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Bertarido

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1

Dienstag, 29. März 2016, 18:43

Diskussion zum Artikel von Bernd Weikl in der Epoch Times

http://www.epochtimes.de/feuilleton/oper…g-a1317130.html

Weikls Aussagen sind hart und zugespitzt. Sie bieten aber durch viele Fakten und belegte Beispiele die Basis einer konkreten Auseinandersetzung. Vielleicht auch mit der Methode des Faktenchecks, in dem diejenigen Tamino-Freunde, die anderer Meinung sind aufzeigen, in welchen Punkten der Sänger/Regisseur falsch liegt. Ich befürchte beim jetzigen Stand unserer Diskussion, dass durch Nebensächliches abgelenkt wird und Nebelkerzen - so intelligent diese auch sein mögen - gezündet werden und die Taminofreunde, die anderer Meinung als der Autor/Interviewpartner im besagten Presseartikel sind Weikls Thesen nicht widerlegen können. Bis jetzt ist Ihnen der Beweis dafür m. E. noch nicht gelungen.
Herzlichst
Operus


Ich folge mit der Einrichtung dieses Threads einem Vorschlag von operus, eine Diskussion über den Artikel von Bernd Weikl in der Zeitschrift „Epoch Times“ zu eröffnen – in der Hoffnung, dass diese Diskussion sachlich und frei von persönlichen Anwürfen bleibt.

Ich habe versucht, die von Bernd Weikl vertretenen Thesen zu rekonstruieren und nehme im folgenden dazu Stellung.

1. Die Oper hat einen Bildungsauftrag, der sich - insofern es sich um öffentliche oder öffentlich geförderte Institutionen handelt - aus dem staatlichen Bildungsauftrag ableiten lässt.

Diese These ist wohl unstrittig – wer wollte hier widersprechen?


2. Dieser Bildungsauftrag lässt sich am besten über eine emotionale Ansprache und nicht über wissenschaftliche oder politische Bildung erzielen, durch „Freude bei beglückenden Erlebnissen“ wie „Genuss spendende Theateraufführungen“. Als Begründung werden nicht näher bezeichnete „wissenschaftliche Untersuchungen“ angeführt, die dies „längst nachgewiesen“ haben sollen.


Hier habe ich schon beträchtliche Zweifel. Weder sehe ich ein Primat kultureller Bildung gegenüber wissenschaftlicher oder politischer Bildung, noch glaube ich, dass kulturelle Bildung am besten auf emotionaler Ebene funktioniert, und ein emotionaler Zugang muss auch nicht ausschließlich über „schöne“ Emotionen erfolgen. Sollten wissenschaftliche Untersuchungen anderes nachgewiesen haben, dann müssten diese zitiert werden, ansonsten hat der Verweis darauf keinerlei Aussagekraft.
Hinter dieser These steckt die meiner Meinung nach naive Vorstellung des „böse Menschen haben keine Lieder“: wenn man genug Schönes, Wohlklingendes und Erbauliches im Theater und Konzertsaal hört, dann trägt das zur wahren Herzensbildung bei. Da gibt es nun aber wahrlich genug Gegenbeispiele, vom Mozart und Beethoven hörenden KZ-Wächter angefangen. Und dass der zweifellos schöne Gesang in ganz traditionellen "schönen" Aufführungen, den Hitler und seine Entourage alljährlich in Bayreuth erlebt hat, etwas zu deren Herzensbildung beigetragen hätte, ist mir auch nicht bekannt. Ganz im Gegensatz zu Wagners antisemitischen Schriften und dem deutsch-nationalen und antisemitischen Gedankengut, das Hitler in Wagners Opern zu entdecken glaubte. Ein wenig politische Bildung wäre da vielleicht zumindest im Frühstadium bei dem einen oder anderen doch hilfreicher gewesen. Eine Filmempfehlung dazu: "Death and the Maiden" mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley, der als südamerikanischer Folterer bevorzugt Schubert als Hintergrundmusik laufen lässt, wenn er seine Opfer quält und vergewaltigt.

Die Frage, wie man am besten bestimmte Werte vermittelt und positiv auf Sozialverhalten und soziale Kompetenz einwirkt, ist eine sehr wichtige. Weikl Ausführungen dazu greifen m.E. aber viel zu kurz.

3. Bestimmte Inszenierungsstile sind nicht mit dem Bildungsauftrag des Theaters vereinbar

Auch dies ist eine sehr fragwürdige These, sofern sie allgemein für „das Regietheater“ gemeint ist. Die Tradition, in der dieses Theater steht, sei es nun das Brechtsche Theater oder die 68er Bewegung, sind nun gerade aufklärerische Traditionen, die sehr wohl auf Bildung abzielen. Mein Verdacht ist eher, dass diese antibürgerlichen Traditionen von dem in der Mehrheit konservativen Opernpublikum abgelehnt werden. Ein Publikum, dass in der Oper Wohlklang und Schönheit sucht, wird durch eine bewusste „Irritation seiner Denk-, Seh- und Hörgewohnheiten“ natürlich nicht erfreut. Aber durch solche Irritationen – so meine These – kann Theater seinem Bildungsauftrag sehr wohl nachkommen. Nicht Irritation um der Irritation wegen, nicht Schocks, weil man gerne schockiert oder es dem Publikum mal so richtig zeigen will, sondern weil man damit gesellschaftliche Probleme bewusst machen und festgefahrene Positionen ins Wanken bringen kann. Welche Aufführung des „Fidelio“ kommt dem Bildungsauftrag wohl eher nach: eine auf „Herzensbildung“ setzende "schöne", bei dem am Ende ein Großteil des Publikums mit einer Träne in den Augen ob der rührenden Geschichte zum Diner in die nahegelegenen Restaurants entschwindet und sich über die Leistungen der Sänger austauscht? Oder eine "häßliche" Inszenierung, die auf vielleicht drastische und verstörende Weise deutlich macht, dass Folter und politische Verfolgung auch heute noch in unzähligen Tyrannenstaaten an der Tagesordnung sind oder dass in diesem unserem Lande der „Bruder seine Brüder“ u.a. in den Flüchtlingsheimen antreffen kann, wo man sich über ein „kann er helfen, hilft er gern“ sicher mehr freuen würde als über Brandsätze?

