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Alfred_Schmidt

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1

Donnerstag, 23. Mai 2013, 16:57

Klassiktalente gepusht, ausgepresst und weggeworfen

Wer kennt sie nicht, jene "Shooting Stars" (welch bösartiger Wortwitz in diesem Begriff lauert) die wie aus heiterem Himmel fallen und dann relativ bald erneut fallengelassen werden - nämlich von jenen Musikvermarktern, die aus einem "Nobody" - ob talentiert oder nicht sei mal dahingestellt - über Nacht einen "Weltstar" geschaffen haben, einen Ritter von PRs Gnaden oder das gleichwertige weibliche Pendant dazu. Diese Stimm- Violin- oder Klavierwunder werden meist direkt von einem "Concours" abgeholt wo die frischgebackene Preisträgerin oder der frischgebackene Preisträger gleich seinen Vertrag bekommt, der wahrscheinlich oft ungelesen unterschrieben wird. Dann geht es zum Visagisten und zum Photographen - das Aufnahmestudio kann warten - es ist nicht so wichtig.
Letztlich entstehen dann doch Aufnahmen des "Superstars" - und je nach Marketingkonzept wird er oder sie dann vermarktet.
Entweder als neuer Caruso oder als Callas , als Horowitzerbe oder weiblicher Paganini des 20. Jahrhunderts. Meine Parodie ist näher an der Realität als so mancher Glauben will....
Nach zwei Jahren - wenn überhaupt - ist man um einige Erfahrungen reicher - und das Label um einiges ärmer.
Nein nicht die Gage des "Wunderkindes" hat so viel verschlungen, das wäre leicht verschmerzbar. Aber die Werbeagenturen und PR-Auftritte - das war es das sich zu Buche geschlagen hat . Aber das Schlimmste: 73 verkaufte CDs, 20 an die Presse verschenkt und ein halbes Dutzend an die Schwiegermutter des Künstlers - das ist schon ein wenig zu wenig gell ?

Und jetzt kommen wir wieder zurück von der Übertreibung zur Realität:
Woran liegt es, daß die Labels so gerne auf unbekannte Interpreten setzen, diese als "Entdeckungen" feiern - und dann damit scheitern ?

mit freundlichen Grüßen
aus Wien
Alfred

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Garaguly

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2

Donnerstag, 23. Mai 2013, 17:56

Woran liegt es, daß die Labels so gerne auf unbekannte Interpreten setzen, diese als "Entdeckungen" feiern - und dann damit scheitern ?

Ich glaube, dass der Jugendwahn dabei eine eminente Rolle spielt. Krampfhaft suchen sie nach Künstlern, die jung und sexy aussehen, die man mit dem entsprechenden zeitgeistigen Image ausstatten kann. So glaubt man an ein junges, urbanes, trendbewusstes und natürlich finanzkräftiges Publikum heranzukommen. Ein Publikum, dass von Klassik eh keine oder kaum ein Ahnung hat und mehr auf's Äußere fixiert ist, als auf das, was an künstlerischer Qualität hinter der schönen Fassade noch auftauchen mag - oder eben auch nicht.
Dieses Publikum - so die Marketingstrategen der Musik-Labels - würde niemals zu einer Aufnahme von Künstlern greifen, die mit dem Aussehen eines Radu Lupu (Waldschrat!!) oder eines Gidon Kremer (man denke nur an die tatsächlich etwas 'schrägen' Coverfotografien auf Kremers DGG-CD's der späten 80er und frühen 90er) daherkommen. Auch wenn diese wenig fotogenen Typen die ungleich besseren Interpretationen liefern.

Vielleicht hoffen die Labels tatsächlich darauf, sich noch entwickelnde Jungstars aufzutun. Nur leider werden sie wohl bei ihrer Suche eben von zu vielen außermusikalischen Faktoren gelenkt, die mehr in den Bereichen des Marketing, der Betriebswirtschaft und so weiter zu suchen sind. Deswegen entscheiden sie sich dann für die falschen Künstler. Das wirkliche Geigentalent mit den unansehnlichen Haaren, den Glupschaugen und der Pummelchenfigur fällt dann durch die Raster. Und der Musikwelt entgehen vielleicht wirklich bewegende Interpretationen des Pummelchens, während die 'Vorzeigepuppe' eben nur Mittelmaß zustande bringt.
Das Tragische daran ist nur folgendes: Die ins Auge gefasste Zielgruppe erreicht man auch mit den schönen Jungstars nicht wirklich und die echten Klassikliebhaber merken natürlich, dass es sich um künstlerisch Zweit- oder gar Drittklassiges handelt und kauft nicht. So sinken die Verkaufszahlen und daraus wird dann geschlussfolgert, dass sich keiner mehr für Klassik interessiert - und das ist dann echt tragisch!

Grüße,
Garaguly

Dr. Holger Kaletha

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3

Donnerstag, 23. Mai 2013, 18:19

Das sind für mich Marketing-Ideen aus dem Pop-Bereich, die man - zum Glück vergeblich - auf den Klassik-Markt zu übertragen versucht. Man puscht einen jungen Musiker (Qualität spielt eine untergeordnete Rolle, er muß vor allem erst einmal auffallen) zum Star. Dann verkauft man ein paar Millionen Platten und er hat seine Schuldigkeit damit getan. Das Geld ist verdient, der Reiz des Neuen ist nun weg, also verschwindet er in der Versenkung und es kommt der nächste. In der Klassik-Szene zählt aber letztlich doch noch Nachhaltigkeit, so daß dieses wohl kein Erfolgsrezept sein wird, dem Dauer beschieden ist.

