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  • »Kurzstueckmeister« ist männlich
  • »Kurzstueckmeister« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

1

Montag, 31. August 2009, 21:11

Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 48 C-Dur "Maria Theresia"

Erster Satz

Haydn packt die Pauken und Trompeten dieser C-Dur-Sinfonie gleich zu Beginn aus, erweist sich aber als nobel relativierender Komponist, wenn die allein übrig bleibenden Streicher mit c-moll eindunkeln, das als moll-Subdominante der Dominante G-Dur über das "neapolitanische" as zu letzterem hinführt, womit ein sorgfältig vorbereiteter Halbschluss zum Wiedereinsetzen der festlichen Bläserbesetzung mit den wiederholten Beginntakten motiviert. Klanglich effektvoll ist die folgende Reduktion der Besetzung am Beginn der modulierenden Überleitung, wenn die Violinen allein im forte in hoher Lage beginnen und nur eine einstimmige kadenzierende Antwort der tiefen Streicher bekommen. Trotz Pauken und Trompeten also ein sehr gewählt instrumentierter Satz. Nachdem sich die Überleitung zu recht vollem Tutti entwickelt hat, folgt ein zierlicher Seitengedanke, der in mehreren Anläufen einen Aufschwung bis zum Oktavsprung entwickelt, worauf eine Legato-Girlande zu einem abschließenden Triller leitet. Auf ein lärmendes Tutti folgt abermals eine Eintrübung, bei der ein verminderter Septakkord umspielt wird, worauf die Exposition einen stürmisch-optimistischen Abschluss erfährt.
Die Durchführung beginnt ruhig auf der Dominante, moduliert nach a-moll und verharrt kurz auf dessen Dominante, worauf treibende Sechzehnteln im unisono einen ersten steigernden Abschnitt bilden, der aus einer völlig unklaren harmonischen Situation über Septakkord und Nebendominante zu einer Wiederholung einen Ton höher führt (viertaktige Sequenz). Das Geschehen ist also stark dramatisiert, es folgen zweitaktige abwärtsgeführte Sequenzen, die allerdings stark an vorklassische nachbarocke Modelle erinnern, denen man (etwa bei Richter) mangelnde Zielgerichtetheit in unmotiviert barocker Kontrapunktik vorwerfen könnte. Allerdings stammt das Material aus dem Überleitungsteil der Exposition, wir haben also "durchführende" thematische Arbeit vor uns. Es folgt ein flächiger modulierender Abschnitt, der "verfrüht" nach C-Dur zurückführt, sodass die Wendung nach G-Dur (die oft einen langen Orgelpunkt als Vorbereitung der Reprise benötigt) sehr kurz und schüchtern bleiben kann.

Zweiter Satz

Am Beginn steht ein verschnörkeltes Motiv der Streicher, das durch die Oboen beantwortet wird, was einen Zweitakter ergibt. Dieser erfährt eine variierte Wiederholung, worauf zwei weitere verwandte Zweitakter ohne Oboen eine subdominanten-betonte Fortsetzung bilden. Sehr reizvoll dann der farbliche Kontrast des solistisch aufsteigenden Hörnerpaares, dessen Linie sich aus den vorhandenen Motiven ableiten läßt und den ersten Abschnitt zu einem Abschluss führt. Einen Kontrast bildet nun ein vergleichsweise unkonturiert gestalteter länglicher Abschnitt mit endlosem triolischem Gedudel in den zweiten Geigen (das Finale der Abschiedssymphonie grüßt von ferne).
Durch die Umstellung des Beginnabschnitts und der Hörner-Passage nach der immer noch triolischen Durchführung bekommt der zweite Teil einen etwas rückläufigen Charakter (der aber natürlich durch die vollständige Reprise wieder zurückgenommen wird).