Inwieweit Inszenierungen etwas zur Bildung beitragen oder nicht, kann man im Einzelfall immer diskutieren, und ich bin der letzte, der jeden Auswuchs des „Regietheaters“ gutheißt. Aber den pauschalen Vorwurf, diese Art des Theaters sei nicht mit dem öffentlichen Bildungsauftrag vereinbar, halte ich für absurd.

4. Es gibt keinen Unterschied zwischen „Ekeldarstellungen“ im Dschungelcamp und ähnlichen Szenen auf der Bühne

Zunächst gibt es natürlich einen ganz banalen Unterschied: Auf dem Theater ist das meiste nur angedeutet oder gespielt, während im Dschungelcamp ja offenbar echte Spinnen gegessen werden etc. (ich habe noch nie eine Folge davon gesehen). Aber das ist letztlich zweitrangig, denn der hier entscheidende Unterschied besteht in der Absicht, die mit solchen Szenen verfolgt wird, man könnte auch sagen: dem Kontext. Im Dschungelcamp werden die Szenen mit der Absicht gezeigt, die Sensationslust des Publikums zu befriedigen. Mit einem solchen Appell an die niederen Instinkte ist schwerlich ein Bildungsauftrag verbunden. Werden solche Szenen im Theater gezeigt, haben sie aber doch wohl eine andere Funktion: sie sollen schockieren, aber nicht zur Freude des Publikums, sondern um etwas damit zu erreichen. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern Mittel, zumindest sollten sie das sein. Und wenn das nicht so ist, dann wäre ich der erste, der Kritik daran übt. Was ist der Unterschied zwischen einem Kriegsfilm und einem Anti-Kriegsfilm, beide zeigen doch Waffengebrauch und Tod? Was ist der Unterschied zwischen Gewaltdarstellungen in einem Splatter- oder Rape-and-Revenge-Film und in beispielsweise Michael Hanekes „Funny Games“? Warum wird eine Photographie von Robert Mapplethorpe, die einen Mann mit erigiertem Penis zeigt, im Museum ausgestellt, während andere Photographien mit einem solchen Motiv als Pornographie auf dem Index stehen? Die Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen. Der Unterschied ist immer der Umgang mit dem Objekt oder Thema, die Haltung, die der Autor dazu einnimmt, die Absicht, die er damit verfolgt.


Zu den Zitaten von Barbara Beyer, Peter Konwitschny und Albrecht Puhlmann fällt mir eine Stellungnahme schwer, weil diese zum Teil sehr kurz und aus dem Zusammenhang gerissen sind. Daher nur wenige Anmerkungen dazu:

Barbara Beyer im Vorwort zu „Warum Oper?“ Alexander Verlag Berlin. 2005. Spätestens seit 1968 habe man sich von der überalterten Ästhetik einer als bürgerliches Kulturgut verachteten Oper verabschiedet und das sogenannte Regietheater an deren Stelle gesetzt. Jetzt bedürfe es gezielter Provokationen und der bewussten Irritation von Denk-, Seh- und Hörgewohnheiten. Zeitgemäß wäre eine rebellisch-kritische Einstellung gegenüber der Institution Oper sowie eine unabhängige künstlerische Haltung von Regisseuren, die mit ihren Arbeiten wieder politische Brisanz in die deutschen Musiktheater bringen müssten.

Wie schon ausgeführt, habe ich nichts gegen Provokationen und Irritationen, wenn diese nicht um ihrer selbst willen erfolgen, sondern etwas bezwecken. Bewerten lässt sich dies nur im Einzelfall. Politische Brisanz ins Musiktheater zu bringen halte ich für durchaus erstrebenswert, wenn es nicht mit der Brechstange erfolgt und dem Stück gerecht wird. Und gegen eine rebellisch-kritische Einstellung und eine unabhängige künstlerische Haltung von Regisseuren ist aus meiner Sicht nichts einzuwenden.

Albrecht Puhlmann im Vorwort: „... man muss bewusst so pointiert formulieren, um deutlich zu sehen, dass immer neue Schocks und ungeahnte Experimente zur weitgehenden Entfremdung eines genussorientierten und aufbaubedürftigen Publikums führen; ... (denn) wenn man die Oper als exterritoriales Gebiet betrachtet, wo man sich wohlfühlt und das wiedererkennt, was man schon vor Jahren gesehen hat, dann würde dies das Ende der Oper bedeuten.“

Schwer zu bewerten, da aus dem Zusammenhang gerissen. Dass Oper nicht nur ein Wohlfühlort sein sollte, finde ich auch, was aber auch nicht heißt, dass Wohlfühlen verboten ist und man das Publikum schockieren und entfremden muss. Dass manche Regisseure und Theaterwissenschaftler hier eine zu radikale Position vertreten, gestehe ich gerne zu.

Barbara Beyer: „... von einigen Regisseuren wird die Dekonstruktion als möglicher Weg forciert, um durch das Zerlegen der Werke in Fragmente und Ausschnitte diese aus sich heraus und anders lesbar zu machen – und auch, um sich dem sakrosankten Absolutheitsanspruch der Systeme zu widersetzen“.

