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Antracis

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1

Sonntag, 3. Oktober 2004, 13:53

Krystian Zimerman : Primus inter Pares?

Hallo zusammen,



Der am 07.12.1956 in Zabrze geborene polnische Pianist Krystian Zimerman nimmt unter den Musikern seiner Generation in vielerlei Hinsicht eine Ausnahmestellung ein, seit er 1975 als bis dahin jüngster Teilnehmer den Warschauer Chopinwettbewerb gewann:

Wenige haben heutzutage sowohl Kritik als auch Publikum derart geschlossen hinter sich stehen. Nahezu jedes seiner wenigen Aufnahmeprojekte in den letzten 10 Jahren wurde herbeigesehnt und erwies sich den hohen Erwartungsansprüchen voll gewachsen. Über die begnadete Technik des Künstlers wird fast nie ein Wort verloren, man nimmt sie einfach hin und setzt sich lieber staunend mit der immensen Musikalität, dem sicheren Instinkt auseinander. Hier bestehen durchaus Parallelen mit Sviatoslav Richter. Immer wieder legt Zimerman lange Konzertpausen ein, um sein Repertoire zu erweitern. Die Zugabenorgien mancher Kollegen fehlen, meist muss sich das Publikum mit einem kurzen modernen Stück zufrieden geben.
Zimerman dirigiert auch vom Klavier aus, die Akribie des Künstlers gipfelte darin, zum 150. Todestag Frederic Chopins ein Orchester aus jungen polnischen Musikern zusammenzustellen, dessen einziger Zweck es war ,in wochenlanger Probenarbeit die zwei Klavierkonzerte von Chopin zu erarbeiten und letztlich in einer Welttournee zur Aufführung zu bringen. Glücklicherweise wurde dieses Ereignis für alle Musikfreunde auf Tonträger festgehalten.
Betrachtet man die Aufnahmen Zimermans vor allem der letzten Zeit, fällt ein deutlicher Repertoirefokus auf: Wichtige Meilensteine, wie die Sonaten Beethovens, Mozart und Schuberts, das Klavierwerk Bachs fehlen. (Hier sei erwähnt, dass Zimerman diese Stücke durchaus in Konzerten spielt und angeblich auch die drei späten Klaviersonaten Schuberts im Panzerschrank der DGG liegen und Ihrer Freigabe harren. Zimermann sagt aber ganz offen, dass er kein Freund von Gesamteinspielungen ist).
Auch verdankt Zimerman seine Berühmtheit wohl nicht der Einspielung der Beethovenkonzerte mit Bernstein. Im Zentrum des Tonträger-Schaffens steht ganz klar die vor allem slawische Romantik mit Chopin, Rachmaninow und Liszt, sowie französische Musik mit Debussy und Ravel. Auf Tournee dagegen erklingen im Saal durchaus die Klavierkonzerte Brahms und Beethovens.

Wie steht Ihr zu diesem Künstler ? Welches sind Eure Lieblingsaufnahmen. Welche mögt Ihr nicht ?
Ich streiche meinen Senf später dazu. :)

Gruß
Anti

Norbert

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2

Sonntag, 3. Oktober 2004, 20:27

Hm, zu meiner Schande (?) muß ich gestehen, daß ich nur eine Aufnahme mit Zimerman besitze: Liszt, Klavierkonzerte und Danse macabre mit Ozawa.

Die Aufnahme ist nicht übel, reicht aber nicht an Richter/Kondraschin heran.

Ich fürchte, meine Erfahrung ist also zu gering, um urteilen zu können... ;)
Grüße aus der Nähe von Hamburg

Norbert

Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche.
Gustav Mahler

cliowa

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3

Donnerstag, 7. Oktober 2004, 17:28

RE: Krystian Zimerman : Primus inter Pares ?

So, zuerst einmal hallo an alle.
Nach etwas längerer post-Pause (ferien- u. arbeitsbedingt) melde ich mich hier auch mal wieder zu Wort.
Krystian Zimerman ist einer meiner Lieblingspianisten. Sein Repertoire trifft meinen Geschmack und seine Spielweise ist schlicht und ergreiflich sensationell. Ich hatte vor etwa einem halben Jahr einen Chopin-Rezital von ihm zu hören und muss sagen, dass er mich noch mehr beeindruckte als auf all seinen CDs. Das war das beste Rezital das ich gehört habe, bis jetzt zumindest.