Dritter Satz

Der erste Teil des Menuetts in C-Dur ist sehr festlich und bleibt bei einem Minimum an verwendeten Stufen in der Tonart, mit einem Ganzschluss endend. Der zweite Teil kontrastiert durch einen von c chromatisch abwärts führenden und dann beschleunigten Bass zu einer etwas reduzierten Besetzung, die in der Folge noch weiter zurückgenommen wird bei einer hartnäckig wiederholten Wendung. Schließlich leitet ein Tutti zur Wiederholung des ersten Teils, der ja durch sein Verharren in C-Dur keiner Änderung bedarf. Auf ihn folgt aber noch ein breit stampfendes C-Dur-Geschmetter mit angehängter Streichergirlande im piano.
Das Trio führt im ersten Teil von c-moll nach Es-Dur, der Mittelteil breitet die Dominante für die c-moll-Wiederholung aus, und die Wiederholung des ersten Teils weitet den "eingerichteten" Schlussabschnitt (der ja jetzt nicht nach Es-Dur führen darf) sehr reizvoll mit As-Dur statt Es-Dur und einer Reihe chromatisch aufwärts führender Schritte im Bass aus.

Vierter Satz

Ein stürmischer "Kehraus" mit aufsteigenden oder eher hinauflaufenden Achtelketten. Am Ende der Überleitung ein langer Orgelpunkt auf D und dann ein stürmisch unruhiger absteigender Seitensatz mit vielen Leittönen. In der Durchführung wird das Formmodell mit dem zentralen Abschnitt, der von der Haupttonart mit dem Material des Satzbeginns losgeht, gewissermaßen auf die Spitze getrieben: Der davor befindliche chromatisch auf- und abwärts kletternde Abschnitt im piano ist doch recht lang (wenn auch abgesehen von der Harmonik recht "leer"), der zentrale Durchführungsabschnitt zwar durch modulierende Tendenzen klar als solcher zu erkennen, aber sehr kurz, und die Durchführung stark verkürzt, der Orgelpunkt (nun natürlich auf G) wird viel früher erreicht. Hier wäre vielleicht das Befolgen der Wiederholungszeichen doch ganz angebracht ...

klingsor

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2

Dienstag, 1. September 2009, 02:02

RE: Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 48 C-Dur "Maria Theresia"

ich kenne auch einige hip-aufnahmen OHNE trompeten und pauken. die fehlen mir dann immer sehr und vergällen mir den spaß bei dieser doch recht hübschen symphonie. wie ist denn die originalfassung? :hello:
--- alles ein traum? ---

klingsor

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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3

Dienstag, 1. September 2009, 08:58

RE: Haydn, Joseph: Sinfonie Nr. 48 C-Dur "Maria Theresia"

Zitat

Original von klingsor
ich kenne auch einige hip-aufnahmen OHNE trompeten und pauken. die fehlen mir dann immer sehr und vergällen mir den spaß bei dieser doch recht hübschen symphonie. wie ist denn die originalfassung? :hello:


Es gibt wohl beide Fassungen; ich meine auch eine zu haben, wo nur die hohen Hörner zusammen mit Pauken spielen, daß macht einen ziemlich guten Effekt, wenn entsprechend forsch gespielt.

"http://www.haydn107.com/index.php?id=2&sym=48"

:hello:

JR
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Spradow

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  • »Spradow« ist männlich

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4

Mittwoch, 2. September 2009, 22:41

Hallo!

Zitat

Haydn packt die Pauken und Trompeten dieser C-Dur-Sinfonie gleich zu Beginn aus, erweist sich aber als nobel relativierender Komponist, wenn die allein übrig bleibenden Streicher mit c-moll eindunkeln, das als moll-Subdominante der Dominante G-Dur über das "neapolitanische" as zu letzterem hinführt, womit ein sorgfältig vorbereiteter Halbschluss zum Wiedereinsetzen der festlichen Bläserbesetzung mit den wiederholten Beginntakten motiviert.


Diese Kontraste zwischen Bewegung und Stillstand scheint Haydn ja zu mögen; wir hatten ähnliche Spielchen ja auch schon in anderen Symphonien, z.B. 59, wo im Kopfsatz ebenfalls mächtig vorwärtsdrängende Einsätze dann urplötzlich im Sande verliefen, oder in 43, wo das Spielchen andersherum gespielt wird und ein harmloses Thema plötzlich explodiert.
Den extrovertierten Beginn mag ich jedenfalls sehr, er reißt einen förmlich in die Symphonie hinein! Was dann folgt, dürfte Haydns bis dahin ausführlichster Sonatensatz sein, oder? (Der noch längere in 42 entstand ja ein paar Jahre später).


