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lutgra

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Registrierungsdatum: 9. April 2013

1

Donnerstag, 27. Februar 2014, 21:13

Parsifal - Mysterium oder Machwerk

Im Regietheaterthread tauchte als Beispiel in letzter Zeit wiederholt Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal auf, da hier in den letzten Jahren sehr unterschiedliche und kontroverse Inszenierungsansätze (Herheim, Bieito etc.) zu sehen waren. Unmittelbar verknüpft damit war auch die Frage, was Parsifal eigentlich darstellt, spezifisch was von der Textvorlage zu halten sei. Davon direkt abhängig ist natürlich auch das Inszenierungskonzept. Nachfolgend ein paar Zitate:


Diskussionen um Wagners "Parsifal" sind generell schwierig, weil es sich bei diesem Werk aus meiner Sicht in Ideologie, Musik, Handlung und Deutung um das grandioseste Mysterium der Operngeschichte handelt.
Ulrich Schreiber in seinem "Opernführer für Fortgeschrittene" Zitat: "Dieses Bühnenweihfestspiel ist ein zutiefst un-menschliches, weil sinnenfeindliches, frauenfeindliches, eine sterile Männerwelt und ihre militärisch-mönchischen Ideale verklärendes Spektakel. Die größte Sünde im Parsifal ist die Sexualität, ihr gegenüber sind aller anderen läßlich: leicht vergebbar."
Der ganze erhabene 3. Parsifal Akt ist eine Apotheose der Erlösung durch geläuterte Liebe. Liebe, die weit über allein dominierende Triebhaftigkeit hinausgewachen ist.
Schwer, wenn nicht gar kaum möglich ist es, ein so mystisches Werk wie "Parsifal" zu verstehen, zu analysieren und zu deuten. Vielleicht ist gerade diese Vieldeutigkeit die Faszination des Parsifal-Stoffes und der Auftrag an uns, darüber nachzudenken und zu diskutieren.
Der Parsifal steckt voller sexueller Metaphern und phallischer Symbole, und dies kann man nur um den Preis selbstgewählter Unmündigkeit leugnen.
Alle handelnden Figuren im Parsifal sind in irgendeiner Form pervertiert, und dieser Erkenntnis kann man auch nicht entgehen, wenn man wie Wieland Wagner die Szene vorsichtshalber "entrümpelt". Da war die sakrosankte Inszenierung seines Großvaters im Grunde ehrlicher, da hier die schwül-byzantinistische Atmosphäre des Sujets schön ausgemalt wurde.
Ich bitte schom im Voraus um Entschuldigung, aber nur wenn diese Aspekte in der Inszenierung Berücksichtigung finden, kann der Parsifal in unserer Zeit noch relevant sein.
Ich finde, es sind hier manche interessante Gedanken zur Interpretation des Parsifal genannt worden, die sich je nach Betrachter aus Wagners Werk ergeben. Deshalb komme ich immer weniger um die Frage herum: Sind diese Interpretationen etwa nicht möglich, wenn man die Handlung so belässt, wie Wagner sie konzipiert hat?
Dass man sich mit der im Parsifal vorgegebenen ablehnenden Haltung zur Sexualität auseinandersetzen muss, unterliegt keinem Zweifel. Keineswegs aber sollte jemand seine eigenen Traumata mit Hilfe einer Inszenierung zu verarbeiten suchen.
Wer bitteschön kann denn diesen ideologisch verquasten Stoff aus dem 19. Jhd. so wie er ist noch Ernst nehmen? Nach Wagner soll sich der Zuschauer mit seiner Oper rückhaltlos identifizieren. Bieito tut das als Mensch nicht mehr des 19., sondern des 21. Jhd. auf seine Weise, indem er eben die Konsequenzen dieser Ideologie vor Augen führt, die selbstzerstörerisch sind.
Was, bitteschön, soll am bearbeiteten Parsifal-Stoff derart "verquast" (Zitat H.K.) sein?
Was spricht gegen die psychologische Deutung, die uns Wieland Wagner vorgelegt hat, dass die Probleme des Männerbundes der Gralsritterschaft durch die Negierung des weiblichen Elements, bzw. der Sexualität enstanden sind. Erst dadurch, dass das männliche Element (Speer) und das weibliche (Gral) wieder vereinigt sind, ist die Erlösung möglich. Zumindest für mich ist das eine logische Konklusion und ein schöner Gedanke.
Vielleicht können wir die Frage - was der Parsifal UNS heute bedeutet, hier noch ein wenig vertiefen. Ich selbst habe noch keine fertige Antwort auf diese Frage, ich weiß nur, dass die MUSIK des Parsifal für mich eine der grandiosesten, mich am meisten bewegenden Musiken überhaupt ist. Wenn ich Stücke des Parsifals höre, klingt sie tagelang in meinem Kopf nach.

