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Amfortas08

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31

Mittwoch, 11. Juli 2018, 09:52

Wenn der Wassermann in Rusalka als Kinderschänder dargestellt wird, entspricht diese Darstellung weder der Intention des Textes, noch dem Wollen des Komponisten. .Der Wassermann ist die Inkarnation einer gütigen Vaterfigur, der seine Nixen und vor allem Rusalka vor den Verführungen durch sündige Menschen bewahren wil. Das kommt in Dvoraks Musik und im Gesang des Wassermanns genial zum Ausdruck. Kann dieser weise Vater ein Kinderschänder sein?..
Um den Willen des Komponisten zu ermitteln bedarf es einer sehr langen Reise. :D

Und es wäre dabei nicht mal gewährleistet, ob dabei eine faktengerechte Info rüberkommt. Denn welche Komponist würde u.U. zugeben, dass in seinem Werk nicht alle seine Intentionen die passende Gestalt gefunden hätten. Abgesehen davon, ob dass was ein Komponist wollte, überhaupt sowas der Kern des Werkes bildet. Aber das ist ine andere Frage.

Was den Rusalka-"Mythos" betrifft, so entstand dieser aus einer höchst realen und depremierenden Basis, die vom Kinderschänder bzw. Inzest nicht allzu weit zu verorten ist. Rusalken galten in Osteuropa als Mädchen, die sich aus Verzweiflung umbrachten und im Tode keine Ruhe finden. Und das kommt wesentlich drastischer rüber, als 1ne Seele, die im Leben ihr heilig Recht nicht fand, ... auch drunten im Orkus nicht ruht. Denn diese Mädchen waren meist Schwangere (Verführungs-Vergewaltigungs- und Inzestopfer), die sich ertränkten. Insofern docken sich die Inszenierungen von Kusej und Hilsdorf (Hannover) am Werk und dem angeknüpften Zusammenhang an.

32

Mittwoch, 11. Juli 2018, 10:08

Was den Rusalka-"Mythos" betrifft, so entstand dieser aus einer höchst realen und depremierenden Basis, die vom Kinderschänder bzw. Inzest nicht allzu weit zu verorten ist. Rusalken galten in Osteuropa als Mädchen, die sich aus Verzweiflung umbrachten und im Tode keine Ruhe finden. Und das kommt wesentlich drastischer rüber, als 1ne Seele, die im Leben ihr heilig Recht nicht fand, ... auch drunten im Orkus nicht ruht. Denn diese Mädchen waren meist Schwangere (Verführungs-Vergewaltigungs- und Inzestopfer), die sich ertränkten. Insofern docken sich die Inszenierungen von Kusej und Hilsdorf (Hannover) am Werk und dem angeknüpften Zusammenhang an.


Sehr interessant! Danke!
..., eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar.
-- Aydan Özoğuz

Dr. Holger Kaletha

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33

Mittwoch, 11. Juli 2018, 10:30

Wenn der Wassermann in Rusalka als Kinderschänder dargestellt wird, entspricht diese Darstellung weder der Intention des Textes, noch dem Wollen des Komponisten. (...) Der Wassermann ist die Inkarnation einer gütigen Vaterfigur, der seine Nixen und vor allem Rusalka vor den Verführungen durch sündige Menschen bewahren wil. Das kommt in Dvoraks Musik und im Gesang des Wassermanns genial zum Ausdruck. Kann dieser weise Vater ein Kinderschänder sein?
Wie kommst Du denn, lieber Operus, an diese verharmlosende Interpretation dieses Märchens? Die böhmischen Märchen sind ziemlich grausig. Es gibt ja auch eine symphonische Dichtung gleichen Namens von Dvorak. Die ist der "Wassermann" eine wirklich garstige Figur, der ein Kind raubt und am Ende das von ihm getötete Kind brutal der verzweifelten Mutter vor die Füße schmeißt. Das ist sogar noch eine Steigerung von Kinderschändung - nämlich Kindsmord. Der Klappentext des tschechischen Labels Supraphon - die Tschechen werden ihre Märchen wohl gut kennen - beschreibt die böhmischen Märchen als ziemlich düster überhaupt und die Figur des Wassermanns als eine menschenfeindlich-brutale. Es wäre doch ziemlich merkwürdig, wenn Dvorak in seiner symphonischen Dichtung einen ganz anderen Wassermann beschreibt als in der Oper.

