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Alfred_Schmidt

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1

Donnerstag, 9. September 2004, 16:47

Alfred spielt sie alle an die Wand (?)

Hallo Taminoaner,

die Rede ist natürlich nicht von mir, sondern von Alfred Brendel, dem (so scheints wenigstens) einzigen Pianisten unserer Tage, der die berühmten Klavierwerke der Wiener Klassik erfolgreich auf Tonträger eingespielt hat. (und es immer noch tut)



Während man Verträge mit anderen Künstlern cancelt oder "modifiziert", billigt man Brendel immerhin den dritten Aufguß dieser Werke bei Philips zu. Natürlich gibt es Alternativen am CD-Markt, aber die meisten dieser Aufnahmen stammen von verstorbenen Künstlern.

Was ist das, was das Besondere (das existiert bestimmt !!) an Brendels Interpretationen ausmacht ? Was hat er, was anderen verwehrt ist?

PR allein kann hier nicht die Ursache sein, denn damit kann man zwar jemanden über Nacht zum Star machen (Brendels frühe Karriere verlief eher unauffällig, seine Vox Aufnahmen blieben mehr oder weniger unbeachtet)aber um dauerhaft Erfolg zu haben, da braucht es schon mehr. Ich selbst bin hier nicht berufen zu analysieren, denn während mir vor 20 Jahren dieser extreme Ruhm Brendels suspekt erschien,
entwickelte ich mich vor allem in den letzten Jahren zum Brendel-Bewunderer.

Vielleicht sollte an dieser Stelle zur Auflockerung auch die ein oder andere Lieblingplatte erwähnt werden, wenn ihr welche habt.

Aber auch wirkliche Alternativen (von lebenden Pianisten) sind gefragt.
Nicht daß es welche gibt ist hier wichtig, sondern daß sie von jemanden von Euch als konkurrenzfähig befunden werden ......

Ich kannte übrigens bisher nur einen Künstler, der ähnlich konkurrenzlos dastand wie Brendel, und das war......Karajan. :yes:


Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

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2

Donnerstag, 9. September 2004, 23:15

Alfred= Karajan Fan?

na ja...ich bin Alfred Fan ^_^

Meine Lieblingsplatte..schwer zu sagen....einfach alles von Brendel :)
Klavierkonzerte von W.A.M. Brendel/Marriner.
Die höre ich mir immer wieder gerne an. Immer gut gewählte Tempi. Alles passt perfekt. Wenn ich unter den KK widerum mein favorite wählen müsste...dann das grosse C-Dur Konzert KV 467 mit der Kadenz von Radu Lupu (dem Zotteltier).

UND: Mozarts Klaviersonate Es-Dur KV 333
SEHR SCHÖN gespielt! (natürlich kein Vergleich zu der Maschine Horowitz)


Er ist spät zum Star geworden.
Ein Typ Musiker,der WIRKLICH geübt hat (und MUSSTE)und der sich hochgearbeitet hat.
Nicht umsonst wird er zum jährlichen Klavierfestival eingeladen.
Musikverständnis (erst überlegen dann spielen, und zwar richtig und mit eigner "note"),Interpretationsmässig und Anschlag=TOP!
Einer der letzten grosse Pianisten der "alten Garde".
Desweiteren hat er Komponisten aufgegriffen,die die anderen nicht so häufig nahmen. Liszt, Haydn (sehr unterschätzt!), Schubert.
Ich glaube ab da nahm seine Berühmtheit zu.

was hat er besonderes... ausstrahlung bestimmt nicht ~ -.-

Er ist ein Sucher nach dem perfekten Klang/Ton. Das fasziniert (mich).
Manchmal nervt es aber auch.

Es ist ja schön und gut,wenn man später anders spielt als früher (vgl.Friedrich Gulda mit seinen Beethoven Sonaten Zyklus). Aber AB sucht ja IMMER. fast krankhaft.
Ein Musiker sollte sich etwas Zeit lassen und bei manchen Musikstücken abwarten bis er die richtige "Form" gefunden hat.
Ob das seinem Image gut tut?
Ein nebenaspekt noch,dass er dadurch (viel mehr) Geld verdient.
Aber ich möchte nicht immer die CD von ihm kaufen,wenn er gar ein Stück 3 x einspielt in verschiedenen Zeitabschnitten.
Manchmal möchte man doch etwas endgültiges.

Und sicherlich ist er auch nicht der einzige "Suchende" nach dem perfektem. Ein suchender Musiker? Ein nicht still stehender (oder sitzender) Pianist?

Uwe

Moderator

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3

Freitag, 10. September 2004, 20:31

Hallo Alfred,

also: ehrlich gesagt tue ich mich mit Brendels Alfred etwas schwer. Sicherlich hat er seine Meriten und sicherlich gibt es einige (Beethoven)Aufnahmen, an denen man schwer vorbeikommen kann, aber sein Spiel scheint wirklich immer so bleischwer, grüblerisch...
Auch wenn man das "Nachdenken über Musik" natürlich als Voraussetzung nimmt, Klavierspielen - oder überhaupt musizieren zu können, so wirkt er auf mich zu sehr introvertiert - (als alter Hobbypsychologe würde ich sagen, weil ich selber zu introvertiert bin).

BBB schrieb (im Horowitz-Thread):

Zitat

...Wenig später erlebte ich übrtigens zum ersten Mal Alfred Bredel live in Concert. Himmel, was ein Unterschied. Der heitere, quirlige Horowitz, dem man anmerken konnte, daß ihm das Musikmachen unbändig Freude bereitete und dann der mit Blicken das Publikum abstrafende Brendel, der sich wie ein verwundeter Amfortas an den Steinway schleppte, (mit pflasterverklebten Fingerkuppen !)und bei jedem Griff in die Tasten ein Gesicht machte, als würde er während des Spieles sterben wollen... Bredel ist sicher ein großartiger Künstler, sein Schubert ist anbetungswürdig, aber ZUSEHEN kann man da nicht, zumindest würde ich es keinem empfehlen....

