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Cartman

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Beiträge: 340

Registrierungsdatum: 30. März 2011

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Sonntag, 3. Juli 2011, 13:21

Engelbert HUMPERDINCK: HÄNSEL UND GRETEL (Glyndbourne, 2008)


Libretto: Adelheid Wette





Besetzung:

Hänsel: Jennifer Holloway
Gretel: Adriana Kucerová
Mutter: Irmgard Vilsmaier
Vater: Klaus Kuttler
Die Knusperhexe: Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Sandmännchen: Amy Freston
Taumännchen: Malin Christensson

London Philharmonic Orchestra
Musikalische Leitung: Kazushi Ono

Bühnenbild: Barbara de Limburg Stirum
Inszenierung & Kostüme: Laurent Pelly

Spieldauer: 108 Min.

Gesamturteil: ausreichend


Ouvertüre: Während die Ouvertüre erklingt, verfolgt die Kamera einen Paketboten, der versucht im Opernhaus von Glyndbourne ein Paket für Hänsel und Gretel abzugeben. Erst wird es an der Pforte abgegeben und wandert in einer witzigen Szenenabfolge zwischen den Beteiligten an der Produktion hin und her (Dirigent Ono sieht sofort, daß es nicht für ihn ist, während „Hexe“ Ablinger-Sperrhacke die Sendung sofort an sich reißen will), bis es endlich bei den bereits kostümierten Sängerinnen der Titelpartien landet, die sich um das Paket balgen. Dann wird in den Zuschauerraum des Opernhauses geschnitten und man sieht, daß der Vorhang genauso aussieht, wie die Frontseite des Pakets. Als der solchermaßen gestaltete Vorhang sich hebt, zeigt er als Inhalt des Päckchens einen überdimensionalen Pappkarton…

In diesem wohnen Hänsel und Gretel mit ihren Eltern. Als diese nicht daheim sind, denken sie nicht ans arbeiten, springen unter anderem auf dem elterlichen Bett herum und reißen in ihrem Überschwang versehentlich sogar eine Wand des Pappkartonhauses ein. Als ihre verlottert wirkende Mutter nach Hause kommt und sie ausschilt, geht auch noch ein Krug mit Milch zu Bruch, den sie zuvor aus dem Kühlschrank genommen haben. Die Mutter jagt die Kinder aus dem Haus und bricht verzweifelt auf dem Ehebett zusammen. Auftritt Vater:
Ein zerlumpter und stark angetrunkener Mann taucht auf. Er bringt zwei volle Einkaufstüten mit, aus denen er sich mit Muttern erst einmal zwei Dosen Bier genehmigt. Er hat heute gute Geschäfte gemacht und ist bester Laune. Diese vergeht ihm jedoch, als er erfährt, daß die Kinder von der Mutter in den Wald gejagt wurden. Er berichtet, daß dort „die Böse“ haust und eilt mit der Mutter fort, die Kinder zu suchen. Während der Musik des „Hexenritts“ sieht man auf dem Paketvorhang den Schattenriss einer korpulenten, großen und kahlköpfigen Hexe, die mehrere Modelle von Besen testet, bis sie mit einem von ihnen endlich abhebt und davonfliegt.

Die Kinder irren inzwischen in einem kahlen abgestorbenen Wald umher, der mit Einkaufstüten und ähnlichen Abfällen vermüllt ist. Hier haben sie ein paar Erdbeeren in einem Plastikschälchen gefunden, die sie aufessen. Da sie sich im Wald verirrt haben, müssen sie wohl oder übel dort übernachten. Der Sandmann erscheint in weißem Aufzug mit einer Art Bauarbeiterhelm oder ähnlicher Kopfbedeckung und nach ihrem Abendgebet, in dem sie um den Schutz von 14 Engeln bitten, schlafen die Kinder ein. Nun laufen (mehr als 14) weiß gekleidete Kinder durch den Wald, betrachten die Schlafenden und gehen wieder.

