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Damiro

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1 261

Samstag, 10. März 2018, 01:57

Danke Reinhard,

für die beiden Quellen, die du mir hergereicht hast und deine ausdruckstarken Worte.

Freundlichst
Damiro

Damiro

Fortgeschrittener

  • »Damiro« ist männlich

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1 262

Mittwoch, 9. Mai 2018, 15:40

JSB: Choralpartita BWV 768, A.Schönberg: Variationen über ein Rezitativ, op. 40, M. Reger: Intro., Variat. und Fuge über ein Originalthema op. 73

Die Organistin ist eine koreanische Meisterklassen- Studentin bei Prof. Dr. Ludger Lohmann hier an unserer berühmten Musikhochschule, nach koreanischen und deutschen Hochschulabschlüssen mit nun schon erheblicher Konzerterfahrung und derzeitiger regul. Organistentätigkeit an der Ottilienkirche in Stgt.- Münster.
Frau Park ist eine kleinere, einfach wirkende und grazile Person mit offenen Gesichtszügen, von bescheidenem, vollkommen sicher wirkendem und natürlichem Auftreten. Auf der Bank sass noch wohl eine Studentin mit im Konzertverlauf völlig ruhigen und effizienten Bewegungen. Der grosse Konzertsaal war in feierlichem Halbdunkel, sodass man aber nicht lesen konnte. Anwesend waren 60 bis 70 Hörer, ein Teil davon treue Landsleute der Organistin. Gehustet, geraschelt und geknuspelt wurde kaum.
Frau Park sah sich mit drei schweren Brocken, v.a. dem Reger konfrontiert...

Die Bach`sche Choralpartita, ein grosses frühes Bachwerk ohne gesicherte Entstehungsdaten, machte den Anfang. Dieses Werk bleibt nach seiner sehr schönen, nicht zu langsamen, melodiösen, klaren und schon anfangs harmonisch originellen Choralexposition die ganzen elf Variationen hindurch sehr übersichtlich und einnehmend. Die Registrierung wechelte häufig, die Klangfarben und Dynamiken waren sich mehr ähnlich als sie kontrastierten. Für mich ein sehr erwünschter Höreindruck, da ich mit zunehmendem Alter immer analytischer an solche Dinge herangehe und auch kaum einmal zum Hören zu müde werde.

Nun sollte der Schönberg folgen, Variationen über ein Rezitativ. op. 40, den ich - bei nur Allgemeinwissen über diesen Komponisten - unvorbereitet gehört habe. Um es vorweg zu nehmen, ich bin aus diesem Werk, das ich intuitiv als nach Schönbergs Zwölfton- Erfahrungen entstanden einordnete, nicht schlau geworden. Es gab schöne Stellen und viel Abwechslung, aber bestimmte Passagen haben mich regelrecht geärgert, etwa wenn in einem polyphonen Bereich die beiden Stimmen eine halbe Sekund (ohne e !) gleichzeitig geführt wurde, ohne Hinweis oder Andeutung zur Auflösung dieser Disharmonie oder sonstige entspannende Harmonieveränderung. Ich hatte auch nicht das Gefühl, in irgendeiner Spielart der Neuklassik aufgewacht zu sein. Schliesslich entstand aber im Verlauf des Stückes -und es blieb dabei- der Eindruck eines vielgestaltigen Musikgebildes von zwar unbestimmter, aber eher intensiver Ausdruckskraft und geschlossen wirkender Stilistik.

Kaum zuhause habe ich ein kopiertes Blättchen, das ich im Foyer der Hochschule, auf einem leeren Tisch gefunden hatte, gelesen, das es in sich hatte, den Brockhaus Riemann, Lady Google und weitere Quellen aus Musikbibliotheken befragt und dabei gelernt (warum nicht vorher ? :rolleyes: ):
bei Schönberg sind op. 37 bis 40 und 42 Werke uneinheiltlicher Machart, op. 40 ist ein Auftragswerk. Darin soll der Komponist seine zwölftönige Arbeitsweise reflektiert und kritisiert haben. Es gäbe anscheinend einen Text, wo Schönberg explizit die Anwendung einer allgemein seriellen Arbeitsweise für op. 40 erklärt hatte, nicht nur die zwölftönige Arbeitsweise.

