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William B.A.

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Beiträge: 17 103

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

181

Dienstag, 24. Juli 2018, 15:01

Alfred Brendel, 14. 12. 2008, Hannover, live

Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21 B-dur D.960
Alfred Brendel, Klavier,


Alfred Brendel hier bei seinem letzten Londoner Recital am 27. 6. 2008
Instrument: Steinway
AD: 14. 12. 2008, Hannover, Großer Sendesaal, live
Spielzeiten: 15:07 (20:04) - 9:03 - 4:05 - 8:49 --- 37:04 (42:01) min; (wären es etwa mit Wiederholung der Exposition im Kopfsatz gewesen.

Kommen wir nun zur letzten Aufnahme Alfred Brendels von der großen B-dur-Sonate, der fünften, womit er genauso viele Aufnahmen vorgelegt hat wie sein Freund Paul Badura-Skoda und Swjatoslaw Richter, wenn mich meine Unterlagen nicht trügen. Von Lazar Berman liegen mir drei Aufnahmen vor, ebenso wie von Valery Afanassjew, aber von Berman gibt es noch eine vierte, die sich jedoch nicht in meinem Bestand befindet.
Die hier vorliegende fünfte Aufnahme Brendels ist nach meiner Kenntnis die letzte Aufnahme des letzten Konzertes, das er überhaupt in Deutschland aufgeführt hat. Eines der letzten habe ich am Allerheiligentag 2008 live in Berlin miterlebt, wo er mit den BPh und Sir Simon Rattle das c-moll-Konzert von Mozart aufgeführt hat. Und die B-dur-Sonate habe ich auf seiner Abschiedstournee in Köln und in Flensburg live erlebt. Sie ist überhaupt die Sonate, die ich in meinem Leben am häufigsten live erlebt habe, außer mit Brendel auch mit Buchbinder, Volodos, Schiff, Mauser, Endres, Andsnes, Uchida, Leonskaja und Goode, wenn ich keinen vergessen habe.
Und ich werde sie in der diesjährigen Festival-Saison nochmal erleben mit Sir Andras Schiff, der zusammen mit Denis Varjon vom 7. bis 9. September auf dem Bonner Beethovenfest die späten Schubert-Sonaten D. 958 - 960 und Beethoven-sonaten op. 101 bis op. 111 aufführen wird.
Dieses Projekt wird dann zufällig noch um einen Tag verlängert durch Maurizio Pollini, der am 10. September in Köln die Hammerklaviersonate von Beethoven, zusammen mit dessen Pathétique und Schönbergs op. 11 und op. 19 gibt.

Alfred Brendel beginnt sein letztes Konzert in Deutschland mit einem bestens gestimmten Instrument, das einen sonoren, klaren Klang besitzt und den Tiefbass im ersten Triller Takt 8 sehr dunkel wiedergibt. Im Tempo schein er mir keinesfalls langsamer als in seiner Londoner Aufnahme von 1997. In der Themenwiederholung bringt er in Takt 13 bis 15 eine moderate dynamische Kontrastbewegung ein, die mich in ihrer Selbstverständlichkeit tief berührt.
Im dritten Thementeil (Takt 20 bis 35), in dem die "innere Beschleunigung" stattfindet, die er sehr schön ausführt, verfällt er wiederum nicht auf den Fehler, sich auch zu einem vorschnellen Crescendo hinreißen zu lassen, wie ich es schon verschiedentlich gehört habe. Erst in Takt 34 und 35 spielt er ein mitreißendes Crescendo.
Auch das Crescendo im Übergang zum Seitenthema ist kurz und knackig, aber nicht überbordend.
Im Fis-moll-Seitenthema spielt er ein wundervolles Legato, verbunden mit fließenden dynamischen Bewegungen, die sich dann im dritten Thema (ab Takt 70, wieder in B-dur) organisch mit der Achteltriolen-Sequenz im raschen rhythmischen Wechsel zwischen Staccato- und kurzen Legato-Figuren verbinden und diese durchmessen, dabei auch die Oktaven wechselnd- wunderbar!
Mehr als mancher Andere führt er im letzten Teil dieses Abschnitts die stockenden Pausen, Takt 94, 95, 96, 97, hin zur Schlussgruppe, aus. Auch das gefällt mir ausnehmend.
In der wunderbaren Schlussgruppe behält er den temporal etwas reduzierten Bogen bei, lässt gar noch etwas nach und führt auch die nunmehr gestiegenen dynamischen Kontraste partiturgetreu aus.
Ich habe mir vorgenommen, da er bis hierhin den Kopfsatz so überragend gespielt hat, es nicht zu beachten, dass er auch im letzten Konzert die Exposition nicht wiederholt.
Das Übergangsritardando, zur Durchführung hin, ist traumhaft.
In der Durchführung spielt er mit klarem Klang, mit Vorwärtsdrang und mit sehr klar hervortretenden wechselnden Achtelintervallen in der Begleitung sowie aufmerksam gestalteten dynamischen Bewegungen.
Sehr berührend sind auch, hier ab Takt 131, die Achteltriolen im Wechsel von Stakkato und Legato in anmutigen Bewegungen und schönen dynamischen Figuren, auch in der Rückkehr zum B-dur ab Takt 146, obwohl nun die störenden klopfenden Achtel im Bass auftreten, die Brendel nach anfänglich prägnantem Anschlag stark zurückfährt, aber sie sind immer noch schwach zu vernehmen- grandios!
Als sie jedoch in Takt 159ff. die Oktave wechseln in den Diskant und musikalisch dichter und dissonant werden, lässt Brendel sie immer stärker hervortreten, vor allem im Bass, wodurch die bedrohliche Struktur noch überzeugender gerät in einem fesselnden Crescendo, und im anschließenden Abschnitt ab Takt 173 in den Quint-Sext-Akkordwechseln lässt Brendel die dynamischen kurven wellenförmig verlaufen, und im letzten Abschnitt, als die Basstriller wieder auftauchen (ab Takt 186, nehmen sie auch hier prägnantere Gestalt an. Gleichzeitig gestaltet Brendel die melodischen Bögen immer luzider, lässt sanfte Rubati einfließen und gestaltet den Übergang zur Reprise in den hohen Bögen ab Takt 204 atemberaubend, ebenso wie den anschließenden Abstieg ins Piano pianissimo (ab Takt 212).
Vor der Reprise gestaltet er dann ein ziemlich lange Pausenfermate. Und seine Reprise klingt dann in der Tat auch anders als die Exposition, abgeklärter, voll innerer Ruhe- wunderbar das Ende des Themas in Takt 222 und der anschließende Triller in "ppp". Das ist m. E. unübertrefflich. Mir fällt da spontan das Bild ein, als wenn der "Wanderer" in diesem Moment ein Tor durchschritten hat in eine andere, bessere Dimension.
Der dritte Teil des Themas mit den Variierungen scheint noch heller, noch positiver, und am Ende dieser Variationen lässt Brendel dann das gloriose Crescendo stärker hervortreten als in der Exposition. Auch die nächste Steigerung, am Übergang zum fis-moll-Seitenthema, empfinde ich als stärker.
Das Seitenthema selbst, obzwar in moll, wirkt m. E. luzider, herrlich, wie Brendel die Sequenz mit den Achteltriolen gestaltet, wie eine schier endlose Kette glitzernder Perlen in den Figuren im Diskant. Dann auch in der Schlussgruppe: Ruhe und Gelassenheit, Entschleunigung. Alleine die beiden Achtelakkorde am Ende von Takt 320 sind zum Niederknien. und Selbst der kraftvolle ff-Doppelakkord in Takt 324 scheint ein Ausdruck schierer Freude. Und dann wieder mit dem Decrescendo ab dem Fortepiano in Takt 332 wieder die Rubati und schließlich die Wundercoda- das alles macht mich schier fassungslos.
Bis jetzt kann man m. E. sagen: sein letzter Schubert, seine letzte B-dur-Aufnahme, war seine beste.

