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hart

Prägender Forenuser

  • »hart« ist männlich

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Registrierungsdatum: 7. Dezember 2009

541

Montag, 21. Mai 2018, 15:42

Lieber Stimmenliebhaber,
hab´ besten Dank für Deine ins Detail gehenden Ergänzungen, die sicher auch für Mitlesende interessant sind. Du hast natürlich schon seit Jahren den Vorteil ganz nahe an diesen Geschehnissen dran zu sein, aber diese exakten Daten und Fakten wollen ja auch erst einmal festgehalten werden, nun hast Du mal wieder eine Bestätigung, dass so etwas ab und an auch seine praktische Anwendung findet und verwendet werden kann.

hart

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Gestern, 17:58

Wilhelm Kempff - * 25. November 1895 Jüterbog - † 23. Mai 1991 Positano (Italien)


Zum heutigen Todestag von Wilhelm Kempff



Wilhelm Friedrich Walter Kempff wurde als viertes Kind seiner Eltern im Brandenburgischen Jüterbog geboren, das etwa hundert Kilometer südlich von Berlin liegt; damals ein Ort von etwas mehr als siebentausend Einwohnern.
Wilhelm Kempff ist der Sohn einer Bauerntochter, die einen Organisten geheiratet hatte, die Eltern wohnten in einem früheren Franziskanerkloster.
1899 zog die Familie von Jüterbog nach der preußischen Residenzstadt Potsdam, wo Vater Kempff an die Nikolaikirche als Organist und Kantor berufen wurde. Natürlich war der Bub ständig von Musik umgeben; der Vater notierte den ersten Kompositionsversuch seines Sprösslings, da zähltr der Knabe gerade mal fünfeinhalb Lenze.
Nach dem ersten väterlichen Klavierunterricht übernahm dann eine erfahrene Klavierpädagogin den weiteren Klavierunterricht des Jungen. Im Alter von sechs Jahren gab das »Wunderkind« sein erstes öffentliches Konzert; er führte Mozarts C-Dur-Sonate auf.
Neben der Begabung für das Klavier besaß er auch einen schönen Knabensopran, sodass er zusammen mit seinem älteren Bruder Mitglied des liturgischen Chores wurde und lernte auf diese Weise auch die alten Meister wie zum Beispiel Orlando die Lasso kennen.
Bald weihte ihn sein Vater auch ins Orgelspiel ein, wo Kempff Junior erstmals im Alter von neun Jahren öffentlich in Erscheinung trat.
Als sich die ersten Kompositionen des Sohnes erweitert hatten, nahm der Vater Kontakt mit der Berliner Singakademie auf, wo der Direktor vom Leistungsvermögendes Kleinen so beeindruckt war, dass er sich bereit erklärte, ihm den Weg zur Musikhochschule zu ebnen. Dort erklärte der große Joachim, Direktor des Instituts, dass man an der Hochschule keine Kinder aufnehmen wolle, aber es fand sich ein Weg den hochbegabten Jung-Musikus privat zu unterrichten, eine wohlhabende jüdische Familie kam für die Kosten der Ausbildung auf. Von Robert Kahn wurde er in Komposition unterrichtet, für den Klavierunterricht war Heinrich Barth zuständig. Letzterer nahm die pianistische Ausbildung so wichtig, dass er darauf drängte, die gymnasiale Ausbildung zugunsten des Klavierspiels aufzugeben und stellte dem Vater das Ultimatum: »Pianist oder Gymnasiast!
Man trennte sich schweren Herzens; der schulischen Ausbildung wurde Priorität eingeräumt, aber man verlor natürlich die musikalischen Aspekte nicht aus den Augen und besuchte viele Konzerte hervorragender Interpreten, zum Beispiel eines von Eugen d´Albert im Februar1912, das in dem jungen Kempff ein nie mehr erlöschendes Feuer entfachte.
In dieser Zeit kam auch ein Kontakt mit Busoni zustande, was bedeutet, dass Vater Kempff mit Professor Busoni einen Vorspieltermin für seinen Sohn vereinbarte.

Im Frühjahr 1914 legte Wilhelm Kempff sein Abitur ab, wobei das Procedere den Schönheitsfehler hatte, dass der Prüfling im Fach Mathematik ein leeres Blatt abgab, weil er keine Lösungsmöglichkeit sah. Aber das Lehrerkollegium fand in Anbetracht seiner außerordentlichen musikalischen Leistungen, die er während seiner Gymnasialzeit erbrachte, eine Möglichkeit ihm die Reife zu bestätigen.
Also stand einer Anmeldung an der Berliner Musikhochschule nichts mehr im Wege, wo es zu einer Weiterentwicklung des durch die Gymnasialzeit unterbrochenen Unterrichts bei Heinrich Barth kam. Zu dieser Zeit saß auch der sechzehnjährige Geiger Georg Kuhlenkampff im Schulorchester, schon dort spielten die beiden Jungmusiker Schuberts Phantasie op. 159.
Inzwischen waren Kriegszeiten angebrochen und Kempff und Kuhlenkampff begaben sich zur Westfront, um dort in Kathedralen - das erste Konzert war in Laon - aber auch in Theatern, Kinos und sogar Scheunen zu spielen.

