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Edwin Baumgartner

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31

Freitag, 15. Juni 2007, 19:02

Zitat

Original von Knusperhexe
Auch in der Architektur: Das 19. Jahrhundert ist nicht besonders gelitten bei den Kritikern. Pikanterweise ziehen es aber gerade viele moderne Architekten vor in historistisch, repräsentativen Stuckvillen zu residieren, als in modernen Glaspalästen, die zwar manchmal auch sehr beeindruckend sind, aber in der Masse doch ein wenig langweilig.


Findest Du wirklich?
Den Eindruck habe ich nicht. Das 19. Jahrhundert ist in der Musik geradezu eine Säule des Spielplans, ist aus der Literatur nicht wegzudenken (oder sprechen wir von passionierten "Jerry-Cotton-Lesern? - eher wohl nicht), und gerade die alten Villen genießen in Österreich besonders hohes Ansehen - und sind schier unbezahlbar.
Ich glaube, wenn man zum Schluß kommt, daß eine bestimmte Ästhetik nicht mehr in die heutige Zeit paßt, heißt das noch lange nicht, daß man die Ästhetik früherer Zeiten nicht (mehr) schätzt.

:hello:
...

Knusperhexe

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32

Freitag, 15. Juni 2007, 19:08

Ja, bei Euch - Mir ging das Herz auf als ich in Wien war. Hatte das Gefühl in Köln vor dem Krieg zu sein :D Die Ringstraße hatten wir Euch ja abgeschaut, der Stefferl steht fast da, wo unser Dom steht u.s.w. Aber in Deutschland sah man das Kaiserreich als Wegbereiter für den Nationalsozialismus und da hat man sich nach dem Krieg noch ganz massiv der Relikte dieser Zeit entledigt. Ich habe neben meinem holden Bühnenbilddiplom noch eines in Architektur. Puh, was wähernd meiner Studienzeit da gelästert wurde über Gründerzeit und Historismus. Hallali.
Regietheater? Nein, danke!

severina

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33

Freitag, 15. Juni 2007, 20:13

Zitat

Original von Knusperhexe
Ja, bei Euch - Mir ging das Herz auf als ich in Wien war. Hatte das Gefühl in Köln vor dem Krieg zu sein :D Die Ringstraße hatten wir Euch ja abgeschaut, der Stefferl steht fast da, wo unser Dom steht u.s.w. Aber in Deutschland sah man das Kaiserreich als Wegbereiter für den Nationalsozialismus und da hat man sich nach dem Krieg noch ganz massiv der Relikte dieser Zeit entledigt. Ich habe neben meinem holden Bühnenbilddiplom noch eines in Architektur. Puh, was wähernd meiner Studienzeit da gelästert wurde über Gründerzeit und Historismus. Hallali.

Hi Knuspi,
das wird bei uns nicht anders gewesen sein, und ehrlich gesagt, habe ich unserem erzkonservativen Kaiser Franz Joseph schon so manchen unfreundlichen Gedanken in die Kapuzinergruft nachgeschichkt, weil beim Architektenwettbewerb zur Ringstraße Otto Wagner & Co NICHT zum Zug kamen. (Der Kaiser wollte das "neumodische Zeugs" nicht, OW durfte ergo nur Stadtbahnstationen und Irrenanstalten bauen....) Vor einigen Jahren gab's eine Ausstellungen mit den Entwürfen von Wagner, Olbrich & Co zur Ringstraße, da hätte ich am liebsten geheult..... Wie du siehst, bin ich bekennender Jugendstilfan :] (Was nicht heißt, dass ich den Historismus ganz schrecklich finde, aber um die verpasste Chance eines Jugendstilboulevards trauere ich doch sehr ;( )
lg Sevi :hello:

Zwielicht

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34

Samstag, 16. Juni 2007, 13:10

Zitat

Original von Knusperhexe
Auch in der Architektur: Das 19. Jahrhundert ist nicht besonders gelitten bei den Kritikern.



