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AMATEURVIDEO-FILMFORUM-WIEN

orsini

Schüler

  • »orsini« ist männlich

Beiträge: 117

Registrierungsdatum: 9. Juli 2017

121

Montag, 15. Januar 2018, 19:23

Wenn der Name Bieito fällt, dann sehe ich rot. Ich habe nie eine Inszenierung von ihm gesehen, hatte aber jahrelang das "Opernglas" abonniert, und das reichte für mein Urteil.

Lieber La Roche,

Ich habe zwei Inszenierungen von C. Bieito in München gesehen, nämlich den "Boris Godunow" sowie "Fidelio". In beiden Fällen ist mein Fazit :thumbdown:
Das Fidelio-Lowlight war, das selbst in der Musik herumgeändert wurde: ein in einem Stahlkäfig sitzendes Streichquartett wurde vom Schnürboden über die unterbrochene Szene des Schlußbildes herabgesenkt, spielte einen Satz aus einem Beethoven-Streichquartett, verschwand darauf wieder in der Höhe und weiter ging's im Stück :thumbdown:

Ein paar Eindrücke zu beiden Stücken sind hier zu finden:
Fidelio
Boris Godunow

Neue Einsichten haben mir diese gelobten Inszenierungen nicht gebracht...
Man soll nicht lügen. Es sei denn, daß man mit der Wahrheit noch schlechter führe.
Curt Goetz

chrissy

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  • »chrissy« ist männlich

Beiträge: 3 574

Registrierungsdatum: 20. Oktober 2010

122

Montag, 15. Januar 2018, 19:25


ich kenne nur 3 Inszenierungen von Bieito. Am stärksten kam mir sein Wozzeck (auch musikalisch) rüber. Auch beeindruckte der Don Giovanni (leider dabei nicht das Orchester, sehr schade), während Carmen mich dermaßen enttäuschte, so dass ich es abgebrochen hatte...
Hallo, Amfortas
Deine mitunter (für mich) nicht ganz klare, etwas saloppe, oberflächlich hingeworfene Ausdrucksweise, wirft bei mir die neugierige Frage auf -
was hast Du denn da "abgebrochen"???
Im Voraus bedanke ich mich für Deine aufklärende Antwort.

CHRISSY

(PS.: Ich verzichte auf den Hinweis eines "Erleuchteten" unter uns, daß er selbstverständlich wieder sofort verstanden hat, was gemeint ist).
Jegliches hat seine Zeit...

Hosenrolle1

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  • »Hosenrolle1« ist männlich

Beiträge: 995

Registrierungsdatum: 3. August 2017

123

Montag, 15. Januar 2018, 19:27

Das Fidelio-Lowlight war, das selbst in der Musik herumgeändert wurde: ein in einem Stahlkäfig sitzendes Streichquartett wurde vom Schnürboden über die unterbrochene Szene des Schlußbildes herabgesenkt, spielte einen Satz aus einem Beethoven-Streichquartett, verschwand darauf wieder in der Höhe und weiter ging's im Stück :thumbdown:

Was genau war daran so schlimm? Da das Orchester sowieso nicht auf den Instrumenten spielte, für die Beethoven geschrieben hat, macht das auch keinen Unterschied mehr.



LG,
Hosenrolle1
„Begreifen wir endlich, dass der emotionale Kult der Tradition nur eine Form unserer geistigen Faulheit ist.“ (Stanislaw Brzozowski)

orsini

Schüler

  • »orsini« ist männlich

Beiträge: 117

Registrierungsdatum: 9. Juli 2017

124

Montag, 15. Januar 2018, 20:01

Lieber Hosenrolle1,

auch wenn das Orchester auf den Instrumenten gespielt hätte, für die Beethoven komponiert hat, würden diese Instrumente nach 200 Jahren Benutzung und natürlicher Alterung nicht mehr so klingen wie zu Beethovens Zeiten. Das ist halt der Lauf der Dinge...
(... und ob Nachbauten so klingen wie die Originale in den 1820er Jahren wird niemand mit Sicherheit sagen können. Die meisten Ohrenzeugen dürften nicht mehr unter uns weilen.)