Schöne Grüße
Holger.

Alfred_Schmidt

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4

Donnerstag, 23. Mai 2013, 22:29

So - und nun Folgt die erste Variation des Themas.
Ich habe mich neulich gefragt, ob der Klaviersektor - seit kurzem hier neue Wege beschreitet.
Den man hatte in letzter Zeit ein - wie mir scheint - glückliches Händchen in Sachen Nachwuchspianisten.
Den Beginn machte der Geniestreich der Deutschen Grammophon, die Rafal Blecharz einkaufte und einen anderen Interpreten abgab - über Kurz oder Lang wird sich dieser Deal als genial erweisen.... :pfeif:
Auch nicht schlecht: DECCA schlisst - spät aber doch - einen Vertrag mit Valentina Lisitsa ab.
Alexej Gorlatch klingt auch vielversprechend, ebenso wie David Fray und Jan Lisiecki (?)

Wer von denen wird es dauerhaft schaffen in den CD-Sammlungen der Klassikfreunde repräsentativ vertreten zu sein ?
Oder sind es auch nur Sternschnuppen ?

Beste Grüße aus Wien
Alfred

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Rheingold1876

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5

Freitag, 24. Mai 2013, 07:19

Zitat: "Wer von denen wird es dauerhaft schaffen in den CD-Sammlungen der Klassikfreunde repräsentativ vertreten zu sein?"

Das wird sich zeigen. Man darf gespannt sein oder auch nicht. Fest glaube ich daran - und die Tatsachen scheinen mir Recht zu geben - dass sich auf dauer nur Qualität durchsetzt. Egal, ob jemand rote oder schwarze Haare hat, dick oder dünn ist. So war es und so wird es sein. Ich frage mich auch, ob der "Jugendwahn" und das "sexy Aussehen" von denen Garaguly spricht, eine Erfindung von heute sind. Mit diesen Dingen wurde auch schon vor fünfzig Jahren und noch früher gespielt. Warum auch nicht? Künstler fangen in der Regel nicht mit fünfzig an. Talent wird frühzeitig geboren. Habt ihr die schönen Jugendfotos von Gould oder Cliburn vergessen? Vor allem Gould hätte eine sehr attraktive Werbeikone für Boss-Anzüge abgegeben. Seine äußerliche Wandlung weg von diesen Bildern hat seinem Ruhm keinen Abbruch getan.

Mir kommt das Thema etwas zu allgemein vor. Man kann es nur an ganz konkreten Namen festmachen. Mir fällt aber kein Klassiktalent ein, dass "gepusht, ausgepresst und weggeworfen" worden wäre. Ich lasse mir aber sehr gern auf die Sprünge helfen.


Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

Klaus 2

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6

Freitag, 24. Mai 2013, 09:20

Ich möchte einen deutlich positiveren Blick auf dieses Thema werfen: Hält dieses Vorgehen nicht diesen Musiksektor am Leben. Heißt es nicht einfach, dass immer wieder neue, junge Künstler sich überhaupt damit beschäftigen. Zeigt es nicht, dass Klassische Musik nicht etwas ist, das "damals" gemacht wurde? Von eben den bekannten Künstler der damaligen Zeit? Ist es nicht so, dass jungen Menschen gezeigt wird, dass diese Musik von ihresgleichen gemacht wird? Und nicht nur von alten Menschen oder sogar mittlerweile verstorbenen?
Mir gefällt der Wandel und ich kann gut verstehen, dass durch Werbeaktionen versucht wird, immer wieder neue Namen ins Spiel zu bringen.
Ich habe auch des öfteren Konzerte mit jungen Künstlern gesehen und es häufig schade gefunden, dass diese so weit hinter den entsprechenden großen Namen zurückstehen müssen. WEnn man dann noch weiß, wieviel (WENIG!) diese jungen Leute teilweise verdienen, gönne ich ihnen von Herzen ein wenig Pushen. Und der eine oder andere wird dann evtl. mal ein neuer Großer. Das wäre ein sicherer Gewinn!

Tschö
Klaus
ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Dr. Holger Kaletha

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7

Freitag, 24. Mai 2013, 09:56

Es haben ja schon einige vielversprechende junge Musiker ihren Exklusivvertrag verloren - Beispiel Lylia Zilberstein. Warum ist Anna Gourari nicht mehr bei Decca? Das Problem ist - wie es in vielen Fällen doch aussieht - weniger der Musiker, als die Erwartungshaltung des Labels. Man will einen "Star" machen - d.h. vor allem Geld verdienen mit großen Verkaufszahlen. So jemand wie Krystian Zimerman ist da ein Graus, der produziert ja nichts. Also kauft man z.B. Helene Grimaux ein, die vorher bei einem anderen Label war und versucht sie zur Kult-Pianistin zu machen. Wenn die Strategie nicht aufgeht, verliert man das Interesse an dem Musiker, egal wie sein künstlerisches Profil ist. Der Künstler ist nur noch Mittel zum Zweck zum Geldverdienen - sehr bedenklich.