Zitat

Original von Knusperhexe
Aber in Deutschland sah man das Kaiserreich als Wegbereiter für den Nationalsozialismus und da hat man sich nach dem Krieg noch ganz massiv der Relikte dieser Zeit entledigt. Ich habe neben meinem holden Bühnenbilddiplom noch eines in Architektur. Puh, was wähernd meiner Studienzeit da gelästert wurde über Gründerzeit und Historismus. Hallali.



So kann man das nicht stehenlassen. Unzweifelhaft hat in der Nachkriegsmoderne (und vorher) die radikale Ablehnung des "19. Jahrhunderts" (wobei man hier stark differenzieren müsste) existiert. Nun gibt es aber in der Kunstgeschichtsschreibung bereits seit mindestens drei Jahrzehnten eine seriöse Auseinandersetzung mit der "historistischen" Kunst und Architektur, die deren Qualitäten nicht verleugnet, ohne deshalb gleich in einen Verklärungstonfall abzugleiten. Das hängt natürlich auch mit der "Postmoderne" genannten ideengeschichtlichen Wende in der entsprechenden Zeit zusammen. An den Architekturfakultäten gibt es in der Tat noch mehr dogmatische Anhänger der Moderne. Aber ich kenne mehrere an Architekturfakultäten beschäftigte Architekturhistoriker, die dem "Historismus", der "Gründerzeit" etc. durchaus großes Interesse entgegenbringen.

Kleiner Tip am Rande: Nach wie vor darf man in Deutschland einigermaßen frei entscheiden, an welcher Universität man studieren möchte (natürlich nicht in allen Fächern). Man kann also zumindest vor dem Studium (bei einem möglichen Hochschulwechsel auch noch während des Studiums) gezielt eruieren, welcher Standort bzw. welche Dozenten möglicherweise den eigenen Interessen am nächsten kommen.

Viele Grüße

Bernd
Was heut gehet müde unter, hebt sich morgen neugeboren.

Knusperhexe

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35

Dienstag, 19. Juni 2007, 11:25

Zitat

Original von Zwielicht
Aber ich kenne mehrere an Architekturfakultäten beschäftigte Architekturhistoriker, die dem "Historismus", der "Gründerzeit" etc. durchaus großes Interesse entgegenbringen.


Hallo Zwielicht,

Interesse ja, aber Begeisterung oder gar offene Zustimmung, da ist mir kaum jemand bekannt. Bei den Kunstgeschichtlern, ok., da hat vor zehn Jahren ein Umdenken stattgefunden. Aber ansonsten wird die Gründerzeit heute nach wie vor - leider - belächelt und als nicht eigenständig bewertet.

Zitat

Original von Zwielicht
Kleiner Tip am Rande: Nach wie vor darf man in Deutschland einigermaßen frei entscheiden, an welcher Universität man studieren möchte (natürlich nicht in allen Fächern). Man kann also zumindest vor dem Studium (bei einem möglichen Hochschulwechsel auch noch während des Studiums) gezielt eruieren, welcher Standort bzw. welche Dozenten möglicherweise den eigenen Interessen am nächsten kommen.

Viele Grüße

Bernd


Ich finde es für Studienanfänger schwierig, sich einen Überblick über Gesinnung der Profs ein Bild zu verschaffen. Und wie gesagt, zu meiner Studienzeit rümpften die Dozenten beim Stichwort "Historismus" die Nase. Wir hatten einen Lehrbeauftragten, der sich damit brüstete, nach dem Krieg sein Büro im alten Kölner Zoo-Restaurant gehabt zu haben. Zitat: "Ein gräßliches, wilhelminisches Stuckgeschwür, das irgendwie den Krieg überlebt hatte. Na, das haben wir aber bald platt gemacht!" Jetzt steht da ein ekliges 70er Jahre -Konstrukt. Unsere Einwände wurden als spießig abgetan. Und das war kein Einzelfall. Wäre schön, wenn sich da was an den Unis und Hochschulen geändert hätte, bezweifle es aber sehr.

