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hart

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Donnerstag, 13. September 2018, 12:46

Alfred von Bary - *18. Januar 1873 Valletta, Malta - 13. September 1926 München


Zum heutigen Todestag des Sängers Alfred von Bary

Der kleine Alfred wurde auf Malta als Sohn deutscher Eltern geboren, war aber mit seinem Geburtstag britischer Staatsbürger geworden, worüber er später schrieb - da war er schon 39 Jahre alt - »Es wundert mich nicht, dass dieser selbstbewusste Nation ohne Weiteres von meiner Persönlichkeit Besitz ergriff, mir einen englischen Taufschein ausstellte und mich darin ausdrücklich als englischen Untertan bezeichnete.«
Seine Eltern waren bezüglich des Alters ein ungleiches Paar; Dr. Erwin von Bary war bei der Hochzeit 23 Jahre alt, während seine Braut, Anna Gramich, schon auf 35 Lebensjahre zurückblicken konnte. Anna Gramich war eine intellektuell gebildete Frau. Die von Barys entstammten uraltem Adel und der Clan hatte sich in ganz Mitteleuropa verbreitet.
Dr. Erwin von Bary war Arzt, allerdings kein Arzt, wie man sich einen Hausarzt vorstellt, Erwin von Bary arbeitete wissenschaftlich, aber nicht auf dem Gebiet der Medizin, sondern der Geographie und begab sich als Mitglied der Geographischen Gesellschaft München auf abenteuerliche Expeditionsreisen. Schon im August 1872 war die junge Familie - ein Söhnchen war 1870 geboren worden - nach Valetta gekommen; Erwin von Bary wollte sich hier zunächst eine Arztpraxis aufbauen, um die finanzielle Basis für eine Expedition nach Afrika zu schaffen, Malta war als Sprungbrett nach Afrika gedacht, er wollte die Sahara erforschen.
In der südlybischen Karawanenstadt Ghat erfuhr er noch brieflich vom Tod seines erstgeborenen Sohnrs, ein tückisches Fieber hatte den Siebenjährigen dahingerafft. Kurz danach war dann auch die Lebensreise des erst 31-jährigen Erwin von Bary zu Ende; er starb am 2. Oktober 1877.

Alfred von Bary hatte seinen Vater letztmals 1876 gesehen, er konnte sich später nicht mehr an ihn erinnern. Anna von Bary mochte nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Söhnchen nicht länger in Malta bleiben; sie hatte eine in guten Verhältnissen lebende Schwester in Leipzig, die ihr in dieser schweren Zeit beistand. So erlebte der kleine Alfred seine ersten Schuljahre ohne große Begeisterung in Leipzig, an keinem der Schulfächer konnte er Gefallen finden und die deutsche Disziplin behagte ihm überhaupt nicht.
1882 verließ die Mutter Leipzig zunächst in Richtung Würzburg, um von dort aus nach München zu ziehen.
Für Alfred brachen schwere Zeiten an, denn man bestimmte für ihn das alte Max-Gymnasium in München als neuen Lernort, wo er sich humanistische Bildung aneignen sollte. Die Aufnahmeprüfung bestand er nur mit »Ach und Krach«, und im Folgenden wurde es auch keine Erfolgsgeschichte. Mutter Anna war entsetzt, als ihr ein Lehrer Alfreds erklärte: »Nehmen sie ihren Jungen aus dem Gymnasium; er ist so faul und unbegabt, dass er absolut nicht zum Studium passt, lassen Sie ihn Schuster oder Schneider werden.«
Schneider und Schuster waren damals zwar gefragte und ehrenwerte Berufe, aber im Dunstkreis der von Barys dachte man in anderen Kategorien, immerhin war Alfreds Vater Akademiker gewesen und Mutter Anna hatte Dantes »Göttliche Komödie« im Originaltext gelesen.
Diese Mitteilung des Schulmeisters traf Frau von Bary schmerzlich. Die Mutter hatte sich ohnehin in ihrer Persönlichkeit verändert, denn durch den Einfluss ihres streng katholischen nahen Umfeldes entwickelten sich bei ihr Schuldgefühle, weil sie ihre protestantische Eheschließung nun als Verirrung sah und glaubte, dass ihr der Verlust von Mann und Kind als Sühne auferlegt wurde.

