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Dieter Stockert

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Beiträge: 962

Registrierungsdatum: 27. September 2014

31

Freitag, 8. April 2016, 01:04

1. Die Oper hat einen Bildungsauftrag, der sich - insofern es sich um öffentliche oder öffentlich geförderte Institutionen handelt - aus dem staatlichen Bildungsauftrag ableiten lässt.
[...]
2. Dieser Bildungsauftrag lässt sich am besten über eine emotionale Ansprache und nicht über wissenschaftliche oder politische Bildung erzielen, durch „Freude bei beglückenden Erlebnissen“ wie „Genuss spendende Theateraufführungen“. Als Begründung werden nicht näher bezeichnete „wissenschaftliche Untersuchungen“ angeführt, die dies „längst nachgewiesen“ haben sollen. [...]
3. Bestimmte Inszenierungsstile sind nicht mit dem Bildungsauftrag des Theaters vereinbar [...]
4. Es gibt keinen Unterschied zwischen „Ekeldarstellungen“ im Dschungelcamp und ähnlichen Szenen auf der Bühne [...]
Aus dem letzten Abschnitt des Artikels »Ohne jede Ironie: Was tun wir?« lese ich noch als These oder Aufforderung:
5. Der »pervertierte Gebrauch« der künstlerischen Freiheit stiftet Schaden. Anstatt zuzuschauen müssten die Kulturpolitiker und anderen Verantwortlichen etwas dagegen tun.
Weikl selbst zitiert die Auskunft der Düsseldorfer Justiz, die unter Berufung auf die Freiheit der Kunst gemäß Grundgesetz (»Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei«) die Einleitung von Ermittlungen ablehnt. Soweit ich sehe, wird der Freiheitsbegriff von Kunst in der Rechtsprechung sehr weit ausgelegt, sogar Verunglimpfungen können dadurch gedeckt sein (zum Beispiel das Lied »Deutschland muß sterben« der Hamburger Punkrock-Gruppe Slime). Zum Schutzbereich der Kunst gehört nicht nur »die eigentliche künstlerische Tätigkeit, der sog. " Werkbereich ", sondern auch die Vermittlung des Kunstwerks an Dritte, der sog. " Wirkbereich". In dieser Ausprägung verbirgt die Kunstfreiheit das Recht, Kunstwerke darzubieten und zu verbreiten« (http://www.sadaba.de/Rsp/GSBR_GG_005_7.html). Wenn das so zutrifft, dann würden sich die mit These 5 angesprochenen Entscheidungsträger außerhalb des Rahmens unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stellen, wenn sie das umsetzen würden.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Gerhard Wischniewski

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Registrierungsdatum: 7. April 2011

32

Freitag, 8. April 2016, 11:22

Zitat

Zitat von Rodolfo: Meine Definition wird euch wahrscheinlich nicht gefallen konventionell bedeutet für mich Ausstattungstheater und Rampensingen verbunden mit den typischen Operngesten.
Lieber Rodolfo,

wenn du "konventionell" auf diese Eigenschaften begrenzt, dann muss ich dir sagen, dass ich nicht unbedingt Wert auf pompöse Ausstattung lege (die es übrigens bei den drei von dir genannten Ausnahmeregisseuren auch gibt), d.h. ich verlange nicht, dass - was ja von der Gegenseite immer wieder fälschlich als Argument ins "Feld geführt" wird - die oft sehr detaillierten Regieanweisungen zum Bühnenbild buchstabengetreu ausgeführt werden. Dieser Vorwurf ist völliger Unsinn. Aber es muss - wie du es an einer Stelle selbst gesagt hast - das Wesentliche des Originalhandlungsortes (durchaus auch mit modernen Mitteln gestaltet) erkennbar sein. Auch die Kostüme müssen nicht pompös sein, aber man sollte in ihnen die Zeit erkennen können, in der das Stück spielt (ich nenne hier das schon oft erwähnte Beispiel "Julius Cäsar" (44 v. Chr.), in der die Soldaten wohl nicht mit Maschinengewehren und Stahlhelmen herumliefen - es gibt davon hunderte Beispiele, die nicht passen).
Ein gutes Beispiel, wie mit schlichtem Bühnenbild und schlichten Kostümen die Oper werkgerecht dargestellt werden kann, ist der "Ring" von Otto Schenk aus der MET mit Bühnenbildern von Schneider Siemssen. Auch die Kostüme waren nicht übertrieben (es erwartet wohl kaum jemand heute noch Walküren in Flügelhelmen).
Was Rampensingen und Operngesten betrifft, so habe ich das - auch ein falscher Vorwurf an die Freunde werkgetreuer Inszenierungen - in Inszenierungen des sogenannten "Regietheaters" auch häufig gesehen. Die Gesten sind oft noch weit schlimmer. Es wird krampfhaft sogenannte "Action" erzeugt, oft durch Hinzufügen von Personen oder zusätzliche Aktionen, die eher stören und enervierend sind. Also in dieser Hinsicht unterscheiden sich Inszenierungen, die von dir als "konventionell" bezeichnet werden, kaum von Inszenierungen, die man gemeinhin als "Regietheater" bezeichnet, im Gegenteil, das wird im letzteren oft bewusst übertrieben.