Die Dekonstruktion von Stücken lehne ich ab, weil damit die Grenzen der Werkgerechtigkeit weit überschritten werden. Jedenfalls wäre eine Sammlung von Fragmenten, angereichert mit Fremd-Texten, wie es im Sprechtheater oft erfolgt, dann keine Interpretation des Werkes mehr sondern eine Bearbeitung und müsste auch als solche gekennzeichnet werden. Der Rest des Zitats ist außerhalb des Zusammenhangs für mich nicht verständlich.

Peter Konwitschny: „Ich habe etwas gegen diese Opernpathetik und mag es auch, diesem konservativen Publikum etwas ins Gesicht zu schleudern ...“ und weiter S. 36: „Wer die Bühne missbraucht, um dort für viel Geld schöne, perfekte Töne zu singen, ist asozial. Ich verstehe da keinen Spaß ..“

Auch das ist so fragmentarisch zitiert, dass es schwer zu bewerten ist. Was ist „diese Opernpathetik“, gegen die sich Konwitschny hier wehrt? Das müsste man erst einmal nachlesen. Dem Publikum etwas ins Gesicht zu schleudern halte ich per se nicht für schlimm, es kommt darauf an was und wozu. Die Ablehnung der Bühne als bloße Rampe des schönen Singens ist gerade ein Beispiel dafür, dass Konwitschny mehr vom Theater verlangt – vielleicht hat er ja einen Bildungsanspruch?

operus

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2

Dienstag, 29. März 2016, 19:27

Zunächst, lieber Bertradio, herzlichen Dank für die kritische Auseindersetzung mit dem Artikel/Interview von Bernd Weikl. Ich brauche noch etwas Zeit, um meinerseits zu Deinen Gedanken Stellung zu nehmen. In der Sache wurde bereits einiges geschrieben. Frage an den Forenbetreiber und den verantwortlichen Moderator: Wäre es einer
"geschlossenen Diskussion" nicht förderlicher, wenn die entsprechenden Beiträge in den jetzt speziell zu diesem Thema erstellten Thread zusammengeführt würden?"
Danke für diese Arbeit.
Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Dieter Stockert

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3

Dienstag, 29. März 2016, 19:34

Danke, Bertarido. Das ist kürzer und viel konstruktiver als die Art und Weise, wie ich mich daran abgearbeitet habe. Und die Anregung von operus, die entsprechenden Beiträge in einen gesonderten Thread zu verschieben, finde ich auch gut.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Bertarido

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4

Dienstag, 29. März 2016, 19:35

Lieber operus, es schien mir sinnvoller, ein neues Thema dazu aufzumachen, weil es die Auffindbarkeit erleichtert und eine längere Diskussion auch nicht in den anderen Thread hineinpasst, der ja so etwas wie eine Zitatsammlung sein soll.

Joseph II.

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5

Dienstag, 29. März 2016, 20:07

Da gibt es nun aber wahrlich genug Gegenbeispiele, vom Mozart und Beethoven hörenden KZ-Wächter angefangen. Und dass der zweifellos schöne Gesang in ganz traditionellen "schönen" Aufführungen, den Hitler und seine Entourage alljährlich in Bayreuth erlebt hat, etwas zu deren Herzensbildung beigetragen hätte, ist mir auch nicht bekannt.

Vielleicht könnten wir mal ausnahmsweise ohne NS- oder KZ-Bezug auskommen? Das wäre der Sache dienlicher als die immer wieder anzutreffenden mehr oder weniger latenten Versuche, Anhänger traditioneller Inszenierungen mit dem "Tausendjährigen Reich" in Verbindung zu bringen. Wie soll das denn hier bitte sonst eine ernsthafte Diskussion werden?
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Bertarido

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6

Dienstag, 29. März 2016, 20:14

Da gibt es nun aber wahrlich genug Gegenbeispiele, vom Mozart und Beethoven hörenden KZ-Wächter angefangen. Und dass der zweifellos schöne Gesang in ganz traditionellen "schönen" Aufführungen, den Hitler und seine Entourage alljährlich in Bayreuth erlebt hat, etwas zu deren Herzensbildung beigetragen hätte, ist mir auch nicht bekannt.

Vielleicht könnten wir mal ausnahmsweise ohne NS- oder KZ-Bezug auskommen? Das wäre der Sache dienlicher als die immer wieder anzutreffenden mehr oder weniger latenten Versuche, Anhänger traditioneller Inszenierungen mit dem "Tausendjährigen Reich" in Verbindung zu bringen. Wie soll das denn hier bitte sonst eine ernsthafte Diskussion werden?

Ich habe Anhänger traditioneller Inszenierungen weder direkt noch latent mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht. Ich habe lediglich auf das in unserem Kulturkreis sicherlich am besten bekannte Beispiel dafür hingewiesen, dass "Genuss spendende Theateraufführungen" nicht unbedingt zu einer positiven Persönlichkeitsentwicklung beitragen. Ob Stalin oder Mao regelmäßig in die Oper gegangen sind, entzieht sich meiner Kenntnis, bei Hitler wissen wir es alle.

Bertarido

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7

Dienstag, 29. März 2016, 21:32

Ich habe es unterlassen, auf das Flimm-Zitat einzugehen. Da das Programmheft, aus dem das Vorwort stammt, online verfügbar ist (http://issuu.com/staatsoperberlin/docs/s…in-magazin-no-4), kann es jeder im Original nachlesen. Man wird feststellen, dass Herr Weikl es nicht vollständig und wörtlich zitiert hat, obwohl der in Anführungsstriche gesetzte Text dies suggeriert, das lässt für die anderen Zitate ähnliches befürchten. Die Tendenz des Flimm-Artikels ist aber richtig wiedergegeben: der ist eine Satire über das Publikum, welches gerade in den Buh-Rufen über die ach so schlimmen Aufführungen seinen Genuß zieht und natürlich zur nächsten Premiere wieder zur Stelle sein wird, die Anlässe zum nächsten Buh-Orkan schon schauernd-freudig antizipierend. Kurz gesagt: Ich finde diesen Artikel von Flimm unverschämt und dreist.

