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  • »Walter.T« ist männlich
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1

Sonntag, 12. Juni 2005, 10:27

Musik und Politik - Stätten innovativer Musik

Hallo, liebes Forum,

in den zuletzt stark diskutierten allgemeinen Themen scheint es ein Übergewicht auf Tradition, Bildung, Virtuosität oder auch Musikalität zu geben. Elite ohne Avantgarde?

Wo sind heute die Stätten, an denen etwas Neues, Anregendes geschieht, wohin ein junger Musiker pilgern und völlig verändert, aber zugleich er selbst geworden, zurückkehren kann? Der junge Bach ging zu den norddeutschen Orgelmeistern, sein Sohn in die Zentren der Aufklärung. Mozart wäre am liebsten in Mannheim geblieben, Chopin und Liszt zog es in die Pariser Salons von 1830 - 48. Petersburg um 1911 und Berlin in den 1920er Jahren.

Ist dies alles seit 50 Jahren abgerissen?



(Sigmar Polke „Musik ungeklärter Herkunft“)

Welche Stätten haben Euch angeregt oder enttäuscht, was hätte Ihr gern mit erlebt, wo sucht oder erwartet Ihr heute neue Impulse?

Drei Beispiele: Hamburg um 1980, als Ligeti dort wirkte. Polyrhythmische Strukturen, Ethno-Musik, Anregungen aus der Popmusik (z.B. Sting). Bei einem Kongress in Heidelberg über Mikrotonalität traf ich einige der Schüler. Die Begeisterung war zu spüren, und doch fehlte etwas. Es wirkte etwas akademisch und die Situation in Hamburg isoliert.

Köln in den 1950ern. In den völlig zerstörten Städten schien der Begriff des Werks obsolet geworden. Die Musik wollte sich aus der Geschichte herauskatapultieren. Musik am Reißbrett. Spröde. Hoher Grad an Institutionalisierung. Köln hat bis heute die größte Hochschule für Musik in Europa und dominiert in Deutschland auf ähnliche Weise die Musik wie Darmstadt / Frankfurt die Literatur. Ich empfinde das als Ausdruck von Unsicherheit und eher abstoßend. Es ist heute nur sehr schwer, in dieser Musik im Verborgenen etwas Lebendiges zu entdecken. Und doch: wie haben die Kontarsky-Brüder Brahms, Strawinsky und Ravel gespielt ! Unbestreitbar kommen aus Köln ständig neue Impulse, während andere Städte auf das bloße Geld vertrauen und sich Stars von außen holen.

Hannover. Wurde nach 1945 neben Stuttgart Zentrum der Kirchenmusik. Durch Ernst-Lothar von Knorr gab es eine Verbindung zur Jugendmusikbewegung, dem George-Kreis und damit einer Strömung, gegenüber der bürgerlichen Kultur etwas Eigenes zu entwickeln (woran sich auch namhafte Musiker wie Hindemith beteiligt hatten). Nach 1945 ging das zusammen mit einer neuen Hinwendung zur Kirche, als die antikirchliche Politik der NS in ein Desaster geführt hatte. Kirchenmusik: Besinnung auf Instrumente wie Orgel, Flöte und Gitarre. Einflüsse aus dem Umfeld der 68er Bewegung kamen hinzu, „Kirchentagsmusik“. Hier wird geradezu ein nicht-elitäres Verhalten kultiviert (wie ich kürzlich beim Kirchentag in Hannover erneut bestätigt sah). Angesichts der mit der Globalisierung heranziehenden tiefen sozialen Brüche in der Gesellschaft vermute ich, dass all diese Fragen mit großer Dringlichkeit neu aufgeworfen werden.

Wo also sehr Ihr neue Entwicklungen, oder bleibt nichts, als wenigstens das Alte gut zu bewahren?

Viele Grüße,

Walter

Weiterführende Informationen im Internet:

Neue Musik in Deutschland - aus Hamburger Sicht

Musikszene Köln

Jugendmusikbewegung

Ulli

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2

Sonntag, 12. Juni 2005, 10:55

RE: Stätten innovativer Musik – Vorurteile, Hörensagen und eigene Erfahrungen

Salut,

soll ich wirklich den Anfang zu so einem schönen Thread an einem sonnigen Sonntag Vormittag machen?

