Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

Free counters!

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Tamino Klassikforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

181

Freitag, 7. Oktober 2016, 10:10

Das erste Brahms-Denkmal in Deutschland wurde in Meiningen errichtet


Heute ist der 7. Oktober - am 7. Oktober 1899 wurde dieses Denkmal feierlich enthüllt.





Meiningen ist eine Kreisstadt im fränkisch geprägten Süden Thüringens und hatte zu Lebzeiten Brahms etwa 15.000 Einwohner; die kulturelle Tradition der Stadt ist bedeutend.

Johannes Brahms weilte in seinen letzten sechzehn Lebensjahren 14 Mal zu längeren Aufenthalten in Meiningen. Nachdem Brahms Ende 1881 auf Einladung Hans von Bülows erstmals in das Herzogtum gekommen war und Herzog Georg II. und dessen Gemahlin, die Freifrau Helene von Heldburg kennen gelernt hatte, führte ihn bis Ende 1895 sein Weg regelmäßig nach Meiningen, wo er mit der Herzoglichen Hofkapelle seine sinfonischen Werke ungestört proben und aufführen konnte. Mit dem Herzogspaar verbanden ihn sehr persönliche Beziehungen, er wurde in ihr privates Leben mit einbezogen und war Gast in ihren Sommerresidenzen in der Villa Carlotta am Comer See und auf Schloss Altenstein bei Bad Liebenstein. Nicht zuletzt erhielt er durch den Meininger Klarinettisten Richard Mühlfeld die Anregung zu seinen Klarinettenwerken, die Brahms mit Mühlfeld den herzoglichen Herrschaften privat vorspielte.

Johannes Brahms ließ am 25. Oktober 1885 in Meiningen seine 4. Sinfonie uraufführen und arbeitete eng mit der Hofkapelle unter der Leitung von Fritz Steinbach zusammen, der 1886 die Nachfolge von Hans Bülow als Dirigent des Meininger Orchesters angetreten hatte. Bülow war es gelungen aus dem thüringischen Residenzorchester ein international beachtetes Eliteorchester zu machen, und Steinbach konnte diese Arbeit nahtlos fortsetzen und unternahm ausgedehnte Konzertreisen in die Schweiz, nach Holland, Dänemark und England. Die Meininger Hofkapelle war das erste Orchester des Kontinents, das in London gastierte. Dabei standen bei fünf Konzerten im November 1902 ausschließlich Werke von Johannes Brahms auf dem Programm, unter anderem alle Symphonien. In der Kritik schrieb The Daily News:
»Der Wert der Aufführungen besteht darin, dass sie uns einen neuen, und ich denke den wahren Brahms offenbart haben.«

Nikisch meinte einmal im Gespräch mit Steinbach, dass »man von den Meiningern immer noch etwas lernen kann.« und auch der nicht unkritische Arturo Toscanini war von Steinbach-Aufführungen beeindruckt. Steinbach war der Spiritus rector der Landesmusikfeste der Jahre1895 und 1899 und machte Meiningen zu einem Zentrum der Brahms-Liebhaber. Beim 1. Meininger Landesmusikfest war Brahms noch anwesend.
Der zum Generalmusikdirektor ernannte Steinbach plante ganz groß und wollte ein Pendant zu Bayreuth schaffen, Meiningen zur Brahms-Festspielstatt machen, eine Konzerthalle bauen und ein Konservatorium gründen ...

Wie man heute sieht, ist aus all diesen Plänen nichts geworden; 1903 folgte Fritz Steinbach einem Ruf nach Köln an die Spitze des Gürzenich-Orchesters und der Leitung des Kölner Konservatoriums, Fritz Busch war einer seiner Schüler und auf dessen Grabstein stehen schlichte Brahms-Noten ...

Das Meininger Brahms-Denkmal wurde auf Initiative des Hofkapellmeisters Fritz Steinbach von Meininger Musikfreunden gestiftet. Das 1898/99 geschaffene Denkmal ist ein Werk des Bildhauers Adolf von Hildebrand (1847–1921) aus München und steht im Englischen Garten, einem Landschaftspark von etwa 12 Hektar zwischen Bahnhof und Theater der schon seit 1782 besteht.

Zu den Einweihungsfeierlichkeiten war die Musikavantgarde wie zum Beispiel der Komponist Eugen d´ Albert und der Geigenvirtuose Joseph Joachim angereist.

Die Brahms-Denkmalanlage ist innerhalb des Parkgeländes gut zu finden, wenn man sich am höheren Bauwerk der im neugotischen Stil erbauten Herzoglichen Gruftkapelle orientiert.

Der nachstehend eingefügte Text vermittelt einen Blick auf die Einweihungsfeierlichkeiten:

»Seit dem 7. Oktober 1899 haben die beiden Meininger Dichtermonumente in einem Brahms-Denkmal das dritte im Bunde erhalten. Über einem Brunnen lebendigen Wassers thront in der grünen Halle des Parkes die von Adolf Hildebrand modellierte eherne Büste des Tondichters. Ein großes Musikfest unter Fritz Steinbach bildete mit "Requiem" und "Triumphlied" den bedeutungsvollen Rahmen zu der großartigen Enthüllungs- und Gedächtnisfeier. Hofschauspieler Neubaur sprach den von Widmann gedichteten Prolog, Joachim hielt die Gedenkrede, Herzog Georg legte entblößten Hauptes den ersten Lorbeer zu Füßen des Unsterblichen nieder.«

Von einem Brunnen lebendigen Wassers konnte schon lange nicht mehr gesprochen werden; die gesamte Anlage wurde erst in jüngster Zeit restauriert. Die bereits versiegten Laufbrunnen mussten aufgearbeitet und wieder zum Laufen gebracht werden und das Mosaikpflaster und die Treppe wurden hergerichtet. Seit Oktober 2015 läuft nun wieder das Wasser.

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

182

Samstag, 22. Oktober 2016, 00:41

Das Franz Liszt-Denkmal in Schillingsfürst

Franz Liszt ist am 22. Oktober 1811 geboren und hat heute Geburtstag







Schillingsfürst liegt an der Romantischen Straße zwischen Ansbach und Rothenburg und unweit der Bundesautobahn 7; der Ort hat knapp dreitausend Einwohner.

Das Schloss Schillingsfürst ist Sitz des Hauses Hohenlohe-Schillingsfürst. In Schillingsfürst gibt es einen Kardinalsgarten; wer hier gärtnerischen Prunk erwartet wird enttäuscht sein, es gibt lediglich Gras, Sträucher und Bäume zu sehen. Umso mehr fällt auf, dass hier ein Denkmal in der Landschaft steht, der Musikfreund erkennt Franz Liszt, wer des Lesens kundig ist, wird durch die eingemeißelte Schrift informiert. Aber nicht jeder, der die Ungarische Rhapsodie kennt, weiß wie Franz Liszt an diesen Ort gekommen ist - ob nur als Denkmal oder in Person ...

Franz Liszt war mit dem Kardinal von Hohenlohe-Schillingsfürst befreundet und kam schon mal in Schillingsfürst zu Besuch, aber man traf sich auch in Rom, wohin sich Liszt 1861 begeben hatte. Nach zwölf Jahren löste Liszt seinen Haushalt in Weimar auf, fuhr zunächst zu den Bülows nach Berlin und tauchte dann nach langer Zeit wieder in den Pariser Salons auf. Dort erreichte ihn die Nachricht seiner langjährigen Lebensgefährtin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die ihn dringend bat nach Rom zu kommen; sie hatte heimlich die Hochzeit mit Liszt vorbereitet, die zum 50. Geburtstag des Meisters stattfinden sollte.

Die Fürstin Sayn-Wittgenstein war schon im Mai 1860 nach Rom gefahren, um dort die Möglichkeiten für eine erneute Heirat zu schaffen, denn die Heirat mit Liszt konnte nicht stattfinden, bevor der Vatikan die auf dem Papier noch bestehende Ehe der Fürstin annulliert hatte. Alles schien dort gut zu laufen, am 22. Oktober 1861 sollte endlich geheiratet werden. Am 20. Oktober 1861 trifft Franz Liszt in Rom ein. Am späten Abend des 21. Oktober kommt ein Bote des Papstes und überbringt die Nachricht, dass alle russischen Prozessakten nochmals geprüft werden müssten - die Fürstin ist mit ihren Nerven am Ende und gibt auf. Es gilt heute als ziemlich sicher, dass Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst die Eheschließung nach Kräften hintertrieb.

Franz Liszt bleibt in Rom und wendet sich der Kirchenmusik zu. Für zwei Jahre lebt er dann in einem Kloster, auch im Vatikan hatte er einige Monate bei theologischen Studien verbracht; ab 1865 erscheint Liszt in der Soutane, er hat die niederen Weihen erhalten und ist nun Abbé Liszt. Akribische Beobachter bemerkten, dass die Tonsur, die ihm der Bischof zu Hohenlohe (Kardinal wurde er später) ins Haar schnitt nur einen Durchmesser von höchstens 30 Millimeter hatte und sich problemlos überkämmen ließ. Mit den niederen Weihen war auch kein besonderer Staat zu machen; er durfte lediglich dem Priester am Altar assistieren; Messen lesen oder Beichten abnehmen war ihm in diesem Status nicht gestattet. Die Sache war jedenfalls Gesprächsthema in Rom und es gab nicht wenige, die das alles für eine Selbstinszenierung hielten.

Zwischen Liszt und Gustav Adolf von Hohenlohe-Schillingsfürst entwickelte sich eine enge Freundschaft, die auch dazu führt, dass ihm der spätere Kardinal in der Villa d’Este in Tivoli eine dauernde Wohnung gewährt; Gustav Adolf von Schillingsfürst hatte diese ziemlich vergammelte Immobilie mit einigem Aufwand wieder bewohnbar hergerichtet. Liszt komponierte hier »Giochi d'acqua a Villa d'Este« und gab dort 1879 eines seiner letzten Konzerte.

Eine weitere Beziehung zwischen Liszt und dem Hause Hohenlohe entsteht durch die Heirat zwischen Fürst Constantin zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1859) und Marie zu Sayn-Wittgenstein, der Tochter von Liszts langjähriger Lebensgefährtin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein.

Der Kardinal beauftragte den damals sehr bekannten amerikanischen Bildhauer Moses Jacob Ezekiel. Dieser hatte unter anderem auch an der Berliner Königlichen Akademie studiert, und tat das so erfolgreich, dass er einen Preis gewann, der es ihm erlaubte, in Rom zu studieren, wo er dauerhaft lebte und ein Atelier in den Diokletianbädern unterhielt.
Der Kardinal besaß eine Ausführung der Büste in Marmor, die Bronzebüste war für die Ehrensäule in Schillingsfürst bestimmt und wurde hier - und das ist das Herausragende - noch zu Lebzeiten von Franz Liszt am 10. Juli 1884 feierlich enthüllt.