Zitat

Zitat von Rodolfo: ich wundere mich nur da ihr die Handlung die weiedererkennbar sein muss, doch immer so wichtig findet.
Hier muss ich fragen, was du eigentlich erwartest, wenn du in die Oper gehst: das Werk des Komponisten und seines Librettisten oder eine verworrene Fantasie eines Regisseurs zur missbrauchten Musik? Zur Oper gehört für mich auch die passende Optik.
Ich muss wieder einmal fragen, wofür du eigentlich stehst, da ich deine Beiträge - mal abgesehen davon, dass ich manchmal Schwierigkeiten damit habe, weil du kaum Zeichensetzung verwendest - häufig als widersprüchlich zu vorherigen Beiträgen von dir empfinde.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

33

Freitag, 8. April 2016, 11:28

Meiner Ansicht nach sind die Grenzen der Kunstfreiheit natürlich verhandelbar. Es ist ein hohes Gut, aber es hebelt nicht alle anderen aus.
Es kann nicht schaden, den von Dieter verlinkten juristischen Text durchzulesen. In D können nur Güter von "Verfassungsrang" die Kunstfreiheit aushebeln.
Sowohl im Extremfall vor Gericht, was ja auch immer wieder geschieht, als auch weniger formal. Es gab mehrfach Fälle, sowohl von neuen Stücken als auch von Inszenierungen, die entweder im Vorfeld oder bald nach der Premiere abgesetzt oder verklagt worden sind.
Am einfachsten geht das, wenn sich jemand persönlich geschmäht sieht oder Rassismus/Antisemitismus vorgeworfen wird:
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_M%C3%B…adt_und_der_Tod

Für die Fälle, die Freunde traditioneller Inszenierungen stören, wäre wohl die einzige Option, dass Autoren oder Rechtsnachfolger (letztere vermutlich innerhalb bestimmter Schutzfristen) sich gegen bestimmte "verunstaltende" Inszenierungen wenden. Solch einen Fall gab es 2010 mit Poulencs Dialogues des Carmélites:

"Die Inszenierung von Dmitri Tcherniakov an der Bayerischen Staatsoper aus dem Jahr 2010[4] mit einem abgewandelten Schluss, in dem nur Blanche stirbt, veranlasste die Erben von Poulenc und Bernanos, gerichtlich gegen eine Wiederaufnahme vorzugehen: "Nach Meinung der Erben muss der Märtyrertod aller Nonnen zwingend szenisch umgesetzt werden. Ansonsten würden Deutungsmöglichkeiten eröffnet, die der Kernaussage des Werkes nicht gerecht würden."[5] In erster Instanz wurde die Klage abgewiesen. Das Tribunal de Grande Instance de Paris urteilte, dass die umstrittene Inszenierung den „Kern des Werks“ respektiere. Dieser Auffassung schloss sich in zweiter Instanz das Berufungsgericht in Paris im Wesentlichen an, allerdings darf die Aufzeichnung der Produktion auf DVD nicht mehr vertrieben werden."

https://de.wikipedia.org/wiki/Dialogues_…auff.C3.BChrung

https://www.staatsoper.de/presse/pressei…nterbinden.html

Wenn ohnehin schon jetzt z.B. die Intendanten im Prinzip jede Inszenierung schon im Vorfeld ändern, "mäßigen" oder canceln können, ist mir, wie anderswo schon angedeutet, nicht ganz klar, wie in der Praxis zusätzliche "Kontrollgremien" aussehen sollten. Das klingt erstmal nach Zusatzaufwand mit fragwürdigem zusätzlichen Nutzen.
Ich halte es aber sowohl für systematisch fragwürdig, Richtlinien, wie etwa Stimmenliebhaber sie in einer "Ethik" des nachschaffenden Künstlers sieht, überhaupt festzulegen (außer als Lippenbekenntnis - da stehen sie vermutlich schon mal irgendwo drin), bezweifle erst recht den Erfolg in der Praxis für die Freunde traditionellerer Inszenierungen, und schließlich droht, nicht ganz zu Unrecht der Vorwurf einer Zensur. Ich habe aber weder von der Theaterpraxis noch vom Recht dieses Bereichs Ahnung, so dass ich einfach nicht weiß, was es hier für rechtsfeste Möglichkeiten gäbe.

Das Blöde bei Freiheiten ist eben, dass man ihren "pervertierten Gebrauch" aushalten muss.

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

Beiträge: 3 136

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34

Freitag, 8. April 2016, 11:55

Lieber Gerhard,
warum muss man sich für eine Seite entscheiden ? Und ich schreibe es zum wiederholten mal, das ich konventionelle Inszenierung mag, aber auch gut gemachtes RT. Wenn ich eine Auuführung besuche, geht es mir in erster Linie um die Musik. Wie stimmenliebhaber schrieb heisst es immernoch Musiktheater. Wenn in die Oper geht nehme ich mir immer eine Partitur mit und verfolge damit die Oper. Wenn ich eine Radio Übertragung höre, muss ich mich schliesslich auch auf die Musik konzentrieren.

Gerhard Wischniewski

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  • »Gerhard Wischniewski« ist männlich

Beiträge: 4 440

Registrierungsdatum: 7. April 2011

35

Freitag, 8. April 2016, 12:11

Lieber Rodolfo,

ja, ich denke man sollte schon einen klaren Standpunkt haben und nicht einmal so, ein anders Mal anders argumentieren. Und in einem unterscheidet sich meine und die Meinung vieler von der deinigen: Eine Oper ist für mich - wenn ich ins Opernhaus gehe - immer noch Musik und Theater, denn dafür ist sie ja wohl gedacht und wohl kaum für nur konzertante Aufführungen, die dir insofern sicherlich entgegenkommen, als du die Musik anhand der Partitur verfolgen willst.
Ich - und ich denke die meisten Besucher eines Opernhauses - möchten die Musik nur hören und genießen (auch wenn hier Einige der Meinung sind, Musik dürfe man nicht genießen, sondern müsse sie lediglich analysieren). Das dazu passende Bild ist für mich und sie nicht die Partitur, auf die man ja, wenn man das verfolgen wollte, eigentlich ständig starren müsste, sondern das Geschehen auf der Bühne. Und da stören mich selbst Unter- oder Übertitel. Da befasse ich mich doch lieber vorher mit dem Textbuch.
Ich glaube auch kaum, dass die meisten Zuschauer im Opernhaus so gewandt im Partiturlesen sind wie du, ja überhaupt das Lesen einer Partitur gelernt haben, oder bist du da anderer Ansicht?
Und wenn du hier wieder von RT sprichst, hast du mich noch immer nicht verstanden, obwohl ich das schon sehr häufig klarzustellen versucht habe. Ich meine nicht das RT, sondern das Theater, das die Handlung verunstaltet, deshalb verwende ich, um den Unterschied klar zu stellen, auch das Wort "Verunstaltungstheater"(was heute allerdings weitgehend der Fall ist), und werde es weiter verwenden, auch wenn sich hier Einige sogar an dem ganz normalen Wort "verunstaltet" stoßen.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

Dieter Stockert

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36

Freitag, 8. April 2016, 13:41

(auch wenn hier Einige der Meinung sind, Musik dürfe man nicht genießen, sondern müsse sie lediglich analysieren).
Ich habe das hier bei Tamino noch von niemandem gelesen. Kannst Du uns bitte zeigen, wo das steht?