"Das Alte gut bewahren" oder präziser: "Das Gute, Alte bewahren" ist für mich immer oberste Priorität. Es ist u.a. Tradition und Zugeständnis an das hervorragende Ergebnis einer "Entwicklung". Welche Wege man auch beschreitet, egal ob im Leben oder in der Kunst, man sollte "das Gute, Alte" immer mit auf den Weg nehmen.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, dazu passend von Marie von Ebner-Eschenbach:

Die Großen schaffen das Große, die Guten das Dauernde.

"Alt" kann ich nur temporär, also als "zeitlich zurückliegend" interpretieren, niemals mit der Bedeutung "veraltet" vermischen. Das "Gute" hat Marie von Ebner-Eschenbach m. E. treffend und perfekt dargestellt. Es schließt keineswegs aus, dass "moderne" Kompositionen ebenfalls die Zeiten überdauern, weil sie gut sind.

Was also kann ein Fortschritt in der Musik sein? Schon wieder benötigen wir eine Definition von "Musik". In meiner [bekannten] Definition kann es eigentlich keinen Fortschriftt oder eine Weiterentwicklung mehr geben, da für mich die Musik ihre Vollendung in Gustav Mahler gefunden hat. Es mag wegen mir noch parallel zu würdigende Komponisten und Werke geben. Musik, die mein Herz getroffen hat, die meine Seele vollends umgarnt, ohne dass ich mich dagegen wehren kann, ist nicht mehr entwickelbar...

Was Interpreten bzw. Interpretationen betrifft, so glaube ich fest, dass gewisse Zentren hier für eine hervorragende Entwicklung sorgen. Konkurrenz belebt das Geschäft - und bewirkt damit die Auslese der Besten. Andererseits kann auch die Einsamkeit sehr inspirativ sein und die Entwicklung fördern.

Aber was soll sich entwicklen? Die Perfektion? Perfektion ist, absolut betrachtet, nicht steigerbar...

Dies zunächst - noch bin ich nicht so ganz drin im Thema.

Liebe Grüße
Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

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3

Mittwoch, 15. Juni 2005, 18:15

Hallo Ulli,

wie es aussieht bleiben wir mit diesem Thema allein. Offenbar stößt diese Frage auf wenig Interesse oder auf mangelnde Bereitschaft, sie in dieser Form zu diskutieren. Inzwischen habe ich gesehen, dass an anderer Stelle heiß darüber gestritten wurde. Mir ging es gerade darum, keine Bekenntnisse zu formulieren, sondern dieses Thema so sachlich wie möglich anzugehen. Es scheint immer noch zu emotionsgeladen zu sein. Die bildenden Künstler scheinen es da besser getroffen zu haben. Obwohl Beuys genau so umstritten war wie John Cage, konnten sich viele Künstler auf ihn beziehen und zugleich ihren eigenen, anerkannten Weg gehen.

An Dich habe ich die Frage: Ich kann sehr gut folgen, was Du über das Dauerhafte schreibst, aber warum hältst Du etwas Neues nicht mehr für entwickelbar? Einen höchsten Grad an Perfektion hat auf seine Art bereits Bach erreicht. Auch Mahler halte ich auf seine Art für vollendet. Aber ist das die Vollendung der Musik? Wenn für Dich der beste Weg ist, Dich in Kompositionen von Mozart und anderen zu vertiefen, kann ich Dich nur ermuntern, dort weiter zu gehen. Stätten der Innovation sehe ich dort, wo jemand für sich die größte Kraft und Anregung findet, und oft entwickelt sich etwas gerade dort, wo es nicht erwartet wird.

Ansonsten kann ich zu diesem Thema die Romane von Thomas Bernhard empfehlen, der drei mögliche Verhaltensweisen beschrieben hat, was geschehen kann, wenn anerkannte Stätten innovativer Musik fehlen: Vergreisen in einer elitären Gemeinschaft der „Webern-Nachfolge“ („Holzfällen“), Verlust der Individualität in perfektem Virtuosentum („Untergeher“), Rückwendung in frühere Zeiten („Alte Meister“).

Vielleicht ist ja auch das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Viele Grüße,

Walter

Ulli

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4

Mittwoch, 15. Juni 2005, 18:46

Salut, Walter,

ja, schade, dass der Thread noch schläft.