LG,

Knuspi
Regietheater? Nein, danke!

Walter Krause

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36

Dienstag, 19. Juni 2007, 13:04

Liebe Knuspi,

Die Kunsthistoriker haben nicht erst vor zehn Jahren umgedacht. In Wien wurden schon in den fünfziger Jahren Dissertationen über historistische Themen geschrieben. Das große Umdenken in Deutschland setzte in den sechziger Jahren ein, als auch die Thyssen-Stiftung begann, einschlägige Forschungen zu fördern und entsprechende Tagungen zu sponsern (Ruhm und Dank dem damaligen Verantwortlichen Dr.Ernst Coenen!). Auch das von meiner verehrten Lehrerin Renate Wagner-Rieger begründete Forschungsunternehmen "Wiener Ringstraße" wurde 1968 ins Leben gerufen und von der Thysssen-Stiftung etliche Jahre unterstützt.
Das Problem des Historismus im deutschen Raum war natürlich, daß Hitler die Schöpfungen dieser Ära bewunderte und lobte. In England hatte man mit der viktorianischen Zeit nicht diese Probleme und scheute nicht die wissenschaftliche Beschäftigung damit. Wer wie Dein Lehrbeauftragter in primitiver Weise das 19.Jahrhundert pauschal verunglimpft, deklariert sich selbst als ....... ( :stumm: bitte nach Belieben ergänzen!). Denn inzwischen wird Historismus-Forschung längst auf breiter Front betrieben.

Was mir in Deutschland in den letzten Jahren aufgefallen ist, ist aber eine gewisse methodische Gleichgültigkeit und ein Rückfall in alte Einteilungen und Begriffsgewohnheiten, die einer objektiven Erkenntnis abträglich sein können.

LG

Waldi
Homo sum, ergo inscius.

Knusperhexe

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37

Dienstag, 19. Juni 2007, 13:14

Hallo Waldi,

stimmt, hast recht. bin in meiner Zeitrechnung etwas durcheinander gekommen. So um die 70er Jahre rum, hörte man in Deutschland auf die Stuckbauten zu verkacheln. Aber so richtig rehabiliteiert worden, ist der Stil meines Erachtens nie. Besagter Prof. war leider kein Einzelfall. Ich habe noch Schriften vom Wiederaufbau Kölns, da wird von "überflüssiger Architektur" gesprochen, dass es einen schaudert. Ich glaub' in Österreich war's nicht ganz so wild. Ich fühlte mich damals wie im Himmel, als ich euren Wiener Ring entlanggebummelt bin. Du musst Dir mal den Bildband "Die Kölner Ringstraße" anschauen. So schön, war Köln mal.

LG,

Knuspi
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Walter Krause

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38

Dienstag, 19. Juni 2007, 13:48

Liebe Knuspi,

Bös war's schon auch bei uns. Das Problem dieser Architektur ist nicht zuletzt die Tatsache, daß sie genau auf jenen Standorten gebaut wurde, auf die die Bauspekulation ganz wild ist. Und oft sind die politischen Entscheidungsträger einfach nicht geschmacksqualifiziert, sondern Exempel für Ahnungslosigkeit und Schlimmeres.
Aber darüber könnte man Bände schreiben,

LG

Waldi
Homo sum, ergo inscius.

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39

Dienstag, 19. Juni 2007, 14:09

Zitat

Original von Knusperhexe
Na, das haben wir aber bald platt gemacht!" Jetzt steht da ein ekliges 70er Jahre -Konstrukt.

In Köln habe ich eher das Entsetzen bekommen, als architektonisch interessante Bauten der 60er oder 70er Jahre "umgestaltet" wurden: Das Vierscheibenhaus - oder wie das heißt - des WDR von Hentrich ist wohl mindestens so schützenswert wie manches historistische Zinshaus. In Wien entsetzt mich am meisten das Demolieren von Biedermeierhäusern.

