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Joseph II.

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1

Sonntag, 12. Februar 2017, 17:00

Mark Reisen, einer der größten Bassisten aller Zeiten

Ungläubig musste ich feststellen, dass es tatsächlich bis jetzt keinen Thread zu Mark Reisen gibt, auch wenn er oft genannt wurde. Helfen wir dem also ab.



Mark Ossipowitsch Reisen (russ. Марк Осипович Рейзен; international meist Mark Reizen oder Reyzen), geboren am 21. Juni (jul.)/3. Juli (greg.) 1895 in Saizewo, Gouvernement Jekaterinoslaw, Russisches Kaiserreich (heutige Ukraine), gestorben am 25. November 1992 in Moskau, Russische Föderation, war ein sowjetischer bzw. ukrainischer Opernsänger und gilt als einer der größten Bassisten aller Zeiten.

Nachdem sich der Sohn eines jüdischen Minenarbeiters von seinem anfänglichen Berufswunsch, Ingenieur zu werden, abgewandt hatte, studierte er bereits während seiner Schulzeit in Charkow Gesang. 1921 erfolgte sein Debüt an der Oper Charkow als Pimen in Mussorgskis "Boris Godunow". 1925 debütierte am Staatlichen Akademischen Opern- und Balletttheater in Leningrad (heutiges Mariinski-Theater), 1928 schließlich am Bolschoi-Theater in Moskau. Seit 1930 erfolgten internationale Gastspiele nach Europa und Amerika. Bald schon wurde der auch durch sein äußerliches Erscheinungsbild imponierende Reisen zum weltweiten Star und als legitimer Nachfolger Fjodor Schaljapins angesehen. Seine Karriere hielt auch nach dem Zweiten Weltkrieg unvermindert an. Bis 1954 war er als erster Bass festes Mitglied des Bolschoi-Ensembles. Zwischen 1965 und 1970 unterrichtete er am Moskauer Konservatorium (seit 1967 als Professor). Er trat auch weiterhin sängerisch in Erscheinung und erhielt sich seine tadellos geführte, mächtige Stimme bis ins Greisenalter. Anlässlich seines 90. Geburtstages sang er im Juli 1985 noch einmal den Fürsten Gremin am Bolschoi-Theater.

Reisen hatte vier Brüder und eine Schwester, die allesamt eine musikalische Erziehung genossen. Er diente als Soldat im Ersten Weltkrieg und erhielt dreimal den Stalinpreis 1. Klasse (1941, 1949, 1951). Weitere Auszeichnungen: Leninpreis (1937, 1951, 1976), Volkskünstler der RSFSR (1933), Volkskünstler der UdSSR (1937), St.-Georgskreuz 4. und 3. Klasse, Orden des Roten Banners der Arbeit (1955), Orden der Freundschaft der Völker (1985).

Im November 1992 starb Reisen im Alter von 97 Jahren hochbetagt an den Folgen eines Schlaganfalls.



Mark Reisen ist diskographisch gut erfasst, besonders im russischsprachigen Repertoire, so unter anderem als Dossifei (Mussorgski, "Chowanschtschina"), Boris Godunow (Mussorgski, gleichnamige Oper), Fürst Gremin (Tschaikowki, "Eugen Onegin"), Kontschak (Borodin, "Fürst Igor"), Salieri (Rimski-Korsakow, "Mozart und Salieri"), alter Zigeuner (Rachmaninow, "Aleko") sowie als Wikinger (Rimski-Korsakow, "Sadko"). Daneben sang er auch ausländische Komponisten (auf Russisch): Wagner (noch 1965 mit Wotans Abschied aus der "Walküre"), Verdi (Philipp II. aus "Don Carlo", Procida aus "Les vêpres siciliennes"), Rossini (Don Basilio aus "Il barbiere di Siviglia") und Gounod (Méphistophélès aus "Faust") auf.



Mark Reisen als Wotan (1965 mit 70)



Mark Reisen als Fürst Gremin (1985 mit 90)
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

9079wolfgang

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2

Sonntag, 12. Februar 2017, 17:25

Hallo, Joseph II!

