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Bertarido

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31

Mittwoch, 19. Oktober 2016, 21:53

Ich kenne nicht viel von Hélène Grimaud, aber ganz hervorragend finde ich auf jeden Fall ihre Aufnahmen der Brahmsschen Klavierkonzerte gemeinsam mit Andris Nelsons:



Beim d-moll Konzert (eine Live-Aufnahme) wird sie vom Symphonieorchester des BR begleitet, beim B-Dur Konzert spielen die Wiener Philharmoniker (im Studio). Ich würde Grimaud hier in einer romantischen Brahms-Tradition verorten, was sich u.a. in den relativ langsamen Tempi zeigt, die ich bei Brahms auch als angemessen empfinde. Die Aufnahmen kommen fast an meine Lieblings-Einspielungen mit Gilels/Jochum und Zimerman/Bernstein heran und sind m.E. die besten Aufnahmen, die in den letzten Jahren erschienen sind. Das 1. Klavierkonzert hat Grimaud früher schon einmal mit Sanderling und der Staatskapelle Berlin eingespielt, die Aufnahme kenne ich allerdings nicht.

Dr. Holger Kaletha

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32

Donnerstag, 20. Oktober 2016, 19:50

Lieber Bertarido,

die Aufnahme der Brahms-Konzerte habe ich auch. Wirklich sehr schön - pianistisch kommt das natürlich nicht an das Niveau eines Gilels oder Krystian Zimerman heran. Aber das ist auch für mich kein Einwand! :hello:

Schöne Grüße
Holger

Dr. Holger Kaletha

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33

Donnerstag, 25. Oktober 2018, 07:33

Memory



Dass Helene Grimaud keine originelle Pianistenpersönlichkeit wäre, kann man ihr gewiss nicht nachsagen. Und ich finde die Idee eines "thematischen" Programms an sich auch sehr ansprechend. Dass sie eine denkende und nachdenkliche Musikerin ist, zeigt das Interview mit ihr als Klappentext. Sogar auf Heidegger kommt sie zu sprechen.

Ich finde allerdings, dass sie weit mehr aus diesem Thema hätte machen können. Das Programm ist so gewählt, dass es ausnahmslos "schöne Stücke" zum Träumen enthält, was dann eher an eine Pop-Albenidee erinnert. Und ich finde, dass sie mit ihrem Interpretationsansatz eigentlich hinter die thematische Idee, welche sie selber skizziert, dass Erinnerung etwas Verlorenes aufbewahrt, zurückfällt. Ihr Interpretationsstil ist der einer Sentimentalisierung mit Expressivo-Drückern auch bei Debussy und Satie. Genau damit verfehlt sie die Ambivalenz der Frühwerke von Debussy, dass nämlich beim frühen Debussy die romantische Sentimentalität zwar noch da ist, aber bereits in die Moderne transponiert wird, als ein Erinnerungsbild von Romantik, dass schon keine Romantik mehr ist: Es ist eben nur ein impressionistisches Bild von romantischer Sentimentalität, was Dedbussy malt, indem er Romantik zu einer bloßen Atmosphäre, einem Duft und Parfum macht, Distanz schafft zur sentimentalen Selbstliebe durch bildliche Objektivierung und Transformation zur Leichtigkeit des Seins einer Welt des Schauens und Anschauens. Da wirkt Helene Grimauds Expressivo einfach nur "triefend" romantisch und anachronistisch. Wenn man zudem bei Debussys Walzer Le plus que lent Alexis Weissenberg (RCA 1968) zum Vergleich heranzieht, dann muss man feststellen, dass zwar Weissenberg wie Grimaud auch wenig Rücksicht auf die Form einer Klavierminiatur nimmt: Das Fortissimo ist viel zu laut. Aber Weissenberg "analysiert" die Musik in einem aufregenden Sinne, wenn er zu Beginn das Zögern, die Verhaltenheit dieses Walzers herausarbeitet, eine Walzerseligkeit, die sich nicht traut, walzerselig zu sein. Das ist meisterhaft - und dagegen wirkt Helene Grimaud doch etwas pauschal - sentimental, und mehr nicht. Bei Chopin gelingt es ihrem sentimentalisierenden Ansatz nicht, die Dramaturgie eines Chopin-Nocturnes wirklich überzeugend darzustellen. Und leider hat man bei der Mazurka und dem Walzer Vladimir Horowitz und Arturo Benedetti Michelangeli zum Vergleich. Horowitz in Moskau spielt diese späte Chopin-Mazurka wirklich im Geiste der Erinnerung mit der Nostalgie eines Heimkehrers in seine alte Heimat Russland, mit dem nostalgischen Ton, der die Farbe und den Farbenreichtum wehmütiger, leise-distanzierter Zurückhaltung hat: Das Gewesene bleibt gewesen, es wird nicht mehr Gegenwart. Da ist Helene Grimauds Expressivo einfach zu vorlaut und viel zu gegenwärtig-direkt um eine Erinnerungs-Aura entwickeln zu können. Und ABM hat diesen Chopin-Walzer als den Reflex auf eine Agonie in Bregenz vorgetragen - was Joachim Kaiser erlebte und zu Recht als ein Mirakel empfand. Von solchen Dimensionen und Abgründen ist in Grimauds Vortrag einfach nichts zu spüren, muss man feststellen. Und die Neuromantik von Sivestrov finde ich musikalisch seicht. Leider beginnt sie ihr Programm mit einer solchen Silvestrov-Seichtigkeit, was dann auch die Linie des Albums aufzeigt: Neuromantik statt Erinnerung an Romantik aus dem Geist der Moderne heraus. Schade, aus dieser "philosophischen" Programmidee hätte sie weit mehr machen können.

Schöne Grüße
Holger