Zitat

Am Beginn steht ein verschnörkeltes Motiv der Streicher, das durch die Oboen beantwortet wird, was einen Zweitakter ergibt. Dieser erfährt eine variierte Wiederholung, worauf zwei weitere verwandte Zweitakter ohne Oboen eine subdominanten-betonte Fortsetzung bilden. Sehr reizvoll dann der farbliche Kontrast des solistisch aufsteigenden Hörnerpaares, dessen Linie sich aus den vorhandenen Motiven ableiten läßt und den ersten Abschnitt zu einem Abschluss führt. Einen Kontrast bildet nun ein vergleichsweise unkonturiert gestalteter länglicher Abschnitt mit endlosem triolischem Gedudel in den zweiten Geigen (das Finale der Abschiedssymphonie grüßt von ferne).


Genau dieser "längliche" Abschnitt stört auch mich etwas in einem sonst sehr schönen Satz. Plötzlich sind die Bläser weg, und das thematische Material scheint für mich sehr gestreckt. Ähnliches habe ich auch schon bei anderen Sturm-und-Drang-Symphonien festgestellt, z.B. in 59, wo ganz ähnlich nach einem sehr interessanten Beginn ein schier endloses Aussingen in Achtelketten folgt. Ganz allgemein habe ich den Eindruck, dass um 1770 die langsamen Sätze noch nicht ganz auf Haydns späterem Niveau sind, während es bei den anderen Satztypen schon echte Glanzlichter gibt.


Zitat

Das Trio führt im ersten Teil von c-moll nach Es-Dur, der Mittelteil breitet die Dominante für die c-moll-Wiederholung aus, und die Wiederholung des ersten Teils weitet den "eingerichteten" Schlussabschnitt (der ja jetzt nicht nach Es-Dur führen darf) sehr reizvoll mit As-Dur statt Es-Dur und einer Reihe chromatisch aufwärts führender Schritte im Bass aus.


Mit seiner extrovertiert-pompösen Art ist dies eins meiner Lieblingsmenuette aus dieser Zeit. Das Trio in Moll ist im Kontrast dann ziemlich schockierend mit seiner düster auffahrenden Geste.

Insgesamt gehört die Symphonie zu meinen Lieblingen, seit ich die Pinnock-Box besitze; inzwischen ist sie von ein paar anderen, anscheinend nicht ganz so eingängigen aus der Sturm-und-Drang-Zeit überholt worden, aber immer noch häufig und gerne in meinem Player.


Hier zum Mithören ein paar Zeiten für die Pinnock-Aufnahme - alle, die was anderes haben, können versuchen, über die Gesamtzeit umzurechnen. :)

1. Satz: Seitenthema 1:20, Durchführung 4:54; Reprise 6:19 (Spielzeit 8:09)
2. Satz: 2. Abschnitt 1:32, Durchführung 2:56; Reprise 4:21 (Spielzeit 6:47)
4. Satz: Durchführung 2:03; Reprise 2:46 (Spielzeit 3:30)


Gruß,
Frank.

  • »Kurzstueckmeister« ist männlich
  • »Kurzstueckmeister« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 6 808

Registrierungsdatum: 16. Januar 2006

5

Donnerstag, 3. September 2009, 10:36

Zitat

Original von Spradow
Hallo!

Zitat

Haydn packt die Pauken und Trompeten dieser C-Dur-Sinfonie gleich zu Beginn aus, erweist sich aber als nobel relativierender Komponist, wenn die allein übrig bleibenden Streicher mit c-moll eindunkeln, das als moll-Subdominante der Dominante G-Dur über das "neapolitanische" as zu letzterem hinführt, womit ein sorgfältig vorbereiteter Halbschluss zum Wiedereinsetzen der festlichen Bläserbesetzung mit den wiederholten Beginntakten motiviert.

Das ist nun wirklich nicht gut formuliert: Nämlich das "letztere" - damit ist G-Dur gemeint. c-moll (moll-Subdominante in G) - as ("Neapolitaner" in G) -> G-Dur (=Halbschluss in C-Dur) --> Wiederholung.