Schöne Grüße
Holger

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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8

Freitag, 24. Mai 2013, 10:38

Dass ein Künstler, der wenige Aufnahmen macht oder teilweise schon gemachte nicht freigibt (wie dem Vernehmen nach Zimerman relativ häufig, ebenso hat er Wiederveröffentlichungen etlicher seiner 30-35 Jahre alten Aufnahmen untersagt) auf Dauer ein Problem für ein Label sein kann, ist ja kaum verwunderlich, oder? Natürlich gilt hier wie immer quod licet Iovi... und ein Zimerman kann sich das vermutlich leisten.

Ich meine auch, dass man hier unterscheiden sollte. Zum einen ist es in der Musik schon seit sehr langer Zeit so, dass ein Star normalerweise in jungen Jahren gemacht wird. Ebenso ist klar, dass gutes Aussehen, sofern gegeben, ausgenutzt wird. Auch das ist spätestens seit Mitte des 20. Jhds. der Fall. Schließlich ist es noch ein Unterschied, ob jemand bei dem renommiertesten Wettbewerb überhaupt heraussticht, oder hauptsächlich gut aussieht. Meines Wissens haben seit den 1960ern alle Sieger des Chopin-Wettbewerbs alsbald Platten bei renommierten Labeln herausbringen können. (Mit einer Ausnahme, 1980 bekam das ausgeschiedene Enfant terrible Pogorelich den DG-Plattenvertrag...)

Dass sich in einer immer stärker an visuellen Medien orientierten und immer kurzlebigeren Zeit solche Tendenzen verschärfen, ist ebenfalls kaum verwunderlich. Neu ist es aber nicht. Vermutlich saß vor 25 Jahren im CD-Boom das Geld der Labels eher lockerer.

Alfred_Schmidt

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9

Freitag, 24. Mai 2013, 11:03

Zitat

Ist es nicht so, dass jungen Menschen gezeigt wird, dass diese Musik von ihresgleichen gemacht wird?

Das ist meines Erachtens ein Fehler. Klassische Musik hat eigentlich generell DREI Kundenkreise - das sind die älteren, wobei man das Wort "älter" nicht auf die Waaagschale werden sollte. - und die Jungen der Oberschicht (damit meine ich nicht die Neureichen) - weil klassische Musik in gewissen Kreisen schon zur Erziehung gehörte. Und natürlich diejenigen, denen die Liebe zur Klassik quasi in die Wiege gelegt wurde - egal wie die Lebensumstände ansonst sind . Aber das ist nur ein Prozent oder weniger. Der Rest der Menschheit ist an Klassischer Musik desinteressiert.
Und wenn jemand diese Musik lediglich hört, weil der Pianist so fesch, oder die Violinistin so sexy, oder genauso mies in Allgemeinbildung ist wie die überwiegende Mehrheit der Menschheit - dann ist das die falsche Klientel.
Ausnahmeerscheinungen der Klassischen Musik hatten in der Regel ZWEI Voraussetzungen zu erfüllen.
Höchste Musikalität UND Charisma.
Dies Mischung war es , die Karajan, die Callas, Celibidache so berühmte machte.
Junge Durchschnittsmenschen locken ein junges Durchschnittspublikum an, welches aber in der Regel nicht bereit ist, jene Preise zu bezahlen die am Klassikmarkt üblich sind, werden aber vom typischen Klassikhörer eher gar nicht beachtet.
Man geht von der (vermutlich falschen) Annahme aus, daß das "alte Publikum" dereinst aussterben wird. Das glaube ich aber nicht. Wenn ich mich an viele - in meiner Jugend -junge - Künstler und Prominente erinnere - heute sind die meisten von ihnen genauso konservativ wie die Generationen vor ihnen, über die sie einst geschimpft haben.
Diese Generation kauft heute Aufnahmen von Karajan und Brendel (etc etc)- und lässt die Generation "Leute wie Du und ich" desinteressiert links liegen, vorzugsweise deshalb "weil sie nicht berühmt sind"
Echter Ruhm - von Ausnahmen abgesehen - braucht Jahre. Und darauf wollen sich weder Tonträgerkonzerne noch das Publikum über 50 einlassen. Und das jugendliche "Zielpublikum" ist mehrheitlich in Fragen des guten Geschmacks eher stumpf und oberflächlich - an Klassik wenig interessiert.

Die Versuche der Indstrie mittels PR und Marketing die Szene zu steuern und in den Griff zu bekommen betrachte ich als mehr oder weniger gescheitert.

mfg aus Wien
Alfred

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10

Freitag, 24. Mai 2013, 11:29

Ich weiß nicht, ob es dazu inzwischen Statistiken gibt, aber ich halte es inzwischen für falsch, dass "die Älteren" automatisch zu Klassikhörern werden. Ich vermute, dass die (überwiegende) Mehrzahl der Klassikhörer relativ jung (bis etwa Anfang 20) zu solchen geworden sind. Selbst bei solchen, bei denen Klassik erst später den Schwerpunkt bildete, gab es meistens ein gewisses Interesse schon vorher, das dann vorübergehend in den Hintergrund getreten ist. D.h., die heute 50-80jährigen haben normalerweise nicht mit 40 begonnen, Klassik zu hören, sondern eben auch als Teenager oder ein wenig später.
Zwar gibt es wohl auch eine Gruppe von Hörern, die in etwas fortgeschrittenem Alter (zwischen Ende 20 und 40 oder so) zur Klassik kamen, weil sie dann endgültig der Popmusik ihrer Jugend überdrüssig wurden oder eben mal Neues entdecken wollten. Aber das ist m.E. nicht die Mehrheit und auch wenn ich nicht an eine genetische Festlegung glaube, so werden viele Interessen und Abneigung in der Jugend festgelegt und die meisten Menschen werden spätestens ab 40 mental und überhaupt immer weniger flexibel (ich darf das sagen, weil ich inzwischen selbst dazu gehöre, jedenfalls vom Alter her, ob von der mentalen Flexibilität mögen andere beurteilen :D)

