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Cartman

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Beiträge: 340

Registrierungsdatum: 30. März 2011

1

Dienstag, 17. Mai 2011, 22:27

Richard WAGNER: DIE WALKÜRE (Bayreuh 2010)

Richard WAGNER: DIE WALKÜRE (Bayreuth 2010)

Libretto vom Komponisten







Siegmund - Johan BOTHA :jubel:
Fricka - Mihoko FUJIMURA
Hunding - Kwangchul YOUN :yes:
Wotan - Albert DOHMEN
Sieglinde - Edith HALLER :yes:
Brünnhilde - Linda WATSON


Orchester der Bayreuther Festspiele
Musikalische Leitung: Christian THIELEMANN :jubel:


Inszenierung: Tankred DORST :no:

assistiert von Ursula EHLER

Bühne: Frank Philipp SCHLÖSSMANN

Kostüme: Bernd Ernst SKODZIG :thumbdown:

Spieldauer: 259 Min.

Generelle Beurteilung: Mangelhaft

Von diesem Bayreuther Ring liegt lediglich DIE WALKÜRE auf DVD vor. Die anderen drei Opern des Zyklus wurden nicht veröffentlicht, so dass hier nur diese Einzelbesprechung gemacht werden kann. Komplett liegt dieser Ring unter der Leitung von Christian Thielemann jedoch auf CD vor, wenn auch mit abweichender Besetzung bei der WALKÜRE.

Grundsätzlich ist ja nichts gegen Dorsts Konzept, dass mythische Kräfte und Archetypen noch am Wirken sind und die Gegenwart durchdringen, nichts einzuwenden. Diese Thematik hat er ja in einigen seiner Dramen sehr gut umgesetzt (z.B. MERLIN), aber hier läuft sie ins Leere, da sie recht dröge dargeboten wird. Da die modernen Menschen, die während des Geschehens ab und zu auftauchen, bis auf einen kleinen Jungen (Hans) nichts von der dramatischen Handlung mitbekommen, sind sie meistens nur störende Elemente, die völlig losgelöst von der Oper agieren. Diese Art der Interpretation könnte man so auffassen, dass der heutige Mensch nichts mehr aus der Vergangenheit lernen kann/will. (Nur Hans bekommt etwas mit, kann es aber wohl (noch) nicht einordnen.) Sicher kein schlechter Ansatz, aber ich finde, es wäre interessant zu zeigen, warum das nach Dorsts Ansicht so ist.

Erster Aufzug:

Im heruntergekommenen Eingangssaal einer alten leerstehenden Villa haben ein paar Leute Unterschlupf vor einem Gewitter gesucht. Als sich das Unwetter verzieht, verlassen sie das Gebäude – nur ein Junge (Hans) bleibt noch da und schlägt eine Decke von einem Sessel zurück. Unter ihr sieht er die ruhende Sieglinde und stürzt erschrocken aus dem Saal ins Freie. Von links tritt nun Siegmund durch einen Spalt in der Wand, den ein umgestürzter Strommast aus Holz in die Villa geschlagen hat.

Später kommt Hunding mit einer Gruppe mit Hunde(!)köpfen maskierter Mannen, die sich im Hintergrund niederlassen, um später eilig den Saal zu verlassen, wenn Hunding eigentlich nur Sieglinde aus dem Raum vertrieben will. Ein Mahl für den stets grimmig dreinblickenden Hunding wird eilig am Waschbecken rechts an der Wand zusammengestellt. Da der Hausherr und Siegmund sich auf zwei Sessel niedergelassen haben, sich im ganzen Raum aber kein Esstisch befindet, bleibt das Tablett mit dem Essen unberührt und Hunding muss heute hungrig ins Bett. Dies erklärt auch seine schlechte Laune, die er permanent an seiner Frau auslässt.

Beim Wonnemond fliegen die Flügeltüren im Hintergrund auf und zeigen eine überdimensionale Mondscheibe, die sanft in den Saal strahlt. Überwältigt von diesem Anblick bewegt sich das verliebte Geschwisterpaar einen Tanz andeutend durch den Saal. (Dummerweise hat Wagner für diese Szene keinen Walzer geschrieben. Eines der großen Versäumnisse der Musikgeschichte.)

Später zieht Siegmund, von Wotan durchs Fenster beobachtet, sein Schwert aus dem in den Saal ragenden Mast. Es blitzt kurz auf und man hat schon Angst, dass der Held einen Stromschlag bekommen hat. Hat er aber nicht. Und so kann er mit Sieglinde hurtig durch die Flügeltüren und vorbei am riesigen Wonnemond enteilen.

Zweiter Aufzug:

Lange steht Wotan mit seinem Speer auf einem niedrigen Felsen im Vordergrund einer Bühne, die möglicherweise eine Wegkreuzung in einer Art Park darstellt. Im Hintergrund befindet sich geradezu eine Abladestelle für (zu Bruch gegangene) Skulpturen, auf dem zwei Bauarbeiter später noch den Kopf einer Skulptur abladen. Zu Wotans Füßen liegt eine Frau mit einer Pumuckl-goes-Punk Perücke und einem knallroten Kostüm, dass wohl aus dem Fundus von Coppolas Dracula-Verfilmung stammt: Brünnhilde. Während nun also die Bauarbeiter zu Gange sind, im Hintergrund jemand Zeitung liest und weitere Personen ab und an umherstreifen, steht Wotan auf seinem zentralen Felsen. Und steht. Und steht…

Bis irgendwann Fricka auftaucht, deren Kopfbedeckung sie Minnie Maus in Witwentracht nicht unähnlich macht. Als Wotan ihr gegenüber klein beigeben muss, steigt er (endlich) von seinem hohen Sockel herunter, der sich zeitweise in einen am Boden liegenden Steinkopf verwandelt, bevor er dann wieder zum Fels wird.

