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hart

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541

Montag, 21. Mai 2018, 15:42

Lieber Stimmenliebhaber,
hab´ besten Dank für Deine ins Detail gehenden Ergänzungen, die sicher auch für Mitlesende interessant sind. Du hast natürlich schon seit Jahren den Vorteil ganz nahe an diesen Geschehnissen dran zu sein, aber diese exakten Daten und Fakten wollen ja auch erst einmal festgehalten werden, nun hast Du mal wieder eine Bestätigung, dass so etwas ab und an auch seine praktische Anwendung findet und verwendet werden kann.

hart

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542

Mittwoch, 23. Mai 2018, 17:58

Wilhelm Kempff - * 25. November 1895 Jüterbog - † 23. Mai 1991 Positano (Italien)


Zum heutigen Todestag von Wilhelm Kempff



Wilhelm Friedrich Walter Kempff wurde als viertes Kind seiner Eltern im Brandenburgischen Jüterbog geboren, das etwa hundert Kilometer südlich von Berlin liegt; damals ein Ort von etwas mehr als siebentausend Einwohnern.
Wilhelm Kempff ist der Sohn einer Bauerntochter, die einen Organisten geheiratet hatte, die Eltern wohnten in einem früheren Franziskanerkloster.
1899 zog die Familie von Jüterbog nach der preußischen Residenzstadt Potsdam, wo Vater Kempff an die Nikolaikirche als Organist und Kantor berufen wurde. Natürlich war der Bub ständig von Musik umgeben; der Vater notierte den ersten Kompositionsversuch seines Sprösslings, da zähltr der Knabe gerade mal fünfeinhalb Lenze.
Nach dem ersten väterlichen Klavierunterricht übernahm dann eine erfahrene Klavierpädagogin den weiteren Klavierunterricht des Jungen. Im Alter von sechs Jahren gab das »Wunderkind« sein erstes öffentliches Konzert; er führte Mozarts C-Dur-Sonate auf.
Neben der Begabung für das Klavier besaß er auch einen schönen Knabensopran, sodass er zusammen mit seinem älteren Bruder Mitglied des liturgischen Chores wurde und lernte auf diese Weise auch die alten Meister wie zum Beispiel Orlando die Lasso kennen.
Bald weihte ihn sein Vater auch ins Orgelspiel ein, wo Kempff Junior erstmals im Alter von neun Jahren öffentlich in Erscheinung trat.
Als sich die ersten Kompositionen des Sohnes erweitert hatten, nahm der Vater Kontakt mit der Berliner Singakademie auf, wo der Direktor vom Leistungsvermögendes Kleinen so beeindruckt war, dass er sich bereit erklärte, ihm den Weg zur Musikhochschule zu ebnen. Dort erklärte der große Joachim, Direktor des Instituts, dass man an der Hochschule keine Kinder aufnehmen wolle, aber es fand sich ein Weg den hochbegabten Jung-Musikus privat zu unterrichten, eine wohlhabende jüdische Familie kam für die Kosten der Ausbildung auf. Von Robert Kahn wurde er in Komposition unterrichtet, für den Klavierunterricht war Heinrich Barth zuständig. Letzterer nahm die pianistische Ausbildung so wichtig, dass er darauf drängte, die gymnasiale Ausbildung zugunsten des Klavierspiels aufzugeben und stellte dem Vater das Ultimatum: »Pianist oder Gymnasiast!
Man trennte sich schweren Herzens; der schulischen Ausbildung wurde Priorität eingeräumt, aber man verlor natürlich die musikalischen Aspekte nicht aus den Augen und besuchte viele Konzerte hervorragender Interpreten, zum Beispiel eines von Eugen d´Albert im Februar1912, das in dem jungen Kempff ein nie mehr erlöschendes Feuer entfachte.
In dieser Zeit kam auch ein Kontakt mit Busoni zustande, was bedeutet, dass Vater Kempff mit Professor Busoni einen Vorspieltermin für seinen Sohn vereinbarte.

Im Frühjahr 1914 legte Wilhelm Kempff sein Abitur ab, wobei das Procedere den Schönheitsfehler hatte, dass der Prüfling im Fach Mathematik ein leeres Blatt abgab, weil er keine Lösungsmöglichkeit sah. Aber das Lehrerkollegium fand in Anbetracht seiner außerordentlichen musikalischen Leistungen, die er während seiner Gymnasialzeit erbrachte, eine Möglichkeit ihm die Reife zu bestätigen.
Also stand einer Anmeldung an der Berliner Musikhochschule nichts mehr im Wege, wo es zu einer Weiterentwicklung des durch die Gymnasialzeit unterbrochenen Unterrichts bei Heinrich Barth kam. Zu dieser Zeit saß auch der sechzehnjährige Geiger Georg Kuhlenkampff im Schulorchester, schon dort spielten die beiden Jungmusiker Schuberts Phantasie op. 159.
Inzwischen waren Kriegszeiten angebrochen und Kempff und Kuhlenkampff begaben sich zur Westfront, um dort in Kathedralen - das erste Konzert war in Laon - aber auch in Theatern, Kinos und sogar Scheunen zu spielen.

So ganz allmählich machte sich der junge Kempff auch außerhalb der Hochschule einen Namen, den man an den Anschlagsäulen lesen konnte und der aufstrebende Pianist konnte in der Presse häufig positive Kritiken seiner Konzerte lesen; im Dezember 1916 hatte er seinen ersten Auftritt in der Reihe »Populäre Konzerte« in der Philharmonie mit dem Philharmonischen Orchester.

Noch bevor Kempff sein Musikstudium beendet hatte, musste er im Januar 1917 als Landsturmmann seinen Militärdienst antreten.
In dieser Zeit erreichte ihn an seinem Dienstort ein Telegramm, welches ankündigte, dass sein Vorspiel zu Kleists »Hermannsschlacht« im Berliner Beethovensaal uraufgeführt werden soll.
Dabei kam es jedoch zu einigen Querelen, weil man von Kempff verlangte, sich an den Konzertkosten zu beteiligen, was dieser ablehnte. Es gab einiges Hin und Her, aber am 13. Januar 1917 konnte das Werk dann doch, zusammen mit Werken anderer junger Komponisten, aus der Taufe gehoben werden. Während die Komponisten-Kollegen zumindest einen Achtungserfolg verbuchen konnten, fiel Kempffs Werk mit Pauken und Trompeten durch; es gab da einige Missgeschicke, die dafür sorgten, dass die Aufführung zwar ein außergewöhnlicher Heiterkeitserfolg wurde, aber auf breiter Linie hat man das Werk als Komposition nicht anerkannt und Heinrich Barth schimpfte, weil sein ehemaliger Zögling nicht konsequent den Weg eines Klaviervirtuosen verfolgte. Barth meinte:

»Warum musst du solch scheußliche Musik schreiben, wo du doch ganz passabel Klavier spielst? Überhaupt diese ewige Irrlichterei von einem zum anderen, vom Klavier zur Orgel und in einem Satz womöglich mit fliegenden Frackschwänzen zum Dirigentenpult; pass bloß auf, dass du nicht ein zweiter Bülow wirst!«

Als Soldat taugte Kempff nicht viel; als man das bemerkte, wurde er zum Postdienst versetzt, und weil die Pferde im Krieg gebraucht wurden, musste der verhinderte Held den Postwagen durch Berlin ziehen. Aber immer wieder ergaben sich Gelegenheiten des Musizierens.
In den letzten Wochen der Kriegswirren wurde dem Berliner Domchor zum dritten Male die Erlaubnis erteilt mit dem Solisten Wilhelm Kempff eine Tournee durch Schweden zu machen, noch am 29. September 1918 spielte er an der großen Domorgel in Uppsala, als in anderen Gegenden Europas der Krieg tobte. Mitte Oktober bestritt Kempff in Berlin zum ersten Mal einen Bach-Abend als Pianist und Organist.
1919 folgte seine vierte Skandinavienreise, diesmal ohne Domchor, aber mit seinem Vater. Elly Ney, die auch hier weilte, schrieb nach Hause: »Einer namens Kempff hat alles ausverkauft«, das klingt so als sei ihr der Name damals noch nicht geläufig gewesen.
Aber dieser machte schon 1920 seine ersten Schallplattenaufnahmen bei Polydor, denen dann noch viele in den nächsten sechs Jahrzehnten folgten; Kempffs letzte Schallplattenaufnahme entsteht 1980mit Praeludien und Fugen aus Bachs »Wohltemperiertes Klavier« I und II.