Insofern ist das Argument, dass man irgendwie "die Jugend" gewinnen muss, nicht von der Hand zu weisen. Ob nun der Focus auf Nachwuchskünstlern dazu beitragen kann, weiß ich natürlich nicht genau. Aber Nachwuchskünstler sind selbstverständlich fast immer (relativ) jung. Es gibt heute keinen Eisernen Vorhang mehr, der dazu führen kann, dass der Rest der Welt einen Richter erst so recht wahrnimmt, wenn der schon Mitte 40 ist. Und eine Alterskarriere wie die des Provinzkapellmeisters Wand war in den 1980ern schon die ganz große Ausnahme (für die mir spontan keine Parallele einfällt). Und da Neue Musik oder ausgegrabene wenig bekannte Musik nie die zentrale Aufmerksamkeit des Klassikpublikums genießen werden, ist das wesentlich Neue, was es überhaupt gibt, junge (oder bislang wenig bekannte) Interpreten.

Theophilus

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11

Freitag, 24. Mai 2013, 12:45

Der Künstler ist nur noch Mittel zum Zweck zum Geldverdienen - sehr bedenklich.

Das konnte für eine Plattenfirma noch nie anders sein. Man soll bitte nicht vergessen, dass eine Plattenfirma auch nur dafür da ist, um Geld zu verdienen (vom einen oder anderen Liebhaber-Label abgesehen, das möglicherweise nicht primär kommerziell ausgerichtet ist). Was sich mit den Zeiten naturgemäß auch ändert, sind die äußeren Umstände und damit verbunden die Geschäftspraktiken. Aber da sind die Firmen oft auch nur teilweise die Schuldigen, auch sie sind getriebene der jeweiligen Marktsituationen.

:hello:

Ciao

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Theophilus

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12

Freitag, 24. Mai 2013, 13:30

Zitat

Ist es nicht so, dass jungen Menschen gezeigt wird, dass diese Musik von ihresgleichen gemacht wird?
Das ist meines Erachtens ein Fehler. Klassische Musik hat eigentlich generell DREI Kundenkreise - das sind die älteren, wobei man das Wort "älter" nicht auf die Waaagschale werden sollte. - und die Jungen der Oberschicht (damit meine ich nicht die Neureichen) - weil klassische Musik in gewissen Kreisen schon zur Erziehung gehörte.
Ja, zu Olims Zeiten.... :D

Du blendest die dramatischen gesellschaftlichen Veränderungen der letzten fünf Jahrzehnte völlig aus...


Zitat

Und natürlich diejenigen, denen die Liebe zur Klassik quasi in die Wiege gelegt wurde - egal wie die Lebensumstände ansonst sind. Aber das ist nur ein Prozent oder weniger. Der Rest der Menschheit ist an Klassischer Musik desinteressiert.
Auch das ist meiner Meinung nach nicht haltbar. Unzählige erlebte Künstlergespräche hinterlassen ein indifferentes Bild. Keine Frage, ein musikalisches Elternhaus hebt statistisch die Chance, dass Kinder auch zu Musik hingeführt werden. Bekanntlich gibt es Wiener Philharmoniker, die dies schon in der dritten oder vierten Generation sind. Auf der anderen Seite gibt es welche, deren Nachwuchs keinerlei musikalische Aktivitäten setzt. Und sehr bemerkenswert ist der erstaunlich hohe Prozentsatz an bekannten Musikern (inkl. oder sogar besonders Sängern), die aus völlig amusischen Elternhäusern stammen. Ihnen ist also Musik irgendwann und irgendwie "passiert", sie können es oft selbst nicht erklären.
Ich sehe keine echte Tendenz. Fraglos ist aber, dass man Jugendliche möglichst früh mit Musik vertraut machen und Talente entsprechend fördern sollte. Egal in welche musikalischen Richtung...


Zitat

Und wenn jemand diese Musik lediglich hört, weil der Pianist so fesch, oder die Violinistin so sexy, oder genauso mies in Allgemeinbildung ist wie die überwiegende Mehrheit der Menschheit - dann ist das die falsche Klientel.
Ich denke, dass immer schon herausragende jungendliche Talente stark gefördert und früh "auf die Menschheit" losgelassen wurden. Da gibt es unzählige Beispiele (wie z.B. Franz Liszt, Jasha Heifetz, Jehudi Menuhin und Anja Silja). Auch sie mussten ihr Talent mit der entsprechenden Standfestigkeit bestätigen, um eine lange Karriere zu erleben. Die vielen, die dabei auch früher gescheitert sind, hat man weitgehend vergessen. Heute ist der Unterschied in erster Linie der, dass die Marketingmechanismen viel ausgefeilter und agressiver sind.


