurück zu Frau Uchida. Ich verstehe durchaus, wenn sie "international" agieren will - Aber ich bitte um Verständnis, wenn ich solche Aufnahmen dann geissle, wobei ich immer die Subjektivität meiner Aussage betone.

Mit freundlichen Grüßen
aus Schubert-Town
der einzig autorisierten Instanz in Sachen Schubert :baeh01:

Alfred

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sagitt

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24

Mittwoch, 4. Januar 2006, 09:12

RE: Mitsuko Uchida- ex Oriente lux?

Sagitt meint:

An Uchida entzünden sich ja interessante Streitereien,Lordsiegelbewahrer gegen den Rest der Welt oder nur die Piefkes.
Ihr Mozartstil ist nach meinem Eindruck weniger Anschlagsorientiert, sondern eher sportlich,frisch, der Ton nicht schwelgerisch, sondern Geläufigkeit, ja Tempo bestimmen ihr Spiel. Ich habe die gesamten Mozartsonaten seit ihrem Erscheinen. Damals war dies ganz interessant, gegen die Häbler´sche Mozartkugelinterpretation, aber heute, wenn ich die Pires höre, würde ich Uchida immer im Regal lassen.Wenn die Mechanik im Vordergrund steht ( ganz extrem bei Gould) wird Mozart ein wenig banal.Pires läßt durch ihren Anschlag die Musik aufblühen, das fehlt Uchida, mindestens in ihrer damaligen Version der Mozartsonaten ( sind natürlich schon eine erhebliche Zeit auf dem Markt)

Alfred_Schmidt

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25

Mittwoch, 4. Januar 2006, 09:43

Hallo Sagitt,

Ich sehe hier derzeit keinen Streit, lediglich verschiedene Gesichtspunkte.

Lordsiegelbewahrer ja, Kampf nein.

Zitat

sportlich,frisch, der Ton nicht schwelgerisch, sondern Geläufigkeit, ja Tempo bestimmen ihr Spiel.


...unwienerischer gehts schon nimmer :D

LG

Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Caesar73

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26

Mittwoch, 4. Januar 2006, 09:53

Mitusko Uchida kam im Alter von 12 Jahren nach Wien. Über Ihr damaliges Selbstverständnis als Künstlerin (ich weiß, problematisch bei einem 12-jährigen Kind) sagte sie später:


"Right after my 12th birthday my parents left for Vienna, and I never looked back. If that had not happened I might never have had a career as a musician.

Within weeks of arriving in Vienna my father had found me a teacher at what was then called the Hochschule für Musik. The lowest age limit in the class was 12, but there was no upper age limit. So I was studying alongside people of 35. Up till then I had been an ordinary kid, whom everyone said was musical, who had gone to a weekend piano school. Overnight I was a music student. But I had no notion of what it meant to be a musician. That didn't change, even after I'd given my first recital, at 14. I went to the first lesson afterwards and my teacher said, "Now you know you are going to be a musician, don't you?" And I said. "No!" He was furious."


Herzliche Grüße,:hello:

Christian
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27

Mittwoch, 4. Januar 2006, 18:47

Zitat

Original von Theophilus

Zitat

- Ich finde, dass der immer wieder geäußerte Weaner Monopolanspruch ans Lächerliche grenzt, besonders wenn er auf einen Komponisten wie Mozart, der seine gesamten Lehr- und Wanderjahre anderswo verbracht hat, d.h. ein fertiger Komponist war, als er nach Wien kam, ausgedehnt wird.

Unabhängig davon, wie lächerlich du es findest, ist dennoch etwas dran, wenn auch nicht in dem von dir gemeinten Sinn. Entgegen Alfreds Ansicht bin ich nicht der Meinung, dass Mozart und Haydn in ihrem musikalischen Ausdruck besonders Österreichisch sind (Haydn etwas mehr, Mozart weniger).


Da sind wir uns immerhin einig.

Zitat


Wahr ist jedoch, dass Mozart und Haydn bei uns in der musikalischen Ausbildung sicherlich einen höheren Stellenwert haben als irgendwo sonst. In Österreich ausgebildete Musiker haben also einen gewissen Startvorteil in Sachen Mozart und Haydn, und das wegdiskutieren zu wollen wäre nun wirklich lächerlich.


