Sie sind nicht angemeldet.


JPC Amazon

AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

Karl

Fortgeschrittener

  • »Karl« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 16. August 2016

31

Donnerstag, 10. November 2016, 09:47

Je länger ich mir Aufnahmen des Gaspard anhöre, umso mehr bemerke ich, wie entscheidend die Intonation des Flügels ist.
Eigentlich müsste vor Beginn des Scarbo in Richtung "leicht dunkler" neu abgestimmt werden.
Den hier besten Kompromiss zu finden, trägt nicht unwesentlich zum Gesamteindruck des Gaspard bei.
Wunderbare Klangfarben sind ein Merkmal bei Argerich, allerdings auch der etwas zu schlank geratene Tiefton.
Wie macht das ihr früherer Lehrer Arturo Benedetti Michelangeli?

Vom Vatikan-Konzert aus dem Jahre 1987 gibt es eine Sonderausgabe aus dem Hause Steinway & Sons.
Inwieweit die von anderen Veröffentlichungen abweicht, kann ich momentan nicht beurteilen.
Die Mikrofonierung ist ungewöhnlich nah am Flügel, man kommt sich vor, als spiele man selbst.
Schön wäre es. :rolleyes:

Die Abstimmung des Flügels ist - für mich - auf den Punkt genau. Weder Richtung hell noch dunkel, auf die Spielweise des Pianisten präzise abgestimmt.
Und der überrascht mich im positivsten Sinn.
Erwartet habe ich ganz unbedarft ein Feuerwerk an Klang und Spielkunst, brilliante Tastenläufe garniert mit feinsten Tonnuancen.

ABM kommt aus einer anderen Richtung.
Nach einer kurzen Zeit der Verwunderung über den Vortrag wird es deutlich, überdeutlich:
Während ich gelegentlich den Eindruck habe, daß manche Pianisten fast froh sind, die schwierigen Stellen dieses Klavierstückes bravourös zu meistern, herrscht hier einer in völliger Gelassenheit und Verinnerlichung über das Werk.
Es ist nicht irgendeine Besonderheit, wie er dies oder das macht, es ist die fast schon brutale künstlerische Vereinnahmung dieser Komposition.

Keine weitere Anmerkung.

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

32

Donnerstag, 10. November 2016, 19:39

Wie macht das ihr früherer Lehrer Arturo Benedetti Michelangeli?
Wenn ich nur die Begabung gehabt hätte, lieber Karl! :D Nein, nein, ich bin nur ein stümperhafter Amateur-Pianist ohne Übung! :untertauch: Mein Klavierlehrer und Freund ist Konzertpianist, hat u.a. die Meisterklasse von Claudio Arrau besucht und ist ein großer Bewunderer von ABM.


Vom Vatikan-Konzert aus dem Jahre 1987 gibt es eine Sonderausgabe aus dem Hause Steinway & Sons.
Inwieweit die von anderen Veröffentlichungen abweicht, kann ich momentan nicht beurteilen.
Die Mikrofonierung ist ungewöhnlich nah am Flügel, man kommt sich vor, als spiele man selbst.
Schön wäre es.
Was ist denn das für eine Auflage? Ich habe die von ABM selbst autorisierte.


Die Abstimmung des Flügels ist - für mich - auf den Punkt genau. Weder Richtung hell noch dunkel, auf die Spielweise des Pianisten präzise abgestimmt.
Und der überrascht mich im positivsten Sinn.
Erwartet habe ich ganz unbedarft ein Feuerwerk an Klang und Spielkunst, brilliante Tastenläufe garniert mit feinsten Tonnuancen.