viele Grüße,
orsini
Man soll nicht lügen. Es sei denn, daß man mit der Wahrheit noch schlechter führe.
Curt Goetz

Amfortas08

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  • »Amfortas08« ist männlich

Beiträge: 1 163

Registrierungsdatum: 4. Juni 2008

125

Montag, 15. Januar 2018, 20:04

Das "Contessa perdono" des Grafen muss man ja schon kritisch betrachten;
Das find ich auch.
Aber auch unabhängig von der Rhetorik der Musik sowie dem reinen Klang der Musik, der Melodie an dieser Stelle würde mich das nie berühren, weil der Graf auf junge Mädchen steht, eine Freude am Entjungfern hat und dabei extrem eifersüchtig ist, so eifersüchtig, dass er einen 13 jährigen Jungen zum Militär schickt, und denkt, die Gräfin könnte etwas mit ihm haben. Viel mehr tut mir Barbarina leid (die in ihren wenigen Rezitativen bis ins unschöne As-Dur hinuntersteigt), und die in einer solchen Umgebung groß werden muss.
Sänge nur der Graf, fiele es leichter diese Stelle strickt in dieser Weise nachzuvollziehen.
Aber die Antwort der Gräfin und Kontrast zum darauf Folgendem lässt einen diese Stelle mit Ambivalenz rüberkommen. Das schaffe ich nicht auszublenden ..
.. vor allem Danke für Hinweise zu deinen Mozart-Thread. Da warten jede Menge spannende Anregungen auf mich ...
bei deinem Beitrag 114 hast du sträflicherweise etwas unterlassen,
wieso sträflicherweise ?
"Eine Oper sich reinziehen!" Was ist das? Wie geht das?
Interessante Frage.
Bei deinem Benutzernamen würde ich eher vermuten, dass du eine Oper "erleidest".
„erleiden“ kommt einen im ästhetischen Bereich inflationär rüber.
was hast Du denn da "abgebrochen"???
2. Akt der Carmen in der Regie Bieitos.

Hosenrolle1

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  • »Hosenrolle1« ist männlich

Beiträge: 995

Registrierungsdatum: 3. August 2017

126

Montag, 15. Januar 2018, 20:06

auch wenn das Orchester auf den Instrumenten gespielt hätte, für die Beethoven komponiert hat, würden diese Instrumente nach 200 Jahren Benutzung und natürlicher Alterung nicht mehr so klingen wie zu Beethovens Zeiten. Das ist halt der Lauf der Dinge...

Dafür gibt es originalgetreue Nachbauten.

(... und ob Nachbauten so klingen wie die Originale in den 1820er Jahren wird niemand mit Sicherheit sagen können. Die meisten Ohrenzeugen dürften nicht mehr unter uns weilen.)

Stimmt, jedoch kann man mit 100%iger Sicherheit sagen, dass eine Metallflöte nicht so klingt wie eine, für die Beethoven komponiert hat. Mit den Nachbauten (sofern es gute sind) ist man definitiv näher dran. Aber daran, wie die Musik klingt, ist komischerweise niemand interessiert, hauptsache da vorne spielt halt irgendeine Flöte, irgendeine Oboe.



LG,
Hosenrolle1
„Begreifen wir endlich, dass der emotionale Kult der Tradition nur eine Form unserer geistigen Faulheit ist.“ (Stanislaw Brzozowski)

Hosenrolle1

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  • »Hosenrolle1« ist männlich

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127

Montag, 15. Januar 2018, 20:12

Sänge nur der Graf, fiele es leichter diese Stelle strickt in dieser Weise nachzuvollziehen.
Aber die Antwort der Gräfin und Kontrast zum darauf Folgendem lässt einen diese Stelle mit Ambivalenz rüberkommen. Das schaffe ich nicht auszublenden ..