Das wäre immerhin nachvollziehbar, allerdings wäre das etwas, was bei entsprechendem Interesse eine jungen Musikers (und ganz ohne Mozart und Haydn wird wohl kaum irgendwo ausgebildet werden, u.a. aufgrund der relativen technischen Unschwierigkeit der Stücke) sehr schnell aufzuholen/auszugleichen wäre.
Ich habe auch gar nichts gegen lokale/regionale Traditionen, die sollten auf jeden Fall erhalten bleiben. Ich finde solche Sachen ebenso wie Caesar73 äußerst interessant (im Grunde läuft in der historischen Aufführungspraxis ja eine sehr ähnliche Diskussion) Aber bei wirklich bedeutender Musik ist mir der Alleinvertretungsanspruch einer Tradition suspekt (genauso wie Landowskas Ausage über Bach: "You play Bach your way, I play him his way") ...

Zitat


Zitat

Schubert ist zugegeben ein Fall, wo am Weanarischen was dran ist, dennoch klingt für mich einer der wichtigsten Schubertinterpreten des 20. Jhds., Sviatoslav Richter, kein bißchen Weanarisch.

Und genau das ist das Problem mit Richters Schubert. Richters Schubert ist zweifellos interessant, irgendwo mag Richter als einer der bedeutendsten Schubertinterpreten gelten, aber nicht bei uns. Der Komponist heißt Franz Schubert und nicht nicht Frantisek Schubertsky.


Wenn auf das "nicht bei uns", nicht in aller Regel ein "und bei uns ist natürlich richtig, denn hier kam Schwammerl/Wolferl/xyz her", folgen würde, wäre da gar nichts einzuwenden...

Richter spielt Schubert ja nicht irgendwie "russisch", sondern eben "richtersch". Andererseits stimme ich Dir insofern zu, dass es bedenklich ist, wenn solche umstrittenen Ausnahmeinterpretationen zum Vorbild erhoben werden! (allein wg. quod licet Jovi...)
Wirklich übertrieben (aber ich bin gewiß kein Experte!) finde ich allerdings hauptsächlich Richters D 894 und 960, wo durch die extremen Tempi der Kopfsätze die ohnehin problematische Balance der Stücke vollends hinüber geht (ich finde ketzerischerweise kaum eine der Sonaten musikalisch völlig unproblematisch, mein Favorit ist D959 und selbst da das Finale...zu.......lang.....). D 664 ist recht breit genommen, aber nicht so verzerrt, habe ich eigenltich als sehr schön in Erinnerung, ebenso seine sehr dramatischen Lesarten von D 845 und 958.

Zitat


(Im hier oft zu Recht lobend erwähnten Richter-Portrait spielt er ein Stück Chopin so, dass ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass irgendein Chopin-Liebhaber damit glücklich sein kann.


Welches "Portrait" meinst Du? Diese blaue Doppel-CD der DG? Ich bin kein Chopin-Experte, aber die beiden Balladen (3&4) und die Polonaise-Fantasie gelten durchaus als Klassiker/Referenz!
Chopin war ja vielfältigeren Einflüssen unterworfen als Schubert, nicht nur der polnischen Folklore, sondern auch der italienischen Oper und dem Pariser Salon, ich sehe hier die Traditionsgebundenheit nicht so eng wie bei Schubert oder einigen Tschechen. Außerdem gibt es hier auch eine nicht unproblematische Tradition, die Chopin zum Salonsäusler zu machen droht...

viele Grüße

JR
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28

Mittwoch, 4. Januar 2006, 19:31

Zitat

Chopin war ja vielfältigeren Einflüssen unterworfen als Schubert, nicht nur der polnischen Folklore, sondern auch der italienischen Oper und dem Pariser Salon, ich sehe hier die Traditionsgebundenheit nicht so eng wie bei Schubert oder einigen Tschechen. Außerdem gibt es hier auch eine nicht unproblematische Tradition, die Chopin zum Salonsäusler zu machen droht...


Sicher war Chopin vielfältigen Einflüssen ausgesetzt nur- und hier bekommen wir wieder den Bogen hin zu Mitsuko Uchida - ist er innerhalb der europäischen Kultur aufgewachsen. Das bedeutet unabhängig davon ob er französischer Pole oder polnischer Franzose gewesen ist, war grundsätzlich eine gemeinsame Kultur vorhanden. Mitsuko Uchida dürfte als Japanerin sicherlich größere Probleme mit der Anpassung an die europäische Kultur gehabt haben- auch wenn die Assimilation oberflächlich gelingen mag.

