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tom

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Beiträge: 687

Registrierungsdatum: 17. November 2005

1

Sonntag, 8. Januar 2006, 14:15

Fantasia contrappuntistica - Busoni

Hallo,

1910 komponierte Ferruccio Busoni seine "Fantasia contrappuntistica", in der er versucht hat, für die unvollendete letzte Fuge in Bachs "Kunst der Fuge" eine Ergänzung zu finden.

Der vollständige Titel lautet:

Fantasia contrappuntistica. Choralvariationen über 'Ehre sei Gott in der Höhe', gefolgt von von einer Quadrupelfuge über ein Bachsches Fragment für zwei Klaviere. 1. Choral-Variationen (Einleitung - Choral und Variationen - Übergang), 2. Fuga I, 3. Fuga II, 4. Fuga III, 5. Intermezzo, 6. Variatio I, 7. Variatio II, 8. Variatio III, 9. Cadenza, 10. Fuga IV, 11. Corale, 12. Stretta.

Der Pianist Eduard Erdmann stellte in einer seiner Veröffentlichungen kurz nach Entstehung der FC begeistert fest:

"Zum Schluß Busoni. Er vertritt gewissermaßen den internationalen Künstlertypus. In unserer Zeit ist er der geistvollste Komponist – im abgrenzenden Sinne des Wortes. Nicht in der schöpferischen Erfindungskraft liegt bei ihm der Schwerpunkt, aber in seiner schaffenden Intelligenz, seinem psychischen Sonderleben, seiner klangkombinatorischen Phantasie. Sein stärkstes gibt Busoni in katholischer Mystik, spukhafter Phantastik, resignierender Stille. Er schenkte uns wohl das bedeutendste Werk der modernen Klavierliteratur: die Fantasia contrappuntistica. Dieses Werk muß man kennen… In Busoni verbindet sich die artistisch-koloristische mit der im engeren Sinne expressionistischen Richtung zu einem neuen, lebendigen Ganzen" (Hervorhebung durch Unterstreichung durch mich).

In dem Thread "Bach:Busoni Bearbeitungen" habe ich am 23.12.2005 geschrieben:

Bei Bach/Busoni denke ich zunächst natürlich an Orgel- und Violintranskiptionen. Nicht vergessen sollte man aber auch Busonis Fantasia Contrappuntistica für ein bzw. zwei Klaviere. Das Werk basiert auf der Kunst der Fuge, stellt eine zum Teil recht atonale, für manche vielleicht gewöhnungsbedürftige, gleichwohl eine für meinen Geschmack großartige Auseinandersetzung mit und Vollendung von Bachs Fugenkunst dar. Alfred Brendel hat hierzu angemerkt:

"Man beschäftige sich längere Zeit hindurch mit der 'Fantasia Contrappuntitica', dieser monumentalen Zusammenschmelung von These und Antithese, Kontrapunkt und Phantasie, Bach und Busoni, ungeahnter Verfeinerung des Klavierklangs und barocker Unabhängigkeit von den Klangmitteln - und man wird vielleicht eine neue Sphäre der Instrumentalkunst vor sich ausgebreitet finden."

Recht hat er. Für mich jedenfalls zählt die Fantasia zu den beeindruckendsten Werken für Tasteninstrumente eingangs des 20. Jhdts.

Sehr gut eingespielt wird dieses Werk von Grau/Schumacher oder von Peter Serkin/Schiff (ECM).

Wie steht Ihr zu diesem Werk? Spielt es in Eurer persönlichen Diskographie überhaupt eine Rolle?

Beste Grüße

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Beiträge: 326

Registrierungsdatum: 19. Dezember 2005

2

Sonntag, 8. Januar 2006, 14:27

Lieber Tom,
Na, da hast du ja einen richtigen Spezialisten-Thread gestartet... :D
Die Fantasia contrappuntistica steht mit Schiff/Serkin noch ungehört bei mir rum. Werde mich umgehend reinhören, um mir eine Diskussionsgrundlage zu schaffen...
Schöner Gruß!
Daniel

C.Huth

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Beiträge: 1 312

Registrierungsdatum: 17. August 2004

3

Sonntag, 8. Januar 2006, 17:22

Eine Frage an die Experten: Gibt es eigentlich zwei Fassungen der Fantasia? Eine für Klavier zu zwei Händen und eine für Klavier (oder zwei Klaviere?) zu vier Händen. Auf der mir vorliegenden Aufnahme spielt laut Cover nur Viktoria Postnikowa, ebenfalls finde ich bei der Suche nach Alternativen eine mit Wolf Harden (ich glaube, Pianist der Trio Fontenay, so es dieses noch gibt) auf Naxos, die auch offensichtlich mit zwei Händen bewältigt wird. Und dann eben Grau/Schuhmacher und Serkin/Schiff. Das müssen ja fast zwei unterschiedliche Fassungen sein, oder?