:hello:

Alfred_Schmidt

Administrator

  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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6

Dienstag, 8. September 2009, 23:29

Ich werde mich bemühen, jenen die aus Angst vor soviel kompositorischem Hintergrundwissen noch zögern sich hier zu beteiligen, dieselbe zu nehmen.
Man kann sich dem Thema natürlich auch naiver und laienhafter bzw aus der Sicht des durchschnittlichen Klassikhörers nähern.

Aus irgendwelchen Gründen hatte ich als der Thread gestartet wurde keine einzige Aufnahme von Haydns Sinfonie Nr 48 "Maria Theresia" auf CD zur Verfügung, soll heissen ich habe die Sinfonie seit mehr als 20 Jahren nicht gehört. Irgendwie war sie mir nicht in Erinnerung geblieben...Ich erinnerte mich nur an das Cover der Vinyl- Version, ich glaube es spielte das Orpheus Kammerorchester - ein Ensemble mit dem ich mich nie besonders anfreunden konnte.

Aber ich MUSSTE sie doch haben, da ich ALLE verfügbaren Aufnahmen von Haydn Sinfonien mit der Hannover Band unter Roy Goodman in meiner Sammlung habe. Zumindest habe ich das bis vor 3 Wochen geglaubt: Gerade dieses Stück fehlte !!

Bei der Suche in diversen Klassikshops musste ich die überraschende Feststellung machen, daß kaum Aufnahmen der Nr 48 zu haben waren.
AHA - Vermutlich will sich ganz Wien an unserem Thread beteiligen - und deshalb sind die CDs ausverkauft. (Einen anderen Grund kann und will ich mir gar nicht vorstellen) Mit etwas Glück erwischte ich letztlich doch die von mir angepeilte Goodman-Aufnahme.
Ich hatte zuvor schon ein wenig in die Soundschnippsel bei jpc hineingehört und war zu dem Schluß gekommen, daß die Goodman-Einspielung eine der farbenfrohsten und temperamentvollsten Aufnahmen dieser Sinfonie ist. Auch die Aufnahme unter Frans Brüggen fand meinen ungeteilten Beifall.

Schon in den ersten Minuten des Hineinhörens war ich fasziniert von dieser Sinfonie, die für haydnsche Verhälnisse ein wenig bombastisch und zugleich fröhlich daherkommt, mit fröhlichem Hörnerklang. Der erste Satz ist voll von Abwechslung und interessanten Themen. Mir ist unverständlich, warum ich diese Sinfonie einst verdrängen konnte.

Der zweite Satz (Adagio) weist ebenso wie der erste feierliche Töne auf und ist von melodischem Liebreiz- ganz nach meinem Gusto.

Tänzerisch verspielt der dirtte Satz, typischer Haydn, wieder dominieren die Hörner.

Rasant und trotzdem melodiös der vierte Satz (Presto)
-------------------------------------------------------------

Das Jahr des Entsteherns dieser Sinfonie ist nicht hundertprozentig gesichert, man kann aber von 1770-1772 ausgehen.
Das Werk soll 1772, anlässlich eines Besuchs von Kaiserin Maria Theresia auf Schloß Esterháza aufgeführt worden sein - es wurde aber nicht explizit dafür komponiert, und selbst die Aufführung ist nicht hundertprozentig belegt.

Für mich persönlich besteht der Reiz dieser Sinfonie auch in der Instrumentierung: Hörner und Oboen, Trompeten und Pauken verleihen diesem Werk seinen spezifischen, festlichen Charakter...

mfg aus Wien

Alfred

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  • »Johannes Roehl« ist männlich

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7

Donnerstag, 10. September 2009, 22:39

Die Sinfonie ist vermutlich schon 1769 enstanden, bis dato war sie sicher eine der längsten und grandiosesten. Sie überragt m.E. die benachbarten C-Dur-Werke wie 41 oder 50 deutlich.