m.joho

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2

Donnerstag, 27. Februar 2014, 21:28

Herzlichen Dank für diesen spannenden Thread, lutgra!
Ich bin echt gespannt auf die Diskussion, die sich hier entwickeln wird!

Stimmenliebhaber

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3

Donnerstag, 27. Februar 2014, 21:37

Musikalisch sicherlich ein Myterium und kein "Machwerk"! :)

Inhaltlich sicherlich nicht so ein "Machwerk", wie von Debussy behauptet! ;)

Ich glaube, es geht auch um Erstarrung von Gemeinschaften, um Verkrustung von Strukturen, um Entfernung vom eigentlichen Leben und den Gefahren, die daraus erwachsen, wenn man bestimmte menschliche Triebe und Sehnsüchte ausblenden will.
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

Rheingold1876

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Beiträge: 4 774

Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

4

Donnerstag, 27. Februar 2014, 21:58

Was bedeutet mir PARSIFAL? Zu allererst ist er für mich ein faszinierendes Theaterstück aus dem 19. Jahrhundert über das 19. Jahrhundert. Kein Mysterium, kein Programm, keine Ideologie, kein Machwerk. Man könnte diese Aufzählung fortsetzen. Es macht für mich keinen Sinn, das Werk auseinanderzupflücken. Das käme einem Verbot gleich. Man muss es nehmen wie es ist oder links liegen lassen. Die Musik ist ohne Beispiel. Ich bin ein heimlicher Anhänger der Idee, das Werk Bayreuth vorzubehalten, weil es dort am besten klingt. Nirgendwo anders habe ich es so gehört wie dort. Abgesehen von Studioeinspielungen, wird das Werk an beliebigen Opernhäusern akustisch verhunzt. Es tut "Parsifal" zwar gut, aus dem Dunstkreis von Bayreuth befreit worden zu sein. Diese Erleichterung empfinde ich aber auch mit Schmerzen. Indem ich so vehement auf das "Theaterstück" abhebe, wehre ich mich gegen die Verführung, die von dem Werk ausgehen kann. Das gebe ich ganz offen zu. Ich habe in den letzten Jahren meist nur Plattenproduktionen gehört, an denen kein Mangel ist. Warum? Weil mir Inszenierungen, die ich gesehen habe, nicht zusagten. Auch Herheim mit dem Bundestag ist ein Irrtum. Vielleicht ist "Parsifal" ja eine ideale Plattenoper.

Dieser Tage habe ich die jüngste Produktion der Met auf DVD gesehen und dazu im Regietheater-Thread folgendes geschrieben:

Diese Inszenierung findet einen faszinierende Ansatz, indem sie einige Versatzstücke neuzeitlichen Theaters mit rauschhaften Hintergründen, archaischen Symbolen und großen Gesten zu etwas Neuem verbinden. Er ist, als würde hier wirklich die Zeit zum Raum. Mitunter war ich an Bilder aus den Arbeiten des frühen Wieland Wagner in Bayreuth erinnert, zum Beispiel an den riesigen Feuerball der Sonne am Schluss des "Siegfried". Der Wieland hat ja auch nach solch starken symbolischen Lösungen gesucht. Daran schließt der Regisseur Francois Girard, ein Kanadier, der auch Filme gemacht hat, irgendwie an. Nur, dass er heutzutage über szenische Mittel gebietet, an die seinerzeit nicht zu denken war. So etwas dürfte auch Wagner immer vorgeschwebt haben, wenn er um solche Möglichkeiten gewusst hätte. Daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Für die szenische Umsetzung seiner Opern ist er gut hundert Jahre zu früh geboren. Er war ja bekanntlich immer sehr unzufrieden mit der Umsetzung seiner Werke auf dem Theater, weshalb es mir immer absurd vorkommt, dass einige Menschen seine Stücke offenbar so sehen wollen, wie es ihm, Wagner, schon in seiner Zeit nicht gefiel. Ich weiß nicht, wie der Parsifal im großen Raum der Met, wo alles sehr weit weg sein kann, wirkt, zumal sich viele Aspekte der Handlunge regelrecht auf den Gesichtern der Sänger abspielen. Die DVD holt das alles sehr nahe heran. Es ist, als sei diese Produktion explizit für den Fernseher erarbeitet. Ich habe alle drei Aufzüge in einem Ritt durchgehalten und war selten so ergriffen. Da will etwas heißen für mich, weil ich nicht sehr gern Opern auf dem Bildschirm sehe. Eine bedeutende Leistung. In dieser Ästhetik kann ich mir auch einen "Ring" vorstellen.