Schöne Grüße
Holger.

operus

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34

Mittwoch, 11. Juli 2018, 11:07

Lieber Holger,

höre die Musik. Vor allem auch die Klage des Wassermanns am Schluss. Dann hast Du die Antwort. Ich habe diese Inszenierung mit meiner Frau gesehen, wir waren entsetzt. Lese bitte die Kritiken und Kommentare zu dieser Inszenierung, sie entsprechen weitgehend meiner Meinung. Ausserdem habe ich zwei Beispiele gewählt, die meine auf Weikls Interview basierenden Hauptaussagen nur illustireren sollen.


Ach ich habe vergessen, dass wir ein kritisches Diskussionsforum sind. Es wird nicht versucht, den Kern meines Beitrags, dass Weikl in seinem Interview durchaus Lösungsansätze zur Versachlichung unserer Regietheaterdiskussion aufzeigt, zu kommentieren. Es wird mir signalisiert, dass ich Rusalka nicht verstanden habe und Dvoraks Musik falsch höre. Geschickte jedoch leicht durchschaubare Dialektik: Man nehme zwei Beispiele aus dem Gesamttext, versuche diese argumentativ abzuschießen, um dadurch die Aussage insgesamt als nicht zutreffend zu entlarven. Ausserdem ist der Diskussionspartner der Älteste im ganzen Forum, da kann es doch sein, dass dieser schon auf Grund seines Alters einer der ewig Gestrigen sein muss. HolgerDu kannst es doch weit besser! :hello: Herzlichst
Operus
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Dr. Holger Kaletha

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35

Mittwoch, 11. Juli 2018, 11:07

Dvorak Der Wassermann

Ein Mädchen wird beim Kleiderwaschen am See vom Wassermann entführt und muss mit ihm unter Wasser leben. Sie wird von ihm schwanger und bringt ein Kind zur Welt. Als sie ihre Mutter besuchen will, muss sie das Kind als Pfand beim Wassermann zurücklassen. Nach Ablauf der Frist ohne einer Rückkehr des Mädchens tötet der Wassermann aus Wut das Kind und wirft dessen Leiche vor die Haustür der Mutter.

Das aus einem rhythmischen Ostinato bestehende Motiv des als Rondo gestalteten Stückes stellt den Wassermann dar und bildet zugleich die Grundlage für alle in Der Wassermann enthaltenen Themen. Dies verdeutlicht, dass das Schicksal des Mädchens und seiner Mutter dem Handeln des Wassermanns ausgeliefert ist. Die durch ihn ausgeführte Tötung des Kindes ist mit entsprechenden musikalischen Mitteln dargestellt, wird aber von einem versöhnlichen Schluss ausgeglichen

(Quelle: Wikipedia)



Schöne Grüße
Holger

Caruso41

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36

Mittwoch, 11. Juli 2018, 11:08

Es lohnt ja manchmal auch, etwas über die Werke, die man gerne hört/sieht, zu lesen! Das regt oft zu vertieftem Verstehen an!

Wer sich mit Rusalka beschäftigt, hat eine Menge zu lesen! Allerdings gibt es wenig Erhellendes in deutscher Sprache. Das meiste zum Rusalka-Mythos/Märchen ist wohl auf russisch und tschechisch publiziert. Auch die englische Forschung ist sehr reichhaltig! (Amfortas hat uns ja schon Hinweise gegeben, welche Deutungsdimensionen die Forschungen erschließen.)

Es gibt aber auch einen kleinen Aufsatz, der leicht zu besorgen ist, in deutscher Sprache:

Jürgen Schläder: Märchenoper oder symbolistisches Musikdrama? Zum Interpretationsrahmen der Titelrolle in Dvořáks „Rusalka"
In: Die Musikforschung, 34. Jahrg., H. 1 (Januar–März 1981), pp. 25-39


Sehr anregend auch:

http://web.ff.cuni.cz/~gabrjaff/JG/Rusalka.pdf

Warum aber diese ganze Diskussion über die Deutungen verschiedener Opern (wie Salome, Eugen Onegin, Rusalka usw.) hier in Kapitel "DIE BERÜHMTE STIMME - SÄNGERPORTRAIT" läuft, erschließt sich mir nicht. Gewiss: Bernd Weikl war ein berühmter Sänger. Sein Interview aber hat mit Stimmen und Gesangskunst nach meiner Meinung aber eher nichts zu tun!