Junge Durchschnittsmenschen locken ein junges Durchschnittspublikum an, welches aber in der Regel nicht bereit ist, jene Preise zu bezahlen die am Klassikmarkt üblich sind, werden aber vom typischen Klassikhörer eher gar nicht beachtet.
Du solltest dich informieren, bevor du so etwas behauptest. Ich sehe keinen dramatischen Unterschied bei den Preisen von Klassik und Pop/Rock/Schlager/Folk/Welt etc. - nur dass von letzterem das Zehn- bis Fünfzigfache verkauft wird.


Man geht von der (vermutlich falschen) Annahme aus, daß das "alte Publikum" dereinst aussterben wird. Das glaube ich aber nicht. Wenn ich mich an viele - in meiner Jugend -junge - Künstler und Prominente erinnere - heute sind die meisten von ihnen genauso konservativ wie die Generationen vor ihnen, über die sie einst geschimpft haben.
Wie man ersteres vermeiden kann, wird erst die Zukunft zeigen. Tatsächlich machen Konzertbesuche mehr als nachdenklich, wenn ich Grufti noch immer im jüngsten Drittel der Besucher angesiedelt bin...
Für die zweite Behauptung hätte ich gerne das eine oder andere Beispiel. Ich halte das für ein nettes Märchen.

Ciao

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13

Freitag, 24. Mai 2013, 13:56

Eintrittspreise sind heutzutage in der Klassik eher niedriger als im Pop/Rock-Bereich (weil es schließlich auch günstigere Plätze gibt, nicht nur Logen für die Neureichen).
Klassik-CDs sind sowieso billiger, wobei hier außer bei Neuheiten die Preise im Unterhaltungsbereich auch gesunken sind, allerdings läuft hier das meiste inzwischen eh über downloads, vermute ich.
Und diejenigen, die irgendwelche limitierten Beatles-Jubiläums-Luxusboxen kaufen, sind meist älter als viele Klassikhörer...

Wenn irgendetwas heute nicht mehr funktioniert, ist es Klassik über äußerliche Exklusivität zu vermarkten. Das geht nur für tatsächlich begrenzte Ereignisse wie Galakonzerte, Bayreuth usw. (und die brauchen eh keine Vermarktung mehr). Das ist angesichts der preiswert erhältlichen Tonträger, Stehplatz- oder Studentenkarten usw. einfach lächerlich. Seit 60 Jahren oder mehr sind Tonträger Massenprodukte, an denen gar nichts exklusiv ist und sie sind preiswerter und weniger exklusiv denn je.
Und es lenkt von der Musik eher ab, zumal in einer Zeit, in der die "wahren" Prominenten Quizmaster, Sportler, Popmusiker, Models usw. sind, klassische Musik überhaupt nicht mehr mit Prominenz, Reichtum usw. korreliert ist (wenn sie das überhaupt jemals in den letzten hundert Jahren gewesen ist).

Theophilus

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14

Freitag, 24. Mai 2013, 15:05

Seit 60 Jahren oder mehr sind Tonträger Massenprodukte, an denen gar nichts exklusiv ist und sie sind preiswerter und weniger exklusiv denn je.

Das erscheint mir etwas zu hoch gegriffen. Seit etwa 60 Jahren gibt es eine parallele Schiene mit günstigeren Wiederverwertungen, so dass der Konsument die Vollpreiskategorie entsprechend dem Geldbeutel teilweise umschiffen konnte. Vollpreis blieb aber noch sehr viel länger die dominierende und damit etwas elitäre Sparte. Man könnte die Götterdämmerung vielleicht mit dem Erscheinen des Labels NAXOS ansetzen. Seither wurde der Vollpreis eigentlich nicht mehr angehoben (indexbereinigt sogar gesenkt) und die billigeren Angebote nahmen immer mehr Raum ein und wurden immer preiswerter. Zumindest im mitteleuropäischen Raum. In den USA und in Japan gab es dem Vernehmen nach schon früher und wesentlich umfangreicher günstige Serien in Form von Wiederverwertung (gar nicht so) alter Vollpreisprodukte.

:hello:

Ciao

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Klaus 2

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15

Freitag, 24. Mai 2013, 15:36

Ich glaube im Übrigen auch, dass damals, als der Wolferl Mozart als Kind aufgetreten ist, nicht die überragende Qualität seines Könnens die Zuschauer begeisterte, sondern eher der süße Bengel. - Also eine reine Äußerlichkeit und ein Marketingtrick, den ich für äußerst bedenklich halte. Es wird also wohl schon immer "gepusht".

Äußerlichkeiten spielen nun mal eine Rolle, ob wir das wollen oder nicht. Das kann Schönheit sein, Ausgeflipptheit (z.B. Kennedy) und ich glaube auch, dass ein Sänger wie Herr Quadflieg (der es sicherlich nicht leicht hatte, man möge mich bitte nicht missverstehen) irgendwie sogar von seiner Behinderung profitiert hat, einfach weil er auffällt (Was ich im Übrigen von Herzen gönne!).

Ich glaube, dass es hoffnungslos romantisch ist, zu glauben, man könne musikalischen Erfolg rein auf Können reduzieren.

Tschö
Klaus
ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Theophilus

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16

Freitag, 24. Mai 2013, 15:50

ein Sänger wie Herr Quadflieg

Du meinst sicherlich Thomas Quasthoff. Will Quadflieg ist mit seinen Gesangskünsten selten hausieren gegangen.

;)

Ciao

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chrissy

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17

Freitag, 24. Mai 2013, 17:08

Äußerlichkeiten spielen nun mal eine Rolle, ob wir das wollen oder nicht. Das kann Schönheit sein, Ausgeflipptheit

Wenn dann noch u.a. "Können, Hingabe und Ernsthaftigkeit" dazukommen, stimme ich hier bis zu einem gewissen Grade zu. Morgen hätte z. B. ein großer Sänger Geburtstag, auf den diese Attribute zutreffen. Ich will ihn morgen im entsprechenden Thread erwähnen und würdigen.

Herzliche Grüße
CHRISSY
Jegliches hat seine Zeit...

Garaguly

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18

Freitag, 24. Mai 2013, 17:35

dass sich auf dauer nur Qualität durchsetzt. Egal, ob jemand rote oder schwarze Haare hat, dick oder dünn ist. So war es und so wird es sein. Ich frage mich auch, ob der "Jugendwahn" und das "sexy Aussehen" von denen Garaguly spricht, eine Erfindung von heute sind. Mit diesen Dingen wurde auch schon vor fünfzig Jahren und noch früher gespielt.

Ja, klar. Mit Aussehen (zumal mit gutem) wurde schon immer gespielt - ist schließlich zutiefst menschlich. Schon Liszt oder Chopin oder Paganini achteten wohl auch auf Äußerlichkeiten, mit denen sie im Rahmen ihrer Auftritte zusätzlich begeistern konnten. Die Betonung liegt auf zusätzlich. Und das ist wohl schon der Unterschied zu den heutigen Zeiten. Es gibt zumindest starke Tendenzen in vielen Bereichen der Gesellschaft, in denen Form mittlerweile vor Inhalt geht. Ich bilde mir wenigstens ein, dass es sich damit 'früher' umgekehrt verhalten habe. Gutes Aussehen erleichterte es schon immer, den Weg zu Aufmerksamkeit, Herzen und Geldbeuteln der Menschheit zu finden. Aber es musste wenigstens eindeutig nachgewiesenens Können vorgeschaltet sein. Oder war dem gar nicht so? Denke ich an die Klassikszene der 50er oder 60er Jahre, dann scheint dem so gewesen zu sein. Oder sind mir Spätergeborenem nur die echten Qualitätskünstler im Fokus der Aufmerksamkeit geblieben, weil die anderen (die mittelmäßigen Sternchen) so schnell verglüht sind, dass sich ihr zweifelhafter Ruhm nicht bis in die Zeit halten konnte, in der ich Anfing mich für Klassik zu interessieren (erst Hälfte 80er)?
Aber zurück zum Aussehen: da hat man doch früher weniger auf 'Style' geachtet. ich erwähnte schon die Coverfotos mit Kremer, Lupu oder auch Wolfgang Schneiderhan. Sowas würde man heute so direkt nicht mehr zeigen. Diese Fotos zeigen geniale Künstler einfach so, wie sie sind. Es steht der Mensch im Vordergrund, der etwas Wunderbares beherrscht und vermag: nämlich Musik auf höchstem Niveau zu machen. Heute steht der Lifestyle im Vordergrund: man sehe sich nur die Bach-Klavierkonzerte-CD von Martin Stadtfeld an.

Grüße,
Garaguly

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19

Freitag, 24. Mai 2013, 17:49

Seit 60 Jahren oder mehr sind Tonträger Massenprodukte, an denen gar nichts exklusiv ist und sie sind preiswerter und weniger exklusiv denn je.

Das erscheint mir etwas zu hoch gegriffen. Seit etwa 60 Jahren gibt es eine parallele Schiene mit günstigeren Wiederverwertungen, so dass der Konsument die Vollpreiskategorie entsprechend dem Geldbeutel teilweise umschiffen konnte. Vollpreis blieb aber noch sehr viel länger die dominierende und damit etwas elitäre Sparte. Man könnte die Götterdämmerung vielleicht mit dem Erscheinen des Labels NAXOS ansetzen. Seither wurde der Vollpreis eigentlich nicht mehr angehoben (indexbereinigt sogar gesenkt) und die billigeren Angebote nahmen immer mehr Raum ein und wurden immer preiswerter. Zumindest im mitteleuropäischen Raum. In den USA und in Japan gab es dem Vernehmen nach schon früher und wesentlich umfangreicher günstige Serien in Form von Wiederverwertung (gar nicht so) alter Vollpreisprodukte.

Ich weiß auch, dass LPs in den 1950ern und 60ern noch ziemlich teuer waren. Nichtsdestoweniger waren sie ein beliebig oft auflegbares Massenprodukt, dass sich im Prinzip jeder Kleinbürger leisten konnte, wenn auch vielleicht nicht in den Mengen wie heute. Sie waren in Relation viel billiger als Schellackplatten (wobei hier dazu kommt, dass besonders in Europa die Schellackzeit für die meisten Leute wirtschaftlich sehr schwierig war).
Es ist einfach nicht vergleichbar mit einem elitären Produkt wie einem Logenplatz oder einem Maßanzug. Seit irgendwann in den 1970ern oder frühen 80ern ist eine typische Platte vermutlich billiger als eine typische Konzertkarte. Auch die Abspielgeräte sind nur billiger geworden. Dass Klassik auf Tonträgern exklusiv wäre stimmt jedenfalls schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

Klaus 2

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20

Freitag, 24. Mai 2013, 18:01

ein Sänger wie Herr Quadflieg

Du meinst sicherlich Thomas Quasthoff. Will Quadflieg ist mit seinen Gesangskünsten selten hausieren gegangen.

;)

Ja natürlich! Tut mir leid. Sehr peinlich. :love:
ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

Theophilus

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21

Freitag, 24. Mai 2013, 18:06

Es ist einfach nicht vergleichbar mit einem elitären Produkt wie einem Logenplatz oder einem Maßanzug. Seit irgendwann in den 1970ern oder frühen 80ern ist eine typische Platte vermutlich billiger als eine typische Konzertkarte.
Das ist ein gutes Beispiel, um dagegen zu halten. Bis in die 70er war bei uns eine Vollpreis LP wesentlich teurer als eine Karte mittlerer Kategorie in Konzert oder Oper (und kostete überschlagsmäßig in den 60ern etwa 3% eines mittleren monatlichen Nettoeinkommens; man vergleiche das mit heute!). Heute zahle ich in Graz für eine mittlere Opernkarte so viel, dass es für eine Midprice-Ausgabe aller Beethoven-Symphonien reicht. Für eine sehr gute investiert man den Gegenwert einer Multi-Zig-CDs-Brilliant-Box. Da liegen liegen nicht nur einige Jahrzehnte sondern auch finanzielle Welten dazwischen. "Damals" waren LPs vielleicht nicht mehr elitär, aber doch noch bescheidener Luxus.

:hello:

Ciao

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Felix Meritis

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22

Freitag, 24. Mai 2013, 23:37

An welche äußerlich attraktiven aber fachlich unbedeutenden jungen Künstler denkt Ihr denn da? Lang Lang ist sicherlich brutal überbewertet, aber wohl kaum wegen seines durschnittlichen Aussehens. Geigerinnen wie Isabelle Faust sehen sehr gut aus, spielen aber noch besser. Derzeitige Topsolisten wie Daniel Hope, Murray Perahia, Jewgenij Kissin, etc... würde ich nicht als Topmodels bezeichnen. Auch früher gab es sehr attraktive Topkünstler wie Argerich oder Glenn Gould (als junger Mann). Ich kann da keine wirkliche Häufung sehen.

m-mueller

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23

Sonntag, 26. Mai 2013, 16:06

guter Punkt, Felix, sehe ich genauso - gutes Aussehen scheint manchmal eher kontraproduktiv zu sein, weil dann schnell unterstellt wird, mit dem Können müsse es ja nicht so weit her sein.

Und die Bartoli wäre wohl auch genauso bekannt, wenn sie nicht so unverschämt gut aussähe.

Daß Klassiktalente "gepusht" werden, ist ja wohl selbstverständlich: wenn man ein gutes "Produkt" hat, muß man ja nun mal sicherstellen, daß die potentiellen Kunden das irgendwie erfahren. Im Marketing sind Bekanntheit und Image ganz wesentliche Variablen, ebenso wie "time to market".

Daß Klassiktalente "ausgepreßt" werden, halte ich für auch für verständlich: das Eisen muß solange geschmiedet werden, wie es heiß ist, also: Künstler kann man nur verkaufen, solange sie "hip" sind (gutes Image), da müssen sie dann schon mal ´ne Nachtschicht mehr machen, um ´ne Platte mehr rauszubringen. Darauf zu setzen, daß "gut Ding Weile" haben will, ist eine Strategie, die sich nur wenige Künstler und Labels leisten können.

Schließlich steht da noch "weggeworfen" in der Überschrift. Geht Hand in Hand mit dem Punkt "ausgepreßt". Fast immer eine Katastrophe nicht nur für den Künstler, sondern auch für das Label, sind doch alle Investitionen in den Aufbau von Bekanntheit und Image futsch. Diese unsere Investitionen arbeiten jetzt für den Wettbewerb, da unser Ex-Künstler jetzt bei denen schafft.

Ein "Wegwerfen"des Künstlers wird es nur geben, wenn der Künstler kein Publikum mehr findet. Wenn er also dann doch zu hohl war für den hehren Anspruch. Natürlich gibt es das auch in der Klassikindustrie, in anderen Kunstbereichen (Maler, Schauspieler, Popstar sowieso) scheint mir das aber häufiger vorzukommen.

m-mueller

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24

Sonntag, 26. Mai 2013, 16:13

Zitat von »Theophilus«

Man soll bitte nicht vergessen, dass eine Plattenfirma auch nur dafür da ist, um Geld zu verdienen ...

Gehörst Du etwa auch zu den Bösewichten, die Geldverdienen nicht automatisch mit Teufelskram gleichsetzen??

operus

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25

Sonntag, 26. Mai 2013, 16:42

In unserem schnelllebigen Medienzeitalter wird jungen Künstlern egal ob im Instrumental- oder Gesangsbereich kaum mehr Gelegenheit gegeben zu reifen.
Sobald ein junger Musiker mit Starpotential entdeckt ist, wird er gnadenlos vermarktet und in Aufgaben hineingedrängt, die er noch gar nicht meistern kann. Dadurch kommt nach dem kurzfristigen Höhenflug die Landung in der Realtität und die am schnellen Umsatz interessierten Macher verlieren wenn die Sensation keine mehr ist das Interesse und suchen nach dem nächsten "Lottogewinn". Verantwortungsvolle Agenten und Lehrer müssen junge Talente behutsam führen und lenken und vor dem Marketingrummel schützen, dann ist die Chance da, dass sich wieder Beständiges und Gesundes entwickelt.

Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Felix Meritis

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26

Sonntag, 26. Mai 2013, 16:46

Ich würde noch einmal um die konkrete Nennung von betroffenen Künstlern bitten! Das ganze scheint mir eher ein Lamento über den Untergang des Abendlandes zu sein. Meines Wissens verdienen die meisten Künstler - auch berühmte - mit Plattenverkäufen viel zu wenig, sondern leben von ihrer Konzerttätigkeit und Lehrtätigkeit. Eine gnadenlose Konzertmühle gab es aber früher mindestens ebenso wie heute.

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27

Sonntag, 26. Mai 2013, 17:22

Man sollte hier nicht die Reihenfolge durcheinanderbringen. Zumindest in der Instrumentalmusik ist ein junger Künstler in aller Regel komplett ausgebildet und hat typischerweise bei einem oder mehreren Wettbewerben erfolgreich abgeschnitten, bevor eine Plattenfirma einen müden Cent investiert oder verdient hat.

Ausnahmen sind "Wunderkinder" wie seinerzeit Garrett als Teenager, der dann fallengelassen wurde. Das ist aber nach wie vor eine Ausnahme und trifft weder auf Lang Lang noch Julia Fischer, Janine Jansen oder was es sonst noch für Nachwuchstalente gibt, zu.
Und Künstler, die recht bald wieder (manchmal nur vorübergehend) von der Bildfläche verschwinden, müssen nicht unbedingt sehr jung sein. Tzimon Barto wurde mit Mitte 20 mal vorübergehend zum Star, verschwand dann wieder, tauchte wieder mal auf (dann gab es ein Drogendelikt, wenn ich recht erinnere), inzwischen ist er anscheinend auch Dichter und Schriftsteller.

Im Gegensatz zu Popsternchen hat selbst ein Solist, der nur kurz im Rampenlicht weilte, außerordentliche musikalische Fähigkeiten, die auch ohne eine Weltkarriere meist ihren Mann/ihre Frau ernähren können. Und im Gegensatz zu Sportlern können sie ihre Tätigkeit normalerweise viele Jahrzehnte ausüben, müssten also keineswegs innerhalb von ein paar Jahren möglichst viel Kohle machen.
Bei Sängern ist das vielleicht etwas problematischer, da die mit falschen Partien ihre Stimme ruinieren können, wenn sie schlechte Berater haben.

Es gibt aber schon krasse Fälle. Naida Cole, eine kanadische Pianistin, die 2001-03 zwei hochgelobte Platten bei Decca aufgenommen hat und aussieht wie ein Fotomodell (jedenfalls auf den Covern) hat mit Anfang 30 den Konzertbetrieb verlassen, um Medizin zu studieren... sie konzertiert wohl noch sporadisch, aber nicht mehr in professionellem Umfang und neuere Aufnahmen sind mir keine bekannt.

Theophilus

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28

Sonntag, 26. Mai 2013, 17:26

Gehörst Du etwa auch zu den Bösewichten, die Geldverdienen nicht automatisch mit Teufelskram gleichsetzen??

Na ja, hm, hm, ich muss mich wohl zu dieser Häresie bekennnen...

:rolleyes:
8-)

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sagitt

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Sonntag, 26. Mai 2013, 17:48

Sagitt meint:

Ausnahmen sind "Wunderkinder" wie seinerzeit Garrett als Teenager .... ich glaube, die frühen Aufnahmen von Garrett werden erst jetzt veröffentlicht, man war wohl von der Qualität nicht so überzeugt. Da Garrett sich auch für einen klassischen Geiger hält, kann er jetzt bestimmen, dass die Aufnahmen auf den Markt kommen. (Schlecht sind sie nicht, aber überragend ist was anderes...)

Thomas Sternberg

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30

Montag, 27. Mai 2013, 06:42

Charisma

Garrett und Lang Lang haben etwas, das den meisten Künstlern abgeht:

Ausstrahlung.

Und zwar nicht nur auf ein begrenztes Umfeld, sondern überall da, wo sie wirken. Sie sind Durchsetzungsfähig, beherrschen natürlich ihr Instrument und können andere Menschen für ihre Ansichten und Ideen begeistern. Sie schaffen es, überall Unterstützer zu finden, auch von Seiten her, die sie eigentlich nicht mögen. Sie sind in der Lage, Koalitionen zu bilden, die ihnen nutzen.

Und sie haben Bühnenpräsenz, wenn sie die Bühne betreten, sind alle anderen Staffage.

Das spürt das Publikum. Wenn diese Stars einen gewissen Ruhmespunkt erreicht haben, (das kann durchaus erst nach dem Tod des Künstlers ereignen), kann sich dieser Star fast alles erlauben. Ein Name ist dann nicht mehr nur Bezeichnung für eine Person, sondern wird zur Marke.

Da wollen alle Künstler hin, egal welcher Disziplin. Nur müssen sich die Künstler mit einem abfinden: Wenn sie auch nur einen der oben genannten Punkte nicht beherrschen, sind sie weg vom Fenster. Da kann einer noch so toll das Klaviersolo in einem KK beherrschen, wenn er es vor dem Konzert nicht schafft, den Dirigenten auf seine Seite zu ziehen, ist der Künstler verloren. Man hat heute nur eine Probe!

Wir leben in einer Zeit der knallharten Auslese. Wer jung ist und an die Spitze möchte für den reicht einfach nicht nur Talent.