Um Dich kurz zu zitieren:

Zitat

[...]aber warum hältst Du etwas Neues nicht mehr für entwickelbar?


Ich dachte, dies hätte ich bereits mit diesem Satz

Zitat

Es schließt keineswegs aus, dass "moderne" Kompositionen ebenfalls die Zeiten überdauern, weil sie gut sind.


klargestellt. Richtig, ich hatte noch einen Satz nachgestellt, der aber nur mich persönlich betrifft. Ich will hier keine "emotionsgeladen Bekenntnisse formulieren" - infofern habe ich auch keine Grenzen aufgezeigt, sondern mit einer Vollendung ist für mich die Entwicklung [zunächst] beendet.

Boyce hatte - soweit mit bekannt ist - den entsprechenden finanziellen Hintergrund aus dem Elternhaus, um sich die Art der Provokation leisten zu können, ohne dass er dadurch in irgendeiner Form Nachteile erhalten hätte. Er hat durchaus Nachdenkenswertes geschöpft [Schlitten mit Ausrüstung].

Liebe Grüße
Ulli
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Frank Georg Bechyna

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5

Mittwoch, 15. Juni 2005, 19:03

Lieber Ulli ,
wer ist "Boyce" ?
Oder meinst Du Joseph B e u y s ?
Beste Grüsse
Frank
Frank Georg Bechyna
Musik & Medizin

Ulli

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6

Mittwoch, 15. Juni 2005, 20:57

Zitat

Original von Frank Georg Bechyna
Lieber Ulli ,
wer ist "Boyce" ?
Oder meinst Du Joseph B e u y s ?
Beste Grüsse
Frank


Salut, Frank,

nachdem Beuys einen brandneuen Flügel mit grüner Farbe überschüttet und anschließend mit einem Beil zerhackt hat [oder umgekehrt] und das auch noch Kunst nennt, habe ich mich entschieden, ihn Boyce zu nennen.

Zurück zum Thema:

Muß Entwicklung immer einen Fortschritt bedeuten? Und wenn ja, was ist ein Fortschritt?

Liebe Grüße
Ulli
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7

Donnerstag, 16. Juni 2005, 18:24

Hallo Ulli,

wie ich merke, hat meine eigene Rückfrage vom ursprünglichen Thema abgebracht. Aus der Frage nach Orten, von wo Anregungen für Innovationen ausgehen, wurde die Frage: was ist eigentlich Innovation (oder Entwicklung, Fortschritt, Neues). An anderer Stelle hattest Du Erfahrungen mit Köln, Paris und Karlsruhe erwähnt, offenbar mit dem Ergebnis, dass dort zwar Neue Musik geschaffen werden soll, jedoch mit einem Verständnis von Innovation, die irgendwie leer läuft.

Dein Anspruch an Musik geht von persönlicher Empfindung aus, aber ich sehe es nicht als „emotionsgeladenes Bekenntnis“, sondern kann es im Gegenteil voll teilen. Musik muss sich daran messen lassen, dass sie zu solcher Wirkung fähig ist, wie Du sie sehr gut beschrieben hast.

Ich glaube, jetzt verstehe ich: Wenn es diese Musik schon gibt, warum dann noch etwas Neues? Stätten innovativer Musik sind dann nicht notwendig.

Das führt wirklich in tiefe Fragen über den Menschen und das Leben. Es ist dann nicht mehr die Frage, ob es solche Stätten gibt, sondern, ob ihr Fehlen schmerzlich vermisst wird, ob es einen Zustand der Vollendung geben kann. Das ist schließlich die religiöse Frage, wie wir die Schöpfung der Welt verstehen, in der wir leben.

Ich gestehe, mit dieser Wendung hatte ich nicht gerechnet. So verstehe ich dann auch die Wut auf Beuys, der diesen Zustand mit seinen Provokationen wohl nicht gefährdet, aber doch stört.

Um so überraschender, - obwohl wir hier so weit auseinander liegen -, dass es dann doch Bezugspunkte gibt, wie Mahlers 10. Sinfonie oder Mozarts 40., dazu gleich an anderer Stelle mehr.