ABM kommt aus einer anderen Richtung.
Nach einer kurzen Zeit der Verwunderung über den Vortrag wird es deutlich, überdeutlich:
Während ich gelegentlich den Eindruck habe, daß manche Pianisten fast froh sind, die schwierigen Stellen dieses Klavierstückes bravourös zu meistern, herrscht hier einer in völliger Gelassenheit und Verinnerlichung über das Werk.
Es ist nicht irgendeine Besonderheit, wie er dies oder das macht, es ist die fast schon brutale künstlerische Vereinnahmung dieser Komposition.
Es fällt schon auf, dass der Flügel-Klang beim späten ABM dunkler wird. Da spielen sicher verschiedene Dinge zusammen. Die andere Körperhaltung im Alter, das veränderte Ohr, die Wahl der Flügel und die Aufnahmetechnik. Ich habe ihn 1986 mit "Gaspard de la nuit" in der Düsseldorfer Tonhalle gehört. Da kann ich bestätigen, was oft geschrieben wird, dass er zwei verschiedene Interpretationsansätze für "Ondine" hatte. In Düsseldorf machte er es genau entgegengesetzt wie im Vatikan: Die Tremolos in der rechten Hand waren schier unglaublich dicht, wie eine Farbfläche. Diese Gelassenheit kommt bei ihm im Alter tatsächlich - besonders nach seinem Zusammenbruch in Bordeau, wo er dem Tod nur entging, weil zufällig zwei Herzchirurgen unter den Zuhlrern waren. In seinem letzten Hamburger Konzert ist das zu spüren. Da ist er geradezu engelhaft gelöst - singt mit wie einst Glenn Gould. Der Spätstil von ABM ist etwas wirklich Großes. Da fehlen einfach die Veröffentlichungen, besonders auch die Mitschnitte seiner Konzerte mit Celibidache. Ich hoffe doch, da kommt noch etwas heraus! :hello:

Schöne Grüße
Holger

Karl

Fortgeschrittener

  • »Karl« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 16. August 2016

33

Freitag, 11. November 2016, 08:55


Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

34

Freitag, 11. November 2016, 15:38

Danke Karl! Ich glaube, da haben sie einfach diese Einzel-CD nochmals herausgebracht (da steht ja auch, Lizenz von Memoria ABM):



Ich habe die Doppel-CD, wo noch Debussy Preludes Heft 2, sowie Beethoven KK 5, Liszt Totentanz und das Schumann-Konzert drauf ist. :hello:

Schöne Grüße
Holger

Karl

Fortgeschrittener

  • »Karl« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 16. August 2016

35

Donnerstag, 13. Juli 2017, 14:50

Meine Suche nach lohnenswerten Einspielungen des Gaspard haben zu folgenden neuen Einkäufen geführt:

Pierre-Laurent Aimard, den ich für sein feines Gespür für die jeweilige perfekte Tonlage des Flügels sehr schätze.



und

Philippe Entremont, den ich bei meinen Recherchen erstmals zur Kenntnis nahm.




Aimard hat - wie erwartet - eine sehr eigene Abstimmung des Flügels vorgenommen, der Steinway klingt recht dunkel, voluminös, weich.

Er erzeugt damit einen eigenartig seltsamen Klang, der bei Ondine dieser etwas unheimlich wirkenden, erotisch verlockenden Atmosphäre die richtige Stimmung gibt.

Dieser Klang bleibt natürlich bei Le Gibet und Scarbo erhalten, kann aber bei diesen Handlungsstücken nicht mehr eine besondere Wirkung bei mir auslösen.

Insgesamt aber eine hörenswerte künstlerische Leistung, die ihren besonderen Reiz hat.


Im direkten Anschluß muss man sich bei Entremont erst mal neu justieren. Ein erkennbar helleres Klangbild, anfangs dachte ich, er spielt mit einem Konzertklavier, es geht auch flotter zur Sache.

Ondine wirkt um einiges lebhafter, ohne daß daraus ein Geklimpere entsteht. Diesen Fehler habe ich leider bei anderen - auch bekannten Künstlern - schon wahrnehmen müssen. Sie verlieren bei diesem Stück gelegentlich die Kontrolle über den genau zu dosierenden Tastendruck.

Le Gibet hat eine andere Stimmung wie bei Aimard, ohne daß ich hier eine qualitative Wertung abgeben könnte.

Dann der Scarbo. Das schwierigste Stück, den hat François für sich gebucht. Bisher.

Je länger das Stück dauert, umso mehr fesselt es mich. Wie Entremont hier in die Tasten haut, wie der Flügel und die Saiten vibrieren, mit welchen fast brutalen Tastenläufen er ein Spektakel der besonderen Art entfacht, ist für mich begeisternd.