Im Andante ist Alfred Brendel ähnlich im Tempo unterwegs wie in seiner 11 Jahre zuvor entstanden Londoner Aufnahme. Die mittlere Begleitnote (Zweiunddreißigstel) hebt er nun nicht mehr so stark hervor. Ansonsten scheint mir der Beginn dynamisch geringfügig auf einem höheren Niveau zu liegen, di dynamischen Verläufe aber nach wie vor partiturgetzreu auszufallen und das Thema in einer organischen Steigerung auszulaufen (Takt 9 bis 12). Im Ausdruck ist er ähnlich wie 1997.
Die kurze Dur-Auflösung (Takt 13 bis 17) ist wieder sehr anrührend in ihrer Einfachheit und Klarheit und dadurch musikalisch von großer Tiefe. Dies gilt auch für die Wiederholung des Themas und die nächsten dynmischen Bewegungen einschließlich der zweiten Steigerung (ab Takt 26). Wunderbar auch erneut sein Herabsinken in das "ppp" ab Takt 38, hin zu dem himmlischen Seitenthema in A-dur.
Dieses Seitenthema spielt er in der Tat wieder himmlisch, mit leichter innerer Beschleunigung, etwas betonteren dynamischen Wendungen und einem ergreifenden Klang, auch in der Oktavierung nach oben in der Wiederholung ab Takt 51 mit den Sechzehntel-Quintolen in der Altlage- welch ein erhebender Gesang!
Auch die Rückkehr zum Bass, ab Takt 59, nun auch mit Staccato- und Portato-Einsprengseln, und schließlich die dynamischen Akzentuierung und die Steigerung am Ende dieses Abschnitts spielt er grandios. Auch der letzte Abschnitt, wiederum mit den Sechzehntelquintolen im Diskant und den wechselnden Intervallen im Bass in sanft wiegenden dynamischen Bewegungen bleiben auf diesem sehr hohen Ausdrucksniveau und er schließt das Seitenthema mit einem ausreichend langen Generalpausentakt (Takt 89).
Die dann im reprisenförmigen Teil wiedereintretende Trauer verstärkt Brendel auch in dieser letzten Aufnahme mit prägnanten klopfenden Sechzehntelfiguren in der Begleitung, wobei aber Eines noch zu bemerken ist: die dynamische Spannweite vergrößert er wiederum von einem tiefer liegenden Ausgangspunkt her, nicht in Richtung eines dynamisch höher liegenden Endpunktes. So tritt auch die kurze Phrse mit der Durauflösung wieder hervor, hier Takt 113 bis 116.
So taucht er auch am Ende dieses Übergangs in die wundersame "ppp" -Coda ein, die er, ein letztes Mal, herausragend spielt.

Vielleicht sollte das Scherzo diesmal überschrieben sein mit "Allegro molto vivace con grande delicatezza", so rhythmisch prägnant, mozartinisch leicht und lustvoll spielt er es. Größer könnte ein stimmungsmäßiger Kontrast zwischen den beiden Mittelsätzen kaum sein, als er hier in seiner letztgültigen Aussage zur B-dur-Sonate.
Auch das b-moll-Trio ist bei ihm wieder ein gehöriger Kontrast zum Scherzo. Wie sagt er so schön selbst dazu:

Zitat

Alfred Brendel: Im Scherzo flattert ein schwereloser Luftgeist, dem der etwas mürrische Erdgeist des Trios widerspricht".

