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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

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Alfred_Schmidt

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1

Mittwoch, 26. September 2012, 09:41

Wie lange sind unsere "Schätze" noch verfügbar ?

Den Anstoß zu dieser Fragestellung gab der "EMI-Milliardenschulden"- Thread, wo in etwa diese Frage gestellt wurde. Was wird passieren, wenn die Archive der Emi in "feindliche Hände" gerieten ?
Aber das ist eigentlich nur ein Nebenschauplatz. Die EIGENTLICHE Frage wäre eher, wie lange das, was viele von uns als "Schätze" betrachten von den Tonträgerkonzernen noch im Prgramm bzw Archiv gehalten werden.
Die Tonaufnahme ist nun ungefähe 130 Jahre alt, die Stereo-Ära indes über 50 Jahre. Viele Interpreten sind der jungen Generation- wenn überhaupt - nur noch dem Namen nach bekannt. IRGENDWANN wird der Zeitpunkt kommen, da man auch "hochkarätige" Aufnahmen aus den Archiven entfernt - nämlich dann, wenn sie sich nicht mehr verkaufen. Das betrifft mit Sicherheit auch heute afast unantastbare Größen. Karajan hat seine Digitalen Aufnahmen beispielsweise nicht gemacht, damit wir Interpretationsvergleiche anstellen - sondern er wollte seine Kunst in nach damaligen Maßstäben - in bester Tonqualität festgehalten wissen. Schlimmer ist es allerdings um "lokale" oder "nationale" Größen bestellt, deren Namen relativ schnell auis dem Gedächtins des Musikfreunde - und den Katalogen verschwinden.
Wie viele "Winterreisen", "Zauberflöten" Betthoven Z-Zyklen" verträgt der Markt ?

Irgendwann werden die neuen Künstler - auch wenn sie von meiner - der älteren Generation als nicht so hochwertig wie jene der Vergangenheit empfunden werden (ihnen fehlt meist das "Charisma) - die Kataloge beherrschen - es sei denn daß die Entscheidung dahingehend gefällt wird, keine Neuaufnahmen mehr zu machen und die "historischen Aufnahmen" bis in alle Ewigkeit umzuverpacken - und zum Dumpingpreis zu anzubieten....

mfg aus Wien
Alfred

Theophilus

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2

Mittwoch, 26. September 2012, 16:00

IRGENDWANN wird der Zeitpunkt kommen, da man auch "hochkarätige" Aufnahmen aus den Archiven entfernt - nämlich dann, wenn sie sich nicht mehr verkaufen.

Wie die Geschichte lehrt, werden Archive kaum gelöscht. Es gab Zeiten, wo Rundfunkanstalten wertvolle und platzintensive Bänder mit ihrer Ansicht nach "nicht wichtigem" Material gelöscht haben, um sie wiederverwenden zu können. Diese Notwendigkeit besteht nicht mehr. Im Zeitalter der Videotechnik ist das Speichern von Audioaufnahmen ein Klacks. Dazu kommt, dass schon seit geraumer Zeit jede veröffentlichte Aufnahme auch in irgendeinem unabhängigen Archiv gespeichert wird. Wir können also vorerst davon ausgehen, dass nichts mehr verloren geht. Einzig rechtliche Probleme können gelegentlich Wiederveröffentlichungen verzögern.

Man möge einmal an die Einführung der CD zurückdenken. Die größte Angst der Plattensammler damals war, dass mit der Einführung der angeblich überragenden und völlig neue Maßstäbe setzenden Technik historische Aufnahmen für immer vom Markt verschwinden würden. Glücklicherweise war das Gegenteil der Fall. Als nach einigen Jahren der Einführungs- und Amortisationsphase die Produktion von CDs billiger wurde als jene von Schallplatten, gab es keinen Grund, nicht auch historisches Material auf CD herauszubringen. Und die Digitaltechnik erlaubte sogar eine Form von Aufpolieren von altem Material, das mit Analogtechnik undenkbar (oder zumindest unfinanzierbar) war.