Die Gräfin ist ein ganz eigenes Thema. Verzeiht ihm da so mir nichts, dir nichts, und plötzlich soll alles gut sein? Im dritten Teil der Figaro-Trilogie betrügt der Graf sie sowieso wieder, und sie ihn ebenfalls. Auch die Gräfin würde ich hier sehr kritisch betrachten. In dem Buch von G. Born stehen auch ein paar unschöne Sachen drin über die Mozart-Zeit, wie der Adel sich aufgeführt hat, wie Leibeigene behandelt und gefoltert wurden, wie straflos vergewaltigt und gemordet wurde, und wie viele verhungert sind, während sich der Adel wiederum den Bauch vollgeschlagen hat.
Nein, weder mit dem Grafen noch mit der Gräfin habe ich irgendein Mitgefühl. Mit dem Grafen sowieso nicht, aber auch die Gräfin verhält sich sehr eigenartig. Plötzlich ist alles vergessen, was der liebe Gatte noch aufgeführt hat.


.. vor allem Danke für Hinweise zu deinen Mozart-Thread. Da warten jede Menge spannender Anregungen auf mich ...

Ich bin gespannt was du dazu sagst :)
Was hältst du eigentlich von HIP?



LG,
Hosenrolle1
„Begreifen wir endlich, dass der emotionale Kult der Tradition nur eine Form unserer geistigen Faulheit ist.“ (Stanislaw Brzozowski)

Mme. Cortese

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  • »Mme. Cortese« ist weiblich

Beiträge: 1 230

Registrierungsdatum: 12. Januar 2010

128

Montag, 15. Januar 2018, 23:56

Und sie war von Martin G. Bergers Schändung der Verkauften Braut (auch Bergers Fledermaus) höchstlich begeistert/beeindruckt


Über einen Besuch im hannoverschen "Liebestrank" schrieb ein Besucher sinngemäß: "Für Teile des Publikums reichte es wohl, weil sie nicht mehr wissen, was Eleganz, Anmut, Delikatesse, Charme und Leichtigkeit sind". Das dürfte wohl auch auf die "Verkaufte Braut" zutreffen. Zugegebenermaßen habe ich beide nicht gesehen, ich war aber in der "Fledermaus", und für diese Inszenierung würde ich die oben
wiedergegebene Meinung vollinhaltlich unterschreiben. Ich war selten so angeödet und froh, wieder draußen zu sein. Wohlgemerkt - angeödet und nicht etwa schockiert. Das mag allerdings daran liegen, dass ich lieber Musik höre anstatt mir "Mucke reinzuziehen", wobei mir bei "Mucke" allenfalls Muckefuck als Assoziation einfällt, und der zählt ja wohl nicht gerade zu den höherwertigen Lebensmitteln. So mag es also sein, dass jemand, der den Muckefuck dem Kaffee vorzieht, auch geneigt ist die genannten hannoverschen Inszenierungen zu goutieren.
Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

Gerhard Wischniewski

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  • »Gerhard Wischniewski« ist männlich

Beiträge: 4 274

Registrierungsdatum: 7. April 2011

129

Gestern, 10:45

Zitat

Zitat von MmeCortese: So mag es also sein, dass jemand, der den Muckefuck dem Kaffee vorzieht, auch geneigt ist die genannten hannoverschen Inszenierungen zu goutieren.
Liebe Mme Cortese,

ein sehr treffender Vergleich! :jubel: :jubel: :jubel:


Liebe Grüße
Gerhard
Ich bin einverstanden, und ohne Bedauern, wenn meine Opern nicht aufgeführt werden; aber wenn sie aufgeführt werden, verlange ich, dass es so sei, wie ich sie mir vorgestellt habe.
(Verdi an Giulio Ricordi, Juni 1894)

Amfortas08

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  • »Amfortas08« ist männlich

Beiträge: 1 163

Registrierungsdatum: 4. Juni 2008

130

Gestern, 17:05

ich war aber in der "Fledermaus", und für diese Inszenierung würde ich die oben wiedergegebene Meinung vollinhaltlich unterschreiben.
Dann sollen Auszüge von MGLs Feedback auch zur Fledermaus dir nicht vorenthalten werden (Schreibfehler in Koskys Namen wurden ausnahmsweise nicht von mir verzapft):