Und wenn du hier wieder von RT sprichst, hast du mich noch immer nicht verstanden, obwohl ich das schon sehr häufig klarzustellen versucht habe. Ich meine nicht das RT, sondern das Theater, das die Handlung verunstaltet, deshalb verwende ich, um den Unterschied klar zu stellen, auch das Wort "Verunstaltungstheater"(was heute allerdings weitgehend der Fall ist), und werde es weiter verwenden, auch wenn sich hier Einige sogar an dem ganz normalen Wort "verunstaltet" stoßen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass es auch nur ein Tamino-Mitglied gibt, das genau das nicht schon ein Dutzendmal von Dir gelesen hat. Das ist nun nicht weiter schlimm, jeder von uns hat seine Lieblingsthemen, auf die er immer wieder zurückkommt.
Allerdings wäre es schön, wenn zwischendurch auch mal zum eigentlichen Thema der Diskussion etwas käme und wenn Du auf Argumente eingehen würdest. Du machst Dir zwar viel Mühe, mit immer wieder etwas anderen Worten dasselbe zu sagen wie:

Zitat

Aber es muss - wie du es an einer Stelle selbst gesagt hast - das Wesentliche des Originalhandlungsortes (durchaus auch mit modernen Mitteln gestaltet) erkennbar sein. Auch die Kostüme müssen nicht pompös sein, aber man sollte in ihnen die Zeit erkennen können, in der das Stück spielt (ich nenne hier das schon oft erwähnte Beispiel "Julius Cäsar" (44 v. Chr.), in der die Soldaten wohl nicht mit Maschinengewehren und Stahlhelmen herumliefen - es gibt davon hunderte Beispiele, die nicht passen).
Wie oft wurde hier schon erklärt, dass es nicht so einfach ist: Libretto und Partitur stehen in Widerspruch zueinander, der Komponist hat Orte und Zeiten wild durcheinandergebracht, verschiedene Fassungen eines Stückes, die der Komponist selbst je nach Aufführungsbedingungen erstellt hat, bringen unterschiedliche Aspekte zum Vorschein, das Kunstwerk beinhaltet mehr als der Künstler sagen kann, und und und. Und bei all diesen Sachen sind wir nicht am Philosophieren oder Theoretisieren, wie Du anscheinend meinst, sondern das sind ganz theaterpraktische Fragen. Wann kann ich von Dir einen Beitrag lesen, in dem Du wirklich auf Argumente eingehst?
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

Stimmenliebhaber

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  • »Stimmenliebhaber« ist männlich

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Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

37

Freitag, 8. April 2016, 13:42

Das Blöde bei Freiheiten ist eben, dass man ihren "pervertierten Gebrauch" aushalten muss.
Muss man nicht. Man kann auch sagen: "Bis hierher und nicht weiter!"
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

38

Freitag, 8. April 2016, 14:15

Das Blöde bei Freiheiten ist eben, dass man ihren "pervertierten Gebrauch" aushalten muss.
Muss man nicht. Man kann auch sagen: "Bis hierher und nicht weiter!"


Wann genau sagt man das? Die Poulenc-Erben haben in dem o.g. Fall anscheinend so etwas versucht und sind vor Gericht nicht durchgekommen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass die Richter so entschieden haben, weil es hardcore-RT-Fans sind... Die bayrische Staatsoper scheint sich ebenfalls geschlossen hinter die Inszenierung zu stellen (vgl. links).
Viel Spaß bei der juristischen Formulierung und der Lobby-Arbeit für ein entsprechendes Gesetz...

Stimmenliebhaber

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39

Freitag, 8. April 2016, 14:19

Es geht um die Findung eines neuen gesellschaftlichen Grundkonsenses in dieser Frage, um eine gemeinsame Erarbeitung von Kriterien und Maßstäben zur Beurteilung von Inszenierungen, um die Formulierung einer neuen Ethik. Die Scheißegal-Mentalität auf beiden Seiten, also entweder eh alles abschaffen und dichtmachen oder ja, Freiheit heißt nunmal, dass man jeden Blödsinn ertragen muss, hilft dabei nicht weiter...

Ich muss immer an Luther denken: dem hat man vor 500 Jahren gewiss auch gesagt: ja, den Ablasshandel und die Ausschweifungen der Päpste in Rom muss man schon ertragen...
Wenn er seine Stimme nicht dagegen erhoben und Änderungen erzwungen hätte, hätte sich nichts geändert!
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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hami1799

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40

Freitag, 8. April 2016, 14:44

die bayrische Staatsoper scheint sich ebenfalls geschlossen hinter die Inszenierung zu stellen

Jawohl! Das hatte ich schon einmal in einem anderen Thread mit einigen Zeilen erwähnt,
obwohl es nur Sinn machen, wenn man die Ludwig Toma-Alfredf Gondrells-Fassung kennt.

Ein Münchner im Himmel fing dort an zu toben.
Er wollte die seligen Geister nicht loben.
Viel lieber wär ihm doch ein bayrisches Bier,
als Manna zu kauen im hohen Revier.
Und auf einer Wolke entrückt zu frohlocken,
das brachte den Münchner so recht erst zum Bocken.
So plärrt er und wütet in Bayernmanier.
Dem Petrus verschwindet das Sprachgefühl schier.
Doch als er mit Mühe es wieder erhalten,
begann er des himmlischen Amtes zu walten:

"Jetzt glangt´s aber mit deinem blöden Gestammel,
du Haferlschuhmandl, du batzerter Hammel,
du bayrischer Hiasl, du grantiger Bua
von solcherne Deppen ham mir hier scho gnua.
Drum scher dich zum Teufel, du saugrober Bengel,
ein Grantler wie du wird niemals ein Engel.
So flieg denn zurück in die seltsame Stadt,
die außer Touristen nichts Menschliches hat,
wo selbst in der Oper geheiligtem Hain
verbreitet Herr Bachler Entsetzen und Pein."