Also keine Sorgen um Archive bei Wechsel von Eigentümern. Niemand wirft etwas weg, was immer wieder über Neuauflagen Geld bringen kann. Und die Speicherung an vielen Orten macht es unmöglich, dass bestehende Aufnahmen völlig verschwinden.

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

hami1799

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Registrierungsdatum: 6. Februar 2012

3

Mittwoch, 26. September 2012, 16:12

Niemand wirft etwas weg, was immer wieder über Neuauflagen Geld bringen kann. Und die Speicherung an vielen Orten macht es unmöglich, dass bestehende Aufnahmen völlig verschwinden.
Die Frage ist nur, wer die ökonomischen Erfolgsaussichten für die Neuauflagen bewertet. Soviel ich weiß, jagen außer mir noch viele andere erfolglos dem Film "Götter ohne Maske" nach. Es sieht fast so aus, als ob er unwiederbringlich verloren ist.

Theophilus

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4

Mittwoch, 26. September 2012, 17:04

Die Frage ist nur, wer die ökonomischen Erfolgsaussichten für die Neuauflagen bewertet.
Das hat mit der Erhaltung der Aufnahme aber nichts zu tun. Notfalls muss man auf irgendein Jubiläum warten, bis seltenes wieder würdig für eine Veröffentlichung erscheint.


Zitat

Soviel ich weiß, jagen außer mir noch viele andere erfolglos dem Film "Götter ohne Maske" nach. Es sieht fast so aus, als ob er unwiderbringlich verloren ist.
Das ist eben zur Zeit noch der grundlegende Unterschied zwischen Audio und Video. Der Großteil aller Audioaufnahmen ist ohnehin schon auf langzeitstabile Datenträger überspielt. Und alte Schellacks, die irgendwo noch verstauben, werden durch das Herumliegen noch nicht schlechter. Ganz anders ist die Lage bei Filmmaterial. Das verschlechtert sich mit jedem Abspielen und altert auch chemisch. 50 Jahre altes Filmmaterial ist für eine Wiederveröffentlichung unbrauchbar. Allerdings haben wir eine Rettung in Form von digitaler Aufbereitung mit geradezu genialen Bildbearbeitungsprogrammen. Es gibt Neuausgaben von Filmen aus den 60ern, wo du im Bonusmaterial den Unterschied zwischen ramponiertem Original und den Änderungen in den Bearbeitungsschritten gezeigt bekommst. Das ist nichts weniger als phänomenal, muss aber eben gemacht werden und kostet Geld. Der Rechteinhaber deines gesuchten Films muss also der Meinung sein, dass sich für ihn die Kosten der Aufbereitung und Wiederveröffentlichung auch wirklich lohnen, dann wird es auch passieren. Hier scheint es noch das zusätzliche Problem zu geben, dass von diesem Film noch nie Kopien für Fernsehanstalten gezogen worden sind. Man muss also wirklich auf Originalkopien zurückgreifen, die heute vermutlich in einem beklagenswerten Zustand sind.

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

Rheingold1876

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5

Mittwoch, 26. September 2012, 18:05

Ich mache mir um die "Schätze" keine Sorgen. Im Moment ist der Markt mit EMI-Aufnahmen aus dem Archiv überschüttet. Das war nie so wie jetzt. Natürlich können nicht alle Titel ständig und gleichzeitig im Angebot gehalten werden, das eine geht, das andere kommt. Es wird sich zeigen, ob in dreißig, vierzig Jahren noch jemand zum Beispiel die wunderschönen alten Opernquerschnitte hören will, die wir so lieben und die in großer Anzahl auch auf CD gelangten. Wenn ja, werden die auch dann gepresst oder in einem neuen, heute noch undenkbaren Medium unter die Leute gebracht. Wenn nicht, dann ist es doch auch nicht tragisch. Das ist ja das Schöne am Kapitalismus: Was Erfolg verspricht, das wird auch gemacht. Wenn allerding einstens niemand mehr etwas anfangen kann mit der Köth, der Flagstad oder Grümmer und wer weiß mit wem noch, dann ist das eine ganz andere Sache. Es darf ja nicht außer Acht gelassen werden, dass immer noch etwas dazu kommt, was neuen Generationen mehr zusagen wird als uns. Die Art und Weise der Stimmproduktion ändert sich. Schließlich hören wir auch nicht ständig Tauber oder Fritzi Massary. Ich bin der festen Überzeugung, dass heutzutage niemand mehr Archive, die Kunstgut bewahren, fläddert. Im Gegenteil: Ich höre immer wieder von Bemühungen, die gesamten Bestände zu digitalisieren und damit zu bewahren. Noch in den sechziger Jahren wurden fleißig unwiederbringliche Aufnahmen gelöscht. Erinnern möchte ich nur die gezielte Vernichtung einer "Schönen Müllerin" mit Peter Anders beim Rias. Auch der WDR war ganz flott bei der Zerstörung von Archivalien - nachzulesen in einer großen WDR-Dokumentation. Daraus sind gewiss die nötigen Schlussfolgerungen gezogen worden.