Die Zeitung »Fränkischer Anzeiger« berichtete:

»Schillingsfürst, 11. Juli. Gestern Mittag fand hier die Einweihung des von Sr. Eminenz, dem Kardinal von Hohenlohe-Schillingsfürst, dem Tonkünstler „Franz von Liszt“ gesetzte Denkmal statt. Der Gesangverein hatte den musikalischen Teil übernommen und zog die Fahne unter den Klängen eines Marsches zum Denkmal, welches mit lebenden Zierpflanzen festlich dekoriert war. Der Verein trug hier mit Instrumentalbegleitung (Musikkorps des II. Ulanenregiments) den schönen Chor „Des Sängers Gebet“ von Kösporer vor, nach dessen Beendigung Herr Direktor Förtsch als Vertreter des Herrn Kardinals von Hohenlohe folgende Ansprache hielt:«

»Verehrte Anwesende! Der Mann, vor dessen Büste wir uns hier versammelt haben, steht Sr. Durchlaucht, Herrn Kardinal von Hohenlohe nahe als Freund und Künstler. Deshalb ließ Sr. Eminenz dieses Denkmal errichten. Wenn Sie sich nun hier versammeln, um dem Freunde des Herrn Kardinals, dem berühmten Tonkünstler Franz von Liszt eine Ovation darzubringen, so ehren Sie sich nicht nur selbst, sondern bekunden, dass Sie Sinn für die Intentionen haben, derentwegen dieses Denkmal gesetzt wurde. Ich, als Vertreter Sr. Eminenz sage Ihnen dafür meinen besten Dank und empfehle das Denkmal Franz von Liszts Ihrem Schutze und Wohlwollen.«


Nur vom Parkplatz die Straße überqueren, dann ist man im Kardinalsgarten

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

183

Sonntag, 30. Oktober 2016, 18:32

Johann Sebastian Bach und das Bachhaus in Eisenach


Direkt an das alte Bachhaus angrenzend entstand ein Neubau

Früher prangte hier ein Schild, das kundtat, dass in diesem Hause Johann Sebastian Bach geboren wurde. 1868 brachte der Eisenacher Musikverein eine entsprechende Gedenktafel an.
Man hatte sich damals auf zweifelhafte Überlieferungen verlassen - Mitglieder der weit verzweigten Bach-Familie hatten schon in diesem Haus gewohnt, aber ein wissenschaftlich gesichertes Geburtshaus von Johann Sebastian Bach gibt es nicht.

Unbestritten ist dagegen, dass Bach 1685 in Eisenach geboren und zwei Tage später in der Georgenkirche getauft wurde. Er war das achte Kind seiner Eltern, und dies waren: die Mutter Elisabeth und der Vater Ambrosius Bach, Stadtmusikus oder auch Stadtpfeifer genannt. Er musizierte mit Geige und Bratsche im Rathaus, in der Kirche und im herzoglichen Schloss. In seinem Haus lebten neben der Familie Bach noch drei Musikergesellen und drei Lehrlinge.
Die Mutter von Johann Sebastian Bach starb am 3. Mai 1694 und bereits am 27. November des gleichen Jahres heiratete der Vater eine verwitwete Frau; Johann Sebastian hatte nun eine Stiefmutter. Aber diese Ehe währte nicht lange; am 20. Februar 1695 starb Ambrosius Bach und der neunjährige Junge war Vollwaise.
Ambrosius Bachs Witwe versuchte zwar mit Hilfe der Stadtpfeifergesellen und -Lehrlingen das Amt ihres verstorbenen Mannes weiterzuführen, aber Eisenachs Stadtobere erteilten hierzu keine Genehmigung. Die nun zum zweiten Mal Witwe gewordene Frau sah keine Möglichkeit die Kinderschar zu ernähren, deshalb wurden sie bei Verwandten untergebracht. Johann Sebastian musste Eisenach verlassen und zog mit seinem Bruder Johann Jacob zu seinem älteren Bruder Johann Christoph, der im etwa vierzig Kilometer von Eisenach entfernten Ohrdruf seit 1690 Organist an der Ohrdrufer Hauptkirche St. Michaelis war, und sich dort als Musiker bereits ein gewisses Ansehen erworben hatte.

Das Bachhaus Eisenach - am Frauenplan 21




Hier wird eine Fülle von Informationsmöglichkeiten geboten

1907 eröffnete die Neue Bachgesellschaft das Bachhaus in Eisenach als erstes Bach-Museum; man war damals der festen Überzeugung, dass es sich bei diesem Gebäude um das Geburtshaus des großen Sohnes der Stadt handelt.
Durch Kriegseinwirkungen Ende 1944 und April 1945 wurde das Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen, vor allem war der Dachstuhl beträchtlich zerstört. Nach den Kampfhandlungen erfolgte der Wiederaufbau und 1973 kam es dann zu einer umfangreichen Erweiterung.
In den Jahren 2005 bis 2007 entstand - direkt an das alte Bachhaus angrenzend - ein Neubau. Die Restaurierung sämtlicher alten Bauteile und die vollständige Erneuerung der ständigen Ausstellung brachten das Ganze auf einen zeitgemäßen Stand. Die Ausstellung zeigt auf 600 Quadratmetern mehr als 250 Originalexponate. Hier kann man es Johann Sebastian Bach gleichtun und durch die originale Eingangstür, die einmal zu Bachs Wohnung in der Leipziger Thomasschule führte, schreiten.
Im Erweiterungsbau verbinden sich erlebnisreich Exponate, Multimedia-Kunst und individuelles Hören: In schwebenden »Bubble-Chairs« kann man sich ganz in Bachs Musik versenken, und an einem »Mischpult« berühmte Aufnahmen der gleichen Kantate vergleichen. Der Bereich »Bach-Ikonographie« folgt der Entwicklung des Bach-Bildes von Originalgemälden über Kupferstiche bis hin zu Künstlern wie Emil Orlik und Johannes Heisig und zur gerichtsmedizinischen Rekonstruktion von 2008.

Eisenach besitzt gleich zwei Bach-Statuen




Dieses Denkmal gestaltete Adolf von Donndorf, es steht etwas seitlich vor dem Museum und entspricht nicht mehr ganz seiner ursprünglichen Form

Mitte des 19. Jahrhunderts befand man sich in einer Bach-Renaissance; Zelter, Fasch und Mendelssohn waren die treibenden Kräfte. Unter diesem Hintergrund entwickelte ein Denkmalkomitee schon 1864 den Plan dem bedeutendsten Sohn der Stadt ein Denkmal zu errichten, aber von der Idee bis zur Fertigstellung vergingen immerhin zwanzig Jahre.
Joseph Joachim, Clara Schumann, Johannes Brahms, Hans von Bülow und Franz Liszt hatten sich für dieses Denkmal stark engagiert, sogar die englische Queen Victoria war unter den Spendern.

Die von dem Stuttgarter Bildhauer Adolf von Donndorf gestaltete Bach-Figur steht heute seitlich vor dem Museum und wurde am 28. September 1884 feierlich enthüllt, allerdings an einem anderen Standort, auch Bach musste als Denkmal wandern, wie seine Kollegen Gluck in München und Marschner in Hannover ...
Am Tag der Einweihung, als die h-Moll-Messe erklang, stand Bach noch vor der Georgenkirche auf dem Martplatz; 54 Jahre stand er da, dann waren politische und militärische Aufmärsche in Mode gekommen und denen stand Bach im Wege. So wie wir das Denkmal heute am Museum sehen, hat es nicht mehr die ursprüngliche Gestalt.
Das einst einen integralen Bestandteil bildende Bronzerelief mit Bachs Lebensmotto »Soli Deo Gloria« (Allein Gott die Ehre) wurde anlässlich des Denkmal-Umzuges in die rückwärtige Stützmauer eingebaut und steht nun relativ beziehungslos zum Denkmal, Donndorf, der Ehrenbürger von Eisenach ist, wäre damit bestimmt nicht einverstanden gewesen.

Die damals tätigen politischen Kräfte ließen jedoch eine zweite Bach-Statue anfertigen, eine tragende Rolle spielte dabei der Landesbischof und stramme Nationalsozialist Martin Sasse. Man beauftragte den Architekten und Bildhauer Paul Birr.
So steht nun ein fast bedrohlich düster wirkender Johann Sebastian Bach im Vorraum seiner Taufkirche - als »höchster Verkörperung nordischer Tonkunst« - wie es bei der Einweihung 1938 zum Ausdruck gebracht wurde.


Diese Bach-Statue von Paul Birr steht im Vorraum der Georgenkirche

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

184

Sonntag, 6. November 2016, 11:11

Die Bach-Familie und ihr Wirken in Ohrdruf - Ohrdruf ist eine Kleinstadt im thüringischen Landkreis Gotha


Hier lernte J. S. Bach das Orgelspielen


An der Nahtstelle zwischen Orgelpfeifen und Turm sprießt der Stammbaum der Ohrdrufer Bachfamilie.





Die Bachs in Ohrdruf
Der Ort Ohrdruf kann darauf verweisen, dass der weltberühmte Tonkünstler Johann Sebastian Bach fünf Jahre in den Mauern der Gemeinde weilte; aber hier wirkte eine so große Anzahl von Bach-Musikern dieser weit verzweigten Musikerfamilie, dass man leicht den Überblick verlieren kann.
Die »Urmutter« der großen Bachfamilie, Margarete Bach, aus dem etwa zwölf Kilometer entfernten Wechmar, heiratete 1564 in der hiesigen St. Michaelskirche, wie in Kirchenbüchern vermerkt ist.
Johann Sebastian war bei seinem älteren Bruder Johann Christoph (*1671) mit nicht unerheblichen musikalischen Vorkenntnissen, die er im Eisenacher Elternhaus erworben hatte, angekommen, das erlernen des Geigenspiels war für die Bachsöhne im Elternhaus obligatorisch, danach kamen dann die Tasteninstrumente. Zudem sang Johann Sebastian im Straßen-, Schul- und Kirchenchor seiner Heimatstadt und schaute seinem Onkel, der die Kirchenorgel spielte und den Kirchenchor leitete, so manches ab.