Das ließ sich der Grobe nicht abermals sagen,
doch wurd´ ihm dazu noch vom Amt aufgetragen,
er soll in den weiß-blauen, bayrischen Gründen
die Botschaft der himmlischen Pforte verkünden:
"Man würde in München der hohen Regierung
das Denken erleichtern durch göttliche Führung,
die, näher erläutert auf Büttenpapiere,
der Flüchtling vom Himmel im Flug mit sich führe."

So kehrt unser Batzi zur Erde zurück
und findet das Hofbräuhaus zu seinem Glück.
Dort ist er dann manch gute Stunde gesessen
und hat schnell den Himmel samt Auftrag vergessen.
Und Bayerns Regierung regiert wie gewohnt
von Klugheit und göttlichem Rate verschont
und waltet noch lange in himmlischer Ruh,
denn ein echter Bayer wählt stets CSU.

lutgra

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Registrierungsdatum: 9. April 2013

41

Freitag, 8. April 2016, 16:50

Wenn ohnehin schon jetzt z.B. die Intendanten im Prinzip jede Inszenierung schon im Vorfeld ändern, "mäßigen" oder canceln können, ist mir, wie anderswo schon angedeutet, nicht ganz klar, wie in der Praxis zusätzliche "Kontrollgremien" aussehen sollten. Das klingt erstmal nach Zusatzaufwand mit fragwürdigem zusätzlichen Nutzen.
Ich halte es aber sowohl für systematisch fragwürdig, Richtlinien, wie etwa Stimmenliebhaber sie in einer "Ethik" des nachschaffenden Künstlers sieht, überhaupt festzulegen (außer als Lippenbekenntnis - da stehen sie vermutlich schon mal irgendwo drin), bezweifle erst recht den Erfolg in der Praxis für die Freunde traditionellerer Inszenierungen, und schließlich droht, nicht ganz zu Unrecht der Vorwurf einer Zensur.


Auch ich kann mir keine "Instanz" vorstellen, die eine solche Aufgabe übernehmen könnte, ohne dass es wie eine "Zensur" wirkt. Am Ende des Tages kann nur das Publikum entscheiden, mit den Füßen. Und tut es auch zumindest hier in Stuttgart. Die Leute murren und sind leicht genervt von vielen Inszenierungen soweit man das aus Pausen- oder Nachbargesprächen entnehmen kann, sie gehen aber trotzdem hin. Die missratene Carmen-Inszenierung, die ich vor zwei Wochen gesehen habe, wurde ob ihrer Wiederaufnahme in der Stuttgarter Zeitung schon vorab gescholten. Trotzdem war das Haus voll und eine Mitarbeiterin, die ich vorgewarnt hatte, meinte, so schlimm sei es ja gar nicht gewesen. Und ich denke, so akzeptieren letztendlich viele, was sie da geboten kriegen.

Joseph II.

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Registrierungsdatum: 29. März 2005

42

Freitag, 8. April 2016, 16:56

Die missratene Carmen-Inszenierung, die ich vor zwei Wochen gesehen habe, wurde ob ihrer Wiederaufnahme in der Stuttgarter Zeitung schon vorab gescholten. Trotzdem war das Haus voll und eine Mitarbeiterin, die ich vorgewarnt hatte, meinte, so schlimm sei es ja gar nicht gewesen. Und ich denke, so akzeptieren letztendlich viele, was sie da geboten kriegen.

Man toleriert es, wörtlich vom lateinischen tolerare: man erträgt es, lässt es über sich ergehen. Der Musik zuliebe. Das ist die Krux. Man hat de facto meist wenige Ausweichmöglichkeiten. Nicht jeder kann mal eben nach New York City fliegen und die Inszenierung an der Met genießen. Ich war ja auch schon in einigen haarsträubenden Inszenierungen, sicher nicht deswegen, sondern trotzdem. Es ist wirklich ein Jammertal. :S
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Dieter Stockert

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43

Freitag, 8. April 2016, 17:26

Man toleriert es, wörtlich vom lateinischen tolerare: man erträgt es, lässt es über sich ergehen.
Man hat die Freiheit, Inszenierungen, die einem nicht gefallen, der Musik wegen zu »tolerieren« oder eben sie nicht zu besuchen. Aber wir müssen in unserer relativ freiheitlichen Gesellschaftsordnung immer wieder etwas aushalten, das uns nicht unbedingt gefällt. Johannes bringt es auf den Punkt:

Zitat

Ich würde vermutlich etliche oder viele der Dich entsetzenden Inszenierungen ebenfalls verwerfen. Ich sehe eben nur erhebliche Schwierigkeiten, die zu verhindern, ohne die Freiheit in einer Weise einzuschränken, die mir erst recht problematisch erscheint.
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Dieter Stockert