Ich mag eigentlich all seine Aufnahmen die ich kenne. Besonders gern habe ich die Liszt Klavierkonzerte und den Totentanz, die Rachmaninov Klavierkonzerte, die Chopin Solo (Balladen...), die beiden Chopin Klavierkonzerte mit dem oben erwähnten, eigens ausgewählten Orchester, sein Brahms 2. Klavierkonzert, ach einfach alles, was ich von ihm habe! Ich habe ausserdem: Strauss/Respighi Violinsonaten; Ravel Konzerte mit Boulez; Lutoslawski Klavierkonzert; Schubert Impromptus; die alten Versionen der Chopin-Konzerte mit Guilini habe ich nicht gekauft, da ich kein allzu grosser Fan von Chopins Klavierkonzerten bin; die Beethoven Klavierkonzerte stehen noch auf der zu-beschaffen-Liste, ebenso seine Liszt-Solo-CD.

Er ist ein absoluter Ausnahmekünstler. Interessieren würden mich bei ihm auch noch die Brahms-Sonaten, die habe ich aber nirgends gefunden. Material für weitere CD-Veröffentlichungen wäre wie schon früher erwähnt genug vorhanden (Schubert Sonaten, Szymanowski, Brahms 1. Klavierkonzert).

Seine Einspielung von Brahms 2. gefällt mir zwar sehr gut, ist mir doch aber irgendwie zu zahm, ich bevorzuge den zugegebenermassen ungestümeren Richter hier, denn niemand spielt den Anfang so spannungsgeladen wie er.

Also, ich bin ein "Zimerman-Fan", wenn man das so sagen kann.
Grüsse...Cliowa

Klassikliebhaber

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4

Donnerstag, 7. Oktober 2004, 19:45

@Norbert: Haha..dieselbe Aufnahme habe ich auch! :)

Ich bin von Zimerman interpretatorisch manchmal nicht begeistert,was Liszt KK betrifft.
Aber der gute Mann ist ein exzellenter Techniker!!!

Uwe

Moderator

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5

Samstag, 9. Oktober 2004, 19:02

Hallo Anti,

bei der Zusammenstellung der Lieblingspianisten kam mir Krystian Zimerman nicht gleich in den Sinn. Aber, wenn man einmal seine Discographie betrachtet, zählt fast jede mir bekannte Aufnahme zur jeweiligen Spitzengruppe der Einspielungen. Dazu zählen für mich auf jeden Fall:

Liszt - h-moll Sonate:



die Ravel-Konzerte mit Boulez:


die Brahms-Konzerte mit Bernstein:


Gruß aus Hamburg
Uwe

Antracis

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6

Sonntag, 31. Oktober 2004, 18:21

Hallo zusammen,

da ich zu meinem Bedauern feststellen mußte, dass es Krystian Zimerman noch nicht ins Threaddirectory geschafft hat, Martin Stadtfeld hingegen schon :rolleyes: , will ich doch noch etwas die Werbetrommel rühren. Ich halte Ihn in der Tat für einen der führenden Pianisten seiner Generation bzw. sicherlich auch einen der bedeutensten unserer Tage. Das sehen zum Glück auch viele andere Leute so, wenn sie es auch offenbar noch nicht alle in dieses Forum geschafft haben. :D

Die von Uwe angesprochene Aufnahme der h-Moll-Sonate



ist sicher eine der wertvollsten neueren Einspielungen. Für mich ist es die persönliche Referenz aus neuerer Zeit. Zimermans phänomenale Technik wird hier weit weg vom Verdacht des Selbstzweckes eingesetzt. Die berüchtigten Prestissiomoktaven am Schluss werden eher verhalten genommen (vergleicht man z.B. mit Argerich oder Gilels), dafür fügen sie sich harmonisch in das dramatische Gesamtgefüge ein. Das erste Hauptthema dagegen spielt Zimerman konkurenzlos schnell, dass man nur staunen kann.
Von einigen lyrischen Oasen abgesehen herrscht eine fast beängtigend kalte Stimmung, faszinieren tut aber vor allem die Ausgewogenheit, der große Spannungsbogen, der sich von den ersten Takten bis zum letzten Akkord spannt. Wenn man das ein paar mal hört, erscheint das alles so zwingend musikalisch logisch, als könne es gar nicht anders gespielt werden.



Dies ist nicht nur eine der großartigsten Aufnahmen von Zimerman, sondern für mich eine der großartigsten der letzten Jahre. Mit heutzutage selten gewordener Akribie hat der Pianist zum 150. Geburtstag von Chopin ein Orchester speziell aus jungen polnischen Musikern zusammengestellt und in wochenlanger Probenarbeit in Doppelrolle als Dirigent und Solist aufgenommen. Das Ergebnis ist jetzt schon legendär und von der Fachpresse hinreichend gewürdigt worden. Neben anderen guten Aufnahmen ist hier vor allem die oft kritisierte Orchestrierung von Chopin bestmöglichst in Szene gesetzt worden.