Eine sehr treffende Beschreibung! :D

Natürlich sehe ich als Alternative keine Tasten-Clowns, die munter vor sich spielen, ohne zu wissen, was sie eigentlich spielen, aber ich glaube, ich mag neben dem technischen Können auch Leute, die einfach Spielfreude vermitteln (Argerich ist sicher auch kein einfacher Fall - aber lebendig), oder jemand wie Sokolov, der sicher nicht weniger tiefschürfend über seine Musik sinniert, dabei doch wesentlich bodenständiger/lebendiger wirkt.

Gruß aus Hamburg
Uwe

Parsif

Schüler

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4

Montag, 13. September 2004, 10:34

Alfred Brendel gehört für mich zweifellos mit zu den ganz
großen Pianisten. Meine erster Zugang waren seine Schubertaufnahmen.



Was dabei für eine Tiefe herauszuhören ist, stellt schon eine besondere
Qualität dar.
Vor einem halben Jahr habe ich ihn live im Konzert mit Beethoven
und Schubert Stücken erlebt. Wie er noch in seinem Alter (über 70) die
extreme Konzentration von fast 2 Stunden aufbringt, um das Publikum
mit seinem Spiel in atemlose Spannung zu versetzen, fand ich äußerst
beachtlich. Ich halte die Kritik an seiner Darbietung schon für etwas
hart. Er kommt vollständig ohne äußere Effekte aus und nimmt sich
immer gegenüber dem Stück zurück.
Diese Art schätze ich sehr, wobei möglicherweise das heute nicht
mehr so angenommen wird.

Gruß
Rüdiger
Gruß
Rüdiger

________________________
Lärm ist ... nur eines der Übel unserer Zeit, wenn auch vielleicht das auffälligste. Die anderen sind Grammophon, Radio und neuerdings die verheerende Television.

C.G. Jung

BigBerlinBear

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5

Mittwoch, 15. September 2004, 17:59

Parsif schrieb:

Zitat

Alfred Brendel gehört für mich zweifellos mit zu den ganz großen Pianisten. Meine erster Zugang waren seine Schubertaufnahmen.


Daran kann kein Zweifel bestehen, seine Schubert-Aufnahmen waren auch für mich der "Einstieg" in Sachen Brendel.
Das war auch ungebrochen so, bis ich ihn zum ersten Mal live im Konzert hörte. Strafende Blicke ins Publikum, das geringfügig raschelte, eine "Parsifal"-Leidensmine bei mit Pfastern verklebten Fingerkuppen und einem Gesichstausdruck voller Leiden, Resigation und Entsagung...
Horowitz, sagte, auf Brendels Schubert angesprochen: ich empfinde Schubert nicht als tragisch sondern als melancholisch...
Ich wiederum halte es für wichtig, wenn die Freude an der Musik, am Musik-Machen im Mittelpunkt des Spieles steht. Brendels schmerzverzerrte Miene lässt einen da eher auf dumme Gedanken kommen :D
Das geht über das Sagbare hinaus. Das läßt sich nicht deuten und bedarf keiner Deutung. Es kann nur gehört werden. Es ist Musik. (H.H.Jahnn)

Klassikliebhaber

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6

Donnerstag, 23. September 2004, 22:06

na ja...das ist halt Gefühl! :)

jpsa

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7

Donnerstag, 23. September 2004, 23:40

Es hat zwar etwas gedauert, aber die Antwort bleibe ich hier ungerne schuldig.

Sicherlich gehört Brendel zu den Pianisten, mit denen ich mich am längsten beschäftige. Einige seiner "Jugendsünden" bei Turnabout/Vox, insbesonders Beethoven, Liszt und Schubert machten mich neugierig auf mehr und Anfang der 70er Jahre erhielt er seinen Exklusivvertrag bei Philips, so daß ein Plattenbezug in Deutschland nicht mehr derart erschwert war.

Auch heute noch empfinde ich seine Schubert-Deutungen der 70er Jahre, die Mozart-Konzerte mit Marriner und die unzähligen Liszteinspielungen als unübertroffen. Bei anderen Komponisten, insbesonders Beethoven und bei den Mozart-Sonaten, bin ich jedoch anderer Meinung als Brendel. Unvergleichlich auch das Schönberg-Konzert, das er inzwischen auch schon 3 mal aufgenommen hat. Hier sind die Studienphasen in der jeweiligen Interpretation am deutlichsten zu erkennen. Sollte er es nochmals aufnehmen (was jedoch mehr oder weniger ausgeschlossen ist) - würde es genauso wie sein Schubert - als zu "schmerzhaft" schön umschrieben werden müssen, denn eine Steigerung/Verbesserung ist dabei schon fast unmöglich.

Was macht seinen Erfolg aus ?
Meiner Meinung nach in erster Linie seine nicht nachlassende Suche nach dem Kern, dem Wesen der Komposition. Man bedenke, daß er bereits seit Ende der 40er Jahre "im Geschäft" ist und sich stets weiterentwickelt hat, langsam aber konstant.
Der Geschmack der Hörer in Bezug auf Repertoire und Interpretation hat sich seit Mitte der 60er Jahre doch grundlegend geändert - und da passte Brendel genau ins Bild.
Gleichzeitig war er anscheinend genau der Typ (introvertiert, schrullig), dem das breite Publikum geneigt war zuzuhören; das hat sich bis heute eigentlich nicht geändert.
Die anfänglich unbeachtete Intelligenz von Brendel und die noch nicht derart entwickelte, enorme Ausstrahlung, trugen seit Mitte der 70er noch weiter zu seinem großen Erfolg bei.

[Wer übrigens mehr über Brendel, seinen Weg, Privates und auch sein Konzert mit Werken von Chopin, Ravel, Debussy und Rachmaninoff ;) , nachlesen möchte, bediene sich bitte meines Artikels aus dem Jahr 2000.

