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John Doe

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1

Montag, 16. Juli 2012, 18:22

Musik im 20. Jhdt. ist politisch - Teil 1: Musik zum Ruhme eines Systems

Das 20. Jahrhundert war vom musikalischen her ein sehr vielfältiges, u. a. auch deswegen, weil über drei Viertel seiner Dauer zwei Gesellschaftssysteme nicht nur militärisch und wirtschaftlich, sondern eben auch in Sachen Kunst miteinander konkurrierten. Eines dieser beiden Gesellschaftssysteme, nämlich das sozialistische, hat sich gerne gefeiert und dazu auch nach Musik verlangt, die ihm prompt geliefert wurde.

Diesbezüglich kommen mir nun folgende Fragen in den Sinn:

  • Kann solche Musik gut sein?

  • Muss der WK II bei dieser
    Betrachtung als singuläres Ereignis angesehen werden, oder als
    systemimmanentes?

  • Gibt es derartige Musik auch im
    Westen? Bei der Beantwortung dieser Frage kann auf Grund ihres
    Vorbildcharakters für die russische Revolution durchaus auf die
    französische zurückgegriffen werden.

  • Was bietet diesbezüglich der
    Plattenmarkt? Soll, bzw. darf er das auch bieten?
Als Beispiel für solche Musik möchte ich Prokofiews Kantate zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution anführen, ein Werk, das neben hervorragender Musik auch vertonte Originaltexte von Lenin und Stalin beinhaltet.



1936 in Auftrag gegeben wurde das Werkvon Prokofiew termingerecht fertiggestellt aber erst 1966 in stark gekürzter Form uraufgeführt, die Stalin-Passagen wurden im Zuge der Entstalinisierung ersatzlos gestrichen. 1992 wurde es schließlich in London unter N. Järvi ungekürzt der Öffentlichkeit dargeboten. Die Besetzung dieses Werkes ist phantastisch: Doppelter Chor, übergroßes Sinfonieorchester, ein Akkordeonorchester, eine Saxophongruppe und eine weitere Perkussionsgruppe, der auch Kanonen, Sturmglocken und eine Sirene zugeordnet sind. Und vom musikalischen Gehalt her ist es fast ausschließlich Prokfiew at his best.

Viele Grüße
John Doe

SchallundWahn

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2

Montag, 16. Juli 2012, 18:48

Was ich mich frage, ist um was es dir hier genau geht?
Geht es um (mal sehr platt ausgedrückt) "Sozialistische Propaganda-Musik"? Oder generell Musik, die in diesem System entstanden ist?
Sozialistisch vor dem WK II wäre dann ja auch lediglich Musik aus der SU.
Und konkret die zweite Frage, bezieht die sich auf die Musik oder auf was genau?

Sorry, das ich so dumm frage, aber das Thema interessiert mich an sich schon.

Achso...und wäre der Thread nicht besser im Unterforum zur Moderne aufgehoben?
"Die Glücklichen sind neugierig."
(Friedrich Nietzsche)

John Doe

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3

Montag, 16. Juli 2012, 20:29

Sorry, jetzt sehe ich es gerade: der Thread gehört eigentlich wie der gewandelte Schostakowitsch auch zur allgemeinen Modernen. Vielleicht erbarmt sich ja ein Moderator und verschiebt ihn dort hin.

Hallo Schall und Wahn,

es soll in diesem Thread primär um Propagandamusik gehen und zwar um solche aus Ost und West, wobei der Westen - trotz seiner diversen faschistischen Systeme in der ersten Hälfte des 20. Jhdt. - wohl eher unterrepräsentiert sein dürfte.

Der WK II nun hat ja nun neben dem ganzen Leid und Elend, das er bewirkt hat, auch Spuren in der Musik hinterlassen. Z.B. Schostakowitschs 7., 8. und 9. Sinfonie. Die Frage wäre nun, in wie weit es sich bei diesen Sinfonien um Propaganda-Musik, um Musik im Dienste des Systems. handelt oder ob sie sich systemunabhängig gegen den Krieg als solchen stellen. Ist letzteres der Fall, gehören sie in einen anderen Teil dieses auf vorerst drei Teilen angelegten Threads.

John Doe
:hello:

SchallundWahn

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4

Montag, 16. Juli 2012, 22:30

Gerade bei Schostakowitsch fällt mir in Bezug auf mögliche Propaganda-Musik mehr noch als so manche Sinfonie sein Oratorium "Das Lied von den Wälndern" ein...mehr Sozialistischer Jubel geht ja eiegtnlich gar nicht mehr.

Ein anderer russischer Komponist, der mir in dem Zusammenhang sofort einfällt, ist Tichon Chrennikow...ich will nicht so weit gehen ihn Propaganda-Musiker zu nennen, aber er hat dem System stets gut gedient, würde man wohl sagen.
"Die Glücklichen sind neugierig."
(Friedrich Nietzsche)

John Doe

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5

Montag, 16. Juli 2012, 22:32

Ertst einmal besten Dank an die Moderation bzw. Administration für das Verschieben des Threads.

Und nun zur Sache:
Sozialistisch vor dem WK II wäre dann ja auch lediglich Musik aus der SU
Auch vor dem WK II gab es in der SU spezifisch poltische Musik, wie es auch unpolitische gegeben hat. So sind beispielsweise die Sinfonien Nr.1 bis 6 von Dmitri Schostakowitsch alle vor dem 2. Weltkrieg entstanden. Politisch bzw. propagandistisch davon sind jedoch nur die Sinfonien Nr. 2 und 3, die Oktober- und die 1. Mai - Sinfonie.
Von seinen vollendeten Bühnenwerken sind die Opern "Die Nase" und "Lady McBeth von Mzensk" wenn schon, dann gesellschaftskritisch, derweil die Ballette "Das goldene Zeitalter", "Der Bolzen" und "Der klare Bach" definitiv einen propagandistischen Inhalt haben.

John Doe

John Doe

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6

Montag, 16. Juli 2012, 23:19

Gerade bei Schostakowitsch fällt mir in Bezug auf mögliche Propaganda-Musik mehr noch als so manche Sinfonie sein Oratorium "Das Lied von den Wälndern" ein...mehr Sozialistischer Jubel geht ja eiegtnlich gar nicht mehr.