Und dann die Grundidee eines "Rezitativs":

"Recitativ [Rezitativ] (ital. Recitativo, von lat. recitare, "erzählen") heißt diejenige Art des Gesangs,
welche zu Gunsten der natürlichen Akzentuation und selbst des Tonfalls
der Worte das rein musikalische Element auf ein Minimum beschränkt,
sowohl hinsichtlich der Melodiebildung als der rhythmischen Gliederung,
sozusagen die prosaische Rede des Gesangs." Ich hab leider die Herkunft dieser Definition vergessen.


Damiro

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  • »Damiro« ist männlich

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1 263

Mittwoch, 9. Mai 2018, 15:51

Leider habe ich die Korrekturfrist von einer Stunde wg. einer Recherche überschritten und das letzte Viertel meines Post ist nun verschwunden.

Kamma nichts machen.

Ich habe darüber geschrieben, dass der Reger nicht monumental wirkt, sondern eher lyrisch- elegischen Charakters ist und einen unglaublich originellen, harmonisch superkühnen Schluss hat.

Ich habe noch weiters geschrieben, dass Frau Park damit die bestmögliche Interpretation dieser Riesenstücke gegeben hat !
Die letzten vier Zeilen des vorigen Posts müssen bitte als gelöscht betrachtet werden.

MlG
D.

Bitte Moderator, lösche Post # 1263 !

Damiro

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1 264

Donnerstag, 10. Mai 2018, 12:24

Danke :hello:

Damiro

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1 265

Freitag, 11. Mai 2018, 20:56

Die Organistin aus Post # 1262 heisst

Soyon Park

zweiterbass

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1 266

Sonntag, 20. Mai 2018, 16:09

Gestern im Konzert Kontrabass

Hallo,
im Orchestersaal der Musikhochschule Nürnberg gab es ein Konzert für Kontrabass und Klavier.
Besonders anregend fand ich:

Johann Matthias Sperger (1750-1812), Konzert Nr. 15 D-Dur
https://www.youtube.com/watch?v=agxH7BsYTxo

Giovanni Bottesini (1821-1889), Allegro di Concerto „Alla Mendelssohn“
https://www.youtube.com/watch?v=JMvgIX1uepA

Beide YouTube-Aufnahmen haben andere Interpreten, sind aber vom Niveau her ebenbürtig.

Noch nie so deutlich habe ich gehört, dass der Kontrabass (als tiefstes Streichinstrument) in der Höhe die tiefen Lagen der Viola erreicht und somit einen ungewöhnlich großen Tonumfang besitzt. In Anbetracht der Größe des Instruments, besonders der Länge des Griffbretts (und auch der Saitenstärke), ist die grifflich erreichbare Beweglichkeit zwischen den einzelnen Tönen überaus erstaunlich; wenn der Solist vom oberen Ende (Schnecke) des Griffbretts an dessen Ende (Abstand ca. 1,50m) wechselt und flotte Sechzehntel hat, muss der Grifffinger die Saite verlassen und den unteren hohen Ton neu greifen(um saubere Töne zu produzieren).
Der Kontrabass ist ein technisch forderndes Solo-/Konzertinstrument.

Viele Grüße
zweiterbasss
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Damiro

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1 267

Sonntag, 20. Mai 2018, 23:48

Hallo zweiterbass,
ziemlich interessant die beiden Werke als Sprungbrett für das Verständnis des Kontrabasses. Die Kontrabassistin intoniert fast immer tadellos, mehrfach hat sie den Wechsel bzw. Sprung ins Flageolett total rein hingekriegt, nur in den einfacheren Lagen (mitten aufm Griffbrett) hat sie geleg. etwas unrein intoniert. Hätte diese Stücke jemand aufm Cello gespielt, hätte vielleicht kein Hahn danach gekräht.
Schön !