...das hat sich bis heute eigentlich nicht geändert... Ja, und genau das ist der Punkt, den ich nicht (mehr) so sehe.
Sicherlich akzeptiere ich, daß ein Künstler nur das spielt, was er vertreten kann (bei Brendel, das was ER braucht) und daß er Werke, die viele als wichtig empfinden (Chopin, Rachmaninoff, Bach, weitere Zeitgenössische) nicht bzw. nicht mehr spielt.
Aber bei dem noch verbliebenen Repertoire vermisse ich inzwischen die Weiterentwicklung.
Er spielt jetzt seit fast 6 Jahren nur noch einige Sonaten von Mozart, Schubert, Haydn, Beethoven und zur "Abwechslung" etwas Schumann.
Im Vergleich zu seinen bisherigen Einspielungen und Sichtungen empfinde ich ihn als rückläufig, ja teilweise sogar (bei Mozart) als kindisch.

Auch unter Berücksichtigung seines Gesundheitszustandes, er darf sich einige schwere Werke der Klavierliteratur nicht mehr zumuten, komme ich mehr denn je zu der Überlegung, er solle lieber nicht mehr spielen sondern seine weiteren Interessen ausbauen und noch stärker als früher sein enormes Wissen an junge Musiker weiter geben.

Natürlich kann ein Pianist, wenn er nicht gerade enorm gebrechlich ist, bis ins sehr hohe Alter spielen (man denke an Rubinstein oder Horszowski) aber - ähnlich wie bei den Sängern - sollte man, wenn man keine Stimme mehr hat, im Falle des Pianisten, wenn man nichts mehr Neues zu sagen hat und eine gewisse Zeit "Altgesagtes" immer nur wiederholt, überdenken, eventuell von der Bühne/dem Tonstudio abzutreten.

Dies wäre sicherlich anfangs bedauerlich, da er eine wirklich Größe des Musik- und Konzertlebens war - aber eben aus meiner Sicht nicht mehr ist.

Bevor jetzt einige über meine Ansichten herfallen, bitte lieber ein zweites mal lesen und nicht den ersten (Mord-) Gedanken freien Lauf lassen :rolleyes:

Gruß,
Jürgen
Wenn Freiheit überhaupt etwas bedeutet, dann das Recht, den Menschen zu sagen, was sie nicht hören wollen. [frei nach George Orwell]

Klassikliebhaber

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8

Donnerstag, 23. September 2004, 23:56

tja...der "kranke" mann braucht aber noch geld,um zu überleben.
klavierfestival ruhr 2004:

bei ihm haben die karten am meisten gekostet.

und was war im programm?
so ´n standardprogramm was er locker spielen kann. :(

In seinen alten Aufnahmen hatter er auch Liszt drin.
Sehr schwere Sachen wie zum Beispiel La Campanella...aber nun kommt ja wie jpsa nun nichts mehr. :(

jpsa

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9

Freitag, 24. September 2004, 00:02

Nein, hier muß ich zumindest Brendel in Schutz nehmen.
Geld hat er genug und des Geldes wegen tritt er nicht auf. Auch seine Gagen liegen nun wirklich im Rahmen des Möglichen und sind bei weitem nicht so überzogen, wie bei weniger "berühmten" Kollegen.

Hier sind alleine die raffgierigen Konzertveranstalter Schuld, die versuchen, noch abzusahnen, was zu bekommen ist, denn noch zieht der Name Brendel in den meisten Konzerthallen das Publikum bis auf den letzten (Steh-) Platz an.

Aber, die Ausbeutung der Besucher durch Konzertagenten und -veranstalter, wäre sicherlich ein weiteres Thema an anderer Stelle...

Gruß,
Jürgen
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Alfred_Schmidt

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10

Freitag, 24. September 2004, 00:29

Hallo

Solche Threads sichd schon was eigenartiges:
Da liegen sie scheinbar unbeachtet einige Zeit herum, und dann, wie aus heiterem Himmel werden sie zu leben erweckt, und reizen gleich mehrere Mitglieder, ein Statement abzubene, bzw. einen Beitrag zu scheiben.

Zuerst eine Aussagen von Klassikliebhaber :

Zitat

was hat er besonderes... ausstrahlung bestimmt nicht ~ -.-


Schon damals wollte ich widersprechen, hab aber dann offenbar vergessen. Jürgens Beitrag hat mich wieder daran erinnert:
Brendel hat Ausstrahlung !
Und was Für eine !
Die Beschreibung die in diesem Thread BigBerlinBear über Brendel-bei einem Live-Auftritt hier verfasste, war nicht nur ein geluingenes Kabinettstück deutschsprachiger Feuilletonkunst, sondern auch eine sehr realistische Beschreibung.
Ich selbst erlebte ähnliches in Wien, vor vielen Jahren, bei einem Zyklus aller Schubert Sonaten, verteilt auf einge Abende. Ich hatte via Musikverein Freikarten (die, welche übergeblieben sind, und das waren oft die teuersten... :yes: So saß ich also in der 2. Reihe mit direktem Augenkontakt zum Meister. Brendel stieg mißmutig aufs Podium, warf einen hasserfüllten Blick aufs Publikum, eigentlich eher verächtlich, so genau lässt sich das nicht definieren. Dann ließ er sich am Klavierhocker nieder, auch mit dem Ausdruck unsäglicher Frustration. Nun fixierte er das Publikum, wandte dann seinen Kopf dem Flügel zu, und begann zu spielen. Da - ein Zuschauer hatte GEHUSTET (Ich wars nicht !!).
Brendel hörte auf zu spielen und fixierte den Huster (hoffentlich wars der Richtige) ca. eine Minute mit einem Blick, der Kraft genug gehabt hätte das gesamte Publikum auszurotten, nicht eigentlich böse, oh nein. Still verachtend, leidend und glühend. Danach begann der Vortrag.
All die Abende ging Brendel fast grußlos von seinem Publikum weg.
Am letzten Abend jedoch, war er "gut aufgelegt" und gewährte ein paar Zugaben. Welch Freudentaumel im Publikum. - Er, der große Verweigerer, hatte sich gerade ihnen geöffnet, ja wer genau hinsah
konnte mit einiger Mühe sogar so etwas wie ein sehr angedeutetes Lächeln auf Brendels Antlitz erahnen.
Die gute Laune des Meisters griff aus Publikum über: Standing Ovations.

