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Alfred_Schmidt

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Beiträge: 19 027

Registrierungsdatum: 9. August 2004

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Dienstag, 29. Juni 2010, 22:02

Offenbach: Hoffmanns Erzählungen - Macerata Opera 2005 (französisch)

REZENSION OPER DVD




OFFENBACH: Hoffmanns Erzählungen (französisch)

Libretto von Jules Barbier und Michel Carre nach Erzählungen von E-T- A. Hoffmann



Aufzeichnung 2004 Macerata Opera

Inszenierung und Ausstattung: Eigenwillig unter Wahrung der eigentlichen Substanz,
jedoch mit zahlreichen modernen Einsprengseln, oder besser gesagt, sehr modisch orientiert,
jedoch ohne Zeitverschiebung etc.






Generelle Beurteilung : SEHR GUT - EXORBITANT


Dauer 159 Minuten

Hoffmann: Vincenzo LA SCOLA
Olympia: Luciana Desireé RANCATORE
Antonia, Annalisa RASPAGLIOSI
Giulietta: Agnes Sara ALEGRETTA
Coppelius, Mirakel, Dapertutto: Ruggero RAIMONDI
Andreas,Cochenille, Pitichinaccio, Franz: Luca CASALIN
Spalanzani: Thomas MORRIS
Crespel, Lutter Lorenzo MUZZI
Schlehmihl: Nicolas RIVENQ
Nikolaus/Muse: Elsa MAURUS
Natnanael: Francesco ZINGARIELLO


Orchestra Philharmonica Marchigiana
Coro Lirico Marchigiano “Vincenzo Bellini”
Corpo die Ballo del Teatro Nazionale dell´Opera die Sofia

Dirigent: Frederic CHASLIN
Regie, Bühnenbild , Kostüme Pier Luigi PIZZI


Dies ist nun der dritte – und vorläufig letzte Bericht von Aufzeichnungen der Oper „Hoffmanns Erzählungen“ – wieder in französischer Sprache, jedoch mit einem eigenartigen Hauch von Modernität, welcher jedoch dem Werk nicht schadet, sondern es anders beleuchtet,
einige Feinheiten gehen verloren, anders wird in den Mittelpunkt gebracht – ich werde im Laufe meiner Kritik versuchen näher darauf einzugehen.

Ich habe lange überlegt, wie ich die Inszenierung charakterisieren soll, einerseits ist sie „modern“, andrerseits lässt sie vieles unangetastet, sodaß ich oft überrascht war.
Ich gestehe offen, dass mich diese Aufführung – entgegen meinen Erwartungen - überaus begeistert hat, auch meine 83 jährige Mutter war von ihr ganz hingerissen. Solch Bemerkungen haben in einer professionellen Kritik nichts zu suchen. Aber ich bemühe mich ja gerade das Gegenteil davon zu machen, eine PRESÖNLICHE und SUBJEKTIVE Rezension zu schreiben – ohne Anspruch auf absolute Neutralität und Objektivität.

Was ist anders ?
Ich habe mich entschlossen dieser Aufführung das Prädikat „stilisierend“ zu verleihen, das trifft es vermutlich am besten.

Das kann man bereits beim Prolog in Lutters Keller sehen. Welch ein _Unterschied zur stilgetreuen , aber an dieser Stelle auch ein wenig derb und verstaubt wirkenden Felsenstein- Inszenierung , die ihrerseits sich das Original besser trifft..
Bühnenbild und Kostüme leben in der Hauptsache von schwarz-weiß Kontrasten, die durch sparsam eingesetzte weiter Farben besonders zur Wirkung kommen.

Die Szene wird sehr dynamisch mit tänzerischen Elementen aufgelockert und verliert dadurch von ihrer Behäbigkeit, sie ist geradezu „spritzig“

Der Übergang von Lutters Keller zu Spalanzanis physikalischem Kabinett, oder Salon – ganz wie man will ist eine Verwandlung auf offener Bühne, Pagen in entsprechenden Kostümen und „Vertreter der Finsternis“ bzw „Todesengel“ (so habe ich jene düstren geflügelten Gestalten in Schwarz und rot getauft) schieben Möbel hin und her, bis die Verwandlung vollzogen ist.