1924 übernahm Kempff die Leitung der Stuttgarter Musikhochschule; die Stuttgarter wollten nicht nur einen lehrenden Professor haben, sondern jemanden der noch aktuell auf internationalen Konzertpodien agiert und sich dort beweisen muss. Bei seiner Berufung war Kempff 28 Jahre alt und demnach der jüngste Hochschuldirektor in Deutschland. Er hatte hier nur an zwei Tagen Unterrichtsverpflichtungen, so dass ihm noch ausreichend Zeit blieb seiner Konzerttätigkeit nachzugehen. Nach fünf Jahren wollte Kempff seine Stuttgarter Tätigkeit aufgeben; man bot ihm traumhafte Konditionen, aber er strebte nach voller Freiheit, verließ Stuttgart in aller Freundschaft und ging nach Potsdam zurück.

1926 hatte Wilhelm Kempff seine Klavierschülerin Helene Freiin Hiller von Gertringen geheiratet, die Hochzeit fand im Berliner Dom statt. Die junge Familie wohnte in Stuttgart, Kräherwald.
Dem Paar wurden zwei Söhne und fünf Töchter geboren und man konnte noch die Goldene Hochzeit feiern.
Als im Februar 1945 immer klarer wurde, dass es mit dem propagierten »Endsieg« wohl nichts mehr werden wird, verließ die Familie Kempff Potsdam in Richtung Oberfranken, wo sie im Schloss Thurnau Unterschlupf fand; es war das Schloss der Familie seiner Frau, nun hatte man für etwas mehr als zehn Jahre hier seinen Wohnsitz.
Im Dezember 1955 bezog die Familie Kempff ihr eigenes Heim in Ammerland am Starnberger See, es war ein Isartaler Haus.

Wenn man sagt, dass Wilhelm Kempff soundso lang irgendwo wohnte, dann kann das nicht die ganze Wahrheit sein; zählt man nämlich die Anzahl seiner Auftritte zusammen und verfolgt seine Konzertreisen auf einem Globus, wird klar, dass dieser Mann eher selten zu Hause anzutreffen war.
Kempff war schon in seinen jungen Jahren ein gefragter Mann, bereits 1927 traf er sich in der Türkei mit Staatspräsident Atatürk, um die türkische Regierung zu beraten, welche Musiker an die neugegründete Musikhochschule nach Ankara berufen werden sollen; man gab zu Ehren Kempffs in der Präsidentenvilla ein Abendessen das bis 23 Uhr dauerte. Nachdem alle anderen Gäste das Haus verlassen hatten, bat Atatürk den deutschen Gast in sein Arbeitszimmer. Bei dem Gespräch legte Atatürk seine Meinung dar, dass bei der Modernisierung der Türkei die westliche Musik eine wesentliche Rolle spielen müsse, da sonst die übrigen Reformen nicht vollständig sein könnten. Konkret fragte der Staatspräsident:
»Wie können wir die klassische Musik verbreiten? Welche Schulen oder Institutionen müssen wir gründen? Welche bedeutenden Künstler und Musikwissenschaftler sollen eingeladen werden, um dazu die Grundsteine zu legen?«
Das Gespräch dauerte immerhin bis morgens vier Uhr. Kempff empfahl zunächst, dass man Furtwängler mit dieser Entwicklungsarbeit betraut, aber der konnte aus Zeitgründen diesen Job nicht annehmen, so dass Paul Hindemith letztendlich in dieser Sache tätig wurde.
Wilhelm Kempff weilte insgesamt fünfmal in verschiedenen Jahren in der Türkei, letztmals 1950.

Seine erste Konzertreise nach Südamerika - das war 1934 - unternimmt Kempff als Ehrengast von Hugo Eckner mit dem Luftschiff »Graf Zeppelin«; er konzertiert in Argentinien, Uruguay und Brasilien - 1951 findet man in seinem Terminkalender die fünfte Südamerikareise und 1964 gibt er Konzerte in Mexiko und am Teatro Colón in Buenos Aires. Erstaunlicherweise gibt er erst 1964 sein Debüt in den USA bei einem Konzert in der Carnegie Hall New York.

Die erste Japanreise absolvierte Kempff bereits 1936 und seine Reisetätigkeit in das Land der aufgehenden Sonne endet erst 1979 mit seiner zehnten Reise die er nach Japan macht.
Als Kempff zum ersten Mal nach Japan kam, waren seine Beethoven-Schallplatteneinspielungen schon so weit im Land verbreitet, dass man ihm einen begeisterten Empfang bereitete; auf der Woge dieser Begeisterung erhielt sogar eine kleine Insel den Namen »Kempu-san«.
Im Zusammenhang mit Kempffs Reisen ist noch zu erwähnen, dass er immer leidenschaftlich fotografierte, wenn er unterwegs war.
Als 1945 die GIs nach Schloss Thurnau kamen und ihm eröffneten, dass er von jetzt an das Verbot habe öffentlich Klavier zu spielen (Kempff war kein Parteimitglied gewesen), antwortete Kempff: »In diesem Fall werde ich fotografieren und davon leben, weil ich ein ausgezeichneter Fotograf bin.«

Es ist in diesem Rahmen einfach nicht möglich, auf alle Aktivitäten Kempffs einzugehen; er war auf fast allen bedeutenden Festivals und den bedeutenden Musikzentren der Welt zu hören, aber zum Beispiel auch an Orten wie dem Kloster Alpirsbach, wo er mir Albert Schweitzer musizierte. Seine Konzertpartner sind Legende ...
Wenn der Name Wilhelm Kempff erwähnt wird, assoziiert man in aller Regel den Begriff Pianist, aber neben all diesen überaus zahlreichen weltweiten Konzertauftritten entstanden noch eine Menge Kompositionen. Das waren Opern, Lieder, Orchesterwerke, Kammermusik und natürlich auch Klaviermusik.

Noch mit 85 Jahren absolvierte Kempff öffentliche Konzerte. Die in Bielefeld erscheinende »Neue Westfälische« schrieb damals:

»Für den hochbetagten Pianisten war offensichtlich das Klavier ein Jungbrunnen ... und nun ist auch Wilhelm Kempff 85 Jahre alt und spielt noch immer. Sein Gang zum Flügel ist nicht mehr ganz so schwebend und schnell. Aber wie eh und je genügen wenige Sekunden der Konzentration. Die Faszination des Hörers fängt schon bei den ersten Takten an. Kempff spielt sich nicht ein. Er beginnt jetzt noch jedes Konzert so gelöst, als spiele er für sich selber. Im Schwung der Emotion geht ihm nun etwas öfter die Perfektion der Technik verloren - es gibt brillantere Klavierspieler - , aber Noten waren für ihn immer nur ärmliche Behelfszeichen, die gar nicht in der Lage sind, das auszudrücken, was Beethoven erlebt hat. Die Partitur ist für Kempff nichts Absolutes. Kempf hat kleine, zarte Hände, und so verbietet sich physisch das Tastendonnern. Die leisen Töne vor allem sind sein Feld, ohne das geringste Zugeständnis an den Effekt.«

Eine ganz bedeutende Sache im Leben des Wilhelm Kempff waren die Meisterkurse im italienischen Positano. Bereits auf seiner Hochzeitsreise nach Sorrent hatte Kempff diesen Ort kennen gelernt; nun kam es etwas mehr als drei Jahrzehnten später hier 1957 zur Gründung der »Fondazione Culturale Orfeo«, einer Schweizer Stiftung, die für den Erhalt der »Casa Orfeo« sorgte und die alljährliche Durchführung der Beethoven-Kurse organisierte.
Kempff hatte hier eine schon in seiner Potsdamer Zeit verwirklichte Idee wieder aufleben lassen, denn schon dort hatte er einen kleinen Kreis von ausgewählten jungen Pianisten unterrichtet, und schon dort gab es - wie in Positano auch - einen wunderschönen Garten.
Die »Fondazione Culturale Orfeo« stiftete einen Preis, der es zwei Wochen lang jungen Pianisten ermöglichte, kostenlos an den Beethoven-Interpretationskursen teilzunehmen. Lediglich die Kosten für Anreise und Unterkunft mussten die Teilnehmer selbst tragen.
Jeder konnte da nicht kommen; die Teilnehmerzahl war auf 15 begrenzt und für die Bewerber bestand die Bedingung, dass sie schon in eigenen Klavierabenden aufgetreten waren und einige Klaviersonaten aus den drei Schaffensperioden Beethovens beherrschen.
Im Juni 1984 hat in Positano Kempffs letzter Kurs stattgefunden; im Januar 1986 übersiedelte Kempff auf Anraten seiner Ärzte ganz nach Positano, einen Monat später starb seine Frau Helene in einer Klinik am Starnberger See.
In den Nachmittagsstunden des 23. Mai 1991 starb Wilhelm Kempf in der »Casa Orfeo«; unmittelbar nach seinem Tod trat er seine letzte Reise nach Schloss Wernstein in Oberfranken an, wo er in der Halle der Burg aufgebahrt wurde. In der Nähe des Schlosses hat die Familie der Freiherren von Künssberg einen privaten Waldfriedhof, auf dem auch Wilhelm Kempffs Mutter und seine Frau ihre letzte Ruhe gefunden hatten - hier ruht nun auch einer der letzten Vertreter der Musiktradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Praktische Hinweise:
Schloss Wernstein liegt in 95336 Markt Mainleus, es handelt sich hier um den Zusammenschluss vieler früher selbständiger Gemeinden.
Der private Waldfriedhof befindet sich in einiger Entfernung vom Schloss. Der Weg dorthin führt vom Schlosseingang aus nach links Richtung Schmeilsdorf (Fahrstraße). Als Fußgänger folgt man dieser Straße etwa 150 Meter und nimmt dann den nächstmöglichen Feldweg, der nach rechts in den Wald führt.