Das hört man, das Mürrische z. B. deutlich in den Forzando-Piano-Synkopen. Mancher andere Pianist hat das nicht so betont.
Natürlich spielt Alfred Brendel auch das Scherzo da capo und die 4 Codatakte.

Im Finale lässt es Alfred Brendel, z. B. im Vergleich zu Swjatoslaw Richter, dem dritten mit fünf Einspielungen dieser Sonate, wie wir noch sehen (und hören) werden, vergleichsweise ruhig angehen, natürlich nur, was das Tempo angeht.
Und so spielt er den Expositionsabschnitt, ganz wie es die Partitur verlangt: "allegro, ma non troppo". Die rhythmischen Kontraste, die sich teilweise in kürzesten Abständen ändern, arbeitet er sehr sorgfältig heraus, so dass der Satz auch ohne vordergründig hohes Tempo ausreichend Schwung gewinnt.
Im beseligenden Seitensatz (ab Takt 85) fährt er gar das Tempo noch etwas zurück, wodurch die sangliche Tiefe dieser Sequenz noch zunimmt. Und nebenbei legt er so die Struktur auch noch mehr offen, was der Wirkung der vielen Synkopen-Achteln in der Begleitung nur gut tut.
Im ersten, dramatisch daher kommenden durchführungsartigen Abschnitt (ab Takt 156) tritt dann das ein, was er im Beiheft so beschreibt:

Zitat

Alfred Brendel: Dieses Finale zeigt eine Fröhlichkeit, die nicht mehr unschuldig ist wie jene des Forellenquintetts und nicht zähneknirschend wie der Ausklang des Streichquintetts. Ihr Bereich liegt irgenwo zwischen Jean Paul-schem Humor und dem Wiener Diktum, die Lage sei hoffnungslos, aber nicht ernst.

Und so setzt er die beiden Teile dieses Abschnitts, den ersten mehr dramatisch-rhythmisch scharfen (Takt 156 bis 184) und hochdynamischen, sowie den zweiten mehr lyrisch fließenden mit Achteltriolen begleiteten (Takt 185 bis 223) auch sehr deutlich voneinander ab.
Und der nächste Abschnitt, der fast reprisenförmig (mit dem G-Akkord) beginnt, aber dann doch wie eine "durchführungsartige Fortsetzung mit anderen (musikalischen) Mitteln" anmutet, bestätigt dies noch, und das ist nicht zum letzten Mal so, denn hier geht es ja über 50 Takte so hochdramatisch weiter, bevor das Decrescendo ab Takt 298 wieder zum Durchatmen einlädt, und hier spielt der die Sechzehnteltonleitern in dem ellenlangen Decrescendo atemberaubend, bis dann in Takt 312 der wirklich reprisenförmige Abschnitt anhebt. Und die hier auftauchenden dynamischen Bewegungen sind wieder von größerer Zurückhaltung geprägt, was Brendel wundervoll zum Ausdruck bringt und nahtlos in das lyrische Seitenthema einfließen lässt. Wie beseligend erklingen doch die sanften Thementeile im Tiefbass (ab Takt 396 bis 404).
Dann spielt Brendel ein letzes Mal die zweiteilige durchführungsartige Sequenz, aber mit etwas reduziertem dynamischen Aplomb, und im zweiten Abschnitt ab Takt 459 singt der Flügel wieder, begleitet von den sanft wiegenden Achteltriolen, bevor ein letztes Mal die G-Akkorde ertönen, in Takt 490/491, 496/ 497 und 502/503, jeweils dynamisch weiter reduziert und er auch retardiert, bis ein letztes Mal die großartige Presto-Coda ertönt, jedenfalls in einem Brendelkonzert.
Nach diesem Konzert brach in Hannover spontaner Jubel aus wie auch bei den beiden Konzerten, die ich im Mai und im Juli 2008 live miterleben durfte.

Diese letzte Brendel-Aufnahme möchte ich dann doch den Referenzen zurechnen.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Dr. Holger Kaletha

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182

Donnerstag, 26. Juli 2018, 07:44

Lieber Willi,

wieder einmal ist Deine Beschreibung wunderbar zu lesen! :) Aus welchem Brendel-Buch stammen denn die Zitate? Das muss ich mir doch endlich auch besorgen. Das wäre eine gute Ferienlektüre. Den Rubinstein habe ich ja durch! :hello:

Schon jetzt ist es so heiß, dass es kaum auszuhalten ist!

Liebe Grüße
Holger

William B.A.

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183

Donnerstag, 26. Juli 2018, 08:58

Lieber Holger,

diese Zitate stammen aus dem Booklettext dieser letzten Aufnahme. Sie sind nicht aus seinem Buch "Über Musik".

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

William B.A.

