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musikwanderer

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Beiträge: 4 203

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

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Freitag, 4. Mai 2018, 23:57

CERHA, Friedrich: ONKEL PRÄSIDENT

Friedrich Cerha (*1926):
ONKEL PRÄSIDENT
Musikalische Farce in einem Akt mit Prolog und Epilog
Libretto von Peter Wolf und Friedrich Cerha nach „Eins, zwei, drei“ von Ferenc Molnár

Auftragswerk des Münchner Staatstheaters am Gärtnerplatz in Kooperation mit der Volksoper Wien
Uraufführung am 1. Juni 2013 im Münchner Prinzregententheater, weil das Gärtnerplatztheater wegen Sanierungsarbeiten geschlossen war


DIE PERSONEN DER HANDLUNG

Der Komponist – Bass
Der Präsident – Bass
Melody Moneymaker – Sopran
Josef Powolny, Fahrradbote – Tenor
Fräulein Fink, Sekretärin – Sopran
Fräulein Flott, Sekretärin – Sopran
Fräulein Flugs, Sekretärin – Sopran
Dr. Fleiß, Leiter des Sekretariats – Bass
Dr. Gefällig, Generaldirektor – Bass
Dr. Pillert, Betriebsarzt – Bass
Deodatus Graf Schrullenhuf-Wullersdurff – Tenor
Didi Kvaca, Reporter vom „Skandal“ – Tenor
Zwirn, Zuschneider – Tenor
Monsignore Campanile – Bariton
Mummy Moneymaker – Alt
Daddy Moneymaker – Bass
Die fünf Mitglieder des Aufsichtsrates – 3 Tenöre, 2 Bässe.

Die Handlung spielt in der Gegenwart.


INHALTSANGABE

Prolog

Der Präsident eines Stahlkonzerns erholt sich in dem Tiroler Urlaubsort Seefeld. Nach einem Spaziergang setzt er sich auf eine Parkbank und kommt mit dem schon dort sitzenden älteren Mann ins Gespräch, der sich kurz darauf als Komponist vorstellt. Die Unterhaltung kommt schnell in Fahrt, weil der Industrielle musikinteressiert ist. Die Unterhaltung führt schließlich zu der als Frage formulierten Empfehlung des Präsidenten, eine ‚Komische Oper‘ zu schreiben. Mit dieser Idee kann sich jedoch der Komponist nicht anfreunden; er behauptet, ein solches Bühnenwerk sei nicht mehr zeitgemäß, zumal es auch keine guten Librettisten mehr gebe. Der Präsident argumentiert gegen diesen Pessimismus mit dem altersweisen ‚Falstaff‘ von Verdi an, kann aber auch damit sein Gegenüber nicht überzeugen. Nach kurzem Schweigen kommt die Unterhaltung von der Musik weg auf den normalen Alltag der beiden ungleichen Männer - und befindet sich plötzlich doch wieder beim Thema Musik: Der Präsident stellt die Frage in den Raum, ob nicht sein oft chaotischer Tagesablauf ein Sujet für eine komische Oper sein könnte. Der Komponist horcht auf…

EINZIGER AKT

Der Präsident hat mit dem Inhaber eines wichtigen, global agierenden Konzerns, einem gewissen Herrn Moneymaker, ein Treffen vereinbart, bei dem ein Vertrag geschlossen werden soll, der für beide Firmen Synergie-Effekte zum Inhalt hat (natürlich geht es auch um Arbeitsplätze, doch dieses Thema ist nicht vorn auf der Agenda). Dazu wird Mr. Moneymaker mit seiner Frau als Gast des Präsidenten in dessen Villa sein. Dort werden sie dann auch ihre Tochter Melody wiedersehen, die sich beim Präsidenten aufhält, um Deutsch zu lernen.

Nun haben aber Mr. Moneymaker und seine Frau beschlossen, ihre Urlaubsreise vorzeitig zu beenden und werden deshalb wesentlich früher in der Präsidenten-Villa eintreffen. Das bringt jedoch Gastgeber nicht aus der Fassung, wohl aber Melody, als sie davon erfährt. Sie hat jetzt zwei gewaltige Probleme zu lösen: Zum einen hat sie sich in den Fahrradboten Josef Powolny verliebt, den, das weiß sie genau, ihre Eltern ganz gewiss nicht akzeptieren werden, weil er nicht standesgemäß ist, außerdem arm, und auch noch jede Gelegenheit nutzt, sein revolutionäres Gedankengut zu verbreiten. Das lässt sich allerdings durch eine ‚intensive Schulung‘ beheben, meint Melody; viel problematischer ist aber, dass ihr geliebter ‚Pepi‘ sie geschwängert hat. Da muss ‚Onkel Präsident‘ ran und aus Pepi einen standes-gemäßen Bräutigam machen.