Von Mark Reizen besitze ich sehr schöne Aufnahmen. U. A. die eingestellte CD. Reizen besaß eine der schönsten Baßstimmen, die ich kenne. Aber du hast Recht. Auch ich bedauere, daß es von einigen Sängern/innen leider keine Threads gibt.

W.S.

Caruso41

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3

Mittwoch, 15. Februar 2017, 11:07

"one of the best singers of our century"

Reizen besaß eine der schönsten Baßstimmen, die ich kenne. Aber du hast Recht.


Ja, Mark Reisen war einer der ganz Großen!
Der berühmte englische Stimmenkenner John Steane nannte ihn "one of the best singers of our century" - eine Qualifizierung, die ich sonst bei keinem Sänger in den Büchern von Steane gefunden habe.

Außergewöhnlich war allein schein das stimmliche Material: eine Stimme von enormem Volumen, weich und füllig, herrlich rund und mit einem melancholischen Unterton, wie man ihn häufig bei slawischen Stimmen findet. Allerdings ohne die Sprödigkeit und Rauheit, die man leider oft auch bei slawischen Sängern hört.
Die Stimme saß perfekt in allen Lagen. Ganz ungewöhnlich war die Reichweite der Stimme: sie reichte von satten dunklen Tiefen (er konnte hinunter steigen bis zum E!) tatsächlich bis zu hohen G, von dem John Steane sagt, es sei wahrhaftig 'hair-raising'! Man kann es etwa in der Aufnahme von "Ruslan und Ludmilla" unter Samosud hören.

Mark Reisen führte diese so außerordentliche Stimme völlig ohne jeden Druck, herrlich flüssig, ganz auf eine ausgeglichene Linienführung bedacht. Sein Legato konnte es mit dem eines Ezio Pinza aufnehmen und seine Mezza voce war schlicht mirakulös. Dabei gab er auch kürzesten Silben eine plastische Formung und vor allem klangliches Gewicht. Dramatische Akzente entwickelte er ganz organisch aus den musikalischen Linien heraus. Histrionische Geste oder Effekte - wie sie Schaljapin, Christoff und Ghiaurov liebten - gibt es bei ihm nicht. Er war ein Belcantist. Aber in seinem Belcanto werden alle Stimmungen und Gefühle unmittelbar und sehr bewegend ausgedrückt, gewinnen die Charaktere, die er darzustellen hatte, Profil und Tiefe.

Man höre einfach mal den großen Monolog des Boris aus "Boris Godunov", das Lied des Warägischen Gastes aus "Sadko" oder das Rondo und das Ständchen des Mephisto aus Gounods "Faust" - dann wird man schnell gefangen genommen von ganz großen Gesangs- und Gestaltungskunst des Mark Reisen.

Nicht restlos überzeugend klingen leider die Aufnahmen, die Mark Reisen in italienischer Sprache gemacht hat. In der fremden Sprache können sich seine Vorzüge nicht so entfalten, wie in der russischen Sprache.
Das ändert nicht daran: "one of the best singers of our century"

Caruso41
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

operus

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4

Mittwoch, 15. Februar 2017, 13:26

Man höre einfach mal den großen Monolog des Boris aus "Boris Godunov", das Lied des Warägischen Gastes aus "Sadko" oder das Rondo und das Ständchen des Mephisto aus Gounods "Faust" - dann wird man schnell gefangen genommen von ganz großen Gesangs- und Gestaltungskunst des Mark Reisen.
Alles was bis jetzt über Mark Reisen gesagt wurde trifft zu und kann von mir nachdrücklich bestätigt werden. Ein vollendeter Belcanto-Sänger. Große Stimmen sind selten, wenn sie dann noch so schön, so sonor, so samtig sind, wie bei Reisen, dann ist alles vorhanden was eine Ausnahmestimme ausmacht. Richitg, was Caruso ausführt, Reisens Boris ist geradezu ein Gegenentwurf, gegen die dramatischen Borissänger - zu denen die bereits genannt wurden - gehört nur noch der besonders Dramtatik forcierende Bosis Christoff dazu. Reisen gestaltet das Porträt eines verlöschenden Zaren. Wie groß die Gesangskunst und wie intakt die Stiimme war, wird bewiesen - wenn es denn stimmt - dass Reisen noch im 90. Lebensjahr repektable Sängerleistungen gebracht haben soll. Diese Alterkarrieren sind auch bei Bassisten nur möglich, wenn die Gesangstechnik vollkommen ist. Kleine Ursachen - große Wirkungen. Stimmt die Technik nicht nützt sich die Stimme frühzeitiger ab.

herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Joseph II.