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184

Mittwoch, 15. August 2018, 20:10

Rudolf Buchbinder, Wien, Musikverein, 27. 9. 2012

Franz Schubert; Klaviersonate Nr. 21 B-dur D.960
Rudolf Buchbinder, Klavier


Rudolf Buchbinder 2012
Instrument: Steinway
AD: Wien, Musikverein, 27. 9. 2012
Spielzeiten: 20:21 - 9:09 - 4:07 - 7:57 --- 41:34 min.;

Schade, dass Buchbinders 30 Jahre alte erste Aufnahme nicht mehr zu haben ist, denn da hat er noch ganz andere Zeitvorstellungen. Und wie ich bei den Beethoven-sonaten erlebt habe, sind die früheren Aufnahmen fast durchweg den späteren vorzuziehen.Sollte jemand diese Aufgabe zu Hause haben und mir die Dateien per WeTransfer zuschicken können, so wäre ich sehr dankbar dafür. Alfred würde sicher meine Email-Adresse weitergeben:

Hier in dieser 25 Jahre jüngeren Aufnahme spielt er erheblich schneller, etwa im gleichen Tempo wie Alfred Brendel in seiner letzten Aufnahme von 2008, und, wie ich finde, zumindest im Hauptthema, Teil I und II, in einem berückenden Pianissimo.
Auch spielt er sehr transparent, und die verschiedenen Stimmen sind sehr gut zu verfolgen. Vielleicht beginnt er am Ende des dritten Teils ein wenig zu früh mit dem Crescendo, das ist jedoch noch tolerabel und das Crescendo wirklich bemerkenswert. Allerdings könnten die dynamischen Akzente in Takt 40 und 42 deutlicher ausfallen . Das anschließende Decrescendo (Takt 45) ist wieder sehr schön und leitet in ein deutliches zweites Crescendo, hin zum Fortissimo in Takt 46, am Übergang zum Seitenthema in fis-moll.
Das Seitenthema selbst gefällt mir über die Maßen. Hier trifft er die dynamischen Akzente, Steigerungen und Decrescendi sehr partiturgetreu, und der Bogen zu Beginn der Rückkehr in das B-dur (Takt 70ff9 ist sehr strahlend angelegt und dann wunderbar zurückgenommen.
Auch der letzte Teil der Exposition, die Sequenz mit den Staccato-Achteltriolen, wechselnd mit den kurzen Bögen (ab Takt 79), ist großartig gespielt, und hier passt auch das unmerklich gesteigerte Tempo sehr gut hin. Die sanften dynamischen Bewegungen bindet er sehr gut in den Ablauf ein.
Die Schlussgruppe spielt er dynamisch außergewöhnlich kontrastreich, ja geradezu grandios. Auch spielt er hier das reduzierte Tempo sehr schön kontrastierend zur vorhergehenden Staccato-non Legato-Sequenz.
Vollends begeistert mich die Überganssequenz. Ich glaube, dass mich noch kein ffz-Basstriller so erschüttert hat wie derjenige Buchbinders hier und heute( (Takt 124a/125a auf der Eins)- überragend. Und wiederum frage ich mich, warum Brendel sich stets vehement geweigert hat das zu spielen. Seine Begründung, die ich weiter oben in den entsprechenden Rezensionen abgedruckt habe, hat mich keineswegs überzeugt, sondern mich haben die Begründungen mehrerer Pianisten überzeugt, warum sie sie spielen. Mit Gerhard Oppitz habe ich ja persönlich darüber diskutiert, und mehrere andere Pianisten haben sich ja dazu in den Booklets ihrer Aufnahmen geäußert.
Jedenfalls bin ich froh und dankbar, dass ich hier eine weitere überzeugende Exposition noch einmal wiederholt hören kann, nach einer ausreichend langen Generalpause.
Bei der Wiederholung der Exposition hat sich Rudolf Buchbinder m. E. in den letzten sechs Takten vor dem eigentlichen Crescendo in Takt 34 zu sehr vom eigenen Schwung mitreißen lassen und das Crescendo zu früh begonnen. So musste er natürlich im eigentlichen Decrescendo noch mehr steigern und war statt des Fortespitze mühelos im Fortissimo angelangt. Das klingt zwar auch großartig, ist aber so nicht(ganz) korrekt.
Die weitere Wiederholung der Exposition war, wie ich finde, durchaus überzeugend.
Den Übergang zur Durchführung spielt er im Ritartando sehr berührend. Den Beginn der cis-moll-Durchführung spielt er in still-traurigem Duktus, und in der Achteltriolen-Sequenz hellt er das Geschehen wieder etwas auf, desgleichen in der Rückkehr zum B-dur im zweiten Teil (ab Takt 146).
Dass aber das Geschehen nach wie vor brüchig ist, demonstriert auch er durch die klopfenden, insistierenden Achtel, zumal in dem sich dann anschließenden zunehmend dissonanten und musikalisch dichter werdenden Abschnitt ab Takt 159, einhergehend mit der grandiosen Steigerung ab Takt 163, und danach in den ebenfalls in die obere Oktave verlegten wechselnden Quint- und Sextakkorden, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig lassen und ab Takt 186 noch durch die zurückgekehrten Basstriller verstärkt werden, wobei das Thema, hier jetzt in der hohen Oktave, durch die Quint- oder auch Sextakkorde jeweils unterbrochen wird.
Erst mit Auftreten der von Buchbinder sehr schön prägnant gespielten Fortepiano-Akkorde in Takt 203 wird eine Änderung deutlich, an die sich der herrliche Bogen mit den absteigenden Staccatoachteln (ab Takt 204 und 209 anschließt und die nahe Reprise ankündigt. Auch diesen Übergang spielt Buchbinder grandios und schließt eine deutlich Pausenfermate an, nach der das Thema in beseligendem Lichte aufscheint, wie ich finde. Wunderbar auch, wie er nach dem ersten Achttakter den anschließenden Basstriller ins Piano Pianissimo absinken lässt.
Doch auch hier meine ich, wie er im dritten Teil zu früh steigert, nicht erst ab Takt 253.
Das Seitenthema spielt er wieder herausragend, auch die Staccato-Nonlegato-Sequenz mit den Achteltriolen, wobei er auch hier wieder die dynamischen Bewegungen sehr sorgfältig nachzeichnet und auch die rhythmischen Brüche mit den Achtel- und Viertelpausen präzisen einflicht.
Auch die Schlussgruppe spielt er abermals großartig. mit den gebrochenen Akkorden am Ende jeder Phrase (Takt 322, 323, 324).
Dann schließt er die wundersame kurze Coda (ab Takt 345) in sehr anrührendem Spiel mit einem kurzen Morendo an.
Ein grandios gespielter Kopfsatz mit kleineren Irritation dynamischer Art.