Im Jazz ist die Spielpraxis - hohe Lagen des Kontrabass - viel häufiger als in der klass. Musik anzutreffen. Guggst du mal bei Ron Carter oder Stanley Clarke !
Noch schönen Feiertag.

Traditionell -seit ca. 30 Jahren- ist im Schwäbischen Wald morgen der Mühlentag, wo einige kommerzielle aber noch viel mehr Museumsmühlen gerne Wander- und andere Gäste empfangen(Schwäb. Wald = die Gegend zwischen Winnenden, Schwäb. Gmünd, Gaildorf, Schwäb. Hall, Löwenstein - gg. Uhrzeigersinn)

MlGD. :)

zweiterbass

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  • »zweiterbass« ist männlich

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1 268

Montag, 28. Mai 2018, 19:01

Hallo.

Das Saisonabschlusskonzert der Nürnberger Symphoniker in der Meistersingerhalle Nürnberg brachte neben Chopins Klavierkonzert Nr. 2 und Beethovens 8., zwei weitere Werke:




Symphonische Minuten op. 36 (ein Auftragswerk zum 80, Geburtstag der Budapester Symphoniker) von Ernst von Dohnanyi
er schreibt großes Orchester mit Harfe, Celesta, kleine, große Trommel, Triangel, Becken, Glockenspiel und vielen Streichern und Blech…Holzbläsern vor.

1. Capriccio, Vivacissimo possibile – das Thema wird durch die umfangreiche, abwechslungsreiche, phantasievolle Orchestrierung fast versteckt.

2. Rapsodia, Andante – eine sehr ruhige, verträumte Melodie wird vom Englisch Horn vorgetragen, begleitet z. T. nur von Harfe und Celesta; vor dem Schluss wird’s jedoch recht pompös mit viel Blech und Pauken, bevor es vom Englisch Horn wieder zum Eingangsklang zurück geholt wird.

3. Scherzo, Allegro vivace – sehr rhythmisches, anfangs vorwiegend von den Bläsern vorgetragenes Thema; nach und nach werden alle Instrumente eingebunden, besonders im kurzen Mittelteil, der an den 2. Satz erinnert.

4. Tema con variazioni, Andante poco moto – das Englisch Horn eröffnet mit dem Thema des 2. Satzes. Wenn das Blech einsetzt verändert sich der Klang sehr, aber die ruhige, variierte Melodie bleibt und damit der Gesamtcharakter des 2. Satzes und das „Tema…“ mit Celestaklängen „überirdisch (so klingt eben die Celesta) davon schwebt“.

5. Rondo, Presto – es hat etwas von „Perpetuum mobile“ an sich, was in seiner Fröhlichkeit wohl dem Kompositionsauftrag entspricht.
https://www.youtube.com/watch?v=RRoM3YTREWE




Konzert für Klavier und Orchester op. 40, Henryk Goreki

1. Allegro molto – der Solopart des Cembalos besteht aus ununterbrochen laufenden, fast gleichklingenden Takten mit je 12 Achtelläufen, in welchen ab und zu ein Takt mit einem acht-32-Lauf eingeschoben wird – ob das als Melodie bezeichnet werden kann?
Die Streicher haben über Takte im Solopart mit je 12 Achtelläufen, Takte mit punkt. ganzen Noten auch Takte mit ganzer Note und je 1 punkt. Viertel und Achtelnote; bei dem im Solopart eingeschobenen Takt mir 32-Noten spielen sie zwei Achtelnoten - quasi ein Ostinato sowohl in den Solostimmen als auch bei den Streichern, also ein doppeltes Ostinato; ein sehr lang ausgehaltener Schlussakkord zum Ende.
(Das erinnert mich vom Klang her stark an Minimalmusik.)