Ein des Weges kommender Wanderer vermutet hinter dieser Einzäunung wohl kaum einen Friedhof ...


Teilansicht von Schloss Wernstein

hart

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543

Samstag, 26. Mai 2018, 20:55

Paul Sacher - * 28. April 1906 in Basel - † 26. Mai 1999 Basel


Zum heutigen Todestag von Paul Sacher



Paul kam zwei Monate zu früh zur Welt und beinahe wäre aus dem Frühstarter ein Kurt geworden, denn diesen Namen hatte seine Mutter für ihren Erstgeborenen ausgesucht, aber dem Kindesvater klang dieser Name zu Deutsch, auf dem Weg zum Standesamt beschloss er eigenmächtig seinen Sohn als Paul Oswald Sacher eintragen zu lassen, weil er zu der Ansicht gelangt war, dass Paul sich in Französisch und Englisch besser aussprechen lässt.
Dieser Vorgang ist unter dem Aspekt besonders beachtlich, dass Anny Sacher in dieser Ehe »die Hosen anhatte«, wie man landläufig zu sagen pflegt.
Anny Sacher hatte das Schneiderhandwerk erlernt und nahm gezielt eine Stelle in Fribourg an, um dort ordentlich Französisch zu lernen, danach ging sie für einige Zeit als Kindermädchen nach England. Krankheitsbedingt kehrte sie in die Schweiz zurück, wo sie Oswald August Sacher, Pauls Vater, kennen lernte, was bei Annys Vater keine Freude auslöste denn der tobte:
»Bisch e schöni Chueh! Jetz bisch achtezwanzig und hesch de Ärmschti gnoh.« (Du bist eine schöne Kuh! Jetzt bist du achtundzwanzig und hast die den Ärmsten ausgesucht).
Pauls Vater war Speditionskaufmann und hatte durchaus Anlagen etwas in seinem Beruf zu werden, aber absolut keinen Ehrgeiz. Vorerst trug Anny Sacher mit ihrem eigenen Schneideratelier zum Familieneinkommen bei. Anny war äußerst geschäftstüchtig und hatte inzwischen einige Näherinnen angestellt, aber für den kleinen Paul hatte sie kaum Zeit.
1912 kam Pauls Schwesterchen Nelly zur Welt, was für Paul bedeutete, dass sich seine Großmutter nun verstärkt der Kleinen zuwandte und seine Mutter hatte nach wie vor keine Zeit, aber sie bot ihm die bestmöglichen Bedingungen, dass er lernen konnte.
Paul zog sich zurück und erschuf sich seine eigene Welt, er war sechs Jahre alt und hatte zur Musik noch keinerlei Bezug, denn seine Eltern verfügten weder über Radio noch Grammophon; sie gingen auch nicht in Konzerte; die Kammermusiksoirées gehörten nicht zum Arbeiterklassenleben der Sachers. Der erwachsene Paul Sacher sagte einmal ironisch: »Es gab keine erbliche Belastung«.

Dennoch hatte er einmal die Bach-Passionen im Basler Münster gehört, die ihn beeindruckten und irgendwie sehnte sich das Kind nach Musik und es entstand der Wunsch nach einer Geige, die er zu seinem sechsten Geburtstag erhielt; eine wohlhabende Tante bezahlte den Geigenunterricht, der bei einem Violinisten aus dem städtischen Symphonieorchester stattfand.
Paul fand den Klang des Instruments faszinierend, aber schon im Kindesalter war ihm klar geworden, dass er nie ein Violinvirtuose werden wird. Mit sechs Jahren wurde er eingeschult, die Mitschüler waren schon sieben und die Klassenstärke betrug so um die fünfzig Schüler.
Als Paul lesen konnte, tat sich für ihn eine neue Welt auf; wie er sich erinnerte, störten jetzt die Erwachsenen nur noch.
Dann störte der Beginn des Ersten Weltkriegs, von Basel aus konnte man sehen und hören wie sich Deutsche und Franzosen bekriegten; da war auch die Lebensqualität der Schweizer erheblich eingeschränkt, aber Anny sorgte stets dafür, dass ihre Familie nicht hungern musste.
Einen tiefen Einschnitt in die familiären Verhältnisse gab es, als Pauls Vater - praktisch über Nacht - urplötzlich religiös wurde und niemand wusste, was der Auslöser dazu war; er sprach nun stundenlange Tischgebete; der Erwachsene Paul Sacher vermutete bei der Sacher-Linie einen Hang zur Depression.

Nachdem Paul im Frühjahr 1916 die Primarschule verlassen hatte, musste entschieden werden, welche weiterführende Schule er nun besucht. Die Mutter befürchtete, dass ihr Sohn danach strebt Geiger zu werden, was sie für brotlose Kunst hielt und als Paul sagte, dass er eigentlich eher daran denke Dirigent zu werden, war Anny eher noch mehr beunruhigt.

Für Paul gab es da keine Wahlmöglichkeiten aus den drei angebotenen Schultypen etwas herauszusuchen, das entschied nämlich Anny; es war die von ihm am wenigsten geliebte auf Naturwissenschaften und Mathematik spezialisierte Realschule, die von Jungs besucht wurde, die Ingenieure und Wissenschaftler werden wollten.
Paul Sacher war ein erfolgreicher Schüler und brachte überdurchschnittlich gute Zeugnisse nach Hause, erhielt aber von seiner Mutter deswegen kein Lob, sie meinte, dass man seine Sache gut macht sei selbstverständlich.
Seinen täglichen schulischen Pflichten entledigte er sich möglichst rasch, um sich noch der Geige zuzuwenden und pro Tag ein Buch zu lesen.

Nelly, Pauls Schwester, bekam, als der Krieg zu Ende war, ein Klavier, aber Paul dachte nicht daran auch darauf zu spielen. Er empfand das Klavier als ein schreckliches Instrument, weil es aus seiner Sicht keinen noblen und schönen Klang hat - viel schöner empfand er Orgel oder Cembalo. Ihm war bewusst, dass ein Dirigent eigentlich Klavierspielen können muss; er hätte ja ohne diese Kenntnisse an keinem Theater arbeiten können, aber Sacher fand einen Weg ...

Als Sechzehnjähriger konnte er seinen Wunsch klar artikulieren; er wollte Dirigent werden. Während seiner Schulzeit hatte er nur wenig Musik gehört, weil diese damals ja nicht so einfach zugänglich war, wie das heute der Fall ist. Deshalb machte er sich zwei Jahre vor seinem gymnasialen Abschluss auf die Suche nach jemand, der ihm weiterhelfen konnte. Sacher wandte sich an den Basler Komponisten und Lehrer für Musiktheorie Rudolf Moser.
Zwei Jahre lang erteilte ihm Moser Unterricht, trainierte sein musikalisches Gehör und unterwies ihn in Kontrapunkt und Harmonielehre. Ganz billig waren Mosers Stunden nicht zu haben, also betätigte sich Paul Sacher ebenfalls pädagogisch und erteilte Nachhilfeunterricht.