Das Andante sostenuto beginnt er, wie ich finde, in einem durchaus traurigen Ausdruck in schönem Pianissimo im Teil A in cis-moll und beendet diesen ersten Thementeil mit einer veritablen terrassendynamischen Steigerung, der er eine überragend gespielte Durauflösung nach E-dur in den Takten 13 bis 17 anschließt. Auch die Phrase danach (ab Takt 18) packt mich regelrecht, und im Takt 25 geht er sogar noch unter das verlangte Piano, spielt ein pp mit höchstem Ausdruck, direkt vor der Steigerung ( ab Takt 27 mit Auftakt). Danach entfaltet er einen ausdrucksmäßig erschütternden Abstieg ins Piano Pianissimo, kurz vor dem Übergang zum himmlischen Seitenthema- grandios!
Das Seitenthema spielt er in einem sehr ergreifenden Choral, und steigert es noch dadurch im Ausdruck, wie ich finde, wie einfach und natürlich er es spielt. Das ergreift mich wieder, und ich glaube, es hätte Schubert auch ergriffen.
Wunderbar spielt er auch die große Steigerung ab Takt 71 und führt sie in Takt 74 wieder ebenso bemerkenswert zurück. Dann schließt er das berückende Thema, nun im Diskant, unterlegt ebenfalls im Diskant mit Sechzehntelsextolen, in berührendem Spiel an, wobei er das Thema langsam im Morendo auslaufen lässt und eine signifikante Pausenfermate anschließt (Takt 89).
Beim Wiedereinsetzen des cis-moll-Hauptthemas stellt auch Rudolf Buchbinder die durchlaufenden klopfenden Sechzehntelakkorde im Bass deutlich heraus und spielt gleich die erste Steigerung kraftvoll zum Forte hin, um dem dann direkt die sehr berührend gespielte Durauflösung (hier Takt 103 bis 106) kontrastierend gegenüberzustellen. und dann in der Themenwiederholung ein letztes Mal di Steigerung zu spielen hin zur Coda, die dann nach der nun formal geänderten Sechzehntelfigur in Takt 122 erreicht ist und lässt die zu Herzen gehende Coda in unsere Herzen strömen- nach einem solchen teilweise sehr traurigen Thema, auch Ausdruck des persönlichen Schicksals des Komponisten, ein solch beseligendes Ende des Satzes zu finden, das vermag (fast) nur Schubert, und Rudolf Buchbinder hat das hier kongenial umgesetzt! Hier ist Buchbinder geringfügig langsamer als Brendel.
Eine ohne Einschränkungen grandiose Interpretation.

Im Scherzo ist Buchbinder auch in etwa zeitgleich mit Brendel. Er spielt das Scherzo in zutreffendem Pianissimo von Beginn an mit dennoch gut vernehmbaren dynamischen Bewegungen, ausgehend von der niedrigen Grundlautstärke und mit wenigen, durchaus sinnvollen Rubati, die m. E. auch eine gewisse Unruhe symbolisieren, die in diesem vordergründig fröhlichen Satz steckt.
Auch die stärkeren dynamischen Verläufe bildet Buchbinder sorgfältig ab.
Im Trio hebt Buchbinder die Synkopen stärker als mancher andere hervor, wodurch die diesem Satz innewohnende Unruhe m. E. nochmal verstärkt dargestellt wird. Auch Buchbinder spielt danach das Scherzo da capo und anschließend die vier kurzen Codatakte.
Ebenfalls großartig gespielt!