Also wenn DAS nicht Ausstrahlung ist -- was ist es dann ???

@jpsa

Das Aufhören zu rechten Zeit ist ein gern gepredigter Rat, und es wissen auch die Künstler , daß dies das Beste wäre, aber die Musikindustrie winkt dann immer wieder mit diesen schmutzigen Geldscheinen, ein paar Schmeicheleien und (fast) jeder Künstler lässt sich überreden.....


Gruß aus Wien

Alfred

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Klassikliebhaber

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11

Mittwoch, 29. September 2004, 08:43

Es ist schon eine Kunst,jemanden (das Publikum) mit Schubert Sonaten festzubannen und ruhig zu stellen.
Noch vor kurzem hat mich dieser Satz im Buch von J.Kaiser irritiert.

Aber es scheint ja auch andere zu geben,die der Ansicht sind,dass A.Brendel Ausstrahlung hat.

aber ich meinte mit Ausstrahlung eher optisches Erscheinen/Auftreten/Aussehen (wieder mal unglückliche Wortwahl).
Und da schreckt er IMO die Leute auf dem 1. Blick ab (vor allem jüngere).
Anna Netrebko...DIE hat Ausstrahlung! :)

Ausstrahlung hin oder her...
ich bin ein grosser Brendel-Fan aufgrund seiner schönen,aber kritischen Spielweise.

das_dritte_ohr

unregistriert

12

Montag, 11. Oktober 2004, 22:24

Als Kaiser das Buch geschrieben hat, stimmte der Satz ja auch noch. Da hatte Brendel etwas pedantisch Bürokratisches und noch nicht die Ruhe, die er heute ausstrahlt.

Gemessen am Beethoven von Gulda und Arrau, am Schubert von Richter, Schumann von Kempfff oder Argerich war er eben überall nicht die erste Wahl.

Mich stört eine gewisse Unfähigkeit, sich einfach gehen zu lassen und losgelöst körperlich spürbare Musik zu machen. Dafür hat er allerdings seinen typischen vergeistigten Stil, und wenn ich zu Brendel gehe, bekomme ich absolut zuverlässig eine hohe Qualität in der Balance und Schönheit des Klangs.

Für die Eintrittspreise kann er sicher nichts. Welches Klavierfestival meint ihr? Roque d´Ántheron, Ruhr, Luzern? Die Schweiz ist nun mal teuer, und das Klavierfestival Ruhr hat leider ziemlich hohe Preise, oft überzogen, vor allem auch bei unbekannten Pianisten. Wo soll da noch der Raum für das angebliche Sponsoring liegen? Und private Veranstalter wollen ohnehin Gewinn machen, nutzen dann natürlich die Zugkraft des Namens.

Das häufige Einspielen des gleichen Repertoire, die fehlende Suche nach neuen interessanten Stücken, ist sicher ein künstlerischer Mangel in der Gesamtbewertung. Aber in dem Moment des Konzertes stört das ja nicht. Übrigens wenn man Veranstalter fragt, ist er hinter der Bühne ein angenehm konzentrierter, anspruchsloser Musiker, ohne jede Art von Zicken.

Das Problem des rechtzeitigen Aufhörens empfinde ich überhaupt nicht so. Warum? So lange die Ausfälle nicht die schönen Momente zerstören, ist doch alles in Ordnung. Eines meiner schönsten Konzerte war Horowitz in Hamburg 1987. Ein wunderschöner Klavierklang, der auf jeden Fall ausgleicht, wenn die Finger etwas haken.
Oder Arrau in seinen letzten Jahren. Es hat niemanden gestört, wenn er mal danebengegriffen hat. Das würde es auch bei Brendel nicht, aber ich glaube, er selbst ist da eher Perfektionist.

Aber zu meinen Lieblingspiansiten gehört Brendel trotzdem nicht.

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13

Montag, 11. Oktober 2004, 22:52

Gemeint war das Klavierfestival Ruhr.

Cortot hat des öfteren danebengegriffen und es hat keinen gestört.
:)

Aber wenn es dann wirklich grausam wird (z.b.cellist rostropowitsch)und technisch wie auch mental nicht seinem Niveau gerecht wird,dann sollte man wirklich aufhören.

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14

Dienstag, 2. November 2004, 00:14

Nachdem ich den Spiegelartikel (wahrscheinlich ein wenig promotion wegen seiner neuen "Vater und Sohn"- Platte) über Brendel gelesen hatte,war ich um einiges schlauer was seine Person betrifft.

Er hasst es absolut,wenn irgendjemand und sei es nur einer, im Publikum hustet. Dann ist für ihn der Tag im Eimer.

Lustig,wie er sich über Barenboim äussert (ist er neidisch? :))
Ein Arbeitstier mit phänomenalem Gedächtnis (was wirklich stimmt!).

Der gute Mann hat schon vor Urzeiten seine Fingerkuppen zugepflastert (gesehen EMI Classics Archive DVD). Ich frage mich immer noch warum.
Ist glaub ich auch der einzige,der sowas tut,oder?
Gould hatte zwar Handschuhe an, aber hatte nie seine Kuppen zugeklebt...

Und wer kann mir sagen, wer die Frau im Spiegelartikel neben Brendel war? Ist das seine Frau?

Schade übrigens,dass er so wenig begleiten will. :(
Aber mit seinem Sohn hat er ja mal wieder Abwechslung gebracht.

jpsa

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15

Dienstag, 2. November 2004, 07:14

Leider kenne ich den Spiegel-Artikel nicht (welche Ausgabe ist das ?).
Wahrscheinlich handelt es sich jedoch bei dem Foto um seine Frau Irene.

Die Äußerung über Barenboim - wie auch der komplette Artikel - würde mich schon interessieren.... aber ich glaube nicht, dass er neidisch auf Kollegen ist, dafür ist er u.a. viel zu intellektuell.

