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Damiro

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1

Montag, 3. September 2018, 00:42

Miles Davis Quintet 1968 - davor und danach

1968 war für den 1926 geborenen Jazztrompeter aus East St. Louis am Mississippi sicher sehr turbulent. Wayne Shorter, Sopran- und Altsaxophon, war zum Quintet gestossen, zu Herbie Hancock, Klavier, Ron Carter Kontra- und E- Bass, und zu Tony Williams an den drums. Im Laufe des Jahres kamen Chick Corea für H. Hancock, Dave Holland für R. Carter und Jack DeJohnette ersetzte T. Williams. Aussermusikalisch hatte Miles erhebliche Ehe- und Gesundheitsprobleme.

Details liest man hier nach:

https://www.google.com/search?q=Miles+Da…lient=firefox-b

Miles hatte zuvor schon viele LPs und auch Radiotakes aufgenommen, bereits seit den 1955er Jahren. Mit dem seit 1964 bestehenden Quintet hatte sich die Vielseitigkeit der Formation enorm gesteigert. Alle Musiker hatten Musikstudium, stammten teils aus der schwarzen Mittelschicht und hatten viel musikalische Erfahrung bereits gesammelt. Miles besass, wie es sich herausstellte, neben Führungseigenschaften ein Händchen für das Auffinden begabter Nachwuchsmusiker und war experimentierfreudig, was seine Stücke und Besetzungen anging. Die Plattenfirmen, Konzertveranstalter, Radioleute und Jazzclubbesitzer gewährten ihm viele Freiheiten.Aus der Vielzahl des musikalischen Materials ragen einige Stücke bzw. Alben heraus, von denen in diesem Thread die Rede sein soll. Ich will mal damit anfangen, einige zu nennen und darüber zu berichten. Das soll in loser Folge ohne grosses begriffliches, d.h. theoretisches Beiwerk und ohne Anspruch auf Vollständigkeit geschehen. Ich rechne damit und begrüsse es, wenn andere geneigte Foristen ihre Lieblings- LPs oder -CDs hier einbringen.

Heute geht es los mit der (titelmässig gg. dem Original von 1969 veränderten) CD

*** Filles de Kilimanjaro *** (rec. 1968 :P )



Achtung: dieser Titel ist neben dem Vinyl in diversen CD- Ausführungen am Markt; wieso habe ich nicht erforscht, kann ich mir aber denken.

Das zentrale Stück hieraus ist Miss Mabry (Mademoiselle Mabry), eine real existierende junge Frau, mit der Miles sogar mehr als ein Jahr verheiratet war.

Ich habe es (die anderen Stücke sind aber auch toll !) als Beispielstück ausgesucht, um einiges zu demonstrieren:- das musikalische Geschehen, insbesondere das Thema, ist sehr übersichtlich und nachvollziehbar, trotz zeitweise ungerader Taktierung. ---> einfach hinhören, laufen lassen ohne mitzuzählen.
- die beiden Bläser spielen das Thema parallel, aber eben jazzmässig und nicht im Modus der klassischen Musik von Jahrhunderten (genau eben nicht "präzise", nicht "sauber" !)
- Schlagzeug und Bass agieren mit hoher integrativer Kraft, d.h. funktional wie ein Instrument, wobei der Bass eben nicht nur als Begleiter agiert, sondern auch kontrapunktisch sich entwickeln darf/ soll. Man beachte Tony Williams` unendlich diffiziles und leises, nie aufdringliches Spiel.

Bei Mme. Mabry handelt es sich um den wahrscheinlich durch Mikrofon- verstärkten Flügel des Studios. Man benutzte allerdings damals auch Tonabnehmer wie sie bei den Elektrogitarren schon vorher im Gebrauch waren. Im Verlauf der Datei ist auch ein weiteres Piano zu hören. - das elektromechanische, tragbare RHODES- (oder Fender Rhodes Piano) von Herbie Hancock. Es klingt anfangs wie ein Computerspiel, entwickelt aber nach einiger Zeit einen klanglichen und rytmischen Reiz, den man richtig lieben kann und der durch Reduktion und Auswahl der gespielten Töne verstärkt wird - ist meine Behauptung !). Weit früher schon hat das Piano im Jazz schon kontrapunktisch agiert, besonders in seinen Soli, jedoch wurde es aber durchaus noch zu den Rytmusinstrumenten gerechnet. (Das gilt aber nicht für die Pianotrios, z.B. bei Oscar

Peterson, wo das Klavier alles unendlich dominiert).
Das thematische Material ist von grossem Reiz durch den Gegensatz zwischen kürzerer melodiöser Abfolge einerseits, und Einzel- oder kurzen Gruppentönen, die Ruf- oder Lautcharakter haben (nicht im Ggs. zu "leise" !) und als kurzes rhytmisches Ereignis "mitgeteilt" werden. Es ist nie liedhaft oder gar Ohrwurm- noch nicht mal fanfarenmässig. Mitsingen kann man gut, aber nur in kurzen Phrasen. Für heute war`s das. MlG
D. :pinch:

Damiro

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2

Montag, 3. September 2018, 01:35

Und hier noch zwei Dateien zum Sofort- Hören:

Und die ganze CD:

WoKa

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3

Montag, 3. September 2018, 19:59

Hallo!

