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Christian B.

Prägender Forenuser

  • »Christian B.« ist männlich

Beiträge: 626

Registrierungsdatum: 1. Juni 2006

121

Mittwoch, 15. November 2017, 08:00

...
Wenn man im 1. Satz der 6. den Gegensatz von Bewegung und Ruhe nicht herausarbeitet, wird die ganze Dramaturgie unkenntlich. Die Marschcharaktere bei Barbirolli entfesseln keine Bewegung, die wirklich "Kraft" hätte, sondern sie schreiten britisch vornehm dahin. ...

Schöne Grüße
Holger
Barbirolli ist zwar langsam, aber er lässt die Streicher mit großer Energie (vermutlich also mit größerem Bogendruck?) spielen - das ist geradezu brutal und gewiss alles andere als vornehm britisch. Dadurch entfesselt der Marsch zwar weniger Bewegung, aber das Schicksalhafte dieses Satzes ist nicht weniger stark, gerade die Langsamkeit in Kombination mit dieser sehr rauen Spielweise betont die Unausweichlichkeit des Motivs. Deswegen trifft er für mich die Idiomatik der Musik auf eine sehr spezielle Weise durchaus. Ein spannende Alternative! Ansonsten ziehe ich schnellere Einspielungen wie Jansons mit LSO vor, aber ein Solti beispielsweise, der ja sehr schnell ist, vermag trotz schnellem Tempo weniger Energie zu entfesseln als Barbirolli. Es ist eben nicht nur eine Frage des Tempos.

Die Konsequenzen in der Durchführung müsste ich mir noch einmal anhören. Was meinst du genau mit "exterritorialen Feld"? Wo kommt der Begriff her?

Viele Grüße
Christian

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 6 121

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

122

Mittwoch, 15. November 2017, 11:11

Barbirolli ist zwar langsam, aber er lässt die Streicher mit großer Energie (vermutlich also mit größerem Bogendruck?) spielen - das ist geradezu brutal und gewiss alles andere als vornehm britisch.
Mit einem hast Du Recht, lieber Christian. Das "Markige" trifft Barbirolli sehr gut - und das ist auch nicht vornehm. Aber trotzdem geht das an Mahlers Intentionen m. A. völlig vorbei. Ixion ist jemand, der zur Strafe von den Göttern auf ein brennendes, rollendes Rad gebunden wird. Entscheidend ist hier die Bewegung im Sinne von Ruhelosigkeit, die Tragödie eines Nicht-zur-Ruhe-kommen-könnens. Genau das sagt Mahlers Vortragsanweisung: "Heftig aber markig". Heftig meint natürlich: heftig bewegt. Und warum heißt es: "aber markig?" Das ist als Warnhinweis gemeint, dass die zu entfesselnde Bewegungsdynamik im Sinne eines nicht aufzuhaltenden, sich immer wieder selbst wie das Rad antreibenden Bewegungsflusses die rhythmische Festigkeit, die der Marsch nun mal hat, nicht wegspülen darf. (Wenn das "Heftig" nur auf die große Kraft und Energie hinweisen würde, hätte das "aber" keinen Sinn.) Bei Barbirolli besteht diese Gefahr einfach nicht, weil er den Marschcharakteren von vornherein die Heftigkeit der vorwärtstreibenden Bewegung einfach raubt. Der semantisch entscheidende Ausdruck von Ruhelosigkeit - er fehlt schlicht bei Barbirolli.
Dadurch entfesselt der Marsch zwar weniger Bewegung, aber das Schicksalhafte dieses Satzes ist nicht weniger stark, gerade die Langsamkeit in Kombination mit dieser sehr rauen Spielweise betont die Unausweichlichkeit des Motivs.
Genau da liegt für mich die Fehlinterpretation. Man kann nämlich glaube ich sehr gut zeigen, dass dieser erste Satz überhaupt nichts Schicksalhaftes hat und von der Konzeption der ganzen Symphonie her auch nicht haben kann. Mahlers Symphonien sind als "Finalsymphonien" konzipiert - erst im Finale meldet sich in der 6. das "Schicksal" und nicht schon im Kopfsatz. Das hat Mahler formal damit erreicht, indem er im Finale eine krebsgängige Umkehrung der Reihenfolge Hauptthema-Seitenthema vorgenommen hat. Dann werden die Reprisen des Hauptthemas nämlich erst zum Schicksalsereignis, indem die Wiederkehr der garstigen Marschcharaktere wie ein Damoklesschwert über allem schwebt. Dagegen endet das Allegro energico - das ist eine Parallele zur 1. Symphonie - mit einer Apotheose und einem Triumpf der positiven Kräfte - weil eben im Unterschied zur Schicksalhaftigkeit im Finale das "positive" Seitenthema im Kopfsatz jeweils das letzte Wort hat, über dem eben noch kein Damoklesschwert der schicksalhaften Wiederkehr der destruktiven Marschcharaktere schwebt. ;) :hello:

Schöne Grüße
Holger