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Helmut Hofmann

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661

Samstag, 19. März 2016, 19:29

Zit: „Oder doch?“

Dieses zweifelnde „Oder doch?“ von Dir, lieber hami, verstehe ich nun meinerseits nicht so recht. Ich lese Deine Worte „Mein Sprachgefühl, fürchte ich, hat in meinem Exil sehr gelitten“ als rein rhetorische Äußerung und nehme sie Dir nicht wirklich ab. Deshalb habe ich auch einige Zeit mit einer Antwort darauf gezögert. Nun denke ich aber doch, dass ich Dir antworten sollte. Du hast ja nicht ohne Grund diesen Beitrag hier eingestellt. Also denn!

Der Text Müllers in diesem Vers ist in seiner Aussage völlig eindeutig, vor allem, wenn man ihn im Kontext des ganzen Gedichts und insbesondere in dem des nachfolgenden Verses liest.
„Was fragen sie nach meinen Schmerzen?
Ihr Kind ist eine reiche Braut.“
„Sie“, - das sind die Bewohner in des „schönen Liebchens Haus“, auf dem sich gerade die Wetterfahne dreht, die den daraus Vertriebenen zu allerlei tiefsinnigen, depressiven aber auch kritischen Betrachtungen anregt.
Eine dieser reflexiven Betrachtungen weist nicht nur eine existenzielle, sondern zusätzlich eine gesellschaftkritische Dimension auf. Die Bewohner dieses Hauses, und damit sind ja wohl die Eltern der intendierten „Braut“ gemeint, fragen nicht nach all dem, was sich im Innern des aus diesem Haus Vertriebenen ereignet, nach seinen seelischen Schmerzen also, die ihn nun bedrücken. Sie tun das nicht, weil sie einer bürgerlichen Welt angehören, in der Menschen nach ihrem gesellschaftlichen Stand und ihrem Potential an materieller Wertschöpfung beurteilt werden, - und nicht nach ihrem genuin menschlichen Wert. Der in die Winter-Wanderschaft Getriebene empfindet in diesem Augenblick eine abgrundtiefe Kluft zwischen dieser Welt und seiner eigenen, und die „Wetterfahne“ wird ihm zum Symbol für diese existenzielle Erfahrung.

Das ist – das nebenbei, und das Zitat, das Du bringst, nimmt ja Bezug darauf – eine existenzielle Erfahrung, die Schubert mit diesem Protagonisten seiner „Winterreise“ teilt.
Wer diesen Vers aus der Übertragung ins Englische mit den Worten „"Warum fragen sie nach meinen Schmerzen?" rückübersetzt, hat ganz einfach nichts kapiert.
Es erscheint mir müßig, sich über derlei dummes Zeug Gedanken zu machen.
Übrigens, dieser Vers wird von einem Übersetzer, der lyrisches Deutsch wirklich zu lesen und ins Englische zu übertragen versteht, etwa so übersetzt, wie in dem Text-Heft zur DG-Aufnahme mit Fischer-Dieskau und Gerald Moore:
„What should they care how much it smarts?”

hami1799

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662

Samstag, 19. März 2016, 19:42

Wer diesen Vers aus der Übertragung ins Englische mit den Worten „"Warum fragen sie nach meinen Schmerzen?" rückübersetzt, hat ganz einfach nichts kapiert.

Könnte man meinen, lieber Helmut, doch frage ich mich, wie ein Schubert-Kenner wie Ian Bostridge die englische, ebenfalls falsche Übersetzung sanktionieren konnte.

Helmut Hofmann

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663

Samstag, 19. März 2016, 21:09

Zit.: "Könnte man meinen,"
Sei mir nicht böse, lieber hami, aber in diesem Konjunktiv kann ich Dir nicht folgen. Dieser Vers ist so zu lesen, wie ich ihn interpretiert habe. Das ist keine Rechthaberei, sondern die Feststellung eines schlichten sprachlich-semantischen Sachverhalts.
Was immer die Gründe sein mögen, warum diese seltsame und sachlich völlig unzutreffende Übersetzung von Müllers Vers in das Buch von Ian Bostridge geraten ist, - ich mag darüber nicht spekulieren. Dass er die Rückübersetzung "sanktioniert" haben könnte, mag ich ihm gar nicht zuschreiben. Er kennt und singt doch Schuberts Lied in interpretatorisch schlüssiger Weise im Original-Text und muss ihn aus diesem Grund auch verstanden haben. Also liegt vermutlich ein Fall von redaktioneller Nachlässigkeit vor.
Noch einmal: Wer die genus-spezifische und objektorientierte deutsche Fragepartikel "was" mit dem englischen "why" übersetzt, dokumentiert damit seine Unkenntnis deutscher Sprache.
(Ich mag hier nicht als Lehrmeister in Sachen deutscher Syntax auftreten. Aber wenn es Dir wichtig ist, lieber hami, lasse ich mich gern darüber etwas detaillierter aus . Aber auch hier noch einmal: Ich mag Dir deine Zweifel nicht abnehmen. Du betätigst Dich hier im Forum in zu perfektem Deutsch, als dass es Dir in Deinem Schweden da oben abhanden gekommen sein könnte!)