Wie ist das eigentlich beim Abgeordnetenhochhaus in Bonn, immerhin einem Hauptwerk Egon Eiermanns - wie hat das die Restaurierung überlebt?

Ich fürchte jedenfalls um die geächtete Nachkriegszeit - Bauhausbauten sind zum Glück heute hochgeschätzt, da wird nicht mehr so viel passieren und die historistischen Schlachtrösser bleiben ohnehin erhalten, die stehen ja in jedem Reiseführer.
:hello:

Thomas Pape

Moderator

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40

Dienstag, 19. Juni 2007, 14:17

Lieber Knuspi, Deine Vorliebe in allen Ehren aber: Köln war nun mal nach dem Krieg zerstört. Und 1950 baut man nicht mehr wie zur Wilhelminischen Zeit. Vor allem reden wir da auch über Kosten. Die denkmalgerechte Sanierung einzelner Fassaden in der Kölner Bismarck-Str z.B vor 10 Jahren hat Kosten verursacht, für die Du Dir in Zündorf drei Einfamilienhäuser hättest kaufen können.

Zurück ins Jahr 1945: angesichts einer zerstörten Stadt mit tausenden Menschen ohne Obdach wird man wohl kaum an schöne Stuckschleifchen denken. Hast Du mal Photos des kriegszerstörten Köln gesehen? Andernorts haben mehr Altbauten überdauert. Sie wurden vemietet, versinterten mit der Zeit und wurden dann irgendwann Ende der 70er restauriert.

Vergessen wir auch nicht die Verdienste der Hausbesetzer -jawoll, genau derer!!!- die sich gegen das Kaputtbesitzen gewehrt haben und so auch manch schönen Altbau bewahrt haben.

Und dann die DDR: Plattenbauten entstanden innerstädtisch nur in kriegsbedingten Baulücken, ansonsten außerhalb der Städte als im Grunde tadellos durchorganisierte Trabntenstädte. Auch dort blieb die erhaltene Substanz stehen. Schau' Dich gerne um in Jena, Weimar, Leipzig, in Bonn oder im Dortmunder Kreuzviertel (womit die Gefilde genannt sind, in denen ich mich herumzutreiben pflege, es gibt davon durchaus noch mehr).

Um es auf den Punkt zu bringen: Grundsätzlich ist für mich jeder Erhalt von Bausubstanz erstrebenswert. Aber, bittebittebitte: nicht 2007 so bauen wie 1907 (stilistisch meine ich, die Qualität damaliger Gebäude wäre schon wünschenswert!).

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

Knusperhexe

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41

Dienstag, 19. Juni 2007, 14:30

Hallo Thomas,

was bist Du denn so aggressiv?

Ich gehe bis auf zwei Punkte völlig mit Dir konform, sowohl was die Hausbesetzer als auch, was die Kosten betrifft. Allerdings, die Kölner Ringe und die Neustadt, da muss ich Dich korrigieren, waren im Gegensatz zur Altstadt (Gebiet vom Rhein bis zum Ring) kaum getroffen. Da wurde erst nach dem Krieg die Abrissbirne geschwungen bzw. schon vor dem Krieg ideologisch dran herumgemäkelt. 50% der Neustadt sind erst in den 50er Jahren ausradiert worden, fielen neuer Verkehrsplanung zum Opfer, so z.B. alle Villen am Sachsenring, die den Krieg überlebt hatten, das Hohenstauffenbad, die Oper, die Museen, ganze Wohnviertel. Wie Du siehst, bin ich nicht unbeleckt, was die Stadtgeschichte angeht. Und alte Fotos nenne ich zuhauf mein eigen und gehe in sämtlichen Archiven ein und aus. Hmpf!