Viele Grüße,

Walter

Ulli

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8

Donnerstag, 16. Juni 2005, 19:47

Salut, Walter,

es ist schwierig, auf Deine Fragen bzw. Feststellungen zu antworten; ich probier's dennoch:

Ich finde nicht, dass wir zu weit vom Thema abgedriftet sind, obwohl es den Eindruck erweckte. Die Grundsatzfrage, was eigentlich eine Innovation ist, steht noch immer im Raum. Der Duden erklärt es als Einführung von etwas Neuem, Erneuerung. Also haben wir einen Anhaltspunkt: In dem Sinne müsste die "klassische Musik" als festgefahren, veraltet gelten. Es muss etwas Neues her... leider geschieht dies meiner Ansicht nach heutzutage mit "Gewalt" und das kann nicht funktionieren. Mozart hatte bestimmt nicht im Hinterkopf gehabt, die Musikwelt und -geschichte zu verändern. Dennoch hat er "Neues" geschaffen - von innen heraus also. Die Innovation in meiner Auffassung ist eine Entwicklung - eine Neuentdeckung durch "verbissene" Beschäftigung und "zufälliger" Entwicklung. Das Zeitgeschehen spielt dabei eine große Rolle. Hätte Beethoven beispielsweise nicht den Hintergrund seiner Verehrung Napoléons gehabt, so wäre die "Eroica" nicht entstanden. Hätte Mozart nicht bewußt sich der Zensur widersetzen wollen [zusammen mit Da Ponte], so hätten wir heute keinen "Figaro". Das meine ich eingentlich - etwas Neues entsteht von selbst, nicht durch "Manipulation" im Sinne von bewusster Steuerung.

Die Entwicklungszentren, die es heute gibt, sind dennoch sehr wichtig. Was heißt dennoch - sie sind wichtig, um sich ein Bild vom "Alten" und "Neuen" machen zu können. Nur durch Austausch kann sich etwas entwicklen; durch die äußeren Einflüsse, durch den Zeitgeist. Genau deswegen haben die Beatles überlebt, um nur ein Beispiel aus der U-Musik zu nennen. Wenn es überhaupt noch zu "U"-Musik zählt. Stätten innovativer Musik sind notwendig, wenn sie richtig genutzt und ausgekostet werden. Zum Herumtreiben und Blödsinn machen sind sie zu schade.

Der heutigen Zeit fehlt meiner ansicht nach der Zeitgeist, dem man sich Annehmen kann und darf - somit erstirbt jeder Funke gleich, bevor er richtig aufglüht. Natürlich gibt es, wie immer, die großen Ausnahmen.

So viel für heute.

Liebe Grüße
Ulli
Die Oper muss Tränen entlocken, die Menschen schaudern machen und durch Gesang sterben lassen.
(Vincenzo Geilomato Hundini)

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9

Sonntag, 19. Juni 2005, 10:49

Herumtreiben und Blödsinn machen

Hallo Ulli,

das sind auch keine einfachen Fragen, und schon gar keine, die auf Anhieb gelöst werden können. Sie bleiben genau so lebendig wie die Musik. Schwierig ist weiter, dies Thema so abstrakt zu diskutieren, daher habe ich als Beispiele zwei Stücke von Prokofjew eingeschaltet, denen weitere folgen sollen.

Entwicklungszentren: Musikproduktion wie im Ingenieurbüro, unter das Volk gebracht von Testfahrern, die sich ohne nach rechts oder links zu schauen nur an ihrer eigenen Technik berauschen. Das ist eine Erfahrung, wie Neue Musik heute passiert. Dafür gibt es übrigens durchaus historische Vorbilder wie die ars inveniendi, vor allem stellt sich mir aber die Frage, wie es hat dahin kommen können.

Stätten haben etwas Heiliges, und „Herumtreiben und Blödsinn machen“ ist dann nicht nur schade, sondern eine Entweihung! Diejenigen, die das tun, sind sich dessen auch voll bewusst, siehe etwa den Heiligen-Status, mit dem Stockhausen sich umgibt. (Über Beuys bin ich anderer Meinung, aber das ist ein Thema für sich.) Sie als nie erwachsen gewordene Halbstarke zu kritisieren, die endlich einmal als das angesprochen werden müssen, was sie sind, als Kinder, die über die Stränge schlagen, scheint mir etwas an der Oberfläche zu bleiben.