MSchenk

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8

Dienstag, 29. März 2016, 22:19

Vielen Dank für diese nachvollziehbare und vor allem unaufgeregte Stellungnahme zu Weikls Artikel.
mfG Michael

Eine Meinungsäußerung ist noch kein Diskurs.

JLang

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9

Dienstag, 29. März 2016, 22:54

Zitat Bertarido

Zitat

2. Dieser Bildungsauftrag lässt sich am besten über eine emotionale Ansprache und nicht über wissenschaftliche oder politische Bildung erzielen, durch „Freude bei beglückenden Erlebnissen“ wie „Genuss spendende Theateraufführungen“. Als Begründung werden nicht näher bezeichnete „wissenschaftliche Untersuchungen“ angeführt, die dies „längst nachgewiesen“ haben sollen.


Lieber Bertarido,
für Deine wohlüberlegten und besonnenen Zeilen danke ich Dir sehr herzlich. Es scheint mir ein guter Weg zu sein, divergierende Positionen anhand der Zeilen von Weikl zu diskutieren, die - auch wenn man sie nicht in Gänze vollkommen teilen mag - so doch im Ganzen wirklich diskussionswürdig sind.

Zitat

Die Frage, wie man am besten bestimmte Werte vermittelt und positiv auf Sozialverhalten und soziale Kompetenz einwirkt, ist eine sehr wichtige. Weikl Ausführungen dazu greifen m.E. aber viel zu kurz.

Das ist eine Frage, über die Regelwände von Büchern verfasst wurden, die Ausführungen greifen also zwangsläufig zu kurz. Du hast Weikl zu Recht vorgeworfen, unzureichend zu verkürzen, aber ich denke, Du tust ihm hier ein wenig Unrecht. Es geht - so verstehe ich den Text - darum, in welchem Verhältnis Wissensbildungsprozesse und andere Formen kultureller Bildung stehen. Zwischen den Zeilen steht sicher, dass man das vor allem über "schöne" Momente erreichen kann, auch wenn m. E. nirgendwo explizit formuliert wird, das man es einzig so schaffen kann. Das ist sicher zu kurz gegriffen, aber wichtig ist mir hier festzuhalten, dass man dies auch über solche Momente erreichen kann. Die entscheidende Frage, die sich stellt, ist doch: welche Rolle spielen unterschiedliche Ästhetiken in solchen Prozessen? Dies scheint mir weder für die eine, noch für die andere Richtung abschließend geklärt zu sein. Ein hochinteressantes Thema!

Zitat

sei es nun das Brechtsche Theater oder die 68er Bewegung, sind nun gerade aufklärerische Traditionen, die sehr wohl auf Bildung abzielen. Mein Verdacht ist eher, dass diese antibürgerlichen Traditionen von dem in der Mehrheit konservativen Opernpublikum abgelehnt werden.

Mein Verdacht ist dagegen, dass einige dieser Ansätze aus einem Zeitgeist heraus entstanden, der sich heute in Teilen überholt hat. Meine Wertschätzung für Brecht (allerdings nicht so sehr als Dramatiker, dazu habe ich mich bereits geäußert) ist ungebrochen, aber ich fürchte, er wird mitunter als epigonenhaft empfunden. Aber einen Brecht’schen Ansatz für eine Inszenierung zu wählen, erspart einem doch nicht das eigene Nachdenken im Sinne der Empfindung für die eigene Zeit, das Hier und Jetzt, in dem Oper stattfinden muss.

Zitat

Inwieweit Inszenierungen etwas zur Bildung beitragen oder nicht, kann man im Einzelfall immer diskutieren, und ich bin der letzte, der jeden Auswuchs des „Regietheaters“ gutheißt. Aber den pauschalen Vorwurf, diese Art des Theaters sei nicht mit dem öffentlichen Bildungsauftrag vereinbar, halte ich für absurd.

Das sehe ich ganz genauso, ich würde den Bildungsauftrag allerdings dahingehend interpretieren, die gesamte Bandbreite des Möglichen anzubieten.

Zitat

Die Ablehnung der Bühne als bloße Rampe des schönen Singens ist gerade ein Beispiel dafür, dass Konwitschny mehr vom Theater verlangt – vielleicht hat er ja einen Bildungsanspruch?

Den hat er sicherlich, aber gerade bei ihm würde ich mir doch wünschen, das er damit einmal in der Jetzt-Zeit ankommt und nicht weiter seine eigene Musealisierung betreibt :untertauch:

Auch wenn ich nicht alle Deine Einwände teile, kann ich sie auf jeden Fall zum Teil nachvollziehen und sie sind es wert, sich en Detail mit allen Aspekten auseinanderzusetzen. Meine Kommentare dazu sind sicher unzureichend und verkürzend, aber irgendeinen Anfang wollte ich gern machen.

Beste Grüße
JLang
Gute Opern zu hören, versäume nie
(R. Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln)

hasiewicz

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10

Dienstag, 29. März 2016, 23:16

Ich finde, Bertaridos Analyse und JLangs Replik sind Lichtblicke in der Diskussion des Themas. Sollt ein sachlicher Zugang möglich sein?

Dr. Holger Kaletha

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  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

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Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

11

Dienstag, 29. März 2016, 23:46

Danke Bertarido, für Deine instruktiven Ausführungen!