Im Frühjahr 1924 wurde bei Sacher Tuberkulose festgestellt, während seiner gesamten Kindheit hatte er an Atemwegserkrankungen gelitten; ein Kuraufenthalt in Arosa wurde notwendig. Das Heimleiter-Ehepaar hatte drei Töchter, prompt verliebte er sich in Lili ... und binnen kurzer Zeit wurde er zum Mittelpunkt. Er hielt Lesungen bei Kerzenschein und gründete ein kleines Orchester.
Auch an seiner Schule gründete er zwei Jahre vor der Matura ein Orchester; schlagartig war sein Name an der Schule ein Begriff. Im Herbst 1922 begannen die Proben; am 10. November war das erste Konzert mit anspruchsvollem Programm. Wer im eleganten Saal des Restaurants »Zur Post« dabei sein wollte, musste 1,10 Franken berappen, das war der doppelte Preis einer Kinokarte. Das Konzert war ausverkauft. Es gab danach noch zwei Konzerte. Irgendjemandem war es gelungen sogar einen Kritiker der weitverbreiteten »Neuen Basler Zeitung« zu einem dieser Konzerte zu locken - dieser schrieb:

»Herr Sacher ist mit Ernst bei seiner Aufgabe und hat seine Spieler fest in der Hand. Die Disziplin war gut, die Intonation rein, und aus allem spürte man das rassige, frische Temperament des Dirigenten.«

1924 hatte Paul Sacher seine Matura in der Tasche und konnte sich an der Basler Universität einschreiben. Die Grundlage seiner Studien bildete zwar die Musikwissenschaft, aber der junge Student belegte dazu noch viele andere Fächer und besuchte auch Vorlesungen in Geschichte, Nationalökonomie und Jura. Er studierte sein Hauptfach durchaus mit Interesse, machte aber nie einen Abschluss.
Zur Begründung gab er an, dass dies am Dissertationsthema lag, das ihm sein Professor gegeben hatte: »Das oder jenes über Beethoven«; das Thema der Dissertation berührte in einfach nicht.
Sacher hatte sich gleichzeitig am Basler Konservatorium eingeschrieben und spielte dort im Schülerorchester Geige.

Felix Weingartner, Liszt-Schüler und der Nachfolger Gustav Mahlers an der Wiener Hofoper, kreuzte nun auf seine alten Tage in Basel auf. Wenn er Meisterkurse gab, kamen die Leute aus der ganzen Welt, um daran teilzunehmen. Einer der Teilnehmer war natürlich der »dirigiersüchtige« Sacher. Aber so einfach war das nicht zu bewältigen, denn wer an diesen Kursen teilnahm musste Klavier spielen können. Auf die Problematik wurde schon hingewiesen; so gesehen musste Sacher eigentlich außen vor bleiben, denn die Kursteilnehmer mussten aus der Partitur spielen können. Aber Weingartner hatte von den Bemühungen des jungen Mannes um die moderne Musik gehört und ließ ihn deshalb seinen Dirigentenkursen beiwohnen. Leute, die Sacher näher kannten, glaubten, dass er sich da einiges bei Weingartner abgeschaut hat, was Sacher jedoch nicht gelten lassen wollte.

Mit einem großen Orchester konnte Sacher eigentlich nichts Rechtes anfangen, er brauchte ein intimeres Orchester in der Größe, für die Paul Hindemith und Arnold Schönberg schon Sachen komponiert hatten. Heute ist das eine ganz andere Musiklandschaft als damals, unsere Zeit kennt eine Vielzahl von Kammerorchestern, das gab es so nicht und Sacher war zu der Ansicht gelangt, dass man so etwas neu erschaffen müsse.
Zwar hatte sich sein Klassenorchester am Ende der Schulzeit aufgelöst, aber einige seiner Ehemaligen waren durchaus gewillt unter seinem Dirigat weiterzumachen. Auf der Suche nach zusätzlichen Instrumentalisten lernte er Annie Tschopp kennen, die nur wenige Monate jünger war als Paul Sacher. Die junge Dame hatte auf der Töchterschule in Basel ebenfalls ein Klassenorchester geleitet und wollte dieses erhalten.
Ende August 1925 konstituierte sich das Orchester junger Basler als Verein. Annie Tschopp hatte einen anderen familiären Hintergrund als Sacher, sie bewohnte in ihrem Elternhaus, das fünf Stockwerke hoch war, eigene Räume. Familie Tschopp verkehrte in einem gehobenen Milieu, was Annie, die ebenfalls der zeitgenössischen Musik nahe stand, die Möglichkeit gab in diesen Kreisen entsprechend zu werben.
Der 4. November 1926 war das Gründungsdatum des Basler Kammerorchesters. Die Sache war gründlich vorbereitet, der Presse wurden entsprechende Informationen anhand gegeben.
Das Orchester hatte sich gegründet, um zeitgenössische und frühe Musik aufzuführen.
Aber wenn Bach, Mozart, Haydn oder Händel auf dem Programm standen, hat Sacher immer unbekannte Sachen dieser Komponisten ausgewählt, er suchte stets die vergessenen Stücke.
Sacher sah, dass die Konzentration der üblichen Orchesterprogramme auf die Musik des 19. Jahrhunderts den Komponisten seiner Ära nur wenige Chancen boten aufgeführt zu werden.
Im Januar 1927 trat das Basler Kammerorchester in der Martinskirche zu Basel erstmals vor die Öffentlichkeit. Der erste Programmteil war den unbekannten Stücken einiger Klassiker vorbehalten, im zweiten Teil erfolgte eine Weltpremiere, es war die »Suite für Violoncello und Kammerorchester« op. 35; der Komponist dieses Werks war Paul Sachers Lehrer Rudolf Moser. Alle Kritiken zu diesem Konzert waren positiv ausgefallen.

Paul Sacher stand nun selbständig im Leben, aber so ganz doch nicht, denn seine Mutter beklagte sich, dass er sich zuhause wie ein Hotelbesucher verhalte.
Als Musiker des BKO war man arm dran, alle Musiker einschließlich des Dirigenten verrichteten ihren Dienst fast zehn Jahre lang ohne Bezahlung. Aber auch wenn die Musiker kein Geld bekamen, entstanden dem Orchester Kosten. Sacher gelang es aber Leute in die Vorstandschaft zu bringen, die Geld hatten und sich großzügig zeigten.

Aber auch der noch arme Sacher vergab schon Aufträge an Komponisten, deren Lohn bestand darin, dass das BKO die komponierten Stücke an die Öffentlichkeit brachte. Zuerst waren das nur Schweizer Komponisten, aber allmählich kamen auch Werke Fortners und Hindemiths in Basel zur Aufführung, so zum Beispiel Paul Hindemiths »Das Marienleben« und wenig später noch weitere Werke von Hindemith, bei denen dieser selbst als Bratschensolist tätig wurde.
Zeitgenossen Sachers berichten, dass rhythmische Elemente eine ganz besondere Vorliebe Sachers waren. Dirigierte er alte Musik, so konnte man schon mal Stimmen hören, die von »eiskalt« sprachen und Sacher nur zugestanden, dass er »nichts weiter als ein Organisator« sei.
1929 brachte Sacher zum ersten Mal Arthur Honeggers »König David« in Basel zur Aufführung, ein Riesending, bei dessen Bewältigung auch Organisationstalent gefragt war.

Aus Gründen der Geldknappheit wurde Sacher 1925 Chordirigent; aus seiner damaligen Perspektive war die Bezahlung fürstlich, aber die Tätigkeit war ihm ein Gräuel, er fand es langweilig, mit einem Laienchor etwas einzustudieren.
Ende der 1920er Jahre weitete das BKO seine Aktivitäten aus und konzertierte auch außerhalb der Schweizer Grenze und Sacher dirigierte 1930 das Orchestre Chambre de Lausanne in der Schweiz und das Göteborger Symphonieorchester in Schweden.

Die Frau von Felix Weingartner hatte Paul Sacher im Sommer 1930 darum gebeten, dass das BKO auf der Geburtstagsparty ihres Mannes spielen möge. Beim Geburtstagsmenü nach dem Konzert hatte Frau Weingartner Paul Sacher so platziert, dass die Frau von Dr. Emanuel Hoffmann, Maja Hoffmann-Stehlin, zu seiner Rechten saß.
Maja war Bildhauerin und sammelte zeitgenössische Kunst: Marc Chagall, Max Ernst, Pablo Picasso ... man kam gut ins Gespräch und es entwickelte sich eine Freundschaft zwischen Paul Sacher und den Hoffmanns, der bald regelmäßiger Gast im Lilienhof, dem feudalen Wohnsitz der Hoffmanns, war.
Am Abend des 3. Oktober 1932 verunglückte Emanuel Hoffmann-Stehlin beim Überqueren eines Bahnübergangs tödlich, ein Zug hatte sein Auto erfasst. Als Sacher am nächsten Tag von dem Geschehen erfuhr, ging er unverzüglich zu Maja, um der Witwe beizustehen, die im Folgenden noch mehr zu ertragen hatte, nur wenige Monate nach dem Unglück erkrankte ihr dreizehnjähriger Sohn an Leukämie und starb ein Jahr nach seinem Vater.
Im Juni 1934 heiraten Paul Sacher und Maja Hoffmann-Stehlin. Er war achtundzwanzig, sie achtunddreißig. Freunde des Paares erhielten erst kurz vor der Hochzeit eine Nachricht.
Unmittelbar nach der Hochzeit unternahm Paul Sacher mit seiner Frau eine fast einjährige Reise, die sie um die halbe Welt führte.