Die Beispiele Mozart und Beethoven zeigen, dass das Problem eben nicht so einfach ist. Ich sehe es auch so, dass etwas verloren gegangen ist, von dem sie sich haben tragen lassen. Daraus ergeben sich dann aber ganz neue Aufgaben an die Musik, zu deren Lösung die intensive Beschäftigung mit ihnen sicher helfen kann.

Das „Herumtreiben und Blödsinn machen“ enthält beides: Einen ziemlich sprachlosen Vorwurf an die bürgerliche Gesellschaft, die bereits vor ihnen die heiligen Stätten entweiht hat (und hier wäre zum Beispiel sicher interessant, dem weiter nachzugehen, was im 19. Jahrhundert in Wien geschehen ist, für mich noch eine ganz offene Frage, Grillparzers „Armer Spielmann“ hat das zuerst seismographisch wahrgenommen), und zugleich sicher bei nicht wenigen den Übermut, in dieser Situation sich mit dürftigen Mitteln in den Mittelpunkt stellen zu wollen.

Viele Grüße,
Walter

Ulli

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10

Sonntag, 19. Juni 2005, 12:34

RE: Herumtreiben und Blödsinn machen

Salut,

naja als "innovativ" fällt mir soeben ein, dass vor einigen Jahren beim Musikunterricht das Notenlesen versuchsweise "abgeschafft" und gegen Erkennen der Töne durch Farben ersetzt wurde. Eine Innovation - ja - aber längst vergessen, da untauglich. In diesem Falle ist wohl doch als Altbewährte das sicherste System.

Zitat

Entwicklungszentren: Musikproduktion wie im Ingenieurbüro, unter das Volk gebracht von Testfahrern, die sich ohne nach rechts oder links zu schauen nur an ihrer eigenen Technik berauschen. Das ist eine Erfahrung, wie Neue Musik heute passiert. Dafür gibt es übrigens durchaus historische Vorbilder wie die ars inveniendi, vor allem stellt sich mir aber die Frage, wie es hat dahin kommen können.


Du sagst selbst, es gibt historische Vorbilder - was ist also daran "innovativ"?

Heute wird vieles, was "ausgegraben" wird, als "innovativ" bezeichnet. Gegen den Vorgang als solchen, habe ich im eigentlichen Sinne nichts, lediglich die Bezeichnung stört mich daran. Hier wird etwas Neues suggeriert, was definitiv nicht neu ist. Wahrscheinlich braucht es aber die Gesellschaft so. Es muss alles als neu und innovativ dargestellt werden, das Interesse an alt[bewährtem] geht Richtung Null. Selbiges Phänomen ist bei Kindern oder Heranwachsenden zu beobachten, die nicht auf die Erfahrung der Älteren [=Eltern] hören mögen. Die Erfahrung hat ja nun schon gezeigt, was überlebensfähig ist und vor allem, aus welchem Grunde. Die heutige Innovationsgesellschaft könnte man also durchaus als Kleinkinderkonsortium abstempeln. Oder?

Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich unabhängig von Musik berichten, dass ich immer, wenn ich etwas "Neues" ausprobiere, zwar die Idee als ausgesprochen gut empfinde, in den meisten Fällen aber erkennen muss, dass doch die vorher praktizierte Art und Weise diejenige ist, die am wenigsten Nachteile produziert. Vielleicht liegt der Sinn der Innovation darin, dies zu erkennen?



Liebe Grüße
Ulli
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Heinz

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11

Sonntag, 19. Juni 2005, 14:23

Zitat

Ich glaube, jetzt verstehe ich: Wenn es diese Musik schon gibt, warum dann noch etwas Neues? Stätten innovativer Musik sind dann nicht notwendig.



Stätten klingt jedenfalls schon mal ziemlich antiquiert, und es ist bei diesem Wort nie so recht klar, ob es nun von Werkstatt oder von Bestattung abgeleitet ist 8o

Ich habe auch Schwierigkeiten, mir etwas unter "innovativer Musik" vorzustellen, weil ich denke, jedes Kunstwerk, das diesen Namen verdient, ist innovativ.

Nun gibt es diese "Stätten innovativer Musik" ja tatsächlich, und man kann sich fragen, was wird dort gemacht und wem nützt es etwas. Zur Beantwortung dieser Frage kann ich leider nichts beitragen.