Genau so fühlt es sich an, wenn ein Kobold einem den Schlaf raubt, ein Auf und Ab, ein Hin und Her und plötzlich ist der Spuk vorbei und man schaut verdattert drein.

So erlebte ich es beim ersten Hören, deshalb gleich nochmal von vorne und erneut in diese Achterbahn eingestiegen.

Anschließend habe ich mir meine Gedanken gemacht, wie diese außergewöhnliche Wirkung entstehen konnte.

Es liegt wohl auch daran, daß hier der Toningenieur entweder eine Glanzstunde hatte oder tatsächlich weiß, wie man einen Flügel mikrofonieren muss.

Man hört bei dieser Aufnahme sehr tief in das Instrument hinein und trotzdem ist die räumliche Abbildung hervorragend. Auch tonal hat der Aufnahmeleiter es im Griff, keine störenden Verzerrungen erkennbar.

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

36

Freitag, 14. Juli 2017, 08:44

Meine Suche nach lohnenswerten Einspielungen des Gaspard haben zu folgenden neuen Einkäufen geführt:

Pierre-Laurent Aimard, den ich für sein feines Gespür für die jeweilige perfekte Tonlage des Flügels sehr schätze.
Von Aimard habe ich ja Eingiges, lieber Karl, aber diese Aufnahme nicht. Vielleicht muss ich sie mir doch zulegen, da hast Du mich neugierig gemacht. Auch auf Entremont, die Ravel-GA ist ein zusätzlicher Anreiz für mich als Sammler. :hello:

Schöne Grüße
Holger

kalli

Profi

  • »kalli« ist männlich

Beiträge: 472

Registrierungsdatum: 14. Oktober 2010

37

Freitag, 14. Juli 2017, 09:31

Tharaud

Guten Morgen,

Wie so oft bringt mich ein Beitrag hier zum nachschauen und zum hören - ich habe nur eine Aufnahme bei mir gefunden :

https://www.amazon.de/Ravel-Int%C3%A9gra…s=ravel+tharaud

Sorry über asin funktioniert es bei mir nicht....




Vielleicht kennt jemand meine Aufnahme ? Aufnahmetechnisch ist sie wunderbar, Tharauds Spiel feingliedrig - zieht mich in die Musik hinein.

Kalli

P.S. Ich habe noch eine weitere Aufnahme gefunden :
https://www.amazon.de/Klavierwerke-Rog%C…ords=ravel+Roge
Die höre ich mir später an....

Karl

Fortgeschrittener

  • »Karl« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 16. August 2016

38

Donnerstag, 15. März 2018, 09:32

Hallo,

seit gestern bin ich Besitzer dieser seltenen CD, die ich nach langer, langer Suche endlich ordern konnte.





Es ist eine Aufnahme mit ABM von 1969 aus Lugano.

Ich frage mich nun, ob diese vielleicht sogar identisch ist mit der von Holger angesprochenen Aufnahme von 1973?

Sehr auffällig ist bei dieser Liveaufzeichnung ein ordentlicher Huster gleich am Beginn des 1.Satzes "Odine"

Kannst du mal nachschauen bzw. nachhören, Holger?

Danke.

Karl

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

39

Donnerstag, 15. März 2018, 20:59

Es ist eine Aufnahme mit ABM von 1969 aus Lugano.

Ich frage mich nun, ob diese vielleicht sogar identisch ist mit der von Holger angesprochenen Aufnahme von 1973?

Sehr auffällig ist bei dieser Liveaufzeichnung ein ordentlicher Huster gleich am Beginn des 1.Satzes "Odine"

Kannst du mal nachschauen bzw. nachhören, Holger?
Ja natürlich, lieber Karl. Ich habe diese CD auch mit demselben Cover-Bild, identischem Programm, aber nicht unter dem Label Arcadia, sondern HUNT. Das angegebene Aufnahmedatum ist aber nicht ganz richtig, sondern korrekt ist Lugano 4.6.1968. 1973 ist der Mitschnitt aus Tokyo (in Stereo). Der Lugano-Mitschnitt - im hervorragend aufgenommenen Mono - ist der perfekteste, ausgefeilteste und puristischste von ABM. Über ihn habe ich Gaspard de la nuit kennengelernt - und die Komposition wurde sofort zu einem meiner absoluten Lieblingsstücke, die mich nach wie vor magisch anziehen. :) :hello:

Schöne Grüße
Holger

Novalis

Anfänger

  • »Novalis« ist männlich

Beiträge: 23

Registrierungsdatum: 27. Dezember 2017

40

Donnerstag, 15. März 2018, 23:16




Der Perlemuter-Ravel ist exemplarisch - und er zudem eine äußerst sympathische Musikerpersönlichkeit.

