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Alfred_Schmidt

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1

Freitag, 13. März 2015, 19:42

Warum wurden so viele Komponisten der letzten 100 Jahre "vergessen" ?

An sich - so könnte man argumentieren - ist das "Vergessenwerden" von Komponisten auf all die Jahrhunderte verstreut. Aber da gibt es doch einige Gegenargumente. Zum einen ist es irgendwie logisch, daß ein Komponist von lokaler Bedeutung, der schon 250 Jahre tot ist nicht mehr unbedingt im Bewusstsein der Menschheit verankert ist. Zum anderen sind diese Leute zumindest in einschlägigen Nachschlagewerken verzeichnet. Anders ist es bei jenen, die vor 100 Jahren noch gefeiert wurden, und die eigentlich schon seit Jahrzehnten aus dem Gedächtnis der Musikwelt buchstäblich getilgt sind. Ich spreche hier nicht unbedingt von Komponisten atonaler Werke, welche ja stets in weiten Kreisen angefeindet waren - nein auch Komponisten von durchaus spätromantischem Zuschnitt sind hier betroffen, insbesondere solche aus den nördlichen Ländern und Russland.
England indes hat seine Komponisten stets hochgehalten - teilweise sogar überschätzt - was denen ein gewisses "Überleben" gesichert hat - zumindest in Konzertführern und einschlägigen Musiklexika. Aber wir brauchen gar nicht ins Ausland blicken - auch deutsche und österreichische Komponisten wurden vergessen. Spontan fallen mir hier Hans Gal und Paul Graener ein - indes - die Liste ist wesentlich länger. Die Tonträgerindustrie, allen voran cpo, Naxos, Hyperion und Chandos hat in den letzten Jahren großartiges auf diesem Gebiet geleistet und viele vergessene Namen dem Vergessen entrissen. Ob alle Wiederentdeckte hörenswert ist - daran werden sich vermutlich die Geister scheiden - aber immerhin - wir haben die Wahl....

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Rheingold1876

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2

Freitag, 13. März 2015, 20:25

Ob alle Wiederentdeckte hörenswert ist - daran werden sich vermutlich die Geister scheiden - aber immerhin - wir haben die Wahl....

Entdeckungen faszinieren mich auch. In der Tat hatten wir in den letzten zehn, fünfzehn Jahren auf Tonträgern so viele entsprechende Titel wie nie zuvor. Das ist begrüßenswert, das ist viel spannender und zukunftsfähiger als die hundertste TOSCA. In den meisten Fällen, die ich zur Kenntnis nahm, erlahmte das Interessen aber genau in dem Moment, in dem ich mir solche Werke anhöre. Graener hat mich nie wirklich gepackt. Auch Gál nicht. Der sieht viel charismatischer aus als er komponiert:

Georg Schumann ist mir mit seinem großen Chorwerk "Ruth" auch nicht näher gekommen, obwohl er ein exzellenter Handwerker gewesen ist. Der suppt so vor sich hin. Es geht mir oft so, als hätte ich alles schon wo anders viel besser gehört. :( Wagner-Régeny, dessen Werk ich ganz gut kenne, ist mir ebenfalls nie vertraut geworden. Selbst wenn ich mich mal zu Tode langweilen würde, was zum Glück nie passiert, ich käme nicht auf die Idee, mir wieder einmal eine seiner Opern anzuhören. Das müsste ich auch von Gerster sagen, dessen Oper "Enoch Arden" ich aber hin und wieder ganz gern höre. Auch von den komponierenden Dirigenten (Bernstein mal außen vor) kenne ich nicht ein Werk, das mir nahe ist. Dann sind da Komponisten, die Meisterwerke hinterlassen haben, die zu Unrecht ignoriert werden. Dazu würde ich Antonio Carlo Gomez zählen. Um den übermächtigen Verdi herum gibt es sehr viel spannende Konkurrenz. Die Frage stellt sich mir, ob im Schatten der ganz Großen nicht manches Talent verkümmerte oder ins Abseits geriet. Letztlich bin ich der festen Überzeugung, dass sich auf Dauer nur Qualität durchsetzt. Es gäbe sehr viel mehr zu sagen und mehr Beispiele zu nennen. Die allermeisten Komponisten sind aus unserem Bewusstsein heraus oder wurden gar nicht erst wahrgenommen. Sie fallen ab, mussten wahrscheinlich auch vergessen werden. Das ist gut so. Das ist womöglich sogar Selbstschutz. Man stelle sich vor, sie wären alle präsent in den Spielplänen, Konzertprogrammen und auf dem Musikmarkt. Das ginge doch gar nicht.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Alfred_Schmidt