Die wirkliche Stätte innovativer Musik ist für mich immer noch das menschliche Erleben und die Umsetzung dieses Erlebens mit klanglichen Mitteln. Dazu brauche ich aber kein Fabrikgebäude und keinen Prunkbau, sondern einen Stift und ein Blatt Papier.

Nette Grüße
Heinz

tom

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12

Freitag, 9. Dezember 2005, 12:14

Musik und Politik

Welche Verstiegenheiten die politische Orientierung auf die Musik haben kann, zeigt sich in der Verlautbarung eines Aktivisten der werktätigen Masse, der sich in den 20er Jahren zu der Äußerung veranlaßt gesehen hat:

"In der Polyphonie herrscht Gleichberechtigung. Polyphone Musik bedeutet musikalische Demokratie."

Ohje!

Die politische Losung lautete:

"Jetzt strebt man wieder nach Gemeinschaftsleben. Da rüttelt man auch an diesen Formen der in der Zeit des Kapitalismus üblich gewordenen Musikpflege. Man kommt, halb unbewußt, wieder auf die Musik nach alter Art zu. Mögen die alten Instrumente zu neuem Leben erwachen! Möge die Polyphonie einer neuen Blüte entgegengehen!"

Nachzulesen bei Fritz Müller, Musik nach alter Art, in: Kulturwille; Monatsblätter für Kultur der Arbeiterschaft, Heft 6/1926, S. 110-112.

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13

Samstag, 10. Dezember 2005, 18:18

Polyphonie

Hallo Tom,

wenn ich die von Dir zitierten Texte lese, kann ich mir Dein Unbehagen vorstellen, und doch triffst Du die spannendste Frage der neueren Musikgeschichte: Wie ist das Aufkommen der Mehrstimmigkeit und Polyphonie im mittelalterlichen Europa zu erklären? Mehrstimmigkeit ist so selbstverständlich geworden, dass ich lange gar nicht glauben wollte, dass sie nicht in unerforschliche Uranfänge der Geschichte zurückreicht. Aber nun ist es einmal so, dass sie nach möglicherweise früheren Vorläufern ihren Durchbruch erst zur Zeit der gotischen Dombauten erlebt hat, in der Schule, die an die Kathedrale von Paris angeschlossen war. Gotische Dome und Mehrstimmigkeit entstanden gleichzeitig 1150 - 1250. Italien bringt um 1350 neuen Formen wie die Caccia (Jagd) bei, und in England, wo es schon seit 700 mehrstimmiges Singen gegeben haben soll, setzen sich dann Terz und Dur durch, die bis dahin als „verboten“ und barbarisch galten, weil sie nicht in das pythagoräische System passten.

Verbote deuten auf politische Interessen. Aber wie ist zu erklären, dass Mehrstimmigkeit und Polyphonie so spät entstanden? War das die erste christliche Musik, die sich gegen die Ordnungen der antiken (griechischen) Welt durchsetzte, weil das Christentum eine Theologie der Transzendenz bot, mit einer Sehnsucht über das bisher Bekannte hinaus? War es Zeichen der sich damals emanzipierenden frühen Handwerke, die sowohl in den Dombauten wie der Mehrstimmigkeit ihren Ausdruck fanden? Dann wären die frühen unabhängigen Städte, die sich selbstbewusst von den früheren Metropolen großer Reiche wie Rom, Byzanz oder Bagdad unterschieden, Stätten von Innovationen.

Sind Mehrstimmigkeit und Polyphonie Ausdruck völliger Gleichberechtigung, die es noch nicht einmal im klassischen Athen gab, das auf der Unterwerfung der Sklaven beruhte? Deren bloße Existenz war für Richard Wagner der Keim des Untergangs von Athen. Da dachte er gar nicht so anders als Karl Marx.

Aber auch die spätere Wende von Richard Wagner darf nicht übersehen werden. Enttäuscht von der Niederlage der 1848er Revolution und beeinflusst von reichen Gönnern, die ihm Luxus und Freiraum zum Schaffen ermöglichten, konstruierte er immer stärker einen Gegensatz zwischen romanischer und deutscher Musik. Italiener und Franzosen konnten zwar die Mehrstimmigkeit intuitiv einführen, sahen darin jedoch nur eine neue Form der Schönheit und des Zeitvertreibs, so dass sie gegen die restaurativen Tendenzen der Kirche machtlos blieben, die all dies zurückdrängte und von Neuem Homophonie durchsetzte. Erst das „deutsche Wesen“ vermochte dann, langsam aus seinem Schlaf und den Bedrängungen des 30-jährigen Kriegs erwachend, eine Wiedergeburt der Polyphonie, der sie mit Bach und Beethoven die vollgültige, universale, allgemein-menschliche Gestalt gab. Das will Wagner mit seinen Opern selbstbewusst fortführen. Und darauf konnten sich dann in den 1920er Jahren die Theoretiker des sich herausbildenden Nationalsozialismus berufen.