Über die Bepflasterung seiner Finger gibt u.a. mein Artikel (siehe Link in meinem ersten Posting in diesem Thread) Auskunft. ;)

Gould hatte dafür andere Macken - zB mußte er sich vor einem Konzert mindestens 20 Minuten lang die Arme in heißes Wasser legen und ganz zu schweigen von seinem Klavier-Stühlchen oder dem Dirigat mit integriertem Gesang beim Spiel.

Gruß,
Jürgen
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16

Dienstag, 2. November 2004, 08:24

es handelt sich um die aktuelle Ausgabe, die schon am Samstag (wegen Allerheiligen) erschienen ist.

Brendel würde niemals offen zugeben,dass er (wenn überhaupt) neidisch wäre.
Er beschreibt Barenboim,dass er viele Aufführungen hat (an einem Tag!),und das Brendel so etwas nie zustande bringen könnte (dieses hin und her).

Leider habe ich den Spiegel Artikel nicht vor mir.
Habe den in der Bibliothek gelesen. Mal schauen,ob ich den wieder bekommen kann.

jaja...Gould hatte etliche Macken.
Irgendwie neurotisch krank.
Aber dafür ein genialer Musiker. :)

Den Artikel habe ich mir grad durchgelesen.
Danke!

Aber dieses "Mäuselaufen" konnte ich bisher bei keiner Aufnahme hören. :)

p.s.: zu meinem obigen Posting: es handelt sich um die Tochter Doris; nicht um seine Frau.

sagitt

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17

Dienstag, 2. November 2004, 08:29

Natürlich ist Brendel ein großer Pianist und auch ein großartiger Schubertspieler. Mich stört allerdings, wie sehr im allgemeinen Bewusstsein andere Spieler verdrängt werden, eben durch Brendel. Wenn man die Pires mit den Impromptues hört, wird man vielleicht nicht mehr so oft zu Brendel greifen. Völlig unterschätzt hingegeben Christian Zacharias. Ich habe schon mehrfach im Blindversuch Freunden den Scherze-Satz der späten c-moll Sonate,gespielt von Brendel und Zacharias vorgespielt. Keinmal konnte sich Brendel durchsetzen. Zacharias spielt mindestens mit der Anschlagsdelikatesse eines Brendel, dazu aber weniger ätherisch. Schubert war nicht das Schwammerl, sondern ein Zeitgenosse Beethovens, auch wenn er sich selbst nie an seine Seite getraut hätte, hat er eine solche Musik geschrieben und das will man auch hören. Zacharias bringt es, aber im deutschsprachigen Raum wird dieser wunderbare Interpret überwiegend ignoriert.

Klassikliebhaber

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18

Dienstag, 2. November 2004, 10:50

wenn man einen bestimmten Bekanntheitsgrad hat,reissen sich die Leute um den Star. Egal ob er dann mieser spielt als andere.
Das ist manchmal ein Vorteil bei berühmteren Interpreten,oder nicht?

Gerade in der Klavierbranche ist es schwer,Fuss zu fassen.
Wenn es keine Stars gäbe,wäre es vielleicht anders.
Aber um wirklich gut zu sein, muss man wirklich was drauf haben und vor allem ein umfangreiches Repertoire haben (wie Brendel eben).
Es reicht nicht,wenn ein Künstler ein,zwei Stücke besser spielt als Brendel. Das reicht nicht,den Mann in den Schatten zu stellen und sich hervorzuheben.

Die anderen Spieler werden imo nicht verdrängt.
Man kennt sie halt nur weniger. Und nur Insider kennen dann die anderen Spieler.

Und am allerwenigsten kann Brendel etwas dafür.

Alfred_Schmidt

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19

Dienstag, 2. November 2004, 11:34

Hallo

kurz ein paar Bemerkungen zu Aussagen meiner "Vorposter":

Wenn Gpould die Arme in heißes Wasser legte, so war dies IMO keine
"Macke", es deutet eher darauf hin, daß er unter (neurotischen ?)Muskelverspannungen litt , was er auf diese Weise therapierte, wirkt übrigens ausgezeichnet, wenngleich nur kurzfristig.

Was sich mir nie ganz erschließen wird, ist warum Gould immer wieder als "Genie" bezeichnet wird ?

Brendel, der heute tatsächlich alle "verdrängt", war ja selbst jahrelang unbeachtet, so sei ihm der durchaus verdiente Ruhm gegönnt.
Ich pflichte allerdings bei, wenn, man sagt, man dürfe die anderen Pianisten, berühmt oder weniger berühmt, nicht aus den Augen (Ohren) lassen. Berühmt wird man (in den meisten Fällen) durch aussergewöhnliche Leistung (allerdings werden nicht alle berühmt, die ausserordentliche Leistungen erbringen), Superberühmt (man verzeihe diese dumme Wortschöpfung, sie triffts aber genau) wird man gedoch zumeist dadurch, daß alle jene, die absolut keine Ahnung von der Materie haben, die CDs der "Berühmtheit" kaufen, weil da kann man ja nichts falsch machen, man schwimmt mit dem Strom. Selbst wenn die "Berühmtheit" einst in Routine erstarrt ist fällt das auf diese Weise niemandem mehr auf. Erst Jahre nach Abgang solch einer Ikone, setzt dann die kritische Auseinandersetzung mit dem Künstler ein, anfangs meist überkritisch, als Folge des aufgestauten Drucks (siehe Karajan), später sich auf eine "gerechte" Beurteilung einpendelnd.

Was Christian Zacharias betrifft, bin ich voll d,accord. Ich werde daher einen Thread über ihn initiieren. Das geht allerdings erst jetzt, da wir einige Klavierspezilisten unter uns haben.

Generell sehe ich in unserem Forum die Nachfolge der Klassik-Zeitschriften, deren Abgang ich wirklich mehr als bedaure. Ein gedrucktes Medium ist unersetzlich. Derzeit ist sowas auf hohem Niveau, so scheints, allerdings nicht machbar.

"Besser" und "weniger gut" sind Begriffe, die in der Interpretation fernbleiben sollten, man kann sie bestenfalls auf das rein Technische anwenden.
Man empfindet einen Pianisten subjektiv als "gut", wenn er ein Werk so spielt, wie wir es subjektiv hören wollen, oderaber wenn es ihm gelingt, uns seine persönliche Auffassung glaubhaft zu übermitteln.