Für einige Damen in Paul Sachers bisherigem Leben war diese Nachricht eine unangenehme Überraschung, für manche sogar ein Schock. Eine ganz wichtige Person auf diesem unmusikalischen Gebiet war Romana Segantini, eine Enkelin des Schweizer Malers Giovanni Segantini. Sacher hatte Romana im Sommer 1925 kennen gelernt; er war neunzehn, sie zwei Jahre jünger. Diese Freundschaft endete erst mit Romanas Tod 1992. Bei ihrer Beerdigung wurde in der Kirche in Maloja ein riesiges Gebinde blassrosa Rosen abgegeben; daran steckte eine Karte auf der nur der Name Paul Sacher stand. Keiner in ihrer Familie hatte jemals gehört, dass sie diesen Namen aussprach.

Natürlich traten nach dieser Eheschließung Neider mit entsprechend gehässigen Kommentaren auf den Plan, aber da waren kaum Musiker dabei, denn diese konnten am besten einschätzen, was der Dirigent vor seiner reichen Heirat alles ohne einen solchen monetären Hintergrund geschaffen hatte.

Nun konnte Sacher dank seines neuen Vermögens seine Kompositionsaufträge ordentlich bezahlen und es war jetzt auch nicht mehr notwendig, dass die Musiker nur aus Freude an der Musik spielten - zumindest meinte das Annie Tschopp, wogegen Sacher von Bezahlung nichts wissen wollte. Mit einem großen Knall trat Anni Tschopp aus dem Orchester aus. Erst viele, viele Jahre später näherte man sich wieder etwas an; spät in seinem Leben gab Sacher an, dass er ihr gegenüber ein schlechtes Gewissen habe. Die Musiker bekamen nun zwar etwas Geld, aber diesbezüglich darf man Sacher als knausrig bezeichnen.

Mit der Schola Cantorum Basilensis gründete Sacher 1933 ein privates Lehr- und Forschungsinstitut für alte Musik. Eine beachtliche Sammlung alter, gepflegter Musikinstrumente wurde dem Institut leihweise zur Verfügung gestellt.

1936 hatten sich Sacher mit seiner Frau, in deren Adern Architektenblut floss, ein neues Haus erbauen lassen, das keine Wünsche offen ließ, auch Paul Sachers Eltern wurden nicht vergessen, sie verfügten jetzt über ein eigenes Haus mit Dienstpersonal.

In den 1950ger, sechziger und siebziger Jahren war Sacher in vielen europäischen Ländern als Gastdirigent gefragt und er arbeitete mit bedeutenden Orchestern wie dem Royal Philharmonie Orchestra in London oder dem Mozarteum Orchester in Salzburg. In seinen Programmen erschienen immer wieder Werke, die er selbst in Auftrag gegeben hatte. Zum einen liebte er es, Werke zu dirigieren, bei denen er die Autorität des Komponisten hinter sich hatte, und zum anderen wich er damit elegant der Gefahr aus, zu seinen Ungunsten mit Vorgängern wie Weingartner oder Zeitgenossen wie Herbert von Karajan oder Sergiu Celebidache verglichen zu werden. Sacher hatte sich einen Ruf erworben, der namhafte Komponisten veranlasste ihm die neu geschaffenen Kompositionen anzuvertrauen.
Eine fruchtbare Zusammenarbeit ergab sich mit Strawinsky, den er schon 1930 kennenlernte und Béla Bartók. Letzterer reiste als Gast der Sachers an, um an der beauftragten Komposition zu arbeiten. Seit Jahren mietete Maja Sacher in den Sommermonaten in den Berner Alpen ein Chalet, in dem nun Bartók im Sommer 1939 arbeitete, zu diesem Zweck, hatte man aus Bern ein Klavier ins Chalet bringen lassen.
Andere Komponisten kamen nach Schönenberg; Arthur Honegger wohnte zum Beispiel mit seiner Familie fast ein ganzes Jahr dort und jahrelang hieß eines der Zimmer im Haupthaus »Pierres Zimmer«, weil Pierre Boulez dort so häufig übernachtete.

Aber die Musik spielte auch in der Firma - im Mai 1938 trat Paul Sacher in den Verwaltungsrat des pharmazeutischen Unternehmens F. Hoffmann-La Roche ein. Und er tat das nicht etwa widerwillig, sondern war von dieser ganz anderen Welt fasziniert.
1944 erfolgte dann eine ganz andere Berufung, die von der Schweizer Regierung ausging, Sacher wurde in die Kulturstiftung Pro Helvetia berufen, wo er fünfzehn Jahre mitwirkte und einen enormen Einfluss ausübte; seine Dominanz in diesem Gremium war nicht zu übersehen. Selbstverständlich nutzte er seine wachsende Autorität, um die Arbeit seiner Komponistenfreunde zu fördern. Aber er förderte auch Strauss - der natürlich überhaupt nicht zum Kreis der von Sacher favorisierten Musiker passte - als dieser mittellos in der Schweiz auftauchte. Auf der Bettkante von Frau Strauss sitzend, wurde das Werk »Metamorphosen« von Sacher in Auftrag gegeben. Es kostete fünftausend Franken, für den gleichen Betrag erwarb Sacher dann sukzessive noch das von Strauss eigenhändig abgeschriebene Manuskript und etwas später auch noch das Original, also summa summarum 15. 000 CHF.

»Sie war ein faszinierendes Weibsbild: schön, rassig, feingliedrig, gescheit, gebildet, musikalisch begabt - eine außergewöhnliche Frau.« So beschreibt Paul Sacher Nina von Faber-Castell; seine Affäre mit ihr dauerte immerhin drei Jahrzehnte und die Dame war verheiratet und hatte Kinder, denen Onkel Paul ganz sympathisch war.
In dieser Beziehung wurde auch Paul Sacher Vater, Maja blieb diese Beziehung über Jahre hinweg verborgen.

In den 1960er Jahren und danach hatte das Wirken Sachers eine weltweite Bedeutung erlangt, weil er bei einer Menge zeitgenössischer Werke Pate war. Persönlich hatte er so um die hundert Musikstücke in Auftrag gegeben und bis auf wenige Ausnahmen, auch selbst uraufgeführt.
Dank seiner finanziellen Ressourcen konnte man bei Sacher mitunter auch Arroganz und Selbstherrlichkeit bemerken und zum Teil hatte man Angst vor ihm. So wurde schon mal ein kritisch gehaltener Zeitungsartikel nicht gedruckt oder eine geplante Radiosendung nicht ausgestrahlt.

Die Paul Sacher Stiftung wurde 1973 zunächst mit dem Ziel der Bewahrung der musikalischen Bibliothek von Paul Sacher gegründet. Mit der einige Zeit später einsetzenden systematischen Erweiterung der Bestände wandelte sich diese Aufgabe. Mit rund hundert Nachlässen und Sammlungen von bedeutenden Komponisten und Interpreten bildet die Stiftung heute ein internationales Forschungszentrum für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts.

Im privaten Bereich hatte sich die Beziehung zu Nina stark eingetrübt.1974 lernte Sacher eine Ärztin aus Norddeutschland kennen, die als Assistenzärztin an ein Krankenhaus in Basel gekommen war; sie war 33 Jahre alt und hieß Irma, hatte rotblondes Haar und grüne Augen; Sachers Interesse war geweckt. Es war wieder einmal der Beginn einer heimlichen Affäre, die auch dem engen Umfeld über Jahre verborgen blieb. Und Irma wollte unbedingt ein Kind, wogegen sich der inzwischen 75-jährige Sacher vehement wehrte, auch mit dem Argument, dass er bereits zwei Töchter habe, die nicht seinen Namen tragen. Irma hielt an ihrem Kinderwunsch fest, 1981 wurde Paul Sacher Vater eines Sohnes.
Zu keinem Zeitpunkt hatte Paul Sacher die Absicht sich von Maja scheiden zu lassen. Irma erkrankte schwer und hatte keine Überlebenschance und mit Nina und Maja stand es auch nicht zum Besten; Paul Sacher, dem in seinem Leben so viel gelungen ist, war stark angeschlagen und zog sich immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Nach sechzig Jahren hatte er dann den Entschluss gefasst sein Orchester aufzulösen.
Irma begleitete ihren Paul im Juni 1988 nach Oxford, wo er mit Doktorwürden ausgezeichnet wurde, es war der letzte gemeinsame öffentliche Auftritt der beiden; Irma starb Anfang November 1988. Maja Sacher-Hoffmannstarb am 8. August 1989. Nina, mit der er in den letzten Jahren keinen regelmäßigen Kontakt mehr hatte, starb 1994.