Mit diesem Vorwissen traf das Waisenkind in Ohrdruf ein. Sein vierundzwanzigjähriger Bruder hatte gerade eine Ratsherrentochter geheiratet und das frischgebackene Ehepaar nahm den Jungen in seine Obhut. Der Knabe ersang auch in Ohrdruf einiges Geld, das der brüderlichen Haushaltskasse zugeführt wurde. In Ohrdruf gab es ein Lyzeum, dessen Lehrplan als modern galt, aber man staunt heute über damalige Klassenstärken von bis zu achtzig Schülern. Den meisten Mitschülern war Bach weit voraus, was aus den damals üblichen Ranglisten hervorgeht; er stand an der Klassenspitze. Johann Sebastian entwickelte einen unwahrscheinlichen Fleiß, der mit Neugier verbunden war. Der Junge drängte und fragte und wollte alles was mit Musik zu tun hatte ganz genau wissen. Aber der ältere Bruder und Ersatzvater mochte dieses außergewöhnliche Talent nicht fördern, sondern bremste wo er nur konnte. Weil Johann Sebastian das Material nicht reichte, welches ihm sein Bruder vorlegte, schrieb er nachts geheim schwierige Noten von Frohberger, Böhm, Fischer, Pachelbel und Buxtehude ab. War der Junge dann alleine zuhause, konnte er diese Meisterstücke üben. Als ihn sein großer Bruder einmal dabei überraschte, nahm er ihm die Noten ab und schloss sie weg. Schließlich musste sich der ältere Bruder endlich bequemte dem jüngeren Orgelunterricht zu erteilen, denn der Zwölfjährige beherrschte das Cembalo schon besser als der große Bruder.
Als Johann Sebastian fünf Jahre in Ohrdruf gewohnt hatte, war die Situation so, dass der ältere Bruder in der Zwischenzeit für vier eigene Kinder zu sorgen hatte und ein fünftes unterwegs war. In Sachen Musik war für Sebastian hier nichts wesentlich Neues zu lernen und niemand konnte ihn finanziell unterstützen; er musste das Lyzeum verlassen. In dieser Situation gelang es dem Kantor, den hochbegabten aber mittellosen Schüler an die berühmte Schule in Lüneburg zu vermitteln, die den nun 15-Jährigen gegen Kost und Logie in der Musik und im Chor einsetzte. Johann Sebastian Bach verließ Ohrdruf und machte sich zusammen mit einem um drei Jahre älteren Mitschüler im Frühling 1700 auf den Weg ins weit entfernte norddeutsche Lüneburg.







An diesem Ort gibt es gleich zwei Stellen, die auf die Wirkung der Familie Bach hinweisen. Da ist der alles überragende Turm der St. Michaeliskirche, also der Kirche, in der Johann Sebastian Bach das Orgelspiel von seinem älteren Bruder lernte. Diese Kirche wurde jedoch durch einen Brand zerstört, wieder hergerichtet und dann - im Februar 1945 - durch einen Fliegerangriff so zerstört, dass das Kirchenschiff abgetragen wurde und nur der Turm stehen blieb, den man 1999 wieder in eine ansehnliche Form brachte. Dies nahmen die Schüler der Ohrdrufer Regelschule zum Anlass, da auch der 250. Todestag des Komponisten anstand, an diesem historischen Ort auf das frühe Wirken von J. S. Bach hinzuweisen. Die Stadt hat eine traditionelle Beziehung zur Metallverarbeitung, hier findet einmal im Jahr ein Schmiedesymposium der Jugend statt.
Als Blickfang für das schmiedeeiserne Bachgedenken wählte man den Ausspruch Beethovens: »Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen.«. An der Nahtstelle zwischen Orgelpfeifen und Turm sprießt der Stammbaum der Ohrdrufer Bachfamilie.

Ein zweites Bachdenkmal findet man auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs, der inzwischen zu einem kleinen Stadtpark umgewidmet wurde. Es ist ein recht junges Denkmal, das erst im März 2013 errichtet wurde und der vielen Bachs gedenkt, die hier in vielfältiger Art gewirkt haben. Das Denkmal ist vom Sockel bis zur Spitze etwa vier Meter hoch. In den Sandstein sind Profile des letzten Bach-Kantors in Ohrdruf Ernst Carl Gottfried Bach (1738-1801), und des letzten Ohrdrufer Organisten der Familie Johann Christoph Georg Bach (1747-1814) eingearbeitet. Zur Einweihung am 23. März waren auch Nachkommen der Ohrdrufer Bach-Linie eingeladen.

Der Ohrdrufer Zweig der Bach-Familie hat von 1690-1864 in Ohrdruf gelebt und gearbeitet. Die Mitglieder der Familie Bach hatten über fast 125 Jahre die Stelle der Organisten an der St. Michaeliskirche inne gehabt.

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

185

Montag, 14. November 2016, 17:08

Arnstadt - Bachs erste Organistenstelle







In den Beiträgen Nr. 54 und 58 sieht man zwar in wunderschöner Darstellung den jungen Johann Sebastian Bach, aber ein paar Sätze zu dieser Plastik und Bachs Wirken hier am Ort, sind bestimmt nicht unangebracht ...

Nach einem kurzen Intermezzo als Lakai und Mitglied der Hofkapelle in Weimar, fand Johann Sebastian Bach im Jahr 1703 seine erste Anstellung als Organist in Arnstadt. Schon allein der Name Bach scheint so eine Art Gütesiegel in der Gegend gewesen zu sein, denn viele Familienmitglieder hatten seit 1613 in Arnstadt gelebt und als Musikanten gearbeitet. Auch J. S. Bachs Vater Ambrosius war als junger Mann hier Stadtpfeifer gewesen und Ambrosius´ Zwillingsbruder Christoph lebte zeitlebens als Hof- und Ratsmusiker in Arnstadt. So war Johann Sebastian auch davon unterrichtet, dass in Arnstadt eine neue Kirche errichtet und diese auch eine neue Orgel erhalten würde. Im Sommer 1703 nimmt der noch sehr junge J. S. Bach hier die Orgelinspektion vor und beeindruckt die maßgeblichen Herren durch die Virtuosität seines Spiels dermaßen, dass diese gar nicht mehr daran denken diese Stelle auch anderen Organisten anzubieten, sondern den hochbegabten jungen Mann zu außergewöhnlich guten Konditionen anstellen.
Bach hätte es sich nun hier einfach gutgehen lassen können, aber sein Bildungshunger und seine Neugier (die ihn auch schon als Knabe an den Notenschrank seines Bruders in Ohrdruf trieb) ließ ihn nach dem Norden schielen, wo in Lübeck Dietrich Buxtehude, der berühmteste Vertreter der Norddeutschen Orgelschule, nun schon seit 44 Jahren an der Orgel der Marienkirche saß. Artig hatte Bach bei seinen Oberen um einen Bildungsurlaub in Lübeck gebeten, die diesen auch gewährten. Aber wenn man bedenkt, dass Bach den Weg nach Lübeck zu Fuß zurücklegen musste (das Navigationsgerät zeigt 540 Straßenkilometer an), Hans Franck schreibt in seiner Novelle »Johann Sebastian Bachs Pilgerfahrt nach Lübeck« von einer »zwölftägigen Fußwanderung«, blieb - auch wenn man da mal vielleicht über eine Wiese abkürzen konnte - nicht viel Zeit zum Orgelstudium, in nur vier Wochen war das nicht zu bewältigen.




In der Marienkirche zu Lübeck findet man diese Plastik, die auf den Besuch Bachs an diesem Ort hinweist - »UM DER BERÜHMTEN DIETRICH BUXTEHUDE ZU BEHORCHEN« heißt es auf der Tafel.

Es kam wie es kommen musste, Bach überzog die Vakanz gewaltig und kehrte erst vier Monaten später nach Arnstadt zurück, wo man ihm dann ganz gehörig die Leviten las, es hatte sich einiges an Kritik angestaut, das betraf also nicht nur das Fernbleiben vom Orgelamt.
Auf die Frage wo er so lange gewesen sei, vermerkt das Protokoll:
»Er sey zu Lübeck geweßen umb daselbst ein und anderes in seiner Kunst zu begreifen, habe aber zuvor von dem Herrn Superintend verlaubnüß gebethen«. Die Kirchenmusik vor Ort konnte offensichtlich während seiner Abwesenheit aufrechterhalten werden, aber es lagen da auch noch andere schwerwiegende Klagen gegen ihn vor.

Man machte Bach zum Vorwurf zu oft die Tonart zu wechseln, dissonante Begleitakkorde zu spielen und mit ungewöhnlichen Tönen die Gemeinde zu verwirren. Hinzu kommen weitere Anschuldigungen: er habe eine »frembde Jungfer« auf die Empore geführt und er soll auch während der Predigt in der Weinschänke gesehen worden sein. Außerdem ist die Gemeinde mit der Dauer seines Orgelspiels nicht einverstanden. Nachdem er wegen zu langer musikalischer Untermalung gerügt wird, verfällt er trotzig ins andere Extrem und spielt demonstrativ nur noch ganz kurz. Die Herren in Arnstadt hatten es eben mit einem Genie zu tun ...



Das Bachdenkmal auf dem Markt in Arnstadt wurde von Prof. Bernd Göbel (Halle/Saale) geschaffen. Das Abbild zeigt den Jungen Bach in eher flegelhafter Pose, wenn man das mit den Bach-Figuren in Eisenach oder Leipzig vergleicht. Die Einweihung erfolgte am 21. März 1985, anlässlich des 300. Geburtstages von Johann Sebastian Bach.

In dieser Situation ergab es sich, dass in der etwa 70 Kilometer von Arnstadt entfernten Freien Reichsstadt Mühlhausen Ende des Jahres 1706 der dort tätige Organist starb. Die Cousine von Johann Sebastian, Maria Barbara, ist mit einem Mühlhausner Ratsherren verwandt ... so ergab es sich, dass zum Sommer 1706 ein Cousin von J. S. Bach die Organistenstelle in Arnsbach übernahm und Johann Sebastian mit einem Pferdefuhrwerk, das ihm die neuen Arbeitgeber zur Verfügung stellten, gegen Mühlhausen zog.

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

186

Freitag, 18. November 2016, 17:31

Mühlhausen (Thüringen) Die ersten Schritte zum Ruhm - die gedruckte Kantate BWV 71


Die Blasiuskirche in Mühlhausen

Das lässt sich für Bach in Mühlhausen gut an, die Entlohnung ist hier noch besser als vordem, aber dafür hat Bach auch eine gehörige Gegenleistung zu erbringen: Er ist für die Kirchenmusik an sechs Kirchen zuständig und schreibt hier auch die Kantate BWV 71 »Gott ist mein König«; der Rat ist von der Aufführung so begeistert, dass er das Werk in Kupfer stechen lässt. Auch die Renovierung der Orgel in St. Blasii wird vom Rat einstimmig genehmigt. Aber in Mühlhausen geriet Bach in die prekäre Situation, dass sich vor Ort zwei unterschiedliche Meinungen in Sachen Kirchenmusik herausbildeten. So musste Bach an der Kirche des Pietisten Frohne spielen, der aus religiösen Gründen kein Freund von Musik in der Kirche war und meinte das sei überflüssig, weil es die Andacht der Gläubigen verhindere. So forderte Superintendent Frohne Bach stets zur Mäßigung seiner musikalischen Aktivitäten auf, was natürlich einem Vollblutmusiker niemals gefallen kann.
Im Frühsommer 1708 soll Bach in Weimar eine Orgel abnehmen und kommt dort in Kontakt mit Herzog Wilhelm Ernst, der als Musikfreund bereits von der Mühlhausener Ratswechselkantate (BWV 71) gehört hatte. Der Herzog bietet einfach eine Verdoppelung von Bachs Gehalt, wer könnte da widerstehen?



So scheidet Bach in aller Freundschaft aus Mühlhausen, noch heute ist an der Kirchenfassade eine in Stein gehauene Schrift zu sehen, die auf das kurze Gastspiel von Johann Sebastian Bach hinweist.