Beste Grüsse,

C.
Die wirkliche Basis eines schöpferischen Werks ist Experimentieren - kühnes Experimentieren! (Edgar Varèse)

tom

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Beiträge: 687

Registrierungsdatum: 17. November 2005

4

Sonntag, 8. Januar 2006, 18:03

Hallo,

die Fantasia contrappuntistica wurde von Busoni mehrfach abgeändert, so daß Fassungen für Klavier, zwei Klaviere und für Orgel vorliegen.

Beste Grüße

Albus

Profi

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Beiträge: 337

Registrierungsdatum: 11. August 2004

5

Montag, 9. Januar 2006, 13:52

Tag,

die Fantasia wollte ich unbedingt anhören, ich hatte gerade die Ästhetik der Tonkunst von F. Busoni gelesen, hatte von Arrau gelesen, Busoni sei im Berlin der Zwanziger Jahre der Pianist gewesen, den man unbedingt gehört haben musste, ich kaufte also eine italienische Platte mit der Fantasia (für zwei Klaviere, einer der Pianisten war Andrea Lucchesini, den hatte ich gerade im Konzert gehört, gut war's gewesen, seinen Platten-Partnerin erinnere ich nicht mehr). Die Fantasia hat mich nicht beeindruckt, auch nicht nach mehrfachem Anhören, Zuhören. aber, auf der Platte waren ja noch andere Sachen, Variationen über Mozart. Eduard Erdmann, jemand, mit dessen so hochgelobten Aufnahmen (Rundfunk, Schubert DV 960, Beethoven 4. Klavierkonzert) kam ich nie zurecht. Der Atem des Künstlers scheint ganz eigen zu sein, egologisch, nicht nachvollziehbar.

Busoni war wohl eine imposante Erscheinung.

Freundliche Grüße!
Albus

Karsten

Profi

Beiträge: 400

Registrierungsdatum: 16. Januar 2005

6

Mittwoch, 11. Januar 2006, 02:07

Zitat

Original von tom
Hallo,

die Fantasia contrappuntistica wurde von Busoni mehrfach abgeändert, so daß Fassungen für Klavier, zwei Klaviere und für Orgel vorliegen.

Für Orgel gibt es eine Bearbeitung der FC durch Wilhelm Middelschulte. Busoni war derart begeistert von dieser Fassung, dass er sie sogar als "definitive" Fassung autorisiert haben soll. Ist dies dieselbe Orgel-Fassung, die meinst oder gibt es noch eine weitere Orgelfassung, die aus Busonis eigener Hand stammt??
Relativ günstig ist eine Einspielung bei cpo erschienen:



Middelschulte, Wilhelm (1863-1943)
Orgelwerke Vol. 2
- Passacaglia
- Intermezzo I
- Gebet
- Fantasia Contrappuntistica
Jürgen Sonnentheil / Gerald Woehl Orgel von St. Michaelis in Hildesheim

Gruß
Karsten

tom

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Beiträge: 687

Registrierungsdatum: 17. November 2005

7

Donnerstag, 12. Januar 2006, 18:11

Hallo Karsten,

nach dem Busoni-Werkverzeichnis von Jürgen Kindermann hat Busoni die Ursprungsfassung der Fantasia contrappuntistica für ein Klavier 1910 komponiert (KiV 256). Die Uraufführung hat am 30.09.1910 in Basel stattgefunden. Interpret war Feruccio Busoni.

Ferner gibt es eine modifizierte Fassung der Version für ein Klavier aus dem Jahr 1912 (KiV 256 a).

Die Version "für zwei Pianoforte zu vier Händen" (KiV 256 b) hat Busoni 1921 komponiert. Die Uraufführung erfolgte am 16.11.1921 in Berlin unter Mitwirkung von Feruccio Busoni und Egon Petri.

Eine Fassung für Orgel läßt sich dem Kindermannverzeichnis nicht entnehmen. Es spricht deshalb einiges für Deinen Hinweis, Karsten, daß die Orgelfassung entgegen meiner Mitteilung nicht von Busoni stammt, sondern von Wilhelm Middelschulte.