Heute so bauen wie Anno dazumal? Warum nicht? Viele Menschen wünschen sich die Belle Epoque zurück. Allerdings mag ich auch nicht den Schnickschnack, der z.B. in der Siedlung "Egelspfad" entstanden ist. Nix halbes und nichts ganzes. Wenn schon, dann richtig. Hätte ich Geld, dann würde ich mir eine schöne Stuckvilla bauen.

LG,

Knuspi
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Thomas Pape

Moderator

  • »Thomas Pape« ist männlich

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42

Dienstag, 19. Juni 2007, 15:09

Hallo Knuspi,

agressiv wollte ich nicht rüberkommen. Daß ich selber eine Schwäche für den Baustil um 1900 habe, will ich auch nicht verhehlen. Ebenfalls recht hast Du in folgendem: In der BRD ist nach 1945 teilweise ideologisch motiviert die Abrißbirne geschwungen worden. In Köln z.B. fuchsen mich fürchterlich Severinsbrücke (auch wenn die als Bauwerk nützlich und als Brücke schön ist)und Nord-Süd-Fahrt. Das hat mit Stadtplanung nichts mehr zu tun.

Freilich, was die Wohnhäuser betrifft: bis 1924 wurde Fachwerk gebaut, das Gefache gemauert, bei einem massiven Sockelgeschoß. Wenn so etwas nur teilzerstört ist, ist die Wiederherstellung ausgesprochen aufwendig. Auch und besonders in statischer Hinsicht. Aber Du hast recht: Vieles ist auch ohne Not und Gebot zerstört worden...

Ich will die Gründe dafür nun nicht soziologisch interpretieren wollen, aber man muß mal einen Blick auf die gesellschaftliche Herkunft von so manchem Nachkriegs-Nabob oder auch Kommunlaverantvortlichen werfen... Aus einem Esel wird halt kein Rennpferd, bei allem Respekt vor den wirtschaftlichen Leistungen.

Sei's drum, das ändern wir nun nicht, und genau das meinte ich mit meiner Schlußbemerkung.

Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
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Alfred_Schmidt

Administrator

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43

Dienstag, 27. Dezember 2011, 11:08

Sieben Jahre ist dieser Thread nun alt - Vier Jahre ruht er bereits in Frieden - und dazwischen gab es eine Themenabweichung, welch den halben Thread beansprucht - und ihn schliesslich lahmgelegt hat.

Wenn ich wieder zum Titel zurückkehre, dann möchte ich hier aufzählen, was denn alles verschüttet worden ist, was im 19. Jahrhundert geschaffen worden ist. Überlebt haben nur einige wenige und einige weitere mit ganz wenigen Werken.

Aber wo sind sie die großen Virtuosenkonzerte für Klavier von Dreyschock, Hiller, Kullak, Brüll, Litolff, Scharwenka, Sauer und all den anderen ?
Wo sind die Sinfonien von Raff, von Rubinstein, von Max Bruch, Friedrich Gernsheim und einigen anderen - wobei ich nur die berühmteren genannt habe, welche im 19. Jahrhundert für volle Konzertsäle sorgten. Ja nicht mal die Sinfonien Tschaikowskys werden im Forum oft erwähnt - man vergleiche hier mit Gustav Mahler, der bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Im ersten Anlauf hat dieser Thread das Thema nicht aufarbeiten können - nun ist die Belegschaft doch sehr verändert - vielleicht klappts ja diesmal ?

mit freundlichen Grüßen aus Wien

Alfred

MIT ARBEIT VERSAUT MAN SICH DIE GANZE FREIZEIT

  • »kurzstueckmeister« ist männlich

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44

Donnerstag, 29. Dezember 2011, 11:35

na, ich weiß nicht, sieht es denn im 18. jahrhundert deiner ansicht nach "besser" aus?
ich habe immer noch den eindruck, dass auf tonträger nie so viel an "nischenrepertoire" aufzutreiben war wie jetzt (und vor allem so billig!)
die hunderten ungehörten cds empfinde ich aber nicht als perfekte lösung meines bildungshungers.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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Registrierungsdatum: 12. August 2005

45

Donnerstag, 29. Dezember 2011, 14:38

Zitat von »Alfred Schmidt«

Wenn ich wieder zum Titel zurückkehre, dann möchte ich hier aufzählen, was denn alles verschüttet worden ist, was im 19. Jahrhundert geschaffen worden ist. Überlebt haben nur einige wenige und einige weitere mit ganz wenigen Werken.