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3

Freitag, 13. März 2015, 23:21

Lieber Rheingold1876,

danke für die ausführliche Stellungnahme.
Das Thema dürfte ausserhalb de Forums viele Leute interesieren, denn 82 Seitenaufraufe in ganz kurzer Zeit, das ist schon beachtlich.
Beginnen wir vorerst bei den Opernkomponisten um Verdi, aber auch um Rossini. In der Tat gibt es hier viele zu Unrecht fast vergessene. Ich ergänze Deine Nominierung von Gomez durch Paer und Pacini - ohnedies nur die Spitze vom Eisberg.....

Dann setze ich fort, wo ich mit Dir nicht einer Meinung bin:

Zitat

Letztlich bin ich der festen Überzeugung, dass sich auf Dauer nur Qualität durchsetzt.
Der Spruch ist alt. Ob er je galt - im Sinne von: funktioniert hat - das weiß ich nicht.
Heute jedenfalls gilt er nicht mehr, denn sonst könnte es weder Fast-Food-Frißconter noch Regietheather geben :stumm: :untertauch:
Warum sich heute etwas nicht durchsetzt ist einfach erklärt: Wenn es nicht den Massengeschmack trifft - oder in Konflikt mit dem "Zeitgeist" steht.
Die "vergessenen" Komponisten beispielsweise, hatten sich ja (zumeist) schon durchgesetzt - erst die folgenden Degenerationen wussten mit ihnen nichts mehr anzufangen.

Und nun zu den von Dir genannten Beispielen, Die die nichts geben.
Man muß leider akzeptieren, daß Mozart, Haydn, Beethoven, Schuvbert und noch ein paar andere Komponisten singuläre Erscheinungen waren, die durch niemand zu ersetzen sind. Dazu kommt, daß deren Klangsprache dem durchschnittlichen Klassikhörer einigermaßen vertraut ist. Bekommt man nun ungewohntes, andersartiges vorgesetzt, dann sträubt sich irgendetwas in einem, weil die Erwartungshaltung nicht befriedigt wird. Zumindes mir geht es so, daß ich eine Sinfonie eines unvekannten Komponisten anfangs ablehne, weil mir ihre Klangmelodie nicht zusagt. ich muß das Werk öfter hören. Ausnahme sind sogenannte "Epigonen", weil sie sich in der Regel einer Klangsprache bedienen, die uns seit langer Zeit vertraut ist.....

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

clck87

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

Christian Biskup

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4

Samstag, 14. März 2015, 00:04

Liebe Taminos,

ich denke, das vor allem die Zeit um 1900 der Grund war, dass viele Komponisten vergessen worden sind. Man befindet sich zwischen zwei Lagern - zur einen die Romantiker, die an ihrem romantischen Ideal festhielten, zur anderen die Modernisten, die entweder von Anfang an oder mit dem Zusammenbruch aller romantischer Werte zu Beginn des ersten Weltkriegs ihre Musik der Zeit anpassen. Oft geschah es, dass Werke just in dem Moment in dem sie fertiggestellt worden unmodern waren - und das Publikum wollte neue Werke hören, eine Reminiszenz an vergangene Zeiten ist nicht nötig, umso skandalöser das Werk umso besser... Wenn man ein Werk mit den alten Ideal hören wollte, dann griff man am ehesten auf eben die Komponisten dieser Zeit zurück.
Ein weiterer Grund dürfte der Wechsel der Musik aus dem privaten Rahmen in die Öffentlichkeit sein. Private Konzertbetreiber dürfen nur Erfolge verbuchen um finanziell weiter bestehen zu können. Dieser Druck war zu Zeiten Haydn's, in der Musiker häufig in der Gunst eines Fürsten stand, nicht so groß. Wenn nun ein Werk ein Misserfolg wurde, wurde es abgesetzt... schon war der Komponist in der Senke verschwunden, oft bis heute.

Zitat

Zitat Rheingold1876: Die Frage stellt sich mir, ob im Schatten der ganz Großen nicht manches Talent verkümmerte oder ins Abseits geriet.
Dies denke ich mir auch so, dies trifft wohl besonders auch auf Skandinavien zu. Neben Grieg, Sibelius und C. Nielsen zu bestehen war gewiss schwer, zumal die wenigen Konzerthäuser der Zeit ihre Programme bereits mit deren Werken ausgefüllt haben - wie sollen bei dieser Situation auch andere Komponisten an die Öffentlichkeit treten... es war schwer.