Und der Präsident kümmert sich; schließlich darf der geplante Vertragsabschluss zwischen ihm und Moneymaker nicht auf der Strecke bleiben. Und er setzt alle finanziellen und personellen Ressourcen ein, damit der sympathisch-naive Fahrradbote in einem Crashkurs zu einem von den Moneymakers akzeptierter Schwiegersohn wird. Pepi lernt auch tatsächlich schnell das Kuschen und Anpassen, lernt, wie man von unten nach oben tritt, um sich in die günstigere Position zu bringen. Aber nicht nur das: ‚Onkel Präsident‘ feuert kurzerhand den Generalbevollmächtigten seines Stahlimperiums und setzt Pepi an dessen Stelle. Ein etwas unterbelichteter Graf, der von Schrullenhuf-Wullersdorf, adoptiert Pepi, der außerdem noch zum Senator ernannt wird. Als nunmehr adliger Senator soll er dann mit seiner Melody in das eleganteste Hotel von St. Moritz reisen. Und diese Wandlung vom Fahrradboten zum General-bevollmächtigten eines Stahlunternehmens, vom revolutionären Sprücheklopfer zum Adelsspross, darf man getrost als gelungen bezeichnen. Die Prozedur kennen die Moneymakers natürlich nicht, aber sie sind begeistert - vor allen Dingen Mummy Moneymaker ist reineweg aus dem Häuschen über diesen Schwiegersohn und umarmt ihn (und Melody) voller Glücksgefühle.

Epilog

Der Präsident ist mal wieder in Seefeld, sitzt mit dem Komponisten auf der uns bekannten Parkbank und unterhalten sich über Gott und die Welt, und natürlich auch über die Musik. Dabei kommen beide zu dem Schluss, dass an dem Stück noch vieles zu ändern wäre, nicht nur handlungsmäßig. Und Verdis ‚Falstaff’ ist ja doch nicht zu übertreffen…


INFORMATIONEN ZUM WERK

Eigentlich wollte Friedrich Cerha nach dem ‚Riesen vom Steinfeld‘ (2002 uraufgeführt) keine Oper mehr schreiben, hat sich dann jedoch zu der hier vorgestellten Farce ‚verführen‘ lassen. Von Molnárs ‚Eins, zwei, drei‘ ist aber nur das ‚Gerüst‘ geblieben, viel näher ist das Duo Peter Wolf / Friedrich Cerha an Billy Wilders Screwballkomödie ‚Eins, zwei drei‘ von 1961 angelehnt (mit u.a. James Cagney, Horst Buchholz, Pamela Tiffin, Lieselotte Pulver, Hanns Lothar, Hubert von Meyerinck, Ralf Wolter, Karl Lieffen, Friedrich Hollaender, u.v.a).

Nachfolgend verschiedene Rezensionen nach der Premiere:

Wer sich irgendwie an Billy Wilders Film ‚One, two, three‘, erinnert, liegt nicht falsch. Wer eher an Ferenc Molnárs ‚Eins, zwei drei‘ denkt, auch nicht. Die Autoren Wolf und Cerha haben einen unterhaltsamen Einakter (mit Vor- und Nachspiel) gebastelt, der manchmal Klamauk, manchmal tiefgründigen Humor bietet. (Oper in Wien)

Wer sagt denn, dass zeitgenössische Oper sperrig, spröde, kopflastig oder konstruiert sein muss? Mit seinem neuem Werk ‚Onkel Präsident‘ beweist Friedrich Cerha nämlich das absolute Gegenteil. So federleicht, klug, lustig, tiefsinnig, (selbst-)ironisch und voller Zitate ist diese ‚musikalische Farce in einem Vorspiel, einem Akt und Epilog‘, dass es eine Freude ist. Oper heute, hörbar, hintersinnig - das ist möglich. (Kurier)

Die Musik Cerhas ist durchwegs tonal und von Bläsern und Schlagzeug dominiert. Wirklich lyrische Passagen gibt es sehr wenige, am interessantesten ist wahrscheinlich das Zwischenspiel zum Epilog. Dazwischen gibt es immer wieder Brüche in Form von Dialogen mit dem Dirigenten, wobei z.B. einmal der Fahrradbote reklamiert, endlich seine Arie zu singen und ein anderes Mal der Präsident den Dirigenten mahnt, zu laut zu sein. Die Gesangspassagen sind natürlich über weite Strecken rezitativisch, aber es gibt auch zahlreiche ariose Stellen. (Onlinemerker, Wien)

Friedrich Cerha hat einst das Wienerlied quasi neu erfunden und deftige, komplexe Musik im Stil der Zweiten Wiener Schule geschrieben. ‚Onkel Präsident‘ ist hörbar ein altersmildes Spätwerk geworden. Nach dem Baukastenprinzip addiert Cerha raue Klangflächen, zirpend-schmirgelnde Einzelfiguren, luftig heitere Operettenfarben und manchmal auch frostige Passagen, wo die Musik gleichsam einfriert. Wirkliche Höhepunkte sind rar gesät, aber zumindest stimmt meist das Timing. (Deutschlandfunk)


© Manfred Rückert für den Tamino-Opernführer 2018
unter Hinzuziehung des digitalen Opernführers von Heinz Wagner,
sowie Zusammenfassungen von Premierenberichten aus 2013/14 (onlinemerker Wien, Wiener Zeitung, NZZ, Der Standard, Die Presse, Deutschlandfunkkultur, Ernst-von-Siemens-Stiftung; KlassikInfo)
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