Ein schönes, ermunterndes Beipspiel zum Schluss:



Aus dem Archiv wurden erstmals weitere Lieder veröffentlicht, die Elisabeth Schwarzkopf und Glenn Gould gemeinsam aufgenommen haben. Wenn das nichts ist.

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

9079wolfgang

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6

Mittwoch, 26. September 2012, 18:21

Zitat von »Theophilus«

Also keine Sorgen um Archive bei Wechsel von Eigentümern. Niemand wirft etwas weg, was immer wieder über Neuauflagen Geld bringen kann. Und die Speicherung an vielen Orten macht es unmöglich, dass bestehende Aufnahmen völlig verschwinden.

Na ja, Dein Wort in Gottes Ohr. Auch ich bin auf der Suche nach Aufnahmen, die in den 60er und 70er Jahren im TV liefen und nicht zu bekommen sind.

Zur Zeit werden von den Plattenfirmen, wie Alfred schon richtig anführt, Sängerportraits in Boxen zu 10 Stück auf den Markt geschmissen. Ich darf nicht darüber nachdenken, was ich für einzelne Vinylaufnahmen einst bezahlt habe. Das kann doch nicht der Weisheit letzter Schluß sein.


Gruß Wolfgang
W.S.

Alfred_Schmidt

Administrator

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7

Mittwoch, 26. September 2012, 19:25

Theophilus hat hier ganz richtig die TECHNISCHEN Aspekte der Langzeitarchivierung erläutert.
Anders sieht es schon mit den GESELLSCHAFTLICHEN Aspekten aus. Damit meine ich, wie die Gesellschaft zu altem Kulturgut steht.
Es waren in den 60er Jahren nicht ausschliesslich wirtschaftliche Erwägungen am Löschen alter Aufnahmen schuld - sondern es wollte sie einfach keiner haben. Was nach 1965 nicht STEREO auf seinem Cover stehen hatte war schlichtweg unverkäuflich. In Windeseile wurde alles stereophonisch neu aufgenommen und die alten Aufnahmen aus den Katalogen genommen. MONO - das war einfach "Schnee von gestern" - und die kläglichen Versuche, Mono-Aufnahmen nachträglich via Elektronik zu "stereophonisieren" sind allesamt gescheitert.
Im Moment stellt sich mir die Sache so dar, dass 50 Jahre alte Einspielungen in guter Stereo-Qualität um wenig Geld auf den Markt geworfen werden, die den Verkauf von Neuaufnahmen behindern. Morgen kann diese Szene bereits ganz anders aussehen.....

mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred

La Roche

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8

Donnerstag, 27. September 2012, 15:09

Im Moment stellt sich mir die Sache so dar, dass 50 Jahre alte Einspielungen in guter Stereo-Qualität um wenig Geld auf den Markt geworfen werden, die den Verkauf von Neuaufnahmen behindern

Aber damit habe ich kein Problem. Im Gegenteil, ich kaufe, was mir da gefällt. Für 10,00 Euro gute Qualität ist mit lieber als die gleiche Qualität für 100,00 Euro!