Die Schlussapotheose von Weikl ist ja nun schwer erträglich:

"Kultur ist das Rückgrat und die Praxis in der Kunst ist der Spiegel einer Gesellschaft. Die destruktive Überfreiheit der staatlich hoch subventionierten Kunst fördert das jetzige kulturelle Vakuum, in das jene radikalen Kräfte ungehindert hineinströmen können, die wir immer verhindern wollen. Es erübrigt sich die täglich gestellte Frage in noch so vielen Talk-Shows: „was tun wir gegen Rechts- oder Linksradikale?“ Da helfen keine Verbote oder polizeilichen Eingriffe und auch keine ungeahnten Schocks gegen ein bildungsbedürftiges Publikum.

Um zum Anfang zurückzukehren ohne jede Ironie: Das Einhalten des bestens formulierten staatlichen Bildungsauftrags zur Herzensbildung wäre eine zielführende Waffe gegen die Verdummung und Brutalisierung in Teilen der Gesellschaft. Wer Hass säht – wird Hass ernten."


"Destruktive Überfreiheit" - was für ein Wortmonstrum. Freiheit - Unfreiheit - Überfreiheit, was woll das bedeuten? Kann man freier sein als frei?

Kunst - RT-Theater soll den Rechtsradikalismus - vielleicht auch Selbstmordattentäter - befördern. Das erinnert mich an die verwegene Behauptung, der Pazifismus der 20iger Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht.

Und wo säht Theater (egal welches auf der Opernbühne) belegbar Haß? Oder ist das nicht vielmehr nur eine Haß-Projektion von denjenigen, die RT-Theater hassen? Ein Dschihadist sagte zu einem Werbeplakat einer Drogeriekette: "Das haben die nur aufgehängt, um uns zu beleidigen."

Diejenigen, die für Brutalisierung anfällig sind, gehen doch überhaupt nicht ins Theater - sondern konsumieren diverse mit Gewaltexzessen nur so protzende Fernsehserien und spielen an jeder Ecke käufliche Ballerspiele am PC, wo das Blut nur so spritzt. Wiese regt er sich nicht darüber auf? Wo bleibt da die Verhältnismäßgkeit? Ist das nicht pure rhetorische Skandalisierung? Oder anders gesagt: Ist das nicht gerade die "Opernpathetik", die einen Peter Konvitschny etwa abstößt?

Schöne Grüße
Holger

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 373

Registrierungsdatum: 12. August 2005

12

Dienstag, 29. März 2016, 23:54

Der Mozart geigende Heydrich mag ein einzelnes Gegenbeispiel sein, aber das widerlegt ja nicht die These, die wohl kaum als Allaussage, sondern höchstens im Sinne einer statistischen Korrelation gedacht sein kann. Es muss auch nicht so simpel wie "böse Menschen haben keine Lieder" gedeutet werden.

In der Tat hängt man einer ganz ähnlichen Idee an, wenn man meint, man müsse das Publikum (auch) durch Provokationen "wachrütteln" usw. Nämlich, dass Theater/Opern/Kunsterlebnisse einen erzieherischen Einfluss haben sollen/können und ihre Mittel anscheinend mindestens teilweise im Hinblick auf diesen Einfluss wählen und rechtfertigen sollten. Das wird seit Platon (contra wehrkraftzersetzende Musik im "Staat") gefordert und vermutlich ebensolange schon von "anarchischen" Künstlern, die sich ungern derart einspannen und einschränken lassen wollen, verweigert. (Dabei ist erstmal egal, ob der erzieherische Einfluss totalitär, "herzensbildend", "zur Förderung des kritischen Bewusstseins" etc. geschehen soll.)

Man könnte etwas böswillig sagen, dass nach über 80 Jahren "epischem Theater" a la Brecht und 40 Jahren provokanter (manchmal auch politisch motivierter) "Klassikerinszenierungen", immer noch gilt "natürlich hab ich leider recht, der Mensch ist arm, die Welt ist schlecht" und große Teile des Publikums offenbar anscheinend immer noch genauso borniert sind, das alles also ähnlich wenig gefruchtet hat wie die ästhetische Erziehung anhand Sophokles, Goethe und Beethoven, die spätere Nazis um 1900-1920 genossen haben.

épater le bourgeois, den Künstler als Bürgerschreck gibt es seit dem 19. Jhd. (oder sogar länger). Meinem Eindruck nach ist der hauptsächliche Vorwurf nicht einmal das. Sondern dass eben schon vorliegende "Klassiker verunstaltet" werden, anstatt eigene Werke zu schaffen. Also der Mona Lisa einen Schnurrbart anmalen, nicht ein Klecksbild ausstellen.
Das zeigt m.E. die beiden Kernprobleme:
Erstens: Dissens darüber, inwiefern eine Inszenierung ein eigenes Kunstwerk ist oder nicht.
Zweitens: Das erstarrte, relativ eng begrenzte Repertoire. Aus unterschiedlichen Gründen ist man zunehmend dazu übergegangen, eine relativ enge Auswahl an Opern, fast alle älter als 80 Jahre, zu spielen, die aber eben in (manchmal provokanten) zeitgenössischen Inszenierungen. Natürlich gibt es zeitgenössische Opern, aber die spielen im Vergleich mit den Repertoire-Stücken kaum eine Rolle. (Wenn man dagegen den Stand 1930 vergleicht: Da war der Fliegende Holländer etwa so alt wie heute Bergs Wozzeck! Außer ein paar Stücken von Mozart, Rossini, Beethoven, Weber stammte der größte Teil des Repertoires aus den letzten 90 Jahren, einiges (Puccini, Strauss) war nur wenige Jahre alt. Welche heutige Repertoire-Oper wurde nach 1980 komponiert (ich vermute keine), wie viele zwischen 1930 und 1980 (vielleicht eine Handvoll, großzügig gerechnet)? Immer wieder wird angesprochen, dass sich das Repertoire auch verändert (oder geschmälert) hat, da deutsche und franz. Spieloper, Operette, aber auch Verismo jenseits der allerbekanntesten Stücke weitgehend von den Bühnen verschwunden sind, also auch ohne Berücksichtigung "schwieriger" zeitgenössischer Werke ein sehr viel breiteres Repertoire denkbar wäre. (Abgesehen davon, dass es auch vergleichsweise unschwierige Werke des 20. Jhds. gäbe, denen man kaum noch begegnet, z.B. Menotti)