Schöne Grüße
Holger
Diese Einschätzungen teile ich ausnahmslos. Er ist in der Spätphase primär als Klavierpädagoge aktiv gewesen.

Eine weitere Aufnahme dieser "Drei Gedichte für Klavier" scheint mir erwähnenswert zu sein. Es ist diejenige von Charles Rosen:


Eine irrwitzige Interpretation. Aktuell wohl nur noch in dieser Box erhältlich.

Viele Grüße
Novalis

Karl

Fortgeschrittener

  • »Karl« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 16. August 2016

41

Freitag, 16. März 2018, 08:26

Hallo Holger,

danke für die hilfreichen Infos.

Zitat

Der Lugano-Mitschnitt - im hervorragend aufgenommenen Mono - ist der perfekteste, ausgefeilteste und puristischste von ABM.


Wo ich mit dir deckungsgleich bin, ist das Attribut "puristisch".

ABM arbeitet bei dieser Aufnahme einiges besonders deutlich heraus, indem er sich bei anderen Passagen auffallend zurücknimmt.

Das ist ein interessanter Ansatz, den ich so bisher noch nicht woanders gehört habe.

Man ist ja wirklich froh, nicht immer das Gleiche vorgesetzt zu bekommen oder noch schlimmer, wenn die Interpretation vor Effekthascherei strotzt und in sinnloser Tastenakrobatik untergeht.

Bei Ondine muss sich diese seltsame erotische Stimmung einstellen, bei Le gibet ist es das gesetzte, wie festgemeiselte Zeitmaß, das mir als Hörer eine ungewöhnliche Aufmerksamkeit abverlangt, bei Scarbo der nicht faßbare Schrecken und die Raserei.

Nette Grüße

Karl

Karl

Fortgeschrittener

  • »Karl« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 16. August 2016

42

Sonntag, 18. März 2018, 11:16

Hallo,

kurz nach der Luganoeinspielung von ABM kam noch eine CD mit Yukio Yokoyama

Yokoyama,

die sich - im Nachhinein - perfekt zum Vergleich anbot.

Ich nehme mir das 1.Stück "Ondine" dazu heraus.

Bei ABM bemerkt man sofort, wie unterschiedlich beiden Hände zu Werke gehen. Die eigentliche Melodie wird lauter, sehr pointiert, manchmal einzelne Töne fast hackend hintereinander gespielt, als wenn jemand aufgefordert wird, zu kommen.

So um 3.30 schwillt die Musik bis zu einem gesetzten Höhepunkt um die 3.37 spektakulär an, um danach wie erschöpft abzustürzen.

Was könnte ABM sich dabei nur gedacht haben? :whistling:

Demgegenüber eine untergeordnete Begleitung mit der anderen Hand, die sich von Zeit zu Zeit dann doch gezielt vernehmlicher bemerkbar macht.

Aus diesem Mix entsteht eine Lebendigkeit in der Darbietung, die einen emotional stark anspricht und etwas Eigenständiges im Hörer auslösen kann.

Und wie macht das Yokoyama?

Ganz einfach, der spielt das technisch sauber, Note für Note runter.

Gähnend langweilig und so, als wenn ihm der gedankliche Hintergrund des Stückes nicht bekannt ist.

Handwerklich eine 1, Künstlerisch 6 (Thema verfehlt).

Nette Grüße

Karl

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

43

Sonntag, 18. März 2018, 17:09

Ich nehme mir das 1.Stück "Ondine" dazu heraus.