La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer


  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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9

Freitag, 28. September 2012, 11:42

ich halte es für relativ gleichgültig, welche aufnahme gerade (billig) verfügbar ist, wenn die wesentlichen unterschiedlichen arten, die musik zu spielen, vorhanden sind. also: wenn beethovens sinfonien auf originalinstrumenten, ist es doch ziemlich egal, ob norrington, gardiner, savall, oder wer sonst.

Alfred_Schmidt

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  • »Alfred_Schmidt« ist männlich
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10

Freitag, 28. September 2012, 18:53

Zitat

ich halte es für relativ gleichgültig, welche aufnahme gerade (billig) verfügbar ist, wenn die wesentlichen unterschiedlichen arten, die musik zu spielen, vorhanden sind. also: wenn beethovens sinfonien auf originalinstrumenten, ist es doch ziemlich egal, ob norrington, gardiner, savall, oder wer sonst.

Dem kann ich mich in keiner Weise anschliessen - wenngleich das Beispiel gut gewählt war.

Ich werde mir jedoch erlauben 2 Gegenbeispiele zu bringen

Vivaldi "Le Quattro Stagioni"

und ich bringe hier wieder ausschliesslich Interpreten der "Originalinstrumente-Szene" ins Spiel

Die elegante, glasklare Lesart von "The English Concert" hat mit der rabiaten aber beeindruckenden Spielweise von "Il giardino armonico" so gut wie nichts gemein, und ebensoweit von den beiden anderen ist jene (neuere) Aufnahme mit dem Geiger Giulio Carmignola und dem Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon entfernt.

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Kommen wir zum Gegenbeispiel: "Konventionelles Orchester" - Beethoven Sinfonien

Herbert von Karajans Aufnahme mit den Berliner Philharmonikern (ca 1962) ist ebenso ein unverzichtbarer Markstein wie die "in Stein gemeisselten" Beethoven Sinfonien unter Otto Klemperer. Wenn gleich ich kein Leibowitz- Fan bin, und die Aufnahme für maßlos überschätzt halte, nehme ich zur Kenntnis, daß sie allgemein geschätzt wird - und schicke sie als dritte Alternative ins Rennen.
Daß ich persönlich an Karl Böhm, Ferenc Fricsay und Eugen Jochum (DGG) hänge - das sei nur am Rande vermerkt.
Von den neueren Aufnahmen habe ich hier ohnedies geschwiegen, obwohl da auch etliches hörens - und besitzenswerte dabei ist.

Meiner Meinung nach ist es ein Trugschluss (dem ich früher auch unterlag), daß man ein Werk kennt, wenn man es in EINER einzigen Interpretation gehört hat, egal wie oft.....

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

9079wolfgang

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11

Freitag, 28. September 2012, 20:12

Zitat

ich halte es für relativ gleichgültig, welche aufnahme gerade (billig) verfügbar ist, wenn die wesentlichen unterschiedlichen arten, die musik zu spielen, vorhanden sind. also: wenn beethovens sinfonien auf originalinstrumenten, ist es doch ziemlich egal, ob norrington, gardiner, savall, oder wer sonst.

Das kann auch ich nicht nachvollziehen. Bei mir steht die Besetzung (Sänger, Orchester, Dirigent) an erster Stelle. Da ich viele Opern in mehrfacher Besetzung mein Eigen nenne weiß ich genau, welche Aufnahme meinen Vorstellungen entspricht. Dabei trennt sich schnell die Spreu vom Weizen. Ich werde nie eine Oper in einer Besetzung akzeptieren, die mir künstlerisch nicht zusagt. Diese Aufnahme wird aussortiert und verschwindet auf Nimmerwiedersehen im Regal. Der Preis steht dabei ganz hintenan.