In dieser Aufnahme erlebt man die Klangqualitäten vom Zimermans Spiel in beeindruckender Weise. Auch die fragile Architektur der einzelnen Stücke wird minutiös herausgearbeitet. Technisch ist die Aufnahme Geschmackssache - sehr hallig, was den Charakter der Musik zwar unterstützt, andererseits hab ich immer das Gefühl, ich und Zimerman würden im Ulmer Münster sitzen. :D



Die aktuelle Aufnahme Zimermans, vor allem auch hervorragend begleitet von Ozawa und seinem Bostener Musikern. Mir gefällt vor allem die feurige Interpretation des ersten Konzertes. Das zweite ist ebenfalls sehr gelungen, vor allem ist die Klangqualität wesentlich besser als die legendäre Einspielung von Richter. Letztere finde ich allerdings an manchen Stellen zwingender.

Gruß
Anti

Caesar73

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7

Donnerstag, 23. Juni 2005, 19:20

Eine meiner Lieblingsaufnahmen von Zimerman. Chopin liegt ihm einfach!




Herzliche Grüße, :hello: :hello:

Christian
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8

Montag, 9. Januar 2006, 10:11

Hallo Taminos, Hallo Christian,

Zuerst: Schade, dass zu Zimerman bislang nur so wenige gepostet haben - das entspricht doch eigentlich nicht seiner Bedeutung...

Ich finde alle Aufnahmen von Z. sehr gelungen, jene neueren Datums (der "Durchbruch" kam für mich mit den Debussy-Préludes) haben allesamt Referenzstatus.
Seine Schubert-Impromptus, so wie die Chopin-Balladen bewegen sich auch auf höchstem pianistischem Niveau, waren für mich aber nicht die wirklichen "Bringer" (zu cool) - Sie setzen im Vergleich zu Debussy und den Ravel- und Rachmaninov-Konzerten doch ein wenig Staub im Regal an.

Grundsätzlich finde ich die Geschliffenheit der Zimerman-Aufnahmen bemerkenswert. Auf die Schnelle fällt mir in dieser Hinsicht nur noch ABM ein, der ähnlich akribische Einspielungen gemacht hat (Selbst Pollini, der Skrupulöse, wirkt dagegen fast "schlampert"...) Technisch ist Zimerman eine Klasse für sich. "Technik" meint bei ihm mehr als pure Geläufigkeit (in der ihn ein Hamelin vermutlich sogar noch übertrifft) - eZ's gewaltige technische kontrolle kommt ihm bei der abstrichlosen Umsetzung seiner Klangvorstellung inatürlich entgegen. Die Gefahr, im rein Virtuosen stecken zu bleiben, besteht bei ihm aufgrund dieser phänomenal ausgeprägten Vorstellungskraft m.E. nicht. Seine besten Interpretation quellen nicht unbedingt über vor Spontanität oder äußerster Warmherzigkeit, besitzen aber durchaus das faszinierende "kalte Feuer" eines brillanten Geistes. (was für eine fürchterliche Formulierung...)

Schöne Grüße!
Daniel

Cosima

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9

Montag, 9. Januar 2006, 10:23

Zitat

Original von Daniel Behrendt
Seine besten Interpretation quellen nicht unbedingt über vor Spontanität oder äußerster Warmherzigkeit, besitzen aber durchaus das faszinierende "kalte Feuer" eines brillanten Geistes. (was für eine fürchterliche Formulierung...)l


Hallo Daniel, hallo allerseits,

das mit dem „kalten Feuer“ war IMO gar nicht übel formuliert. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich diesen Pianisten zwar sehr schätze, aber nicht wirklich warm mit ihm werde. Sein Rachmaninov-Konzert gefällt mir sehr gut, aber andere liebe ich mehr. Genauso ist es mit seiner Liszt h-Moll-Sonate – allerhöchstes Niveau, aber das gewisse Etwas fehlt mir. Die Liszt-, Chopin- und Ravel-Klavierkonzerte müsste ich mal wieder hören. Das heißt: Nein, muss ich eigentlich nicht… die sind alle wirklich großartig, aber dennoch lege ich sie nicht allzu häufig in den Player. Der Funke ist (noch) nicht übergesprungen, keine Ahnung wieso…

LG, Cosima

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10

Montag, 9. Januar 2006, 10:29

Hallo Cosima,

die Liszt-Sonate hatte ich vergessen - die finde ich aber neben den Debussy-Préludes am aller gelungensten. Die entwaffnende Klarheit, mit der Zimerman das Fugato hinzimmert hat kaum ihresgleichen. Ich kann die h-moll-Sonate quasi nur noch von ihm hören!

LG! :hello:
Daniel

sagitt

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11

Montag, 9. Januar 2006, 14:43

Kalt oder ?

Sagitt meint:

Es ist immer hochinteressant, die Spannbreite der Wahrnehmungen zu lesen. Wenn ich an die Darstellung des c-moll Beethoven-Konzerts oder des B-Dur-Konzerts von Brahms denke, würde ich an" kaltes Feue" zuletzt denken. Bei Beethoven ist Zimerman markant, klar,kräftiger Ton, sehr adäquat zu c-moll. Bei Brahms entspricht er der wunderbaren warmen Einletigung der Hornisten der Wiener Philharmoniker und spielt mit klaren, aber nie harten Ton.