Der 22-jährige Bach als aufstrebender Musiker
Seit dem 9. August 2009 steht im Schatten der Blasiuskirche am Untermarkt zu Mühlhausen ein Bach-Denkmal der besonderen Art. Während üblicherweise nach altem Brauch der Geehrte in erhöhter Position vom Sockel herunter schaut, stellt der Bildhauer hier dar, dass der junge Musiker in seiner Mühlhauser Zeit erst im Begriff war Denkmalswürde zu erreichen. Es hat den Anschein, dass man sich von der lässigen Bach-Darstellung in Arnstadt etwas inspirieren ließ.
Die Bronzeplastik des Hallenser Künstlers Klaus Friedrich Messerschmidt zeigt den 22-jährigen Johann Sebastian Bach vor der Nordwestseite der Blasiuskirche. Ein schlanker, junger J.S. Bach setzt seinen Fuß auf die erste Stufe, womit der Beginn seiner Meisterschaft symbolisiert wird. Und das nicht, wie bei Denkmälern sonst üblich, auf, sondern vor dem Sockel. Damit will der Künstler: Messerschmidt (aus Halle an der Saale) den »Gedanken der Überhöhung einer Person entgegenwirken.«


Der selbstbewusste junge Bach

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

187

Sonntag, 27. November 2016, 11:22

Die Hochzeitskirche von Johann Sebastian Bach - Dornheim in Thüringen



Dornheim ist ein kleiner Ort am Fuß des Thüringer Waldes mit knapp 600 Einwohnern; das Gemeindewappen weist eindeutig darauf hin, dass der Musikfreund hier nicht ohne Halt durchfahren sollte. Seit dem Jahre 2002 verfügt man hier über ein kleines von Professor Goebel geschaffenes Bach-Denkmal, das auf ein besonderes Ereignis an diesem Ort Bezug nimmt.







Die Geschichte dieser Kirche geht zwar bis auf das 12. Jahrhundert zurück, aber das Bauwerk war in einen so desolaten Zustand geraten, dass die Kirche 1987 baupolizeilich gesperrt werden musste und sogar der Abriss in Erwägung gezogen wurde. Durch den neugebildeten Freundeskreis wurde mit Unterstützung des Thüringer Amtes für Denkmalpflege, des Fördervereines für Denkmalpflege und der Thüringer Landeskirche in den Jahren 1996 bis 1999 eine umfangreiche Sanierung durchgeführt. Heute bietet sich dem Besucher, der durch den Torbogen kommt ein prächtiges und idyllisches Bild.





Beide Brautleute waren Vollwaisen und bei ihrer Hochzeit 22 Jahre alt, die Braut Maria Barbara ein paar Monate älter als der Bräutigam. Maria Barbara war die Nichte des Bürgermeisters; in Arnstadt hatte man sich kennen gelernt, inzwischen war Bach in besser dotierter Position Organist an der Blasiuskirche zu Mühlhausen. In Arnstadt hatte es ja zuvor Trouble gegeben, bei einer Anhörung warf man dem jungen Mann vor er habe »ohnlängsten die fremde Jungfer auf das Chor biethen und musiciren laßen.«. Da muss Bach wohl mit einer anderen Meid geschäkert haben, denn die Heiratswilligen waren sich so fremd nicht, er heiratete seine geliebte Cousine zweiten Grades.
Die Trauungszeremonie fand am 17. Oktober 1707 in der Dornheimer Bartholomäuskirche statt.
Aus der Ehe mit Maria Barbara, die nur 36 Jahre alt werden durfte, entstammen sieben Kinder, darunter die bekanntesten Bachsöhne Wilhelm Friedemann und Carl Philipp Emanuel.

Maria Barbara Bach starb überraschend, während ihr Mann sich im Gefolge seines Dienstherrn, des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen, in Karlsbad aufhielt. Ihr genaues Todesdatum und die Todesursache sind nicht überliefert; sie war bereits vor der Heimkehr ihres Gatten am 7. Juli 1720 auf dem Köthener Alten Friedhof bestattet worden. Auch Johann Sebastian Bach war zeitlebens immer wieder von nahen Todeserlebnissen begleitet, in seiner ersten Ehe starben ihm drei Kinder im frühen Kindesalter.

dr.pingel

Prägender Forenuser

  • »dr.pingel« ist männlich

Beiträge: 3 567

Registrierungsdatum: 29. Juni 2009

188

Sonntag, 27. November 2016, 13:20

Dieses Thema ist ein Ruhmesblatt des Forums, und ich sehe regelmäßig hinein. Beitragen kann ich nichts, denn es gehört zu den Themen, bei denen man den Autor ruhig seine Bahnen ziehen lässt und ab und zu kundtut, dass es einem gefällt: danke, lieber hart. Auch die Bilder passen gut; ich bin jetzt dazu übergegangen, sie in meine Bilddatei unter dem Stichwort "Komponisten" zu speichern. Dann erscheinen sie regelmäßig geschlossen als screen-saver.
O bittre Winterhärte! / Die Nasen sind erfroren,/Und die Klavierkonzerte/Zerreißen uns die Ohren (Heinrich Heine)

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

189

Sonntag, 4. Dezember 2016, 12:19

Johann Sebastian Bach in Weimar

Bach hatte sich ja, damals aus der Lüneburger Schule kommend, in Weimar als Lakai und Mitglied der Hofkapelle etwas Geld verdient. Sein damaliger Dienstherr war der Bruder von Herzog Wilhelm Ernst.
Diesmal kam er von Mühlhausen her und hatte bereits die Erfahrung zweier Organistenstellen im Gepäck. Er reiste an, um hier eine Orgel abzunehmen. Nun kommt er mit Herzog Wilhelm Ernst in Kontakt, der ein Musikenthusiast ist und ihm unverzüglich anbietet das Gehalt Bachs zu verdoppeln, wenn dieser nach Weimar käme. Natürlich geht er nach Weimar, lässt aber zeitlebens den Kontakt nach Mühlhausen nie ganz abreißen, der dortige Pastor wird auch Pate von Bachs erstem Kind.
Das Arbeitsklima am Weimarer Hof ist gewöhnungsbedürftig, denn die »Dienstleister«, also auch Bach, haben zwei Herren unterschiedlicher Art zu dienen. Als Folge des 30-jährigen Krieges residieren hier zwei Herrscher in unmittelbarer Nachbarschaft. Herzog Wilhelm Ernst residiert in der Wilhelmsburg und ist eher Theologe, ein frommer Mensch, der wenig von weltlichen Lustbarkeiten hält. Er teilt sich die Regentschaft mit seinem jüngeren Bruder Johann Ernst III., der seinen Sitz auf dem Roten Schloss hat und ein Freund der schönen Künste ist. Die beiden Herrscher liegen ständig darüber im Streit, wo die dienstbaren Geister gerade zur Verfügung zu stehen haben. Was dieser Herzog Wilhelm Ernst auch anfasste, es hatte in aller Regel etwas mit Frömmelei, Freudlosigkeit, Kontrolle und Unterdrückung zu tun. Dieser gestrenge Herzog wandte sich in seiner Vereinsamung der Musik zu, hatte allerdings für weltliche Musik nicht viel übrig.

Bach machte als Hoforganist Musica sacra und am Roten Schloss Musica viva. In Weimar waren seine musikalischen Tätigkeiten vielseitig, von weltlicher und kirchlicher bis zur Salonmusik spielte er in Weimar alles. Der dröge Herzog sah es nicht gerne, wenn Bach, der ja noch ein junger Mann war, seine Schritte zum Roten Schloss lenkte, schätzte jedoch auch das profunde Können des jungen Mannes bei der musikalischen Gottesdienstgestaltung.

Neben all dem Musizieren wuchs die Bach-Familie; 1708 kam Tochter Catherina Dorothea zur Welt, 1710 Wilhelm Friedemann, 1713 Zwillinge, die bald nach der Taufe starben, 1714 Carl Philipp Emanuel und 1715 Johann Gottfried Bernhard.

Auch in pädagogischer Mission war Bach in Weimar voll ausgelastet, sein erster Schüler, Johann Martin Schubart, war mit ihm nach Weimar gezogen, aber der war schon so weit fortgeschritten, dass er seinen Meister bei Abwesenheit an der Orgel vertreten konnte. Bach soll zu seiner Weimarer Zeit etwa zehn Schüler gehabt haben; in seinem gesamten Musikerleben sollen es an die achtzig gewesen sein; eine beachtenswerte pädagogische Leistung. Da entstanden auch Übungswerke für seine Ehefrauen, und das waren Arbeiten die eher nebenbei produziert wurden, aber heute der Weltliteratur der Musik zuzurechnen sind.

Dann war Bach in seiner neun Jahre währenden Weimarer Zeit von hier aus auch oft als Orgelprüfer unterwegs; nicht nur im nahen Taubach oder in Mühlhausen, sondern auch in Kassel, Erfurt, Halle, Dresden ... - wo auch einmal ein Wettspiel mit dem französischen Klavier- und Orgelspieler Marchand angesetzt war, das dann aber nicht zustande kam.
Bach begutachtete jeweils das neu erstellte Instrument und schloss seine Prüfung mit einem Konzert ab, danach fasste er seine Begutachtung in schriftlicher Form zusammen und übergab dem Rat oder dem Konsistorium seinen detaillierten Bericht; das klingt so als sei das eine Art »Orgel-TÜV« gewesen ...

Wie bereits schon früher, gab es auch in seiner Weimarer Zeit immer wieder Diskussionen, weil kirchliche Kreise sich vehement gegen die Verweltlichung kirchlicher Musik wandten. Bach war in Sachen Musik zwar die unumstrittene Nummer eins, weil er sehr oft auch die Aufgaben des kränkelnden Kapellmeisters Drese übernahm, dessen Sohn auch nicht viel zu Wege brachte. Als der alte Drese 1716 starb, war es in Weimar scheinbar allgemein klar, dass Bach dessen Position übernehmen würde. Bachs Enttäuschung war dann groß, als der Herzog den wenig fähigen Drese-Sohn als Kapellmeister vorzog. Das war eine herzogliche Entscheidung, die eindeutig gegen Bach ging. Damit war Weimar für Bach »gestorben«.

Meister Bach hatte inzwischen in Weißenfels den jungen Fürst Leopold von Anhalt-Köthen kennengelernt, der ihn im August 1717 als Kapellmeister nach Köthen verpflichtete.
Aber das war mit Herzog Wilhelm Ernst nicht zu machen, er stellte sich quer und gab seinem Musikus nicht frei; auch diplomatische Bemühungen der Köthener konnten in dieser Sache nichts bewirken, der Weimarer Herzog blieb hart. Er blieb nicht nur in dieser Angelegenheit hart, sondern demütigte und missachtete Johann Sebastian Bach in vielfältiger Weise. Bach versuchte alles Mögliche von Weimar loszukommen, aber alle Anstrengungen waren vergeblich.