In Berlin gibt es zwei Infektionsherde, die mit ihren ansteckenden Viren das Theater genetisch verändert haben.
Frank Castorfs 'Volksbühne' am Rosa-Luxemburg-Platz brutalisiert und politisiert alle Werke der Literatur mit gewaltigem Linksruck im Sinne seines Hausherrn, und die Komische Oper sexualisiert die Werke im Sinne ihres Hausherrn Barry Cosky zu einem permanenten 'Treff der Geilen'.....

Man grapscht, man zieht sich aus, man fällt übereinander her.
Der Griff in den Schritt und dann Hose runter ist allgemeine Gepflogenheit. Dabei zeigt die erste Überraschung, dass Gefängnisdirektor Frank - knallig-skuril Frank Schneiders - Strapse und schwarze Netzstrümpfe trägt......

Dr. Falke - souverän agierend und wie immer prachtvoll singend: Stefan Adam - organisiert seine Rache für den erlittenen üblen Faschingsscherz mit Ironie und Menschenkenntnis und hält sich von den ausufernden Plumpheiten fern.......

Anfangs dezent schwarz-weiß gekleidet, feiert, säuft und pöbelt sich die 'großer Bruderschaft' immer mehr entkleidet in eine Horde enthemmter Schlampen, Transen und Tunten hinein. Freilich sind die geschlechtvermischten Kostüme sehr phantasievoll, wozu Erotik-Kataloge, Geschäfte und Reeperbahn-Shows Anregung geben.
Dann wird es politisch:
Der Staat 'Champagner' wird proklamiert, Fahnen im Zuschauerraum entrollt, Konfetti rieselt herab und Mareike Morr im Staatsgewand als Prinz Orlowsky wird im Sektglas-Thron emporgefahren, um seine Regierungserklärung abzugeben:
Jeder soll sein, wie er/sie ist: schwul, lesbisch, hetero, bi oder sonst was.
Dann enthüllt er/sie sich als Hermaphrodit.
Den vorgeschnallten Penis hatten wir schon im 'Freischütz' beim 'Ekel-Gnom'.
'Anything goes!' - Das ist also die neue Linie.
Ist sie wirklich neu?
Bordelle mit deftigen Darstellungen gab es in der Antike überall, zweigeschlechtliche Wesen waren ebenso bekannt, Sodomie, Partnertausch, Lustknaben, Freudenmädchen, rauschhafte Feste zu Ehren des Bacchus - alles schon dagewesen!
Wo aber liegt der Unterschied und die Grenze des öffentlich Erträglichen?......

Große Pause, großer Umbau für den 3. Akt.
Der Orchestergraben ist abgedeckt, einsam steht Stefan Scheuermann als Frosch inmitten von Müll und Gerümpel....

Orlowsky sitzt an der Seite auf einem Sofa und hofft, dass er lachen kann.
Na, endlich, er kann!
Die Fledermaus hat sich gerächt, das Publikum ist erregt und dankt den Mitwirkenden mit berechtigtem Jubel.....