Beide Aufnahme gehören immer noch zu meinen Top-Favoriten, und das bei dieser Konkurrenz

Antracis

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12

Montag, 13. Februar 2006, 12:18

In der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" von gestern findet sich ein sehr aufschlussreiches ausführliches Interview mit dem eher medienscheuen Krystian Zimerman.

Einige Punkte in Auszügen:

K.Z: ...Wir gehen ein ganzes Leben lang einen Weg und möchten an irgendeinem Punkt etwas absetzen. Das ist ein ganz normaler Prozess.

Warum wollten Sie dann ausgerechnet das Brahms-Klavierkonzert nun zum zweiten Mal absetzen ?

Weil die erste Aufnahme gar nichts mit mir zu tun hatte. Sie war eine unglückliche Kette von Kompromissen: Mein Flügel ist nicht eingetroffen[...]ich musste mit einem Mozart-Instrument spielen, das für Brahms denkbar ungeeignet war. Außerdem hatte das Fernsehteam, das die Vorstellung aufgenommen hat, einen braunen Teppich an die Wand gehängt, der den Schall fraß. Ich musste mir eine braune Paste ins Gesicht schmieren, weil ich zu blass war[...]

[er erzählt dann weiter, dass die Farbe schmolz,auf die Tasten tropfte und alles einfärbte...:D]

...bei alldem sind sieben Kameras um mich herumgerauscht. So ist eine Aufnahme entstanden, die nichts mit mir zu tun hatte.



...Sie sind Künstler, und Brahms auch. Sie machen aus den Noten Klang.

Ich muss jetzt einmal etwas ganz absurdes sagen, ich spiele ja gar nicht die Noten. Ich spiele den Grund, warum Brahms die Noten geschrieben hat...

[...]


Haben sie da keine Probleme mit Konzertveranstaltern, die Ihre Karten mit einem Programm verkaufen ?

Wer das Konzert mit dem Programm verkauft, braucht mich nicht einzuladen. Wer wegen der "Mondscheinsonate" kommt, kann sie auch von einem anderen Pianisten hören. Ich möchte, das die Leute zu mir kommen, weil sie mir vertrauen. Was ich spiele, geht das Publikum nichts an.

[...]

Wundert es sie, dass Ihre Egoismen ein Publikum finden ?

Es erschreckt mich die ganze Zeit, was passiert. Und es ist aufregend, sich selbst nicht steuern zu können, die menschlichen Gefühle in sich zu spüren...

[...]

Wie wichtig ist Selbstverwirklichung ?

Neulich hatte ich einen Schüler, der gegen die Ideen eines Komponisten gespielt hat. Er erklärte mir, dass er seine eigenen Ideen habe und dass er seine Individualität zeigen wolle. Aber das tun wir schon, wenn wir die Finger auf die Tasten legen. Wir haben ganz spezielle Kapillarlinien, die sich bei jedem Menschen unterscheiden. Das Thema, anders sein zu wollen, kann man ein für alle Male abhaken.

[...]

...sie haben einige Ihrer Platten vom Markt zurückgezogen - eine Aufnahme mit Herbert von Karajan ist nie erschienen.

Ich habe damals die Deutsche Grammophon angerufen, um zu sagen, dass ich die Platte nicht freigeben möchte. Die Antwort war: "Das musst Du Karajan schon selbst sagen, er hat schon sein O.K". gegeben. Ich bin dann drei Tage um das "Kempinski" geschlichen. Dann war es 6 Uhr abends, ich weiß das noch ganz genau. Ich habe geklopft und gesagt: "Ich habe die Wahl zwischen einer schlechten Platte mit Ihnen oder gar keiner mit Ihnen. Und ich finde die zweite Lösung besser". Dann habe ich mich hingesetzt und gedacht "And now, kill me". Er hat geschwiegen und gesagt: "Gut, spielen wir das noch einmal". Es passieren selbst im Klassik-Markt noch Wunder.

Gruß
Sascha

Cosima

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13

Mittwoch, 22. Februar 2006, 22:05

Hallo allerseits,

ich habe gerade in die in Kürze erscheinende Brahms-CD von Zimerman/Rattle reingehört. Fast fürchte ich, dass sie mir werde zulegen müssen. Obwohl es beim 1. Klavierkonzert ja bereits viele tolle Einspielungen gibt, klingt der Ausschnitt sehr viel versprechend.

Zur Erinnerung und als Aufhänger für eine eventuelle baldige Diskussion:



Zimerman sagt, dass er eine Periode von 10 Jahren braucht, um ein Stück wirklich fertig zu haben! Nun denn – das klingt eher nach Selbstzerfleischung und Quälerei als nach Spielfreude. :stumm: Umso mehr darf man gespannt sein, welches Ergebnis dabei herausgekommen ist. Vielleicht erbarmt sich ja jemand und berichtet bald. Erscheinungstermin: 3. März.