2. Vivace – Vom Grundaufbau entspricht der Satz dem 1. Satz, allerdings Rhythmusstruktur und Tempo ändern sich, da es sich nun um ununterbrochene Läufe mit vier Achteln handelt und diese Struktur auf Cembalo und Streicher einheitlich übernommen wird. Auch die Stimmverteilung variiert: Es gibt Passagen, da übernimmt das Cembalo die Solostimme und die der Streicher, analog die Streicher auch die Solostimme des Cembalos, es erklingt nur der Solopart im Cembalo oder Streicher, es erklingt nur der Streicherpart bei den Streichern oder im Cembalo, aber auch Verteilung wie im Satz = alle möglichen Klangkombinationen. Auch die Harmonik weicht z. T. ab, deutlich bei reinen Dur-Akkorden. Der Satz endet überraschend und abrupt.
(Mein Eindruck ähnlich wie Minimalmusik bleibt bestehen.)
https://www.youtube.com/watch?v=HDw8Op7n8L4 Klavierfassung
https://www.youtube.com/watch?v=8OtO8yf_IhU ursprüngliche Cembalofassung, hier sogar mit der Solistin der Uraufführung.


Abseits eines üblichen Programmes haben mir diese beiden Werke viel Neues, Überraschendes geboten.

Viele Grüße
zweiterbass
Wer die Musik sich erkiest, hat ein himmlisch Gut bekommen (gewonnen)... Eduard Mörike/Hugo Distler

Damiro

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1 269

Donnerstag, 14. Juni 2018, 05:55

Klavierrecital Boris Giltburg, Ludwigsburger Schlossfestspiele, heute Donnerstag, 14.06.2018

...im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses. Karten von 19 bis 41 € waren gerade eben noch zu haben. Er spielt von Liszt die Etudes d`execution transcendante und von Rachmaninow die Etudes- tableaux op. 39, jeweils komplett, was selten ist. Der Konzertsaal fasst ca. 250 Plätze.

Ich habe eine recht neue CD von ihm vorliegen, mit Schumann, Carnaval op. 9, Davidsbündlertänze op. 6, und Papillons op. 2. Es handelt sich um hervorragende und beeindruckende Interpretationen dieser Werke. Ein Hörbericht über den Carnaval wird hier in Kürze erscheinen, evtl. eine Konzertbesprechung von heute.

Kommt massenhaft ! (hätte man früher gesagt!) :rolleyes:



MlG
D.

Dr. Holger Kaletha

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Donnerstag, 14. Juni 2018, 09:23

...im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses. Karten von 19 bis 41 € waren gerade eben noch zu haben. Er spielt von Liszt die Etudes d`execution transcendante und von Rachmaninow die Etudes- tableaux op. 39, jeweils komplett, was selten ist.
Das ist Wahnsinn, lieber Damiro! Lazar Berman hatte damals in Mailand die Liszt-Etüden komplett gespielt, allein das ist schon titanisch! Und dann noch die Etudes tableau dahinter! Unfassbar! Viel Vergnügen - Ludwigsburg ist von mir aus leider ein bisschen weit... Von seinem Schumann kenne ich nur ein paar Hörschnipsel bislang. :hello:

Schöne Grüße
Holger

Damiro

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1 271

Mittwoch, 20. Juni 2018, 14:25

Boris Giltburg- Recital vor sechs Tagen...

...im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses

Von den ca. 250 Plätzen waren ca. 120 belegt. Ja klar, sagte meine Frau, das liegt am Programm.... Wir sassen ganz hinten, leicht erhöht und blieben dort...

Die Etudes d`execution transcendante von Franz Liszt, 12 an der Zahl, dauerten über eine Stunde. Der Flügel aus der Steinway D- Reihe war glänzend eingerichtet, auch der hohe Diskant, und gestimmt - von Herrn S. von Steinway selbst. Der DLF hat aufgenommen.

Boris Giltburg, ein dunkellockiger, eher kleiner Mann am Ende seiner Dreissiger, begann mit der nicht ganz so schweren ersten Etude, ging dann (nahtlos) zur zweiten über, welche ahnen liess, was noch kommen wird. Spätestens dann war klar, dass es sich um einen extrem virtuosen Klavierzyklus handelte mit maximalen technischen Schwierigkeiten. Ich hatte das Gefühl, dass der Pianist alles geben würde, was er konnte und wir aufnehmen würden. Der Parforceritt erstreckte sich über die ganze Klaviatur, der Flügel klang grossartig, laut und voll. Kein einziger der unzähligen Oktavläufe rechts und links ging daneben, wenn überhaupt Töne fehlten, dann unhörbar wenige.