Freundliche Grüße aus Wien

Alfred

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Richard

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20

Mittwoch, 23. März 2005, 12:27

Hallo,

gestern Abend hatte ich mir nochmal diesen Thread genauer durchgelesen.

Außer Uwe hat sich mehr oder weniger keiner krtisch zu Brendel's Schaffen geäußert.
Für viele scheint er der Größte oder zumindestens einer der
Größten Pianisten überhaupt zu sein!

Jedem seine Meinung aber ich habe dann doch mal ein paar kritische Anmerkungen,
die hier etwas Würze in die, wohl aus zu großer Übereinstimmung, eingeschlafene
Diskussion bringen. Es ist zu bedenken, daß ich bewusst etwas "provokotiv" schreibe :D

Jedenfalls lese ich hier und da zwischen den Zeilen so gewisse Dinge,
die mich doch sehr stutzen lassen.
Uwe hat einiges auf den Punkt gebracht, aber wurde nicht bis wenig "gehört"!

Zur Einleitung einmal ein paar Zahlen:

Bei Amazaon.de findet man wenn man auf Alfred Brendel geht:

200 gelistete Aufnahmen
Gibt man dann innerhalb Brendel's Register gewisse Komponisten ein dann kann man folgendes ermitteln:

Beethoven: 58 Aufnahmen
Mozart: 52
Schubert: 38
Schumann: 14

Rachmaninov: 1( ein Sampler u.A. auch Beethoven drauf)
Prokofiev: 1 (VOX)
Schostakovitsch: NULL

Um nicht nur Russen zu suchen:

Chopin: immerhin 9
Bach: 6

Also mal ganz ehrlich. Liebe zur Wiener Klassik hin oder her.
Aber für einen großen Pianisten ist das doch eine zeimlich dürftige und eindimensionale
Auseinandersetzung mit der Klavierliteratur, oder?

Wo will er denn noch hin der Herr Brendel?
X-mal Beethoven's Konzerte und X mal alle Sonaten bereits aufgenommen.
Wenn er noch 100 Jahre leben würde dann würde er wahrscheinlich bei beiden in den zweistelligen
Bereich geraten.
Welche Frage stellt er sich da eigentlich wenn er das x-te mal das alles aufnimmt?
Eventuell:"Warum etwas anderes aufnehmen wenn ich doch damit so viel Geld verdiene?"
Oder traut er sich nicht an andere Werke ran? Verfügt er nicht über die Fähigkeiten, die
man benötigt für die Sonaten der russischen Komponisten?

Auf seinem IMO kleinem Gebiet mag er ein Großer sein und jeder soll mit ihm glücklich werden.

Aus meiner sicht ist er wie geschrieben zu eindimensional und ich bin sicher, daß
es viele Pianisten gibt die Beethoven und Mozart ebenfalls auf hohem, oder höherem, Niveau gespielt haben und das es sich problemlos bei Schubert und Schumann besseres finden läßt.

Einem ABM, einer Argerich und vielen anderen kann er nicht das Wasser reichen IMO!!!

P.S.: Steinigt mich nicht gleich alle :stumm:
S. Rachmaninov:
Music must first and foremost be loved, it must come from the heart and it must be directed to the heart.’

Alfred_Schmidt

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21

Mittwoch, 23. März 2005, 12:57

Hallo Richard,

Zunächst kenne ich noch jemand in diesen Forum der sich Dir nicht nur anschließen wird, sondern Deine Ausführungen übertreffen :D

Derjenige hat das schon an anderere Stelle getan, und er wird das sicher hier aufgreifen. Das ist auch durchaus legitim.

Ich glaube, das Alfred Brendel sehr verwundert, vielleicht auch ein bisschen verärgert wäre, würde er alles lesen, was über ihn geschrieben wurde.

In seiner Jugend verkannt, er nahm damals einen Zyklus von Beethoven Sonaten für VOX oder Turnabout auf, der, soweit mir bekannt, keine allzu große Beachtung fand, begann er ab Mitte seines Lebens eine traumhafte Karriere. Die Plattenstudios und Konzertveranstalter rissen sich um Brendel. Er ist derzeit einer der führenden Mozartinterpreten, wenn nicht der führende überhaupt.

Er wollte wahrscheinlich nie etwas anderes spielen als "Wiener Klassik", alles andere mag ihm nicht liegen, ich weiß es nicht (wahrscheinlich gibt er in einem seiner Bücher darüber Auskunft).

Jedenfalls ist er auf diese Weise (fast) konkurrenzlos, im anderen Fall wäre er einer unter vielen. Ich versehe ihn disbezüglich sehr gut, auch ich neige zu solchem Denkanasatz.

Er selbst hatt sich ja nicht zum "Superstar" erklärt, allenfalls durch sein Klavierspiel. Den "Star" Brendel (er ist ja alles andere als mediengeil) haben sein Plattenfirmen aus ihm gemacht.

Obwohl manchmal ganz deutlich Brendels Widerwillen seienem Publikum gegenüber zu spüren ist (ich durfte das live erleben) hat er sich durchgesetzt.

Komponisten ausserhalb der Welt der Wiener Klassike sind nun mal (von Asunahmen abgesehen) nicht seine Welt.

Daß sich ein Pianist sein Leben lang "entwickeln" müsse, ist eine Botschaft der Schallplattenkonzerne, Liszt hätte wahrscheinlich drüber gelacht.

Am Schluß des Beitrags (fiel mir grade im Zusammenhang mit Liszt ein)
ein Statement der Pianisten Jorge Bolet ,das Brendels Situation erhellen könnte:
(Aus dem Gedächtnis)
In einem Interview wurd der Lisßt-Spezialist Jorge Bolet gefragt:
"Herr Bolet, soe spielen in erster Linie Liszt. Lieben sie seine Musik so sehr ?"
Bolet: "Eigentlich nicht" - Ich beherrsche ein viel größeres Repertoire und würde es gern spielen - Wenn ich abber mit einem Veranstalter ins Gespräch komme, sagt der: "Spielen Sie doch Liszt, deswege hab ich Siue ja engagiert, weil sie ein Spezialist sind ...."