Carsuso41
;) - ;) - ;)

Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten!

Dr. Holger Kaletha

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37

Mittwoch, 11. Juli 2018, 11:17

Es wird mir signalisiert, dass ich Rusalka nicht verstanden habe und Dvoraks Musik falsch höre. Geschickte jedoch leicht durchschaubare Dialektik: Man nehme zwei Beispiele aus dem Gesamttext, versuche diese argumentativ abzuschießen, um dadurch die Aussage insgesamt als nicht zutreffend zu entlarven. Ausserdem ist der Diskussionspartner der Älteste im ganzen Forum, da kann es doch sein, dass dieser schon auf Grund seines Alters einer der ewig Gestrigen sein muss. Holger ich bekam schon bessere Kommentare von Dir?
Entschuldigung, aber jetzt sophistest Du! Ich bin ein großer Liebhaber von tschechischer Musik und insbesondere der Tschechischen Philharmonie. Deswegen kenne ich auch Dvoraks symphonische Dichtungen sehr gut. Es kann ja nun nicht einfach völlig irrelevant sein, dass derselbe Komponist in seiner symphonischen Dichtung einen ziemlich brutalen "Wassermann" schildert und in der Oper gar keine Spur davon vorhanden sein soll. Ich vermute mal, und damit liege ich wohl nicht falsch, dass der Regisseur genau diesen Bezug zu Dvoraks "Der Wassermann" als Grundlage für seine Interpretation der Opernfigur genommen hat. Wenn Du so etwas wissenschaftlich formuliert haben willst: Julia Kristeva sprach kritisch von "Intertextualität", die es zu berücksichtigen gelte - das war im Kontext des Strukturalismus, der eine sehr hermetisch-immanente Textinterpretation machte und immer nur den einen und nur diesen Text sehen wollte. Dvorak war doch nicht schizofren, dass er den Wassermann einmal als treuliebenden Vater darstellt und dann als Erpresser und Kindsmörder. Darüber darf man sich doch wohl Gedanken machen!

Schöne Grüße
Holger

operus

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38

Mittwoch, 11. Juli 2018, 11:28

Es wird mir signalisiert, dass ich Rusalka nicht verstanden habe und Dvoraks Musik falsch höre. Geschickte jedoch leicht durchschaubare Dialektik: Man nehme zwei Beispiele aus dem Gesamttext, versuche diese argumentativ abzuschießen, um dadurch die Aussage insgesamt als nicht zutreffend zu entlarven. Ausserdem ist der Diskussionspartner der Älteste im ganzen Forum, da kann es doch sein, dass dieser schon auf Grund seines Alters einer der ewig Gestrigen sein muss. Holger ich bekam schon bessere Kommentare von Dir?
Entschuldigung, aber jetzt sophistest Du! Ich bin ein großer Liebhaber von tschechischer Musik und insbesondere der Tschechischen Philharmonie. Deswegen kenne ich auch Dvoraks symphonische Dichtungen sehr gut. Es kann ja nun nicht einfach völlig irrelevant sein, dass derselbe Komponist in seiner symphonischen Dichtung einen ziemlich brutalen "Wassermann" schildert und in der Oper gar keine Spur davon vorhanden sein soll. Ich vermute mal, und damit liege ich wohl nicht falsch, dass der Regisseur genau diesen Bezug zu Dvoraks "Der Wassermann" als Grundlage für seine Interpretation der Opernfigur genommen hat. Wenn Du so etwas wissenschaftlich formuliert haben willst: Julia Kristeva sprach kritisch von "Intertextualität", die es zu berücksichtigen gelte - das war im Kontext des Strukturalismus, der eine sehr hermetisch-immanente Textinterpretation machte und immer nur den einen und nur diesen Text sehen wollte. Dvorak war doch nicht schizofren, dass er den Wassermann einmal als treuliebenden Vater darstellt und dann als Erpresser und Kindsmörder. Darüber darf man sich doch wohl Gedanken machen!