So ganz allmählich machte sich der junge Kempff auch außerhalb der Hochschule einen Namen, den man an den Anschlagsäulen lesen konnte und der aufstrebende Pianist konnte in der Presse häufig positive Kritiken seiner Konzerte lesen; im Dezember 1916 hatte er seinen ersten Auftritt in der Reihe »Populäre Konzerte« in der Philharmonie mit dem Philharmonischen Orchester.

Noch bevor Kempff sein Musikstudium beendet hatte, musste er im Januar 1917 als Landsturmmann seinen Militärdienst antreten.
In dieser Zeit erreichte ihn an seinem Dienstort ein Telegramm, welches ankündigte, dass sein Vorspiel zu Kleists »Hermannsschlacht« im Berliner Beethovensaal uraufgeführt werden soll.
Dabei kam es jedoch zu einigen Querelen, weil man von Kempff verlangte, sich an den Konzertkosten zu beteiligen, was dieser ablehnte. Es gab einiges Hin und Her, aber am 13. Januar 1917 konnte das Werk dann doch, zusammen mit Werken anderer junger Komponisten, aus der Taufe gehoben werden. Während die Komponisten-Kollegen zumindest einen Achtungserfolg verbuchen konnten, fiel Kempffs Werk mit Pauken und Trompeten durch; es gab da einige Missgeschicke, die dafür sorgten, dass die Aufführung zwar ein außergewöhnlicher Heiterkeitserfolg wurde, aber auf breiter Linie hat man das Werk als Komposition nicht anerkannt und Heinrich Barth schimpfte, weil sein ehemaliger Zögling nicht konsequent den Weg eines Klaviervirtuosen verfolgte. Barth meinte:

»Warum musst du solch scheußliche Musik schreiben, wo du doch ganz passabel Klavier spielst? Überhaupt diese ewige Irrlichterei von einem zum anderen, vom Klavier zur Orgel und in einem Satz womöglich mit fliegenden Frackschwänzen zum Dirigentenpult; pass bloß auf, dass du nicht ein zweiter Bülow wirst!«

Als Soldat taugte Kempff nicht viel; als man das bemerkte, wurde er zum Postdienst versetzt, und weil die Pferde im Krieg gebraucht wurden, musste der verhinderte Held den Postwagen durch Berlin ziehen. Aber immer wieder ergaben sich Gelegenheiten des Musizierens.
In den letzten Wochen der Kriegswirren wurde dem Berliner Domchor zum dritten Male die Erlaubnis erteilt mit dem Solisten Wilhelm Kempff eine Tournee durch Schweden zu machen, noch am 29. September 1918 spielte er an der großen Domorgel in Uppsala, als in anderen Gegenden Europas der Krieg tobte. Mitte Oktober bestritt Kempff in Berlin zum ersten Mal einen Bach-Abend als Pianist und Organist.
1919 folgte seine vierte Skandinavienreise, diesmal ohne Domchor, aber mit seinem Vater. Elly Ney, die auch hier weilte, schrieb nach Hause: »Einer namens Kempff hat alles ausverkauft«, das klingt so als sei ihr der Name damals noch nicht geläufig gewesen.
Aber dieser machte schon 1920 seine ersten Schallplattenaufnahmen bei Polydor, denen dann noch viele in den nächsten sechs Jahrzehnten folgten; Kempffs letzte Schallplattenaufnahme entsteht 1980mit Praeludien und Fugen aus Bachs »Wohltemperiertes Klavier« I und II.

1924 übernahm Kempff die Leitung der Stuttgarter Musikhochschule; die Stuttgarter wollten nicht nur einen lehrenden Professor haben, sondern jemanden der noch aktuell auf internationalen Konzertpodien agiert und sich dort beweisen muss. Bei seiner Berufung war Kempff 28 Jahre alt und demnach der jüngste Hochschuldirektor in Deutschland. Er hatte hier nur an zwei Tagen Unterrichtsverpflichtungen, so dass ihm noch ausreichend Zeit blieb seiner Konzerttätigkeit nachzugehen. Nach fünf Jahren wollte Kempff seine Stuttgarter Tätigkeit aufgeben; man bot ihm traumhafte Konditionen, aber er strebte nach voller Freiheit, verließ Stuttgart in aller Freundschaft und ging nach Potsdam zurück.