Frohe Grüße

tom

Gerald

Fortgeschrittener

  • »Gerald« ist männlich

Beiträge: 223

Registrierungsdatum: 6. Juli 2007

8

Dienstag, 5. Mai 2009, 10:47

Nach über 2 Stunden Busoni, u. a. mit der unten gezeigten CD, bin ich noch ganz überwältigt von den unerhörten, gewaltigen und unverbrauchten Klängen dieser Musik. Busonis "Fantasia contrappuntistica" ist die faszinierendste Auseinandersetzung mit Bachs Musik, die ich bisher gehört habe (und ich liebe sowohl Hindemiths "Ludus tonalis", als auch Chopins Préludes oder Schostakowitsch' op. 87). Die Musik ist unglaublich kühn und hat mich ganz in ihren Bann gezogen. Nachdem ich gestern Busonis monströses Klavierkonzert eher langweilig bis abstoßend empfand, Brendels höchst lesenswerte Busoni-Beiträge ("Über Musik", S. 370 - 392) mich auf seine späte Klaviermusik neugierig machten, kam heute diese wunderbare Entdeckung.
:jubel: :jubel: :jubel:

Nach kurzer Recherche musste ich feststellen, dass noch nicht einmal ein eigener Busoni-Thread im "Komponistenforum" besteht, über die "Ästhetik" ist wohl auch noch nicht viel geschrieben worden. Ich möchte mich in nächster Zeit intensiv mit diesem großteils unbekannten, genialen musikalischem Universalgenie auseinandersetzen. Vielleicht kann man in Tamino auch noch Akzente jenseits von Puderperücke & Co. setzen....

Ich habe große Lust, spannendes Neuland zu entdecken! Wer macht mit?

"Das Höchste in der Kunst - vor Gott besagt's nicht viel.
Hat doch die Welt zuletzt nur ein moralisch Ziel."
(Hans Pfitzner)

Timo

Profi

  • »Timo« ist männlich

Beiträge: 361

Registrierungsdatum: 23. Dezember 2017

9

Freitag, 20. April 2018, 10:37



Ich habe diese Aufnahme. Gibt es eine noch virtuosere, z.B. mit Hamelin?

Damiro

Fortgeschrittener

  • »Damiro« ist männlich

Beiträge: 254

Registrierungsdatum: 13. Dezember 2017

10

Freitag, 20. April 2018, 13:57

Vor vielen Jahren habe ich mal in eine LP des Busonischen Klako hineingehört und auch die Fantasia contr. audiotrop gestreift ;) , seitdem vergessen und jetzt gerade vorhin einige Hörschnipsel der oben vorgestellten CD vernommen. Nun bin ich von Neuem beeindruckt und möchte mich näher mit diesen Klavierwerken befassen.

Im Moment will aber jeden, der hier darüber schreibt oder dies tun will, ermutigen das zu tun !

Ich kann leider nicht immer nur CDs kaufen, obwohl es auf mich einen grossen Reiz ausübt. Ich müsste auch mal wieder öfter hören.

MlG
D. 8-)


Timo

Profi

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Beiträge: 361

Registrierungsdatum: 23. Dezember 2017

11

Freitag, 20. April 2018, 14:10

Ich finde die Fantasia contrappuntistica in ihrer Mischung aus Altem und Neuem sehr reizvoll, ähnlich wie den Bundestag.

Damiro

Fortgeschrittener

  • »Damiro« ist männlich

Beiträge: 254

Registrierungsdatum: 13. Dezember 2017

12

Mittwoch, 13. Juni 2018, 13:45

:D :D :D ;)


Bin immer noch beim Schumann. 8-)


Aber ich habe hier eine hörenswerte Werkbetrachtung der F.c. gefunden, in die du vielleicht auch schon eingedrungen bist, Timo.


https://www1.wdr.de/radio/wdr3/musik/wdr…istica-100.html


Seit ich weiss, dass es mehrere Fassungen der F.c. für Soloklavier, und darüber hinaus noch eine Fassung für Orgel und auch eine für zwei Klaviere gibt, reizt mich das alles gleichermassen wie es mich auch auf Distanz hält. Ich habe auch einige CDs als Schnipsel gehört und da erscheint mir diese CD hier mit John Ogden vielleicht für jemanden wie dich geeignet, der den Eindruck von Virtuosität braucht.




Ich habe gelesen, dass A. Brendel anfangs der 50er Jahre vor "schmalem Publikum" (ein Zitat von irgendwem) in Wien die endgültige Fassung der F.c. gespielt hätte. Ob von dorther Aufnahmen stammen, ist mir nicht bekannt.
Man muss auch nicht immer tiefschürfen....(es sind auch die manchmal beigegebenen Elegien interessant). Diese Musik berührt mich nicht so wie Beethoven und Brahms sowie viele Romantiker, sie kann deshalb "warten" :pfeif:

MlG
D.

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