Schöne Grüße
Holger

Richtig , lieber Holger,



ich war jetzt hinterfotzig, wie die Bayern sich auszudrücken pflegen. Ich unterstellte Dir rabulistisch die Äusserung mit dem Alter, die Du in keiner Weise gemacht hast. Es hat mich nur gejuckt, einmal aufzuzeigen wie solche dialektischen Tricks wirken können. Trotz dieses Ausrutschers stehe ich zur Hauptaussage: Weikls Interview bietet Ansätze zu einer sachlicheren Diskussion über das heutige Regietheater.
Herzlichst
Operus

Lieber Caruso,
Umfassende Information - gebündelte Erfahrung - lebendige Diskussion- die ganze Welt der klassischen Musik - das ist Tamino!

Dr. Holger Kaletha

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39

Mittwoch, 11. Juli 2018, 11:38

Es hat mich nur gejuckt, einmal aufzuzeigen wie solche dialektischen Tricks wirken können.
Ich habe mich auf Weikl gar nicht bezogen, sondern auf die Interpretation von Dvoraks "Wassermann". Daran kann man - wenn man es grundsätzlicher betrachtet - sehen, dass es im Einzelfall gar nicht so einfach ist zu entscheiden, was "werkgerecht" ist und was nicht. Ein Werk steht immer im Kontext mit anderen Werken desselben Autors. Und das schafft Interpretationsspielräume. "Werkgerecht" muss nicht unbedingt "werkimmanent" heißen. Der Anspruch, man könne durch eine ausschließlich werkimmantente Analyse den Sinn des Werkes vollständig verstehen, ist durchaus fragwürdig.

Schöne Grüße
Holger

Bertarido

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40

Mittwoch, 11. Juli 2018, 13:58

Es lohnt ja manchmal auch, etwas über die Werke, die man gerne hört/sieht, zu lesen!

So ein Quatsch, es steht doch alles im Libretto! Wen interessiert schon so ein theoretisches Geschwafel? Am Ende kommt man da gar noch mit - hor­ri­bi­le dic­tu - Philosophie in Berührung! :D


Das regt oft zu vertieftem Verstehen an!

Was diejenigen, die die Intention des Textes und das Wollen des Komponisten bereits zweifelsfrei kennen, allerdings nicht nötig haben.

Amfortas08

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41

Mittwoch, 11. Juli 2018, 14:11

"Werkgerecht" muss nicht unbedingt "werkimmanent" heißen. Der Anspruch, man könne durch eine ausschließlich werkimmantente Analyse den Sinn des Werkes vollständig verstehen, ist durchaus fragwürdig.
Also zu mindestens kann Unbehagen, was manchmal bei nicht-werkimmanenter Analyse einen rüberkommt, ja doch nachvollzogen werden. Wenn jemand meint, Bruckners Sinfonien unbedingt quasi zum ästhetischen Gottesbeweis umzufunktionieren zu müssen. Sowas nervt. Weil dann platt was von außen rangetragen wird.

Kunstwerke tragen einerseits irgendwie den Anspruch möglichst bloß aus sich selbst - also rein immanent – verstanden zu werden, z.B. indem Beethovens 3. oder 5. Sinfonie einen schier befeuern, sich in motivisch, thematische Verästelungen zu verlieren und seinen Brägen darüber zu endlos zergrübeln (wobei sich da bereits die Frage einen aufdrängt, ob das überhaupt noch rein werkimmanent ist, weil solche Chose sich sowie aus bereits tradierten Material mästet).
Anderseits funzt eine rein werkimmanente Analyse ja nicht wirklich (ja eingeräumt !!), weil Beethoven Mucke, ihr subjektiver Elan, ihre Dynamik, nicht von der Zeit der Entstehung abzukoppeln ist.
Und ich vermute einfach, dass diese Diskrepanz bzw. Widerspruch sich gar nicht zusammenleimen lässt.
So ein Quatsch, es steht doch alles im Libretto! Wen interessiert schon so ein theoretisches Geschwafel?
Ganz genau. Davon sollte sich Weikl ab sofort eine ganz dicke Scheibe abschneiden bzw. dem Weikl sei das in sein Stammbuch reingehämmert ! :thumbsup:
Was diejenigen, die die Intention des Textes und das Wollen des Komponisten bereits zweifelsfrei kennen, allerdings nicht nötig haben.
Erneut sei in diesem Fall für eine Séance plädiert (geht etwa sowas auch virtuell ?), um völlig zweifelfsrei vom Wollen des Künstlers endgültige Gewissheit zu empfangen. :thumbup:

Melomane

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42

Mittwoch, 11. Juli 2018, 14:18

Weikl zeigt mit seinem lauten Nachdenken über eine Neuinszenierung von Eugen Onegin auch auf, wie extrem weit er Neuerungen fasst, wenn der die Beziehung von Onegin und Lenski als homophil sieht und auch so zeigen würde. Vereinfacht ausgedrückt: Neuerungen -auch weitgehende - sind erlaubt, wenn sie noch den Geist des Werkes atmen. Nicht mehr legitim wäre, wenn das Werk auf den Kopf gestellt, die Auslegung Text und Musik geradezu widersprechen würde.



Der Ausdruck "den Geist des Werkes atmen" ist ein sehr vager. Natürlich wissen wir heute, dass Tschaikowsky homosexuell war und es ist undenkbar, dass das bei der Komposition des "Eugen Onegin" keine Rolle gespielt hat. Dennoch bringt ein homosexueller Autor in seinen Bühnenwerken nicht ausschließlich homosexuelle Figuren hervor, so wie ein ein heterosexueller auch nicht nur heterosexuelle Figuren hervorbringt. Die Dramaturgie der Oper "Eugen Onegin" ist von Hause aus nicht darauf angelegt, die Titelfigur - und sei es nur verschlüsselt - als homosexuell zu zeigen. Zwei Argumente sprechen dagegen: Zum einen wären dann wohl die Szenen zwischen Onegin und Lenskij ausführlicher gestaltet und zum anderen würde die große Schlussszene doch einiges an Wirkung verlieren, wenn wir wüssten, dass Onegin eigentlich gar nichts von Tatjana will. Der Aufbau der Szene wäre dann relativ inkonsequent und mit wenig theatralem Verständnis geschehen, wir müssten Tschaikowsky also unterstellen, ein mäßig begabter Bühnenautor zu sein, woran ich nicht glaube, da andere Bühnenwerke wie "Mazeppa" oder "Pique Dame" ihn als einen Autor ausweisen, der szenische Logik punktgenau umsetzen kann.
Es kann gut sein, dass Bernd Weikl der Gedanke an einen homosexuellen Onegin bei seiner eigenen Interpretation der Rolle neue Facetten verliehen hat, die Figur als Regisseur in einer Inszenierung des Werkes konsequent so agieren zu lassen, wäre jedoch ein Eingriff in die Dramaturgie des Stückes, noch dazu einer, der große Auswirkungen auf das Tableau der Charaktere hätte. Dagegen ist aus meiner Sicht nichts zu sagen, wenn es auf der Bühne gut und überzeugend passiert: Ich habe einige "Onegin"-Inszenierungen gesehen, wo das versucht wurde, u.a. natürlich Warlikowski in München. In dieser Inszenierung hat mich das nicht besonders überzeugt, was nicht bedeutet, dass es ausgeschlossen ist, dass es einmal einem Regisseur so gelingt, dass es mich überzeugt. Aber auch für diesen Fall gilt: Es wäre ein Eingriff in die Dramaturgie des Stückes, mit anderen Worten etwas, das einige hier wortreich ablehnen. Darum erstaunt es auch mich etwas, dass solche Eingriffe gar nicht so konsequent abgelehnt werden, wenn sie von Bernd Weikl ins Gespräch gebracht werden.

Zitat von »operus«

Können wir dem Pfad folgen, den uns Bernd Weikl weist? Das hieße: Nicht mehr grundsätzlich kontovers über und gegen traditionelle oder moderne Inszenierung und die Verfasser dieser Beiträge zu diskutieren, sondern als Maßstab die schlichte Fragestellung nehmen. Entspricht diese Interpretation des Regisseurs dem Text, der Musik dem Geist des Werkes und ist sie eine gelungene Neudeutung im Rahmen dieser Forderungen?