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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13

Mittwoch, 30. März 2016, 00:35

Was mich an solchen Aussagen wie die von Herrn Weikl stört ist wider mal die Verallgemeinerung "das Regietheater ". Gut gemachtes RT zeichnet sich eher durch Beschränkung auf das Wesentliche aus, was zum Beispiel die Kulissen angeht. Wenn ich einen guten RT Regisseur habe brauche ich keine pompöse Ausstattung, damit eine ,Handlung erkennbar ist. Das war an der Rheinoper beim Britten Zyklus der Fall. Und RT hat nicht immer was mit Provokation zu tun. Es gibt natürlich auch Auswüchse , weshalb ich zum Beispiel das Aalto Theater in Essen meide, weil dort nur um der Provokation Willen inszeniert wurde. Aber trotzdem wurde das Aalto Theater immer wieder Opernhaus des Jahres in NRW.

Gerhard Wischniewski

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14

Mittwoch, 30. März 2016, 09:25

Zitat

Zitat von Rodolfo: Gut gemachtes RT zeichnet sich eher durch Beschränkung auf das Wesentliche aus, was zum Beispiel die Kulissen angeht. Wenn ich einen guten RT Regisseur habe brauche ich keine pompöse Ausstattung, damit eine ,Handlung erkennbar ist.
Lieber Rodolfo,

hier muss ich dir voll Recht geben aber alle hier sprechen ja auch nur von "Regietheater" und leider wird es ja auch offiziell so bezeichnet. Ich werde hier zwar als der schärfste Gegner des fälschlich sogenannten "Regietheaters" angesehen, obwohl andere, die zwar seltener schreiben, noch weit schärfere Gegner sind und manches nicht hinnehmen, was ich noch akzeptiere. Ich habe hier auch schon einige Inszenierungen genannt, die unter den falschen Begriff "Regietheater" einzuordnen wären, mit denen ich mich durchaus anfreunden kann.
Ich habe in deinem Beitrag ein Wort gekennzeichnet, das für mich maßgebend ist: das Wesentliche. Auch mir kommt es - wie ich schon oft betont habe - nicht aus eine pompöse Kulisse an (d.h. nicht darauf an, dass die oft in den Libretti in allen Einzelheiten vorgeschriebene auch so detailgetreu ausgeführt wird) , aber die im für die Originalhandlung wesentlichen Teile müssen erkennbar sein. Ebenso sollten die Kostüme auch die Zeit andeuten, in der das Stück angesiedelt ist (nicht die öden, überhaupt nicht passenden Alltagsklamotten unserer Gegenwart). Jeden Eingriff in die Handlung, jedes Hinzuerfinden von Personen oder Handlungsteilen, die vom Autor nicht vorgesehen sind, lehne ich als Verunstaltung des Stücks ab, ebenso die Veralberung eines Stücks in Richtung Pop-Show. Deswegen bezeichne ich - das habe ich schon mehrfach begründet und dabei bleibe ich auch - diese Art des (sagen wir besser) "Regisseurstheaters" auch künftig als "Verunstaltungstheater". Ich stelle noch einmal die Frage, was an diesen Wort so verwerflich ist, wenn ein Selbstdarsteller der Gegenseite hier sogar die Leute, die seinem Geschwätz nicht glauben, mit der "Nase in den Kot stoßen" möchte.
Ich bin also kein genereller Gegner der "Regietheaters" sondern ein Gegner der Entstellungen der Originalhandlung, also des "Verunstaltungstheaters"
Es gibt für mich durchaus glaubwürdige Leute auf der Verteidigerseite, deren Meinung ich durchaus wahrnehme, auch wenn ich das ganz anders sehe. Aber auf endlose theoretische Abhandlungen ohne konkrete Substanz (Quantität bedeutet nicht Qualität!) und das Abnicken dieser Beiträge lasse ich mich nicht mehr ein. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

Dr. Holger Kaletha

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Beiträge: 6 469

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

15

Mittwoch, 30. März 2016, 17:24

Weikl und Schiller

vgl. dazu meine Ausführungen im gerade eröffneten Thread "Opernästhetik"

Opernästhetik

Schöne Grüße
Holger

Sixtus

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Registrierungsdatum: 2. Dezember 2015

16

Donnerstag, 7. April 2016, 18:11

Einspruch, euer Ehren!

Diese Diskussion verspricht zu einer Neuauflage der endlosen (und fruchtlosen!) Debatten über Regietheater zu werden. Das hat Joseph II in Beitrag 5 kommen sehen und ehrenwerterweise abzuwenden versucht - leider bisher ohne Erfolg.

Zu Weikls Ergüssen möchte ich sagen: Er hat ein Leben lang imponierend gesungen - mit dem Schreiben klappt es nicht so recht. Es ist natürlich ein Leichtes, seinen Schwulst zu zerpflücken, was hier auch ausgiebig geschieht. Aber damit ist niemandem gedient, außer den wissenschaftlichen Analytikern, die sich an seiner Prosa geüsslich laben können. Aber wenn man von seinem Stil absieht, beschreibt er etwas sehr Reales. Was er meint, ist doch die schlichte Tatsache, dass heute im Theater (nicht nur in der Oper!) Meisterwerke vielfach nicht interpretiert, sondern als Vorwand für selbstherrliche geistige Selbstbefriedigung missbraucht werden. Und dass dies nicht im Sinne des staatlichen Bildungsauftrags ist, kann in fast jeder Aufführung besichtigt werden. Daran ändern auch noch so eloquente "Argumente" nichts.