Am nächsten Morgen hängen ein paar Plastiktüten auf den kahlen Baumstämmen und nachdem das Taumännchen (Typ Lehrerin mit Nickelbrille mit Regenkleidung) da war, erwachen die Kinder. Sie finden inmitten des Waldes – einen Supermarkt! Die zu der Form eines Häuschens aufgestapelten Süßigkeiten, hinter denen einige Schornsteine (eines Backofens?) hervorlugen, werden von einem schrillen Transvestiten bewacht, der rosa Fummel und eine ebensolche Perücke trägt. Dieser verändert sein Aussehen, nachdem er später kurz im Innern des Supermarkthäuschens (einer Tiefkühlabteilung?) verschwunden war. Nun zeigt er sich kahlköpfig und mit offenem Kleid. Er trägt jetzt einen mächtigen BH und einen schmucklosen Unterrock. Diese skurrile Hexe wird, nachdem sie die Kinder mit ihren Waren mästen wollte, von den aufgestapelten Süßigkeiten in den Ofen dahinter gestoßen. Die erlösten Lebkuchenkinder tauchen nun in Form einer Gruppe völlig verfetteter Jugendlicher auf, die den Supermarkt mit einem Pappschild („Für immer geschlossen“) versehen, während Hänsel und Gretels Eltern einen Einkaufswagen gierig mit Süßigkeiten füllen.

So müsste man Humperdincks Märchenoper nacherzählen, wenn man Laurent Pellys Inszenierung als Richtschnur nimmt. Die Modernisierung des Stoffes gelingt dem Franzosen aber nur teilweise, da er sämtliche phantastischen und magischen Elemente aussparen möchte. Vor allem die naiv-religiösen Momente der Partitur haben ihn gestört und seien für heutige Verhältnisse nicht mehr zu akzeptieren. (Weitere Informationen hierzu gibt es in einem Interview mit Pelly und anderen Beteiligten der Produktion, das als Bonusmaterial auf der DVD enthalten ist.) Natürlich ist es nun das gute Recht des Regisseurs, den Inhalten des Werkes kritisch gegenüberzustehen, aber da Humperdinck diese magischen und religiösen Details genau auskomponiert hat, kann man sie eigentlich nicht ignorieren. Man kann sie ironisch brechen, wenn z.B. am Schluß der Vater sein Lob Gottes an einen vollen Einkaufswagen richtet, aber man kann sie kaum so neutral inszenieren, wie es hier mit den Schutzengeln, und Sand- und Taumännchen geschehen ist. Da erzählt mir die Musik etwas, was nicht in keiner Weise mit dem Gesehenen korrespondiert – und das ist für jede Inszenierung fatal. Auch der grelle Supermarkt mit seiner Neonbeleuchtung und der aufgedonnerten Hexe hat kein Äquivalent in der Musik. Da kann Wolfgang Ablinger-Sperrhacke sich noch so sehr als Hexe ins Zeug werfen, bedrohlich oder wirklich gefährlich wirkt diese Supermarktverkäufertranse für mich nicht.

Aber bei allem, was man der Inszenierung vorwerfen kann, so muss man doch zugeben, daß sie durchaus nicht langweilig ist und gut zu unterhalten weiß. Plötzliche Beleuchtungswechsel und die lebendige Personenführung bieten immer etwas fürs Auge. Und es gibt durchaus Momente, die absolut überzeugend gelungen sind: Das Verlegen des Elternhauses in ein heutiges Prekariat (in Kombination mit dem märchenhaften Element des Pappkartonhauses) oder das ängstliche Verhalten der Kinder im Wald und auch später, wenn ihre Eltern sie wieder finden – immerhin hatte die Mutter ihnen ja mit Schlägen gedroht. Das alles ist stimmig, macht die ganze Sache aber auch nicht rund.

Versöhnlicher stimmt hier aber der Aspekt, daß man es mit einer musikalisch rundum gelungenen Sache zu tun hat. Sängerisch gibt es keinen Ausfall (Irmgard Vilsmaier als Mutter sticht hier vielleicht positiv mit ihrer „wagnerischen“ Stimme hervor, während Ablinger-Sperrhackes Hexe stimmlich etwas mehr Durchschlagskraft haben könnte) und auch darstellerisch sind alle Beteiligten mit Spaß an der Sache dabei. Kazushi Ono führt das London Philharmonic Orchestra durch eine schön gespielte Aufführung. Falls man also das Bild der DVD ausblendet, hat man es zumindest musikalische mit einer absolut befriedigenden Produktion zu tun.


Fazit: Kann man so machen, muss man aber nicht.
Das Tagtägliche erschöpft mich!
LUDWIG VAN BEETHOVEN in einem Brief an seinen Neffen Karl