Aber wo sind sie die großen Virtuosenkonzerte für Klavier von Dreyschock, Hiller, Kullak, Brüll, Litolff, Scharwenka, Sauer und all den anderen ?
Wo sind die Sinfonien von Raff, von Rubinstein, von Max Bruch, Friedrich Gernsheim und einigen anderen - wobei ich nur die berühmteren genannt habe, welche im 19. Jahrhundert für volle Konzertsäle sorgten. Ja nicht mal die Sinfonien Tschaikowskys werden im Forum oft erwähnt - man vergleiche hier mit Gustav Mahler, der bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts nur eine untergeordnete Rolle spielte.

Aber was von Raff, Rubinstein usw. wurde denn zwischen 1900 und 1950 häufiger gespielt und ist dann verschüttet gegangen?
Wie KSM und andere habe ich eher den Eindruck, dass mindestens auf Tonträger ein so breites Repertoire (ganz gleich aus welchem Jahrhundert) zur Verfügung steht wie nie zuvor.

Im Musiktheater und im "Bonbonrepertoire"/Zugaben mag es einige Stücke geben, die heute weit weniger präsent sind als vor 50 oder 80 Jahren (wie Opern von Auber, Lortzing, Flotow, viele Operetten oder auch Suppé-Ouverturen u.a.)
Aber bei Bruch dominierte anscheinend schon zu seinen Lebzeiten das berühmtere Violinkonzert dessen restliches Oeuvre. Heifetz hat dessen "Schottische Fantasie", sowie ein Konzert Spohrs eingespielt, aber ich habe nicht den Eindruck, dass diese Stück in den 1950ern wesentlich beliebter gewesen seien als heute oder die nach wie vor dominierenden Konzerte von Beethoven, Brahms, Bruch, Mendelssohn, Tschaikowsky ausgestochen hätten.

Die Vox-Aufnahmen, die unlängst in einer billigen Brilliant-Box wiederaufgelegt wurden und in anderen threads diskutiert worden sind, sind inzwischen +- 40 Jahre alt. Seit etwa 20 Jahren dürfte die entsprechende Hyperion-Reihe laufen. Ich habe nicht den Eindruck, dass diese Bemühungen merklichen Einfluss auf das Repertoire der bekannteren Geiger, der größeren Labels oder der live-Konzerte haben. Wobei ich das alles auch nicht intensiv verfolge. Hilary Hahn hat wohl ein Spohr- und ein Paganini-Konzert eingespielt, aber als "Debut" ist neben den Standardwerken inzwischen eher das Sibelius, sowie die Prokofieff- und Schostakowitsch verbreitet. Bei Pianisten hat sich noch weniger geändert, höchstens, dass man sich als "Intellektueller" präsentiert und mit Bach-Konzerten statt mit Grieg, Schumann, Tschaikowsky, Beethoven oder Chopin herauskommt.