1926 hatte Wilhelm Kempff seine Klavierschülerin Helene Freiin Hiller von Gertringen geheiratet, die Hochzeit fand im Berliner Dom statt. Die junge Familie wohnte in Stuttgart, Kräherwald.
Dem Paar wurden zwei Söhne und fünf Töchter geboren und man konnte noch die Goldene Hochzeit feiern.
Als im Februar 1945 immer klarer wurde, dass es mit dem propagierten »Endsieg« wohl nichts mehr werden wird, verließ die Familie Kempff Potsdam in Richtung Oberfranken, wo sie im Schloss Thurnau Unterschlupf fand; es war das Schloss der Familie seiner Frau, nun hatte man für etwas mehr als zehn Jahre hier seinen Wohnsitz.
Im Dezember 1955 bezog die Familie Kempff ihr eigenes Heim in Ammerland am Starnberger See, es war ein Isartaler Haus.

Wenn man sagt, dass Wilhelm Kempff soundso lang irgendwo wohnte, dann kann das nicht die ganze Wahrheit sein; zählt man nämlich die Anzahl seiner Auftritte zusammen und verfolgt seine Konzertreisen auf einem Globus, wird klar, dass dieser Mann eher selten zu Hause anzutreffen war.
Kempff war schon in seinen jungen Jahren ein gefragter Mann, bereits 1927 traf er sich in der Türkei mit Staatspräsident Atatürk, um die türkische Regierung zu beraten, welche Musiker an die neugegründete Musikhochschule nach Ankara berufen werden sollen; man gab zu Ehren Kempffs in der Präsidentenvilla ein Abendessen das bis 23 Uhr dauerte. Nachdem alle anderen Gäste das Haus verlassen hatten, bat Atatürk den deutschen Gast in sein Arbeitszimmer. Bei dem Gespräch legte Atatürk seine Meinung dar, dass bei der Modernisierung der Türkei die westliche Musik eine wesentliche Rolle spielen müsse, da sonst die übrigen Reformen nicht vollständig sein könnten. Konkret fragte der Staatspräsident:
»Wie können wir die klassische Musik verbreiten? Welche Schulen oder Institutionen müssen wir gründen? Welche bedeutenden Künstler und Musikwissenschaftler sollen eingeladen werden, um dazu die Grundsteine zu legen?«
Das Gespräch dauerte immerhin bis morgens vier Uhr. Kempff empfahl zunächst, dass man Furtwängler mit dieser Entwicklungsarbeit betraut, aber der konnte aus Zeitgründen diesen Job nicht annehmen, so dass Paul Hindemith letztendlich in dieser Sache tätig wurde.
Wilhelm Kempff weilte insgesamt fünfmal in verschiedenen Jahren in der Türkei, letztmals 1950.

Seine erste Konzertreise nach Südamerika - das war 1934 - unternimmt Kempff als Ehrengast von Hugo Eckner mit dem Luftschiff »Graf Zeppelin«; er konzertiert in Argentinien, Uruguay und Brasilien - 1951 findet man in seinem Terminkalender die fünfte Südamerikareise und 1964 gibt er Konzerte in Mexiko und am Teatro Colón in Buenos Aires. Erstaunlicherweise gibt er erst 1964 sein Debüt in den USA bei einem Konzert in der Carnegie Hall New York.

Die erste Japanreise absolvierte Kempff bereits 1936 und seine Reisetätigkeit in das Land der aufgehenden Sonne endet erst 1979 mit seiner zehnten Reise die er nach Japan macht.
Als Kempff zum ersten Mal nach Japan kam, waren seine Beethoven-Schallplatteneinspielungen schon so weit im Land verbreitet, dass man ihm einen begeisterten Empfang bereitete; auf der Woge dieser Begeisterung erhielt sogar eine kleine Insel den Namen »Kempu-san«.
Im Zusammenhang mit Kempffs Reisen ist noch zu erwähnen, dass er immer leidenschaftlich fotografierte, wenn er unterwegs war.
Als 1945 die GIs nach Schloss Thurnau kamen und ihm eröffneten, dass er von jetzt an das Verbot habe öffentlich Klavier zu spielen (Kempff war kein Parteimitglied gewesen), antwortete Kempff: »In diesem Fall werde ich fotografieren und davon leben, weil ich ein ausgezeichneter Fotograf bin.«

Es ist in diesem Rahmen einfach nicht möglich, auf alle Aktivitäten Kempffs einzugehen; er war auf fast allen bedeutenden Festivals und den bedeutenden Musikzentren der Welt zu hören, aber zum Beispiel auch an Orten wie dem Kloster Alpirsbach, wo er mir Albert Schweitzer musizierte. Seine Konzertpartner sind Legende ...
Wenn der Name Wilhelm Kempff erwähnt wird, assoziiert man in aller Regel den Begriff Pianist, aber neben all diesen überaus zahlreichen weltweiten Konzertauftritten entstanden noch eine Menge Kompositionen. Das waren Opern, Lieder, Orchesterwerke, Kammermusik und natürlich auch Klaviermusik.