Während der folgenden Szene mit Brünnhild sieht Wotan dann sein späteres Ich (den Wanderer) auf seinem Fels stehen, der bedeutungsschwer seinen Speer entzweibricht. Kein schlechter Regieeinfall, aber er steht allein für sich im Raum, ohne weiter verfolgt zu werden. (Andere Visionen Wotans hätten sicherlich noch ihren Reiz haben können.)

Bevor später Siegmund und Sieglinde wieder auftauchen (sie taumelnd), gibt’s ein nettes Lichtspiel, dass die Kreuzung in freundlichem Sonnenlicht zeigt, bevors wieder trübe wird. Der Rest des Aufzugs wird dann in uninspirierten Gängen abgehandelt, bevor Siegmund von Wotan persönlich hinterrücks mit dem Speer erstochen wird. Hunding steht dann noch eine Weile unmotiviert herum, bis Wotan endlich auch ihn niederstreckt und dann zügig (aber nicht übereilt) nach links abgeht.

Dritter Aufzug:

In einem Steinbruch, in dem einige Autoreifen, Getränkekisten und gefallene Helden verstreut sind, trifft sich ein putzmunteres Häuflein knallrot gewandeter Frauen, die mit Speeren, Plexiglashelmen und Plexiglasschilden bewehrt sind. (Die Helme und Schilde lagen wohl noch von Kupfers Ringzyklus im Fundus.) Laut und anfangs nicht immer harmonisch singen sie ein populäres Musikstück und entsorgen dabei so manchen Helden durch praktische Öffnungen in den Wänden des Steinbruchs. (Wohin geht’s da? Nach Nibelheim?) Aber Achtung – die Damen sind dabei recht wählerisch! Bleibt doch zumindest ein Gefallener, an dem sie kein Gefallen finden, auf dem Sockel im Hintergrund liegen. Warum haben sie ihn dann erst hergeschleppt? Fragen über Fragen…

Nachdem Brünnhilde Sieglinde in Sicherheit gebracht hat, kommt Wotan immer noch zügig (aber nicht übereilt) und – wenn man den Walküren glauben darf – stocksauer von rechts in den Steinbruch gelaufen. Nachdem er das rote Geschwader bis auf Brünnhild verscheucht hat, kommt es wirklich zu einer sehenswerten, wenn auch hölzern gespielten Szene: Wotan scheint an der Härte, die er gegenüber seiner Tochter übt beinahe selbst zu zerbrechen. So begibt sie sich selbst auf eine ausgediente Holzpalette, den ihr zugedachten Platz, auf dem sie in den Zauberschlaf versenkt werden soll. Nachdem Wotan seinen Zauber gewirkt hat, der den Steinbruch in Rauch und effektvolles Licht taucht, droht er erneut zusammenbrechen und kann sich sichtlich nur mühsam von Brünnhilde trennen. Hier gewinnt die Inszenierung im letzten Moment immerhin doch noch etwas Größe. Doch zu spät, leider zu spät…

Was soll man von all dem halten? Nicht viel, möchte man meinen, wenn da nicht Frau Haller und die Herren Botha, Youn und Thielemann wären, die uns zumindest einen akustischen Genuss bereiten. (Wenn ich auch bemängeln muss, dass man klangtechnisch bei dieser DVD sicher hätte mehr herauskitzeln können.) Leider sind jedoch die großen Partien von Brünnhilde und Wotan nicht optimal besetzt worden. Bei Linda Watson versteht man ohne die Hilfe der Untertitel kein Wort und Albert Dohmen hat zwar eine angenehm klingende Stimme, aber auch Anzeichen starker Vokalverfärbungen; zumindest klingen die dunklen Vokale O, U und A meist nicht offen. Auch gelingt es beiden Sängern leider nicht Charaktere zu erschaffen, was natürlich auch an der unbeholfenen Personenführung liegt. Damit haben leider alle zu kämpfen, da meistens rampenparallel gelaufen und eher hilflos gestikuliert wird.

Zudem sind manche Kostüme recht unvorteilhaft (Brünnhilde, Fricka) und/oder nicht recht einzuordnen: Wotans Kostüm ist zweigeteilt, denn während seine linke Körperhälfte von einem Mantel bedeckt ist, steckt die rechte Hälfte in einer Rüstung. Hunding trägt einen Militärmantel mit einer Koppel und die Kostüme von Siegmund und Sieglinde wirken recht beliebig. Das alles passt nicht so recht zusammen und hat auch keinen Bezug zu den Bühnenräumen, die im ersten und dritten Aufzug noch dazu recht beengt wirken. Außerdem ist die Villa im ersten Aufzug meiner Meinung nach auch nicht sonderlich gut ausgeleuchtet, da die Sänger zumeist im Halbdunkel agieren, was aber auch an den Kameraaufnahmen liegen könnte.

Alles in allem also leider eine recht dröge Veranstaltung, die lediglich musikalisch zu überzeugen weiß.



Fazit: Von diesen DVDs hat man was, wenn man das Bild wegdreht. Eigentlich schade, denn ich hätte als Freund von Tankred Dorsts Dramen lieber eine positivere Kritik geschrieben.
Das Tagtägliche erschöpft mich!
LUDWIG VAN BEETHOVEN in einem Brief an seinen Neffen Karl