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5

Mittwoch, 15. Februar 2017, 13:29

[...] wenn es denn stimmt - dass Reisen noch im 90. Lebensjahr repektable Sängerleistungen gebracht haben soll.

Es stimmt wirklich, lieber Operus. Im ersten Beitrag dieses Themas findet Du ganz am Ende das besagte Video vom Auftritt als Fürst Gremin anlässlich des 90. Geburtstags des Sängers. Gleich darüber sein Wotan-Abschied mit 70 Jahren.

Beste Grüße
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Caruso41

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6

Mittwoch, 15. Februar 2017, 18:32

So eindrücklich die Aufnahmen sind, die Mark Reisen mit 70 und 90 Jahren noch gemacht hat, es ist doch sinnvoll, auch auch auf Aufnahmen hinweisen, die er im besten Stadium seiner Karriere gemacht hat:

Zunächst der Boris in einer Film-Version (obwohl der Klang bescheidener ist als in Schallplatten-Aufnahmen:

wer die ganze Szene erleben will:


.....hat wirklich die Krönungszene je jemand großartiger gesungen?


Dann die Arie der Kontschak aus Fürst Igor:


einfach hinreißend sein Dosifei in den Chowantschina
(Den Film gibt es auch komplett bei Youtube. Vielleicht machen die Ausschnitte neugierig darauf?
Nicht nur allen Taminos empfohlen, die mit den heutigen Inszenierungen hadern!
Allerdings stammt auch dieser Film aus den späten Jahren von Mark Reisens Karriere.)



unbedingt auch das Rondo des Farlaf aus Ruslan und Ludmilla:


zum vorläufigen Abschluss das Lied des Warägischen Gastes aus Sadko:


Wer die gesamte Aufnahme von "Fürst Igor" hören will, findet sie auch bei Youtube
Die Besetzung ist unglaublich!

Zitat

Aufnahme von 1951
Orchester und Chor des Bolshoi Theaters Moskau
Conductor - Alexander Melik-Pasheyev

Khan Konchak - Mark Reizen
Prince Igor - Andrey Alexeyevich Ivanov
Prince Galitsky - Aleksandr Stepanovich Pirogov
Vladimir - Sergei Lemeshev
Yaroslavna - Eugenia Smolenskaya
Konchakovna - Vera Borisenko



Zugabe? Gerne!
Das Lied der Wolgaschlepper


Caruso41
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

Caruso41

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7

Mittwoch, 15. Februar 2017, 19:22

Jetzt habe ich doch noch den Mephisto gefunden.
Wenigstens die Serenade!


....und das Lied vom goldenen Kalb


.....und das Duett mit Faust
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

Sixtus

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8

Samstag, 4. März 2017, 16:15

Eine Lücke wird endlich geschlossen!

Danke, Lieber Joseph II, für die Idee, die von dir entdeckte Lücke zu schließen!

Was ich da gelesen habe, kann ich nur unterschreiben: Es gibt nicht sehr viele Belcantisten unter den großen Bässen; aber Mark Reisen war einer.

Bis vor einigen Jahren hatte ich den Namen noch nie gehört. Dann lernte ich ihn in einer Kesting-Reihe im Radio kennen - und kaufte mir einen Boris Godunow mit ihm. Die Aufnahme gehört seither zu meinen Schätzen.

Was diese Stimme so einzigartig macht, ist ein sonorer Legato-Klangstrom ohne jede Anstrengung - und trotzdem kommt keine Langeweile auf, weil der Ausdruck in jedem Moment stimmt. Hoffentlich merken das noch recht viele Freunde authentischen Operngesangs - wünscht sich Sixtus