Das mal ein paar Gedanken - lose zusammengewürfelt.

P.S. Ich liebe den zweiten Aufzug nicht sonderlich. Der war auch an der Met - wie üblich - daneben. Ein Königreich für einen guten zweiten Aufzug! :( ;)

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Stimmenliebhaber

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Beiträge: 8 063

Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

5

Donnerstag, 27. Februar 2014, 22:20

Ich bin ein heimlicher Anhänger der Idee, das Werk Bayreuth vorzubehalten, weil es dort am besten klingt. Nirgendwo anders habe ich es so gehört wie dort.
Ich bin doch heilfroh, dass dieses Werk nicht mehr exklusiv vorbehalten ist, sonst hätte ich es noch nie live erlebt (in Bayreuth sah ich nur "Holländer", "Meistersinger" und "Ring") - so durfte ich es schon mehr als 30x erleben, in Berlin (4 Inszenierungen), Dresden, Leipzig (konzertant), Essen, Salzburg (konzertant), Washington, Dessau (konzertant und szenisch), Wien und zuletzt in Mannheim. Bestimmt habe ich noch irgendeinen Ort vergessen. :)
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Theophilus

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Beiträge: 10 824

Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

6

Freitag, 28. Februar 2014, 00:20

Für die szenische Umsetzung seiner Opern ist er gut hundert Jahre zu früh geboren. Er war ja bekanntlich immer sehr unzufrieden mit der Umsetzung seiner Werke auf dem Theater, weshalb es mir immer absurd vorkommt, dass einige Menschen seine Stücke offenbar so sehen wollen, wie es ihm, Wagner, schon in seiner Zeit nicht gefiel.

Eine völlig falsche und unsinnige Argumentation!
Woran Wagner verzweifelte war die mangelnde technische Entwicklung, die es zu seinen Lebzeiten noch nicht ermöglichte, seine Vorstellungen so zu realisieren, dass die Illusion überzeugend wirkte. Es gibt aber keinen Zweifel, dass er es gerne genau so gehabt hätte, wie es in seinen Textbüchern gefordert wird.

Eine andere Frage ist natürlich, welche Umsetzung Wagner heute für seine Ideen fordern würde. Da sich auf der Bühne so gut wie alles geändert hat, kann man spekulieren, dass ein Wagner heute auch andere ästhetische Ansätze realisieren würde. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass seine Werke nach wie vor klar erkennbar blieben...

;)

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Rheingold1876

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7

Freitag, 28. Februar 2014, 08:41

Eine völlig falsche und unsinnige Argumentation!

Herzlichen Dank für die Blumen. :no: Ich habe hier keine Argumente vorgetragen sondern ein paar lose Gedanken - und das mit gutem Grund auch so deutlich gemacht. Mir reichen derlei Rüpeleien. Dadurch kommt sofort ein scharfer Ton in die Diskussion bevor sie überhaupt erst richtig begonnen hat. Deshalb werde ich mich an diesem Thema nicht mehr beteiligen.

Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

8

Freitag, 28. Februar 2014, 08:43

Interessanter, begrüßenswerter Thread, der ganz der "Parsifal"-Diskussion gewidmet ist. Diese wurde aber aktuell bereits im voluminösen, sehr unterschiedliche Themen berührenden Thread "Regietheater - Konzepttheater" geführt. Dort sind grundsätzliche, bedenkenswerte Beiträge eingestellt. Frage an die Moderation: Kann man die Beirträge von dort in den nun existierenden Spezial-Parsifal-Thread überführen? Diese Konzentration des Themas wäre sinnvoll, würde der weiteren Diskussion dienen, Besuchern das Suchen von Einzelbeiträgen ersparen und das Lesen erleichtern. Hoffentlich macht mein Vorschlag den Heinzelmännchen hinter den Kulissen des Forums nicht zu viel Arbeit. :angel:

Herzlichst
Operus
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Stimmenliebhaber

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Beiträge: 8 063

Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

9

Freitag, 28. Februar 2014, 09:38

Dadurch kommt sofort ein scharfer Ton in die Diskussion bevor sie überhaupt erst richtig begonnen hat.
Ja, der scharfe Ton machte mich auch etwas sprachlos, als ich das gestern Abend noch las. Inhaltlich bin ich freilich geneigt, "Theophilus" in seiner im folgenden Satz formulierten Aussage Recht zu geben:


Es gibt aber keinen Zweifel, dass er es gerne genau so gehabt hätte, wie es in seinen Textbüchern gefordert wird.
Verzweifelt war Wagner darüber, dass sein Illusionstheater mit den damals zur Verfüfung stehenden Mitteln so schwer und unbefriedigend umzusetzen war. Da gibt es heute tatsächlich ganz andere Möglichkeiten, und wenn es Videoprojektionen sind.


Deshalb werde ich mich an diesem Thema nicht mehr beteiligen.
Das würde ich sehr bedauern! :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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Glockenton

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10

Freitag, 28. Februar 2014, 09:41

Wenn man hier so liest, könnte man fast meinen, dass es sich beim Parsifal um Literatur oder Sprechtheater handelt.
Auschlaggebend für die persönliche Bewertung eines solchen Werks sollte m.E. doch die Musik sein - und die ist einfach grandios.
Harmonisch gesehen gefällt mir kaum ein Werk von Wagner so sehr, wie dieses.....nun ja, nehmen wir einmal den Tristan aus, dessen harmonische Errungenschaften einem im Parsifal ständig über den Weg laufen...
Ich habe mir den Klavierauszug davon sozusagen dauerausgeliehen (immer wieder in der Bibliothek verlängert). Für mich ist Wagners Harmonik, seine Stimmführungen im Orchestersatz und Modulationen wirklich eine Fundgrube. Wer sich für diese Art von balancierter (balanciert im Sinne des Verhältnisses von edler Konsonanz zur expressiven Dissonanz) Harmonisierung interressiert, für den ist nun einmal diese Partitur der eigentliche Gral.
Auch melodisch (von der Harmonie hier schwer zu trennen) bin ich sehr begeistert - man denke nur an das edle Motiv, mit dem das Vorspiel anfängt, die Begleitmusik zum Morgengebet im Wald, oder die Motive des Amfortas oder das wild herabstürzende Kundry-Motiv, oder natürlich die Motive Parsifals (z.B. als Kundry seinen Namen nennt) oder das Verheissungsmotiv.

Auch von den Klangfarben des Orchesters her ist diese Musik einfach einmalig - der reife Spätstil Wagners, bei dem er nicht seine früheren Errungenschaften verleugnet, sondern seinen eigenen Stil in voller Reife und Ausprägung aufblühen lässt, was ja auch für die vorgenannten Aspekte gilt.

Nun gut, nüchtern betrachtet kann ich mich inhaltlich natürlich nicht voll mit dem identifizieren, was da auf der Bühne stattfindet. Im Moment der Rezeption jedoch ist mir das völlig egal und ich lasse mich auf diese Inhalte genauso ein, wie ich mich beim Hören der Zauberflöte auf diesen inhaltlich m.E. viel grösseren Unsinn einlasse.