Weiter sei auf Ernst Blochs lesenswerten Aufsatz von 1924 „Über das mathematische und dialektische Wesen der Musik“ hingewiesen. Im allgemeinen folgt Bloch in der Musik überaus eng den Ansichten von Wagner. Aber hier versteht er die Homophonie der Antike als das mathematische Wesen der Musik, fügt diesem in seinem wirklich hinreißend geschriebenen Text noch weitere Qualitäten hinzu, und sieht dann demgegenüber in der Sonate das dialektische Wesen der Musik, welches von der Mathematik nie erreicht werden kann, weil es mit dem Christentum die Grenzen der antiken Welt gesprengt und seither der Musik eine innere Transzendenz gab, die zuerst den Weg der bürgerlichen Kultur geöffnet hat, und seither mit nicht versiegender utopischer Macht kommunistische Bewegungen zu beflügeln vermag.

Meine Frage ist dann, warum nach dieser Entwicklung die Polyphonie in der abendländischen Kultur im 20. Jahrhundert so in ihre Elemente zerfallen ist. Noch nie war die Unabhängigkeit der Stimmen in einem Musikstück so groß, aber die verschiedenen Stimmen verstehen einander nicht mehr, scheinen sich nicht einmal mehr zu kennen und fallen wieder zurück auf ein bloß technisches Spiel, was alles mit den Instrumenten der Musik möglich ist. Der Ausdruck der Lebensfreude, der am Anfang der Polyphonie stand, ist verloren gegangen.

Wird diese Situation pessimistisch gedeutet, dann waren die Höhepunkte der westlichen Polyphonie bis zur Sonate etwas Revolutionäres, das aber den Keim des Scheiterns in sich trug, und sich nach dem Scheitern nicht mehr zu erholen vermag.

Viele Grüße,
Walter

Ulli

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14

Samstag, 10. Dezember 2005, 19:45

RE: Polyphonie

Lieber Walter,

schön, dass Du wieder Zeit gefunden hast.

Ich verstehe die Hintergründe Deiner Aussagen eher in reverso resp. handelt es sich teilweise um ineinander greifende Geschehen: Während die Musik des. 15. und 16. Jahrhunderts eine ganz andere Vorstellung von "Harmonie" hatte [salisburgensis weiß das expliziter darzulegen, als ich], festigte sich spätestens im 18. Jahrhundert das, was wir heute als "Harmonie" bezeichnen. Der Sprung ist natürlich immens, ich übergehe die gesamte Barockmusik - dennoch manifestiert Carl Philipp Emanuel Bach:

Die vollkommenste Harmonie von Consonanzen, mit der sich mehrentheils ein Stück anfängt, und allezeit endiget, ist der eigentliche harmonische Dreyklang.

[C. Ph. E. Bach: Versuch, über die wahre Art das Clavier zu spielen, Zweyter Theil, in welchem die Lehre von dem Accompagnement und der freyen Fantasie abgehandelt wird, Berlin, 1762]

Zitat

Verbote deuten auf politische Interessen.


Wohl wahr. In Abwandlung eines Mozartischen geflügelten Wortes: Da die Politik - genau zu nehmen - der wahre Endzweck privater Interessen ist...

Sicher ist "Harmonie" aus heutiger Sicht eine Geschmacksfrage und da stellen sich gleich zwei Fragen:

- Ist "Geschmack" politisch [indiziert, infiziert] ?
- Ist Politik geschmackvoll ?

Sicher ist die Polyphonie ein Teilergebnis menschlicher "Befreiungsentwicklung" ['Aufklärung', 18. Jahrhundert] und vielleicht relativiert sich damit Deine Aussage:

Zitat

Wird diese Situation pessimistisch gedeutet, dann waren die Höhepunkte der westlichen Polyphonie bis zur Sonate etwas Revolutionäres, das aber den Keim des Scheiterns in sich trug, und sich nach dem Scheitern nicht mehr zu erholen vermag.