Ungeachtet des mitreißenden Anfangs ist es ja, wie oben ausgeführt, ein durchaus kontrastreiches Werk und ruhige, auf die Streicher beschränkte Passagen lassen die Ausbrüche der Hörner umso deutlicher hervortreten. Die Stellen mit den Hörnern im langsamen Satz finde ich sehr berückend. Pinnock läßt im adagio sämliche Wiederholungen weg, andernfalls, bei ca. 13 min. wird der Satz ein wenig zur Geduldsprobe, gefällt mir aber immer noch gut.
(Ich habe die vergriffene unter Derek Solomons mit allen Wdh., ebenso vermutlich Hogwood)
Das Menuett halte ich ebenfalls für sehr stark, besonders auch wieder den Kontrast zum schroffen Trio, aber auch schon innerhalb des Menuetts.
Der rasante Schlußsatz erinnert mich ein wenig an den der "Haffner-Sinfonie". Für mich eine Sinfonie ohne "Durchhänger", bei der ich alle Sätze sehr schätze.

:hello:

JR
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Spradow

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  • »Spradow« ist männlich

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8

Freitag, 11. September 2009, 11:47

Zitat

Original von Johannes Roehl
Die Sinfonie ist vermutlich schon 1769 enstanden, bis dato war sie sicher eine der längsten und grandiosesten. Sie überragt m.E. die benachbarten C-Dur-Werke wie 41 oder 50 deutlich.


Schon die Ausmaße und die große Besetzung legen ja nahe, dass es sich um ein ambitioniertes Werk handelt. Nichtsdestotrotz, den Kopfsatz von 50 finde ich sehr interessant und mit seiner langen, facettenreichen Durchführung auch gewichtig, auch wenn der Satz trotz der Einleitung um einiges kürzer ist. Er ist viel weniger flächig, und man merkt m.E. deutlich, dass er den späten Symphonien ein gutes Stück nähersteht als der von 48.


Zitat

Ungeachtet des mitreißenden Anfangs ist es ja, wie oben ausgeführt, ein durchaus kontrastreiches Werk und ruhige, auf die Streicher beschränkte Passagen lassen die Ausbrüche der Hörner umso deutlicher hervortreten. Die Stellen mit den Hörnern im langsamen Satz finde ich sehr berückend. Pinnock läßt im adagio sämliche Wiederholungen weg, andernfalls, bei ca. 13 min. wird der Satz ein wenig zur Geduldsprobe, gefällt mir aber immer noch gut.
(Ich habe die vergriffene unter Derek Solomons mit allen Wdh., ebenso vermutlich Hogwood)


Bei den Wiederholungen verhält sich Pinnock sehr pragmatisch, und das gefällt mir sehr gut! In den langsamen Sätzen lässt er z.B. die von Durchführung und Reprise stets weg, spielt sie aber in sonst extrem kurzen Finali wie in 35.


Zitat

Das Menuett halte ich ebenfalls für sehr stark, besonders auch wieder den Kontrast zum schroffen Trio, aber auch schon innerhalb des Menuetts.
Der rasante Schlußsatz erinnert mich ein wenig an den der "Haffner-Sinfonie". Für mich eine Sinfonie ohne "Durchhänger", bei der ich alle Sätze sehr schätze.


Ein gutes Stück leichter als z.B. der ebenfalls furiose Ausklang in 44 ist das Finale ja schon, kein wirkliches Gegengewicht zum Kopfsatz. Trotzdem finde ich, dass es eine der überzeugendsten Lösungen in den Sturm-und-Drang-Symphonien ist.


Gruß,
Frank.

Alfred_Schmidt

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  • »Alfred_Schmidt« ist männlich

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9

Freitag, 21. Februar 2014, 19:45

Der Beginn der Sinfonie Nr 48 "Maria Theresia" ist feierlich-höfisch und fröhlich zugleich, er soll der Legende nach die Kaiserin Maria Theresia in Esterhaza willkommen heissen, – und es fällt schwer sich der Wirkung dieses Satzes zu entziehen – aber will das schon ?
Es gibt hier verschiedene Fassungen: Mit Hörnern – oder aber mit hinzugefügten Trompeten- gelegentlich auch mit die Wirkung noch verstärkenden Pauken…..

Welch ein Ohrwurmthema !!! Die Kaiserin wird 1773 vermutlich begeistert gewesen sein, da sie ja eine erklärte Liebhaberin von Haydns Opern gewesen ist. Die ältere Literatur bringt diese Geschichte immer wieder zur Sprache – bewiesen ist sie allerdings nicht, denn zu Haydns Lebzeiten hatte die Sinfonie keinen Titel. Zudem ist das Werk lediglich in Abschriften erhalten….