Es war angedacht, dass Jean Tinguely, ein von Maja seit langem verehrter Künstler, der später auch mit Paul Sacher befreundet war, eine Skulptur für Irmas Grabstätte schaffen sollte, und diese Grabstätte war auch für Paul Sacher vorgesehen. Tinguely hatte an etwas Bewegliches gedacht, aber Sacher wollte weder Bewegung noch Geräusche an seinem Grab; er meinte: »nach dem Tod ist alles still, nichts bewegt sich.« Jean Tinguely starb 1991, man konnte die Diskussion nicht mehr zu Ende führen ...

Es kam dann ganz anders, plötzlich teilte Paul Sacher seinem Sohn mit, dass er sich eine Grabstätte auf einem anderen Friedhof gekauft hat. Dort ruht er nun alleine, unweit des Familiengrabes der Hoffmanns, in dem auch Maja Sacher begraben ist.

Praktische Hinweise:
Das Grab befindet sich im Gräberfeld 11
Am besten benutzt man den Eingang am Grenzacherweg, von dort aus geht man etwa 250 Meter nach links


Der Haupteingang des Friedhofs am Hörnli in Basel - von hier aus muss man zum Grab nach ganz hinten laufen und dann nach rechts.





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hart

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544

Samstag, 16. Juni 2018, 12:28

Karl Liebl - *16. Juni 1915 - † 19. Januar 2007 Wiesbaden


Zum heutigen Geburtstag von Karl Liebl



Mitte Dezember 1959 sang Birgit Nilsson an der »Met« erstmals die Isolde. Zehn Tage nach diesem Debüt stand wieder »Tristan und Isolde« auf dem Spielplan, und die Erinnerung an diese denkwürdige Aufführung währt bis heute.
Die Zeitungen schrieben: »Schwedische Isolde verbraucht pro Akt einen Tristan« - einer davon war Karl Liebl, die beiden anderen Ramón Vinay und Albert da Costa.
Der Tristan für Akt I war Ramón Vinay; für Akt II, Karl Liebl; und für Akt III, Albert da Costa.
In der Literatur ist überliefert, dass sich alle drei Tenöre aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage gesehen hätten die drei Akte durchzustehen. In dieser Situation soll Rudolf Bing, der legendäre Chef der »Met«, die drei Tenöre dazu überredet haben, dass jeder der Herren einen Akt übernimmt. Karl Liebl selbst vermutete später, dass das auch ein wohlinszenierter PR-Gag von Direktor Bing gewesen sein könnte.
Insgesamt 57 Vorstellungen sang Karl Liebl in New York und 27 an der Wiener Staatsoper. Er gastierte unter anderem in München, Hamburg, Stuttgart, Berlin, London, Brüssel, Bordeaux, Chicago, Baltimore, Toronto, Rom und Venedig, vorwiegend mit Wagner-Partien.
Seine Stimme ist auf Schallplatten und CDs noch zu hören.

Geboren wurde Karl Liebl in einem kleinen Ort im Chiemgau. Als der Zweite Weltkrieg beendet war, ließ sich Karl Liebl zunächst zum Volksschullehrer ausbilden und übte diese Tätigkeit dann auch in seiner bayrischen Heimat aus. Da er im Besitz einer überdurchschnittlichen Singstimme war, konnte er sich auch vorstellen diese Anlagen zu entwickeln und studierte neben seiner pädagogischen Tätigkeit bei dem bekannten Bassisten Paul Bender Gesang. In seiner Soldatenzeit hatte Liebl nämlich den Sohn von Paul Bender kennengelernt.
Weitere Studien betrieb er bei Franz Hallasch in München und Albert Mayer in Augsburg. Auch Karl Liebl hatte der Krieg viel Zeit geraubt, sodass er erst mit 35 Jahren auf der Bühne stand; in seinem Falle war das die Bühne des Stadttheaters in Regensburg. Aber dort sang er dann nicht etwa zwei Sätze als dritter Geharnischter, sondern den Radames in »Aida« und Riccardo im »Maskenball«. Nach Verdi näherte er sich dann schon Wagner und sang den Siegmund in der »Walküre« - an etwa fünfzig Abenden stand er in Regensburg auf der Bühne.

1951 kam dann schon ein großer Sprung ans Staatstheater nach Wiesbaden, wo er ein wichtiges Ensemblemitglied war und fast vierhundert Mal auf der Bühne stand. In den Jahren 1956 bis1959 war er am Kölner Opernhaus zu hören wo am 18. Mai 1957 das neue Riphan-Opernhaus mit Carl Maria von Webers »Oberon« eröffnet wurde. Karl Liebl sang den Hüon und Leonie Rysanek wird überraschend seine Bühnenpartnerin.

Liebls Stimme entwickelte sich immer mehr in Richtung Heldentenor, der ganz besonders im Wagner-Fach gefragt ist. An der Wiener Staatsoper sang er von1956 bis 1960 Stolzing, Siegmund, Tannhäuser und Tristan, aber auch Florestan in »Fidelio« und »Palestrina«.
Unter dem Dirigat von Karl Böhm singt Liebl an der WSO am 17. Mai 1958 in der Erstaufführung von Hindemiths »Mathis der Maler« die Rolle des Albrecht von Brandenburg.

Wer an der Wiener Staatsoper erfolgreich sang, hatte schon immer auch in New York seine Chance, so auch Karl Liebl, natürlich im deutschen Fach. Seine Debütrolle an der »Met« war der Lohengrin.
Bis 1968 ist er dort in Partien wie dem Tristan, dem Walther von Stolzing in den »Meistersingern«, dem Erik im »Fliegenden Holländer«, dem Loge, dem Siegmund und dem Siegfried im Nibelungenring, dem Parsifal und dem Herodes in »Salome« von Richard Strauss aufgetreten.

Ab 1967 übernahm Karl Liebl am Peter-Cornelius-Konservatorium Mainz die Gesangsklasse Ewald Böhmer. 1969 wechselte er als Dozent für Musikerziehung ans Hochschulinstitut für Musik der Johann-Gutenberg-Universität Mainz. Im Oktober 1978 wurde er zum Professor ernannt.

Praktischer Hinweis:
Das Grab befindet sich in Wiesbaden auf dem Friedhof Sonnenberg, Flandernstraße 10
Man geht vom Eingang aus etwa 40 Meter zum Gebäude, dann wendet man sich 50 Meter nach rechts und findet das Grab im Gräberfeld 10

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Einen besonderen Hörgenuss darf man von dieser CD nicht erwarten, es klingt so als hätte man einfach ein Mikrofon vom Schnürboden herunter in die Szenen gehängt, man bekommt das ganze Bühnengepolter mit.
Aber - man kann auch heraushören, dass das wahrscheinlich das Publikum begeisternde Abende in den 1960er Jahren am Staatstheater Wiesbaden waren, denn eine hörenswerte Stimme war da, das ist unverkennbar.

Stimmenliebhaber

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545

Samstag, 16. Juni 2018, 13:22

Er gastierte unter anderem in
Berlin

An der Staatsoper Berlin gastierte Karl Liebl:
- 2x als Siegfried (im "Siegfried") am 9. Oktober 1957 und am 18. November 1959 (unter der Musikalischen Leitung von Franz Konwitschny bzw. Hans Knappertsbusch neben Gertrude Grob-Prandl bzw. Helena Braun als Brünnhilde, Margarete Klose bzw. Maria von Ilosvay als Erda, Ina Faßbaender bzw. Jutta Vulpius als Waldvogel, Gerhard Stolze als Mime, Rudolf Gonszar als Wanderer, Frans Andersson als Alberich und Gerhard Frei als Fafner)
- 3x als Lohengrin am 25. Oktober 1959, 22. Mai 1960 und 16. April 1961 (unter der Musikalischen Leitung von Horst Stein neben Ruth Keplinger bzw. 2x Brünnhild Friedland als Elsa, Irmgard Klein bzw. 2x Sigrid Ekkehard als Ortrud, Frans Andersson als Telramund und Theo Adam als König Heinrich)
- 1x als Tristan am 19. Feburar 1966 (unter der Musikalischen Leitung von Otmar Suitner neben Ludmila Dvorakova als Isolde, Annelies Burmeister als Brangäne, Theo Adam als König Marke und Antonin Svorc als Kurwenal)
- 2x als Tannhäuser am 8. April und 4. September 1966 (unter der Musikalischen Leitung von Heinz Fricke neben Elisabeth Rose als Elisabeth, Ludmila Dvorakova bzw. Ingrid Steger als Venus, Robert Lauhöfer bzw. Rudolf Jedlicka als Wolfram und Gerhard Frei bzw. Theo Adam als Landgraf).
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

Inhalten aller Art in Beiträgen anderer in diesem Forum stimme ich hier ausdrücklich nur dann zu, wenn ich ihnen in Antwortbeiträgen ausdrücklich zustimme! ;)

hart

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546

Samstag, 16. Juni 2018, 14:08

Eine schöne detaillierte Ergänzung, die natürlich nur ein Berliner Insider liefern kann - merci beaucoup!

hart

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547

Gestern, 14:54

Charles Gounod - * 17. Juni 1818 Paris - † 18. Oktober 1893 Saint-Cloud

Zum 200. Geburtstag von Charles Gounod





Charles Gounod ist heute vor allem als Komponist der Opern »Faust« und »Roméo et Juliette« sowie des sehr bekannten, als »Ave Maria« bearbeiteten Méditation sur le 1er prélude de piano de Johann Sebastian Bach bekannt. Die Tatsache, dass Gounod vor allem als Komponist dieser drei populären Stücke Berühmtheit erlangte, drängen sein umfangreiches Œuvre, das er in allen Gattungen erarbeitet hat, leider etwas in den Hintergrund. Den eigentlich zentralen Schwerpunkt im Schaffen Gounods bilden seine kirchenmusikalischen Werke, deren Umfang die aller anderen französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts weit übertrifft.