Und im übrigen kann ich mir nicht vorstellen, dass man sich von einem so starken kulturellen Einfluss - wie es die Jahre in Wien zweifelsohne gewesen sind- völlig frei machen kann. Es gibt eine Anekdote aus der Literaturgeschichte, die ich einmal von Marcel Reich-Ranicki gehört habe: Als junger Student hörte Karl Kraus in Wien eine Vorlesung. Der Professor, ein zum Christentum konvertierter Jude- erklärte er sei aus dem Judentum ausgetreten- worauf Kraus antwortete: "Aber das Judentum nicht aus Ihnen." Auf Mitusko Uchida bezogen heißt das: Es kann bezweifelt werden, ob es ihr wirklich gelungen ist, die Wiener Jahre Völlig zu verdrängen.

Herzliche Grüße,:hello::hello:

Christian

P.s: Ich dachte übrigens, dass das Vorurteil das Chopin ein süßlich parfümierter Salondandy inzwischen der Vergangenheit angehören würde ....
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Mittwoch, 4. Januar 2006, 20:07

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Der berühmte Wiener Volksschauspieler Hans Moser, war durch seinen nuschelnden Tonfall unverwechselbar. Ganze Legionen von Stimmimitatoren versuchten ihn mehr oder weniger erfolgreich nachzumachen.

Eines Tages kommt Moser zu einem Freund. " Du bist ja ganz erschöpft. Wo Warst Du ?"
Moser: "Ich hab bei einem "Hans.Moser-Stimmimitations-Wettbewerb" mitgmacht"
Freund " Na sowas. - Und - Was War ?"
Moser: "Nix war - DRITTER bin ich wordn"


:D :D :D
Ich habe in meiner Jugend sehr gerne Moser-Filme gesehen, leider nun schon ewig keinen mehr. Weiß zwar nicht, ob ich es noch witzig fände (es gibt zB einen, wo Moser und Theo Lingen beide als Diener oder Butler engagiert sind und jeder den anderen für einen Mörder hält), aber einen Versuch wäre es wert.
Allerdings würde aus der Anekdote folgen, dass man das Wienerische (jedenfalls die übertriebene Variante) durchaus lernen kann zu imitieren, und zwar zum Verwechseln ähnlich...

viele Grüße

JR
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30

Mittwoch, 4. Januar 2006, 20:47

Hallo JR

Zitat

Das wäre immerhin nachvollziehbar, allerdings wäre das etwas, was bei entsprechendem Interesse eines jungen Musikers (und ganz ohne Mozart und Haydn wird wohl kaum irgendwo ausgebildet werden, u.a. aufgrund der relativen technischen Unschwierigkeit der Stücke) sehr schnell aufzuholen/auszugleichen wäre.

Im Prinzip ja, deshalb schrieb ich ja vom Startvorteil. Aber es ist sicher nicht ganz so einfach, wie du das anklingen lässt. Eine gute Interpretation ist nicht einfach die gekonnte Bewältigung eines Notentextes. Das wäre zu einfach und wir hätten hier nichts zu diskutieren. Du musst viel über den Komponisten wissen, du solltest eine Ahnung davon haben, was er mit seinen Noten meint, wie gewisse Dinge gespielt werden sollten - eben viel Hintergrundwissen. Ohne Lehrer, die darüber Bescheid wissen, ist das nur sehr schwer zu schaffen.
Ich kann natürlich als Interpret hergehen und sagen, dass ich mich bewusst von allen tradtionellen Bindungen des Komponisten freimache, und eine Interpretation rein auf Basis des Notentextes und meiner persönlichen Sicht des Textes entwickle. Das ist völlig legitim und kann zu sehr spannenden Ergebnissen führen. Ich muss mir dann aber bewusst sein, dass ich von intimen Kennern des Komponisten wahrscheinlich nie so recht anerkannt werden würde und sollte darauf auch nicht allzu empfindlich reagieren.



Zitat

Aber bei wirklich bedeutender Musik ist mir der Alleinvertretungsanspruch einer Tradition suspekt

Was für ein großes Wort - Alleinvertretungsanspruch. Muss man sich so richtig auf seiner Zunge zergehen lassen! Ich meine jedoch - für den Fall, dass das irgendwo schon anders aufgefasst wurde - dass wir mit unserem Schubert keine Heiden missionieren wollen, sondern anderen gerne ihre eigene Meinung dazu lassen. Im Gegenteil, wir reagieren darauf in der Regel mit milder Nachsicht ("Die Tschapperln wissens halt net besser!"). Sehr viel häufiger ist aber der Fall, dass uns Ungläubige erzählen wollen, was denn eine gute Schubert-Interpretation sei. Da ist es dann verständlicherweise mit der Nachsicht bald vorbei und wir können durchaus etwas grantig reagieren.
Ich hoffe wir verstehen uns! :D


Zitat

Wenn auf das "nicht bei uns", nicht in aller Regel ein "und bei uns ist natürlich richtig, denn hier kam Schwammerl/Wolferl/xyz her", folgen würde, wäre da gar nichts einzuwenden...

:D

(Solltest du mich jemals bei einer derartigen Begründung ertappen, klopf mir ruhig auf die Finger!)



Zitat

Richter spielt Schubert ja nicht irgendwie "russisch", sondern eben "richtersch". Andererseits stimme ich Dir insofern zu, dass es bedenklich ist, wenn solche umstrittenen Ausnahmeinterpretationen zum Vorbild erhoben werden! (allein wg. quod licet Jovi...)
Wirklich übertrieben (aber ich bin gewiß kein Experte!) finde ich allerdings hauptsächlich Richters D 894 und 960, wo durch die extremen Tempi der Kopfsätze die ohnehin problematische Balance der Stücke vollends hinüber geht (ich finde ketzerischerweise kaum eine der Sonaten musikalisch völlig unproblematisch, mein Favorit ist D959 und selbst da das Finale...zu.......lang.....). D 664 ist recht breit genommen, aber nicht so verzerrt, habe ich eigenltich als sehr schön in Erinnerung, ebenso seine sehr dramatischen Lesarten von D 845 und 958.

Richtig, obwohl ich Richters Spiel persönlich als sehr Russisch empfinde. Es ist nichts ketzerisches an deinen Ansichten, formal stimmen sie und waren vor nicht allzu langer Zeit allgemeine Ansicht.
Man muss sich folgende eigentlich unglaubliche Fakten bildlich vorstellen: Im Jahr 1928 (was war da? - Richtig, 100. Todestag) wurde naturgemäß viel Schubert gespielt. Da offensichtlich aus viel über Schubert geschrieben und gesprochen wurde, erfuhr ein damals angeblich bekannter Pianist namens Sergej Rachmaninow erstmals von der Existenz Schubertscher Klaviersonaten! Man konnte damals zum Konzertpianisten ausgebildet werden, ohne jemals etwas von Schubert zu hören! Die ersten Pianisten, die im 20. Jahrhundert Schubert häufig im Konzert spielten, waren Emanuel Erdmann und Artur Schnabel. Nach der sehr erfolgreichen Beethoven-Ersteinspielung bat letzterer die EMI, doch auch den Schubert einspielen zu dürfen. Dort winkte man völlig uninteressiert ab, gewährte aber dann doch gnädigerweise grünes Licht für drei Sonaten. Jetzt kommt Richter ins Spiel. Er war der nächste bedeutende Pianist, der unbeirrt von seiner ablehnenden Umgebung beharrlich Schubert spielte und somit auch einer der Wegbereiter der späteren Schubert-Renaissance wurde. Von dieser Seite her attestiere ich Swjatoslav Richter eine ganz wichtige Rolle als Schubert-Interpret im 20. Jahrhundert!
Dessen ungeachtet war vor 40 Jahren Otto Normalverbraucher lediglich die Wanderer-Phantasie und einige kleine Stücke und bestenfalls einiges vierhändiges bekannt (die vierhändigen Stücke waren damals überhaupt viel populärer als heute). Die Sonaten galten als lang, verstaubt und richtig langweilig! Es war ja auch die Zeit der Beethoven-Einspielungen! Aber die Wende stand kurz bevor... ;)



Zitat

Welches "Portrait" meinst Du?

Das Porträt "Richter - Der Unbeugsame" von Bruno Monsaingeon.


Ciao

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