Schließlich war der Gipfel dieser Auseinandersetzung erreicht - Bach wurde verhaftet. Der Hofsekretär hielt die Daten fest:

»6. November ist der bisherige Konzertmeister und Organist Bach wegen seiner halsstarrigen Bezeugung von zu erzwingender Dimission auf der Landrichterstube arretiert und endlich den 2. Dezember darauf mit angezeigter ungnädiger Dimission des Arrestes befreiet worden.«

Bach hatte es mit seiner Familie eilig hier wegzukommen; am 2. Dezember 1717 wurde er aus dem Weimarer Arrest entlassen, am 10. Dezember sollte Fürst Leopolds Geburtstagsfest stattfinden, er erwartete vom neuen Kapellmeister eine Glückwunschkantate. In acht Tagen hatte Bach mit seiner Familie in zwei vollbeladenen Wagen die Distanz von Weimar bis nach Köthen zurückzulegen, wo sich ihm ein neues Betätigungsfeld bot.

Welche Spuren Bachs gibt es heute noch in Weimar?

Die Situation im Herbst 2016 ist so, dass eine bescheidene Bach-Büste vis-á-vis der Hochschule für Musik Franz Liszt steht; zur besseren optischen Orientierung kann das weit größere Reiterstandbild von Carl August auf dem Platz der Demokratie dienen.
An der Denkmal-Stele von Bach fehlen einige Buchstaben ... besser wäre es gewesen nach alter Handwerkskunst die Buchstaben in den Stein zu hauen ...






Besser wäre es gewesen, nach alter Handwerkskunst die Buchstaben in den Stein zu hauen ...

Aber wie man hört, sind hier große Dinge geplant, es sind Bestrebungen im Gange das ehemalige Bach-Haus, wo J. S. Bach von 1708 bis 1717 wohnte, auf den noch vorhandenen Grundmauern wieder zu errichten, denn man ist der Ansicht, dass sämtliche Wohnorte Bachs entweder unbekannt oder nur noch zu vermuten oder nicht mehr existent sind und einzig in Weimar noch originale Bausubstanz erhalten ist.
Ein Teil des ehemaligen Hotels »Erbprinzen« - also das ehemalige Bachhaus - wurde noch am 9. Februar 1945 von einer Bombe getroffen und bis auf die Grundmauern zerstört. Was noch vorhanden war, wurde 1988/89 abgerissen. Heute ist dort ein Parkplatz. Eine Bürgerinitiative will auf den noch erhaltenen originalen Kellern das Bach-Haus wieder auferstehen lassen.


hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

190

Sonntag, 15. Januar 2017, 18:16

Das Bach-Denkmal in Ansbach





Eine Stadt, in dessen Ortsnamen die zweite Silbe BACH lautet, braucht wohl ein Bach-Denkmal, aber es wurde relativ spät errichtet, erst seit 2003 steht es dort auf dem Martin-Luther-Platz, zwischen den Kirchen St. Johannis und St. Gumbertus. Bedingt durch die relativ späte Entstehung ist das Denkmal modern, beziehungsweise zeitgemäß gestaltet. Der badische Künstler Jürgen Goertz hat diese Säule, die wie ein Kerzenleuchter auf dem Platz steht, aus Aluminium gefertigt. Das etwa fünf Meter hohe Kunstwerk hat 60.000 Euro gekostet, die ausschließlich aus Spendengeldern zusammen kamen.
Auf dem überdimensionalen Säulenkapitell sind neben einem Halbrelief von Bach, ein Notenschlüssel mit der Unterschrift »Musikalisches Opfer« sowie die Notenzeile B-A-C-H zu sehen. Auf der Seite, die der Johannis-Kirche zugewandt ist, sieht man ein in vier Teile aufgelöstes Bach-Porträt. Aufmerksame Konzertbesucher hatten den Säulenkünstler kritisiert, weil sie nur HACH anstelle BACH zu lesen vermochten.





Wie kam Bach nach Ansbach?
Der Barockmeister selbst war vermutlich nie hier gewesen. Der Musiker und Antiquitätenhändler Dr. Carl Weymar kam in der Nachkriegszeit von Leipzig nach München. Dort lernte er den Cellisten Ludwig Hoelscher und den Dirigenten Ferdinand Leitner kennen. Es bildete sich ein Kreis Musikinteressierter und einer dieser Musikfreunde war stolzer Besitzer eines Schlosses. Man traf sich in Schloss Weißenstein wo man in der Nachkriegszeit in barockem Ambiente Bachs Musik aufführen konnte. Die Konzerte fanden rund um Johann Sebastian Bachs Todestag statt, man traf sich im Jahr 1947 vom 27. Juli bis 3. August und spielte Bach, Bach und nochmals Bach ... Musiker und Zuhörer waren von diesen Konzerten so begeistert, dass man ein da capo für das nächste Jahr ins Auge fasste. Die Infrastruktur um Pommersfelden war natürlich alles andere als ideal. Die Residenzstadt Ansbach war nur 70 Kilometer von Pommersfelden entfernt und bot den anreisenden Musikern und Gästen ganz andere Möglichkeiten. Die Stadt war weitgehend unzerstört geblieben, so dass neben einem repräsentativen Festsaal auch zwei große Kirchen zur Verfügung standen. Ab 1948 fanden die Bachwochen dann in Ansbach statt und machten sich recht schnell einen Namen.
Die politischen Verhältnisse entwickelten sich dann so, dass der Zugang zu den originalen Stätten Bachschen Wirkens in der Regel nicht mehr möglich war. Mit der Zeit war nun Ansbach für viele prominente Interpreten zu einer ersten Adresse geworden.



Ab 1955 prägte der Cembalist, Organist und Dirigent Karl Richter im Wesentlichen das Programm der Bachwoche Ansbach für fast zehn Jahre; er verband seinen Münchener Bachchor mit herausragenden Solisten wie zum Beispiel die Instrumentalisten Henryk Szeryng, Andres Segovia, Ralph Kirkpatrick und namhaften Sängern wie Peter Pears, Fritz Wunderlich, Dietrich Fischer-Dieskau ...

1966 erfolgte eine Art Neuanfang indem die Stadt Ansbach die Trägerschaft der Bachwoche übernahm und Rudolf Hetzer, langjähriges Mitglied im »Verein der Freunde der Bachwoche«, die künstlerische Leitung übernahm. Seither arbeitet man im Zweijahres-Turnus. In dieser Zeit traten dann Instrumental-Künstler wie Nathan Milstein, Mstislaw Rostropowitsch, Maurice André, Thomas Zehetmair ... in Ansbach in Erscheinung, aber auch Dirigenten wie Sir Neville Marriner und Helmuth Rilling. Ganz behutsam nahm man dann auch mal Werke anderer Komponisten ins Programm.

Als in den 1980er Jahren der Pianist und Kapellmeister Hans-Georg Schäfer für die Festwoche verantwortlich war, bezog dieser die Söhne Johann Sebastian Bachs in die Programmgestaltung ein und man ging noch einen Schritt weiter und in Ansbach erschienen nun auch Claudio Monteverdi, Henry Purcell und Heinrich Schütz und sogar Komponisten des 20. Jahrhunderts.

Danach wurde es noch bunter, natürlich setzte man allesmögliche in Bezug zu Bach, wie zum Beispiel »Bach und Strawinsky«. Die Bachwochen der letzten Jahre zeigen ein anderes Gesicht als die »astreinen» Bach-Veranstaltungen der ersten Jahre. Auch am Bach-Denkmal selbst, das optisch in zwei historische Kirchenbauten eingebettet ist, zeigt sich, dass die Zeit nicht stehengeblieben ist.

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

191

Mittwoch, 1. Februar 2017, 12:44

Hermann Levi - 7. November 1839 Gießen - † 13. Mai 1900 München

Eine späte Ehrung für Hermann Levi in Karlsruhe





Als 1927 im Karlsruher Musikerviertel die Straßen nach Opern, Opernfiguren und Musikern benannt wurden, hatte man Hermann Levi vergessen, wogegen es eine Felix-Mottl-Straße gibt, das war ein Dirigent, der nach Levi mehr als zwei Jahrzehnte lang die musikalische Kultur der Stadt prägte und viele Jahre in Bayreuth tätig war.
Seit heute, 1. Februar 2017, gedenkt man hier, am Platz vor dem Badischen Staatstheater, öffentlich des großen Dirigenten Hermann Levi, der einst als gefeierter Hofkapellmeister am Badischen Hoftheater von 1864 bis 1872 wirkte. Die Idee zu dieser Ehrung wurde bereits vor 25 Jahren entwickelt, konnte aber erst jetzt in die Tat umgesetzt werden. Am Samstagabend, 28. Januar 2017, wurde im Rahmen einer kleinen Feier das neue Schild enthüllt, wobei die Blechbläser der Badischen Staatskapelle ein Fanfarenstück aus »Parsifal« spielten.

Eine kleine Informationsausstellung im oberen Foyer des Badischen Staatstheaters







Dort hat man auf insgesamt sechs weißen Fahnen Informationen zum Leben und Wirken des Dirigenten Hermann Levi aufgehängt. Zusätzlich ist noch ein Film von Angelika Weber mit dem Titel »Ein Solitär namens Hermann Levi« zu sehen, der weitere Einblicke ermöglicht.

Der Sohn eines liberalen Rabbiners galt als musikalisches Wunderkind. Er studierte von 1855 bis 1858 am Leipziger Konservatorium und kam dann über die Kapellmeister-Stationen Saarbrücken, Mannheim und Rotterdam auf Empfehlung seines Kompositionslehrers Vinzenz Lachner 1864 an das Karlsruher Hoftheater. In den Folgejahren wurde dort auf hohem künstlerischem Niveau musiziert und unter anderem »Ein deutsches Requiem« von Johannes Brahms und die damals noch sehr jungen »Meistersinger von Nürnberg« aufgeführt. München bot dann aber mehr Möglichkeiten, vor allem ein größeres Orchester. So nahm Levi mit einem feierlichen Konzert im Juni 1872 seinen Abschied aus Karlsruhe; die Presse berichtete damals von »Blumenregen und endlosen Akklamationen«

In München beschäftigte sich Levi mit weiteren Werken Richard Wagners, woraus sich eine Freundschaft zwischen dem Komponisten und Dirigenten entwickelte. Im Sommer1875 fuhr Levi nach Bayreuth und war bei den Proben von »Siegfried« und »Die Götterdämmerung« dabei. Er war dort als Korrepetitor tätig und organisierte auch 1877 in München ein Benefizkonzert, um Wagners klamme Kasse etwas aufzufüllen, denn die Festspiele mussten eine Pause einlegen.
Als es in Bayreuth wieder weitergehen konnte, plante Wagner die Aufführung seines neuen Werkes, das er Bühnenweihfestspiel nannte - »Parsifal« war entstanden, ein besonderes Stück, das nur in Bayreuth und nirgendwo sonst, aufgeführt werden sollte. Levi war zwar über jeden künstlerischen Zweifel erhaben, aber dann tauchten Probleme religiöser Art auf; Meister Wagner hatte ein Problem damit, dass ein Jude dieses christliche Werk dirigieren sollte und war der Meinung, dass es einem unchristlichen Dirigenten nicht möglich sei die Tiefe dieses Bühnenweihfestspiels zu erfassen - Richard Wagner forderte Levi auf sich Taufen zu lassen, aber bei aller musikalischen Hingabe, hatte dieser auch seinen Stolz und lehnte dieses Ansinnen ab. Wagner hatte Levi im Sommer 1881, als Levi in der Villa Wahnfried zu Gast war, einen anonymen Brief gezeigt, der die Forderung enthielt, dass Wagner sein Werk »rein« halten solle. Daraufhin ging Levi aus Bayreuth weg und bat Wagner ihn aus der Uraufführung des Werks zu entlassen. Nun sah Wagner die Aufführung seines neuen Werks ernstlich gefährdet und ruderte zurück und es gelang ihm mit vielen schönen Worten Hermann Levi zurückzugewinnen. Levi dirigierte »Parsifal« dann nicht nur bei der Uraufführung, sondern öfter auch noch einige Jahre nach Wagners Tod.