Die Unterscheidung von Gewalt- und Sexszenen in Fernsehsendungen wie Dschungelcamp und in "anspruchsvollen" kritischen Inszenierungen klingt erst mal überzeugend. Sie übersieht (oder verschweigt!) aber, dass beides letztlich ein Vorwand für Aufmerksamkeitserregung ist: das eine direkt und plump, das andere unter dem Feigenblatt eines hehren Zwecks. Kunst braucht aber keinen Zweck; sie hat ihren Zweck in sich selbst. In Wahrheit sind beide Darstellungen unkünstlerisch: die eine ist einfach ekelhaft, die andere doktrinär und manipulativ. Solange das nicht zugegeben wird, bleibt alles Diskutieren leeres Geschwätz.

Das meint Sixtus

Gerhard Wischniewski

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17

Donnerstag, 7. April 2016, 18:40

Zitat

Zitat von Sixtus: Die Unterscheidung von Gewalt- und Sexszenen in Fernsehsendungen wie Dschungelcamp und in "anspruchsvollen" kritischen Inszenierungen klingt erst mal überzeugend. Sie übersieht (oder verschweigt!) aber, dass beides letztlich ein Vorwand für Aufmerksamkeitserregung ist: das eine direkt und plump, das andere unter dem Feigenblatt eines hehren Zwecks. Kunst braucht aber keinen Zweck; sie hat ihren Zweck in sich selbst. In Wahrheit sind beide Darstellungen unkünstlerisch: die eine ist einfach ekelhaft, die andere doktrinär und manipulativ. Solange das nicht zugegeben wird, bleibt alles Diskutieren leeres Geschwätz.
:jubel: :jubel: :jubel: :jubel: :jubel:
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

hami1799

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18

Donnerstag, 7. April 2016, 19:02

Die Frage, wie man am besten bestimmte Werte vermittelt und positiv auf Sozialverhalten und soziale Kompetenz einwirkt, ist eine sehr wichtige. Weikl Ausführungen dazu greifen m.E. aber viel zu kurz.

Lieber Bertarido, mit Länge werden wir ebenfalls nichts erreichen. Es dürfte unmöglich sein, Musikgeschmack vom Bildung, oder Ausbildung abzuleiten.
Wen sollte man auch fragen? Die Naturwissenschaftler scheiden aus, die Philosophen bauen ihr Konstrukt aus Ansichten und sind unter einander zerstritten und die Astronomen arbeiten mit Größen, die das menschliche Begriffsvermögen weit übersteigen. Bleiben die Lehrer und Erzieher, die aber wiederum nur im Rahmen des politischen Umfeldes agieren können. Da kann es passieren, dass Kultur ganz klein geschrieben ist oder sogar verboten.
Schwierig, schwierig ...
Inwieweit Inszenierungen etwas zur Bildung beitragen oder nicht, kann man im Einzelfall immer diskutieren, und ich bin der letzte, der jeden Auswuchs des „Regietheaters“ gutheißt. Aber den pauschalen Vorwurf, diese Art des Theaters sei nicht mit dem öffentlichen Bildungsauftrag vereinbar, halte ich für absurd.

Das ist wieder eine Definitionsfrage. Wie interpretiert man den öffentlichen Bildungsauftrag und wer kennt ihn überhaupt? Ich nicht, muss ich zugeben.
Doch ich verstehe deinen Standpunkt und bin wie du ebenfalls gegen pauschale Verurteilung. Ich fürchte allerdings, dass Vernunft hier eben so wenig gefragt ist, wie in der Flüchlingsfrage wo Einzelfälle nicht mehr diskutiert werden.
Eine Schande hier wie dort.

rodolfo39

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19

Donnerstag, 7. April 2016, 19:36

Die Frage hab ich in einem anderen Thread schon mal gestellt, wurde mir aber leider nicht beantwortet : Wie kann ich eine Oper wie Lady Macbeth von Mzensk konventionell inszenieren ? Das würde dann aber nicht zur Handlung passen. Und zu Sixtus Dschungel Camp mit Operninszenierungen zu vergleichen halte ich für falsch. Erstenmal soll Dschungelcamp eine Unterhaltungssendung sein und mehr nicht.

Bertarido

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20

Donnerstag, 7. April 2016, 19:45

Solange das nicht zugegeben wird, bleibt alles Diskutieren leeres Geschwätz.

Ich würde ja auf den Beitrag anworten. Da ich mich aber nicht in der Lage sehe, das Gewünschte zuzugeben und daher nicht mehr tun könnte, als weiteres leeres Geschwätz zu produzieren, muss ich darauf verzichten.

Joseph II.

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21

Donnerstag, 7. April 2016, 19:51

Wie kann ich eine Oper wie Lady Macbeth von Mzensk konventionell inszenieren ?