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44

Freitag, 8. April 2016, 18:26

Aber wenn man von seinem Stil absieht, beschreibt [Weikl] etwas sehr Reales. Was er meint, ist doch die schlichte Tatsache, dass heute im Theater (nicht nur in der Oper!) Meisterwerke vielfach nicht interpretiert, sondern als Vorwand für selbstherrliche geistige Selbstbefriedigung missbraucht werden. Und dass dies nicht im Sinne des staatlichen Bildungsauftrags ist, kann in fast jeder Aufführung besichtigt werden. Daran ändern auch noch so eloquente "Argumente" nichts. […]
Es geht doch nicht um den »Stil« von Weikl, sondern um den Inhalt dessen, was er schreibt.
Und was den Bildungsauftrag angeht, so finde ich es einfach unlauter, was Weikl wie zitiert. Ich wiederhole, was ich anderswo schon gesagt habe: Weikl zitiert aus »Absatz 2.3« zum Bildungsauftrag in Sachsen, nur verschweigt er, dass das, was er zitiert, eben nicht in der Verfassung des Freistaates Sachsen steht, sondern in einem »Gutachten Theater und Orchester im Freistaat Sachsen. Bestandsaufnahme und Empfehlungen zur weiteren Entwicklung, vorgelegt von Dr. Reiner Zimmermann, Claudia Hampe, Dr. Rolf Lettmann, Dr. Jürgen Uwe Ohlau und Rolf Stiska. Juli 2007«. Und er lässt diesen Satz komplett weg: »Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Arbeit eines Kinder- und Jugendtheaters nicht vergleichbar ist mit kulturellen Einrichtungen, die für den Erwachsenenbereich arbeiten.« Hier wird also ausdrücklich gesagt, dass Erwachsenentheater und Theater für die Jugend zwei verschiedene Sachen sind. Eine Operninszenierung muss also beileibe nicht so sein, dass sie auch für Kinder oder Jugendliche geeignet ist.
Ich fasse zusammen: Ein Zitat zu bringen und so zu tun, als stünde es in der Verfassung, obwohl es weder dort noch in einem nachgeordneten Gesetz steht, sondern nur in einem Gutachten, und dann das Zitat auch noch so zu verkürzen, dass es zu den eigenen Ansichten passt, obwohl es eigentlich genau das Gegenteil aussagt, das ist keine Kleinigkeit und das hat mit »Stil« nichts mehr zu tun. Das ist entweder grandiose Schlamperei (man sieht etwas, von dem man meint, es passt zu den eigenen Ansichten, liest dann aber nicht richtig) oder es ist schlicht und einfach unredlich. Und da enttäuscht es mich, wenn die Weikl-Freunde zu diesen Punkten einfach schweigen. Ich bin es eigentlich gewöhnt, auch und gerade zu Freunden ehrlich zu sein.

Wie interpretiert man den öffentlichen Bildungsauftrag und wer kennt ihn überhaupt?
Das ist eine gute Frage. Weikls Artikel bringt uns da aber nicht weiter.
»Ich habe keine Zeile geschrieben.« (Thomas Brasch: Der schöne 27. September)

lutgra

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45

Freitag, 8. April 2016, 18:41

Und dass dies nicht im Sinne des staatlichen Bildungsauftrags ist, kann in fast jeder Aufführung besichtigt werden.

Für die Durchsetzung des staatlichen Bildungsauftrags sind m.E. die Schul- und Kultusministerien der Bundesländer verantwortlich. Mir ist nicht bekannt, dass diese die Staatsbühnen regelmäßig abmahnen, weil sie ihren Bildungsauftrag nicht erfüllen.

Stimmenliebhaber

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46

Freitag, 8. April 2016, 19:57

Und dass dies nicht im Sinne des staatlichen Bildungsauftrags ist, kann in fast jeder Aufführung besichtigt werden.

Für die Durchsetzung des staatlichen Bildungsauftrags sind m.E. die Schul- und Kultusministerien der Bundesländer verantwortlich. Mir ist nicht bekannt, dass diese die Staatsbühnen regelmäßig abmahnen, weil sie ihren Bildungsauftrag nicht erfüllen.
Eigentich schade! Wenn ein Opernhaus wie Hannover die ganzen Schulklassen, die den "Freischütz" im Musikunterricht behandeln, aufgrund der Inszenierung wieder auslädt, ist das eigentlich eine Abmahnung wert!
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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lutgra

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47

Freitag, 8. April 2016, 20:19

Eigentich schade! Wenn ein Opernhaus wie Hannover die ganzen Schulklassen, die den "Freischütz" im Musikunterricht behandeln, aufgrund der Inszenierung wieder auslädt, ist das eigentlich eine Abmahnung wert!

Ich glaube, es ist ganz gut, wenn wir die Politiker außen vor lassen. Ich erinnere da eine unrühmliche Intervention eines ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters und späteren Bundeskanzlers bezüglich eines Balletts, das inzwischen zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts zählt. Ich bezweifle zwar, dass man in 100 Jahren über den Hannoveraner Freischütz ähnlich denkt, aber wer weiß.;)

hami1799

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  • »hami1799« ist männlich

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48

Freitag, 8. April 2016, 21:20

Ich glaube, es ist ganz gut, wenn wir die Politiker außen vor lassen.

Bin im Prinzip auch nicht für derlei Einmischungen, aber das Ausladen einer Schulklasse, die eine romantische Oper hören will, ist an sich schon ein Politikum.

lutgra

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  • »lutgra« ist männlich

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49

Freitag, 8. April 2016, 21:25

aber das Ausladen einer Schulklasse, die eine romantische Oper hören will, ist an sich schon ein Politikum.

Das ist sicher keine glückliche Lösung, vielleicht hätte man eine "abgemilderte" Version für die Schulklassen auf die Beine stellen können. Das kann ich aus der Ferne aber natürlich nicht beurteilen. Es ist sicher auch ein Versäumnis der Intendanz, hier nicht im Vorfeld dem Regisseur eine klare Ansage gemacht zu haben.

Stimmenliebhaber

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  • »Stimmenliebhaber« ist männlich

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Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

50

Freitag, 8. April 2016, 23:12

aber wer weiß
Ich glaube, wir wissen alle, dass nicht...