LG
Christian


Rheingold1876

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5

Samstag, 14. März 2015, 08:22

Christian hat den Ersten Weltkrieg angesprochen. Das halte ich für sehr wichtig bei der Erörterung des Themas. Ich würde den Zweiten noch dazu geben und auch noch 1870/71. Warum? Weil ich - in Weiterführung meines eigenen Beitrages - der festen Überzeugung bin, dass diese Kriege mit ihren katastrophalen Auswirkungen und kulturellen Brüchen auch das kulturelle Leben und Schaffen sehr nachhaltig beeinflusst haben. In die Mühlen der politischen und militärischen Zerwürfnisse dürfte auch mancher Komponist mit seinen Werken geraten und dabei untergegangen sein.

Ja, ja, lieber Alfred, ich bin mir sehr darüber im Klaren, dass meine Bemerkung, wonach sich Qualität durchsetzt, einen sehr alten Spruch hervorgeholt habe. Mir ist nur nichts anderes eingefallen. Ich glaube daran und finde ihn immer wieder bestätigt.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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6

Samstag, 14. März 2015, 09:51

Ich glaube nicht, dass man hier spezielle politische oder historische Ereignisse anführen muss. Meinem Eindruck nach wurden nicht mehr Komponisten aus der Zeit um 1870 "vergessen" als um 1830 (eher im Gegenteil). Klughardt, Franz, Fuchs, Herzogenberg usw. sind verglichen mit Brahms genauso "vergessen" wie Gal verglichen mit Hindemith oder Korngold (dessen Klassik-Ruhm hauptsächlich auf einer einzigen Oper beruht, obwohl er eine Karriere in Hollywood gemacht hat.)
Es gibt immer eine Anzahl Komponisten, die eine Zeit dominieren, spätestens in der Folgegeneration wird hier häufig gnadenlos "gesiebt". (Kaum jemand dürfte zu Brahms' Jugendzeit um 1850 Hummel als gleichauf mit Beethoven gesehen haben.) Meinem Eindruck nach ist das in den letzten 100 Jahren eher weniger der Fall, vermutlich wegen der stilistischen Vielfalt und geringeren historischen Distanz. Und natürlich auch der Möglichkeit, Musik durch Tonträger viel leichter im Bewusstsein zu halten.

Ein Faktor, der viele Karrieren beendet hat, waren natürlich die Kriege und die Nazi-Diktatur. Wer im ersten Weltkrieg gefallen ist wie Rudi Stephan oder George Butterworth, dessen Karriere war naturgemäß in relativ jungen Jahren beendet.
Und ich habe zwar nicht den Eindruck, dass Hans Gál ein zentraler Komponist der 1910er und 20er gewesen ist, aber die Emigration hat ihm sicher auch nicht geholfen. Selbst wenn es Musikern hier oft etwas besser ergangen ist als Schriftstellern, war fast immer ein Karriereknick die Folge.

Garaguly

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7

Samstag, 14. März 2015, 11:52

Ich glaube nicht, dass man hier spezielle politische oder historische Ereignisse anführen muss.

Doch, das denke ich schon. Der Erste Weltkrieg hatte weitreichende Folgen, die über die rein politisch-militärische Ebene deutlich hinausreichten. Kulturelle Entwicklungsprozesse, die in der Vorkriegszeit schon begonnen hatten, wurden radikal beschleunigt. Alte Gewissheiten, Überzeugungen, Traditionen gingen durch diesen Krieg schneller unter als sie ohne ihn untergegangen wären - da bin ich mir sehr sicher. Vielleicht können wir heute nach dem nun wirklich tragisch-dramatischen Verlauf des 20. Jahrhunderts den tiefsitzenden Schock, dem die Europäer in Folge des Ersten Weltkrieges ausgesetzt waren, nicht mehr so deutlich nachspüren, weil eben so viel danach noch geschah.

Man darf sich natürlich nicht ausschließlich auf politische und militärische Ereignisse fokussieren - aber die beiden Weltkriege spielen hier eine sehr große Rolle.
Ohne den Zweiten könnte ich mir das beinahe totale Vergessen (Verdrängen?) vieler nicht-avantgardistischer Komponisten des 20. Jahrhunderts kaum erklären. Etwas zugespitzt: Jeder, der noch eine Melodie komponierte und sich dabei auch noch traditioneller Formen bediente (Symphonie etwa), geriet rasch unter Totalitarismus- oder gleich ganz direkt unter Faschismus-Verdacht. Diese Denke ist aber ohne vorhergegangene politische Ereignisse unvorstellbar.