Marie Louise Gilles

Die Gräfin ist ein ganz eigenes Thema. Verzeiht ihm da so mir nichts, dir nichts, und plötzlich soll alles gut sein? Im dritten Teil der Figaro-Trilogie betrügt der Graf sie sowieso wieder, und sie ihn ebenfalls. Auch die Gräfin würde ich hier sehr kritisch betrachten.
Eben, weil es nicht gut sein wird (in welcher Mozart-Oper wird es überhaupt gut ?), gewinnt diese Stelle m.E. – wenn man so will - eine mehrdeutige Relevanz, ragt gewisseermaßen aus dem Fluss raus .... in einem Radio-Talk setzte der Regisseur Götz Friedrich diesen Einstand sogar einem ästhetisch-utopischen Moment gleich (soweit könnte ich nicht gehen) Friedrich räumte allerdings dabei sofort ein, keine sachlichen Gründe dafür angeben zu können oder sogar zu wollen
Ich bin gespannt was du dazu sagst :)
Zunächst besser nichts, weil du in mit dieser Materie ungleich vertrauter als ich.. ich nassaure quasi davon ...
Was hältst du eigentlich von HIP?
Antwort würde eigentlich Thread sprengen. Bin mit diesem Gebiet auch wenig/kaum vertraut. Vertrete zwar nicht deine Rigorosität, stehe dem aber - nach bisherigen Erfahrungen - dem sehr aufgeschlossen gegenüber.. weil wichtige Anregungen z.B. was Beethoven betrifft durch z.B. Savall und Brautigam ...

Um die Kurve wieder zum RT zu kriegen.
2016 zogen wir uns in Bayreuth einen musikalisch sehr bewegenden den Parsifal unter Haenchen rein. das Orchester umschiffte zu große Briilanz, da verdeckt. Ganz im Gegensatz zur DOB unter Runnicles, der allerdings vor allem auch dunklen Farben intensivst herausarbeitete. In Braunschweig unter Joel kam Parsifal dagegen äußerst klangscharf, schwungvoll und brillant rüber Diese Unterschiede die von den Orchestern rüberkamen, brannte sich dabei so stark ein, wie vergleichweise zwischen HIP und "Non-HIP". Das drängte die höchst unterschiedlichen szenischen Umsetzungen in den Hintergrund; wobei Lauffenberg in Bayreuth enttäuschte, aber eben aus besagtem Grund nicht störte; bis auf die doofen Videos während der Verwandlungsmucken...

Hosenrolle1

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  • »Hosenrolle1« ist männlich

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131

Gestern, 17:46

Eben, weil es nicht gut sein wird (in welcher Mozart-Oper wird es überhaupt gut ?), gewinnt diese Stelle m.E. – wenn man so will - eine mehrdeutige Relevanz, ragt gewisseermaßen aus dem Fluss raus ....

Das stimmt, auch Cosi fan tutte, das ja vermeintlich gut ausgeht, zeigt doch, dass eigentlich gar nichts gut ist. (In "Mozarts Musiksprache" belegt der Autor das zusätzlich durch bestimmte rhetorische Motive, die Mozart an bestimmten Stellen, auch am Ende, einsetzt!)
Nur kann ich beim besten Willen keine Utopie darin erkennen, wenn man einem solchen Typen wie dem Grafen einfach mal so verzeiht. Jetzt kann man natürlich einwenden, dass Da Ponte und Mozart den Figaro stark abmildern mussten, viele politische Dinge entfernen - aber auch bei Mozart ist der Graf immer noch bösartig, küsst und streichelt 12 jährige Mädchen, ist extrem aufbrausend und eifersüchtig, trotz seiner ständigen Untreue. Also seine Figur wurde nicht wirklich abgemildert.


Zunächst besser nichts, weil du in mit dieser Materie ungleich vertrauter als ich.. ich nassaure quasi davon ...

Überhaupt nicht! Ja, ich lese (oder besser: erarbeite) mir das Buch langsam, aber dennoch bin ich noch nicht weit, weil das Thema natürlich sehr umfangreich ist. Der Autor sagt auch im Vorwort, dass man sich am besten die Partitur zur Hand nimmt, wenn man das Buch liest, weil es nicht zum einfachen Lesen gedacht ist. Er räumt auch ein, dass das Buch nur einen kleinen Teil des großen Sortiments an Motiven zeigen kann, die Mozart verwendet hat. Ich las Harnoncourts Standardwerk "Musik als Klangrede" in der Hoffnung, da mehr über die musikalische Rhetorik zu erfahren, aber da stand leider nicht wirklich was darüber.


Antwort würde eigentlich Thread sprengen. Bin mit diesem Gebiet auch wenig/kaum vertraut.