Bei Alfred Brendel mag da nicht anders sein

Beste Grüße aus Wien

Alfred

PS:
Große Interpreten der Wiener Klassik (Beethoven mag da eine Ausanhme sein, der wird von vielen gespielt) bleiben zumeit bei diesem Repertoire. Er erfordert andre Qualitäten als beispielsweise Tschaikowski

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Gerrit_Stolte

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22

Mittwoch, 23. März 2005, 13:06

Zitat

Original von Richard
Oder traut er sich nicht an andere Werke ran? Verfügt er nicht über die Fähigkeiten, die man benötigt für die Sonaten der russischen Komponisten?


Da ich nicht glaube, dass man Brendel von Seiten der Plattenfirma zwingen kann, etwas aufzunehmen, was er nicht mag, kann ich davor nur den Hut ziehen: Er mag es nicht oder er kann es nicht und macht es folgerichtig nicht. Andere Künstler sollten sich da mal eine Scheibe abschneiden - und Brendel sollte sein Restrepertoire genauso hinterfragen.

Zitat

Für viele scheint er der Größte oder zumindestens einer der
Größten Pianisten überhaupt zu sein!


Das hat viele Gründe. Für manche ist er nun einmal der Größte und man kann nicht verlange, dass die dann weitersuchen. Des weiteren ist ein Vertrag bei einer großen Plattenfirma von Vorteil: Willensschwache Personen, die ihn keines Blickes würdigten, als er für Vox aufnahm, kaufen die Philips-Scheiben wie warme Semmeln.

Zitat

Bei Amazaon.de findet man wenn man auf Alfred Brendel geht...snip


Liszt hast Du vergessen. Gibt 5-6 CDs Liszt'scher Werke. Dass er keinen (wenig) Chopin aufgenommen hat: siehe oben, mein verbindlichster Dank :yes:

Zitat

Welche Frage stellt er sich da eigentlich wenn er das x-te mal das alles aufnimmt?


Keine Frage, sondern eine Erkenntnis. Er spürt, dass er etwas Neues/Anderes zum Repertoire zu sagen hat und will das vermitteln.

Zitat

Aus meiner sicht ist er wie geschrieben zu eindimensional und ich bin sicher, daß es viele Pianisten gibt die Beethoven und Mozart ebenfalls auf hohem, oder höherem, Niveau gespielt haben und das es sich problemlos bei Schubert und Schumann besseres finden läßt.


Amen! Bei den Mozart-Konzerten widerspreche ich allerdings. Da gibt es nicht viele die einen Gesamtzyklus vergleichbarer Qualität produziert haben. Einzelaufnahmen gibt es oft bessere. Was es allerdings wie Sand am Meer gibt: Pianisten mit einer besseren Technik (Klang, Phrasierung, Dynamik)

Zitat

P.S.: Steinigt mich nicht gleich alle :stumm:


Ich stehe Dir bei. Allerdings ist bei so etwas immer Vorsicht geboten. Negativ über die Idole anderer zu sprechen, birgt immer die Gefahr eines radikalen Gegenangriffs. Und wenn der dann auch mit einer ausreichenden Kenntnis *anderer* Pianisten verbunden ist und nicht nur auf einer Anbetung an Brendel basiert, ist das auch verständlich.
Gruß,
Gerrit

Gerrit_Stolte

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23

Mittwoch, 23. März 2005, 13:06

Zitat

Original von Alfred_Schmidt
Hallo Richard,

Zunächst kenne ich noch jemand in diesen Forum der sich Dir nicht nur anschließen wird, sondern Deine Ausführungen übertreffen :D



:D
Gruß,
Gerrit

Richard

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24

Mittwoch, 23. März 2005, 13:19

Zitat

Original von Gerrit_Stolte

Zitat

P.S.: Steinigt mich nicht gleich alle :stumm:


Ich stehe Dir bei. Allerdings ist bei so etwas immer Vorsicht geboten. Negativ über die Idole anderer zu sprechen, birgt immer die Gefahr eines radikalen Gegenangriffs. Und wenn der dann auch mit einer ausreichenden Kenntnis *anderer* Pianisten verbunden ist und nicht nur auf einer Anbetung an Brendel basiert, ist das auch verständlich.


Dieser Gefahr war ich mir bewusst und auch der Tasache, daß ich "provokante" schwarz/weiß Bemerkungen verwendet habe.

Hast Du Dich von Alfred in irgendeiner Form angesprochen gefühlt bzgl.
"Zunächst kenne ich noch jemand in diesen Forum der sich Dir nicht nur anschließen wird, sondern Deine Ausführungen übertreffen" ?

Gruß
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Theophilus

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25

Mittwoch, 23. März 2005, 13:24

Hallo Richard,

also ganz schnell und freihändig geantwortet lassen deine Recherchen wahrscheinlich etwas zu wünschen übrig. Brendel spielt Haydn und Brahms, ist ein berühmter Liszt-Interpret und hat auch die Bilder einer Ausstellung im Repertoire (die mir nebenbei bemerkt recht gut gefallen, auch wenn ihm das hier im Forum schon abgesprochen wurde).

Wenn man jetzt die ergänzte Liste betrachtet, kann man ihm ja nun wirklich kein kleines Repertoire vorwerfen. Dass er sich weitgehend auf die 'größten' beschränkt und nicht glaubt, zu Allem und Jedem seinen Senf beisteuern zu müssen, könnte man durchaus auch positiv sehen. Du vergisst dann auch noch, dass er sich gelegentlich als Liedbegleiter betätigt und auch Kammermusikaufnahmen gemacht hat.

Und zum Abschluss in eigener Sache: für mich ist Brendel der Schubert-Interpret unserer Tage, auf diesem Sektor bedeutender als bei Beethoven, wo es viel leichter ist, 'bessere' Alternativen zu finden als bei Schubert.