Noch mit 85 Jahren absolvierte Kempff öffentliche Konzerte. Die in Bielefeld erscheinende »Neue Westfälische« schrieb damals:

»Für den hochbetagten Pianisten war offensichtlich das Klavier ein Jungbrunnen ... und nun ist auch Wilhelm Kempff 85 Jahre alt und spielt noch immer. Sein Gang zum Flügel ist nicht mehr ganz so schwebend und schnell. Aber wie eh und je genügen wenige Sekunden der Konzentration. Die Faszination des Hörers fängt schon bei den ersten Takten an. Kempff spielt sich nicht ein. Er beginnt jetzt noch jedes Konzert so gelöst, als spiele er für sich selber. Im Schwung der Emotion geht ihm nun etwas öfter die Perfektion der Technik verloren - es gibt brillantere Klavierspieler - , aber Noten waren für ihn immer nur ärmliche Behelfszeichen, die gar nicht in der Lage sind, das auszudrücken, was Beethoven erlebt hat. Die Partitur ist für Kempff nichts Absolutes. Kempf hat kleine, zarte Hände, und so verbietet sich physisch das Tastendonnern. Die leisen Töne vor allem sind sein Feld, ohne das geringste Zugeständnis an den Effekt.«

Eine ganz bedeutende Sache im Leben des Wilhelm Kempff waren die Meisterkurse im italienischen Positano. Bereits auf seiner Hochzeitsreise nach Sorrent hatte Kempff diesen Ort kennen gelernt; nun kam es etwas mehr als drei Jahrzehnten später hier 1957 zur Gründung der »Fondazione Culturale Orfeo«, einer Schweizer Stiftung, die für den Erhalt der »Casa Orfeo« sorgte und die alljährliche Durchführung der Beethoven-Kurse organisierte.
Kempff hatte hier eine schon in seiner Potsdamer Zeit verwirklichte Idee wieder aufleben lassen, denn schon dort hatte er einen kleinen Kreis von ausgewählten jungen Pianisten unterrichtet, und schon dort gab es - wie in Positano auch - einen wunderschönen Garten.
Die »Fondazione Culturale Orfeo« stiftete einen Preis, der es zwei Wochen lang jungen Pianisten ermöglichte, kostenlos an den Beethoven-Interpretationskursen teilzunehmen. Lediglich die Kosten für Anreise und Unterkunft mussten die Teilnehmer selbst tragen.
Jeder konnte da nicht kommen; die Teilnehmerzahl war auf 15 begrenzt und für die Bewerber bestand die Bedingung, dass sie schon in eigenen Klavierabenden aufgetreten waren und einige Klaviersonaten aus den drei Schaffensperioden Beethovens beherrschen.
Im Juni 1984 hat in Positano Kempffs letzter Kurs stattgefunden; im Januar 1986 übersiedelte Kempff auf Anraten seiner Ärzte ganz nach Positano, einen Monat später starb seine Frau Helene in einer Klinik am Starnberger See.
In den Nachmittagsstunden des 23. Mai 1991 starb Wilhelm Kempf in der »Casa Orfeo«; unmittelbar nach seinem Tod trat er seine letzte Reise nach Schloss Wernstein in Oberfranken an, wo er in der Halle der Burg aufgebahrt wurde. In der Nähe des Schlosses hat die Familie der Freiherren von Künssberg einen privaten Waldfriedhof, auf dem auch Wilhelm Kempffs Mutter und seine Frau ihre letzte Ruhe gefunden hatten - hier ruht nun auch einer der letzten Vertreter der Musiktradition des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Praktische Hinweise:
Schloss Wernstein liegt in 95336 Markt Mainleus, es handelt sich hier um den Zusammenschluss vieler früher selbständiger Gemeinden.
Der private Waldfriedhof befindet sich in einiger Entfernung vom Schloss. Der Weg dorthin führt vom Schlosseingang aus nach links Richtung Schmeilsdorf (Fahrstraße). Als Fußgänger folgt man dieser Straße etwa 150 Meter und nimmt dann den nächstmöglichen Feldweg, der nach rechts in den Wald führt.


Ein des Weges kommender Wanderer vermutet hinter dieser Einzäunung wohl kaum einen Friedhof ...


Teilansicht von Schloss Wernstein