So etwas ähnliches wäre eigentlich 45 an Stelle seiner 9. Sinfonie erwartet worden. Das ganze Werk ist nicht nur Propaganda, sondern auch Kniefall.
Aber gehen wir doch mal in des komponisten bessere Zeiten zurück:

Das Ballett "Das goldene Zeitalter" op. 22 UA 1930



Während einer Weltausstellung in einer ungenannten westlichen Metropole reist eine sowjetische Fußball-Mannschaft an, die dort die unterschiedlichsten Hemmnisse zu überwinden und Abenteuer zu bestehen hat.
Musikalisch funktioniert dieses Ballett bis auf einige Handlungsszenen (einem Fußballspiel, einer Massenschlägerei zwischen Kapitalisten und Kommunisten zum Zwecke einer Gefangenenbefreiung) durch die Gegenüberstellung westlicher und sowjetischer Tanzmusik. Tango, Walzer, Foxtrott, Märsche und sogar ein Cancan sind in bester früher Schostakowitsch-Manier vertreten. Kurz, wer die Jazz-Suiten mag, findet im goldenen Zeitalter eine gut zweistündige Fortsetzung derselbigen. Jedoch möge er nicht vergesen, dass das Werk als solches ein ganz ein simpler Propagandaschinken ist, der nur von der rotzfrechen Musik Schostakowitschs lebt.

John Doe

Garaguly

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7

Dienstag, 17. Juli 2012, 01:03

Zitat

  • Kann solche Musik gut sein?

  • Muss der WK II bei dieser
    Betrachtung als singuläres Ereignis angesehen werden, oder als
    systemimmanentes?

  • Gibt es derartige Musik auch im
    Westen? Bei der Beantwortung dieser Frage kann auf Grund ihres
    Vorbildcharakters für die russische Revolution durchaus auf die
    französische zurückgegriffen werden.

  • Was bietet diesbezüglich der
    Plattenmarkt? Soll, bzw. darf er das auch bieten?


1.
Natürlich kann solche Musik gut gemacht sein. Besonders dann, wenn sie
von solchen Großmeistern wie Schostakowitsch und Prokofiev stammt.

2.
Wenn ich die zweite Frage richtig verstehe, dann meint sie, dass der
Zweite Weltkrieg als besonderer Katalysator für die Hervorbringung von
Propagandamusik gewirkt habe. Ich denke nicht, dass das richtig ist.
John Doe weist ja zu Recht auf Schostakowitschs Kriegssinfonien hin, die
so, wie sie sind, nur durch diesen Krieg entstehen konnten. Aber diese
Kriegssinfonien Schostakowitschs sind natürlich keine Propagandamusik -
vielmehr gelten in ihnen Kompositionsprinzipien, die sie weit über das
hinaus heben, was Propagandamusik erreichen will - schlicht: sie sind zu
komplex. Viel mehr ins Bild passt da etwa Schostakowitschs Musik zu dem
Film "Der Fall von Berlin". Anhand dieser Musik zeigt sich also, dass
der Zweite Weltkrieg, bzw. ein Teil von ihm, nämlich die Eroberung der
Reichshauptstadt Berlin durch Truppen der Roten Armee, die Entstehung
von Musik ganz konkret nach sich zog.
Doch wenn wir auf die UdSSR und
ihren Musikbedarf blicken, dann bleibt doch klar festzuhalten, dass das
Regime im Rahmen seiner propagandistischen Selbstdarstellung und dass
die Repräsentanten des Regimes im Rahmen ihrer propagandistischen
Selbstüberhöhung (im Falle Stalins muss man von einem die Grenze zum
Pathologischen überschreitenden Drang zur Selbst-Apotheose sprechen)
ständig Bedarf an Musik hatten, die das Regime stabilisierte und die für
das Regime wirken konnte - völlig unabhängig vom Zweiten Weltkrieg. Der
Krieg war nur ein weiteres - wenn auch sehr gewichtiges - Ereignis, das
diesen Bedarf manifestierte.

3. Das ist merkwürdig auf den
ersten Blick. In den faschistischen Regimen fanden sich keine
Komponisten von Rang und Bedeutung (analog zu Schostakowitsch oder
Prokofiev in der UdSSR), die nennenswerte Mengen an Propagandamusik
komponiert hätten - weder das nationalsozialistische Deutschland, nach
das faschistische Mussolini-Italien hatten derartiges vorzuweisen.
Berühmte Komponisten, die relativ offen mit dem
Nationalsozialismus/Faschismus - oder zumindest mit Versatzstücken aus
diesen Ideologien - symphatisierten, waren zum Beispiel Hans Pfitzner in
Deutschland oder Ottorino Respighi in Italien. Doch von keinem weiß
ich, dass sie Kantaten zu Hiltlers Geburtstag oder zum Gedenken an
Mussolinis "Marsch auf Rom" (1922, mit dem sich der Faschismus in
Italien weitgehend durchsetzte) komponiert hätten.
Ich denke, hier
hängt viel mit den musikalischen Vorlieben Hitlers zusammen. Hitler war
bekennender Wagnerianer, Bruckners 5. Symphonie soll eines seiner
instrumentalen Lieblingswerke gewesen sein. Damit scheint der
musikalische Referenzrahmen, auf den das NS-Regime sich immer wieder
stützte, klar vorgezeichnet. Musikalisch schlachteten die Nazis die
Musik Wagners, Bruckners oder auch Beethovens immer wieder für sich aus.
Entscheidend war, dass sie entsprechendes Pathos besaß, um der der
NS-Ideologie so immanenten heldischen Grundstimmung zu entsprechen und
diese zusätzlich zu unterstreichen. Selbst die "Erkennungsfanfare" der
Wehrmachtsberichte ließen die Nazis nicht neu komponieren, sondern sie
bedienten sich bei Franz Liszt und seinem "Les Préludes".
Die
Sowjetunion bediente sich zur musikalischen Darstellung ihres Regimes
nicht in ebensolcher Weise bei Komponisten aus der russischen
Vergangenheit - bei Tschaikowsky, Borodin, Rimsky-Korsakow, Mussorgsky
u.a. Das ging ja auch gar nicht: Tschaikowskys 1. Symphonie
"Winterträume" als Untermalung des proletarischen Aufbruchs zu neuen
Ufern? Mit der "Pathetique" den Jahrestag der Oktoberrevolution
offiziell begehen? Irgendwie unvorstellbar! Da musste - analog zur neuen
Gesellschaft, die man aus dem Boden stampfte - auch neue Musik her. Der
Faschsimus bediente sich althergebrachter, bereits existierender Musik,
was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass die faschistischen Regime
von den alten bürgerlich-konservativen Eliten getragen wurden: da war
keine "Geschmacksumstellung" nötig. Aber in der UdSSR wurden die alten
Eliten nach 1917 Schritt für Schritt ausgelöscht. Die neue Elite konnte
nicht zur Musik der alten Elite jubeln und tanzen.

John Doe
sprach es oben bereits an - schon die französische Revolution brachte
auch eine völlig neuartige Musik hervor. Die Musik, die Bestandteil der
Adelskultur gewesen war, musste zurücktreten - wenn auch nicht für
lange. Für eine neue Gesellschaft musste es eine neue Musik geben. Das
galt für Frankreich nach 1789 ebenso wie für Russland nach 1917.

Und
der Westen nach 1945? Demokratische Staaten und Systeme funktionieren
völlig anders als die oben angesprochenen Diktaturen. Propagandamusik im
eigentlichen Sinne war hier nicht mehr vonnöten. Zudem übernahm im
Kalten Krieg eine völlig andere Musik die Funktion, im 'Ostblock'
"Propaganda" für den 'Westen' zu machen: Zunächst der Rock'n Roll, der
ab Mitte der 1950er Jahre aus den USA kommend seinen Siegeszug antrat
und später dann die Popmusik, die über alle Sender in den
kommunistischen Ostteil Europas ausgestrahlt wurde.

4. Zum
Plattenmarkt: Selbst die hochwertigste Komposition zu Ehren Hitlers
komponiert, würde ich mir nicht ins Regal stellen wollen. Mal abgesehen
von meiner persönlichen Haltung wäre sie aber zu Recht auch verboten und
kein Label würde eine Einspielung in Auftrag geben.
Interessant ist
nun, warum wir die Musik, die für den einen Massenschlächter oder dessen
System entstand, ablehnen und die, die den anderen Massenschlächter
oder dessen System feiert, hören. Als überzeugte Demokraten müsste uns
beides gleichermaßen abstoßen. Sozialistische Propandamusik, welcher
Provenienz und Qualität auch immer, liegt in zahlreichen Einspielungen
vor und wird auch gekauft und gehört.

Grüße,
Garaguly

John Doe

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8

Dienstag, 17. Juli 2012, 09:46

Gayaneh und Spartacus

Ein weiteres Propagandawerk, von dem wenigstens eine Nummer quasi als Gassenhauer angesehen werden kann, ist Chatschaturians Gayaneh (zu Deutsch Glück), wobei dieses Werk ursprünglich "eine Kolchose Namens Glück" geheissen hat. Der Gassenhauer ist der Säbeltanz für die, die es nicht wissen. Aber es ist noch ein Tanz drin, der vom musikalischen her zwar bei weitem nicht an letzteren ran kommt, ihn aber beim Titel um Längen schlägt: der Tanz der Genossen! Allein schon beim Lesen dieses Titels kommen mir kommen mir surreal-komische Bilder in den Sinn.



Die Handlung dieses Balletts ist auch wiederum sehr simpel: Ein Trunkenbold wird der Kolchose verwiesen, gerät in konterrevolutionäre Gesellschaft und steckt eine Scheune in Brand, seine Frau zeigt ihn an, der Trunkenbold wird auf frischer Tat erwischt und abgeführt (wohin wohl?), derweil seine Frau dem leitenden Agraringeneur zuwendet. Da von einer Scheidung nichts erwähnt ist, ist davon auszugehen, dass sie ziemlich bald Witwe wird.

Ein weiteres eindeutig propagandistisches Ballett Chatschaturians ist Spartacus, durch sein historisches Sujet diese mal frei von Komik. Die brühmteste Nummer dieses Werkes ist das Liebesduet, das auch als Titelmusik zu der uralten englischen Fernsehserie "Die Onedin-Linie" (wer kann sich an die noch erinnern?) und als Soundtrack des Skandalfilms "Caligula" herhalten musste.



John Doe

Schneewittchen

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9

Dienstag, 17. Juli 2012, 12:24

Gottfried Müllers "in die Hände des Führers" gewidmetes "Deutsches Heldenrequiem" wurde 1934 uraufgeführt,1937 erhielt Müller für diese Komposition den Kunstpreis seiner Geburtsstadt Dresden.Später widmete er sein Werk um "für die Gefallenen des 1.Weltkriges".
1936 führte Furtwängler Müllers "Morgenrot-Variationen" anläßlich der Jahrestagung der Reichskulturkammer in Berlin auf.1940 komponierte Müller "Deutschland steht auf! Marschlied gegen England,für Gesang und Klavier".1944 wurde sein Chorwerk "Führerworte" in Dresden uraufgeführt.
Aufgrund seiner Kompositionen wurde er in Hitlers "Gottbegnadetenliste" aufgenommen,was kein Hindernis war, von 1961 bis 1979 als Dozent am Meistersinger-Konservatorium in Nürnberg tätig zu sein.Sämtliche Werke von Gottfried Müller befinden sich in der Bayerischen Staatsbibliothek München.

Hans Pfitzner wurde 1944 in die "Gottbegnadetenliste" aufgenommen,erhielt im selben Jahr den Ehrenring der Stadt Wien.1944 komponierte er die "Krakauer Begrüßung",die von Hans Swarowsky im selben Jahr im besetzten Krakau(Polen) uraufgeführt wurde.
Noch heute erinnert die Pfitznergasse in Wien-Liesing an den Komponisten,zu dessen 125. Geburtstag 1994 die Deutsche Post eine Sondermarke verausgabte.

Werner Egk stand auch auf der "Gottbegnadetenliste".1933 komponierte er die Musik für das NS-Festspiel "Job,der Deutsche".Eine olympische Goldmedaille erhielt er 1936 für die "Olympische Festmusik".1938 wurde seine Kantate"Natur-Liebe-Tod bei den Reichsmusiktagen in Düsseldorf aufgeführt
Egk war ab 1950 präsident des Deutschen Komponistenverbandes,Aufsichtsratsvorsitzender der GEMA und ab 1969 Präsident des Deutschen Musikrates. Ehrenbürger der Stadt München.

Franz Schmidt komponierte in seinem letzten Lebensjahr 1939,nach dem Eintritt Österreichs in das Deutsche Reich, die Kantate "Deutsche Auferstehung",die unvollendet blieb.
mfG
Michael

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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10

Dienstag, 17. Juli 2012, 15:00

Es wäre natürlich interessant, diese Werke mal zu hören.
Diese "Gottbegnadetenliste" ist ja überhaupt recht bunt und sagt nicht so viel aus. Ich glaube, nicht alle aus der Liste haben Propagandamusik produziert (Richard Strauss z.B.).
Die "Krakauer Begrüßung" von Pfitzner habe ich jetzt nicht bei unserem CD-Versand finden können - bei Pfitzner hätte ich noch am ehesten Hoffnungen, dass etwas propagandistisches greifbar (hörbar) ist. Ich kenne mich aber auch mit der Rechtslage nicht aus - zu Leni Riefenstahl z.B. gab es mal eine Retrospektive, in der auch Propagandamaterial gezeigt wurde. Im Konzertbetrieb findet das wohl eher nicht statt. Wie wäre es mit einer Veröffentlichung historischen Materials auf CD? Aber wer weiß, vielleicht wurden die Stücke nicht aufgenommen.

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

Beiträge: 6 799

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

11

Dienstag, 17. Juli 2012, 15:04

Auch die chinesische Propagandamusik ist für uns schwer greifbar. Ein wenig hineinschnuppern kann man wohl so:
Es soll hier aber nicht über Wert oder Unwert von Kompositionen diskutiert werden, sondern lediglich über die Frage: Welche der ernsten Musik zuzurechnenden Musikstücke , etwa ab 1925 würdet Ihr jemandem empfehlen, der gerne "schöne" Musik hören möchte, die ihn in gute Stimmung versetzt, oder "erhabene", ähnlich wie das die Musik der "Wiener Klassik " im Allgemeinen vermochte ?

Im kommunistischen China wurde nach westlichen Vorbildern eine Musik entwickelt, die - soweit ich das bislang kennengelernt habe - frei von verstörenden Modernismen sehr auf das emotionale Erlebnis gerichtet ist. Während man zuerst traditionell chinesische Elemente mied, kam es dann auch zu Synthesen. Die Musik ist so ohrwurmfähig, dass nach Auskunft chinesischer Politiker die Bevölkerung heute noch diese Musik vor sich hin singt. Seitdem Popmusik erlaubt ist, hat sie allerdings starke Konkurrenz bekommen.

Xian Xinghai (冼星海 1905 - 1945) studierte u.a. in Paris bei d'Indy und Dukas. Besonders verbreitet sind seine Vokalwerke für den Krieg zwischen China und Japan (1937-45) und seine Filmmusik (auch für sowjetische Filme). In der Kulturrevolution (1966–1976) wurde seine Kantate vom gelben Fluss (黄河大合唱) unter anderem vom Pianisten Yin Chengzong zu einem Klavierkonzert umgebaut.


Xian Xinghai (1905 - 1945)
Klavierkonzert "Yellow River"


Die Originalversion der Kantate wird man wohl auf chinesisch suchen müssen ...
Wie man an Xinghais Lieder, die in der englischen Wikipedia angeführt sind:

Zitat

Saving the Nation, Non-Resistance the Only Fear, Song of Guerrillas, The Roads Are Opened by Us, The Vast Siberia, Children of the Motherland, Go to the Homefront of the Enemy, and On the Taihang Mountains
kommt, weiß ich nicht.

WolfgangZ

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  • »WolfgangZ« ist männlich

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Registrierungsdatum: 16. April 2007

12

Dienstag, 17. Juli 2012, 18:42

Zitat

Die brühmteste Nummer dieses Werkes ist das Liebesduet, das auch als Titelmusik zu der uralten englischen Fernsehserie "Die Onedin-Linie" (wer kann sich an die noch erinnern?) [...] "Caligula" herhalten musste.
Aber sicher kann ich mich da erinnern! Meine Kenntnis der Serie ist älter als die von Khatschaturians Musik! Und die Melodie dieses Schlagers mag ich noch immer! :D

:hello: Wolfgang
Lieber Fahrrad verpfänden denn als Landrat enden!

John Doe

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13

Dienstag, 17. Juli 2012, 21:53

Herbert Windt

Meine Kenntnis der Serie ist älter als die von Khatschaturians Musik!

Mir geht's genauso! Wie mir dann vor einigen Jahren der Spartacus im Original vorgelegen ist, war's doch eine ziemliche Recherche herauszufinden. woher ich diese Melodie kenne. :D

Von der braunen Seite sei noch der Komponist Herbert Windt zu erwähnen, ein Schreker-Schüler, der mangels Erfolg bei der Filmmusik gelandet ist und u.a. die Filmmusik zu Riefenstahls Triumph des Willens geschaffen hat.
Der Anfang dieses Filmes ist wirklich genial sowohl von der Musik her, als auch von deren bildnerischen Umsetzung: Hoch über Wolkengebirgen schwebend ertönz eine an Wagner gemahnende Musik, die einem irgendwie bekannt vorkommt, sich aber dann doch nicht fixieren läßt. Man sinkt langsam ab, erkennt dass man in einem Flugzeug ist, in dem auch Adolf persönlich sitzt. Die Musik ist immer noch voller Pathos und Größe, aber man kann schon erkennen, was für ein Liedchen da gespielt wird, bei der Schlusseinstellung dann schwebt die Kamera über eine marschierende SA-Kapelle, die das äLiedchen dann in Reinform intoniert, nämlich das Horst-Wessel-Lied. Das ganze Ding ist eine umgekehrte Variationsreihe, die auch noch auf's Perfekteste in's Bild umgesetzt ist.
.
Gelegentlich wird dieser Film bei Sondervorführung im Rahmen der politischen Bildung und der Antifa-Arbeit gezeigt. Wer die Möglichkeit hat, diesen Film zu sehen. soll ihn sich anschauen, eröffnet er doch eine völlig neue Dimension in Sachen Kunst und Hurerei.

Windt hat aber noch zu anderen Filmen die Musik geschrieben: Olympia - Fest der Völker, Olympia - Fest der Schönheit, Der Feldzug in Polen, Stukas, Paracelsus, Tiefland. Nach fünfjähriger Pause, die gewissen historischen Ereignissen und einem kurzen Berufsverbot geschuldet waren, war er 1950 wieder da und hat den Soundtrack zu so Schinken wie Die Frau von gestern Nacht und Hunde wollt ihr ewig leben geschrieben. ( Letzterer ist erst vor ein paar Tagen in der Glotze gelaufen.) 1962 entschlief er friedlich und nicht mehr gestört in Deisenberg..

John Doe

Rheingold1876

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Registrierungsdatum: 5. Mai 2011

14

Dienstag, 17. Juli 2012, 22:06

Spätromantik für Arme

Löste man "Gayaneh" und "Spartacus" aus dem Dunstkreis ihres Entstehend heraus, sind das außerordentlich kraftvolle, von armenischen Volksweisen inspirierte Werke. Etwas naiv, aber in eben dieses Schlichtheit von großer, packender Wirkung. Es ist viel Sentimentalität darin, die sich mmer wieder zu hinreißender Lyrik aufschwingt. Sogar dem westlichen Saxophon kommt in der Partitur eine Rolle zu, was ich ganz bemerkenswert und gar nicht propagandistisch finde. Und der berühmte Säbeltanz ist nur einer von vielen Gassenhauern, die schon beim ersten Hören unvergessen bleiben. Kathchaturian war ein zwiespältiger Künstler, hin und her gerissen zwischen Anpassung an das Regime und der Aufmüpfigkeit seiner Heimat Armenien, der er sich sein Leben lang verbunden fühlte. Er saß zwischen allen Stühlen. Ich höre aus seiner Musik eben so wenig billige Propaganda heraus wie aus der auf dem Höhepunkt der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland uraufgeführten "Carmina Burana" von Orff.

An solchen Beispielen - Schneewittchen hat auch Pfitzner (in vielen deutschen Städten gibt es nach ihm benannte Straßen, nicht nur die Gasse in Wien), Egk und Schmidt genannt - offenbart sich die Schwierigkeit dieses Thread-Themas. Musik zum Ruhme eines System! Sie ist es nicht zwangsläufig, nur weil der jeweilige Komponist dem jeweiligen System mehr als nahe stand. Pfitzner hat mit seiner initiativreichen Unterschrift unter den "Protest der Richard-Wagner-Stadt München" - eines der übelsten Schriftstücke der Hitlerzeit - die Ausbürgerung Thomas Manns und seiner jüdischen Frau befördert und wurde dabei auch von Hans Knappertsbusch und Richard Strauss tatkräftig untersützt. Ist diese Gemeinheit seiner Musik anzuhören? Wie ist das mit Ottmar Gerster oder Rudolph Wagner-Régeny, die nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland umjubelte Opern schrieben, die noch heute Bestand haben? Auch Alexander Ecklebe, der im Olympiajahr 1936 seine Oper "Genoveva" vollendete und bei den Nazis als große Hoffnung galt, als ein junger Komponist gepriesen wurde, der ganz im Sinne der Bewegung schrieb. Ich kenne das Stück als Mitschnitt der Uraufführung unter Hans Rosbaud. Es ist von einer gewissen Eingängigkeit, Rückwärtgewandheit - faschistoide Töne kann ich darin nicht ausmachen.

Vielleicht hat derlei Macht gar keine eigene Musik? Die Kantate von Prokofjew oder ähnliche Stücke - ob nun im Osten oder im Westen - sind mir noch kein schlüssiger Beweis des Gegenteils. Selbst das Horst-Wessel-Lied, die Musik dieses Liedes, ist ja bekanntlich in ihrer Herkunft umstritten und nicht von den Nazis erfunden worden. Diktaturen haben überlieferte Musik gern mißbraucht. Und wenn mal nicht, wähnten sie sich in dem Irrglauben, etwas Niedagewesenes zu schaffen, herausgekommen sind doch immer nur brave Aufgüsse des Altbekannten - Spätromantik für Arme nenne ich das. Werfen wir einen Blick auf die Architektur, die vielleicht noch eine größere Rolle in Diktaturen spielte als Musik. Auch sie offenbart eine Verhunzung des Überkommenen, baut aber immer darauf auf - in Moskau wie in Berlin. Und wo diese Kathedralen oder Hütten der Macht noch stehen, da stehen sie halt vor sich hin und stören nicht so richtig. Manchmal kann man ihnen sogar noch etwas abgewinnen.

Gruß Rheingold
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."

John Doe

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15

Dienstag, 17. Juli 2012, 22:10

Elgar - Pomp and Circumstance Märsche

Als Positivbeispiel für westliche Propagandamusik möchte ich noch Elgars Pomp and Circumstance - Märsche anführen, die alle im ersten Drittel des 20. Jhdt. entstanden sind. Besser haben auch die Sowjetkomponisten ihr Arbeiter- und Bauernparadies nicht besingen können, wie es hier Elgar mit seinem Empire macht.

John Doe

John Doe

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16

Mittwoch, 18. Juli 2012, 08:23

Hallo Rheingold.

du sagst
Löste man "Gayaneh" und "Spartacus" aus dem Dunstkreis ihres Entstehend heraus, sind das außerordentlich kraftvolle, von armenischen Volksweisen inspirierte Werke. Etwas naiv, aber in eben dieses Schlichtheit von großer, packender Wirkung.
da kann ich dir nur beipflichten, möchte aber unbedingt darauf hinweisen, dass diese Qualitäten selbstverständlich auch "im Dunstkreis ihres Entstehens" vorhanden sind, ja vielleicht durch selbigen sogar noch verstärkt werden, in dem ihrer Naivität und Schlichtheit eine gewisse Richtung verliehen wird.
Die zwischenzeitlich eigentlich schon etablierte Situation dieser beiden Ballette aber ist doch die, dass sie ihrer Handlung und ihres Zweckes beraubt besten Falls noch als Suiten herumgeistern oder schlimmsten Falls völlig in ihre Einzelteile zerlegt genau mit diesen getarnte Pornos und bescheuerte Werbespots musikalisch untermalen müssen.


An solchen Beispielen - Schneewittchen hat auch Pfitzner (in vielen deutschen Städten gibt es nach ihm benannte Straßen, nicht nur die Gasse in Wien), Egk und Schmidt genannt - offenbart sich die Schwierigkeit dieses Thread-Themas. Musik zum Ruhme eines System! Sie ist es nicht zwangsläufig, nur weil der jeweilige Komponist dem jeweiligen System mehr als nahe stand.
Wenn man sich mehr auf die Werke und weniger auf die Gesinnung bezieht, dann sehe ich in diesem Thread wenig, bis keine Schwierigkeiten, denn ein Komponist, der vielleicht ein überzeugter Nazi war, aber kein Propagandawerk hinterlassen hat, sollte hier eigentlich nicht auftauchen.

Viele Grüße
John Doe

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17

Mittwoch, 18. Juli 2012, 09:31

Der Anfang dieses Filmes ist wirklich genial sowohl von der Musik her, als auch von deren bildnerischen Umsetzung: Hoch über Wolkengebirgen schwebend ertönz eine an Wagner gemahnende Musik, die einem irgendwie bekannt vorkommt, sich aber dann doch nicht fixieren läßt. Man sinkt langsam ab, erkennt dass man in einem Flugzeug ist, in dem auch Adolf persönlich sitzt. Die Musik ist immer noch voller Pathos und Größe, aber man kann schon erkennen, was für ein Liedchen da gespielt wird, bei der Schlusseinstellung dann schwebt die Kamera über eine marschierende SA-Kapelle, die das äLiedchen dann in Reinform intoniert, nämlich das Horst-Wessel-Lied. Das ganze Ding ist eine umgekehrte Variationsreihe, die auch noch auf's Perfekteste in's Bild umgesetzt ist.
.
Gelegentlich wird dieser Film bei Sondervorführung im Rahmen der politischen Bildung und der Antifa-Arbeit gezeigt. Wer die Möglichkeit hat, diesen Film zu sehen. soll ihn sich anschauen, eröffnet er doch eine völlig neue Dimension in Sachen Kunst und Hurerei.

Bezüglich der von Dir geschilderten Variationsreihe und ihrem Gebrauch als Filmmusik erschließt sich mir nicht, inwiefern da eine "völlig neue Dimension in Sachen Kunst und Hurerei" vorhanden sein sollte. Mir kommt die Glorifizierung vergleichsweise bescheiden vor, schließlich kenne ich Trogers Fresko in Göttweig, in dem der Herrscher als Apoll auf dem Sonnenwagen dargestellt ist, was etwas merkwürdig wirkt, da er kein Adonis war und seine üppige Perücke im Kontext etwas deplaziert ist.
:D

John Doe

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18

Mittwoch, 18. Juli 2012, 10:46

Hallo Kurzstückmeister,

ich habe mich diesbezüglich auf den gesamten Film bezogen.
Na ja, aus gleichsam göttlichen Sphären kommend nimmt da etwas Metaphysisch-Überirdisches langsam Gestalt an, um schließlich manifestiert in der Person des Schuhbürsterlbartträgers einer JU 52 zu entsteigen. Dargestellt ist die Sache so, dass da nicht irgend ein Messias kommt, sondern definitiv was Höherrangiges.
Der Triumph des Willens ist Riefenstahl bis zum Schluss vorgehalten worden. Mit Sicherheit auch stellvertretend für die, deren Opera diskret dem Vergessen anheim gefallen sind.

John Doe

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19

Donnerstag, 19. Juli 2012, 08:32

Romantik für Reiche

Hallo Rheingold,

du sagst:
Diktaturen haben überlieferte Musik gern mißbraucht. Und wenn mal nicht, wähnten sie sich in dem Irrglauben, etwas Niedagewesenes zu schaffen, herausgekommen sind doch immer nur brave Aufgüsse des Altbekannten - Spätromantik für Arme nenne ich das.
Da tust du aber der sowjetischen Musikszene bis Anfang der 30er Unrecht, war die doch bis dorthin äußerst vielfältig, temperamentvoll und streitsüchtig, weswegen dann auch von Oben eingegriffen worden ist und der sozialistische Realismus als neue Richtung vorgegeben worden ist.
Ende der 20er gab es in der SU zwei musikalische Lager, deren eines Dilletantismus und Propagandistik, bzw. einen strikten Proletkurs vertrat, derweil sich im anderen in all seiner Heterogenität der Rest der sowjetischen Musikszene fand. Sozialisten waren sie alle und weil Sozialisten ordentliche Menschen sind mit einem gewissen Hang zum Bürokratismus, haben sie sich auch in zwei unterschiedlichen Komponistenverbänden organisiert, die sich dann auf's Heftigste befehdeten. Die sich als besonders fortschrittlich gebärdende Prolet-Richtung hat als dialektischen Widerspruch ein betont nationalrussisches Element in sich getragen, der weil die andere Richtung von russischen Spätromantikern bis zu prowestlichen Vertretern der Zwölftonmusik gegeangen ist.
Der mehr oder weniger stark angeordnete sozialistische Realismus sollte als Kompromiß verstanden werden, indem er auf der einen Seite den Diletantismus, die Avantgarde ablehnte, wurde aber dann sehr schnell Doktrin.
Ab diesem Zeitpunkt, ab 1932 also könnte man von einer "Spätromantik für Arme" sprechen, wobei die Komponisten dieser Richtung mindestens so bedeutend sind, wie diejenigen der Romantik als solcher.

Das faschistische Lager hatte diese ganze Problematik nicht, da es ja nicht revolutionär, sondern konterrevolutionär und reationär war. Reaktionär auch in dem Sinne, dass es als Reaktion auf die Revolution entstanden ist. Der Faschismus hat mit der bürgerlich - monarchistischen Musiktradition nicht gebrochen, weil er auch mit der bürgerlich - monarchistischen Gesellschaft nicht gebrochen hat, sondern nur eine logische Weiterentwicklung der selbigen war. Von dem her gibt es keine eigentlich braune Musik, sondern nur und wenn denn überhaupt spät- bzw. postromantische Musik mit braunen Inhalten, also eine Romantik für Reiche!

Beste Grüße
John Doe
:hello:

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20

Freitag, 20. Juli 2012, 09:50

schließlich kenne ich Trogers Fresko in Göttweig, in dem der Herrscher als Apoll auf dem Sonnenwagen dargestellt ist

Kann man hier elegant verlinken:

John Doe

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21

Samstag, 21. Juli 2012, 10:21

Nikolai Jakowlewitsch Mjaskowski

Ein weiterer absolut linientreuer Sowjetkomponist war Nicolai Mjaskowski.



Auf Alfred Schmidts Frage: "Welche der ernsten Musik zuzurechnenden Musikstücke , etwa ab 1925 würdet Ihr jemandem empfehlen, der gerne "schöne" Musik hören möchte, die ihn in gute Stimmung versetzt, oder "erhabene", ähnlich wie das die Musik der "Wiener Klassik " im Allgemeinen vermochte ?" ist die Musik von N. Mjaskowski eine perfekte Antwort. Gleichzeitig ist sie auch archetypisch für Rheingolds Bezeichnung "Spätromantik für Arme", wobei aber bei dieser Musik der Eindruck entsteht, dass Utopia Wirklichkeit geworden ist.
Von der Klangsprache her ist er miit Langgaard vergleichbar, Mjaskovskis späten Werke werden ebenfalls dem Symbolismus zugeordnet, vom Handwerklichen her finde ich ihn sogar noch besser, weil er eine Spur akademischer ist und zwar im positiven Sinn.
Von seinen 27 Sinfonien sind die Nr. 12 dem landwirtschaftlichen Kollektiv, die Nr. 16 einem sowjetischen Fliegerhelden, die Nr. 18 dem 20. Jahrestag der Oktoberrevolution und die 22. dem großen vaterländischen Krieg gewidmet und können somit als Propagandamusik angesehen werden.

Seine Sinfonien sind in eine hervorragenden Interpretation durch Swetlanow immer noch als GA in dieser RCA-Box erhältlich.



Viele Grüße
John Doe

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22

Mittwoch, 25. Juli 2012, 11:30

Schostakowitsch: Das Lied von den Wäldern

Hallo,

angeregt durch einen Beitrag in diesem Thread hab ich mir Schostakowitschs berüchtigstes Werk besorgt: Das Lied von den Wäldern



Eingedenk des vorausgegangenen Formalismusstreites, der Provokation durch seine 9. Sinfonie und anderer Werke hat Schostakowitsch hier all das mehr als richtig gestellt, was ihm jemals die Kunst betreffend zum Vorwurf gemacht worden ist. Ein wahrhaft tiefer Kniefall, den Stalin da von seinem besten Komponisten verlangte, bekam und auch honorierte (Stalinpreis 1. Klasse plus eine dazugehörige nicht unerhebliche finanzielle Anerkennung).
Vom Musikalischen her rudert hier Schostakowitsch nicht zurück - wohin denn auch, hat er doch bis zu diesem Zeitpunkt noch nie so etwas komponiert - sondern schafft ein idealtypisches Stück Musik im Stile reinsten sozialistischen Realismus'. Soli und Chöre sind von erhabener Schlichtheit und Größe, die dem Finale zu einen leicht kirchenmusikalischen Touch bekommen. Das dürfte wohl auch dem Text geschuldet sein, der gegen Ende dieses Oratoriums Stalin als wohlwollenden Übervater besingt, der seine Kinder auf ruhmreichen Pfaden führt und mit seinem alles überragenden Genius der Wächter der Zukunft ist.
Das Lied von den Wäldern ist ein Meisterwerk des sozialistischen Realismus, wurde als solches auch wahrgenommen und löste eine Reihe ähnlicher Kompositionen anderer Komponisten aus. Und es unterscheidet sich auch radikal von Prokofiews Revolutionskantate, die durch die Verwendung originaler Texte von Lenin und Stalin und der extrem bunten Orchesterbesetzung an die wilden (= freien) Jahre der SU gemahnt.

Ich persönlich möchte dieses Werk jedem Schostakowitsch-Freund anempfehlen, trägt es doch sehr dazu bei das Bild dieses Komponisten zu vervollständigen.

Zur Aufnahme und Interpretation möchte ich noch anmerken, das es sich bei der mir vorliegenden CD um eine Hybrid-SACD handelt, die sich auf befindenden Werke sind alle noch in Sowjetzeiten eingespielt worden und zwar in hervorragender Interpretation.

John Doe

Theophilus

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23

Mittwoch, 25. Juli 2012, 23:52

Seine Sinfonien sind in eine hervorragenden Interpretation durch Swetlanow immer noch als GA in dieser RCA-Box erhältlich.

Die Box ist von Warner Music!

Ciao

Von Herzen - Möge es wieder - Zu Herzen gehn!

John Doe

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24

Sonntag, 29. Juli 2012, 20:55

Reinhold Gliere: Der rote Mohn

Vielleicht das bedeutendste Propagandaballett dürfte Glieres Roter Mohn sein, in dem Sowjetmatrosen in einer chinesischen Küstenstadt die dortigen schwer ausgebeuteten Kulis und Hafenarbeiter bei einem Aufstand unterstützen.

In diesem Ballett gehen chinesische Musikelemente Hand in Hand mit aktuellen Tänzen (1928) und anderer großartiger Musik. Mir persönlich wird es immer bei der Schlussapotheose, der die Internationale zu Grunde liegt, besonders warm um Herz.
Die Bedeutung dieses Ballettes liegt aber nicht darin, sondern viel mehr in der Tatsache, dass durch seine Aufführung die Kunstgattung Ballett als solche vor einem Verbot in der SU gerettet worden ist, war doch dort selbige bis zu seinem Erscheinen 1928 als zu reaktionär und bourgeois verpönt. Gliere schließlich hat mit seinem Roten Mohn bewiesen, dass ein Ballett auch proletarisch sein kann und somit den Weg für die wunderbaren Werke von Schostakowitsch, Prokofiew und Chatschaturian geebnet.

Leider scheint mir die oben angezeigte Aufnahme z. Z. die einzige erhältliche GA dieses Werkes zu sein. Sie ist jetzt zwar nicht unbedingt schlecht, holt aber auch bei weitem nicht das raus, was in dieser Musik steckt. D.h. für meinen Geschmack kommt sie etwas arg zahm daher.

Viele Grüße
John Doe
:(

John Doe

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Donnerstag, 2. August 2012, 09:24

Schostakowitsch: Der Bolzen und Der klare Bach

Zwei weitere absolut Linientreue Werke Schostakowitschs sind die Ballette Der Bolzen und Der klare Bach. Bei ersterem geht es um Sabotage, bei letzterem um das Zusammentreffen von Sowjetingeneuren und Kolchosbauern, die feststellen, dass sie das gleiche Ziel verfolgen.
Interessant dabei ist, dass beide Ballette der Lady-McBeth-Affaire zum Opfer vielen. Beim ersten kann man es mit viel gutem Willen gerade noch nachvollziehen, beim Klaren Bach eigentlich nicht mehr, war dieser doch auf künstlerisch höchstem Niveau auch musikalisch linientreu.



Bekannt sind diese beiden Werke in der Regel als Suiten, jedoch enthalten diese einem derartig viel Musik vor, dass man unbedingt zu den GAs greifen sollte, wenn einem die Suiten auch nur ein bißchen gefallen.