Gruß, Cosima

petemonova

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14

Mittwoch, 22. Februar 2006, 22:10

Hallo Cosima,

ich habe mir vor ein paar Minuten ebenfalls den Ausschnitt angehört (müsste wohl der gleiche gewesen sein -> 3. Satz) und es hat mir auch ziemlich gut gefallen. Die CD stand aber eh schon auf der Einkaufsliste für den nächsten Monat.


Gruß, Peter.
Musik zu hören ist zweifellos eine der extravagantesten Arten, sein Geld auszugeben.
- Mauricio Kagel

AcomA

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15

Mittwoch, 22. Februar 2006, 22:52

hallo liebe freunde,

das ist für mich fakt: krystian zimermans aufnahme des 1. brahms-konzertes (auch des2. !) damals mit den wiener philh. unter bernstein war für mich eine sensation. ich hatte die aufnahme auf cd und den mitschnitt im TV gesehen. auch wenn der pianist die aufnahme nicht gelten lässt, sie gehört mit zum besten, was man hörte ! und wenn er sich nun wieder hierfür ins studio gesetzt hat, so wird 'garantiert' eine super-interpretation entstanden sein. es ist die frage, ob man sie sich besorgt. ich persönlich habe neben den 'klassikern' aus der ADD-zeit auch eine phantastische DDD mit horacio guiterrez, dem london philh. und a. previn (telarc).

gruß, siamak
Siamak

tom

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16

Mittwoch, 22. Februar 2006, 23:07

Zitat

Original von Cosima

Zimerman sagt, dass er eine Periode von 10 Jahren braucht, um ein Stück wirklich fertig zu haben! Nun denn – das klingt eher nach Selbstzerfleischung und Quälerei als nach Spielfreude.



In einem weiter oben wiedergegebenen Interview hat Zimerman mitgeteilt:

Zitat

Ich muss jetzt einmal etwas ganz absurdes sagen, ich spiele ja gar nicht die Noten. Ich spiele den Grund, warum Brahms die Noten geschrieben hat...


Die damit verbundene, vielleicht etwas tüftelige, Suche dürfte naturgemäß mit einem gewissen zeitlichen Aufwand verbunden sein, gleichzeitg zeichnen sich seine Ergebnisse eben durch ihre hörbare Andesartigkeit gegenüber herkömmlichen Interpretations [-versuchen] aus. Vielleicht sucht Zimerman ja auch nicht sein Heil auf der Bühne oder im dauernden Kontakt mit dem Zuschauer.

LG

Siegfried

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17

Donnerstag, 23. Februar 2006, 09:26

Krystian Zimmerman

Hallo zusammen,

habe eben ausschnittsweise das 1.Brahmskonzert gehört mit den Berlinern und Sir Rattle.War voll überzeugend.Ich denke,diese Aufnahme hat das Zeug zur Referenz.Bin auf die Meinung der Pianoexperten gespannt.
Freundliche Grüße Siegfried

Caesar73

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18

Donnerstag, 23. Februar 2006, 11:01

RE: Krystian Zimmerman

Zitat

Original von Siegfried
Hallo zusammen,

habe eben ausschnittsweise das 1.Brahmskonzert gehört mit den Berlinern und Sir Rattle.War voll überzeugend.Ich denke,diese Aufnahme hat das Zeug zur Referenz.Bin auf die Meinung der Pianoexperten gespannt.


Liebe Taminos,

gehört habe ich die neue Aufnahme noch nicht, allerdings war in der FAZ vom letzten Samstag eine ausführliche Rezension zu lesen. Eine überwiegend positive Bewertung. Kaufen werde ich sie mir in jedem Fall. Dann mehr dazu.

Herzliche Grüße,:hello: :hello:

Christian
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19

Freitag, 24. Februar 2006, 09:13

Liebe Taminos,
Interessantes FAZ-Interview, das Sascha auszugsweise ins Forum gestellt hat. Ich mache mich als bekennender Zimerman-Bewunderer ja keineswegs der Abneigung ihm gegenüber verdächtig, aber immer wenn ich verbale Statements von ihm höre, ist mir das eine Spur zu großspurig, zu kategorisch (Diese Selbstverliebtheit tarnt sich bei Zimerman hinter einer auf den ersten Blick bescheiden wirkenden Demut den Komponisten gegenüber). Ich habe immer Schwierigkeiten, wenn Musiker behaupten, nicht Noten, sondern die Intention des Komponisten zu spielen - das müssen sie erst mal beweisen... Wer so argumentiert, behauptet ständig, die Wahrheit auf seiner Seite zu haben. Auch diese etwas kapriziöse Ablehnung von Subjektivität, von "eigenen Ideen" finde ich schwierig. Die Vehemenz, mit der Herr Zimerman seinen "Objektivismus" verteidigt (und das tat er vor geraumer zeit schon im Fono Forum), hat schon etwas sehr "Selbstisches" - er ist darin durchaus sehr eigenwillig.
Diese kleine Antipathie meinerseits ändert allerdings nichts daran, dass Zimerman zu den ganz wenigen gehört, die quasi NIE Schrott produzieren! Er sollte (wie so viele Musiker) lieber spielen, als reden - das würde ihn für mich NOCH sympathischer machen...
:hello:Liebe Grüße
Daniel