Was ABM und Argerich angeht, müsste man wohl eher unser wandelndes CD-Lexikon Gerrit fragen, aber für mich sind beide auf Brendels ureigenstem Gebiet keine ernsthafte Gefahr, ihr exemplarisches Können spielt sich mehr auf komplementärem Gebiet ab.

Ciao

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Heinz

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26

Mittwoch, 23. März 2005, 13:27

Parsif schrieb

Zitat

...Er kommt vollständig ohne äußere Effekte aus und nimmt sich immer gegenüber dem Stück zurück.


Diese Aussage erstaunt mich doch sehr. Da wäre eine nähere Erläuterung nötig, was man unter einem "äußeren Effekt" versteht.

Wenn ich ihn im TV sehe, fällt mir als erstes die überdrehte Mimik von Brendel auf. Irgendwie tut er mir immer ziemlich leid, wenn er so mit Leidensmiene am Klavier sitzt, in einer Art Selbstgeißelung.

Damit keine Mißverständnisse aufkommen: ich habe großen Respekt vor Brendel, er ist auch ein ausgezeichneter Pianist. Aber diese ständige Leidensmiene, die ja nichts damit zu tun hat, daß ihm das Klavierspielen schwerfallen würde - Brendel leidet ja aus Überzeugung (!) - diese Leidensmiene ist eigentlich nur wenigen Stücken wirklich angemessen. Eigentlich müßte Brendel der perfekte Brahms-Pianist sein. Mozart ist doch eher ein Spaßvogel, und das merkt man Brendels Interpretationen eben nicht an.

So, das ist jedenfalls die ganz persönliche Privatmeinung von
Heinz

Gerrit_Stolte

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27

Mittwoch, 23. März 2005, 14:39

Zitat

Original von Theophilus
Wenn man jetzt die ergänzte Liste betrachtet, kann man ihm ja nun wirklich kein kleines Repertoire vorwerfen. Dass er sich weitgehend auf die 'größten' beschränkt und nicht glaubt, zu Allem und Jedem seinen Senf beisteuern zu müssen, könnte man durchaus auch positiv sehen.


Ähnelt meiner Argumentation auf den ersten Blick, allerdings halte ich es für reichlich vermessen, in der Klavierliteratur von den 'größten' zu sprechen und Chopin, Rachmaninoff, Skrjabin und Prokofiev diesen Rang nicht verleihen zu wollen. Die meisten aktiven Konzertpianisten werden Dir da spielend belegen, wie falsch Du mit dieser Annahme liegst.

Zitat

Und zum Abschluss in eigener Sache: für mich ist Brendel der Schubert-Interpret unserer Tage, auf diesem Sektor bedeutender als bei Beethoven, wo es viel leichter ist, 'bessere' Alternativen zu finden als bei Schubert.


So viel Betonung, die ich anders gesetzt hätte. Vielleicht einer der bedeutensten Schubert-Interpreten unserer Tage. Allerdings sind da noch: Lupu, Staier, Afanassiev, Sokolov, Kovacevich. In der zweiten :D Reihe: Pollini, Schiff, Endres, Perahia, Uchida etc. Letztere hinterlassen bei mir oft einen ähnlichen Eindruck wie Brendel in diesem Repertoire.

Zitat

Was ABM und Argerich angeht, müsste man wohl eher unser wandelndes CD-Lexikon Gerritt fragen, aber für mich sind beide auf Brendels ureigenstem Gebiet keine ernsthafte Gefahr, ihr exemplarisches Können spielt sich mehr auf komplementärem Gebiet ab.


Weitestgehend, das ist durchaus richtig.
Gruß,
Gerrit

Theophilus

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28

Mittwoch, 23. März 2005, 15:11

Größe

Hallo Gerrit

Zitat

Ähnelt meiner Argumentation auf den ersten Blick, allerdings halte ich es für reichlich vermessen, in der Klavierliteratur von den 'größten' zu sprechen und Chopin, Rachmaninoff, Skrjabin und Prokofiev diesen Rang nicht verleihen zu wollen. Die meisten aktiven Konzertpianisten werden Dir da spielend belegen, wie falsch Du mit dieser Annahme liegst.

Mag schon sein, dass ich vermessen bin. Aber bei mir herrscht da eine klare Hierarchie bei Klaviermusik. Beethoven ist der unbestrittene Gipfel, auf ähnlichem Niveau habe ich Mozart und Schubert (die ich nicht weniger schätze, aber Beethoven hat den Bonus der musikhistorischen Bedeutung), dann kommen die Spezialisten Chopin und Liszt, danach Brahms, Schumann, Haydn und du kannst die Liste beliebig nach deinem Gutdünken fortsetzen.
Ich bin aber generell derartigen Klassifizierungen abhold und finde, dass man bei Kunst nicht zu sehr in besser/schlechter Kategorien denken sollte. Auf der anderen Seite gibt es aber auf jedem Gebiet einige herausragende Persönlichkeiten, über deren Status man sich auch objektiv ganz gut verständigen kann. Bei Klaviermusik sind es für mich eben die fünf erstgenannten Komponisten, und nein - Rachmaninoff, Scriabin und Prokofiev zählen nicht dazu.

Notabene meinte ich in meinem letzten Posting mit 'größte' auch den Umfang des Klavierschaffens der jeweiligen Komponisten. Denn mit Mozart, Haydn, Beethoven, Schubert, Chopin, Liszt, Schumann, Mussorgsky und Brahms hat man ja wirklich verdammt viel von der zentralen Klavierliteratur erfasst, so dass Richards Vorwurf des kleinen Repertoires von Brendel ins Leere geht.

Ciao

Ciao

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Theophilus

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29

Donnerstag, 24. März 2005, 11:25

RE: Größe

P.S.:

Ich habe in meiner Auflistung ganz auf Bach vergessen, so dass ich im Endeffekt zur Zeit sechs Komponisten für Klavierliteratur habe, die die restliche Meute anführen.

Ciao

Ciao

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Gerrit_Stolte

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30

Samstag, 9. April 2005, 11:43

RE: Größe



Sehr gut.
Gruß,
Gerrit