In Charles Gounods Adern floss reinstes Künstlerblut; sein Vater war Maler, die Mutter Pianistin. Charles Mutter musste nach dem frühen Tod ihres Mannes die Kinder alleine durchbringen. Obwohl er schon recht früh von seiner Mutter in Musik unterwiesen wurde, war es nicht ausgemacht, dass er einmal ein berühmter Komponist werden wird.
Als Charles' Schuldirektor die Mutter auf das außergewöhnliche musikalische Talent ihres Sohnes ausdrücklich hinwies, war sie einverstanden, dass er nicht, wie sie es erhofft hatte, die Juristenlaufbahn einschlug, sondern die Aufnahmeprüfung für das Konservatorium absolvierte.

Nach dem häuslichen Unterricht studierte er zunächst privat, bei Anton Reicha, einem Musiker, der immerhin schon zusammen mit Beethoven in einem Orchester gespielt hatte.
Ab 1835 - manche Quellen nennen 1836 - ist er dann ordentlicher Student am Pariser Conservbatoire, wo er von Jacques Fromental Halévy in Kontrapunkt und Jean-François Lesueur in Komposition unterrichtet wird; als Lesueur dann 1837 stirbt, studiert Gounod noch für kurze Zeit bei Ferdinando Paër.
In den meisten Darstellungen von Gounods Werdegang heißt es lapidar »1839 erhielt er den Prix de Rome«; dazu sei ergänzt, dass es dazu dreier Anläufe bedurfte, aber so außergewöhnlich ist das nun wieder auch nicht. Auch Debussy errang - gute vier Jahrzehnte später - erst nach aufreibendem Procedere diesen Preis und war da gar nicht glücklich darüber und empfand den Aufenthalt in der Villa Medici als »Zwangsarbeit«. Nach zwei Jahren brach Debussy diese Exkursion vorzeitig ab. Dieses Rom-Stipendium war ja keine rein touristische Veranstaltung, die Stipendiaten sollten in der Villa frei arbeiten können und etwas Vorzeigbares nach Hause bringen.
So gesehen war Gounod ein Musterstipendiat. In Rom besuchte er regelmäßig die Sixtinische Kapelle, wo er mit der Musik Palestrinas und Bachs vertraut wurde.
Und er traf die Hensels, wobei sich Gounod auch etwas in die musikalisch versierte Fanny verguckt hatte, die wenig von der italienischen Musik hielt. Fanny Hensel musiziert und diskutiert stundenlang mit Gounod und Georges Bousequet. Fanny spielt Bach rauf und runter, auswendig, denn sie hat keine Noten dabei. Sie spielt auch Beethoven, »Fidelio« und »Waldsteinsonate« - für die Franzosen eine ganz neue Musik; und Fanny berichtet:
»Gounod ist auf eine Weise leidenschaftlich über Musik entzückt, wie ich es nicht leicht gesehen. Mein kleines venezianisches Stück gefällt ihm außerordentlich.«
Auf jeden Fall hat Gounod das C-dur Präludium von Bach durch Fanny kennen gelernt ...Seine tiefe Religiosität fand in vielen kirchenmusikalischen Werken Ausdruck, wenn auch deren Erfolg insgesamt hinter dem seiner Bühnenwerke zurücksteht.

Beinahe wäre Charles Gounod katholischer Pfarrer geworden, aber die Tochter eines Klavierprofessors am Conservatoire hatte ihn offensichtlich auf andere Gedanken gebracht, 1852 heiratete er Anne Zimmerman.
Noch vor seiner Heirat war Charles Gounod als Opernkomponist in Erscheinung getreten; am 16. April 1851 wurde sein Erstlingswerk »Sapho« in Paris aufgeführt. Die berühmte Sängerin Pauline Viardot hatte Gounod dazu gedrängt eine Oper zu schreiben und zog dann auch alle Register, damit daraus auch etwas werde, aber da waren dann letztendlich so viele Imponderabilien, dass man unterm Strich sagen muss, dass dieser ersten Oper Gounods, der dann noch elf folgen sollten, kein Erfolg beschieden war.
Pierre-Joseph-Guillaume Zimmerman, der Schwiegervater Gounods, ließ seine Beziehungen spielen, damit sein Schwiegersohn Leiter des »Orphéon de la Ville de Paris«, des größten Männerchores der Stadt, werden konnte; er war auch für den Vokalunterricht an den öffentlichen Pariser Schulen zuständig. Diese Tätigkeit übte Gounod bis 1860 aus und bewertete diese Arbeit in seinem Rückblick als sehr positiv für seine weitere musikalische Entwicklung.

Vermutlich hatte sich Gounod schon 1849 mit seinem bedeutendsten Werk, der »Messe solennelle zu Ehren der Hl. Cäcilie« befasst und es kam in den folgenden Jahren erst einmal zu der Aufführung von Fragmenten, so zum Beispiel im Januar 1951 in der Londoner St. Martins Hall.
Im September 1855 war die Messe fast fertiggestellt, es fehlte lediglich noch das »Domine, salvum fac«. Am 29. November 1855 gelangte die »Cäcilienmesse« in Saint-Eustache zu Paris zur Erstaufführung.
In der »Messe Solennelle« verbindet Gounod die Tiefe seines Glaubens mit der musikalischen Ausdruckskraft der Oper. So schreibt er nicht nur drei Gesangssolisten neben dem Chor vor, sondern auch eine derart große und umfangreiche Orchesterbesetzung mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Instrumenten wie sie seinerzeit nur in der Oper zu finden war. Mit dieser Messe fand Gounod allgemeine Anerkennung als Komponist.


Zur weltberühmten Bekanntheit verhalf ihm seine Oper »Faust«, die am 19. März 1859 im Pariser Theater Lyrique erstmals aufgeführt wurde. Der Erfolg hing am seidenen Faden, denn der Kartenvorverkauf lief schleppend. In dieser Situation verschenkte der Impresario die freien Plätze an Leute, die außerhalb der Stadt wohnten, dann ließ er durch die Pariser Zeitungen verbreiten, dass für die ersten Vorstellungen keine Eintrittskarten mehr erhältlich sind. Das Interesse der Pariser Operngänger war geweckt und die Oper trat ihren Siegeszug um die Welt an.
In Deutschland fanden Aufführungen unter dem Operntitel »Margarethe« statt, was der Handlung nach eigentlich auch nachvollziehbar ist. In Deutschland wurde das Werk erstmals am 17. Februar 1861 am Hoftheater in Darmstadt aufgeführt; der Komponist war anwesend und bekam dann wenige Tage nach der Aufführung vom Großherzog Ludwig III. eine goldene Verdienstmedaille für sein musikalisches Schaffen.
Aber das sah man nicht überall in Deutschland so, denn als die Oper auch an anderen Häusern gespielt wurde, traten tatsächlich Kritiker auf den Plan, die eine Ausschließung dieser Oper von deutschen Bühnen forderten, weil sie in dem Werk des Franzosen eine ehrenrührige Parodie des Goethe´schen Faust sahen.
All das konnte den Siegeszug dieser Oper nicht aufhalten; als am 22. Oktober 1883 die Metropolitan Opera in New York eröffnet wurde, stand »Faust« auf dem Programm.