MfG
W.S.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

12

Samstag, 29. September 2012, 09:20

Es besteht natürlich bei jeder Formatumstellung die Gefahr, dass einige Aufnahmen unter den Tisch fallen. Ganz gewiss sind tausende von Schellackplatten nie auf LP und zehntausende von LPs nie auf CD erschienen. Und es sind, so unglaublich das scheinen mag, auch viele Bänder gelöscht oder falsch gelagert und so zerstört worden.
Andererseits sind, gerade im CD-Zeitalter, aber auch sehr viele Aufnahmen wieder zugänglich gemacht worden, aus allen möglichen Quellen.
Es war noch nie so billig und so einfach (zig Laien machen es mit durchaus akzeptablen Ergebnissen) "obsolete" Medien zu digitalisieren und per download weltweit zur Verfügung zu stellen. Es gibt sicher ein dutzend interessante Blogs von Musikliebhabern, die dort Downloads mit selbst überspielten LPs und Schellacks, die es oft nie auf CD gegeben hat, zur Verfügung stellen. Pristineclassical macht das als professioneller Betrieb mit technischen Möglichkeiten, die es so bis vor wenigen Jahren gar nicht gegeben hat. Bei letzterem sieht man allerdings schon wieder, dass, ungeachtet vieler Raritäten, oft dann doch wieder die "Klassiker" in neuem Gewand dominieren (zB Schnabels Beethoven-Aufnahmen oder Toscanini).
Dass Callas-Mitschnitte häufiger wiederveröffentlicht werden als Opernquerschnitte auf deutsch sollte bei dem allein aus sprachlichen Gründen sehr begrenzten Publikum für letztere nicht verwundern.

Wie schon gesagt wurde, sind Schellack und auch Vinyl-Platten bei entsprechend korrekter Lagerung ziemlich lange haltbar. Das entscheidende ist daher m.E., dass wir heute im Grunde viel unabhängiger von Entscheidungen der beinahe durchweg in Auflösung begriffenen sog. Majors abhängig sind.

Wie gesagt, es wird immer etwas geben, was man vermisst und bei dem man sich ärgert, dass es nicht in Samtschatulle angemessen wiederveröffentlicht wurde. Aber ich glaube, dass noch nie so viele "Schätze" relativ problemlos zu kriegen waren wie heute. Sowohl "offiziell" als auch erst recht in diversen grauen Formen, sei es als private Überspielung/Download.
Die zunehmende Verramschung in Billigboxen zeigt m.E. ganz klar, dass von den Majors darüber hinaus nicht sehr viel zu erwarten ist. Die gute Nachricht ist, dass wir gar keine Majors, nicht mal mehr Kleinlabel brauchen, damit Aufnahmen erhältlich bleiben. Es braucht nur ein paar dezidierte Sammler weltweit und eine Internetverbindung.

T con brio

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  • »T con brio« ist männlich

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13

Samstag, 29. September 2012, 09:56

Ich persönlich mache mir um die Verfügbarkeit alter Aufnahmen auf Wiederveröffentlichungen, von wem auch immer, eigentlich gar keine Sorgen. Und zwar hat das hauptsächlich den Grund, daß ich insbesondere den schon verschiedentlich angesprochen Billig-Rereleases mit reichlich Unwillen gegenüber stehe.

Ich bin zwar noch ein junger Spund, aber für meine Begriffe gehört auf eine ordentliche Klassikplatte eine gelbe Kartusche oder ein Querstreifen in Bordeaux usw., ein ordentliches, stilvolles Cover und ein gehaltvoller Begleittext dazu. Diese ganzen lifestylig aufgejazzten Ramschserien kommen mir dagegen nicht ins Haus - und mag da noch so oft alles für 5 EUR neu zu haben sein. Da begebe ich mich lieber auf die Suche nach einer gut erhaltenen Original-CD oder Schallplatte und zahle im Zweifelsfall ein paar Taler mehr. Schellack dagegen interessiert mich bislang überhaupt nicht - übrigens ebensowenig wie reine Downloads.

Daneben schließe ich mich der Auffassung an, daß wir im heutigen Internet-Zeitalter, wo praktisch jeder Tonträger - ggf. ein wenig Geduld und die passenden finanziellen Mittel vorausgesetzt - weltweit mit ein paar Mausklicks aufgetrieben werden kann, in einem nie dagewesenen Paradies leben, was die Verfügbarkeit von Musik angeht.

Kurz und gut: ich bin ganz entspannt. :)
Prima con brio || Plattenschrank

Rheingold1876

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14

Samstag, 29. September 2012, 11:41

Na das ist doch mal ein sehr erfrischender Beitrag. Danke, lieber Tobias.