Darauf kann man sich aus meiner Sicht leider nicht einigen, zum einen, da es dafür nötig wäre die Forderung Weikls nach einem zu befolgenden "Geist der Werke" anzuerkennen, also eine moralische Forderung zur Grundlage eines ästhetischen Prozesses (Erstellen einer Inszenierung) zu machen, was aus meiner Sicht völlig unzulässig ist. Zum anderen ist der Begriff "Geist des Werkes" - wie oben gezeigt - sehr vage, ja sehr subjektiv, das, was nach Weikls Auffassung zum Geist der Oper "Onegin" gehört, lehnen andere - mit ebenfalls guten Argumenten - ab. Über den Geist bzw. Interpretationsformen der Oper "Rusalka" wird gerade in diesem thread kontrovers diskutiert, was dem einen völlig abwegig scheint, gehört für den anderen mit dazu. Wir sollten meiner Meinung nach den Regisseuren zugestehen, dass Interpretation auch immer etwas subjektives ist, d.h. der "Geist des Werkes" ist für den Künstler Bernd Weikl ein anderer als für den Künstler Otto Schenk oder den Künstler Peter Konwitschny, was auch logisch ist, weil es unterschiedliche Menschen sind. Wenn wir uns darauf verständigen, dass das überzeugend ist, was zu guten theatralen Ergebnissen führt, würden wir aus meiner Sicht weiterkommen. Da die Ansichten, was gutes Theater ist, auseinander gehen, wird es zwar auch da genügend Kontroversen geben, aber man würde die Diskussion von dieser unseligen moralisch-ideologischen Last befreien.

La Roche

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43

Mittwoch, 11. Juli 2018, 15:51

Über den Geist bzw. Interpretationsformen der Oper "Rusalka" wird gerade in diesem thread kontrovers diskutiert,

Sicherlich kann man sachlich darüber diskutieren, wie "böse" der Wassermann ist und wie brutal man ihn auslegen kann. Aber ein Wassermann sollte er schon bleiben. Du hattest hier diese Abweichung vom Threadtitel angeführt, deshalb muß ich schon sagen,daß es sich mir nicht erschließen wird, warum ein totes Reh unbedingt auf die Bühne mußte (ich weiß, daß dieses durch eine Atrappe ersetzt wurde). Ich habe die Inszenierung nicht gesehen, aber diese Tatsache bedarf nicht einer persönlichen Begutachtung, um sie abzulehnen (das Reh!).

Ich glaube auch, daß eine Diskussion über Operninszenierungen doch dem Vorschlag von Operus folgen kann und eine Neudeutung durchaus nichts abstoßendes zu sein braucht, wenn Text, Inhalt und Musik nicht neu verfaßt werden. Und sollte Onegin als Homosexueller auf der Bühne dargestellt werden, dann paßt der Text und die Handlung an vielen Stellen nicht mehr. Wenn der Text im Original gesungen wird, werden nur die wenigsten verstehen, ob es Diskrepanzen gibt. Eingeblendete Übertitel brauchen nicht dem Original zu folgen. Ich bin immer dafür, beim Original zu bleiben. Neu deuten kann jeder selbst, eine nicht unmögliche Zeitverlegung kann auch sehr störend sein. Duelle sind heutzutage auch nicht mehr gefragt.
La Roche
Musik ist eine heilige Kunst - Hugo von Hofmannsthal. Aussage des Komponisten aus der Oper "Ariadne auf Naxos" mit der Musik von Richard Strauss.


Melomane

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44

Mittwoch, 11. Juli 2018, 16:10

Ich habe die Inszenierung nicht gesehen, aber diese Tatsache bedarf nicht einer persönlichen Begutachtung, um sie abzulehnen (das Reh!).


Meiner Ansicht nach bedarf es ausschließlich einer persönlichen Begutachtung oder anders gesagt Betrachtung, um tatsächlich beurteilen zu können, wie gelungen bzw. nicht gelungen ein theatrales Mittel ist, bzw. wie stimmig oder auch nicht stimmig es eingesetzt wurde und welche Wirkung es auf einen selbst als Zuschauer hat. Natürlich kann man sagen: "Ich will keine toten Tiere auf der Opernbühne sehen, da gehe ich nicht hin!" Oder ich kann sagen: "Bei dem Einsatz dieser theatralen Mittel (bzw. diesem Inszenierungsstil) ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es mir nicht gefällt, also bleibe ich lieber zu Hause." Wenn man dann zu Hause bleibt, kann man jedoch nicht beurteilen, ob der Theaterabend gelungen oder nicht gelungen war. Ich persönlich habe schon häufig die Erfahrung gemacht, dass ich eine Beschreibung einer Aufführung gelesen habe und dachte: "Mensch, das könnte ja interessant sein!" und dann hat es mir im Theater nicht gefallen. Umgekehrt habe ich es auch schon erlebt, dass ich über eine Inszenierung gelesen habe und dachte: "Ach, eigentlich sind das nicht die Theatermittel, die ich gerne mag." Dann war ich trotzdem drin und ich fand die Inszenierung hervorragend. Natürlich gab es auch schon Fälle, wo sich die Erwartungshaltung nach der Lektüre von Berichten mit dem Aufführungserlebnis deckte, aber 100%ige Sicherheit bekommt man nur, wenn man Theater sieht und nicht, wenn man darüber ausschließlich liest oder hört.