âme

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46

Donnerstag, 29. Dezember 2011, 18:04

In Relation zu anderen Epochen halte ich das 19.Jhdt. innerhalb von Klassikkreisen sogar als das meist geschätzte. (das würde auch sicher jede Umfrage und Statistik von Konzertaufführungen bestätigen) Das nur gewisse Komponisten heute regelmässig auf Spielplänen vorzufinden sind betrifft jede Epoche, das 17. und 18. Jhdt. sogar noch mehr. Namen wie Pleyel, Dittersdorf, Kozeluch, Salieri, Bach-Söhne, Clementi, J.M.Haydn, ... um nur paar zu nennen ... waren damals auch bekannte Größen die zwar auf Tonträgern wiederentdeckt aber auf Spielplänen trotzdem kaum vorzufinden sind.
Es ist viel eher die generelle Frage der die Klassik im Allgemeinen betrifft, warum gewisse Komponisten nicht öfter gespielt werden. Meiner Meinung nach hat das verschiedene Gründe, generell auch das sich mit etablierten Namen besser Konzertsäle füllen lassen und es erstmal von zum. einem Star -dirigenten, -interpreten eine Initialzündung und "Fürsprache" braucht um einen Komponisten oder gewisse Werke (sofern Potential vorhanden) aufleben zu lassen und dann evtl. damit einen Dominoeffekt innerhalb der Klassikszene auszulösen. Dazu muss aber dann auch die Bereitschaft und Nachfrage des Publikums vorhanden sein, denn wenn die Meisten sich lieber zum tausendsten Male zB die Heroica von Beethoven anhören als sich auf Neues (und damit ein gewisses Risiko eines Gefallens/Nichtgefallens) einzulassen, wird das auch nicht funktionieren. Aber im Falle zB Mahlers dürfte eine gewisse Lobby doch so einiges bewirken, insofern könnte man auch davon ausgehen das Werke die Qualität besitzen früher oder später sowieso ihren Durchbruch finden werden? Denn ehrlich gesagt kann ich es schon auch des öfteren nachempfinden warum gewisse Werke und Komponisten vielleicht den damaligen Zeitgeschmack getroffen aber heute als eher belanglos, zum. nicht als "genial" empfunden werden.

lg
Thomas
„Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

âme

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47

Freitag, 30. Dezember 2011, 00:26

Heroica von Beethoven

Zum Glück liest ja wahrscheinlich kaum einer meine Beiträge zu Ende sonst wäre dieser flüchtige Lapsus sicher schon jemandem aufgefallen ;) In Wahrheit wollte ich nur testen ob meinen Beitrag überhaupt jemand liest :D

lg
Thomas
„Eine Erkenntnis von heute kann die Tochter eines Irrtums von gestern sein.” (Marie von Ebner-Eschenbach)

Alfred_Schmidt

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48

Freitag, 30. Dezember 2011, 02:26

Der Lapsus ist mir aufgefallen - aber ich habe ihn für ein Wortspiel gehalten, einen Tippfehler, eine freudsche Fehlleistung oder die Parodie einer Quizfrage, wo dann der Kanditat das Saalpublikum zu Rate ziehen musste, weil er nicht wusste ob Beethovens 3.
Eroica
Exotica
Erotica

heißt. Das Saalpublikum durfte mittels Knopfdruck (multiple Choice) abstimmen, und erfreulicherweise bekam die richtige Lösung die meisten Stimmen: ca 44 Prozent - wenn ich mich richtig erinnere :hahahaha:

mfg aus Wien
Alfred

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Alfred_Schmidt

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49

Samstag, 6. Februar 2016, 20:55

Dieser Thread fand 2011 ein jähes Ende durch themenfremde Sticheleien. Da ich das Thema indes als immer noch aktuell betrachte, habe ich hier einiges bereinigt und setzte nach über 4 Jahren Pause an dieser Stelle fort.
Wenn ich behaupte, das 19. Jahrhundert sei "geächtet" dann beziehe ich mich natürlich vorzugsweise auf Musik (aber auch Architektur - und meinetwegen Literatur kann hier erörtert werden) und - das geht aus dem Threadtitel durch ein Versäumnis meinerseits leider nicht hervor - vorzugsweise auf die zweiter Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ich beziehe mich hier auf die zahlreichen musikaliuschen Größen, die zu Lebzeiten mit Ruhm geradezu überhäuft wurden und auch auf die zahlreichen komponierenden Klaviervirtuosen, die eigentlich lediglich der ausgezeichneten Hyperion- Serie "The Romantic Piano Concerto" so etwas wie "Nachruhm" geniessen. Ich werde in diesem Thread - so er auf Interesse stösst und weiterläuft -zahreiche Beispiele für ungeliebte Werke - und Werkgruppen - des 19. Jahrhunderts anführen, die eigentlich verdient hätten auf den Programmzetteln heutiger Konzerte aufzuscheinen.