(Zumal das eine mit dem anderen nichts zu tun hat: das eine war ein genuin neues revolutionäres Kunstwerk, das andere ist eine - nun wirklich! - Verhunzung einer 200 Jahre alten Oper, an der gemessen die Verhunzung die Lebenserwartung einer Eintagsfliege hat!=

aber das Ausladen einer Schulklasse
es ging nicht nur um EINE Schulklasse...

vielleicht hätte man eine "abgemilderte" Version für die Schulklassen auf die Beine stellen können.
Ich fürchte, diese Inszenierung war so total daneben, dass man davon auch keine "abgemilderte Version" anbieten konnte. Außerdem wurde man ja ohnehin schon zur Abmilderung gezwungen: man durfte das Thielemann-Brüggemann-Interview-Video aus rechtlichen Gründne nicht mehr zeigen. Wenigstens hier hätte sich doch mal vorher jemand Gedanken machen und eingreifen oder andernfalls die rechtliche Situation abklären können, damit der Quatsch so stattfinden kann, oder?
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Gerhard Wischniewski

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51

Freitag, 8. April 2016, 23:35

Man sagt, ein manche müssten erst in der Gosse liegen, ehe sie ihr Problem erkennen. Ich hatte nach einigen Theaterskandalen der letzten Jahre die Hoffnung, dass die tiefste Gosse nun endlich erreicht sei und man schließlich zur Besinnung kommen würde. Aber dann kamen immer noch tiefere Gossen, wie z.B. die in Hannover. Ob es wohl noch tiefere geben wird? Der "Vampir" ist ja ein ähnlicher Fall.

Liebe Grüße
Gerhard
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Sixtus

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52

Samstag, 9. April 2016, 11:05

In meinem gestrigen Beitrag (16) ist am Schluss der Gaul mit mir durchgegangen mit der Formulierung "leeres Geschwätz". Was ich meinte, war: Eine Diskussion über die Aufführung von Opern läuft ins Leere, wenn die Teilnehmer immer wieder nur ihre altbekannten Standpunkte austauschen. Ich wünsche mir konkreteren Sachbezug und mehr Nähe bei dem, was hier zur Debatte steht.

Inzwischen bin ich in einem fundierten Sachbuch ("Das Wunderwerk der Oper") des Münchner Musikwissenschaftlers Jens Malte Fischer auf eine Definition der Grenzen von Freiheit der Regiekunst gestoßen. Fischer kommt (zusammengefasst) zu dem Schluss:

"Eine grundsätzliche Verdammung von Aktualisierungen...ist kurzsichtig; nur müssen sie sich allgemeinverständlich mitteilen können und...auch ohne die Lektüre von Programmheftartikeln verständlich sein." Andererseits müsse man die Forderung nach "Werktreue" aufgeben und durch die Forderung nach der "Realisierung der Werkidee " ersetzen.
In diesem Zusammenhang geißelt Fischer auch die realistische Darstellung von krassen Sex- und Gewaltszenen in der Oper als peinliche Entgleisung. Er sieht darin eine "würdelose Selbsterniedrigung des Theaters von heute, sich hier in eine aussichtslose Konkurrenz zu begeben" (mit Film und Fernsehen).
Diese Sätze sind leider nicht von mir (!), geben aber ziemlich genau das wieder, was ich, auch im Zusammenhang mit dem Bildungsauftrag, oft empfinde. Und da denke ich, hat Weikl inhaltlich recht. Auch wenn er nicht immer juristisch wasserdicht zitiert - wir wissenja, was er meint und müssen uns nicht an Spitzfindigkeiten aufhalten.

Ich werde mir heute Abend die "Tristan"-Premiere in Kaiserslautern (!) antun, um im Merker darüber zu berichten. Vermutlich gibt es da wieder einiges zur Sache zu sagen. Ich komme darauf zurück.

Für heute beste Grüße von Sixtus

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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53

Samstag, 9. April 2016, 11:14

Es geht um die Findung eines neuen gesellschaftlichen Grundkonsenses in dieser Frage, um eine gemeinsame Erarbeitung von Kriterien und Maßstäben zur Beurteilung von Inszenierungen, um die Formulierung einer neuen Ethik. Die Scheißegal-Mentalität auf beiden Seiten, also entweder eh alles abschaffen und dichtmachen oder ja, Freiheit heißt nunmal, dass man jeden Blödsinn ertragen muss, hilft dabei nicht weiter...

Das ist keine Scheißegal-Mentalität, sondern ein offenes Einräumen dessen, was Freiheiten mit sich bringen. Ich bin auch nicht erfreut darüber, jeden Sommer in der Fußgängerzone mit dem Anblick von Arschgeweihen u.ä. beglückt zu werden. Aber ich halte lieber das aus, als ein Gesetz zu fordern, das jungen Frauen eine Kleiderordnung aufdrückt.
Ich hielte es auch für nicht ganz unproblematisch (und in der Praxis eher wirkungslos), wenn man an Lehrer und Eltern appellierte, ihrem Nachwuchs derartige Körperverschönerungen auszureden und klar zu machen, dass man in der Stadt nicht rumläuft wie am Strand oder auf dem Strich. Das könnte man zwar versuchen, aber es würde vermutlich gar nichts fruchten, weil die Leute sich bevormundet fühlen würden und man sich als gestriger Spießer bl0ßgestellt hätte und noch weniger Chancen hätte, etwas zu verbessern.
(Es gibt andere Dinge, wie etwa der unsägliche pauschale und unverschämt hohe Rundfunkbeitrag, der angesichts der "Qualität" des öffentlich-rechtlichen Fernsehens eine blanke Unverschämtheit ist, bei dem ich kurz überlegt hatte, etwas zu unternehmen. Ich habe das aber nicht getan, weil mir für solche zumal wahrscheinlich fruchtlosen Kriege mit Behörden, die Nerven fehlen.)