Die neue Oper »Wahnfried« - Uraufführung in Karlsruhe

Die Einweihung der neuen Platzbezeichnung fand quasi als Vorspiel zur Uraufführung der Oper »Wahnfried« statt.
Spritzige Musik und spielfreudiges Ensemble: »Wahnfried« von Avner Dorman in Karlsruhe umjubelt - so wird das Ereignis auf der Kulturseite der BNN in der Unterzeile der Headline beschrieben. »Wahnfried« ist eine Oper, die vom Badischen Staatstheater in Auftrag gegeben wurde. Die Musik komponierte der junge, in Tel Aviv geborene und in den USA lebende Avner Dorman. In dieser Oper hat auch Hermann Levi einen recht sympathischen Auftritt. Die Oper kann als Satire um die Nachfahren Richards gelten, die sich schon seit fast ewigen Zeiten darum streiten, was als Erbe des Meisters zu gelten hat.



Spenden für das Grab von Hermann Levi in Garmisch-Partenkirchen

Der Richard-Wagner-Verband hat in der kleinen Ausstellung im Foyer auch eine Spendenbox installiert. Das Staatstheater unterstützt den Richard-Wagner-Verband Karlsruhe e. V. bei der Wiedererrichtung von Levis Mausoleum in Garmisch-Partenkirchen, das von den Nationalsozialisten zerstört wurde.
Als Hermann Levi im 55. Lebensjahr die Witwe Mary Fiedler heiratete, hatte er den Wunsch sich in Partenkirchen niederzulassen, erwarb ein Grundstück und ließ sich hoch über Partenkirchen eine schlossähnliche Villa mit Zwiebeltürmchen errichten. Um das Gebäude herum entstand eine Parkanlage mit hohen Bäumen.
Levi unterstützte seine Wohngemeinde so großzügig, dass man ihm am 12. Juli 1898 das Ehrenbürgerrecht verlieh. Seit 1925 gab es dann auch einen Hermann-Levi-Weg in der Gemeinde. Mitte der 1930er Jahre erfolgte eine Umbenennung des Weges, seit 1945 ist das die Karwendelstraße. Nachdem Hermann Levi am 13. Mai 1900 in München gestorben war, hatte die Witwe den Wunsch für ihn ein Mausoleum errichten zulassen, damit man den Sarg Levis aus der Münchner Gruft der Familie Fiedler nach Partenkirchen überführen konnte. Sie beauftragte den Architekten Adolf von Hildebrand, der schon das Wohnhaus entworfen hatte, mit dem Bau der Grabstätte im Park. An der Stirnseite der Grabhalle war ein Bildnis Levis angebracht und ein Engel wachte über den Eingang zur Halle. Als die Nazi-Vandalen das Grabmal zerstörten und dem Erdboden gleich machten, war auch der Engel überfordert. Jahrzehnte lang war aber auch unsere moderne Gesellschaft überfordert - es ist möglich, sich die schlimmen Bilder auf einigen Internetseiten anzusehen, ich möchte sie hier nicht einstellen ...


Dieses Porträt von Hermann Levi ist an der Außenfassade in der Nähe des Eingangs angebracht

Die Ausstellung ist in der Regel nur eine Stunde vor Beginn einer Vorstellung zugänglich.

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

192

Sonntag, 26. Februar 2017, 10:32

Hans von Bülow - * 8. Januar 1830 Dresden - † 12. Februar 1894 Kairo

Der Gedenkstein am Meininger Theater - das weltweit einzige Bülow-Denkmal





Wer am Meininger Theater vorbeigeht, kann den zu Ehren Bülows gesetzten Gedenkstein durchaus übersehen; und wenn man ihn sieht, muss man das ovale Bronze-Medaillon schon etwas genauer in Augenschein nehmen, um einen halben Klampfenkorpus, ein paar Orgelpfeifen und einige Ventile zu erkennen.

Wenn man das als Vorderseite betrachtet, ist festzustellen, dass sich der in den Stein gemeißelte Name HANS VON BÜLOW auf der Rückseite befindet. Der Entwurf des Bildhauers Werner Stötzer wurde von einer Jury aus zehn Einreichungen ausgewählt.
Der Anlass zur Aufstellung dieses Denkmals war der 100. Todestag Hans von Bülows, wobei man das nicht auf den Tag genau nahm, sondern für die Einweihungsfeierlichkeiten den 1. Mai 1994 wählte, der normalerweise meteorologisch bessere Bedingungen bietet als ein 12. Februar. In Meiningen fanden 1994 vom 22. April bis zum 15. Mai die »Landesmusiktage Hans von Bülow« unter Beteiligung hochkarätiger musikalischer Prominenz statt.
Aus Meiningen wurde das vierte Europakonzert der Berliner Philharmoniker in 23 Länder übertragen: Am Abend gab es Beethovens Klavierconcerto Nr. 5 in Es-Dur, ein virtuoser Auftritt von Claudio Abbado und Daniel Barenboim, gefolgt von Brahms Sinfonie Nr. 2 in D-Dur op.73.
August Everding, der Intendant der Bayrischen Staatstheater, inszenierte im Rahmen dieser Festivitäten Wagners »Meistersinger«, die Hans von Bülow 1868 in München uraufgeführt hatte; und man präsentierte eine »Martha«-Inszenierung Victor von Bülows alias Loriot, einem unmittelbaren Nachfahren Hans von Bülows.

Hans von Bülows Jahre in Meiningen
Im relativ kleinen Herzogtum Sachsen-Meiningen nahm die Kultur schon lange einen besonderen Platz ein. Das Meininger Theater hatte über viele Jahre einen glänzenden Ruf und galt in vielen Belangen als vorbildlich. Georg II. war ein künstlerisch gebildeter Potentat, der 1873 die Schauspielerin Ellen Franz als Freifrau von Heldenburg heiratete. Diese neue Meininger Herzogin war in Berlin vordem eine von Bülows Klavierschülerinnen gewesen und versuchte nun nach Kräften ihren einstigen Klavierlehrer für das Meininger Orchester zu gewinnen. Im Herbst 1873 war Bülow im Rahmen einer kleinen Konzertreise erstmals nach Meiningen gekommen, wo er im Schloss Sonaten von Beethoven spielte. Das provinzielle Umfeld dort stand natürlich im krassen Gegensatz zu dem, was Bülow in den großen Metropolen gewöhnt war. Aber das Herzogpaar sicherte ihm viele künstlerische Freiheiten zu und auch seine auswärtigen Verpflichtungen sollte Bülow bedienen können. Die nicht gar so üppige Jahresgage von 5.000 Mark war wohl nicht das Entscheidende für Bülow - er war eher daran interessiert sich einen Traum von erstklassiger Orchesterarbeit zu erfüllen.
Bülows Intendanten-Vertrag ist zum 1. März 1880 datiert; der Anspruch des Dirigenten ist hoch, es ist die Rede sowohl von der Erziehung der Orchestermusiker als auch des Publikums; die Programmgestaltung war entsprechend; zunächst konzentrierte man sich auf die Werke Beethovens. Die Probezeiten mit dem Orchester waren außerordentlich lang, aber danach wurden dem Publikum dann auch reife und ausgefeilte Musteraufführungen geboten.
Schließlich tauchte noch Johannes Brahms höchstselbst in Meiningen mit den Noten seines neuen zweiten Klavierkonzertes auf, um in dieser Abgeschiedenheit sein Werk einzustudieren, bevor er es der großen Welt präsentierte. In Meiningen schloss Hans von Bülow 1882 auch eine zweite Ehe mit der Schauspielerin Marie Schanzer.

Wie bereits erwähnt, entstammte die Herzogin ursprünglich auch dem Schauspielberuf, bald war das Verhältnis der beiden Damen getrübt; eine Nichtigkeit gab den offiziellen Anlass, dass die Bülows ihre Tätigkeit zum 1. April 1885 in Meiningen beendeten; aber Bülow dirigierte die bereits geplanten Konzerte noch über diesen Termin hinaus. Auf Bülows Vorschlag erschien nun der 21-jährige Richard Strauss als Bülows Nachfolger in Meiningen.



Mit einer Freiluft-Serenade der vereinigten Bläserkapelle des Meininger und des Berliner Orchesters wurde das Bülow-Denkmal eingeweiht, es war ein Musikstück von Richard Strauss.

  • »Joachim Schneider« ist männlich

Beiträge: 511

Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

193

Sonntag, 26. Februar 2017, 11:25

Über Hermann Levi gibt es eine (m.E. die einzige!) Biographie:
"Frithjof Haas: Zwischen Brahms und Wagner, der Dirigent Hermann Levi, Atlantis Musikbuchverlag, ISBN3-254-00194-X

Das Buch dürfte leider nur noch antiquarisch zu erhalten sein.
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

194

Sonntag, 26. Februar 2017, 12:41

Frohe Botschaft

Lieber Joachim,
da habe ich eine frohe Botschaft; das von Dir angesprochene Buch ist bei Amazon gegenwärtig für 15,84 Euro zu haben - gebraucht sogar schon für 3,38 Euro ...