Es grüßt Dich Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

hasiewicz

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Beiträge: 854

Registrierungsdatum: 16. September 2012

15

Sonntag, 30. September 2012, 19:24

Die nachhaltige Bereitstellung von klassischer Musik auf Datenträgern stellt sich aus meiner Sicht als durchaus ambivalent dar. Einerseits erscheinen weiterhin ganz großartige Editionen, sowohl neue als auch Altes neuaufgelegt. Beispiele: Mit der Signature Collection präsentiert EMI wahre Schätze in hochwertiger Verpackung, remastert auf SACD. Oder es erscheint eine Neuaufnahme von Mozart-Klavierkonzerten mit 10 CDs (mit Christian Zacharias), die hochwertig aufgenommen und als interpretatorisch herausragend gesehen werden können. Labels wie BIS leisten außerordentliches darin, auch Randrepertoires sichtbar zu machen.

Auf der anderen Seite scheint es sich bei CDs mehr und mehr um einen Nischenmarkt zu handeln: Viele Editionen sind nur kurze Zeit erhältlich (d.h. die Absatzmöglichkeiten wurden von vornherein als gering gesehen); viele SACDs erscheinen nur noch für den japanischen Markt, wo die Zahl der Liebhaber scheinbar größer ist als in Europa? (der japanische Klassikmarkt ist auch ein Phänomen, was man sich einmal näher ansehen sollte). Und: Die Boxen, die gerade auf den Markt geworfen werden (die Super-Lenny-Sony-Box, Karajans sämtliche EMI-Aufnahmen etc.) klingen doch vom Konzept her sehr nach finalem Ausverkauf - wohlgemerkt: Des Mediums CD, nicht der Inhalte, die parallel ja auch über Streamingdienste wie Spotify zur Verfügung gestellt werden.

Ich mache mir dennoch relativ wenig Sorgen, weil ich mit dem nächsten Schritt - dem Wechsel vom Trägermedium auf den reinen Download - kein mentales Problem habe. Obwohl ich noch mit LPs aufgewachsen bin und durchaus leidenschaftlich CDs sammle, finde ich letztendlich, dass CD-Acrylboxen auch nicht das Schönste auf der Welt sind. Und die Magie eines Konzertbesuchs ist letztendlich auch nicht materiell... Andererseits würde ich meine CDs aber auch niemals nur "rippen" und dann wegschmeissen. Ein wenig Fetischismus ist dann doch auch dabei. Also zwei Seelen auch hier...

Es wird spannend sein, wie sich der Medienwandel in den nächsten Jahren im Bereich der Klassik vollzieht. Wichtig ist, dass sich öffentliche Institutionen um die Langzeitarchivierung digitaler Inhalte wie Musik kümmern. Und auch privat muss man Lösungen finden, die begrenzte Haltbarkeit von Tonträgern, die einem etwas bedeuten, zu kompensieren (z.B. durch eine redundante Datenhaltung).

Noch zwei interessante Links zum Thema:
Das Ende des CD-Players (FAZ.net)
Über das Archivieren von CDs beim Deutschen Musikarchiv (3sat nano)

Christian

Sven Godenrath

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16

Montag, 1. Oktober 2012, 03:00

Die Nachfrage bestimmt den Markt.
Nachfrage wird von Plattenfirmen, Radiomoderatoren und Zeitungsredakteuren bestimmt, weil diese, so meinen sie zumindest, an den Hebeln der Macht sitzen.
Sie meinen Nachfage künstlich schaffen zu können oder warum spielen Herr Mende oder spricht Herr Brug fast nur über Netrebko, Florez, Domingo, Pavarotti und ähnliche.
Hier sind andere Gefragt diese Nachfrage für Künstler zu schaffen über die diese Herren nicht mehr reden wollen und jetzt denken wir alle einmal scharf nach wer hier wohl gemeint sein könnte.