hami1799

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664

Samstag, 19. März 2016, 22:21

Sei mir nicht böse, lieber hami, aber in diesem Konjunktiv kann ich Dir nicht folgen.

Womit Du natürlich Recht hast. Der Konjunktiv hat sich eingeschlichen, weil ich mich auf die etwas merkwürdige Tatsache konzentriert hatte, dass hier ein Fehler wiederholt wurde und zwar in der Übersetzung ins Niederländische, das dem Deutschen doch so nahe ist, dass ein Übersetzer auch das deutsche Original hätte heran ziehen können, um Fehler zu vermeiden.
Allerdings hat die deutsche Sprache viele Tücken und selbst die besten Übersetzer können straucheln. Unser "was" gehört dazu und der Gebrauch des Artikels oder dessen Abwesenheit noch mehr. "Suche netten Riesen" habe ich oft an ausländischen Opfern getestet, die ausgezeichnet deutsch sprachen. Meistens lief es auf einen Plural hinaus,
vermutlich mit der Assoziation: die netten Riesen.
Wollen wir also Nachsicht üben und annehmen, dass unter den Mühen des Übersetzens die Frage nach der Logik für einen Augenblick vergessen wurde.

Helmut Hofmann

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665

Sonntag, 20. März 2016, 10:43

Was fragen sie nach meinen Schmerzen?“

Bemerkenswert ist, wie Schubert seinen Winterreisenden diese Frage melodisch vorbringen lässt. Die melodische Linie bewegt sich nach einem Sekundsprung wie bohrend auf nur einer tonalen Ebene um eine kleine Sekunde auf und ab und geht am Ende in einen Terzfall über. Dabei bleibt es aber nicht. Diese Bewegung wird noch zwei Mal wiederholt, beim zweiten Mal um eine Sekunde in der tonalen Ebene angehoben und mit einer harmonischen Rückung verbunden.
Das will vernommen werden als ein drängender Ruf aus einer tief verletzten Seele, mehr schmerzerfüllter Klageruf denn eine Frage. Und eigentlich richtet er sich auch nur vordergründig an die, die da drinnen im Haus wohnen, vor dem dieser Mensch gerade steht. Im Grunde ist es ein Ruf, der aus der seelischen Innenwelt nach draußen dringt und der existenziellen Situation geschuldet ist, in der er sich wiederfindet und in der sich nun seine Wanderschaft ereignet.
Diese melodische Linie, ihre Harmonisierung und ihre Begleitung, die sich hier auf die Deklamation akzentuierende Akkorde beschränkt, zeigt wieder einmal, wie tief Schubert mit seiner Liedmusik in die lyrische Sprache Müllers vorgedrungen ist. Denn diese fragt ja nicht „Warum fragen sie nicht nach meinen Schmerzen?“ Das „Was“ mit dem dieser Vers einsetzt, ist die sprachliche Eröffnung einer Frage, die Klage und Anklage zugleich ist. Und so hat Schubert diesen Vers auch vertont.

zweiterbass

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666

Sonntag, 20. März 2016, 13:25

Hallo,
was irgendwelche Hin- und Her-/Rückübersetzer falsch gemacht haben ist völlig nebensächlich - Bostridge singt und interpretiert den von Schubert komponierten Originaltext von Müller und das macht er ganz überragend, incl. einer fast tadellosen, fehlerfreien Aussprache; schließlich ist er ein auf vielen Gebieten hochgebildeter Mensch und Sänger, dem viele seiner Kollegen "das Wasser nicht reichen können" (ganz unabhängig davon ob seine Stimme gemocht wird oder nicht).

zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Helmut Hofmann

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667

Sonntag, 20. März 2016, 16:39

Zit.: "was irgendwelche Hin- und Her-/Rückübersetzer falsch gemacht haben ist völlig nebensächlich"

Darin ist Dir - aus meiner Sicht - gewiss zuzustimmen, lieber zweiterbass. Dass wir in bezug auf Bostridges "Winterreise"-Interpretation unterschiedlicher Meinung sind, dürfte Dir bekannt sein. Also kein Wort darüber. Wäre hier auch fehl am Platz.