operus

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45

Mittwoch, 11. Juli 2018, 19:51

Da die Ansichten, was gutes Theater ist, auseinander gehen, wird es zwar auch da genügend Kontroversen geben, aber man würde die Diskussion von dieser unseligen moralisch-ideologischen Last befreien.

Lieber Melomane,


ein sehr diskussionswürdiger Beitrag, vor allem weil er sich als einer der wenigen substanziell und argumentativ mit Weikls Aussagen auseinandersetzt.


Herzlichst

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46

Mittwoch, 11. Juli 2018, 20:08

Es lohnt ja manchmal auch, etwas über die Werke, die man gerne hört/sieht, zu lesen! Das regt oft zu vertieftem Verstehen an!

Wer sich mit Rusalka beschäftigt, hat eine Menge zu lesen! Allerdings gibt es wenig Erhellendes in deutscher Sprache. Das meiste zum Rusalka-Mythos/Märchen ist wohl auf russisch und tschechisch publiziert. Auch die englische Forschung ist sehr reichhaltig! (Amfortas hat uns ja schon Hinweise gegeben, welche Deutungsdimensionen die Forschungen erschließen.)

Es gibt aber auch einen kleinen Aufsatz, der leicht zu besorgen ist, in deutscher Sprache:

Jürgen Schläder: Märchenoper oder symbolistisches Musikdrama? Zum Interpretationsrahmen der Titelrolle in Dvořáks „Rusalka"
In: Die Musikforschung, 34. Jahrg., H. 1 (Januar–März 1981), pp. 25-39


Sehr anregend auch:

http://web.ff.cuni.cz/~gabrjaff/JG/Rusalka.pdf

Warum aber diese ganze Diskussion über die Deutungen verschiedener Opern (wie Salome, Eugen Onegin, Rusalka usw.) hier in Kapitel "DIE BERÜHMTE STIMME - SÄNGERPORTRAIT" läuft, erschließt sich mir nicht. Gewiss: Bernd Weikl war ein berühmter Sänger. Sein Interview aber hat mit Stimmen und Gesangskunst nach meiner Meinung aber eher nichts zu tun!

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Lieber Caruso,


Der Thread mir wurde von mir bei "Die berühmte Stimme" eröffnet. Erstens weil Weikl zweifelsfrei eine berühmte Stimme ist. Zweitens weil ich nicht wußte wohin er sonst besser passen würde. Drittens spricht Weikl ja ausführlich über die Psysiologie des Singens und der Stimmentwicklung. Auf diese von ihm initiierte Studie mit Ergebnissen über die eine Dissertation geschrieben wurde, wird wenig eingegangen. Dabei sind dies genau die Grundlagen, das Du, Stimmenliebhaber und ich uns Jahrzehnte später über "Neue Stimmen entdecken" und deren Qualität dann diskutieren können. Was ich übrigens gerne tue. Als einer der als Kritiker allerings gewohnt ist, einen Gesamteindruck relativ rasch zu formulieren, bin ich Euch stimmlichen Analysten und Tiefbohrern gegenüber im Nachteil. Wenn ich jedoch wirklich an einer Stimme interessiert bin, dann höre ich trotz meiner Alterstschwerhörigkeit doch genau zu, manchmal sogar vergleichend. Wobei allerdings meine Sängerlieblinge meistens gewinnen: Um Dich herauszufordern: Corelli ist im italienischen Tenorfachhalt halt kaum zu übertreffen.

Herzlichst

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