Im Finale ist Buchbinder dann deutlich schneller als Brendel. Die einleitenden G-Akkorde spielt er schön im subito piano, und hier und da an den Phrasenenden tauchen wieder diese kleinen Rubati auf, was bei diesem höheren Tempo noch stärker wirkt.
Ebenso fließt der rhythmisch in der oberen Oktave durchgehend im Legato befindliche Seitensatz mit gelegentlichen Temposchwankungen an uns vorüber. Passend zum höheren Tempo sind auch die beiden von ihm gestalteten Generalpausentakt 154/155 sehr kurz, vor allem, wenn man ihn mit Afanassjew vergleicht.
Auch der erste durchführungsartige Abschnitt ab Takt 156 wirkt in dem höheren Tempo dramatischer und fast gehetzt, wobei mit dem Decrescendo ab Takt 184 auch ein kleines Ritardando einhergeht, das den zweiten Teil dieses Abschnitts, den weniger dramatischen, eher lyrisch fließenden einleitet und von den auch in diesem Tempo dank Buchbinders sehr transparenten und präzisen Spiels noch gut vernehmbaren Achteltriolen in der Begleitung kontrastiert wird.
Den nächsten abschnitt, der zwar mit dem Originalthema wieder beginnt, aber ansonsten kaum reprisenförmige Züge aufweist, sondern eher einer Fortsetzung des durchführungsartigen Procederes ähnelt, spielt Buchbinder mit dem notwendigen dramatischen Anstrich, auch hier ab Takt 265 die Achteltriolen klar hervorhebend, und nimmt ab Takt 270 mit Auftakt die dramatische Aktion wieder auf, die sich auch in den Sechzehnteltonleitern ab Takt 292 noch fortsetzt, bevor er hier im Decrescendo ab 298 kontinuierlich zurücknimmt und im Takt 312 den richtigen reprisenförmigen Abschnitt aufnimmt, wieder mit einem vorbildlich gespielten G-Akkord. Auch hier ist wieder sein dynamisch sehr aufmerksames Spiel zu loben, ebenfalls im Seitensatz (ab Takt 358), in em auch noch mal Buchbinders aufmerksames und präzises Synkopieren in der Begleitung zu loben ist.
Ein letztes Mal taucht in Takt 430 wieder das von Buchbinder auch stark gespielt durchführende Element auf, zuerst im Nonlegato, dann ab Takt 458 im Legato. Diesen ganzen Abschnitt spielt er wunderbar im Pianissimo, bevor ein letztes Mal mit dem G-Akkord in Takt 491 mit Auftakt das Thema auftaucht, das er auch in den beiden Wiederholung vorbildlich zurücknimmt und in Takt 513 mit Auftakt ein rasantes Presto spielt.
Vom Tempo her gefiel mir eigentlich Brendels Intention mehr, allerdings ist vom Binnenverhältnis der einzelnen Sätze auch gegen Buchbinders schneller Lesart nicht allzu viel einzuwenden.

Insgesamt eine Interpretation, die ich ohne die dynamischen Irritationen im Kopfsatz sicherlich in der Nähe der Referenzen eingeordnet hätte.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

William B.A.

Erleuchteter

  • »William B.A.« ist männlich
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Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

185

Freitag, 24. August 2018, 14:52

Fabrizio Chiovetta, La Chaux-de-Fonds, Schweiz, 27. - 29. 4. 2011

Franz Schubert, Klaviersonate Nr. 21 B-dur D.960
Fabrizio Chiovetta, Klavier


Instrument: Steinway
AD: La Chaux-de-Fonds, Schweiz, 27.-29. 4. 2011
Spielzeiten: 20:35 - 10:14 - 4:01 - 8:22 --- 43:12 min.;

Fabrizio Chiovetta wurde in Genf geboren und studierte bei Dominique Weber, Paul Badura-Skoda und John Perry. Neben seiner Karriere als Solist ist er ein sehr gefragter Kammermusikpartner und Liedbegleiter. Er ist außerdem ein wunderbarer Improvisator und arbeitet mit Künstlern verschiedener musikalischer Ausrichtungen zusammen. Fabrizio Chiovetta lebt in Genf und Paris.