Nach diesem ersten großen Opernerfolg mit »Faust« griff Gounod erneut zu einem großen Stück der Weltliteratur. Bereits 1839 hatte er als 21-jähriger Student in Paris Hector Berlioz´ dramatische Symphonie »Roméo et Juliette« gehört und sah in Italien Bellinis »I Capuleti e i Montecchi«. Schließlich war Wagners Musikdrama »Tristan und Isolde« gerade 1865 entstanden, die Zeit war nun reif, dass Gounod dem Musiktheater wieder ein bedeutendes Werk aus seiner Feder schenkte - zudem war zum Jahr 1867 mal wieder eine Weltausstellung in Paris geplant.
Er wandte sich an seine bewährten Librettisten Jules Barbier und Michel Carré, die den Text bereits im Frühjahr 1865 fertig hatten, der ihm sofort zusagte, weil er sich weitgehend an der literarischen Vorlage orientierte. Noch im April des Jahres verließ er Paris in Richtung Côte d'Azur, wo er sich unverzüglich an die Arbeit machte und das Stück in atemberaubender Geschwindigkeit vertonte; schon innerhalb eines Monats hatte er wesentliche Teile seiner Oper fertiggestellt. Das blieb nicht ohne Folgen, er erlitt einen Nervenzusammenbruch, der eine Arbeitspause von vierzehn Tagen erforderlich machte. Dennoch konnte Gounod bereits im August 1866 dem Theaterleiter des Théâtre Lyrique, Léon Carvalho, die fertige Partitur zukommen lassen; aber was heißt hier fertige Partitur?
Der erfahrene Theatermann Carvalho redigierte das Werk so, dass es Gounod Angst und Bange wurde; er musste Rezitative hinzufügen und auch die später so berühmte Walzer-Arie »Je veux vivre dans le rêve« ist eine solche Hinzufügung.
Aber der »Karten-Trick«, welcher noch bei der Uraufführung des »Faust« zum Tragen kam, musste diesmal nicht angewendet werden, es ergab sich eine andere wohlüberlegte Möglichkeit.
Die Aktivitäten der Weltausstellung waren bereits angelaufen und es ergab sich, dass am Tag der Uraufführung - das war der 27. April 1867 - auch ein großer Staatsball mit allem Drum und Dran in Szene gesetzt wurde. Die von der Uraufführung begeisterten Besucher eilten nach der Opernaufführung zum Staatsball und machten die neue Oper »Roméo et Juliette« zum Tagesgespräch der besseren Gesellschaft.

Und der Erfolg war nachhaltig, denn bereits in der ersten Saison wurde das Werk mehr als hundert Mal gespielt und hatte - wie »Faust« auch - weltweiten Erfolg. In den 30 Jahren nach der Uraufführung soll es alleine in Paris etwa 500 Aufführungen des Werkes gegeben haben.
Noch vor Ablauf des Jahres der Uraufführung fanden Inszenierungen in London, Mailand, Brüssel und Dresden statt.
Juliettes Walzer-Arie »Je veux vivre« und gleich vier große Duette der beiden Liebenden stehen für die musikalische Qualität, die dem Werk zu seiner Beliebtheit verholfen haben. Musikalisch begeistert die Oper mit einer Fülle an bezaubernden Melodien, wobei neben den Titelfiguren auch die kleineren Partien mit wunderbaren Arien bedacht sind.

Auch wenn »Faust« heute unter verschiedenen Aspekten eine höhere Stellung einnimmt als »Roméo et Juliette«; zu Lebzeiten des Komponisten war »Roméo et Juliette« sein größter Erfolg.

Die Jahre 1870 bis 1874 verbrachte Gounod wegen des Deutsch-Französischen Krieges in England. Das Angebot, Nachfolger von Daniel-François-Esprit Auber - der 1971 starb - am Pariser Conservatoire zu werden, lehnte Gounod ab.
In London zeigte man durchaus großes Interesse an seiner Musik, wie zum Beispiel dem Oratorium »La returnation und Mors et vita«; zu den vielen, die Gounods musikalisches Schaffen bewunderten, gehörte auch Königin Victoria.
Etwas schwieriger war eine Bewunderin Gounodscher Musik, die mit einem Leutnant der königlichen Husaren verheiratet war, das war Georgina Weldon. Diese Dame hatte sängerische Ambitionen, auch eine ansprechende Stimme, die jedoch eher amateurhaft einzustufen war.
Der Herr Leutnant machte von seiner starken Position als Ehemann Gebrauch und verbot seiner Gattin sich als professionelle Sängerin auf Londons Bühnen zu zeigen; wenn sie sie schon singen wollte, sollte sie dies in Kirchenversammlungen oder Wohltätigkeitsveranstaltungen tun.
Gounod war ja zu dieser Zeit schon ein sehr bekannter Komponist und Mrs. Weldon sah hier eine Chance in der Nähe dieses großen Namens auch etwas Glanz abzubekommen.
Anna Gounod glaubte eine Verliebtheit ihres Gatten bemerkt zu haben, packte ihre Koffer und kehrte nach Paris zurück.
Währenddessen zog Charles Gounod im November 1871in das Tavistock House, den ehelichen Wohnsitz von Georgina und William Henry Weldon, wo er ein kleines Zimmer bewohnte. Dort soll Georgina täglich gesehen worden sein ... Sie soll ihn dazu verleitet haben, immer mehr für sie zu komponieren.
Georgina Weldon engagierte sich sehr für Waisenkinder und führte Erlöse, die sie mit dem Vortrag von Gounods Kompositionen erwirtschaftet hatte, einem Waisenhaus zu.

Mrs. Weldon konnte sich nun aber auch der Hoffnung hingeben endlich als Opernsängerin groß ins Rampenlicht zu treten; in der Literatur heißt es:
»In einem Moment der begeisterten Leidenschaft versprach Gounod Georgina sogar die Titelrolle in seiner neuen Oper "Polyeucte", basierend auf einem Drama von Pierre Corneille«

Allmählich wurde dem Komponisten dieses englische Abenteuer unangenehm und er kehrte 1874 - hastig, wie es heißt - zu seiner Frau nach Paris zurück.
Nun begann ein heftiges Gerangel um die Partitur von »Polyeucte«, Georgina beanspruchte das Eigentum an dieser Komposition und unterstrich diesen Anspruch optisch, indem sie mit blauer Kreide auf jede Seite diagonal ihren Namen schrieb.
Gounod war nun gezwungen die Partitur aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. Eduard Hanslick schrieb einmal zu diesem Stück: »... ist das Werk eine Mischung von weltlicher und geistlicher Oper geworden und konnte nach keiner Seite befriedigen.«
Die Uraufführung fand 1878 mit großem Aufwand in Paris statt, aber ein Erfolg wurde es nicht, nach nur 29 Wiederholungen verschwand es vom Spielplan - Gounod bezeichnete es als »Die Trauer meines Lebens«.

Seinem letzten Werk, dem »Requiem in C«, liegt ein trauriges Ereignis zugrunde; Gounods Enkel Maurice, noch keine fünf Jahre alt, war gestorben. Das Werk liegt in eine für ein Requiem eher ungewöhnlichen Grundtonart C-Dur vor.

Das Requiem erklang in eindrucksvoller Darbietung anlässlich des ersten Todestags des Komponisten in der Pariser Kirche Sainte-Madeleine unter der Leitung von Gabriel Fauré und die zeitgenössische Presse war von dieser Aufführung tief beeindruckt.

Die nationale Trauerfeier für Charles Gounod fand in der Madeleine statt, wo, seinem Wunsch entsprechend, eine Gregoreanische Messe gesungen wurde.

Charles Gounod hatte 12 Opern, eine Fülle von Liedern, Symphonien, Streichquartetten, Klavier- und Kammermusiken hinterlassen; er komponierte als zutiefst gläubiger Katholik in seinen letzten Lebensjahren fast nur noch Kirchenmusik.


Im Innern des Grabmals findet man die Lebensdaten der hier Bestatteten, die auch zeigen, dass in diesem Falle der Name Zimmerman nur mit einem »N« geschrieben ist, in der Literatur wird das nämlich unterschiedlich gehandhabt.





Praktische Hinweise:

Man findet das Grab auf dem Friedhof Cimetiére d´ Auteuil, ein kleiner Friedhof, der von hohen Wohnhäusern umgeben ist, in der 57 Rue Claude Lorrain, 75016 Paris.
Vom Friedhofseingang aus geht man nur etwa 25 Schritte geradeaus und steht rechts des Weges vor Gounods Häuschen.
Die Metro-Linie 9 führt dorthin, die nächstgelegene Station zum Friedhof heißt Exelmans.j

William B.A.

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Gestern, 15:04

Sehr schön, lieber hart,

dass du auch an den heutigen Ehrentag von Charles Gounod gedacht hast. und das wie immer in einem sehr gekonnten und umfassenden Artikel zum Ausdruck gebracht hast.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

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