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20

Samstag, 25. Februar 2006, 09:56

Im Spiegel findet sich ebenfalls ein Artikel über Zimerman:

[URL=http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,403027,00.html]"Samurai der Klänge"[/URL]

Faszinierend wirklich die Besessenheit zur Perfektion, die ja auch schon das Chopinprojekt auszeichnete (das nach Abschluss laut F.A.Z einen privaten Schuldenberg von ca. 100.000 € hinterlies).
In der Tat ist Zimermans Tonfall meist "verstörend" selbstsicher (so auch seine faszinierende Aura im Konzert), aber die Ergebisse sprechen für sich.

Gruß
Sascha

AcomA

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21

Samstag, 25. Februar 2006, 11:38

hallo,

ich habe krystian zimerman zweimal live in der düsseldorfer tonhalle erlebt. sein spiel ist absolute weltklasse, keine frage ! nehmen wir mal an, er hatte sich tatsächlich 10 jahre lang mit brahms' 3. klaviersonate f-moll beschäftigt, bevor er sie öffentlich aufführte ! ich hörte sie auch live mit e. kissin und s. hough. ich muss sagen, alle drei spielten sie auf vergleichbar hohem klanglichen und technischen niveau ! das sich jemand besonders lange mit dem stück befasst hätte, ich konnte es nicht heraushören ! naja, vielleicht haben sich alle 10 jahre lang damit auseinandergesetzt. :D

gruß, siamak
Siamak

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22

Samstag, 25. Februar 2006, 23:42

Zitat

Zitat Sascha: In der Tat ist Zimermans Tonfall meist "verstörend" selbstsicher (so auch seine faszinierende Aura im Konzert), aber die Ergebisse sprechen für sich.


Ja, dem kann ich nur beipflichten - ich hatte Zimerman allerdings nur 1x live und das vor etlichen Jahren - er spielte unter anderem die Waldsteinsonate (nicht unbedingt Zimerman-Repertoire, aber es war göttlich) - die Coda des Finalsatzes flog dem Publikum mit einer Fulminanz um die Ohren, dass sich wohl jeder Zweite im Saal fragte, wie der Kerl das bloß anstellt - das war wahrhaftig selbstsicheres Klavierspiel. Eine schattenlosere Pianistik-Demo habe ich seitdem in meinem (nicht gerade Recital-armen) Leben selten gehört...

LG :hello:
Daniel

Cosima

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23

Sonntag, 26. Februar 2006, 00:21

Hallo allerseits,

mein vorläufiges Fazit bzgl. der neuen Zimerman/Rattle-Aufnahme: Ja, man braucht sie!

Meine Vorredner haben das Stichwort geliefert: Selbstsicherheit. Genau die spürt man in Zimermans Klavierspiel und im Zusammenspiel mit dem Orchester. Beide wirken vorzüglich aufeinander abgestimmt. Zimerman spielt klar akzentuiert, das Orchester begleitet wunderbar präzise und fein nuanciert. Ich habe bis jetzt nur den dritten Satz jeweils mit den Herren Fleisher, Weissenberg. Arrau und Serkin verglichen. Alle diese Aufnahmen sind m.E. sehr gut, aber Zimerman hält in Sachen Temperament spielend mit. Insgesamt eine wirklich tolle Aufnahme, die tatsächlich das Zeug zu einer neuen Referenz hat.

Ich bin gespannt auf Eure Eindrücke.

Gruß, Cosima

Christian B.

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Registrierungsdatum: 1. Juni 2006

24

Sonntag, 7. Januar 2007, 21:36

zerstörerischer Perfektionist?