Fabrizio Chiovetta schlägt von Beginn an einen warmen, doch sehr transparenten Ton an, in dem das teilweise dichte, bis zu sechsstimmige Thema (Takt 16 + 18) sehr gut zu unterscheiden ist. Dabei überzeugt er auch dynamisch in einem durchgehenden Pianissimo mit viel Körper im Klang.
Auch im dritten Teil des Themas (Takt 20 bis 35) bleibt er bis einschl. Takt 33 konsequent im Pianissimo wobei er moderat ab Takt 25 (1/8 - 1/16) und Takt 29 (1/16 - 1/16) innerlich beschleunigt. und in Takt 34/35 spielt er dann eine mitreißende Steigerung.
Im Tempo ist er etwas langsamer als Rudolf Buchbinder und noch deutlich langsamer als Alfred Brendel und ebenfalls signifikant langsamer als sein Lehrer Paul Badura-Skoda, und letztere Beiden haben ja insgesamt 10 verschiedene Aufnahmen der B-dur-Sonate gemacht.
Am 9. September werde ich in einem großen Sonatenprojekt beim Beethovenfest in Bonn Sir Andras Schiff mit der B-dur-Sonate erleben. Er hat vor einem Vierteljahrhundert die B-dur-Sonate eingespielt, auch etwas schneller. Ich bin schon sehr gespannt darauf, welches Tempo er 2018 einschlagen wird. In einer Aufnahme aus 2015, die ich erst jetzt entdeckt habe, und die ich zu gegebener Zeit meiner Sammlung einverleiben werde, spielt er jedenfalls deutlichst schneller.
Nicht so Chiovetta, er bleibt beim einmal eingeschlagenen Tempo, spielt auch eine wunderbar sanft bewegte dynamische Linie im vierten Teil des Themas (Takt 436 bis 47, aus dem Forte kommend, in den nächsten dynamischen Bewegungen (Takt 40 bis 35 absinkend bis zum Piano und dann im Decrescendo Takt 47 mit Auftakt bis zum Fortissimo steigend- großartig!
Auch das melancholisch singende Seitenthema in fis-moll (Takt 49 bis 69)trägt er in einem berührenden Piano vor, die dynamischen Bewegungen in dem Abstand zwischen Piano und Pianissimo aber plastisch herausarbeitend.
Auch im zweiten Teil (ab Takt 70), als das Thema zum B-dur zurückkehrt, bleibt er trotz der kurz aufstrahlenden oktavierten Bögen und des kurz anziehenden Themas bei seinem im Ganzen moderaten, entspannt-spannenden Sicht auf die musikalische Entwicklung und den Fluss der Musik.
Und dieser bleibt auch wunderbar erhalten in der Sequenz mit den Staccato-Achteln ab Takt 79/80, die dann ab Takt 83 in kurze Legatobögen übergehen bis zum Takt 94, in dem zum ersten Mal eine halbe Pause auftritt ,dann in den nächsten Takten jeweils insgesamt dreimal Viertelpausen den Fluss unterbrechen bis hin zur Schlussgruppe. Chiovetta spielt das wirklich großartig.
Erst in der Schlussgruppe spielt er wieder einen maximalen dynamischen Kontrast vom Pianissimo bis zum Fortissimo. Wie in der voraufgegangenen Exposition mit ihrer abschließenden Schlussgruppe zeigt Chiovetta auch im Übergang zur Wiederholung der Exposition, dass ihm der lyrische Ausdruck lieb und teuer ist, aber auch das Dynamische, Dramatische nicht fremd ist, was vor allem in den kurzen Dynamikwechseln der Überleitung wunderbar zum Ausdruck kommt.
Die Wiederholung der Exposition spielt er genauso anrührend und dabei die Struktur so klar ausbreitend, wie er es zuvor gemacht hat.
Diese natürlichen, so einfach gespielten Aufnahmen sind mir die liebsten, weil sich alles auch dem Hörer so natürlich erschließt. Dieser Kopfsatz ist ja eigentlich über weite Strecken ein Lied ohne Worte von dem größten Liedkomponisten, den die Welt je hervorgebracht hat.
Auch das Seitenthema mit seinem melancholischen Überzug vor allem im ersten, dem fis-moll-Teil, zieht nochmal an uns vorüber, und hellt sich im B-dur-Abschnitt wieder auf, der oktavierte Bogen ab Takt 70 Nach dem Doppelstrich wirkt in Chiovettas Spiel wie ein Sonnenaufgang, und die Achteltriolensequenz wie ein anmutiger Tanz von Feen.
In der Schlussgruppe steigert er noch einmal kraftvoll, und den Ritardando-Übergang zur Durchführung spielt auch er sehr ausdrucksvoll.
Die auch bei ihm sehr traurige Durchführung lässt er wunderbar fließen, und in der Achteltriolensequenz, analog zur Sequenz aus dem Seitenthema, hellt sich das Geschehen wieder auf, gleichwohl weist es wie andere Durchführungen auch mehr dynamische Bewegung auf, und auch er spielt die in der Rückkehr zum B-dur (ab Takt 146) trotzdem angespannte Situation in den klopfenden Achtel insistierend, und gestaltet die Steigerung, die schon vorher einhergeht (ab Takt 160) mit einer zunehmend dissonanten Verdichtung des musikalischen Materials, sehr eindrücklich, wobei er die dynamischen Hebungen und Senkungen sehr präzise spielt und so eine weitere Verunsicherung im musikalischen Geschehen erreicht, und am Ende dieser Steigerung in der Tat auch im Fortissimo ausläuft.
Auch die nächste Sequenz mit den klopfenden Achteln, nunmehr wechselnd in Quint- und Sextakkorden, spielt er sehr insistierend, ebenfalls die wederkehrenden Basstriller (ab Takt 186).
Wunderbar auch der nächste Triller (Takt 192, den er im Decrescendo absenkt bis ins "ppp"- grandios! Sehr anrührend sind die folgenden hohen Bögen gespielt, aber dann hebt er die dynamische Kurve wieder an, das wirkt wie ein Erwachen, denn jetzt geht es der gegenüber der Durchführung schon beseligenden Reprise zu,, wobei er die beinahe überirdische Überleitung in einem faszinierenden Piano pianissimo-Triller auslaufen lässt und bis zum Einsetzen der Reprise eine doch deutliche Pausenfermate setzt.
Die nun einsetzende Reprise wirkt noch einmal berührender als das Thema zu Beginn der Exposition. Auch hier versinkt er zum Triller hin wieder im dreifachen "p"- großartig!
Die weitere Reprise spielt er genauso konstant im gleichen Atem wie den ganzen bisherigen Satz, lässt sich niemals vom Geschehen fortreißen, zwingt den ganzen Satz quasi unter einen einzigen Bogen, auch bei der wieder grandiosen Steigerung, hier ab Takt 253. Wunderbar wieder das lyrische Seitenthema, das so ganz natürlich aus einem berührenden cis-moll in ein leuchtend erwärmendes B-dur ganz natürlich fließend hinüberwechselt und dort und sich dort aus einem sanften Wiegen in ein
anmutiges tanzen wandelt (Staccato- und Legato-Achteltriolen). Nicht oft hat mich das Spiel eines Pianisten, den ich noch nie zuvor gehört habe, auf Anhieb so überzeugt wie in dieser Aufnahme, in diesem Satz.
Und so kann dieser Satz nur in einer herausragend gespielten stillen von innen in sanfter Farbe leuchtenden wundersamen Coda enden.