Der Pianist konnte bei sehr ökonomischem Körpereinsatz bleiben, einige wenige Male hörte man heftig ein- oder ausgeatmete Luftstösse ! BG spielte auch sehr leise, wenn es die Passage erforderte, streichelte die Tasten an der Hörgrenze. Wiederum kein einziges Versagen, nichts Ausgelassenes. Dafür erklangen polyphone Strukturen bzw. Ultrastrukturen in viertel- und halben Notenwerten, welche dem Ozean aus schnellen 16tel- und 32stel- Tonketten Ruhe, Linie und Kraft gaben.

Als der heftige Beifall einsetzte, war ich wie betäubt vom Gehörten. Auf die Terasse hinaus wandelten wir, um uns wieder zu fassen. Beim späteren Literaturstudium wurde mir (später) langsam klar, dass Liszt mit der Erarbeitung der Etüden und Bearbeitung des schon Komponierten sich mindestens 25 Jahre, wenn nicht (in Teilen) noch länger beschäftigt hat. Erstens hat Liszt mit mehreren Musikverlagen über das Werk korresponiert, über Jahre hinweg, zuletzt, also 1851, sollte es in vier Zentren gleichzeitig erscheinen: Rom, Paris, London und Wien. Zweitens wissen wir, dass spätestens ab ca. 1840 die Wettbewerbssituation unter Klaviervirtuosen in Mitteleuropa ausserordentlich zugenommen hatte. Rob. Schumann hatte seiner Frau, die Liszt in Paris mit einzelnen Etuden gehört hatte, brieflich mitgeteilt, dass die Stücke ebenso grauenhafte Kompositionen wie grauenhaft schwer zu spielen seien. In Europa gäbe es, so Schumann, ohnehin nur 12 bis 15 Pianisten, die das zu spielen überhaupt in der Lage wären.

Liszt soll sauer gewesen sein, als Schumann sich einmal positiv über eine Komposition seines Hauptkollegen und -konkurrenten Sigismund Thalberg geäussert haben soll. Wenn man sich dann noch klar macht, dass berühmte Musiklehrer zu dieser Zeit oft noch berühmtere Schüler gehabt haben, inklusive Grafen, Barone und Fürsten, liegt die Vermutung nahe, dass es mit den zum musikalischen Erfolg erforderlichen Noten so ähnlich sein konnte wie heute, wenn ein Autokonzern davor steht ein neues Flagship herauszubringen.

Dies erklärt auch, dass es -im Fall von Liszt- von den hier besprochenen oder auch weiteren vorliegenden Etuden, in Steigerung Konzertetuden zum Vortrag, mehrfach neu gestaltete Versionen, will sagen Updates gab.

Nach der Pause hörten wir die Etudes- Tableaux op. 39 von Sergei Rachmaninow, neun eher längere Stücke, in Charakter und Länge durchaus z.B. mit Schumanns Novelletten oder mit Chopins Balladen vergleichbar. Sofort hat man den angeschlagenen Erzählton im Klavierspiel Boris Giltburgs empfunden. Die Virtuosität der meisten Etudes war -entgegen dem heutzutage Gehörten- ziemlich zurückgenommen und von schlichtem Ausdruck. Im Vordergrund standen häufig geschmackvolle, aber auch originell klingende, mehr oder weniger melodiöse Linien mit sehr durchdachten und manchmal regelrecht sparsam eingesetzten Akkorden, welche - ich möchte es nun wirklich einmal so ausdrücken - die Suche nach neuen musikalischen Entwicklungen beleuchteten. Ich empfand es so: wo führt Musik hin, ausser aus den romantischen Wendungen und Inhalten heraus ? In eine Pause/Stille/ Ruhe ? Rhythmus ? In den Kirchenklang, gesungen / in Glocken ? Was ist der Wind - musikalisch ? Alles das wieder sehr schön gespielt, die technische Seite spielte nun vollends überhaupt keine Rolle mehr.

