Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: Tamino Klassikforum. Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

musikwanderer

Prägender Forenuser

  • »musikwanderer« ist männlich
  • »musikwanderer« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 4 242

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

1

Sonntag, 22. Mai 2011, 14:45

STRAWINSKY, Igor Fjodorowitsch: L’HISTOIRE DU SOLDAT

Igor Fjodorowitsch Strawinsky (1882-1971):

L’HISTOIRE DU SOLDAT
(DIE GESCHICHTE VOM SOLDATEN)
In zwei Teilen, gelesen, gespielt und getanzt
Dichtung von Charles-Ferdinand Ramuz nach einer Sammlung russischer Märchen von Alexander Afanasjew
Freie Nachdichtung von Hans Reinhart

Uraufführung am 28. September 1918 im Théâtre Municipal de Lausanne

DIE PERSONEN

Der Vorleser
Der Soldat
Der Teufel
Die Prinzessin (Tänzerin)

DER HANDLUNG ERSTER TEIL

Das Geschehen spielt sich auf einer bewegelichen Jahrmarktbühne ab; auf jeder Seite ein trommelförmiges Podium. Auf der einen Seite sitzt der Vorleser mit einem Schoppen Weißwein an einem Tisch. Auf der anderen Seite das siebenköpfige Instrumentarium.

Der Vorleser spricht ein schweizerisches Volkslied zu einer Marschmelodie:

Zwischen Chur und Wallenstadt
heimwärts wandert ein Soldat.
Urlaub hat er vierzehn Tag,
wandert, was er wandern mag
über Stock und über Stein,
sehnt sich längst daheim zu sein.


Der Soldat macht gerade am Bachufer Rast und kramt dabei aus seinem Mantelsack den letzten Rappen, dazu Kamm, Spiegel und das Bild seiner Liebsten hervor. Zuletzt kommt eine Geige zum Vorschein; er stimmt sein Instrument und beginnt zu spielen.

Wie ein Schmetterlingsfänger mit einem Netz getarnt, pirscht sich der Bocksfüßige an den Soldaten heran und fragt, ob er die Geige gegen ein gutes Buch tauschen oder auch, falls gewünscht, für gutes Geld kaufen könne. Die Idee, für die Geige ein gutes Buch zu bekommen, findet Monsieur Soldat nicht schlecht. Aber was er da beim Blättern liest, macht ihn doch etwas ratlos: Börsenbericht steht da oder Devisenkurs, auch etwas vom Termingeschäft. Der Teufel meint, das Buch werde seinem Besitzer viel Geld bringen - schon ist der Soldat vom Wert des Buches vollkommen überzeugt und der Tausch wird vollzogen. Jetzt versucht Satan, das Instrument zu spielen, bringt aber keinen Ton hervor. Dann bietet der Höllenfürst dem Soldaten an, drei Tage bei ihm zu wohnen, und ihm das Spielen des Instruments beibzuringen. Außerdem könne er danach den Rest seines Urlaubs als steinreicher Mann bei Mutter und Braut verbringen.

Tatsächlich schafft es der Soldat, dem Teufel in der verabredeten Zeit das Geigenspiel beizubringen, während der wiederum dem Soldaten die Geheimnisse des Buches erklären kann.

Nach dem Ablauf der Drei-Tage-Frist wird dem Soldaten aber bewußt, daß er nicht drei Tage mit Satan verlebt hat, sondern drei Jahre. Als er nämlich in sein Heimatdorf zurückkommt, erkennt ihn seine Mutter nicht und die Braut ist längst mit einem anderen Mann verheiratet. Außerdem haben die Eheleute inzwischen zwei Kinder.

Der Soldat ist über dieses Zustand wütend und er wendet sich an den jetzt als Viehhändler einherkommenden Teufel, der sich die Klagen völlig gelassen anhört. Als Antwort auf die Beschwerden des Soldaten fordert der Höllenfürst von ihm im Ton eines Feldwebels die Herausgabe des Buches und daß er sofort mit ihm weiterziehen solle.

Die Lektüre der geheimnisvollen Schrift hat den Soldaten zu einem steinreichen Mann gemacht, aber menschliches Glück und Zufriedenheit ist ihm versagt geblieben. Er denkt fortwährend an sein früheres Leben und sehnt sich dabei auch nach seiner Geige.

Wieder tritt Monsieur Satan dem Soldaten in einer anderen Gestalt entgegen, jetzt als ein altes Weib, das dem reichen Mann ihre Waren feilbietet. Unter den Gegenständen befindet sich auch die Geige, die der Soldat an sich bringt und zu spielen versucht. Das Instrument bleibt jedoch stumm. Der Soldat wird wütend und wirft die Geige in hohem Bogen fort, nimmt dann das Buch und zerreißt es in kleine Stücke.