Bei Wagner hat man wenigstens interessante psychologische Spannungsfelder, mit denen sehr menschliche Konflikte angesprochen werden. Auf der einen Seite gibt es den Wunsch zur (keuschen) Reinheit, zur Heiligkeit, zur übernatürlichen, spirituellen, zur göttlichen Lichterfahrung. Es ist die Sehnsucht zur verlorengegangenen Gemeinschaft mit dem Schöpfer. Diese ist aber so ohne weiteres nicht möglich, weil ja die zum Sündigen neigende, gefallene Natur des Menschen verhindert, diese Sehnsucht aufzulösen. Das Dunkle im Menschen verhindert, dass er die Gemeinschaft mit dem Licht ertragen könnte. Der Sexualtrieb, die heimlichen- unheimlich- unreinen Wünsche erweisen sich hierbei als besonders mächtig. Hieraus entwickelt sich ein starker innerer Konflikt, der eben ein guter Stoff für eine Oper sein kann, indem man ihm Figuren zuweist.
Ob man der Wagnerschen Lösung mit der Verteufelung der Sexualität nun zustimmen soll? Wohl kaum - aber das spielt doch letztendlich keine Rolle. Ich weiss nicht, ob Wagner sich mit dem Parsifal in eine Art Ersatzreligion hineinphantasierte oder was für merkwürdige Haltungen er sonst gehabt haben mag (bei manchen Themen weiss man es ja). Letztendlich ist das aber irrelevant, weil die Qualität dieser Musik alles überstrahlt.

Der Parsifal ist ein 100%iges Meisterwerk der Tonsetzkunst, einzigartig und kostbar. Man muss sich im Privatleben nicht inhaltlich mit allen Aspekten identifizieren, aber man kann in diese Welt im Moment des Zuhörens/des Erlebens eintauchen, und das tue ich gerne.

Gruss
Glockenton

Dr. Holger Kaletha

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Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

11

Freitag, 28. Februar 2014, 10:03

Für mich ist der Parsifal auch kein "Machwerk" - natürlich nicht. Die Frage ist, ob man sich mit der Intention Wagners heute noch identifizieren kann. Höchst aktuell finde ich immer noch die Mitleidsethik - mehr allerdings noch die des Tristan. Stärker als aller Haß ist das Mitleid mit der leidenden Kreatur. Wenn man da an die Mitleidlosigkeit von Selbstmordattentätern, von Raketen und Bomben auf Zivilisten denkt, dann hat es die Welt eigentlich nötig, daß so eine Oper jeden Tag gespielt wird. Beim Tristan geht die "Erlösung" aber über eine klischeehafte, christlich-ideologische Dämonisierung der Sexualität, die schlicht ungenießbar ist. Da hat selbst der "katholische" Josef v. Eichendorff differenzierter gedacht - die romantisch-christliche Antithese geistige Leibe und sexuelle Anziehung schließlich kräftig ironisiert. Bei Wagner dagegen ist das völlig unironisch und wird ins Mystisch-Erhabene verklärt. Diesen Brocken kann man nun wirklich nicht mehr verdauen.

Schöne Grüße
Holger

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

  • »operus« ist männlich

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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

12

Freitag, 28. Februar 2014, 11:11

Für mich ist der Parsifal auch kein "Machwerk"

Lieber Holger,

jede andere Aussage von Dir hätte mich auch gewundert. Ich bin schon erstaunt, wie leicht, ungehemmt und barsch über Wagners "Parsifal" eines der vieldeutigsten, schwierigsten Werke der Operngeschichte geurteilt wird. Ich muss hier lange und differenziert überlegen, ehe ich eine Äußerung wage. Ich teile Deine Meinung, dass "Parsifal" getragen von der Geschichte, Ideologie und der Musik, selbst die Chöre klingen sphärenhaft vergeistigt einen mystisch, spirituellen Charakter hat, der rätselhaft ist und bleibt und zu dialektischen Auslegungen und Disputen geradezu herausfordert.

Herzlichst
Operus,
der sich rund 40 Jahre intensiv gerade mit diesem Werk beschäftigt und sich bei Rezensionen immer schwer getan hat, grundsätzliche Aussagen über grandioses Spätwerk zu formulieren.
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lutgra

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Beiträge: 5 161

Registrierungsdatum: 9. April 2013

13

Freitag, 28. Februar 2014, 11:31

Ich bin schon erstaunt, wie leicht, ungehemmt und barsch über Wagners "Parsifal" eines der vieldeutigsten, schwierigsten Werke der Operngeschichte geurteilt wird.
Hier hat doch aber - abgesehen von den Eingangszitaten aus einem anderen thread - noch keiner barsch über den Parsifal geurteilt. ?(

operus

Ehrenpäsident und Außenminister

  • »operus« ist männlich

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Registrierungsdatum: 14. Mai 2008

14

Freitag, 28. Februar 2014, 11:57

Lieber lutgra,

ich sehe die beiden Threads als Einheit und habe deshalb in Beitrag 8 vorgeschlagen, die gesamte Thematik in dem von Dir dankenswerter Weise gestarteten Thread zusammenzuführen und zu konzentrieren. Ich hoffe, dass dies auch in Deinem Sinne ist - und dann stimmt auch mein Zitat.

Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Gerhard Wischniewski

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15

Samstag, 1. März 2014, 00:14

Zitat

Zitat von Rheingold: Deshalb werde ich mich an diesem Thema nicht mehr beteiligen.
Lieber Rheingold,

da du etwa solange wie ich hier im Forum bist, müsstest du den oft schroffen Ton von Theophilus inzwischen kennen und - so wie ich - nicht so ernst nehmen. Deswegen, denke ich, solltest du dich hier nicht beleidigt zurückziehen.
Ich gebe aber - abgesehen von dem Eingangssatz - Theophilus insofern Recht, als Wagner, wenn er unzufrieden war, es sicherlich nur deshalb war, weil sein Werk nicht so umgesetzt wurde oder wegen fehlender technischer Möglichkeiten nicht so umgesetzt werden konnte, wie er es erdacht und im Libretto fixiert hatte. Und daher halte ich daran fest, dass er die heutigen Inszenierungen, die sein Libretto nicht mehr beachten, sondern sein Werk nur als Vorwand nehmen, ihm ihre irren Handlungen zu unterlegen, egal ob nun Musik und Gesangstext dazu passt, zum Teufel wünschen würde. Für mich bleibt es ein Missbrauch eines vorhandenen Werkes für eine von ihnen erdachte Handlung, zu den ihnen die Idee eines Textes und einer passenden Musik fehlt. Weil ihnen zu der von ihnen erdachten "modernen" Handlung also kein eigener passender Text einfallt und sie vielleicht niemanden finden, der diese Handlung vertont, und weil sie wohl befürchten müssen, dass dieses Werk unter ihrem Namen und mit neuer Handlung und Musik nicht den nötigen Absatz finden würde, stehlen sie eben Namen, Text und Musik eines verstorbenen Komponisten, der sich nicht mehr wehren kann. Ein echtes Plagiat!
Leider kenne ich persönlich bisher nur eine Inszenierung, die das Werk wahrt und meine Erwartungen erfüllt, und das ist die von Wolfgang Wagner (die von Wieland Wagner kenne ich nur in einem Ausschnitt, es gibt sie wohl auch nicht auf DVD). Die neue Inszenierung aus der MET zeigt für mich, wie schon in dem anderen Thema gesagt, einige gute Ansätze. kann meine Erwartungen aber auch nicht erfüllen. Alle anderen Inszenierungen der letzten Jahre, die ich gesehen habe, den Herheim in Bayreuth, den Schulz in Salzburg oder den Bieito in Stuttgart (den ich allerdings nur aus den in dem anderen Thema gezeigten Ausschnitten kenne, die mir aber völlig genügen, um von so etwas nicht noch mehr davon sehen zu wollen) liegen für mich völlig daneben.
Nachdem ich mir jetzt den Parsifal in der Inszenierung von Wolfgang Wagner mit der unveränderten Handlung erneut angesehen habe, muss ich immer wieder die Frage stellen, ob man als denkender Mensch nicht alle die hier schon geäußerten Interpretationsideen, die ja auch unterschiedlicher Art sind, in einer Inszenierung nach dem Originallibretto für sich selbst finden kann, ohne dass uns ein Regisseur seine einseitige Interpretation durch eine völlig entstellte Handlung aufzwingen muss.

Liebe Grüße
Gerhard
Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
(Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

Gerhard Wischniewski

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Registrierungsdatum: 7. April 2011

16

Samstag, 1. März 2014, 00:15

Zitat

Zitat von Rheingold: Deshalb werde ich mich an diesem Thema nicht mehr beteiligen.
Lieber Rheingold,