Schon befinden wir uns in Spalanzanis Salon – sehr spartanisch im Vergleich mit den bisher besprochenen Versionen, aber äußerst bühnenwirksam wie sich noch zeigen wird.
Und schon betritt Spalanzani das Geschehen, dargestellt vom 1971 in Paris geborenen Sänger Thomas Morris (bitte nicht mit dem gleichnamigen österreichischen Schauspieler verwechseln !)
Um es vorweg zu nehmen. Was ich nie für möglich gehalten hätte, er ist den beiden anderen von mir besprochenen Spalazanis nicht nur ebenbürtig, nein an manchen Stellen übertraf er sie sogar. Bot die Felsenstein-Inszenierung einen schüchternen, gestörten, aber dennoch von seiner Idee besessenen Spalanzani an, sah man in der Covent Garden Aufführung mit Robert Tears einen eleganten und (zumindest nach aussen) selbstsicheren Salonlöwen im Eleganten Ballsaal, so ist hier ein quirliges zappeliges Wesen gezeigt, welches von sich selbst , mehr aber noch von Olympia überzeugt ist, Im Gegensatz zu Tears strahlt er keine Selbstsicherheit aus, sondern ein Übermaß an Begeisterung und Bewunderung, der er in jeder Sekunde Ausdruck verleiht. Er tänzelt macht Grimassen und seine Hände gestikulieren ständig, seine Stimme überschlägt sich vor Aufregung. Ihm zur Seite steht Cochenille, hier in Dienerlivree , stets mit stumpfsinnigen Gesichtsausdruck.

Für den Auftritt des Coppelius hat man sich was besonderes einfallen lassen:
Er wird mit einem hochradähnlichen Vehikel, welches von einem jener zuvor erwähnten „schwarzen Engel“ gelenkt wird auf die Bühne gefahren.
Dieser Coppelius ist eindeutig düster, der unterschwellige Humor, den seine Rollenvorgänger auszeichneten, fehlt völlig. Ganz in schwarz gekleidet, mit grauem Gesicht und rot gefüttertem Umhang tritt hier eine wahrhaft dämonische Gestalt auf, ideal verkörpert durch Ruggero Raimondi. Ich hätte von diesem Coppelius keine Brille für 3 Dukaten gekauft, nicht mal geschenkt hätte ich sie genommen.
Inzwischen hat sich Coppelius mit Spalanzani über die Rechte an Olympias Augen geeinigt und die Gäste werden eingelassen.
Der Einzug der Gäste – alle in weiß gekleidet auf einer schwarzen Bühne mit Ausnahme des gülden schimmernden Glaskäfig s in dem sich Olympia und einige mechanische Vögel befinden - – ist hier als Ballett gestaltet – elegant- eigenwillig- skurril – aber sehr beeindruckend.

Die berühmte Arie der Olympia begleitet Spalanzani auf einer Querflöte – ein urkomischer Effekt. Die Puppe selbst – hervorragend gesungen und gespielt von Desireé Rancatore (deren Talent zum Komischen bemerkenswert ist) hat Eigencharakter. Sie bewegt sich eigentlich recht tollpatschig, aber auch undamenhaft, gegen Ende der Arie zeigt sie durch Hochziehen ihres Kleise immer wieder ihre Strumpfbänder. Auch wie sie jedes Mal, wenn sie das Wort Olympia singt demonstrativ auf sich selbst zeigt ist äußerst gelungen

Natürlich nimmt das Unheil seinen Lauf und Coppelius zerstört die Puppe. Spalanzani scheint irrsinnig geworden, wenn er es nicht schon war – und schlägt mit den ausgerissenen Armen der Puppe wild um sich.