DER HANDLUNG ZWEITER TEIL

Mit der vom Beginn des ersten Teils bekannten Marschmelodie »Zwischen Chur und Wallenstadt« wird dem Zuschauer die erneute Wanderschaft des Soldaten vor Augen geführt. Der Verlust des Buches hat ihn wieder zu einem bettelarmen Mann gemacht und der Teufel hat ihm den Besuch der Heimat verboten. So irrt er ziellos durch die Lande, von einer Stadt zur anderen, von einem Land zum anderen.

So gelangt er eines Tages in ein Wirtshaus, wo ihm durch einen Ausrufer bekannt gemacht wird, daß der Herrscher dieses Landes demjenigen seine Tochter zur Frau verspricht, der das Mädchen von einer schweren Krankheit heilen kann. Mit dem Gedanken, nichts zu verlieren zu haben, begibt er sich in das Residenzschloß und trifft hier auf einen Geigenvirtuosen - den Teufel. Die beiden beschließen, gemeinsam Karten zu spielen und der Teufel gewinnt jedes dieser Spiele. Die Freude über sein Spielerglück läßt den Satan aber menschliche Züge bekommen und er spricht, mehr als es gut für ihn wäre, dem Wein zu.

Hier greift der Vorleser in das Geschehen ein und ermuntert den Soldaten, den Teufel noch betrunkener zu machen, um sich dann in den Besitz der Geige zu bringen. Gesagt und auch getan. Als der Teufel, vom Alkohol betäubt, schließlich eingeschlafen ist, geht der Soldat mit dem Instrument zu der kranken Prinzessin und spielt ihr mit den süßesten Tönen, die er der Geige entlocken kann, die Krankheit aus dem Körper. Voller Freude über ihre Gesundung stürzt sie sich ihrem Retter in die Arme.

Plötzlich hört man ein fürchterliches, markerschütterndes Schreien und in seiner richtigen Gestalt kommt Satan auf allen Viren herangekrochen und will sich in den Besitz der Geige bringen. Doch der Soldat spielt einfach weiter, läßt Tanzmelodien erklingen, die den Teufel zu ständigem Tanze zwingen, bis er völlig erschöpft zusammenbricht. Der Soldat schleppt mit Hilfe der Prinzessin den Bewußtlosen hinaus; wieder auf der Szene fallen sich beide in die Arme und halten sich eng umschlungen fest. Der Teufel steht nach kurzer Zeit wieder da und warnt den Soldaten, jemals wieder in sein Heimatdorf zurückzukehren.

Inzwischen sind der Soldat und die Prinzessin ein glückliches Paar geworden. Aber eines Tages bittet die Prinzessin ihren Mann, sie doch mal seiner Mutter vorzustellen und ihr dabei seine Heimat zu zeigen. Im Soldaten erwacht durch diesen Wunsch seiner Frau die Sehnsucht zur Mutter und zur Heimat und er äußert, seine Mutter zu sich holen zu wollen. In aller Heimlichkeit wandern Soldat und Prinzeß in das Heimatdorf. Am Grenzpfahl muß sie zurückbleiben und der Soldat alleine auf sein Dorf zugehen. Das ist der Moment, auf den der Teufel gewartet hat: er stürzt sich auf den Soldaten, entreißt ihm die Geige und spielt einen wahrhaft höllischen Triumphmarsch. Zwanghaft, ohne sich wehren zu können, muß der Soldat dem Fürsten der Finsternis folgen...

INFORMATIONEN ZUM WERK

»Die Idee zur Geschichte des Soldaten kam mir im Frühjahr 1917, aber ich konnte sie damals nicht entwickeln. Der Gedanke, ein dramatisches Spektakel für ein théâtre ambulante, eine Wanderbühne, zu schreiben, hatte sich mir aber schon des Öfteren seit Kriegsanfang aufgedrängt. [. . .] Ich fand mein Thema in einer von Afanasjews Erzählungen vom Soldaten und dem Teufel«.

So äußerte sich Igor Strawinsky zu seinem Stück, das allerdings keine Oper ist. Der Tamino-Opernführer bringt die Inhaltsangabe trotzdem in Anlehnung an die Darstellung in anderen Opernführern.

Das Werk entstand im Sommer 1918 in Morges am Genfer See, dem damaligen Schweizer Wohnort Strawinskys. Gemeinsam mit dem Autor Charles-Ferdinand Ramuz griff er auf die Sammlung russischer Märchen des Märchenforschers Alexander Afanasjew (1826-1871) zurück. In der französischen Urfassung siedelte Ramuz die Handlung in der Schweiz zwischen Denges und Denezy an, während die deutsche Version von Hans Reinhart (1880-1963), einem Schweizer Schriftsteller und Übersetzer, zwischen Chur und Wallenstadt spielt.