mfg aus Wien
Alfred

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50

Montag, 12. Juni 2017, 23:43

Interessant - nicht nur die Musik jener Zeit interessiert scheinbar nur wenige - diesem Thread geht es offenbar ebenso.
Ich frage mich oft wie gut sich die Serie "Das romantische Klavierkonzert" von Hyperion verkauft, denn die Komponisten dort sind weitgehend unbekannt, und wenn man sie namentlich kennt, dann mu0ß man zugeben, daß ihre Werke in unseren Tagen nicht fast nicht auf den Spielplänen stehen, Auch mit der diskographischen Präsenz sieht es eher bescheiden aus, Hyperion, Naxos und cpo sind hier mehr oder weniger die einzigen, die dieses Feld beackern.

Man kann also sagen ; Das tyoische Virtuosenkonzert des 19. Jahrhunderts ist derzeit weder verbreitet noch gefragt. Es gibt aber weitere Segmente in der "klassischen Musik des 19, Jahrhunderts, die heutzutage ebenfallss ein Nischendasein fristen.

mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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51

Freitag, 12. Oktober 2018, 22:09

Dieser Thread ist einerseits nicht mzubringen, andrerseits nicht am Leben zu halten.
Einerseits interessiert sich kaum jemand für ihn, andrerseits ist er stets aktuell.
Wir leben derzeit in einer (nach amerikanischen Vorbild (?) orientierten „Highlight-Gesellschaft, die nur ganz bestimmte Parameter gelten lässt und eine geradezu beängstigende Zuwendung zur Hässlichkeit entwickelt hat. Das gilt für Regietheater, Bekleidung (sie wird teilweise schon mit Löchern und zerrissen geliefert) Architektur (die vielen schiefen assymmetrischen Türme) sowie Speisen (sinnigerweise ist hier im Englischen das Wort „Food“ universell – und wer die englische Küche kennt, der weiß warum – „Fast food ist hier die Spitze vom Eisberg)
Hatte ich eigentlich die Musik in meiner Aufzählung vergessen ?
Durch die aufstrebende Arbeiterklasse hat sich die Gesellschaft so weit „proletarisiert“, dass das nicht mal mehr registriert wird.
Die Musik des ausgehenden 19. Jahrhunderts indes repräsentierte das behagliche Bürgertum und dessen „heile Welt“, ebenso wie die Architektur (Historismus) und die Malerei (Makart)

Die Avantgardisten taten alles um diese Musik der Vergessenheit preiszugeben,. Das ist ihnen zwar geglückt, aber auch deren Musik stieß auf wenig Gegenliebe….

Der Anlass für den diesmaligen „Wiederbelebungsversuch“ ist die Tatsache, dass ich in den letzten Jahren zahlreiche „Vergessene Sinfonien“ gehortet habe, mit dem Vorsatz, sie erst dann vorzustellen, bis Tamino ausreichend Mitglieder besitzt, die über solche Sinfonien diskutieren können und wollen.

Heute weiß ich, dass dieser Zeitpunkt nie erreicht werden wird.
Klassikfreunde brauchen (von Ausnahmefällen abgesehen) für die Entscheidunge eine Aufnahme zu kaufen oder nicht, meist länger als die CD am Markt ist. Noch ärger ist es bei der Entscheidung ob man bei Tamino nur mitlesen oder aktiv mitmachen soll, da reicht oft die Lebenszeit nicht aus……..

Daher werde ich – langsamer und weniger euphorisch als geplant . ab jetzt ein wenig über „fast unbekannte“ Sinfonien hier schreiben – mein Archiv ist übervoll.

Mit freundlichen Grüßen aus Wien
Alfred

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