Es lohnt sich auf jeden Fall! Du hast eh das Beispiel mit der alten Holzflöte und der modernen Metallflöte gesehen, wo Komponisten gezielt "unschöne" Töne als wichtigen Bestandteil, als wichtige Klangfarbe ihres Werkes verwendet haben, die durch die Verwendung der modernen Flöte eliminiert werden. Wenn du Fragen hast, im HIP-Thread können wir gerne darüber reden :)



LG,
Hosenrolle1
„Begreifen wir endlich, dass der emotionale Kult der Tradition nur eine Form unserer geistigen Faulheit ist.“ (Stanislaw Brzozowski)

Mme. Cortese

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  • »Mme. Cortese« ist weiblich

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132

Gestern, 18:00

"Für Teile des Publikums reichte es wohl, weil sie nicht mehr wissen, was Eleganz, Anmut, Delikatesse, Charme und Leichtigkeit sind"

Man grapscht, man zieht sich aus, man fällt übereinander her.
Der Griff in den Schritt und dann Hose runter ist allgemeine Gepflogenheit. Dabei zeigt die erste Überraschung, dass Gefängnisdirektor Frank - knallig-skuril Frank Schneiders - Strapse und schwarze Netzstrümpfe trägt......

Dr. Falke - souverän agierend und wie immer prachtvoll singend: Stefan Adam - organisiert seine Rache für den erlittenen üblen Faschingsscherz mit Ironie und Menschenkenntnis und hält sich von den ausufernden Plumpheiten fern.......

Anfangs dezent schwarz-weiß gekleidet, feiert, säuft und pöbelt sich die 'großer Bruderschaft' immer mehr entkleidet in eine Horde enthemmter Schlampen, Transen und Tunten hinein. Freilich sind die geschlechtvermischten Kostüme sehr phantasievoll, wozu Erotik-Kataloge, Geschäfte und Reeperbahn-Shows Anregung geben.
Dann wird es politisch:
Der Staat 'Champagner' wird proklamiert, Fahnen im Zuschauerraum entrollt, Konfetti rieselt herab und Mareike Morr im Staatsgewand als Prinz Orlowsky wird im Sektglas-Thron emporgefahren, um seine Regierungserklärung abzugeben:
Jeder soll sein, wie er/sie ist: schwul, lesbisch, hetero, bi oder sonst was.
Dann enthüllt er/sie sich als Hermaphrodit.
Den vorgeschnallten Penis hatten wir schon im 'Freischütz' beim 'Ekel-Gnom'.
'Anything goes!' - Das ist also die neue Linie.
Ist sie wirklich neu?
Bordelle mit deftigen Darstellungen gab es in der Antike überall, zweigeschlechtliche Wesen waren ebenso bekannt, Sodomie, Partnertausch, Lustknaben, Freudenmädchen, rauschhafte Feste zu Ehren des Bacchus - alles schon dagewesen!
Wo aber liegt der Unterschied und die Grenze des öffentlich Erträglichen?......

Große Pause, großer Umbau für den 3. Akt.
Der Orchestergraben ist abgedeckt, einsam steht Stefan Scheuermann als Frosch inmitten von Müll und Gerümpel....

Orlowsky sitzt an der Seite auf einem Sofa und hofft, dass er lachen kann.
Na, endlich, er kann!
Die Fledermaus hat sich gerächt, das Publikum ist erregt und dankt den Mitwirkenden mit berechtigtem Jubel.....


Wie schön, dass du mein oben eingestelltes Verdikt durch das Zitieren dieses Artikels voll und ganz bestätigst. Wie sollte man darauf anders als angeödet reagieren?
Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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133

Gestern, 20:03

So dumm scheint das Publikum laut dem letzten Satz nicht zu sein. Die Erregung bezieht sich auf die Regie und die Sänger werden zurecht bejubelt.

Mme. Cortese

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134

Gestern, 20:37

So dumm scheint das Publikum laut dem letzten Satz nicht zu sein. Die Erregung bezieht sich auf die Regie und die Sänger werden zurecht bejubelt.