Bei ABM bemerkt man sofort, wie unterschiedlich beiden Hände zu Werke gehen. Die eigentliche Melodie wird lauter, sehr pointiert, manchmal einzelne Töne fast hackend hintereinander gespielt, als wenn jemand aufgefordert wird, zu kommen.

So um 3.30 schwillt die Musik bis zu einem gesetzten Höhepunkt um die 3.37 spektakulär an, um danach wie erschöpft abzustürzen.

Was könnte ABM sich dabei nur gedacht haben? :whistling:
Lieber Karl,

was Du da beim Hören entdeckt hast, hat Olivier Messiaen als den Rhythmus von „anacrouse – accent – désistence“ bezeichnet, den Ravel in „Ondine“ geradezu exemplarisch verwirklicht. „Anacrouse“ ist das langsame Anwachsen der Spannung, „accent“ ist der dynamische Höhepunkt, wohin die rhythmische Steigerungsbewegung hintreibt und „désistence“ ist die darauf folgende Entspannung. Keiner spielt diesen Rhythmus in „Ondine“ so klar heraus wie der „Analytiker“ ABM.

Um ABM zu verstehen, muss man zudem auf Jean Cocteau verweisen. (Selbst ABMs Schüler und Produzent Cord Garben hat ABMs Interpretation von "Ondine" nicht verstanden - offenbar war ihm die Verbindung zu Cocteau nicht präsent.) Für Cocteau war Ravel die Korrektur des Impressionismus:

„Ravel hat sozusagen die Kunst der großen impressionistischen Meister der Musik geläutert, genauso wie Vuillard und Bonnard, denen er verwandt ist, den Stil der großen Impressionisten, für die Monet das Symbol ist, verfeinert, vereinfacht, verstärkt haben. {...} Musik ohne >sauce<! Das bedeutet: keine Schleier, die Nacktheit der Rhythmen, die Trockenheit der Linie, die Kraft des Einsatzes und eine gelehrte Naivität des Tonfalls und der Akkorde.“

Ravel ist "Musik ohne Soße!" Entsprechend spielt ABM die Tremoli der rechten Hand in „Ondine“ betont „unimpressionistisch“, „entschleiert“ sie im Sinne von Cocteau und arbeitet statt dessen „trocken“ ihre „nackte“ rhythmische Struktur heraus. Impressionistische Klangsäuseleien empfindet er hier offenbar als banal – wie Cocteau sieht er in Ravel einen Modernisten, der in gewisser Hinsicht der „Trockenheit“ von Strawinskys „Sacre“ näher steht als Debussys Klangmischungen - auf die "Linie" kommt es an mehr als auf die impressionistischen "Valeurs".

Und noch ein Hinweis ist wichtig: Ravel liebte Automaten, besonders Uhren, mit denen er sich nicht nur umgab, sondern sogar eine ganze Uhren-Oper schrieb. Dazu schreibt der französische Philosoph und Musikwissenschaftler Vladimir Jankélévitch in seiner Ravel-Monographie: „Die Lebenden sind wie die Maschinen, aber die Maschinen haben eine Seele.“ Es macht die herausragende Qualität von ABMs Interpretation von „Ondine“ aus, dass man bei ihm jenseits aller spätromantisch-impressionistischen Naivität hört, dass auch „Ondine“ ein Ravelsches Uhrwerk ist – eine Maschine, die eine Seele hat. Und so schließt sich dann auch schlüssig „Le Gibet“ an: Bedeutet das Ravelsche Uhrwerk in „Ondine“ „Leben“, so erstarrt es in „Le Gibet“ – aus der Mechanik mit einer lebenden Seele wird eine tote Mechanik. Diese „Entwicklung“ des Ravelschen Uhrwerks aufzuzeigen, dass macht die Größe von ABMs Lugano-Mitschnitt aus. :)

Schöne Grüße
Holger

Karl

Fortgeschrittener

  • »Karl« ist männlich

Beiträge: 302

Registrierungsdatum: 16. August 2016

44

Sonntag, 18. März 2018, 20:23

Hallo Holger,

für mich versucht ABM nicht, das Stück möglichst brilliant oder perfekt zu spielen, sondern er macht daraus eine Art Geschehen.