Grüße
Garaguly

Alfred_Schmidt

Administrator

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8

Samstag, 14. März 2015, 16:04

Krieg als Zäsur - gut vorstellbar. Alledings gibt es IMO verschiedene Arten des "Vergessenwerdens".
So ist beispielsweise Pfitzner weitgehend vergessen - aber in diversen Konzertführern findet man ihn immer wieder. Graener wurde dieses Privileg ebensowenig zuteil, wie Gal, Weinberg, Atterberg, Jadassohn, Herzogenberg (Ich weiß, daß ich den von mir selbst gesteckten zeitlichen Rahmen dieses Threads schon ein wenig überschreite) sowie sehr vielen nordischen und Russischen Sinfonikern. Also ihre Werke sind nicht nur aus den Konzertsälen verbannt, sie werden auch als rein geschichtliche Persönlichkeiten von der sogenannten Fachliteratur einfach ignoriert. Ich glaube, daß ich doch ein wenig mehr Komponisten kenne, als der Durchschnittshörer in Sachen Klassik - und zwar schon in meinen "frühen Jahren" - aber was durch cpo und Co alles aus den Archiven zutage gefördert wird - das ist schon beeindruckend.
Wenn auch nicht alles Gold ist was glänzt - etliche Perlen sind dann doch dabei.....

mfg aus Wien
Alfred

WISSEN ist MACHT - Nicht WISSEN MACHT auch nix

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9

Sonntag, 15. März 2015, 10:41

Ich wäre ja für konkrete Beispiele statt steiler Thesen. Ich habe übrigens in erster Linie auf Rheingolds Anmerkung bzgl. des Krieges 1870/71 reagiert. Wird Brahms heute in Frankreich geächtet, wegen des Triumphliedes? (Wohl kaum, wobei dieses Stück vermutlich nicht gespielt wird.) Ignorieren wir heute Saint-Saens oder Fauré?

Welcher Komponist wurde wegen des ersten Weltkrieges "vergessen" (Rudi Stefan zählt nicht), welcher wegen der angeblich alles dominierenden Avantgarde der 1950er Jahre?
(Abgesehen davon, dass die "theoretisch lautstarke" Avantgarde etwa der 1950er als Hassobjekte typischerweise nicht Zuspätromantiker im Blick hat, sondern nicht ausreichend radikale Komponisten wie zB Henze. Das alte Lied, dass man sich am deutlichsten von der Richtung abgrenzen muss, die vergleichsweise nahe dran ist.)
Ich bezweifle stark, dass Hans Gal jemals ein so angesehener Komponist gewesen ist, dass man für sein Vergessen, die Umbrüche des 20. Jhds. bemühen muss. (Ja, er bekam einen Staatspreis und eine unbezahlte Dozentenstelle... fast wie Richard Strauss ;))

Die entscheidenden künstlerischen Umbrüche liegen praktisch alle vor dem 1. Weltkrieg (ich glaube, Kurzstückmeister hatte mal einen Thread oder eine Liste zu 1900-1920) und lange vor dem Faschismus (oder gar einer Haltung, die eine künstlerisch konservative Haltung mit politischer Reaktion assoziiert).
Stravinsky, Bartok, Schönberg usw. schrieben schon lange keine traditionellen "melodischen Symphonien" mehr und Rachmaninoff oder später Schostakowitsch hat die Verachtung der Avantgarde überhaupt nicht geschadet. Es müssen doch die Unterschiede erklärt werden, zwischen zB Gal und Korngold, nicht nur zwischen Korngold und Stravinsky. Dass Rachmaninoff populärer ist als Medtner würde man doch auch kaum mit der turbulenten russischen Geschichte im frühen 20. Jhd. erklären wollen, oder? Rachmaninoff ist halt fetziger, melodisch eingängiger usw. (wobei ich Medtner verglichen mit zB Gal nicht "vergessen" nennen würde).

Es sind übrigens natürlich auch Komponisten weitgehend "vergessen", die ihrerzeit kühne Neuerer waren, zB Hauer (Zwölftonkomposition) und Hába (Mikrointervalle)... (Auch hier hatte KSM vermutlich mal einen Thread zu eigentümlichen Avantgardisten im frühen 20. Jhd.)