Es ist überhaupt nichts dagegen zu sagen, wenn Du und andere darauf hinarbeiten möchten, dass es "bessere" oder traditionellere Inszenierungen gibt. Wenn aber die von Dir anderswo angesprochenen Mechanismen "versagen" (weil die Intendanten entweder nicht als Zensoren dastehen wollen oder waghalsige Inszenierungen gutheißen) und die Rechtslage und Rechtsprechung anscheinend relativ eindeutig pro Freiheit sind, wenn die historische Entwicklung und die Theorie, auf deren Basis der Regie- und Intendanznachwuchs ausgebildet werden, die momentane Situation hervorgebracht haben und unterfüttern, dann sollte man sich darüber klar sein, dass das sehr schwierig ist und vermutlich nur indirekt und sehr langfristig Erfolg haben kann.
Es hilft ziemlich sicher nichts, möglichst emotional zu reagieren

Gerhard Wischniewski

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54

Samstag, 9. April 2016, 13:00

Immer wieder diese sogenannte "Freiheit der Kunst". :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha: Ja, ein Regisseur hat die Freiheit, ein eigenes Werk zu schaffen und dazu auch die Musik - falls er sie selbst nicht komponieren kann - in Auftrag zu geben. Erst dann kann ich ihn als "Künstler" betrachten, in Bezug auf fremde Werke ist er Handwerker (Restaurator), er hat das Werk in neuem Glanz erstehen zu lassen, es aber nicht, in dem er es durch eigene Willkürlichkeiten zu entstellt. Wenn er das nicht kann, ist er weder Künstler, noch versteht er sein Handwerk. In meinen Augen also geht die Freiheit nicht soweit, fremde Kunstwerke zu zerstören. Auch ein Gemälde, eine Skulptur, ein literarisches Werk darf nicht zerstört werden, und würde bestraft!! Zumindest dürfte es nicht mehr als das Werk des ursprünglichen Komponisten deklariert werden. (Ich weiß, ich wiederhole mich, aber dieser hier nicht zutreffende Begriff "Freiheit der Kunst" wird ja hier auch zum gefühlt hundertsten Male "zu Tode geritten". Bei einer solchen Auffassung von Freiheit "sträuben sich mir die Haare").

Liebe Grüße
Gerhard
Ich mache dringend darauf aufmerksam, dass die szenischen Vorschriften, wie sie in der Partitur mit großer Genauigkeit angegeben sind, mit skrupulöser Treue befolgt werden.
(Wagner in einem Brief zu seinem "Tannhäuser" an Stocks 1841)

Joseph II.

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55

Samstag, 9. April 2016, 13:12

Ja, ein Regisseur hat die Freiheit, ein eigenes Werk zu schaffen und dazu auch die Musik - falls er sie selbst nicht komponieren kann - in Auftrag zu geben.

Genau, lieber Gerhard. Nur ginge dann kaum ein Mensch in dieses "Kunstwerk" und das vom Regisseur geliebte "Baden im Buhorkan" entfiele auch, weil wohl nur die Handvoll Jünger im Publikum säße und den "Meister" frenetisch feiern würde. :D So ein Regisseursleben ist schon hart.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Bertarido

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56

Samstag, 9. April 2016, 13:27

Immer wieder diese sogenannte "Freiheit der Kunst". :hahahaha: :hahahaha: :hahahaha: Ja, ein Regisseur hat die Freiheit, ein eigenes Werk zu schaffen und dazu auch die Musik - falls er sie selbst nicht komponieren kann - in Auftrag zu geben. Erst dann kann ich ihn als "Künstler" betrachten, in Bezug auf fremde Werke ist er Handwerker (Restaurator), er hat das Werk in neuem Glanz erstehen zu lassen, es aber nicht, in dem er es durch eigene Willkürlichkeiten zu entstellt. Wenn er das nicht kann, ist er weder Künstler, noch versteht er sein Handwerk. In meinen Augen also geht die Freiheit nicht soweit, fremde Kunstwerke zu zerstören. Auch ein Gemälde, eine Skulptur, ein literarisches Werk darf nicht zerstört werden, und würde bestraft!! Zumindest dürfte es nicht mehr als das Werk des ursprünglichen Komponisten deklariert werden. (Ich weiß, ich wiederhole mich, aber dieser hier nicht zutreffende Begriff "Freiheit der Kunst" wird ja hier auch zum gefühlt hundertsten Male "zu Tode geritten". Bei einer solchen Auffassung von Freiheit "sträuben sich mir die Haare").

Ja, Du wiederholst Dich, und die Diskussion dreht sich wie gehabt im Kreise. Nahezu jedem Satz, den Du geschrieben hast, würde ich widersprechen, aber es hat keinen Sinn. Um hier weiter zu kommen, müsste man eine der von Dir so ungeliebten theoretischen Diskussionen zum Beispiel über den Begriff des (Kunst)Werks in Bezug auf Opern beginnen. Dazu hat Holger schon vieles gesagt, was Grundlage einer weiterführenden Diskussion sein könnte, aber die wird natürlich nicht zustande kommen. So verbleiben wir im Stadium des "Es muss so sein, weil ich es so will".

Stimmenliebhaber

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57

Samstag, 9. April 2016, 14:33

Es hilft ziemlich sicher nichts, möglichst emotional zu reagieren
Es hilft auch nicht, immer auf cool zu machen und vor Problemen die Augen zu verschließen. Musik und Oper sind nunmal so ziemlich das emotionalste, was es gibt, das "Kraftwerk der Gefühle", denen man auch freien Lauf lassen können sollte. Ein Problem des Regietheaters ist, dass manche Regisseure das Ausleben dieser Emotionen, das Mitfühlen und Mitleiden der Zuschauer mit den Figuren auf der Bühen durch Ironisierung und andere Brechungen gerne unmöglich machen möchten - dann leben sich diese Emotionen halt anders aus...

Übrigens hatte ich das durchaus ernstgemeint, dass ich an einer Weiterführung der Diskussion zwischen uns beiden wenig bis gar nicht interessiert bin, weil unsere Positionen einfach zu weit auseinanderliegen und das Ganze deshalb einfach keinen Sinn machst. Wenn du freilich weiterhin meinst, auf nahezu jeden meiner Beiträge zu diesem Thema, mit dem ich auf die Beiträge anderer(!) antworte, einen Antwortbeitrag verfassen zu müssen, lässt sich das leider nicht immer vermeiden...
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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lutgra

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58

Samstag, 9. April 2016, 15:09

Wir leben Gott sei Dank in einer freien Gesellschaft und Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst sind sehr hohe Güter. Sie wg. missliebigen Inszenierungen aufzugeben, hielte ich für eine Katastrophe. Wie es aussieht, wenn Politik und vermeintlicher Mehrheitswillen darüber entscheiden, was Kunst ist und was nicht, konnte man man ja in der Geschichte des 20. Jahrhunderts an zahlreichen Stellen sehen. Und dass die Führung unseres Landes derzeit vor einem üblen Staatsführer buckelt und die Freiheit der Satire einschränkt, finde ich einen unglaublichen Vorgang.
Nein, einen Herrn Bieito und einer Herrn Castorf muss eine freie Gesellschaft schon aushalten können. Und auch wenn mir deren Inszenierungen überhaupt nicht gefallen, ist es doch absurd zu behaupten, sie würden die jeweiligen Werke zerstören. Wenn ein Kunstwerk zerstört wird, ist es weg. Wenn Herr Bieito den Parsifal inszeniert, gefällt er mir zwar heute Abend nicht, aber die nächste Inszenierung kann ja wieder ein ganz andere sein. Also von "Zerstörung" kann überhaupt keine Rede sein.
Diese Dinge kann man nur im freien gesellschaftlichen Diskurs regeln, das ist anstrengend und mühselig, aber eine Alternative sehe ich nicht.

Stimmenliebhaber

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59

Samstag, 9. April 2016, 15:16

Wir leben Gott sei Dank in einer freien Gesellschaft und Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst sind sehr hohe Güter. Sie wg. missliebigen Inszenierungen aufzugeben, hielte ich für eine Katastrophe. Wie es aussieht, wenn Politik und vermeintlicher Mehrheitswillen darüber entscheiden, was Kunst ist und was nicht, konnte man man ja in der Geschichte des 20. Jahrhunderts an zahlreichen Stellen sehen. Und dass die Führung unseres Landes derzeit vor einem üblen Staatsführer buckelt und die Freiheit der Satire einschränkt, finde ich einen unglaublichen Vorgang.
Nein, einen Herrn Bieito und einer Herrn Castorf muss eine freie Gesellschaft schon aushalten können. Und auch wenn mir deren Inszenierungen überhaupt nicht gefallen, ist es doch absurd zu behaupten, sie würden die jeweiligen Werke zerstören. Wenn ein Kunstwerk zerstört wird, ist es weg. Wenn Herr Bieito den Parsifal inszeniert, gefällt er mir zwar heute Abend nicht, aber die nächste Inszenierung kann ja wieder ein ganz andere sein. Also von "Zerstörung" kann überhaupt keine Rede sein.
Diese Dinge kann man nur im freien gesellschaftlichen Diskurs regeln, das ist anstrengend und mühselig, aber eine Alternative sehe ich nicht.
Du verstehst mich nicht. Man muss sich sehr genau überlegen, was mit Steuermitteln förderungswürdig ist und was nicht. Die freiheit der Kunst wird dadurch nicht tangiert, nur müssten sich die Künstler, welche die Gesellschaft nicht finanzieren möchte, nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten umsehen oder etwas produzieren, was nicht zu teuer ist.
Sich darüber einmal klar zu werden, was eigentlich förderungswürdig ist und was nicht, finde ich persönlich weit besser als auf die Schreier zu hören, die wegen einiger Inszenierungen am liebsten das Kind mit dem Bade ausschütten, sie Subventionen gänzlich kürzen und so den Weiterbetrieb der deutschen (Musik-)theaterlandschaft so unmöglich machen würden. Da verzichte ich persönlich lieber auf einige Auswüchse bzw. befürworte moderateres bzw. eine bessere Mischung, als auf alles zu verzichten. Durch solche Normen für förderungswürdige Kulturangebote kann man den Subventionskritikern den Wind aus den Segeln nehmen, denen aus der konservativen Inszenierungsecke wie den immer mehr werdenden Kulturlosen (siehe aktuell Augsburg!!!), welche die Kulturförderung immer weiter infrage stellen.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Stimmenliebhaber

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60

Samstag, 9. April 2016, 15:22

Und dass die Führung unseres Landes derzeit vor einem üblen Staatsführer buckelt und die Freiheit der Satire einschränkt, finde ich einen unglaublichen Vorgang.
Das Extradrei-Lied ist großartig, aber Herr Böhmermann hat bei seinem Spottgedicht offenbar eine juristische Grenze überschritten. Es gibt also Grenzen und deshlab solte man über solche reden. Die permanente Grenzüberschreitung und der Versuch der Aushebleung von letzten Grenzen ist ja fast schon zanghaft und pervertiert die Freiheit, anstatt sie zu stärken. Deswegen sollte man nicht so tun, als wenn es keien Grenzen gäbe und auch keine nötig seien - das Gegenteil ist der Fall!

Wenn Herr Bieito den Parsifal inszeniert, gefällt er mir zwar heute Abend nicht, aber die nächste Inszenierung kann ja wieder ein ganz andere sein.
Kann und wird eine andere sein, aber auch eine bessere? Vielleicht aber auch nicht, und es wäre doch schön, im öffentlichen Bewusstsein etwas dafür zu tun, dass der Druck steigt, dass es eine bessere wird und dass der "Wahn" nicht immer weiter auf die Spitze getrieben wird. Wie lange soll es noch dauern, bis in Wagner-Opern Musik zeitgenössischer Komponisten eingeschoben wird, bis man so etwas für eine Selbstverständlichkeit hält? Ich hoffe, noch sehr lange - und dafür, dass das nicht zu schnell kommt, sollte man etwas tun!

Es kann ja nicht die Lösung sein, dass die, die Bieito und Co nicht mehr ertragen können, deswegen zu Hause bleiben und die Schließung aller Opernhäuser fordern (was sie durch ihr Geschrei nach Streichung der Subventionen ja faktisch tun!), sondern man sollte dafür sorgen, das auch diese Opernfreunde die Möglichkeit haben, Inszenierungen live zu erleben, die ihnen gefallen. Wenn das geährleistet wäre, würde auch die Toleranz gegenüber experimenteller Regie steigen, aber der heutige Regietheatermainstream legt es leider darauf an, alle alternativen Modelle neben ihm nicht zu dulden und zu ersticken, das ist das Problem und da müsste man bewusst entgegensteuern.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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