Nachdem man Alfred nun nachdrücklich aufforderte etwas in der Schule zu tun, hatte er auch das Quäntchen Glück, dass seine Musikalität und Stimme positiv wahrgenommen wurde. Obwohl der Chorleiter zuweilen seine Schüler mit dem Fiedelbogen traktierte, betrachtete es Alfred von Bary in der Rückschau als bleibenden Gewinn für sein weiteres Leben.
Auf dem Gymnasium hasste er Homer und Horaz; die deutsche Literatur, und später auch Shakespeare, standen ihm näher - seine Leistungen im deutschen Aufsatz wurden in seinem Abschlusszeugnis besonders vermerkt. Als er 1892 die Reifeprüfung bestand, war er entschlossen, Schauspieler zu werden.

Annas Bruder, ein Generalleutnant, war Alfreds Vormund und ob dieses Berufswunsches entsetzt, das familiäre Umfeld ebenfalls. Alfred belegte nun auf der Münchner Universität Philosophie, aber weit mehr interessierte ihn was um den Hofschauspieler und Regisseur Wilhelm Schneider herum so alles vor sich ging. Man glaubt, dass er von Schneider die Textbehandlung lernte, die später bei dem Sänger Alfred von Bary so gelobt wurde.

Um seiner immer trübsinniger werdende Mutter aus den Augen zu kommen, gab er zunächst seine künstlerischen Ambitionen auf und begann im Sommersemester 1893 mit dem Medizinstudium in Leipzig, kehrte dann aber zum Wintersemester wieder nach München zurück. Aber auch während seines Medizinstudiums schielte er immer noch zur Bühne. In München hatte er einen Gesangspädagogen gefunden - es war Professor Anton Dreßler -, der glaubte, dass die Stimme einer Ausbildung wert sei.
Barys Interessen waren damals dreigeteilt, da waren: das Medizinstudium, seine Gesangsausbildung und der ständige Besuch des Münchner Hoftheaters, wo sehr viele Werke Wagners über die Bühne gingen. Die Vernachlässigung des vorher üblichen Belcanto zugunsten eines Sprechgesangs, gepaart mit voluminöser Stimmführung und dramatischer Ausdruckskraft, kamen den Vorstellungen Alfred von Barys sehr entgegen.
Während seines Medizinstudiums sang er einmal der Sopranistin Hanna Borchers, die am Münchner Hoftheater beschäftigt war, zur Begutachtung seiner Stimme vor. Zwei Fragen interessierten ihn besonders: War er Tenor oder Bariton? Sollte er das Medizinstudium für eine Opernausbildung aufgeben?
Dazu stellte die Dame fest, dass er ein lyrischer Bariton sei, und riet dazu, sein Medizinstudium nicht aufzugeben, sondern zu Ende zu führen. Er befolgte diesen Ratschlag und wurde 1896 zum Doktor der Medizin promoviert und bestand 1898 das Staatsexamen. Seine erste Anstellung als Arzt erhielt er als zweiter Assistenzarzt an der Kuranstalt für Gemüts- und Nervenkranke in Ahrweiler, einem Städtchen zwischen Koblenz und Bonn.
Nach etwa einem Jahr wechselte Dr. von Bary zu einer wissenschaftlichen Ausbildung auf dem Gebiet der Psychiatrie an die Universität Leipzig. Damit war er auch wieder in einer Stadt gelandet, die auf musikalischem Sektor einiges zu bieten hatte.
Obwohl er seinen Beruf mit allem gebotenen Ernst ausübte, vernachlässigte er auch in Leipzig seine Stimme nicht und war in Kontakt mit dem Konzertsänger und Pädagogen Gustav Borchers, der in Leipzig ein Seminar für Gesangslehrer gegründet hatte. Zu seinem Professor in Leipzig hatte der junge Arzt ein gutes Verhältnis, so dass er auch bei Gesellschaften in dessen Haus zugegen war, wo er dann schon mal in diesem privaten Rahmen um Kostproben seines sängerischen Könnens gebeten wurde.