Nachtrag: Wie gesagt, glaube ich erstens, dass in den letzten ca. 100 Jahren eher weniger Komponisten "vergessen" wurden als in den Jahrhunderten vorher. (Nur haben die Musiker eben Komponisten der Vergangenheit nicht "gleichmäßig" ausgegraben. Typischerweise wurden erst einmal besonders stark vernachlässigte Epochen wiederbelebt.)
Aber es gibt tatsächlich ein weiteres Element, das wirksam sein könnte: Seit gut 100 Jahren müssen Komponisten sich in vorher ungeahntem Maße gegen eine erdrückende Last schon lange verstorbener Komponisten, die fest im Repertoire etabliert sind, durchsetzen. Die Hauptkonkurrenten für jemanden wie Hans Gal ist natürlich weder Berg noch Hindemith noch Korngold, sondern Brahms, Bruckner usw.

Alfred_Schmidt

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10

Sonntag, 15. März 2015, 11:43

Die Weltkriege als Zäsur - sie waren wahrscheinlich nur SYMPTOME einer jeweils im Umbruch befindlichen Gesellschaft deren Geschmack und Lebensgefühl sich signifikant verändert hat. Vermutlich werden sie deshalb als Marksteine herangezogen.
Welche Komponisten wurden wirklich "vergessen" ? Das ist heute - speziell im Umfeld des Forums . kaum zu bestimmen. Und bei vielen, ist es - im Gegensatz zu jenen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts - ja so, daß sie selbst zu Lebzeiten verkannt waren. Ein interessanter Hauptschauplatz - nicht Nebenschauplatz - unseres Threads sind die skandinavischen Komponisten. Sie wurden jahrelang - zumindest im deutschen Sprachraum - völlig ignoriert - und eigentlich ist es mehr oder weniger noch heute so.(?) Wa iat hie nicht nur so, daß die Komponisten bei uns nicht aufgeführt werden - neun - sie sind nicht mal in den deutschsprachigen Opern- Konzert - und Klaviermusikführern namentlich erwähnt - auch nicht in solchen, welche für sich beanspruchen , im jeweiligen Bereich federführend zu sein....

Der klare Blick ist - erfreulicherweise - durch zahlreiche Tonträgerveröffentlichungen der letzten Jahre "getrübt"

mfg aus Wien
Alfred

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Garaguly

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11

Sonntag, 15. März 2015, 12:15

Ich wäre ja für konkrete Beispiele statt steiler Thesen.

Falls du dich damit auf mein Posting beziehst: Ich finde, so steil ist die These gar nicht.

Ich zitiere die Musikwissenschaftlerin Susanne Rhode-Breymann in ihrer 2014 erschienen Biografie zu Alma Mahler-Werfel: "[...] erhob Franz Schalk, der zusammen mit Richard Strauss in den ersten Nachkriegsjahren das Wiener Opernhaus leitete, zum Programm: Es habe 'eine neue Epoche eingesetzt', schrieb er am 15. Mai 1919 im Wiener Mittag, und die 'ungeheuren Umwälzungen, die sich in unserer ganzen gesellschaftlichen Verfassung vollzogen haben, haben auch uns [gemeint sind die Kulturschaffenden, Anm. Garaguly] auf neue Bahnen gewiesen'; deswegen gelte es nun, 'mit liebevoller Behutsamkeit das Wesentliche und Kostbare zu erhalten, das allmählich Veraltete und unbrauchbar Gewordene durch Neues zu ersetzen[...]." (S. 204f.)

Diese Stelle gibt schon der Annahme Recht, dass die politischen Umwälzungen Auswirkungen auf den Umgang mit vorhandener Kunst (hier der Musik) hatten. Wie Schalk es formulierte, sollte also vom vorhandenen Bestand das Kostbare erhalten und das weniger Kostbare gegen Neues ausgetauscht werden.