"Lady Macbeth von Mzensk" oder auch "Aus einem Totenhaus" mögen Ausnahmen sein, bei denen "ausgeflipptere" Konzepte nicht in völligem Gegensatz zum Werkgehalt stehen müssen (kein Automatismus, da das nicht immer zutrifft). Aber für das Gros der barock-klassisch-romantischen Opernliteratur sehe ich den Einwand, das könnte man heutzutage gar nicht mehr konventionell inszenieren, als nicht zutreffend an.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Gerhard Wischniewski

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22

Donnerstag, 7. April 2016, 19:57

Lieber Rodolfo,

Lady Macbeth von Mzensk ist sicherlich keine Oper im Sinne von "konventionell", insofern stellt sich die Frage eigentlich nicht. Es geht auch gar nicht um "konventionell", sondern um "werkgerecht", und das kann man sicherlich durchaus. Ich habe z.B. eine Aufnahme auf DVD vom Maggio Musicale Fiorentino, die ich durchaus als werkgerecht ansehen kann. Gib uns doch einmal eine Definition, was du unter "konventionell" verstehst. Man könnte genau so gut die Frage für "Aus einem Totenhaus" und ähnlichen Opern stellen. Auch da gab es werkgerechte (ein solche besitze ich) und verunstaltete Inszenierungen, wie hier kürzlich eine im Forum geschildert wurde. Aber die Frage hat hier eigentlich nichts mit dem Thema zu tun.
Den Vergleich mit dem Dschungel Camp von Sixtus finde ich durchaus treffend. Manche Inszenierungen bewegen sich auf dem gleichen Niveau. Und auch unter dem "Feigenblatt des hehren Zwecks" (Zitat Sixtus) bleiben sie für mich nur plumpe Versuche.

Liebe Grüße
Gerhard
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lutgra

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23

Donnerstag, 7. April 2016, 20:03

"Lady Macbeth von Mzensk" oder auch "Aus einem Totenhaus" mögen Ausnahmen sein, bei denen "ausgeflipptere" Konzepte nicht in völligem Gegensatz zum Werkgehalt stehen müssen (kein Automatismus, da das nicht immer zutrifft). Aber für das Gros der barock-klassisch-romantischen Opernliteratur sehe ich den Einwand, das könnte man heutzutage gar nicht mehr konventionell inszenieren, als nicht zutreffend an.


Es gibt Dutzende von Opern, bei denen man das Blut fliessen und das Sperma spritzen lassen kann. Aber es gibt auch solche, wo das nicht unbedingt angesagt ist, es sei denn, man hat sehr gute Gründe. Die bleiben die Regisseure einem dann aber üblicherweise schuldig.

Stimmenliebhaber

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24

Donnerstag, 7. April 2016, 20:04

Aber für das Gros der barock-klassisch-romantischen Opernliteratur sehe ich den Einwand, das könnte man heutzutage gar nicht mehr konventionell inszenieren, als nicht zutreffend an.
Ich habe ja schon mehrfach darauf hingewiesen, dass der Begriff "konventionell" problematisch ist, weil die Konventionen von einst (und du meinst gewiss eine traditionell-konservative Inszenierungsart) ganz andere sind als die Konventionen von heute, das sind die üblichen Regietheater-Mätzchen, ich will sie jetzt gar nicht alle aufzählen, man hat sie schon bis zum Erbrechen immer und immer wieder gesehen, egeal, welches Stück gerade gespielt wird...
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

lutgra

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25

Donnerstag, 7. April 2016, 20:16

das sind die üblichen Regietheater-Mätzchen, ich will sie jetzt gar nicht alle aufzählen, man hat sie schon bis zum Erbrechen immer und immer wieder gesehen, egeal, welches Stück gerade gespielt wird...

In einem Artikel über neue Musik habe ich gerade folgenden Satz gelesen, den sich auch alle Regisseure in Stammbuch schreiben sollten:

Beim Studium von Werken, die nicht hineingezogen wurden in den Strudel des erbarmungslosen Vergessens, lässt sich manche Erkenntnis gewinnen:...dass sich Tabubrüche nicht wiederholen lassen,..

rodolfo39

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26

Donnerstag, 7. April 2016, 20:20

Meine Definition wird euch wahrscheinlich nicht gefallen konventionell bedeutet für mich Ausstattungstheater und Rampensingen verbunden mit den typischen Operngesten. Ausnahmen sind da für mich Ponelle, Zefirell und Schenk. Ich habe zum Beispiel eine Norma aus Macerata von den Opernfestspielen wo Pollione aussieht wie ein römischer Zenturio aus den Asterix Filmen .

hami1799

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27

Donnerstag, 7. April 2016, 20:21

Wie kann ich eine Oper wie Lady Macbeth von Mzensk konventionell inszenieren ? Das würde dann aber nicht zur Handlung passen.

Ja wieso denn nicht. Man braucht ja nur zum Film zu schauen (Tennessee Williams-Verfilmungen zum Beispiel) und sehen, wie leicht das geht. Ich habe "konventionelle" Alban Berg Opern gesehen, die keine Nuance der Gefühlswelt ausließen. Und schließlich ist das Gehörte der Ratgeber, denn die Partitur ist immer noch der tragende Pfeiler der Opernkunst.

rodolfo39

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28

Donnerstag, 7. April 2016, 20:27

Bevor gleich das Dortmund Spiel anfängt ,
lieber hami deiner letzten Aussage kann ich nur zustimmen, ich wundere mich nur da ihr die Handlung die weiedererkennbar sein muss, doch immer so wichtig findet.

Joseph II.

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29

Donnerstag, 7. April 2016, 20:34

Ich habe zum Beispiel eine Norma aus Macerata von den Opernfestspielen wo Pollione aussieht wie ein römischer Zenturio aus den Asterix Filmen .

Immer noch besser als einer von der Gestapo oder Waffen-SS. :untertauch:
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

hami1799

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30

Donnerstag, 7. April 2016, 21:25

ich wundere mich nur dass ihr die Handlung die wiedererkennbar sein muss, doch immer so wichtig findet.

Ja, lieber rodolfo, einfach weil sie zur Partitur passt. Damit nicht gesagt, dass hier Abweichungen ihm Rahmen des musikalischen Geschehens unerwünscht wären. Die letzte Zeit hat aber Vieles zum unverständlichen Exzess getrieben.