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17

Montag, 1. Oktober 2012, 15:35

ich schrieb ja auch:
ich halte es für relativ gleichgültig, welche aufnahme gerade (billig) verfügbar ist, wenn die wesentlichen unterschiedlichen arten, die musik zu spielen, vorhanden sind. also: wenn beethovens sinfonien auf originalinstrumenten, ist es doch ziemlich egal, ob norrington, gardiner, savall, oder wer sonst.

wir können ja darüber diskutieren, ob es nun 3 oder 20 wesentliche unterschiedliche arten gibt, beethovens sinfonien zu spielen. aber von den 1000en(?) aufnahmen, die es davon gibt, ist nicht jede so wichtig, dass sie verfügbar bleiben müsste.

und von den "wichtigen" sind doch auch viele austauschbar. wenn ein musikliebhaber besonders entzückt ist, dass bei aufnahme x die pauke so schön knallt, ist das ja nett, aber im grunde völlig belanglos.

wie kann man nur so fixiert auf bestimmte einspielungen von klassischen werken sein? das ist ja auch völlig pervers, weil ja nicht in der natur der klassischen musik liegend: diese wurde jedesmal ein wenig anders gespielt. woraus schon folgt, dass so ziemlich jede einspielung austauschbar ist. diskutieren lasse ich mit mir bezüglich vom komponisten "abgesegneten" einspielungen als "referenz".

Sven Godenrath

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18

Dienstag, 2. Oktober 2012, 09:43

Eigentlich gibt nur zwei unterschieliche Arten Sinfonien, Opern oder ähnliches zu spielen.
Möglichkeit Nummer eins, es klingt spannend, wie zum Beispiel bei Furtwängler, Knappertsbusch, Celibidache oder Manahan, um jetzt nur 4 Namen herauszugreifen.
Oder es klingt langweilig, wie zum Beispiel bei Sinopoli (Verdi) oder Levine (Mozart), um jetzt nur zwei Beispiele zu nennen.
Eine dritte wäre noch es klingt falsch, hier wäre es zum Beispiel Karajan mit seinen Orchestralen blow ups und seiner Einfältigkeit Sänger zu beschäftigen die für ihre Rollen nicht die passenden Stimmen mitbrachten (Ricciarelli als Tosca und Turandot, Freni als Madame Butterfly), wobei diese Beispiele auch schon wieder in der zweiten Kategorie zu finden sind, langweilig.

hami1799

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19

Dienstag, 2. Oktober 2012, 10:06

wenn ein musikliebhaber besonders entzückt ist, dass bei aufnahme x die pauke so schön knallt, ist das ja nett, aber im grunde völlig belanglos.
Wenn Du weiterhin so auf die Pauke haust, wirst Du selbst noch zum begehrten Sammlerobjekt.

Nun, bei all meiner Perversität, bin ich doch geneigt, Deinen Ausführungen einen gewissen Sinn zu bescheinigen, doch möchte ich andererseits darauf hinweisen, dass es bisweilen interessant ist, zu hören, wie verschieden namhafte Dirigenten ein und dieselbe Partitur behandeln können.

Ich selbst war bisher recht zufrieden mit meinen Jochum-Karajan-Celibidache-Bruckner Sinfonien.
Bis ich Günter Wand hörte.

Ich will und kann kein Werturteil über die genannten Aufnahmen fällen, doch sind Unterschiede gerade dieser Interpretationen jedenfalls für mich sehr interessant.

Wie gesagt, es lebe der Unterschied!

La Roche

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Registrierungsdatum: 21. Februar 2012

20

Dienstag, 2. Oktober 2012, 15:05

wenn ein musikliebhaber besonders entzückt ist, dass bei aufnahme x die pauke so schön knallt, ist das ja nett, aber im grunde völlig belanglos.

Naja, es muß ja nicht die Pauke sein. Aber in Bruckners 5.er ist es schon interessant, ob der Dirigent das Becken klingen läßt oder nicht. (ich meine mit Becken das Instrument).

Mir persönlich gefällt der Beckenschlag, die Steigerung erfährt damit ihren Höhepunkt. Der Nachhall bringt eine zauberhafte Stimmung, wenn es auch nur 2 Sekunden dauert.

La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer