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Wolfram

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1

Samstag, 6. August 2011, 22:02

Carl Maria von Weber: Der Freischütz (Zürich 1999)



Aufnahme Opernhaus Zürich, 1999
Musikalische Leitung: Nikolaus Harnoncourt
Orchester und Chor des Opernhauses Zürich
Inszenierung: Ruth Berghaus
Bühnenbild: Hartmut Meyer
Kostüme: Marie-Louise Strandt
Licht: Jürgen Hoffmann

Max: Peter Seiffert
Kaspar: Matti Salminen
Agathe: Inga Nielsen
Ännchen: Malin Hartelius
Ottokar: Cheyne Davidson
Kuno: Werner Gröschel
Kilian: Volker Vogel
Ein Eremit: László Polgár
Samiel: Raphael Clamer


Ouvertüre

In der (nicht inszenierten) Ouvertüre sieht man, dass Harnoncourt alte und neue Instrumente mischt: Neben den „normalen“ Kräften des Opernhauses Zürich erkennt man vier Naturhörner und auch Naturtrompeten sowie „alte“ Posaunen mit kleinem Schallbecher. Ob die Pauken auch „alt“ sind, kann ich nicht sagen. Jedenfalls wurden Naturfelle benutzt, aber keine Schlägel mit Holzkopf.

Es wird in gewohnter Harnoncourt-Art rhetorisch-dramatisch gespielt, lebendig, strukturbetont. Bloß keine falsche Naturstimmung …


1. Aufzug

Der Vorhang öffnet sich zur ersten Szene. Eine Bühne ohne Dekoration, hinten und rechts mit raumhohen rechteckigen Platten in gelb gehalten, links in einem Vordergrund schwarz (muss man sehen). Fahles Licht von links, das die rechte Wand erhellt. Das Volk ist schwarz gekleidet und liegt flach auf dem Boden. Nur Kilian, ebenfalls in Schwarz, steht und hat seine Büchse in der Hand und schießt in Richtung Publikum. Das Volk richtet sich auf (graue Hüte bei den Herren) und erhebt sich nach und nach. Sie scheinen zu frieren. Kilian bedroht einige mit der Büchse – offenbar nicht nur zum Spaß. – Es sieht eher nach Hofgang im Gefängnis eines totalitären Staates aus.

Max sitzt mit Brille und einem Buch in der Ecke. Das Volk defiliert an ihm vorbei und neckt ihn. Beim Spottlied mit Chor läuft Max herum und liest in seinem Buch. Nach dem Lied fällt Max den Kilian an, bis Kuno die beiden trennt.

Das gelb-schwarze Bühnenbild scheint beim „Oh, diese Sonne! Furchtbar steigt sie mir empor“ einen schwachen illustrativen Sinn zu erhalten. - Blitze auf der Bühne beim “Wir lassen die Hörner erschallen“. Geradezu grotesk der Bauerntanz danach.

Max singt seine Arie „Durch die Wälder, durch die Auen“ aus einer Vertiefung im Boden. Bei „mich umgarnen finstre Mächte“ marschiert ein finsterer Kerl im Hintergrund von links nach rechts über die Bühne. Als Kaspar hinzutritt, folgt ihm der Finsterling auf dem Fuße, reicht die zwei „Passgläser“ und dient als Sitzbank beim Lied „Hier im ird‘schen Jammertal“. - Bei der zweiten Strophe liegt Max ausgestreckt auf dem Boden, der Finsterling kauert auf allen Vieren über ihm, Kaspar steht breitbeinig über beiden. Bei der dritten Strophe ist der Finsterling immer noch auf allen Vieren und trägt Kaspar und Max.

Max schießt ohne zu zielen, ein Meer schwarzer Federn schwebt herab. – Keine Regieideen bei der Arie des Kaspar („Schweig, schweig, damit dich niemand warnt“).

Bisher eher langweilig.


2. Aufzug

Das Bühnenbild ist fast dasselbe, der schwarze Halbrahmen auf der linken Seite ist verschwunden und einem türkisfarbenem Bühnenzugang halblinks gewichen, der nach Art eines Klappbettes auch hochgeschwenkt werden kann. Die Federn aus dem ersten Aufzug sind in einer diagonal von links vorne nach rechts verlaufenden Linie hinten auf dem Boden angeordnet. Agathe und Ännchen, beide schwarz gekleidet, liegen in einer Versenkung im Bühnenboden. Das Bild des Ahnherren wird ersetzt durch seine Kleidung (natürlich schwarz). Der Nagel ist ein Schlüssel. Das Gelb des Bühnenhintergrundes weicht durch Beleuchtungswechsel nach und nach Bronzetönen. Das Klappbett fährt bei „Grillen sind mir böse Gäste“ nach oben.

Agathe trägt übrigens einen weißen Kragen und erhält früh ein weißes Stirnband von Ännchen. In der Arietta „Kommt ein schlanker Bursch gegangen“ spielt Ännchen mit einem Gewehr und bedroht Agathe, eine weiße Rose des Eremiten im Gewehrlauf macht die Sache auch nicht harmloser. - Viele Gesten bleiben schlichtweg unverständlich. Warum legt sich Agathe am Ende der Arietta ausgestreckt vor Ännchen hin? - Das Klappbett wird wieder heruntergefahren.

Zur Szene und Arie „Wie naht mir der Schlummer/Leise, leise“ ist Frau Berghaus auch nicht viel eingefallen. Sie wird aus dem „Klappbett“ heraus gesungen.

Max wird bei seinem Auftritt von Agathe und Ännchen aus der Vertiefung im Boden gezogen. Die vielen Gesten beim „Schreckensschlucht“-Terzett erschließen sich auch nicht ohne weiteres: Mal wieder eine Rose im Gewehrlauf, Max mit einer Wolldecke, …

Die Wolfsschlucht ist ebenfalls schwarz und grüngelb. Eine quer über die Bühne verlaufene Ebene in halber Höhe hat einen Knick von vorne nach hinten – das soll wohl die Schlucht darstellen. Auf der rechten Seite der Ebene ein Zugang.

Kaspar hantiert zu Beginn mit Büchse und Federn, blickt sich ab und zu ängstlich um. – Kaspar holt eine Leiche aus der Vertiefung und scheint diese zu erstechen. – Samiel erscheint auf der Ebene, legt sich hin. Gestalten erscheinen, eine nach der anderen, beginnend an dem den Zuschauern zugeneigten Ende der „Schlucht“, krabbeln auf der Eben herum. Was soll das?

Max erscheint. Die Gestalten raunen und zappeln nach jeder gegossenen Kugel. Ich erspare mir den Rest … mehr passiert eigentlich auch nicht.


3. Aufzug

Die Bühne ist im bekannten Grün-Gelb gehalten. Schwarze Streifen garnieren das Ganze. Eine schwarz gekleidete Figur auf der Bühne – Samiel? Nein, der kommt gleich hinterher, einen seltsamen Schreittanz aufführend. Oder sind es nur schwarze Kleider auf einem Gestell? – Weitere schwarze Gestalten – die beiden Jäger. Sie legen sich gleich mal hin und legen ihre Hüte auf ihre Bäuche.

Eine schwarze Wand kommt von links ins Bild und wird gleich grün angestrahlt. Die beiden Jäger verschwinden dahinter. Die Wand wird mit einem grünen rechtwinkligen Dreieck verlängert, der rechte Winkel bei der ersten schwarzen Wand. Zwischen Wand und Dreieck ist noch eine schwarze Fläche, darin singt Agathe – ganz in gelb gekleidet mit schwarzen Schuhen – sitzend ihre Kavatine „Und ob die Wolke sie verhülle“.

Ännchen schreit ihre Worte zu Agathe, als ob sie diese wecken wolle. Immer noch in Schwarz gekleidet mit weißem Hut und weißen Handschuhen, aber gelbem Unterrock, der zwei Zentimeter hervorlugt. – Wiederum schwer zu entschlüsselnde Bewegungen bei der Arie „Trübe Augen“. Irgendwann wird’s albern – was soll man nach Bedeutung suchen, wo vielleicht gar keine ist? – Der Spalt zwischen Wand und Dreieck hat sich geschlossen. Agathe würfelt und scheint unschlüssig-besorgt über das Ergebnis. Am Ende der Arie trägt Ännchen die weißen Rosen des Eremiten.

Die Brautjungfern kommen in derselben Kleidung wie Ännchen und marschieren auf der Stelle zum Refrain ihres Liedchens.

Der Jägerchor wird mit aufs Publikum angelegter Flinte gesungen. Bedrohlich.

Bei der Aufgabenstellung zum Probeschuss steht Agathe rechts auf halber Höhe. Max zielt zunächst zur links zu denkenden Taube, auf Agathes Worte („Schieß nicht! Ich bin die Taube!“) zielt er auf Agathe und schießt.

Bei der Ansprache des Eremiten sitzen alle wie in einer Kirche bei einer Bußpredigt da und hören zu – ausgenommen Samiel, der herumläuft. Bei „Drum finde nie der Probeschuss mehr statt“ erheben sich Agathe und Ännchen. Der Eremit drückt Agathe wieder auf ihren Platz, Ännchen, hebt ein Gewehr empor. Nach der Ansprache des Eremiten erheben sich alle wieder. Schlusschor zunächst geradlinig aufgereiht, dann bunt verteilt, die Jäger putzen ihre Waffen dabei.
Viele Grüße, Wolfram

Wolfram

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2

Samstag, 6. August 2011, 22:03

Kritik

Dieser Inszenierung muss man den größten denkbaren Vorwurf machen: Langeweile.

Dann lieber der Liebermann-Film.

Da muss man gar nicht über „Regietheater oder konventionell“ reden.

Ins Libretto wurde offenbar einige Male eingegriffen (Dialoge). Ich habe leider weder Partitur noch Klavierauszug, um dazu etwas sagen zu können.

Peter Seiffert ist eine Traumbesetzung für den Max! Wer hier nicht hört, was Kozub an Lyrik, an Farben, an Differenzierung in der Liebermann-Verfilmung fehlt … Ebenso Matti Salminen als Kaspar. Ausgezeichnet fand ich auch das Ännchen von Malin Hartelius und die Agathe von Inga Nielsen, die leider schon in 2008 verstorben ist. Dito Eremit und Ottokar. Musikalisch eine großartige Aufführung, nicht zuletzt durch Harnoncourts straffe Lesart.

Musik ausgezeichnet, vokal hochkarätig, geradezu legendär - Szene arm.
Viele Grüße, Wolfram

Wolfram

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3

Samstag, 6. August 2011, 22:46

Ein Nachtrag:

Was manche Tamino-Freunde freuen oder erschrecken wird: Der "Freischütz" ist immun gegen das Regietheater. Wird er modern umgedeutet und gegen den Werkinhalt inszeniert, ist diese Oper tot, hat sie ihren Charakter, ihre Seele und damit jegliche Wirkung verloren.

Die Berghaus-Inszenierung scheint Operus vollkommen Recht zu geben!
Viele Grüße, Wolfram

Gerhard Wischniewski

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4

Samstag, 6. August 2011, 23:47

Lieber Wolfram,

Ich bin zwar häufig anderer Meinung als du. Aber dieser Rezension kann ich nur voll zustimmen.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

Bernward Gerlach

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5

Samstag, 17. September 2011, 13:44

Möchte mich den Ausführungen von Gerhard betreffend den Züricher Freischütz vollinhaltlich anschließen.

LG, Bernward

"Nicht weinen, dass es vorüber ist
sondern lächeln, dass es gewesen ist"
Waldemar Kmentt (1929-2015)


William B.A.

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6

Sonntag, 18. September 2011, 14:29

Carl Maria von Weber: Der Freischütz (Zürich 1999)

Zitat

Wolfram: Musik ausgezeichnet, vokal hochkarätig, geradezu legendär, Szene arm.
Dem kann ich mich voll inhaltlich anschließen.

Liebe Grüße

Willi
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

Caruso41

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Beiträge: 3 384

Registrierungsdatum: 19. November 2010

7

Sonntag, 18. September 2011, 14:39

Gut, lieber Wolfram, dass die Inszenierung Dich nicht davon abgehalten hat, auch noch zu hören, was und wie gesungen wird!
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

Cartman

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Beiträge: 323

Registrierungsdatum: 30. März 2011

8

Montag, 10. Oktober 2011, 23:26

...erster Anlauf

Bin gerade dabei, mir die DVD anzuschauen - und habe schon vor dem Finale des ersten Aktes keine rechte Lust mehr, dieser Produktion weiter zu folgen. Irgendwie klingt das alles recht interessant und ist beachtlich gesungen (vor allem von Seiffert), aber optisch ist diese Inszenierung geradezu reizarm. :sleeping:

Naja, vielleicht nehme ich mir diesen Mitschnitt an einem langen Winterabend noch mal vor...
Und das Allerentscheidende unserer ganzen Sache ist Merzn.
Otto Schenk

Cartman

Profi

  • »Cartman« ist männlich

Beiträge: 323

Registrierungsdatum: 30. März 2011

9

Dienstag, 13. Januar 2015, 22:05

Habe die DVD übrigens nie fertig geschaut. Trotz Harnoncourt und Seiffert konnte ich mich nicht dazu durchringen... (Die DVD habe ich inzwischen bei Momox weiterverkauft.)
Und das Allerentscheidende unserer ganzen Sache ist Merzn.
Otto Schenk

Gerhard Wischniewski

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Beiträge: 4 238

Registrierungsdatum: 7. April 2011

10

Mittwoch, 14. Januar 2015, 08:50

Wie gut, dass man heutzutage häufig Rezensionen über DVDs lesen kann. Ich kaufe solche DVDs auch erst, wenn ich sicher sein kann, dass das Werk nicht verschandelt ist. An DVDs, über die ich keine Informationen erhalten kann, wage ich mich garnicht heran, das wäre zum Fenster hinaus geworfenes Geld, das mir nicht so locker sitzt. Leider mussten sich für diese Rezensionen einige Käufer so etwas antun und sich über das hinausgeworfene Geld ärgern. Ähnlich würde ich mich maßlos ärgern, wenn ich solch eine DVD gekauft hätte oder gar für eine solche Aufführung auf der Bühne auch nur einen Cent ausgegeben hätte. Im Fernsehen ist das nicht so tragisch, sich auch mal einen Schmarrn - wenigstens, was ja ein Aufnahmegerät erlaubt, im Querschnitt, wenn man sich nicht das Ganze antun will - anzusehen, um sich ein Bild zu machen. Notfalls kann man ja auch das Bild abschalten, wenn wenigstens der Ton gut ist.

Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)