Sehr geschmackvoll und schlicht die Ausstattung des 2 Aktes. Man hat wiederum den Venedigteil vor den Crespelteil gesetzt. Man erreicht quasi mit Minimalausstattung den Eindruck in Venedig zu sein, in einem nächtlichen, gespenstischen Venedig, das zu Beginn durch eine schwarze Gondel vor dunkelblau leuchtendem Hintergrund symbolisiert wird, im Vordergrund beleuchtet von einer Reihe von Kerzen, die ihr goldenes Licht als Kontrast abgeben, Die Gondel wird von einem jener unheimlichen schwarzen geflügelten Gestalten gesteuert – ein unheimlicher Effekt, der durch ein beeindruckendes Dirigat noch musikalisch unterstrichen wird. Dieses Blau ist einfach überirdisch und gespenstisch und übertönte alles.
Als Kontrast dienen die Farben der Kostüme, wie beispielsweise Dapertuttos innen Rot gefütterten Umhang oder Giuliettas rotes Kleid, ach Schlehmihl ist teilweise in rot gekleidet. Ob hier „Blut“ signalisiert werden soll weiß ich nicht, auf jeden Fall sieht es überirdisch gespenstisch aus.
Es wird vielleicht schon aufgefallen sein, dass ich über Stimmen wenig schreibe, aber viel über Inszenierung., ich bin der Auffassung, dass man sich über im Internet vorhandene Sounschnippsel rasch akustisch eine eigene Meinung machen kann. Aber die überirdisch klingenden Ensembleszenen im zweiten Akt dieser Inszenierung möchte ich dennoch explizit erwähnen.





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Der Antonia Akt ist wie schon die anderen Bilder vorher , spartanisch aber optisch wirkungsvoll ausgestattet., vorzugsweise schwarter Hintergrund und einige Möbel.
Franz singt sein Couplet –wie in den meisten anderen Inszenierungen auch – urkomisch und hervorragend, vielleicht ist hier das tänzerische Element des Vortrags besonders zu betonen..
Doktor Mirakel tritt hier mit zwei schwarz gekleideten Totenengeln auf, die wir schon aus den beiden anderen Akten kennen, sie tragen weiße Krankenschwesternschürzen und assistieren dem Doktor. Allein wie sie ihm die tiefroten Gummihandschuhe anziehen ist gespenstisch und an Gruselwirkung kaum zu überbieten. Oh doch: noch unheimlicher ist, wie er die Medikamentenflaschen, in jeder rot behandschuhten Hand eine, gegeneinander schlägt, sodass ein kastagnettenähnlicher Ton erklingt…..
Erwähnenswert vielleicht, dass der Geist von Antonias Mutter nicht als Bild erscheint, sondern real die Szene betritt.
Als Antonia sich durch ihr exzessives Singen zu Tode gebracht hat, erscheint im Hintergrund eine schwarze Kutsche gezogen und geschoben von je zwei Todesengeln, ein fünfter sitzt auf dem Kutschbock, Doktor Mirakel steigt aus und weiß sofort die Diagnose: TOT, meint er lakonisch – dann steigt er ein und der Wagen entfernt sich langsam.

Der Epilog ist kurz, feierlich und wirkungsvoll
Die Muse ist nicht unglücklich über den Ausgang, was vorauszusehen war, denn in dieser Inszenierung schimmerte durch die Figur des Nikolaus stets die Muse durch, und es war kaum zu übersehen wie verliebt sie in Hoffmann war. Sterbliche Frauen waren da chancenlos…

Resume:

Pier Luigi Pizzi lieferte eine wunderbare Aufführung ab, verantwortlich für Regie, Maske und Bühnenbild leitet es –soweit mir bekannt auch das Festival dem diese Aufführung zuzuordnen ist. Dementsprechend auch positives Echo von Seiten des Publikums.

Diese Inszenierung ist sehr eigenwillig, greift aber in keiner Weise am Kern des Stückes ein, keine Zeitverschiebung, etc. Allenfalls gewisse bekannte Effekte gehen verloren, so beispielsweise die Karikierung der Gesellschaft, die bei Spalanzani zu Gast ist, aber das Ballet entschädigt dafür in anderer Weise….
Ach ja – fast hätte ich es vergessen: EXORBITANT



c 2010 by Alfred Schmidt
für Tamino Klassikforum Wien
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Cartman

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Beiträge: 340

Registrierungsdatum: 30. März 2011

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Sonntag, 3. Juli 2011, 17:09

Lieber Alfred,

Deiner Kritik kann ich - bis auf einen Punkt - nur beipflichten. Raimondi scheint mir stimmlich nicht ganz auf der Höhe zu sein. Mit dem Dapertutto hat er zu kämpfen und Dr. Mirakels belegte Stimme bleibt oft leider sehr im Hintergrund. Dennoch ist seine Ausstrahlung beeindruckend und die DVD bedenkenlos zu empfehlen.

Gruß
vom Cartman
Das Tagtägliche erschöpft mich!
LUDWIG VAN BEETHOVEN in einem Brief an seinen Neffen Karl