Das Cis-moll- Andante spielt Fabrizio Chiovetta im ersten Thementeil in einem berückenden Pianissimo, klar im Klang und sanft in den dynamischen Bewegungen.
Die erste Steigerung (ab Takt 10 mit Auftakt) spielt er, gegenüber den Steigerungen im Kopfsatz, vergleichsweise moderat, auch ein Zeichen dafür, dass wir es hier mit einer völlig anderen Stimmung zu tun haben, eher geprägt von trauriger Resignation.
Doch schon in der Durauflösung (Takt 13 - 16), bietet sich ein erster Hoffnungsschimmer, von Chiovetta in atemberaubenden pianissimo gespielt, doch schon in Takt 18 wieder in die alte Stimmung zurücksinkend. In der zweiten Steigerung, (ab Takt 26), gibt er etwas mehr, fährt aber gleich darauf (Takt 28) wieder zurück, der unteren Oktave entgegen und immer weiter zurückgehend, auch in der Stimmung, und in der Dynamik (ppp in Takt 38ff, als wenn das Leben langsam weicht).
Doch weit gefehlt. Denn nun erlöst uns (fürs Erste) das überirdische A-dur-Seitenthema, das er in seinem temporalen Gesamtkonzept dieses Satzes, also in ruhigem Zeitmaß, beibehält, nicht wie mancher andere, stark beschleunigend.
Das gilt auch für die oktavierte Wiederholung ab Takt 51: wie edel und klar perlen da die Sechzehntelquintolen in der Begleitung in der oberen Oktave. So setzt er die Reise durch die Variationen dieses Themas fort, in ruhigem Duktus, in Klarheit und sanfter dynamischer Bewegung.
Auch in der Themenwiederholung (ab Takt 68) mit der kurzen Durauflösung (Takt 70 bis 73) bleibt er dynamisch moderat, wie er es schon zu Beginn in den beiden Steigerungen getan hat.
Und in der Oktavierung ab Takt 76 bleibt er wiederum bei dem gewählten Tempo und lässt wiederum die Sechzehntelquintolen äußerst klar und entspannt fließen und im Diminuendo in Takt 88 langsam auslaufen. Dann gestaltet er den Generalpausentakt 89 nahezu ebenso lang wie Waleri Afanassjew.
Dann spielt er die Wiederholung von Teil A, dem Hauptthema im gleichen traurigen Ausdruck und getragenen Tempo wie zu Beginn, wobei die Stimmung durch die hinzugetretenen klopfenden Sechzehntelfiguren, auch von Chiovetta sehr exponiert gespielt, eher noch etwas gedrückter ist.
Dadurch gerät auch der Aufhellungseffekt, oder wie immer man die Dur-Auflösung, (hier in Takt 103 bis 106) bezeichnen will, noch deutlicher. Auch in der letzten Steigerung bleibt er seinem dynamischen Konzept treu und schließt mit einer atemberaubend gespielten wundersamen Coda im drei- bis vierfachen Pianobereich ab.
Ein herausragendes Andante.

Im Scherzo ist Chiovetta vergleichsweise schnell unterwegs, geringfügig schneller als Buchbinder, aber doch deutlich langsamer als Brendel. Rhythmisch und vor allem dynamisch ist das nach wie vor präzises, partiturgetreues Spiel, das in raschem Fluss voranschreitet.
Im Trio setzt er ein deutliches dynamisches Zeichen in den Forzandopiani, noch deutlicher im Forzatissimo in Takt 26, wo er auch das An-und Abschwellen deutlich herausstellt. Dann spielt er natürlich das Scherzo da capo ed infine la Coda.

Im Finale ist Chiovetta wieder zeitlich bei Brendel, also langsamer als Buchbinder. Auch hier besticht wieder von Anfang an sein rhythmisch und dynamisch präzises Spiel. Die G-Akkorde jeweils zu Phrasenbeginn lässt er signifikant abschwellen.
Das Seitenthema (ab Takt 85) ist wieder reiner Gesang, wobei der die Synkopen-Achtel im Bass sehr präzise spielt. Die beiden Generalpausentakte 154/155 am Ende des Seitensatzes hält er ausreichend lange, wenn auch hier im Vergleich zu Afanassjew nicht so lange.
Im ersten Teil des nun folgenden durchführungsartigen Abschnitt hat er wohl seine dynamische Spitze in dieser Sonate erreicht, wobei das ja gar nicht verkehrt ist, da es hier 37 Takte lang dynamisch ordentlich zur Sache geht, auch durch mehrere Oktaven. Umso größer ist der dynamische Kontrast ab Takt 184, vom rhythmischen ganz zu schweigen, denn nun lässt er es in anmutiger Weise wieder singen und fließen, wobei er auch die begleitenden Achteltriolen im Bass deutlich hervortreten lässt.
Auch im nächsten Abschnitt, der nur am Beginn das Thema vorschiebt, dann aber in bester Durchführungsmanier weiter auf hohem dynamischen Level das Thema variiert, setzt auch Chiovetta seine dynamische Gipfelbesteigung fort, ab Takt 261 wieder die Achteltriolen sehr bewegt herausstellend, bevor das Geschehen in den Sechzehnteltonleitern ab Takt 298 wieder beruhigt, hin zum reprisenförmigen Abschnitt (ab Takt 312).
Auch hier lässt er es wieder berührend singen, vor allem im Seitenthema, (hier ab Takt 359). Wunderbar auch wieder seine Achtelsynkopen, (hier ab Takt 404), und am Ende wieder die Generalpausentakte (428/429).
Dann spielt er ein letztes Mal den durchführungsartigen Abschnitt, bevor sich das Thema in der zweiten Hälfte wieder nach dem Decrescendo ab Takt 458 wieder dem lyrischen Fluss zuwendet, wobei in der Tat die leisen Achteltriolen im Bass an das Murmeln eines Gebirgsbaches erinnern- der Bach also auch in Schuberts Opus ultimum (?)
und ein letztes Mal der Hauptthemenbeginn mit den einleitenden G-Akkorden, von Mal zu Mal abschwellend, bevor auch Chiovetta die Sonate mit einer feurigen ff-Coda beschließt.
In dieser Aufnahme bleiben mir keine Fragen, und schon wird der Referenzthron breiter.

Liebe Grüße

Willi :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup: :thumbsup:
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).