In Übereinstimmung mit den Strömungen seiner Zeit suchte Strawinsky eine schlichte und knappe Form des Musiktheaters, die zudem allgemein verständlich sein sollte. Dieses Bemühen führte im Ergebnis zu einem Werk von stilgeschichtlicher Bedeutung, das zudem großen Einfluß auf Komponisten wie Milhaud, Honegger und Auric, aber auch Egk, Hindemith und Weill ausübte.

Neben den vier Personen verlangt Strawinsky nur sieben Instrumentalisten: ein Geiger, ein Klarinettist, ein Fagottist, einen Trompeter, einen Posaunisten, einen Kontrabassisten und einen Schlagzeuger.

»Die Geschichte vom Soldaten« enthält insgesamt elf primitiv zu nennende Musiknummern, deren Raffinesse die holzschnittartige Zeichnung ist. Darunter sind die drei Prinzessinnen-Tänze, ein Ragtime, ein argentinischer Tango, ein English-Waltz, ein Militärmarsch und der »Große Choral«, den Strawinsky in den Triumphmarsch des Teufels münden läßt.

1920 wurde in London unter der Stabführung von Ernest Ansermet eine Konzertsuite uraufgeführt, die der Komponist aus der Musik seines Bühnenwerks zusammengestellt hat.

Die Uraufführung von »L'histoire du soldat« am 28. September 1918 im Théâtre Municipal de Lausanne leitete ebenfalls Ernest Ansermet, während die deutsche Erstaufführung 1922 unter Hermann Scherchen in Frankfurt am Main stattfand.

Man kann Strawinskys Werk als Vorläufer multimedialen Theaters bezeichnen und als ein Schulbeispiel für vielfältige Interpretationen ansehen. So hat 1978 Dario Fo das Stück als aufklärerisch agierendes Volkstheater inszeniert und Jirí Kylián 1986 in Scheveningen als Ballett für das »Nederlands Dans Theater« eingerichtet. 1988 gestaltete Ruth Berghaus eine Version in St. Moritz und 1994 war eine Inszenierung von Mundel/Volkert bei den Salzburger Festspielen in einem Zirkuszelt zu sehen.

© Manfred Rückert für Tamino-Opernführer 2011
unter Hinzuziehung folgender Quellen:
Reclams Opernführer (Ausgabe von 1952)
MGG
Wikipedia über Igor Strawinsky
.

MUSIKWANDERER

musikwanderer

Prägender Forenuser

  • »musikwanderer« ist männlich
  • »musikwanderer« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 4 242

Registrierungsdatum: 20. Januar 2010

2

Sonntag, 22. Mai 2011, 15:32

Ohne die Aufnahmen der von Strawinsky zusammengestellten Konzertsuite an dieser Stelle aufzuführen, bieten die Werbepartner von Tamino folgende Einspielungen an:


Kolja Blacher, Solo-Violine, Dominique Horwitz, Sprecher,
Solisten der Berliner Philharmoniker


Solisten des Collegium Academicum de Geneve, Robert Dunand

Zitat

Drei bedeutende Ballette sind auf dieser Doppel-CD zusammengefasst.
Interessant ist die Kombination der bekannten „Geschichte vom Soldaten“ mit dem seltener gespielten „Renard“, einer „burlesken Geschichte in Liedern und Tänzen“, die Stravinsky während des Krieges schrieb (die Uraufführung fand aber erst am 18.5.1922 unter der Leitung von Ernest Ansermet statt).
Mehr Idee als Wirklichkeit war die „Groupe des Six“ (Auric, Poulenc, Milhaud, Tailleferre, Honegger, Durey), denn als Komponistenkollektiv brachten sie nur ein Album mit Klavierstücken und das Ballett „Les Mariés de la Tour Eiffel“ zustande. Das schwedische Ballett von Rolf de Marés brachte es am 18.6.1921 im Theater der Champs-Élysées zur Uraufführung.



Laurent Manzoni, Antonio Plotino leitet das New Music Studium
(gekoppelt mit dem Oktett für Blasinstrumente)



Sprecher: Aage Haugland, Royal Scottish National Orchester
Neeme Järvi
.

MUSIKWANDERER

Harald Kral

Erleuchteter

  • »Harald Kral« ist männlich

Beiträge: 14 983

Registrierungsdatum: 20. Juni 2007

3

Samstag, 28. September 2013, 11:01

Premiere vor 95 Jahren:

L'histoire du soldat
(Die Geschichte vom Soldaten),
zu lesen, zu spielen, zu tanzen, in 2 Teilen
von Igor Strawinsky.
Text von Charles Ferdinand Ramuz.
Uraufführung: 28.9.1918 Lausanne, Théâtre Municipal.



Die Uraufführung fand unter Leitung von Ernest Ansermet statt.
1922 folgte die dt. Erstaufführung unter Scherchen in Frankfurt a.M.

LG
Harald

Freundschaft schließt man nicht, einen Freund erkennt man.
(Vinícius de Moraes)