Als er einmal sonntags seinen Chef zur Villa eines Rechtsanwalts begleiten sollte, tat er das etwas missmutig, wollte aber seinen Professor nicht vergraulen. Barys Laune wurde schlagartig besser, als er unter den Gästen auch Arthur Nikisch, den Dirigenten der Gewandhauskonzerte erblickte, der eine stadtbekannte Persönlichkeit war. Es wurde viel musiziert und Bary konnte der Dame des Hauses ihren Wunsch nach einem musikalischen Beitrag nicht abschlagen. Alfred von Bary sang: Schumanns »Du meine Seele, Du mein Herz« und »Ich grolle nicht« und schließlich noch Wagners »Winterstürme«
Während seines Vortrags hörte Nikisch - in einer Ecke lehnend - zu und glaubte einen neuen Wagner-Sänger zu erkennen. Als Bary seinen Vortrag beendet hatte, trat Nikisch auf ihn zu und sagte:
»Wie können Sie mit dieser Stimme Arzt sein? Sie sind ja der geborene Tristan und Siegfried!« Das war nun ein ernstzunehmendes Urteil eines anerkannten Dirigenten. Die Sachlage war zu diesem Zeitpunkt so, dass sich Alfred von Bary zwar seit dem Alter von vierzehn Jahren sehnlichst gewünscht hatte Schauspieler zu werden und zunächst nur durch Liebe zu seiner Mutter ein Arztstudium absolvierte, aber inzwischen hatte er seine Tätigkeit als Arzt nicht etwa als notwendiges Übel angesehen, sondern war ein Nervenarzt geworden, der in seinem Beruf aufging. Aber Nikisch bedrängte den jungen Arzt regelrecht und lockte ihn mit dem Argument, dass Bary mit dieser Stimme an jeder großen Bühne auftreten könne. Nun war ja Arthur Nikisch nicht irgendwer, sondern so eine Art Leipziger Musikpapst.
Um ihn herum applaudierte die Gesellschaft heftig, und auch Alfreds Mutter war unter den Applaudierenden. Alfred von Bary war von Grund auf skeptisch, weil er schon mehrfach in ähnlichen Szenen mit reichem Beifall und Lob bedacht wurde, aber sich danach nie ein Ansatz zu einer Sängerkarriere ergab. Also widmete er sich wieder seinen Patienten und war dann plötzlich überrascht, als ihn ein Brief des Dresdner Generalmusikdirektors Ernst von Schuch erreichte, der sich auf Nikisch berief und anfragte, wann er in Dresden vorsingen wollte.
Barys beruflichen Pflichten war es geschuldet, dass er sich nicht unverzüglich um Schuchs Schreiben kümmerte. Nun kam ein Staatstelegramm vom Dresdner Intendanten Graf Seebach, das Bary mit Nachdruck davon überzeugte, dass man an diesem renommierten Haus ganz ernsthaft an ihm interessiert war.
Es kam in einem Saal der Dresdner Oper zu einem Vorsingen vor Schuch und einigen anderen Herren. Als von Bary seine bewährten »Winterstürme« beendet hatte, stellte er bei den Herren eine gewisse Aufgeregtheit fest - man war der Ansicht, dass man den Grafen holen müsse, damit er die Stimme des Neusängers selbst hören könne. Das Folgende muss man nicht im Detail schildern; nachmittags um vier verließ Alfred von Bary das Haus und hatte einen Vertrag in der Tasche.
Das gestaltete sich nun aber nicht so, dass der junge Tenor gleich als Lohengrin oder Tristan auf der Bühne stand, von Bary musste erst ein Ausbildungsjahr durchlaufen; danach sollte ein sechsjähriger Vertrag in Kraft treten.
Im November 1900 übersiedelte er nach Dresden, wo er alleine eine Wohnung in der Reichenbachstraße bezog und sich intensiv den notwendigen Studien widmete; seine Mutter wohnte in Striesen bei Dresden.

Während er in seiner Münchner Universitätszeit drei Jahre lang von dem Gesangslehrer Professor Dreßler als Bassbariton behandelt worden war, machte man in Dresden einen Heldentenor aus ihm, der auch die hohen Lagen problemlos bewältigen konnte.
Alfred von Bary brachte zu diesem Zeitpunkt schon einiges an Lebenserfahrung mit. Deshalb knüpfte er schon in seinem sängerischen Ausbildungsjahr Fäden nach Bayreuth, denn der dort für die Stimmbildung zuständige Julius Kniese hatte einen Sohn der an Erregungszuständen litt und in der Bayreuther Heilanstalt untergebracht war. Bary war an Bayreuth interessiert und Kniese an ärztlichem Rat.

Einerseits war es eine tolle Sache, an einer Bühne von solchem Ruf debütieren zu dürfen - die Dresdner Oper war eines der führenden Häuser in Deutschland - andererseits ist es für einen beginnenden Sänger einfacher sich nach und nach durch Leistungen an kleineren Theatern zu bewähren und sich dann erst den größeren Häusern zu nähern.
Bary wusste schon lange im Voraus, dass er als Lohengrin debütieren wird und konnte während des Probejahres reichlich üben. Endlich, am 2. November 1901 war es soweit, das Haus war voll besetzt.
Die Resonanz bei Publikum und Kritik war gut, man bescheinigte der Dresdner Oper eine »beneidenswerte Acquisition« und die »Dresdner Zeitung« betonte, dass man die Schlussworte an den Schwan im letzten Akt wohl selten so schön gehört habe wie an diesem Abend.
In der Rückschau erinnerte sich der Sänger, dass Seebach in der ersten Pause etwas unzufrieden in seine Garderobe kam, um ihm zu sagen, dass er nun aber »richtig« loslegen soll.
Offenbar hatte der Debütant losgelegt, denn das Opernpublikum sparte nicht mit Beifall und die Kritiken konnten sich auch sehen lassen; die Intendanz verbuchte das als vollen Erfolg.
Bary selbst war da bezüglich seiner Leistung kritischer; er bat beim Intendanten um ein Gespräch und legte diesem dar, dass er den Lohengrin für ein Jahr lieber nicht mehr singen wollte, weil er es besser fände in der nächsten Zeit kleinere Rollen zu übernehmen, um auf diese Weise noch Erfahrung zu sammeln.
Aber Graf Seebach mochte das nicht einsehen und packte eine alte Reiterweisheit aus, die besagt, dass man einen Anfänger auf dem Pferd, der im Galopp nicht herunterfällt, ruhig weiterreiten lassen könne.
Als man Alfred Bary die nächste Rolle zuteilte, war er darüber nicht besonders glücklich, »Die Afrikanerin« stand auf dem Programm, was bedeutete, dass Bary das »O Paradiso« darzubieten hatte, was ihm zwar vom Singen her keine Schwierigkeiten bereitete, aber als begeisterter Wagner-Anhänger, war ihm Meyerbeers Opernpomp nicht gerade sympathisch.
In der Spielzeit 1902/03 ergab es sich, dass er für drei Wagner-Rollen vorgesehen war, nämlich als Erik, Tannhäuser und Siegmund in der »Walküre«.
Um sein finanzielles Budget etwas aufzubessern tourte der Tenor der renommierten Dresdner Bühne durch die Lande und gab in kleineren Städten, in der Provinz, wie man zu sagen pflegt, Konzerte, wobei Bary - damals durchaus üblich - einen gemischten Abend mit Liedern von Schubert, Schumann, Wolf, aber auch seine Wagner-Prunkstücke im Angebot hatte.

Sein erlernter Beruf als Arzt, der ihn nicht ganz losließ; trieb ihn dazu Essays über künstlerische und psychologische Fragen des Theaters zu schreiben, die in Zeitungen und Magazinen Verbreitung fanden.1905 wurde Bary dann auch Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bühnengenossenschaft.

In der Opernszene war Alfred von Bary schon etwas bekannt, so dass auch Cosima Wagner von dem neuen Dresdner Wagnertenor wusste, von dem ihr durch ihre Bekannte, das war die Amerikanerin Mrs. Schirmer, berichtet wurde, dass Bary eine »sehr kleine lyrische Stimme« habe. Dessen ungeachtet hatte aber der Bayreuther Stimmenorganisator, Professor Julius Kniese, schon etwas voraus gedacht und stellte Bary aus einem Stipendienfonds Eintrittskarten und Reisekosten für die Festspiele 1902 zur Verfügung. Obwohl Bary Wagners Musik von seiner täglichen Arbeit recht gut kannte, war er nun in Bayreuth von dem für ihn völlig neuen Klangwunder überrascht.
Über die Berufung der Sänger entschieden in Bayreuth stets der Solorepetitor Kniese und Cosima Wagner gemeinsam; zu diesem Zeitpunkt hatte Frau Wagner in Bayreuth schon fünfzehn Jahre lang erfolgreiche Arbeit geleistet und achtete streng darauf, dass absolute musikalische Qualität produziert und abgeliefert wurde. Alfred von Bary war von Bayreuth aufgefordert worden für die Festspiele 1904 den »Parsifal« zu studieren und für »Tannhäuser« zur Verfügung stehen.
Zu ersten »Parsifal«-Proben war der Dreißigjährige schon im Sommer 1903 zu Frau Cosima nach Wahnfried bestellt, wo der promovierte Aspirant dann mit einiger Beklemmung der hohen Frau im schwarzen Witwenkleid gegenüber stand. Mit der Zeit fand Frau Cosima Gefallen an der Zusammenarbeit mit dem jungen Sänger, als sie mit ihm »Parsifal« erarbeitete; von »Tannhäuser« hatte man inzwischen Abstand genommen, Barys zweite Rolle in Bayreuth sollte Siegmund werden.
Bei »Parsifal« hatte Bary noch mit einem außermusikalischen Problem zu kämpfen, denn er war extrem kurzsichtig und fürchtete deshalb Schwierigkeiten beim Fangen des Speers. Die Vorstellungen mit Bary als Parsifal wurden sowohl von der Presse als auch von Cosima Wagner zwiespältig gesehen, es gab Lob und Tadel. Ganz anders dagegen sein Siegmund in »Walküre«, da gab es einhelliges Lob von allen Seiten und es wurden sogar Schallplatten davon gemacht, das war ja in dieser Zeit etwas ganz Außergewöhnliches.
Große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus, die Herrin von Bayreuth sah ihrem 70. Geburtstag entgegen und wollte nach den Festspielen 1906 ihre Regietätigkeit beenden, aber vordem noch ein Großereignis starten. Seit 1896 hatte man »Tristan und Isolde« nicht mehr am Festspielort aufgeführt, weil man dafür keinen geeigneten Tristan fand; nun glaubte man einen zur Verfügung zu haben. Die organisatorischen Hürden in der Vorbereitung waren den musikalischen Schwierigkeiten des Stücks ebenbürtig. Schließlich reiste Julius Kniese für einige Zeit nach Dresden, um dort mit Bary den Tristan musikalisch einzustudieren; dass Kniese Bayreuth nie wieder sehen sollte, ahnte niemand. Während einer abendlichen Zusammenkunft starb Kniese in den Armen Barys an einem Herzinfarkt.

Am Dresdner Haus fühlte sich Bary nicht mehr besonders wohl, seit er mit Bayreuth enger verbunden war, aber Cosima Wagner war immer bestrebt zwischen der Dresdner Theaterleitung und ihrem jungen Sänger zu vermitteln. Barys Frust kam in einem Brief an seine Freundin Erna Wessels zum Ausdruck, wo er schrieb: »Die Art und Weise, wie man mir speziell seiner Zeit das Tristan-Studium in jeder Weise erschwerte und nicht nur unfreundlich, sondern gehässig und hinterlistig wegen meiner Erfolge in Bayreuth gegen mich operierte, all das kann ich wohl verzeihen, aber nicht gut vergessen.«
In Bayreuth rückte die Tristan-Aufführung immer näher heran, Cosima Wagner war für das Gelingen der Aufführung sogar über ihren Schatten gesprungen und hatte Felix Mottl, der damals als bester Tristan-Dirigent galt, wieder nach Bayreuth zurück geholt. Am 23. Juli 1906 ging seit vielen Jahren hier wieder eine »Tristan«-Aufführung über die Bühne. Es muss eine großartige Aufführung gewesen sein, Alfred von Bary wurde von allen Seiten, also auch der Presse, mit Lob geradezu überschüttet. Der Festspielsommer 1906 bedeutete das dreißigjährige Jubiläum und war mit großem Glanz über die Bühne gegangen, aber es war auch der Abschied von Cosima Wagner; nach schwerer Krankheit zog sie sich zurück.