Der zweite Satz strahlt eine Lieblichkeit und Würde aus wie sie selbst bei Haydn nicht oft zu finden ist. Der ausgesprochen intime Charakter zwingt förmlich zu konzentriertem Hinhören.
In der Beschränkung zeigt sich der Meister.

Optimal kontrastierend nur der fröhliche 3 Satz (Menuett:Alegretto) , der im Charakter dem ersten nicht unähnlich ist – jedoch mehr volkstümlich als feierlich.

Fröhlich beschwingt auch der 4. Satz. Haydn hat das Tempo merklich angezogen , man könnt sagen er durcheilt den Satz. Dabei wirkt dennoch nichts überhetzt, die Balance und die Melodik bleiben nicht auf der Strecke….

Eine sehr wirkungsvolle, fröhliche und feierliche Sinfonie,
wohl würdig für eine Kaiserin Maria Theresia
auch wenn die Entstehungsgeschichte (in verschiedenen Varianten)
vielleicht auch nur eine hübsche Legende sein sollte….

Mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

Nachtrag und Ergänzung

Ich habe diesen Beitrag geschrieben - vorher die Sinfonie gehört und weitere Male, während ich an meinem Beitrag geschrieben habe. Es ist meine Angewohnheit, daß ich NACHDEM ich die wichtigsten Eindrücke gesammelt und niedergeschrieben habe, mich über die Einschätzung der Vorschreiber informiere. Hier und da - allerdings selten - bringe ich dann die eine oder andere Korrektur an.Heute habe ich dann festgestellt, dass ich zu dieser Sinfonie bereits einmal einen Beitrag verfasst habe. Also - alles heutige vergeblich geschrieben ? :( Im letzten Moment habe ich mich entschlossen BEIDE Beiträge stehen zu lassen - ich fand es interessant wie ich vor etwa 5 Jahren dieses Werk erlebt und beschrieben habe - und wie sich mein Eindruck geändert gaben mag. Zu meiner Überraschung musste ich feststellen, daß ich damals wie heute in groben Zügen den selben Eindruck hatte.....



Nun habe ich mir noch die Freude gemacht meine Aufnahme (Hyperion/Goodman/Hannover-Band) mit Klangschnippseln der Aufnahmen mit der Österreichisch-Ungarischen-Haydn- Philharmonie unter Adam Fischer zu machen. Es ist interessant wie manche Werke ihren Charakter durch verschiedene Interpretationen völlig ändern. So verfehlt zum Beispiel meiner Meinung nach Fischer die feierliche Stimmung des Kopfsatzes dadurch, daß er sein Orchester zu schnell und zu rhymisch spielen lässt, dem Satz fehlt die "Delikatesse" die bei Goodman so gut getroffen ist. Dennoch ist auch die Aufnahme unter Fischer ein Genuss.

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Joseph II.

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10

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 15:12

Einer Kaiserin würdig

Die 48ste ist wirklich ein prachtvolles Werk. Mir liegt gerade die vorzügliche Einspielung der Heidelberger Sinfoniker unter Thomas Fey vor (Aufnahme 2009):



Hier dauert das Werk geschlagene 32 Minuten (11:24 - 11:32 - 4:43 - 4:33). Gab es vor Nr. 48 überhaupt eine Symphonie solchen Ausmaßes?

Feys Intention, "'Papa Haydn' den Zopf abzuschneiden", wie es im Booklet heißt, geht auf, ohne dass die Aufnahme irgendwie aggressiv oder verhetzt daher käme. Eckhardt van den Hoogen spricht sich im Einführungstext ebenfalls für das Entstehungsjahr 1769 aus. Die Pauken und Trompeten wurden aber erst nachträglich eingefügt, vermutlich für die berühmte Aufführung in Anwesenheit von Kaiserin Maria Theresia am 1. September 1773. Ohne möchte ich sie nicht hören, besonders, wenn es so gekonnt umgesetzt ist wie hier.