Die Sänger fand ich o.k., aber nicht sonderlich bejubelnswürdig, aber das ist ja nun wirklich Geschmackssache, und ihr Applaus war gewiss verdient. Besondere Erregung habe ich in der von mir besuchten Vorstellung nicht wahrgenommen. Anders als Orlovsky konnte ich jedoch am Ende der Vorstellung nicht lachen, wie gesagt, ich war froh, dass es vorbei war. Mir ist auch durchaus bekannt, dass es eine ganze Menge Leute gibt, die die Inszenierung gut fanden, mir fehlten aber eben die oben genannten Ingredienzien wie Eleganz etc. Leider verwechselt man heutzutage zu oft Esprit und Witz mit Klamauk, und das nicht nur in der Oper. Und Leute, die Klamauk schätzen, sind natürlich begeistert. Das gleiche gilt, soweit ich weiß, für die Inszenierung der "Verkauften Braut" in Hannover. Ich jedenfalls habe, wie weiter oben schon erwähnt, mein Abo nach mehreren enttäuschenden Vorstellungen vor zwei Jahren gekündigt., weil ich mehr als einmal mit dem Gefühl "Gott sei Dank, endlich aus" das Opernhaus verlassen habe. Denn dafür geht man ja eigentlich nicht in die Oper.
Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

Amfortas08

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135

Gestern, 21:05

Wie schön, dass du mein oben eingestelltes Verdikt durch das Zitieren dieses Artikels voll und ganz bestätigst.
Du wähnst, ich mutiere – was RT betrifft – mittlererweile vom Saulus zum Paulus..
Dein Verdikt wurde leider nur von MLG bestätigt, da von mir bloß als Zitat gepostet, also ohne es mir ausdrücklich zu eigen gemacht zu haben. Sorry.
Aber monatlich meinerseits großes Vergnügen an MLG-Beiträgen. Diese Lesefreude möchte ich gerne mit anderen Usern teilen.
Das Problem was sich ergeben könnte, wären steigende Erwartungen an MLG.
Hoffentlich enttäuscht sie uns nicht im Mai. Ihre würzigen Wort-Kaskaden zur Aida-Premiere böten dazu höchst passende Begleitmucke.
Wie sollte man darauf anders als angeödet reagieren?
Ob dieser in eine Frage eingekleidete Imperativ im ästhetischen Bereich funzt , darüber kann man vermutlich trefflich streiten. Wie dem auch sei. Wir traten auch nach dem 2. Besuch der Fledermaus sehr vergnügt unseren Heimweg an.
Nur kann ich beim besten Willen keine Utopie darin erkennen, wenn man einem solchen Typen wie dem Grafen einfach mal so verzeiht.
Ich auch nicht.
Abgesehen davon, ob man den Grafen verzeihen sollte oder nicht (vieles spräche dagegen); und doch kann ich Götz Friedrich verstehen, wenn er diese Stelle versucht, für sich als einen Moment aufzufassen, in der die Perspektive auf versöhnte Gesellschaft wenigstens kurz aufleuchtet, wenn auch bloß in Fata Morgana von Kunst,. Selbst, wenn ich es nicht bringe, es in dieser Weise nachzuvollziehen.. .
aber auch bei Mozart ist der Graf immer noch bösartig, küsst und streichelt 12 jährige Mädchen, ist extrem aufbrausend und eifersüchtig, trotz seiner ständigen Untreue. Also seine Figur wurde nicht wirklich abgemildert.
Wobei man spekulieren könnte, ob der Graf dabei gleichzeitig Ausstrahlung eines "Womanizers" besitzt (das macht ihn keinesfalls sympathischer). Falls ich es richtig checke, verhaspelt Susanna sich im Duett Nr. 17 mit „No“ . Ihre unbeabsichtigte Abwehr verleitet einen beim Reinziehn von Nr. 17 zur Auslegung, dass sie insgeheim sich fürchtet seiner Ausstrahlung zu erliegen..