Bis zu dem Wort "Revolutionäres" werde ich Dir blind folgen, dann aber behaupte ich, dass die Polyphonie noch lange kein Ende gefunden hat. Ganz im Sinne Carl Philipp Emanuel Bachs "vollkommenster Harmonie" arbeiten wir wohl auf die "vollkommenste Individualität" hin: Aus "selbständigen horizontalen Stimmen" werden "selbständige Stimmen". Dann splittet sich die Gruppe in "einzig Selbständige" und "nur Stimmen". Mal sehen, was übrig bleibt...

Liebe Grüße
Ulli
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(Vincenzo Geilomato Hundini)

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Registrierungsdatum: 9. April 2005

15

Montag, 12. Dezember 2005, 20:26

Geschmack und Politik

Lieber Ulli,

danke, wie Du meinem Pessimismus entgegenhältst. Wenn die Tage länger werden, fasst mich das schon zuweilen an ...

Geschmack und Politik: Für gewöhnlich gilt – Platons bekannten Ausführungen in seiner Schrift über den Staat folgend – die einfache Gleichung: Politik und Staat stemmen sich gegen alles Neue und beharren auf dem Altbewährten, aus Angst, mit neuer Musik könne auch der Wunsch nach politischer Umwälzung folgen. Dagegen suchen alle diejenigen, die für sich im vorhandenen Staat keine ausreichenden Entwicklungsmöglichkeiten sehen, in neuen musikalischen Formen Ausdruck ihrer über das Bestehende hinausweisenden Sehnsüchte und ihrer inneren Kraft zur Änderung, und wenn es gut gelingt, dann kann diese Musik zum Sammlungspunkt und zur Identitätsstiftung der Opposition führen.

Schon dies Verhältnis von Geschmack und Politik wird bisweilen als „tiefenpolitisch“ bezeichnet. Aber zeigt nicht das Beispiel der Mehrstimmigkeit, dass es noch eine tiefere Dimension gibt: Die Mehrstimmigkeit entstand in solchen Umgebungen, wo sich neue politische Gemeinschaften bildeten, die keineswegs mehr an bloßer Beharrung interessiert waren, sondern neue Republiken schaffen wollten, die dauerhaft in der Lage sind, Kreativität zu fördern und von ihr zu leben. Hier ist es geradezu ein Anliegen der Politik, Kreativität und Innovation zu fördern, und die politisch weiter Denkenden verstehen, dass ihre Politik dann verkümmert, wenn sie nicht mehr getragen wird von einem breiten gesellschaftlichen Umfeld der Experimentierfreude und Offenheit für neue Ideen.

Stelle ich mich auf dem Boden dieser langen historischen Epoche, die mit der Mehrstimmigkeit begonnen hat, dann ist ein Geschmacksurteil etwa im Streit Hanslick contra Wagnerianer eindeutig: Hanslicks Ideal einer absoluten Musik passt nicht in eine Gesellschaft, die erstarren müsste, würde sie dies Ideal konsequent verwirklichen. Zum Glück besaß Brahms genug Geschmack und Verständnis seiner Zeit, dass er sich in praxi an diese Theorie nicht hielt und dort große Werke schuf, wo diese Neuerungen enthalten und erst recht, wo sie weiterführende Neuerungen anregten.

Aber auch damit ist noch längst nicht das letzte Wort über den Geschmack gesagt. Ich bin überzeugt, dass in den Geschmack auch Einflüsse eingehen, wie die umgebende Landschaft (und zum Beispiel in Sachsen / Thüringen ein anderer Geschmack entsteht als in Griechenland), und noch mehr der Einfluss der Menschen, die sich nur in dieser Umgebung wohl fühlen, hier ihren Ort gefunden haben und fähig sind, ihren Geschmack an Schüler weiter zu geben. So viel sei ergänzt, um ein wenig zur Ausgangsfrage zurück zu kehren. (Heinz hat recht, dass der Ausdruck „Stätten“ altertümlich ist. Mir fiel nichts besseres ein, um das griechische Wort polis auf unsere Umgebung zu übertragen.)

Viele Grüße,

Walter