Liebe Forianer,

vor vielen Jahre habe ich mal Krystian Zimmerman live mit Liszts h-Moll Sonate gehört - es war eines der besten, packendsten Konzerte, die ich je besucht habe (und immerhin habe ich noch Serkin, Arrau und ABM erleben dürfen). Ich besitze einige seiner Platten, finde die meisten aber vom Klang her eher kalt und gläsern, es fehlt mir die Wärme im Ton.
Verführt vom (zur Zeit!) günstigen Preis, habe ich mir nun die noch recht neue Aufnahme des 1. Klavierkonzertes von Brahms mit Rattle zugelegt - und bin gelinde gesagt enttäuscht. Gewiss gibt es viele großartige Stellen, viele erwähenswerte Details, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass hier sehr viel zusammengetückelt wurde, worüber die große Linie des Konzertes verloren ging.
Irgendwo habe ich mal gelesen (evtl in einem Fono-Forum-Interview), dass Zimerman längst die letzten drei Schubert-Sonaten aufgenommen hat, aber seit Jahren nicht dazu kommt, sie wie gewünscht zu editieren und zusammenzuschneiden. Natürlich ist das Zusammenschneiden der Aufnahmen heute gang und gäbe, aber es gibt auch Pianisten, die sich um lange takes bemühen oder gar live einspielen. Bei Zimerman gewinne ich den Eindruck, dass sein großes Können durch einen extrem skrupulösen, wenn nicht gar zerstörerischen (siehe Schubert Sonaten!) Perfektionierungsdrang Schaden nimmt - zumindest was seine letzten CD-Veröffentlichungen betrifft, live habe ich ihn nicht mehr gehört. So ist bspw. die Eröffnung des langsamen Satzes des Konzertes erschreckend ausdrucksarm und blass. Unverständlich ist mir auch, dass er seine extrem dichte und mit viel Innenspannung eingespielte Aufnahme der Brahms-Klaviersonaten schon vor langer Zeit zurückgezogen hat. Aber das muss man natürlich respektieren.

Hat ihn jemand in letzter Zeit mal live gehört? Alle anderen in diesem thread scheinen von der Aufnahme ja extrem angetan zu sein, inzwischen ist aber doch einige Zeit vergangen - was sagen die Brahms-und Klavier-Spezialisten?

Viele Grüße,
Christian

P.S. einige Aufnahmen von Zimerman sind zur Zeit sowohl bei jpc als auch bei amazon sehr günstig!

Hayate

Fortgeschrittener

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Registrierungsdatum: 27. Oktober 2006

25

Montag, 8. Januar 2007, 13:19

RE: zerstörerischer Perfektionist?

Zitat

Original von Christian B.
Irgendwo habe ich mal gelesen (evtl in einem Fono-Forum-Interview), dass Zimerman längst die letzten drei Schubert-Sonaten aufgenommen hat, aber seit Jahren nicht dazu kommt, sie wie gewünscht zu editieren und zusammenzuschneiden.


Wozu braucht man eigentlich dieses ganze editieren und zusammenschneiden, warum nimmt man das Spiel nicht einfach live auf und spart sich die Nachbearbeitung?
Was wird denn eigentlich genau nachbearbeitet, weiß das jemand von euch?
Im digitalen Zeitalter ist ja alles möglich, werden da auch Noten einfach verändert und Fehler im Spiel korrigiert, theoretisch ja möglich, oder konzentriert man sich da eher auf störende Nebengeräusche?

Was mich ein bisschen stört ist, dass Schubert im Sonatenbereich immer nur auf seine drei letzten reduziert wird.
Ich persönlich kann sie eigentlich kaum mehr hören, ähnlich geht es mir mit dem ersten Impromptu Zyklus, und halte eine weitere Einspielung (auch wenn ich Zimerman sonst mag) für unnötig.
Die drei großen Sonaten vor den drei letzten (D.845, D.850, D.894) sind mindestens genauso interessant und wundervoll, werden aber leider etwas vernachlässigt.

mit Grüßen
Christoph

Theophilus

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26

Montag, 8. Januar 2007, 14:10

RE: zerstörerischer Perfektionist?

Hi

Der Pianist hat eine Idealvorstellung, wie er ein Werk spielen will. Aber die Ausführung kommt halt meistens nicht ganz dorthin. Hier eine falsche Note, dort eine Phrasierung nicht nach Wunsch gelungen, eine Passage nicht im passenden Tempo oder ein Übergang zu holprig . Da werden eben die entsprechenden Stellen solange wiederholt, bis es passt und dann ins Master eingefügt. Manche Künstler tüfteln gerne, andere spielen lieber möglichst lange Takes (Gould war ein Tüftler, von Annie Fischers Hungaroton-Beethoven-Zyklus geht das Gerücht um, dass es sich um ein Puzzle von wenige Sekunden langen Klangschnipseln handelt, Guldas letzter Beethoven-Zyklus hingegen besteht angeblich fast nur aus "ganzen" Sätzen).

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Hayate

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27

Montag, 8. Januar 2007, 15:26

Zitat

(Gould war ein Tüftler, von Annie Fischers Hungaroton-Beethoven-Zyklus geht das Gerücht um, dass es sich um ein Puzzle von wenige Sekunden langen Klangschnipseln handelt


Das ist doch furchtbar! :motz:
Ist das nicht Betrug am Hörer?
Ich habe in dem Bereich noch nicht viel Ahnung, woran kann man denn erkennen ob eine Aufnahme komplett durchgespielt wurde und ohne künstliche "Verschönerungen" und "Nachbearbeitungen" verkauft wird?
Oder kann man das garnicht?