Es ist eine sehr eigenwillige Sache, die einen sicherlich besonders prägt, wenn man dieses Stück - wie du - gleich zu Beginn kennengelernt hat.

Mir geht es vielleicht ähnlich bei Bruno Walters 4. Sinfonie von Beethoven, die klingt für mich einfach nur so "richtig".


Hallo Novalis,

die Rosen Aufnahme als Einzel CD werde ich mir auf jeden Fall zulegen, mal schauen, wie lange das dauert.

Seine Beethoven Late Piano Sonatas höre ich mir immer wieder gerne abends an.

Nette Grüße

Karl

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

45

Sonntag, 18. März 2018, 21:58

für mich versucht ABM nicht, das Stück möglichst brilliant oder perfekt zu spielen, sondern er macht daraus eine Art Geschehen.
So sehe ich das auch. Die Perfektion dient dem Ausdruck. Bei ABMs "Hyper"-Perfektion ist es dann so, dass die Perfektion als Perfektion gar nicht mehr auffällt. Atemberaubend immer wieder, wie er im Bereich des kaum noch Hörbaren, wo Andere nur noch improvisieren können, bewusst und absolut kontrolliert gestaltet, z.B. im "Scarbo", an der Stelle des verlöschenden und im Verlöschen crescendierenden Basses, bevor die abenteuerlichen Triller kommen (die ABM, der "Triller-König" unter den Pianisten, auch noch diabolisch rhythmisiert!) Da hört man Strukturen, die man bei keinem Anderen hört.
Es ist eine sehr eigenwillige Sache, die einen sicherlich besonders prägt, wenn man dieses Stück - wie du - gleich zu Beginn kennengelernt hat.

Mir geht es vielleicht ähnlich bei Bruno Walters 4. Sinfonie von Beethoven, die klingt für mich einfach nur so "richtig".
.. wobei ABM ja von 1959 bis 1987 durchaus unterschiedliche Interpretationen gegeben hat. Besonders von "Ondine" wollte er offenbar demonstrieren, dass man hier geradezu entgegengesetzte Interpretationsansätze geben kann. Ich habe es in Düsseldorf erlebt, wo er die Tremoli von "Ondine" schier unglaublich dicht spielte - im Vatikan im selben Jahr klingt das dann wieder distinkt.
die Rosen Aufnahme als Einzel CD werde ich mir auf jeden Fall zulegen, mal schauen, wie lange das dauert.
... gibt es aber wohl leider nur als Box für die Kleinigkeit von 724 Euro! ;(

Schöne Grüße
Holger

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

46

Sonntag, 18. März 2018, 22:53

Noch jemand, der vom Geiste Jean Cocteaus durchdrungen ist - die von mir hochgeschätzte Monique Haas. Sie gehörte dem Pariser-Modernisten-Kreis ja auch tatsächlich an (die vollständige Aufnahme ist in der Erato-Box):


Thomas Pape

Moderator

  • »Thomas Pape« ist männlich

Beiträge: 3 883

Registrierungsdatum: 30. August 2006

47

Sonntag, 18. März 2018, 23:11

Lieber Holger,

Monique Haas hat den „Gaspard“ meines Wissens nach nur einmal aufgenommen. Die Einspielng findet sich in dieser Box:





Liebe Grüße vom Thomas :hello:
Früher ist gottseidank lange vorbei. (TP)
Wenn ihr werden wollt wie eure Väter waren werdet ihr so wie eure Väter niemals waren.

Dr. Holger Kaletha

Prägender Forenuser

  • »Dr. Holger Kaletha« ist männlich

Beiträge: 7 031

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

48

Sonntag, 18. März 2018, 23:32

Monique Haas hat den „Gaspard“ meines Wissens nach nur einmal aufgenommen. Die Einspielng findet sich in dieser Box:
Ja, lieber Thomas - die Box meinte ich und habe sie auch!

Der Preis ist ja unheimlich inzwischen - 487,80 Euro bei Amazon.de. Aber bei Amazon.com gibt es sie zum Glück deutlich günstiger für 81 Dollar! Ein "Muss" finde ich - exemplarisch! :) :hello:

Schöne Grüße
Holger