Aus den triumphalen Auftritten in Bayreuth ergab sich für Bary in Dresden eine völlig neue Situation; plötzlich wurde er dort hofiert, denn sein Dresdner Vertrag endete 1907, man hätte den nun so attraktiv gewordenen Sänger gerne weiter im Ensemble gehabt. Aber Bary hatte Kontakte nach München geknüpft und mit Mottl, der dort wirkte, verstand er sich auch recht gut. Allerdings war bei dem ins Auge gefassten Transfer ein Bündel von Gegebenheiten zu berücksichtigen. Schließlich verlängerte er dann doch sein Engagement in Dresden, weil der neue Vertrag äußerst lukrativ ausgestattet war; neben einer erheblichen finanziellen Verbesserung waren auch seine Urlaubsbedingungen verbessert und zudem winkte ab 1912 eine Pension, auf die der Sänger nicht verzichten wollte.

Bereits1903 hatte Bary in Dresden den »Club der Namenlosen« gegründet; führende Persönlichkeiten des Dresdner Kulturlebens trafen sich zwanglos in einem intimen Kreis.
Die Krankenschwester Thekla Olivia Koch, ein recht hübsches Frauenzimmer, passte zu solchen Leuten in keiner Weise; sie war Mutter dreier Söhne, der Vater dieser Söhne war Alfred von Bary. Als Arzt hatte er sie schon 1900 in der Leipziger Nervenklinik kennengelernt 1908 ließ er sich von ihr scheiden, weil er in Dresden eine Bildhauerin mit französischen Wurzeln kennenlernte, die er dann 1909 heiratete. Jenny Bary-Doussin war autodidaktisch zur Bildhauerei gekommen, ihre Spezialität waren Tierplastiken; dem Rat ihres Mannes folgend, fertigte sie dann auch Skulpturen des Sängers in Bronze und Marmor, aber auch Büsten von Generalmusikdirektor Ernst von Schuch, Bruno Walter... und vielen anderen Persönlichkeiten an, sie war zu einer gefragten Künstlerin aufgestiegen.
Der Sänger wurde mit Auftrittsangeboten geradezu überschwemmt, aber bei voll erhaltenem Glanz seiner Stimme, wurden seine Bühnenaktivitäten wegen des schwindenden Augenlichts immer mühsamer, seine Frau war dann zur Orientierungshilfe oft versteckt mit auf der Bühne, in Bayreuth setzte man beim Zweikampf mit Hunding einen Mann ähnlicher Statur ein, während Bary dicht dran in der Kulisse sang.
Neben seinem Augenleiden, war Bary noch durch einen doppelten Leistenbruch gehandikapt, was der Grund war, dass er seine Gastspiel-Reisetätigkeiten auf Mitteleuropa beschränkte. Anfang 1911 verschlechterte sich sein Sehvermögen so sehr, dass Bary, nachdem der Arzt eine Aderhautverletzung festgestellt hatte, sechs Wochen pausieren musste, danach ging es wieder für ihn weiter, aber es zeichnete sich ab, dass er von Dresden zu Mottl nach München wechseln wird. Aus der erneuten Zusammenarbeit mit Mottl wurde nichts; während der Probearbeit in Bayreuth erfuhr Bary vom Tod Mottls. In Bayreuth war die Stimmung etwas getrübt, weil man Barys Kontakte zu München nicht gerne sah. Barys Bayreuther Rollendebüt als Siegfried tat das keinen Abbruch, Richard Strauss dirigierte; Presse und Publikum waren begeistert.
In Dresden war die Situation so, dass Barys Vertrag am 31. Dezember 1911 endete, aber seine Verpflichtungen in München erst mit dem 1. Oktober 1912 begannen. In Dresden waren nun die Tenöre knapp geworden und man vereinbarte, dass Bary bis Mai noch pro Monat fünf Vorstellungen in Dresden singt, pro Abend gab es fünfhundert Mark.
Im April 1912 kehrte Bary wieder mit festem Wohnsitz nach München zurück, wo er einst seine Schul- und Studentenzeit verbracht hatte, er ließ sich mit seiner Frau in Schwabing nieder. Da bei all seinen musikalischen Aktivitäten auch Administratives zu erledigen war, stellte er einen Sekretär an.
In München erlebte der erfolgsgewohnte Sänger ein neues Publikum, das ihn nicht so feierte, wie er es auf dem grünen Hügel in der Regel erlebte, auch die Kritik mäkelte an seinen Darbietungen im Wagner-Fach herum. Bessere Kritiken gab es bei der Münchner »Salome« im Oktober 1913, wo sein Herodes große Anerkennung fand.
Die Härte des Sängerberufs brachte es mit sich, dass auch Bary ein Schwinden seiner physischen Kräfte feststellen musste und so besann er sich auf seinen Beruf als Arzt. In Münchner Zeitungen kündigte er an, dass er jede Woche zweimal eine Sprechstunde als Nervenarzt abhalten wird. Aus Bayreuth bekam er 1913 dennoch eine Einladung, bei den kommenden Festspielen sollte er beide Siegfriede singen.