da du etwa solange wie ich hier im Forum bist, müsstest du den oft schroffen Ton von Theophilus inzwischen kennen und - so wie ich - nicht so ernst nehmen. Deswegen, denke ich, solltest du dich hier nicht beleidigt zurückziehen.
Ich gebe aber - abgesehen von dem Eingangssatz - Theophilus insofern Recht, als Wagner, wenn er unzufrieden war, es sicherlich nur deshalb war, weil sein Werk nicht so umgesetzt wurde oder wegen fehlender technischer Möglichkeiten nicht so umgesetzt werden konnte, wie er es erdacht und im Libretto fixiert hatte. Und daher halte ich daran fest, dass er die heutigen Inszenierungen, die sein Libretto nicht mehr beachten, sondern sein Werk nur als Vorwand nehmen, ihm ihre irren Handlungen zu unterlegen, egal ob nun Musik und Gesangstext dazu passt, zum Teufel wünschen würde. Für mich bleibt es ein Missbrauch eines vorhandenen Werkes für eine von ihnen erdachte Handlung, zu den ihnen die Idee eines Textes und einer passenden Musik fehlt. Weil ihnen zu der von ihnen erdachten "modernen" Handlung also kein eigener passender Text einfallt und sie vielleicht niemanden finden, der diese Handlung vertont, und weil sie wohl befürchten müssen, dass dieses Werk unter ihrem Namen und mit neuer Handlung und Musik nicht den nötigen Absatz finden würde, stehlen sie eben Namen, Text und Musik eines verstorbenen Komponisten, der sich nicht mehr wehren kann. Ein echtes Plagiat!
Leider kenne ich persönlich bisher nur eine Inszenierung, die das Werk wahrt und meine Erwartungen erfüllt, und das ist die von Wolfgang Wagner (die von Wieland Wagner kenne ich nur in einem Ausschnitt, es gibt sie wohl auch nicht auf DVD). Die neue Inszenierung aus der MET zeigt für mich, wie schon in dem anderen Thema gesagt, einige gute Ansätze. kann meine Erwartungen aber auch nicht erfüllen. Alle anderen Inszenierungen der letzten Jahre, die ich gesehen habe, den Herheim in Bayreuth, den Schulz in Salzburg oder den Bieito in Stuttgart (den ich allerdings nur aus den in dem anderen Thema gezeigten Ausschnitten kenne, die mir aber völlig genügen, um von so etwas nicht noch mehr davon sehen zu wollen) liegen für mich völlig daneben.
Nachdem ich mir jetzt den Parsifal in der Inszenierung von Wolfgang Wagner mit der unveränderten Handlung erneut angesehen habe, muss ich immer wieder die Frage stellen, ob man als denkender Mensch nicht alle die hier schon geäußerten Interpretationsideen, die ja auch unterschiedlicher Art sind, in einer Inszenierung nach dem Originallibretto für sich selbst finden kann, ohne dass uns ein Regisseur seine einseitige Interpretation durch eine völlig entstellte Handlung aufzwingen muss.

Liebe Grüße
Gerhard
Alle Kunst ist der Freude gewidmet, und es gibt keine höhere und keine ernsthaftere Aufgabe, als die Menschen zu beglücken. Die rechte Kunst ist nur diese, welche den höchsten Genuß verschafft.
(Schiller: Die Braut von Messina, Kapitel 2)

Theophilus

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Registrierungsdatum: 1. Dezember 2004

17

Samstag, 1. März 2014, 17:01

Dadurch kommt sofort ein scharfer Ton in die Diskussion bevor sie überhaupt erst richtig begonnen hat.

Du bezeichnest wörtlich die Meinungen anderer zu einer Frage als "absurd" (und zwar mit einer unhaltbaren Begründung, du bist mit deiner Meinung völlig daneben!), aber ich habe danach einen scharfen Ton hineingebracht....

:hahahaha:


(Ganz abgesehen davon, dass du offenbar einen Schnellkursus im Interpretieren von Smileys absolvieren solltest! ;) )

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Milletre

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Registrierungsdatum: 18. März 2008

18

Sonntag, 2. März 2014, 00:32

Eine andere Frage ist natürlich, welche Umsetzung Wagner heute für seine Ideen fordern würde. Da sich auf der Bühne so gut wie alles geändert hat, kann man spekulieren, dass ein Wagner heute auch andere ästhetische Ansätze realisieren würde. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass seine Werke nach wie vor klar erkennbar blieben...

;)

... und zwar behufs einer wohl singulären (zugleich mit Tristan) Symbiose von Text und Musik. (Auch wenn ich mit der Sexualfeindlichkeit im Parsifal und der aufgepfropften konzilsähnlichen Ideologie so meine Probleme nicht verschweigen möchte.)
Arrestati, sei bello! - (Verweile, Augenblick, du bist so schön!)