Hermann Levi war ein Dirigent, der sich mit uneingeschränkter Hingabe für die Werke der beiden Antipoden der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte: Johannes Brahms und, nach dem Zerwürfnis mit ihm, Richard Wagner. Wenig bekannt ist, dass Levi Talent zum Komponieren besaß und sich als Übersetzer von Libretti beispielsweise einiger Opern Mozarts auszeichnete. Stand er als schöpferischer Künstler im Spannungsfeld um Brahms und Wagner, so litt er als Jude unter dem seit den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zunehmenden Druck der Gesellschaft. Dennoch gab er diesem Druck nicht nach und trat nicht wie viele Persönlichkeiten vor ihm zum Christentum über, auch nicht nach der Heirat mit einer Christin. Er litt unendlich unter seinem Judentum und kam erst zur Ruhe, als er nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit Trost in den Schriften Goethes und Schopenhauers fand.Ein Buch, das nicht nur die Künstlerpersönlichkeit Levi aufzeigt, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen gesellschaftlicher Zusammenhänge wirft - eine anschauliche Darstellung. -- Von Gießen nach Mannheim - Studien in Leipzig und Paris - Kapellmeisterlehrjahre in Saarbrücken, Mannheim und Rotterdam - Intermezzo I: Der Komponist Hermann Levi - Am Karlsruher Hoftheater - Anfang mit Johannes Brahms - Vom Deutschen Requiem zu den Meistersingern - Karlsruher Abschied mit Triumphlied - Intermezzo II: Der Dirigent Hermann Levi - Der königlich bayerische Hofkapellmeister - Die Freundschaft mit Brahms zerbricht - Die Künstlerkreise um Paul Heyse und Franz von Lenbach - Im Banne des Grals - Intermezzo III: Der Bearbeiter und Literat Levi - Im Streit um das Bayreuther Erbe - Von Perfall zu Possart - Anton Bruckner erscheint - Die Meisterin und ihr Major - Das Ende mit Mozart und Goethe - Nachwort: Hermann Levi - Jude oder Christ? - Anhang - Abkürzungen - Quellen - Texte der Brief-Faksimiles - Register - Abbildungsnachweis

  • »Joachim Schneider« ist männlich

Beiträge: 511

Registrierungsdatum: 31. Dezember 2013

195

Sonntag, 26. Februar 2017, 22:37

Lieber Hart,

vielen Dank für den Hinweis.
Ich habe das Buch vor ca. 14 Jahren gekauft und hätte nicht für möglich gehalten, daß es noch erhältlich ist.
Die Weigerung Levis, den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen und sich taufen zu lassen, beruht vielleicht auch auf der Tatsache, daß er einer langen Dynastie hoch angesehener Rabbiner entstammt, deren Gründer angeblich sogar Schüler des Hohen Rabbi Löw in Prag gewesen sein soll!
Wie sehr er unter den Zurücksetzungen litt, die er von gewissen Kreisen erfahren musste, zeigt die folgende Anekdote:
in einem Festspielsommer ging er mit seinem Fraund und Schüler Felix Mottl nach den Proben aus dem Festspielhaus in Bayreuth zurück ins Hotel.
Levi fragte ihn, warum er diese ganzen Demütigungen in Bayreuth ertragen würde, er habe derlei doch überhaupt nicht nötig.
Darauf lachte Levi bitter auf und rief: "Sie heben gut reden, Sie...Christ!"

Viele Grüße

Joachim
"Die Musik steht hinter den Noten" (Gustav Mahler)

Rheingold1876

Prägender Forenuser

  • »Rheingold1876« ist männlich

Beiträge: 3 516

Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

196

Freitag, 31. März 2017, 08:23

Wahnfried – Das Haus von Richard Wagner



Ein neues Buch macht Lust auf einen Besuch in Bayreuth. Jetzt herrscht dort nämlich genau die Stille der Einkehr, um sich das Werk Richard Wagners, des einst berühmtesten Bewohners der Stadt, zu vergegenwärtigen. Das geht auch ohne stundenlange Opernvorstellung. Ist das Festspielhaus droben auf dem Grünen Hügel erst einmal winterfest gemacht wie eine Sommerfrische, gibt sich Bayreuth auf eine sympathische Weise verschnarcht. Eine gemütliche Bleibe findet sich, der Schweinsbraten, dem selbst mancher Vegetarier nicht widerstehen kann, schmeckt im Winter ohnehin besser als im Sommer. Dazu ein frisch gezapftes Maisel’s vom Fass. Was will man mehr.

Schnurstracks führt der Weg in die Richard-Wagner-Straße 48. Wahnfried – Das Haus von Richard Wagner. So auch der Titel des Buches von Markus Kiesel und Joachim Mildner, das in der Verlagsgesellschaft ConBrio erschienen ist. Kiesel, Musikwissenschaftler und Kulturmanager, hat über Siegfried Wagner promoviert. Mildner studierte Graphic Design, Kunstgeschichte und Architektur und arbeitete als Regieassistent am Opernhaus in Kassel. Ihr üppig ausgestatteter Band gleicht selbst einer Theaterinszenierung, die rechts neben die deutschen Textspalten gestellte englische Übersetzung der Übertitelung im Opernhaus. Es wird mit allen graphischen Raffinessen gespielt. Farbe trifft auf Schwarzweiß, ein Stich ist rot umrandet, auf den Fotos, die den Erweiterungsbau in magisches Licht tauchen, fällt nicht eine Linie, mal verdichtet sich eine Ansicht wie gestochen zur Miniatur, dann wieder wird ausladend geklotzt. Was die Herausgeber zu bieten haben, will mehr sein als ein Führer durch die Gedenkstätte nach dem Umbau. Und das ist es auch.

Auf 175 großformatigen Seiten findet sich die wechselvolle Geschichte des Anwesens dargestellt von den ersten Ideen und Plänen bis in die unmittelbare Gegenwart. Fotos eröffnen einen Einblick in die vollgestopften offiziellen Räume, wie sie Wagner selbst noch bewohnt hatte. Schlafgemächer und Hinterzimmer bleiben ausgespart. Auch die Küche im Souterrain, von der es einen Speisenaufzug nach oben gab, ist offenbar nie abgelichtet worden. Ebenso die Badezimmer und Toiletten. Das schickte sich nicht. Fauteuils, Teppiche, Wandspiegel, Paravents, Vorhänge, Büsten und Palmenständer türmten sich. Eine Orgie des schlechten Geschmacks der Gründerzeit. Nach dem Tod des Hausherrn 1883 wurde der Zustand konserviert. Kein Federhalter durfte berührt, kein Stuhl verrückt werden. Barett und Hausmantel des Meisters verschwanden unter einer Glocke Mottenpulver. Umso heftiger war die verheerende Wirkung der Sprengbombe, die den zum Garten gelegenen Teil der Villa kurz vor Kriegende am 5. April 1945 traf. Vom Saal, in dem Wagner gern seine Getreuen versammelt hatte, auf Gemälden, Stichen und Ansichtskarten oft gezeigt, blieb nichts übrig. Bekanntlich war dort auch die Bibliothek untergebracht, die allerdings vor der Zerstörung gemeinsam mit wichtigen Archivalien in Sicherheit gebracht werden konnte. Der Eindruck, den Fotos vermitteln, ist verheerend. Ein passendes Zitat haben die Autoren im zweiten Aufzug des Lohengrin aus dem Munde des Grafen Telramund gefunden: „So zieht das Unheil in dies Haus!“ Wenn es sich denn nicht schon lange vorher in Gestalt Adolf Hitlers und seines Gefolges darin festgesetzt hätte. Der Diktator ging in Wahnfried ein und aus.

Nach der Lektüre habe ich nicht den geringsten Zweifel daran, dass sich diese Neugestaltung, die auch dezente Eingriffe in die historische Substanz erforderlich machte, die einzige Möglichkeit ist, diesen Ort zukunftsfähig zu machen. In wieweit die Virtualität des Buches dem direkten Vergleich mit der Wirklichkeit standhält, wird sich bei der persönlichen Inaugenscheinnahme herausstellen. Geöffnet ist das Museum Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr. Im Juli und August täglich. Fast reflexartig möchte man gleich ins Auto steigen oder eine Fahrkarte für die Bahn buchen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt. Die Gefahr, in eine Touristenfalle zu tappen, ist ausgeschlossen. Ein „besonderer Dank“ an die Stadt Bayreuth und seine Oberbürgermeisterin Brigitte Merk-Erbe, der noch vor dem Inhaltsverzeichnis schriftlich abgestattet wird, sollte keinen Argwohn wecken. Schließlich hat Bayreuth neben Wagner, Schweinsbraten und Weißbier auch noch andere schöne Dinge zu bieten – Museen, Galerien und das einzigartige Markgräfliche Opernhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert, welches in den Rang eines Unesco-Welterbes erhoben wurde.

An meinen ersten Besuch in Wahnfried Anfang der neunziger Jahre erinnere ich mich noch sehr genau. Damals bin ich ehrfürchtig angereist und enttäuscht von dannen gezogen. Zwar hatte das Gebäude nach seinen schweren Bombenschäden im Krieg seine ursprüngliche Gestalt zurückerhalten. Saal und Halle wirkten aber abweisend und kühl, die oberen Etagen verströmten den biederen Charme eines Heimatmuseums. Nichts war mehr echt, nichts inspirierend. Devotionalien, die der Krieg übriggelassen hatte, wären so auch auf einem guten Flohmarkt zu finden gewesen. Es eröffnete sich keine rechte Distanz für den Betrachter. Stattdessen wurde ihm die Illusion vermittelt, im Haus Richard Wagner zu sein – wo sein "Wähnen Frieden fand". Glaubt man den Fotos und den Berichten, soll das nun anders sein. Im Buch wird der Architekt der Generalsanierung und des Erweiterungsbaus, Volker Staab, interviewt. Auch wenn er zu „Wagner nie eine innige Beziehung hatte“, bringe er großen Respekt vor dem historischen Erbe mit, das er in Bayreuth vorgefunden hatte. Mit seiner Rekonstruktion habe er versucht, sich mit dem Inhalt und dem Ort authentisch auseinanderzusetzen.

Einbezogen in die neue Gestaltung ist auch der Anbau von Wahnfried, das so genannte Siegfried-Wagner-Haus mit seinem Pavillon, wo dessen 1980 verstorbene Witwe Winifred wie ein leibhaftiges Menetekel residierte. Wie es dort in ihren letzten Jahren ausgesehen hat, davon konnten sich die Zuschauer eines Filminterviews überzeugen, das sie 1975 dem Filmemacher Hans-Jürgen Syberberg gegeben hat. Es ist im Fernsehen gezeigt worden und liegt auch als DVD vor. Während des Gesprächs bekannte sie sich ungebrochen zu ihren Freundschaft mit Hitler. Wenn der "hier zum Beispiel zur Tür hereinkäme", sie wäre genau so fröhlich und glücklich, ihn zu "sehen und zu haben, als wie immer". Als ich nach Wahnfried kam, hatte ich diese ungeheuerliche Bemerkung, die seinerzeit als handfester Skandal durch die Medien ging, und in der DDR gegen die Bundesrepublik ausgeschlachtet wurde, als geistiges Gepäck bei mir. So etwas vergisst sich nicht. Und das ist auch gut so. Wer den Ort aufsucht, muss darauf gefasst sein, auf dieses düstere Kapitel deutscher Geschichte zu stoßen.

Ein bisschen Familientherapie betreibt – wie nicht anders zu erwarten – Nike Wagner in ihrem sprachlich funkelnden Vorwort, das ich sehr gern gelesen habe. Als Tochter des Wagner-Enkels Wieland hatte sie ihre Kindheit in Wahnfried verbracht. Ihr Vater hatte den ausgebombten Bereich radikal ergänzen lassen. Das Gebäude wurde nach hinten ein „typischer Neubaus der Adenauerzeit“, wie es im Buch heißt. Fotos belegen das. Für viele Nachgeborene „mag es unvorstellbar sein, dass dieses von der Musikgeschichte geadelte und von der Baugeschichte geschundene Haus einmal eine Villa Kunterbunt“ gewesen sei. Eine Familienvilla "mit aller nur denkbaren Lebendigkeit und Turbulenz, voller kurioser, liebenswerter und schwer verträglicher Figuren, immer bewegt und durchtränkt von dem Anspruch, das Erbe halten und mehren zu wollen". In einem Museum hätte er nicht leben wollen, zitiert Nike Wagner ihren Vater, der damit "dem neuen Leben aus den Ruinen" seine Reverenz erwiesen habe.

Weil ich keine eigenen Fotos zur Verfügung haben, verzichte ich darauf, welche aus dem Netz einzustellen. Sie dürften nämlich nicht rechtsfrei sein.

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold

Erda: "Alles, was ist, endet."

hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

Beiträge: 1 631

Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

197

Donnerstag, 13. April 2017, 19:49

Gustav Mahler in Hamburg - an einem Gründonnerstag vor 126 Jahren ...





Wenn man vor so einer Gedenktafel steht, sieht man nur die wichtigsten nüchternen Daten und hat von den Ereignissen in dieser Zeitspanne normalerweise keine Ahnung.

Kurz vor den Osterfeiertagen, am Gründonnerstag 1891, kam Gustav Mahler, von Budapest anreisend, wo er von 1888 bis1891 Direktor der Königlich Ungarischen Oper in Budapest war, erstmals in die Hansestadt. Von Bernhard Pollini, dem Theaterdirektor des Hamburger Stadt-Theaters, war Mahler als eine Art Wundermann avisiert worden. Und sie hatten ja in Hamburg schon einen solchen, nämlich Hans von Bülow, der nicht nur in Hamburg, sondern in ganz Deutschland als musikalische Autorität galt.
Dieser Herr von Bülow hofierte den Neuankömmling sogar coram publico, so dass dies Mahler mitunter als peinlich empfand. Dennoch war das Verhältnis der beiden Männer nicht freundschaftlich; da war Rivalität und gegenseitige Bewunderung.
Bülows Bewunderung galt dem Dirigenten Mahler, aber Mahlers Kompositionen konnten bei Bülow keine Anerkennung finden, weil er Wagnerische Maßstäbe ansetzte.

Mahlers Hamburger Debüt war eine umjubelte »Tannhäuser«- Aufführung am Ostersonntag, es war der 29. März 1891. Man bereitete Mahler Ovationen und die Begeisterung von Direktor Pollini ging sogar so weit, dass er seinem neuen Kapellmeister im Angesicht des allgemeinen Jubels aus freien Stücken 2000 Mark Jahresgehalt mehr anbot, als vertragsmäßig vereinbart war. Somit bekam Mahler für eine neunmonatige Saison 14. 000 Mark, das war damals in Deutschland ein absolutes Spitzengehalt für einen Dirigenten, aber wie man im Folgenden sieht, musste dieses Geld hart erarbeitet werden.

Bernhard Pollini, Mahlers Theaterdirektor, wird als kluger, gebildeter, selbstbewusster, cleverer und auch etwas eitler Mann beschrieben; er konnte sogar eine kleine Theaterlaufbahn als Sänger vorweisen. Als Chef einer italienischen Operntruppe hatte er halb Europa bereist und wurde schließlich 1874 Pächter des heruntergewirtschafteten Hamburger Theaters.
Sowohl der künstlerische als auch wirtschaftliche Erfolg Pollinis war nach seiner Übernahme so groß, dass der Pachtvertrag mehrmals verlängert wurde; zwei Jahre später übernahm er auch noch das Theater in Altona.
Obwohl Mahler als »schwierig« bekannt war, holte der mit einem sicheren Instinkt ausgestattete Pollini den Dirigenten-Komponisten nach Hamburg.
Während Mahler in seiner Budapester Position auch administrativ gefordert war, hatte er in Pollini einen Chef, der diesen Part mit Bravour spielte. Aber das Schlechte an der Sache war, dass auch die Programmgestaltung ausschließlich von Pollini festgelegt wurde und der Herr Kapellmeister außen vor blieb; so hatte Mahler zum Beispiel während der Theaterferien keinerlei Ahnung, was in der neuen Spielzeit auf ihn zukommt.
Das Antrittsjahr war noch nicht vollendet, da lag Mahler schon mit Pollini über Kreuz. Dies lässt sich aus einem Brief herauslesen, den Mahler an seine Schwester Justine im Frühjahr 1892 schrieb; darin heißt es:

»Der Kerl ärgert mich so, dass ich nicht dafür stehen kann, dass ich ihm über kurz oder lang einen in der Nähe befindlichen Gegenstand von Holz oder Pappe an den Schädel schmeiße.«

Aber es passierte viel Schlimmeres - zu Beginn der Spielzeit 1892/93 hatte Hamburg mit der Cholera zu kämpfen, die binnen weniger Wochen achttausend Menschen hinwegraffte. Unter diesen Umständen kehrten die Ensemblemitglieder nur zögernd und verspätet aus den Theaterferien zurück. Pollini griff hart durch, entließ einige fristlos und brummte seinem Ersten Kapellmeister Mahler eine Konventionalstrafe von 12.000 Mark auf, was fast der gesamten Jahresgage entsprach. Erst als der Theaterarzt intervenierte, konnte die Sache beigelegt werden

Als nun Mahlers Vertragsverlängerung anstand, hatte der wendige Pollini auch ein Auge auf Richard Strauss geworfen. Aber es kam dann doch zu einem Vertragsabschluss, der Mahler bis zum Ablauf der Spielzeit 1898/99 an Hamburg binden sollte. Im Folgenden gab Pollini den Ausbeuter: Man sah Mahler in der Spielzeit 1894/95 an 123 Abenden im Stadt-Theater und 23 Mal in Altona, dazu übernahm Mahler noch acht der Abonnementkonzerte.
Man muss Pollini zugutehalten, dass er relativ viele Novitäten ins Programm nahm. Diese Außenseiter des Repertoires vertraute er gerne Mahler an, weil er annahm, dass beim Publikum zumindest der Name Gustav Mahler eine gewisse Zugkraft ausübte. Mit insgesamt 240 Aufführungen solcher Art, übertreffen diese sogar noch Mahlers Wagner-Dirigate.
Mahler musste hier alles Mögliche dirigieren, vom ungeliebten »Bajazzo« bis zum innig geliebten »Freischütz« und dazu jede Menge Wagner, von diesem Komponisten leitete er in seiner Hamburger Zeit 232 Aufführungen. Die »notleidenden« Komponisten waren damals in Hamburg Beethoven und Mozart; standen Opern dieser Komponisten auf dem Programm, war das Haus oft nur spärlich besetzt.
Da in Pollinis Welt das Orchester keinen hohen Stellenwert hatte, konnte Mahler hier nicht gerade mit Spitzenkräften arbeiten und hatte mit seinem Perfektionseifer einige Mühe. Mit der sozialen Stellung der Orchestermusiker stand es nicht zum Besten, man begann in diesen Jahren gerade damit über Zuschüsse der öffentlichen Hand an das Theater nachzudenken.
Mahlers Solistenensemble umfasste 11 Sängerinnen und 15 Sänger, der Chor zählte 60 Mitglieder, das Orchester war mit rund 80 Leuten besetzt, darunter 40 Streicher.
Das Gespann Pollini-Mahler lebte in Dauerfehde, wie ein Auszug aus einem Brief Mahlers belegt:

»Mit Pollini stehe ich bereits auf dem Punkt, der irgendwo nach der Ophthalmologie sich zwischen den beiden Augen befinden soll - nämlich die Stelle, wo der Mensch vor lauter Sehen nichts sieht. - Wir sehen uns einfach nicht mehr. Ich spiele nun ein Balancirspiel - da ich nun mal "bei ihm" engagirt bin. Ich muss die Bestie fest in´s Auge fassen - bei dem ersten unbewachten Moment springt sie mir in den Nacken. Auf die Dauer hat das freilich keinen Bestand«.

Aufgrund dieser Sachlage hatte Mahler seine Fühler in alle möglichen Richtungen ausgestreckt, die am weitesten entfernte Stadt war Boston, die nächstgelegenen Bremen und Schwerin. Im Mai 1895 kündigte er seinen Vertrag, was jedoch Pollini nicht beeindruckte, er reagierte nicht.

Aber Mahler reagierte, als 1895 die blutjunge Anfängerin Anna von Mildenburg ans Hamburger Theater gekommen war. Die Dame entwickelte sich unter der sachkundigen Anweisung des Dirigenten rasch zum Star, und bald wussten die Auguren, dass es nicht nur musikalische Interessen waren, die beide verbanden. Rein beruflicher Natur waren dagegen Mahlers Querelen mit dem »Ober-Regisseur« des Hauses.

Aber es entwickelte sich am Hamburger Haus auch eine echte Männerfreundschaft. In der Spielzeit 1894/95 hatte Pollini einen mal grade 18-Jährigen Korrepetitor engagiert, der in gleicher Funktion vom Kölner Opernhaus kam. Mahler fand Gefallen an dem jungen Mann, dessen Wirken für ihn eine wesentliche Erleichterung bedeutete, weil er immer mehr Aufgaben übernahm. Bald war er zum Chordirektor aufgestiegen - es war der Anfänger Bruno Walter, der dann in seinem letzten Hamburger Vertragsjahr sogar noch Kapellmeister wurde.

Man darf sich Mahler nicht aus heutiger Sicht vorstellen, wo er wohl überall eine Stelle bekäme ... Damals schrieb er an Anna von Mildenburg:

»Ob es Pollini gelingen wird, mich hinaus zu graulen? Was ich dann thäte wüßte ich vorderhand wirklich nicht, da nirgends eine Stellung frei ist, die ich annehmen könnte.«

Pollini holte nun Konkurrenz ins Haus, Mahlers Studienfreund Krzyzanowski als Kapellmeister und dessen Ehefrau, die dramatische Sängerin Ida Doxat. Damit konnte Pollini dem Gespann Mahler / Mildenburg ihre Lieblingsstücke wegnehmen und diese den Neuankömmlingen zuschanzen. Diesem Ränkespiel sah Mahler nicht tatenlos zu, sondern sondierte ob nicht doch ein Wechsel an die Wiener Hofpoper möglich ist, weil er von einem kranken und amtsmüden Direktor in Wien Kenntnis hatte. Obwohl die Sache nicht in trockenen Tüchern war, kündigte er seinen Vertrag mit Pollini vorzeitig zum Ende der laufenden Spielzeit 1896/97. Als er dann zumindest die Kapellmeisterposition an der Wiener Hofoper sicher hatte, ging er in Hamburg noch früher weg als vereinbart.

Mahlers einstige Wirkungsstätte fiel 1943 einem Bombenangriff zum Opfer, der Zuschauerraum war vollkommen zerstört, wobei das Bühnenhaus verschont blieb. Das neue Haus wurde am 15. Oktober 1955 mit einer »Zauberflöte«-Aufführung wieder eröffnet.
Die 1988 gegründete Gustav Mahler Vereinigung stiftete die Gedenktafel, die an der Stirnseite der Hamburgischen Staatsoper angebracht ist.
Hinter der Staatsoper gibt es noch einen Gustav-Mahler-Platz und am Dammtor noch einen Gustav-Mahler-Park; in naher Zukunft dann auch noch ein Museum in dem Mahler gewürdigt wird.

Die Gedenktafel fertigte der aus Prag stammende Bildhauer Milan Knobloch.

Zurzeit sind neben Ihnen 3 Benutzer in diesem Thema unterwegs:

3 Besucher