Viele Grüße
John Doe

John Doe

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26

Dienstag, 7. August 2012, 10:01

Dimitri Kabalewsky

Ein weiteres propagandistisches Werk auf höchstem künstlerischen Niveau ist Kabalewskis 3. Sinfonie, deren Titel "Requiem für Lenin" lautet.



Dem Regime viel zu nah kann aus Kabalewsky kein Dissident konstruiert werden mit der Folge, dass ein Komponist im Rang eines Prokofiews sammt seinem Ouvre in der Schmuddelecke zu verweilen hat.

Viele Grüße
John Doe

Klaus 2

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27

Dienstag, 7. August 2012, 11:59

Das ist ein ganz verzwicktes Thema finde ich. Ich grüble schon länger darüber. Und zum einen bin ich dahin gekommen, dass manche Musik, einfach ein kleines propagandistisches Sahnehäubchen verpasst bekamen, um in der Zeit erfolgreicher zu werden. Eine nette Anekdote dazu ist die Geschichte (wenn sie denn wahr ist), dass Peter und der Wolf ursprünglich "der kleine Kadett Peter und der Wolf" hieß.

Ansonsten ist für mich als Shostakovichfan wichtig: Würde man seine Musik ähnlich empfinden, wenn man die Umstände des Entstehens überhaupt nicht kennte? Sicher hören wir in den Kriegssymphonien das STampfen des Marschierens usw. Aber doch nur aus unserem Vorwissen heraus! Insofern ist für mich ziemlich unklar, inwieweit "Propagande" überhaupt der Musik immanent sein kann und inweit nur Interpretation und Vereinnahmung.

In fast völliger Unkenntnis der Musik z.B. der DDR frage ich mich in dem Zusammenhang, inwieweit das Pendel zurückgeschlagen ist, und ob es Komponisten gibt, die man heute nicht mehr hört, weil man sie mit dem alten REgime in Verbindung brachte. Ich erinnere mich, dass ich irgendwo las, der und der sei einer der führenden Komponisten der DDR gewesen, als ich darufhin nach Aufnahmen suchte, fand ich so gut wie nichts. Wurde diese Musik also nur gehört, weil sie den Mächtigen nützlich erschien? Oder ist der Grund für das Verschwinden eben gar kein künstlerischer, sondern nur ein politischer?

Und noch ein Aspekt ist ja der, der bei Wagner immer wieder auftaucht, dass dort eben die Nazis ihn auf eine Weise vereinbart haben, dass man ihn in Israel nicht mehr so ohne weiteres aufführen kann.

Insofern kumuliert das auch ein wenig auf die Frage, ob dieser Threas ein künstlerischer oder politischer ist.
Tschö
Klaus
ich weiß, dass ich nichts weiß. Aber ganz sicher bin ich mir da nicht.

John Doe

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28

Dienstag, 7. August 2012, 13:17

Hallo Klaus 2,

du sagst,
dass manche Musik, einfach ein kleines propagandistisches Sahnehäubchen verpasst bekamen, um in der Zeit erfolgreicher zu werden.
bei Mjaskowski mag das grundsätzlich zutreffen, ist doch dessen Musik derart absolut, dass nur der Titel das ein oder andere Werk zu einem Propagandastück macht, bloß lag dem in der Regel nicht privater Ehrgeiz, sonder eine ganz konkrete Forderung bzw. Bestellung zu Grunde.
Bei den anderen Werken, die ich bis jetzt aufgezählt habe, trifft es nicht zu, da diese, sei es nun durch den Text oder durch die Handlung, eine klare und eindeutige Botschaft haben.

Ob die Musik Schostakowitschs nun auch ohne Kenntnisse ihrer Entstehungsgeschichte wirken würde? Ja, aber nicht unbedingt so, wie's der Komponist beabsichtigt hat, wollte doch dieser den zeitlichen Hintergrund durchaus mit einbezogen haben.

Auf die Situation der DDR-Komponisten gehe ich später ein, weil ich jetzt keine Zeit mehr habe.

John Doe :jubel:

John Doe

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29

Mittwoch, 8. August 2012, 10:29

z.B. der DDR frage ich mich in dem Zusammenhang, inwieweit das Pendel zurückgeschlagen ist, und ob es Komponisten gibt, die man heute nicht mehr hört, weil man sie mit dem alten REgime in Verbindung brachte.

Eigentlich ist davon jeder DDR-Komponist betroffen, gleich ob er nun bekannt ist oder ncht. Mir ist weder eine Neuinszenierung von der Verurteilung des Lucullus von Dessau bekannt, noch eine weitere bundesdeutsche Einspielung von Eislers antifaschistischen Kantate, der deutschen Sinfonie, als die leipziger. BeideWerke sind vom Inhalt her objektiv und bedauerlicher Weise auch aktuell genug.
Ein weiteres Beispiel dafür ist doch auch der Dirigent Herbert Kegel, im Ausland hoch geachtet, in Japan sogar unmittelbar hinter Karajan rangierend, wird er bei uns immer mehr der Vergessenheit anheim gegeben. Bei Kurt Sanderling war es doch ähnlich, bloß war dieser trotz Ignorierung auf nationaler Ebene international eine Nummer zu groß.

Ich persönlich empfinde das als Zensur. Es mag schon sein, dass das eine Frage des Marktes ist, aber jeder in diesem Forum weiß, welche Schwierigkeiten der uns Musikliebhabern bereitet.

John Doe :jubel:

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Mittwoch, 8. August 2012, 14:17

Ich habe doch vor ein paar Jahren hier im Forum(?) gelesen, dass irgendwo in D anstelle der obligaten Beethoven - IX einmal Eislers "Deutsche" gegeben wurde zu dem Termin, an dem sonst immer Beethoven - IX gegeben wird. (Leider habe ich vergessen, welcher Termin das ist. Neujahr?)

Leider ist mein Thread zur "deutschsprachigen" klassischen Moderne bislang nicht angenommen worden. Dort hatte ich als Hauptvertreter folgende Auswahl angeboten: Zemlinsky, Schönberg, Schreker, Webern, Berg, Hindemith, Orff, Korngold, Eisler, Weill, Hartmann. Ob unter denen nun Eisler in letzter Zeit besonders starke Verluste zu verzeichnen hatte, weiß ich nicht.
:hello: