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  • »Uwe Aisenpreis« ist männlich
  • »Uwe Aisenpreis« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 455

Registrierungsdatum: 8. Januar 2010

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Sonntag, 19. Juli 2015, 20:30

Le petit Faust oder Dr. Faust jr. im Gärtnerplatztheater, München



Am 30.05.2015 hatte der Sender BR Klassik die Operette Dr. Faust jr. von Hervé als Aufführung des Gärtnerplatztheaters München übertragen und ich habe diese Sendung mitgeschnitten. Diese Operette heißt im französischen Original Le petit Faust (Der kleine Faust) und wurde 1869 - 60 Jahre nach Goethes Faust und 10 Jahre nach Gounods Oper Margarethe in Paris uraufgeführt. Dieses Werk parodiert dann auch sowohl Goethes Drama als auch Gounods Adaption als Oper ganz im Stile der damals beliebten Offenbachiaden und dreht die Originalhandlung(en) ganz gehörig durch die Mangel. Obwohl einer der Librettisten (Hector Crémieux) auch schon beim Orpheus in der Unterwelt mitgewirkt hatte, erscheint mir die Umwandlung des Stoffes nicht in der gleichen genialen Weise auf den Kopf gestellt wie dort sondern eher als etwas derbe Verballhornung der Originalgeschichte, natürlich gespickt mit aktuellen Anspielungen auf die Zustände zur Zeit der Uraufführung.

Faust ist hier kein Gelehrter, sondern ein greiser Schulmeister, Leiter eines Pensionats. Merkwürdigerweise gibt er seinen Schülerinnen und Schülern auch Anatomieunterricht. Sein Unterricht wird unterbrochen durch den Aufmarsch einer Soldatentruppe unter Führung Valentins. Dieser muss in den Krieg ziehen und möchte vorher seine Schwester Margarethe im Pensionat unterbringen. Faust, der keine Schüler über 14 Jahre annehmen will, vermutet zwar, dass Margarethe älter ist, lässt sich aber letztlich doch zur Aufnahme überreden. Margarethe erweist sich dann auch ganz schnell als Enfant terrible und muss daher zur Disziplinierung auf die Prügelmaschine. (Auch heute noch aktueller Bezug zu so manch aufgedeckten Skandalen im Schulbetrieb). Bei dieser Züchtigung werden Faust ihre weiblichen Reize bewusst und er entdeckt eine längst vergessen geglaubte Triebhaftigkeit in sich. Und aus dieser Triebhaftigkeit heraus entspringt ihm wahrhaftig der Teufel aus dem Leib, in Gestalt des Mephisto. Zum Dank für seine Geburt verjüngt Mephisto den Faust, der daraufhin sofort Margarethe zur Gattin haben will. Doch diese ist mit den übrigen Schülern bereits auf und davon.

Der zweite Akt spielt im Garten eines erotischen Amüsierbetriebs namens Vergissmeinnichtblumen. Faust hat sich auf der Suche nach Margarethe hierher verirrt. Mephisto will ihn trösten und bietet Faust die Margarethen aller Länder an, die sich Faust in einem „Walzer der Nationen“ vorstellen. Faust erkennt aber alle diese Vortäuschungen und will gerade verzweifeln, als endlich die wahre Margarethe doch noch auftaucht. Mephisto hat ihr von Faust’s reicher Erbschaft erzählt. Und Margarethe gaukelt Faust nun vor, was er in ihr sehen will, die holde, blonde und dazu noch deutsche Unschuld. Faust ist fasziniert und will mit Margarethe von diesem Ort fliehen. Wie gerufen, kommt gerade eine Kutsche an, aber diese Kutsche ist schon besetzt. Bei dem Fahrgast handelt sich um Valentin. Als er mitbekommt, in welchen „Sumpf“ Faust seine Schwester hinuntergezogen hat, will er sich mit diesem duellieren. Faust und Mephisto machen Valentin nieder. In der nachfolgenden Szene röchelt Valentin erst erhabene Schlussworte, steigert sich dann in einen munteren Cancan, bejubelt noch mit den Umstehenden das jetzt davonfahrende Paar, bis er sich darauf besinnt, dass er ja eigentlich tödlich verletzt ist und jetzt zu sterben hat – eine groteske Parodie auf das lang anhaltende und mit noch viel Gesang verbundene Sterben auf Opernbühnen.

Im 1. Bild des dritten Aktes wollen Faust und Margarethe ihre Verlobung feiern. Ein großer Suppentopf wird aufgetischt, aus welchem aber plötzlich der Geist des Valentin erscheint. Zu allem Überfluss gesteht Faust auch noch seiner Angelobten, dass er ihr zuliebe auf alle seine Reichtümer verzichtet habe, worauf sie ihm eine unbeschreibliche Szene macht und mit dem Geist des Valentin verschwindet. Faust springt ihr nach, stolpert aus Versehen in den Suppentopf - und landet im 2. Bild direkt in Satans Palast, wo man die Walpurgisnacht feiert. Mephisto führt als Maître de plaisir die Tanzpaare an. Er hat endgültig die Schnauze voll von Fausts mühsamer, ewiger Streberei, auch noch hier im Jenseits und lässt die Beiden aneinander schmieden, als anbetungswürdiges Monument immerwährender Liebe für die immerwährend ergriffene Nachwelt, verdammt zum ewigen Tanz im Sechsachteltakt.

Die deutsche Übersetzung dieser Operette stammt von Richard Genée, dem erfolgreichsten Librettisten der klassischen Wiener Operette, der auch zahlreiche französischen Operetten von Offenbach, Lecoq, Planquette und Hervé ins Deutsche übersetzt hat, ebenso auch die englischen Werke von Gilbert & Sullivan. Meine Inhaltsbeschreibung folgt der von Volker Klotz; ich nehme aber an, dass der Gärtnerplatz-Aufführung eine neuere deutsche Übersetzung zugrunde gelegen hat. Bei einer Google-Recherche bin ich auf den Blog von St. Troßbach gestoßen, der sich mehrmals auf seine Übersetzung bezieht. Und das Gärtnerplatz-Theater (das auf seiner Internetseite die deutsche Übersetzung nicht nennt) verwendet tatsächlich die von Troßbach genannte Übersetzung des Couplets der Margarethe „deutsch, blond und keusch“. Auch gibt es in der aktuellen Aufführung einige Umstellungen und Änderungen. So tritt Mephisto gleich zu Beginn als Animateur des Publikums auf und wird nicht etwa aus Faust heraus geboren (schade eigentlich um die verloren gegangene Metapher vom „Teufel im Leib“). Margarethe singt das oben genannte Couplet nicht erst im zweiten Akt sondern schon als Entree.

Dem Handlungsablauf der veränderten Fassung konnte (und wollte) ich nicht immer ganz genau folgen, zumal die Verständlichkeit im rein akustischen Medium Radio doch recht schwierig war. Überhaupt sind die (wie ich annehme, modernisierten) Dialoge die (einzige) Schwachstelle dieser Aufführung. Die Texte sind merkwürdig gestelzt, übertrieben theatralisch und überhaupt nicht komisch. Ich habe auch in den Textpassagen nicht einen einzigen Lacher aus dem Publikum vernommen. Das Ganze klang eher nach absurdem Theater.

Aber die Musik (und vielleicht auch, wie man den Bühnenfotos entnehmen kann, die Inszenierung), rettet alles. Für mich ist es unverständlich, wie eine so schöne Musik so ganz und gar der Vergessenheit anheimfallen konnte. Es gibt in Deutschland keine CD von diesem Werk. Der oben genannte St. Troßmann beschreibt in seinem Blog allerdings zwei französische Aufnahmen, die aber bei uns offenbar nicht angeboten werden. Auch bei meinen häufigen Rundfunkmitschnitten ist mir noch nie irgendeine Nummer aus dieser Operette untergekommen. Die Musik Hervés ist leicht (nicht leichtgewichtig), beschwingt und sehr melodiös und trotz des doch sehr parodistischen Stoffes nicht in gleichem Maße burlesk wie die Offenbachs, sondern immer wohlklingend und dabei von außerordentlicher Qualität. Meines Erachtens kann diese Operette musikalisch gesehen direkt an die großen Operetten Offenbachs anschließen und hat bestimmt einen Platz unter den 20 besten Operetten verdient.

Sicher kann man nachvollziehen, dass besonders in Deutschland diese Operette durch das dargestellte Zerrbild der „hehren“ Goeth'schen Dichtung und die Angriffe auf die „sittsame deutsche Tugend“ nicht viel Freunde gefunden hat, aber die Musik hätte man längst der Vergessenheit entreißen müssen.

:thumbsup: Uwe