1914 hatte Bary keine große Freude mehr mit Bruno Walter, der im Januar 1913 nach München gekommen war; die Herren verstanden sich künstlerisch nicht.
In Bayreuth lief es aus ganz anderen Gründen nicht gut, zunächst konnte Bary aus gesundheitlichen Gründen nicht auftreten, aber dann kam vom Arzt die Erlaubnis; am 29. Juli 1914 sang er in der »Götterdämmerung« den Siegfried, die Kritik schrieb vom »unversehrten Metallglanz seines männlichen Tenorbaritons.«
Nach nur acht Vorstellungen verfügte die Bayreuther Theaterleitung das Ende der Festspiele, die politischen Verhältnisse ließen das nicht mehr zu.

In München-Bogenhausen waren Bauarbeiten im Gange, Erna Wessel, die dem Tenor sehr zugetan war, hatte eine Villa gebaut und Jenny ein Atelierhäuschen.
Kriegsbedingt waren viele Einnahmequellen versiegt; wegen des Krieges kürzte die Theaterleitung Gage und Spielgeld, die bisher gewohnte Lebensweise konnte nicht mehr aufrecht erhalten werden.
Das Vertragsende an der Münchner Oper nahte; zum 1. Oktober 1918 teilte man dem Heldentenor Alfred von Bary mit, dass sein Vertrag auf Grund der hochgradigen Kurzsichtigkeit nicht verlängert werden kann. Inwieweit das ersungene Vermögen gerettet werden kann, war unklar, die Inflation nahm Fahrt auf, Erspartes wurde immer wertloser und bei Jenny hatten die Ärzte Krebs diagnostiziert, sie starb am 16. August 1922.
In den Jahren 1929 bis 1925 belegte Bary an der Universität München zehn Semester katholische Theologie und strebte eifrig bei Wind und Wetter zu seinem Studienplatz.

Alfred von Barys Singstimme war fortan nur noch in der Bogenhausner St. Georg Kirche zu hören.
Erna Alexandra Wessels aus Bremen hatte das Ehepaar Bary schon 1912 kennengelernt, als sie von Jenny Plastiken erwerben wollte; hieraus entwickelte sich dann eine viele Jahre währende Freundschaft. Als nun Jenny nicht mehr war, machte sich Erna Wessels Hoffnung auf eine Eheschließung, aber der nun praktisch blinde Sänger lebte bereits in einer geistig anderen Welt und hatte daran kein Interesse.
Im Dezember 1925 erlitt er einen ersten Schlaganfall und wurde bettlägerig; erst am 13. September 1926 wurde er von seinen Leiden erlöst.

Praktischer Hinweis:
Das Grab der Familie von Bary befindet sich auf dem Waldfriedhof, alter Teil, in München, Fürstenrieder Straße 288.
Man geht durch den Haupteingang und wendet sich nach etwa hundert Metern nach rechts, wo man ca. hundert weiteren Metern zum Gräberfeld 7 gelangt.

hart

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572

Montag, 17. September 2018, 20:01

Zum Todestag von Fritz Wunderlich

Im Beitrag Nr.429 vom 20. Januar 2017 teilte Siegfried den Tod von Eva Wunderlich mit, die unter ihrem Mädchennamen - Eva Jungnitsch - Harfenistin im Stuttgarter Staatsopernorcheser war.

Siegfried hatte damals darum gebeten ein aktuelles Foto vom Grab einzustellen, was im Beitrag Nr. 450 dann am 28. März 2017 geschah.

Der heutige Tag bietet sich für eine weitere Aktualisierung an - so sah das Grab von Fritz Wunderlich und seiner Frau Anfang August 2018 aus.




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