Grüße
Garaguly

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

12

Sonntag, 15. März 2015, 17:01

Rio Gebhardt 1907 -1944

Selbstverständlich beendete der Krieg viele Komponistenkarrieren oder verhinderte, dass diese sich überhaupt entwickeln konnten. Wer kennt zum Beispiel Rio Gebhardt, ein dirigierendes und komponierendes Wunderkind, Schüler und Protege von Kurt Weill und später der Pionier der Fernsehfilmmusik? 1937 kam Rio Gebhardt zum Deutschen Bildfunk nach Berlin, der ersten deutschen Fernsehanstalt. Hier zeichnete er 1940 für die erste Originalmusik zu einem Fernsehfilm "Kabinett Fulero" verantwortlich. Gebhardts Pech bestand allerdings darin, dass Mitarbeiter beim Bildfunk im Gegensatz zum Hörfunk als "entbehrlich" eingestuft wurden und ihnen nicht die begehrte " U. K."-Stellung zugesprochen wurde. 1943 wurde Gebhardt eingezogen. Am 24.Juni 1944 fiel er an der Ostfront.
In den 50er und 60er Jahren war seine Musik in Deutschland im Rundfunk häufig zu hören, aber die Programme mit gehobener Unterhaltungsmusik verschwanden nach und nach von den Sendeplänen. Heute ist kein einziges Werk des damals viel gespielten Gebhardt auf Tonträgern erhältlich. Auch auf Konzertprogrammen begegnet man dem Komponisten Gebhardt leider so gut wie nie. Allerdings hat das Heilbronner Sinfonie Orchester neben der am heutigen Abend wieder aufgeführten Märchenouvertüre "Fest der Infantin" auch die Suite aus der "Spielzeugschachtel", einer der größten Erfolge von Gebhardt gespielt. Ein handwerklich ausgezeichnet gearbeitetes Stück, in gefällig gesetztem romantischen Ton. Das sind Beispiele und Gründe für das Vergessen. Wir sollten, wo wir können, wider dieses Vergessen arbeiten. Deshalb ist dieser Thread verdienstvoll.

Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

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13

Freitag, 3. April 2015, 15:58

Diese Stelle gibt schon der Annahme Recht, dass die politischen Umwälzungen Auswirkungen auf den Umgang mit vorhandener Kunst (hier der Musik) hatten. Wie Schalk es formulierte, sollte also vom vorhandenen Bestand das Kostbare erhalten und das weniger Kostbare gegen Neues ausgetauscht werden.

Und wann war das nicht so? Früher war man ja noch radikaler, da war alles, was ein wenig historisch war, nur noch als schlechtes Beispiel von Interesse, gegen das sich das Neue abheben konnte (z.B. im 15. Jahrhundert, man kann das an den überlieferten Handschriften, bei denen recht rasch große Repertoireteile ins Vergessen abgeschoben wurden, ablesen, und an den abwertenen Urteilen über die Alte Musik).

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
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Registrierungsdatum: 9. August 2004

14

Samstag, 6. August 2016, 16:36

Zitat

Und wann war das nicht so? Früher war man ja noch radikaler, da war alles, was ein wenig historisch war, nur noch als schlechtes Beispiel von Interesse, gegen das sich das Neue abheben konnte (z.B. im 15. Jahrhundert, man kann das an den überlieferten Handschriften, bei denen recht rasch große Repertoireteile ins Vergessen abgeschoben wurden, ablesen, und an den abwertenen Urteilen über die Alte Musik).

Da ist sicher was wahres dran - Allerdings kann man bis Beethoven irgendwie - obwohl auch das zweifelhaft ist - vom "Fortschritt" in der Musik sprechen. von Da ab wurde "Genialität" eingefordert - die nicht mehr realisierbar war. Ich würde weder Brahms noch Bruckner "Genialität" bescheinigen, es war sehr gute, das Bürgertum ansprechende Musik. Schon Gustav Mahler war mehr angefeindet als anerkannt, seine Nachfolger sind uns noch bekannt, weil sie stets fordernd auftraten, fordernd danach vom Publikum geschätzt zu werden, und als das nicht im erhofften Maß eintrat, bezeichnete man es als "nicht qualifiziert". Manche Musik wird auch heute nur deshalb aufgeführt, weil deren Schöpfer über ein Netztwerk zu Politik Förderungen besaßen oder noch besitzen.
Bei Nachsicht aller Taxen - man kann nicht behaupten, daß es der zeitgenössischen Musik gelungen ist, jene der Vergangenheit zu verdrängen. Sie wurde nicht mal mehr "angegriffen" sondern von der Mehrheit des Klassikpublikums einfach ignoriert.
Die derzeitige Klassikszene wird von wenigen "genialen" Schlüsselwerken der Vergangenheit beherrscht. Daneben gibt es natürlich noch einige "Nischen" sowohl im "zeitgenössischen", avantgardistischen, oder "klassischen " Bereich....

Der Tonträgermarkt ist indes eine Spezies für sich - ist es doch eigentlich seine Aufgabe - Musik der Vergangenheit zu konservieren und anzubieten. Er holt - aus durchaus eigennützigen Gründen - Vergessenes wieder ans Tageslicht und bietet es dem P.T. Publikum als "sensationelle Wiederentdeckung" an......

mfg aus Wien
Alfred

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