Ein denkwürdiger Abend mit einem unglaublich guten Pianisten, den ich noch öfter hören werde. Er spielte drei Zugaben, die Leute waren überzeugt und begeistert. :yes: :yes: :yes:

MlG
D.

Damiro

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1 272

Samstag, 23. Juni 2018, 02:24

Klavierfestival Ruhr - Claire Marie Le Guay, Magazin der Lohnhalle der Zeche Zollern, Dortmund

... am Sonntagabend, 17.06.2018, 20 Uhr

Wir verbanden den Besuch bei Freunden im "Ruhrpott" mit einigen Konzerten des Klavierfestivals Ruhr. Von der Pianistin hatte ich noch nie etwas gehört. Sie stammt aus der Ile- de- France, hat am Conservatoire von Paris studiert und dürfte höchstens 40 Jahre alt sein.

Leider war dieser Klavierabend eine herbe Enttäuschung. Das abschliessende Italienische Konzert von JSB hat sie recht gut gespielt.

Wir streunten schon ab Mittag auf dem Zechengelände herum, um vielerlei interessante Dinge kennenzulernen, inklusive grossformatige Fotos mit gutem Text ab der vorletzten Jahrhundertwende. Ab ca. drei Uhr war die Pianistin im von vorne verschlossenen Konzertsaal und hat sich eingespielt. Ca. 17 Uhr 30 bis nahe 19 Uhr immer noch oder erneut....

Sie spielte alles von Noten, was ich viele Jahre nicht erlebt hatte. Die Noten hatte sie flach auf dem Flügel liegen. Als müsste es heimlich passieren. Dabei hat sie selbst umgeblättert.


Eine Auswahl Preludes von Debussy hat sie eher romantisch interpretiert, dabei ganz unfunktionale oder spontane Rubati usw. appliziert. Bei der Partita Nr. 1 BWV 825 von JSB war ausser einer gewissen Langeweile nichts Besonders bis zum vorletzten Teil, der (langsamen) Sarabande. Um vielleicht einen bestimmten Klangeffekt zu erzielen, hat sie dabei den Pedaleinsatz immer wieder i.S. eines Tremolos versucht. Es ging grässlich daneben, denn man hörte das in den tiefen Frequenzen verstärkte Patschen der Ledersohlen, es war wie ein rollendes unterirdisches Geräusch, vielleicht wie eine draussen auf schlechtem Untergrund vorbeifahrende Strassenbahn. Für die Mazurka op. 21 von C. Saint- Saens ging ihr jedes Tanzgefühl ab. Schlimm, wie hölzern. Die Sonate D- Dur KV 311 von WAM hat sie durchwegs legato gespielt, dicke Töne, ohne jedes stufendynamische Konzept oder wenigstens die Dynamik nach Gefühl. Nichts Leichtes, sondern grober Anschlag. Dabei war der Steinway eigentlich recht gut. Das sehnsüchtig von mir erwartete variable Non- Legatospiel und die mozartische Melodie waren nicht auszumachen. Ital. Konzert von JSB war dann noch ganz passabel. Zugabe dann noch die d- moll- Fantasie von WAM, welche anhörbar war.

Wir fragten uns, ob eine solch weitgehende Indisposition v.a. den mangelnden pianistischen Qualitäten zuzuschreiben ist, oder ob persönliche - situative Dinge schuld sind. Als Arzt mit 40 Jahren Praxiserfahrung gingen mir noch einige Dinge durch den Kopf, über die ich hier nicht sprechen will, weil sie u.a. zu spekulativ sind.

MlGD. :wacko:

Damiro

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1 273

Samstag, 23. Juni 2018, 02:35

Nachtrag zum Konzert C.-M. Le Guay:
Die Kritikerin der "Dorstener Zeitung" vom verg. Dienstag hat ihr ungeduldiges Warten auf das Konzert genannt (offenbar ist der Saal renoviert oder kürzlich erst fertiggeworden). Ihr Urteil: der Saal sei sehr schön geworden und für kleinere Konzerte recht brauchbar................... :untertauch:

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