Eine sehr schöne Idee. Kennengelernt habe ich seine Musik erstmals in der späten Elektrophase mit Bitches Brew und Agharta. Dann habe ich mich langsam zurück gearbeitet.

Einer der absoluten Klassiker, der auch Nicht - Kennern in dieser Version bekannt sein dürfte ist natürlich Sketches of Spain mit dem viertelstündigen Concerto de Aranjuez:



Und hier das Album:



Gruß
WK

PS: Ich habe eben nochmal Deine Überschrift gelesen - möchtest Du den Thread auf Quintett-Aufnahmen einschränken? Wenn ja, dann ist natürlich mein Beitrag hinfällig.
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo

Damiro

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4

Dienstag, 4. September 2018, 01:02

Gute Frage:

Nein, natürlich nicht nur auf M.D. Quintet begrenzt ! :D

Du hast intuitiv genau so angeknüpft, wie mir das vorschwebte, super ! Ausserdem war "Sketches..." die erste CD, die ich meiner Frau geschenkt hatte, nachdem ich sie kennengelernt hatte.


Apropos sketches:

1) die "Sketches..." jetzt zu bringen, ist thematisch von grossem Vorteil, da man sofort Gil Evans, den weissen Bandleader und Arrangeur mit in unsere Betrachtungen einbeziehen kann. Er hat massgeblich die Arrangements der Sketchesstücke gemacht, zumindest soweit sie die beteiligte Bigband betreffen.
2) Miles war ja auch ein erfolgreicher Maler und graphischer Künstler, nicht nur in schwarzen Akademikerkreisen.

Also, nur zu mit Bitches Brew und Nachfolgern ! Dann mach ich mal nach rückwärts....

MlG
D.


Jazzfreunde ! Hier einmalige Gelegenheit, ein für allemal zwischen Gil Evans und Bill Evans unterscheiden zu lernen.

Hier ist der Link: https://www.google.com/search?q=Gil+Evan…lient=firefox-b

WoKa

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5

Sonntag, 30. September 2018, 09:57

Hallo und guten Morgen aus Kroatien!

Zwei Bücher, die mir Miles Davis systematisch näher gebracht haben:





Weiter machen möchte ich mit einem Album, das leider wenig Beachtung im seinem Schaffen findet:



Das Cover finde ich schon genial (ich will nicht ausschließen, dass es mit Ursache meiner Aufmerksamkeit als Teenager war :P )

Das Album geht wahrscheinlich auch deshalb etwas unter, weil Miles Davis selbst sich abfällig geäußert hat, nachdem die Aufnahmen bei Veröffentlichung zum Teil bereits Jahre alt waren.

Meditative und orientatlische Einflüsse machen vor allem die Stücke "Great Expectations" und "Lonely Fire" sehr hörenswert. Besetzung bei Ersterem u.a. John McLaughlin, Herbie Hancock, Chick Corea, Ron Carter und Billy Cobham sowie Airto Moreira Persuccions. Daneben Khalil Balakrishna (Elektrische Sitar) und Bihari Sharma (Tamboura).

Im dritten Stück "Go ahead John" - gewidmet John McLaughlin der eine lange Soloeinlage hat - sind ständige elektronische Aussetzer zu hören. Wießmüller schreibt in der o. a. Werkschau, es handele sich um einen technischen Defekt. Im muss gestehen, für mich war es bisher immer bewusster Bestandteil des Stückes. am Schlagzeug kein geringerer als Jack DeJohnette.

Das vierte Stück ist "Ife" mit der herrlichen Bassklarinette von Bennie Mauphin. Zum Schlagzeuger Al Foster, der hier zum Einsatz kommt, schreibt Miles Davis:

"Schließlich ersetzte ich Jack DeJohnette am Schlagzeug durch Al Foster. er war mir im Cellar Club ... aufgefallen... Eines Abends hatte Howard eine Band mit dem Bassisten Earl Mays als Leader, der früher bei Dizzy gespielt hatte. Es war eine wahnsinnig gute, kleine Band und Al Foster saß am Schlagzeug. Er war umwerfend mit seinem Groove und seinen messerscharfen Einsätzen. Genau das suchte ich. ... Al Foster war bei den Aufnahmen zu Big Fun zum ersten Mal dabei. Er legte das Fundament, auf dem jeder aufbauen konnte und dann hielt er den Groove bis in alle Ewigkeit durch. "

Hier zum Schluss ein Link auf "Great Ecpectations":



Gruß und schönen Sonntag an alle Jazzfreunde

WoKa
"Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber Schweigen unmöglich ist."

Victor Hugo