Jetzt weiß ich auch, warum viele ihre Schallplatten so schätzen, da ist sowas noch nicht möglich gewesen, alles war echt.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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28

Montag, 8. Januar 2007, 15:50

Zitat

Original von Hayate

Zitat

(Gould war ein Tüftler, von Annie Fischers Hungaroton-Beethoven-Zyklus geht das Gerücht um, dass es sich um ein Puzzle von wenige Sekunden langen Klangschnipseln handelt


Das ist doch furchtbar! :motz:
Ist das nicht Betrug am Hörer?
Ich habe in dem Bereich noch nicht viel Ahnung, woran kann man denn erkennen ob eine Aufnahme komplett durchgespielt wurde und ohne künstliche "Verschönerungen" und "Nachbearbeitungen" verkauft wird?
Oder kann man das garnicht?

Jetzt weiß ich auch, warum viele ihre Schallplatten so schätzen, da ist sowas noch nicht möglich gewesen, alles war echt.


Gould war zur Schallplattenzeit! Seit der analogen Bandmaschine ist sehr viel möglich.
Obwohl Gould ein Bastler war, ist sehr umstritten, wieviel im einzelnen bei ihm gebastelt ist. Ich meine gelesen zu haben, dasser auch lange takes aufgenommen hat, nur eben aus Perfektionismus sehr viele takes. Wieviel dann verwendet wurden, weiß man wohl selten genau.
Betreffs der letzten 3+3 Schubertsonaten ist das Publikums (und wohl auch Pianisten)votum meinem Eindruck nach ziemlich eindeutig. Ob zu recht oder nicht, ich finde es immerhin nachvollziehbar. Man muß sich immer noch vor Augen halten, dass bis in die Mitte des 20. Jhds. die Ansicht weitverbreitet war, Schuberts Sonaten seien fürs Konzert überhaupt nicht geeignet und eh nicht sehr interessant.

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

Christian B.

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29

Montag, 8. Januar 2007, 15:55

Zitat

Oder kann man das garnicht?

Jetzt weiß ich auch, warum viele ihre Schallplatten so schätzen, da ist sowas noch nicht möglich gewesen, alles war echt.


Nein, man kann es nicht erkennen, und das Editieren war auch schon vor der CD im analogen Zeitalter üblich. Ich finde es auch grundsätzlich nicht so schlimm, denn es ist ja der Künstler selbst, der hier schneidet, also kann er im besten Fall seine Interpretation optimal auf den Punkt bringen. Aber es mag Fälle geben - und davon habe ich gesprochen - wo das Schneiden kontraproduktiv ist.

Ich hatte mit meinem Beitrag oben auf eine Diskussion über Zimermans Einspielung des ersten Brahms-Konzertes gehofft - die nicht minder spannende Thematik "Manipulationen oder Perfektionierung bei einer Studio-Klassik-CD" würde bestimmt einen eigenen thread lohnen, es gibt da ja ein paar erzähzlenswerte Geschichten (so wurden bei Levines Mozart-Sinfonien-Zyklus die WH's angeblich einfach drangeschnitten, aber nicht eingespielt).

Viele Grüße,
Christian

georgius1988

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30

Donnerstag, 22. Februar 2007, 00:15

Also gestern Abend war es soweit und ich habe mir die neue Aufnahme von Zimerman und Rattle von Brahms' KK 1 zu Gehör geführt.

Mein erstes Fazit: WOW.

Was die beiden hier entfesseln hat IMO Referenzcharakter. Das Temperament des Klavierparts harmoniert einfach hervorragend mit dem Dröhnen des Orchesters (denn als solches habe ich es empfunden). Diese CD (Tonqualität wunderbar, btw) war endlich wiedermal ein AHA-Erlebnis.

Nach den etwas mehr als 50 Minuten saß ich wie vom Donner gerührt da und habe erstmal tief durchatmen müssen.


Diese Aufnahme ist die beste, die ich kenne.
Dafür habe ich als Vergleich:
Buchbinder, Harnoncourt, CGO
Pollini, Abbado, BPO
Gilels, Jochum, BPO

Ich denke nur Gilels-Jochum kann im direkten Vergleich bestehen, wobei ich die beiden Interpretationen als Antipoden sehen würde. Gilels ist majestätisch-elegant, während Zimerman stürmisch, impulsiv, temperamentvoll agiert.


Ich hätte nichts gegen das zweite KK im selben Gespann...

IDS
Georg
Früher rasierte man sich wenn man Beethoven hören wollte. Heute hört man Beethoven wenn man sich rasiert. (Peter Bamm)