Man kann es nur bedauern, dass Feys geplante Gesamtaufnahme wohl nicht mehr vollendet werden wird.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

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11

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 16:33

Nr.31 "Hornsignal" dauert auch ca. 32 min., wovon fast 11 auf einen langen Variationen-Finalsatz gehen.

kalli

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12

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 17:16

Hallo,

Dieser thread hat mal wieder dazugeführt in der Sammlung nachzusehen - ich hatte mal Dorati mit der 48 - aber den habe ich wohl verschenkt - soll ich mir Goodman oder Fey oder Brüggen besorgen ? Die Version mit den Pauken und Trompeten wäre wohl mein Geschmack....

LG

Kalli

Joseph II.

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13

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 18:36

Lieber Kalli,

ich denke, dass sich sowohl Fey als auch Goodman recht stark von Doráti abheben. Letzteres hatte ich zwar mal in der Sammlung, aber wenn überhaupt, vor vielen Jahren gehört. Die Pauken und Trompeten scheint Goodman ja im Falle von Nr. 48 durchaus zu berücksichtigen (wenn ich mich recht entsinne, lässt er die bei Wahlmöglichkeit teilweise auch weg). Wenn ich das richtig überblicke, verwendet Fey nur bei den Blechbläsern und Pauken Originalinstrumente, während Goodman komplett auf historisches Instrumentarium setzt. Es ist wohl letztlich auch eine Frage der persönlichen Präferenzen.

Hier kannst Du in beide Aufnahmen hineinhören:

»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

Agon

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14

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 18:54

Hör Dir einfach mal die Aufnahme mit Trevor Pinnock und The English Concert an, ich denke, die wird Dir sehr gefallen. Ich habe die Nr. 48, Maria Theresia, nie besser gehört als hier:



(Ich habe noch die Box der Erstausgabe)
Es gibt kein richtiges Leben im falschen. (Theodor W. Adorno)

kalli

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15

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 19:01

In aller Eile,

Freunde sind in Anmarsch......Fey und Brüggen habe ich bestellt.....

Danke

Kalli

Alfred_Schmidt

Administrator

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16

Mittwoch, 25. Oktober 2017, 22:37

Mir war heute gar nicht bewusst, daß ich mich schon so oft mit dieser Sinfonie auseinandergesetzt, Dennoch kann ich einiges dazu beisteuern. Wikipedie hat einen wirklichen Vorteil, der darin besteht, daß das gesammelte Wissen über ein Thema immer wieder aktualisiert wird (was ja bei uns in anderer Form auch geschieht) Es scheint also festzustehen, daß die Originalfassung der Sinfonie OHNE Pauken und Trompeten war. Diese Fassung ist nicht authentisch, erst in einigen zeitnahen Abschriften sind sie zu finden. Die Uraufführung 1773 anlässlich des Besuches der Kaiserin Maria Theresia auf Schloß Esterhazy 1773 geht - folgt man Wikipedia (Ich folge ihr nicht !!) auf ein unbestätigtes Gerücht zurück.
Na ja, Gerüchte sind ja meist unbestätigt, aber MEIST ist doch was Wahres dran. Der Titel "Maria Theresia" erstmals 1821 verwendet, spielt auf diesen Besuch an, und in den meisten Konzertführern wird die Aufführung zu diesem Zeitpunkt als Faktum bestätigt.
Ich finde, daß man hier wunderbar spekulieren und kombinieren kann: Haydn hat seit 1769 eine ungespielte Sinfonie in Reserve. Als die Kaiserein 4 Jahre später nach Esterhazy kommt, wird eine Komposition verlangt, die der Würde des Ereignisses angepasst ist. Er hat eine, die geeignet wäre. Mit Pauken und Trompeten wäre das alles viel feierlicher und zeremonieller. Und so kommt die Sinfonie zu dieser Aufwertung...(?)
Beim Vergleich meiner lediglich 2 vorhandenen Aufnahmen dieser Sinfonie (Roy Goodman vs. Russel Davies) kam ich zu dem Schluß, daß Russel Davies zu forsch spielt und dem Werk die feierliche majestätische Athmosphäre raubt. Ich hatte das Gefühl, er hetze durch die Partitur. Interessant dabei ist lediglich, daß das nicht stimmt, denn die Spielzeiten sind mit der Goodmann Einspielung nahezu identisch......

mfg aus Wien
Alfred

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