Hosenrolle1

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136

Gestern, 21:27

Abgesehen davon, ob man den Grafen verzeihen sollte oder nicht (vieles spräche dagegen); und doch kann ich Götz Friedrich verstehen, wenn er diese Stelle versucht, für sich als einen Moment aufzufassen, in der die Perspektive auf versöhnte Gesellschaft wenigsten kurz aufleuchtet

In einer Inszenierung des Figaro, von der ich kürzlich las, wartet am Ende schon eine aufgebrachte Menge mit Guillotine auf das gräfliche Paar. Harnoncourt erwähnte in Interviews, dass Mozart die franz. Revolution zwar erlebt hat, sie in seinen Tagebüchern aber nirgends erwähnt wird. Ich finde die Idee nicht schlecht, und ehrlich gesagt gefällt mir der Gedanke, dass die Leibeigenen, die unter der Tyrannei des Adels gelitten haben, sich wehren.
Ich weiß nicht, kennst du Edgar Allan Poes Geschichte "The Mask of the Red Death"? Mir kommt das ganze Haus Almaviva ein bisschen so vor wie es in dieser Geschichte beschrieben wird.

Wobei man spekulieren könnte, ob der Graf dabei gleichzeitig Ausstrahlung eines "Womanizers" besitzt (das macht ihn keinesfalls sympathischer). Falls ich es richtig checke, verhaspelt Susanna sich im Duett Nr. 17 mit „No“ . Ihre unbeabsichtigte Abwehr verleitet einen beim Reinziehn von Nr. 17 zur Auslegung, dass sie insgeheim sich fürchtet seiner Ausstrahlung zu erliegen..

Ich weiß schon, welche Stelle du meinst. Der Graf fragt sie zweimal etwas, einmal müsste sie mit Ja, und einmal mit Nein antworten, verhaspelt sich aber. Da ist fraglich, warum sie das tut. Ist sie gedankenverloren, hat sie Angst davor, was sie gerade tut und ist nicht bei der Sache? Aufschluss könnte hier vielleicht auch die Musiksprache Mozarts geben, dass man sich anschaut, welche Motive verwendet werden. J. Kaiser meint, Susanna mogle hier offenbar mit schlechtem Gewissen; was ich mich frage ist, warum Susanna im Duettino Nr. 17 singt: "Verzeiht mir, wenn ich lüge, Ihr, die Ihr auf Liebe aus seid". Sagt sie das beiseite, also ungehört vom Grafen zu sich, oder sagt sie IHM das?
Falls sie es zu sich selbst sagt, dann finde ich es mehr als eigenartig, warum sie hier von "Liebe" spricht, wenn es dem Grafen nur um das Erjagen und Entjungfern junger Frauen geht. Da könnte ein Regisseur gerne mal die dreckige Wahrheit zeigen, wie es damals zuging.



LG,
Hosenrolle1
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Mme. Cortese

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137

Gestern, 23:20

Du wähnst, ich mutiere – was RT betrifft – mittlererweile vom Saulus zum Paulus..


Das wähne ich keineswegs. Was das angeht, bist du, glaube ich, unverbesserlich. Ich fand das Zitat deswegen so interessant, weil es genau aufzeigt, was die erwähnte Inszenierung alles vermissen lässt bzw. welch Geistes Kind sie ist.
Was die zukünftige Aida-Inszenierung des Teams Voges/Bärenklau angeht, so beweist sie in meinen Augen nur, dass es dem Noch-Intendanten Klügl nur um möglichst große Aufmerksamkeit in der Presse und nicht um eine vernünftige Inszenierung geht. Anders kann ich mir das erneute Engagement dieser Herren, die ihren damaligen Äußerungen zufolge geistig am Anfang der 70er Jahre steckengeblieben zu sein scheinen, nicht erklären. Vermutlich möchte er zum Ende seiner Amtszeit noch den Titel "Operngraus" - pardon - "Opernhaus des Jahres" ergattern, über den sich in aller Regel die Häuser mit den abartigsten Inszenierungen freuen dürfen.
Gott achtet mich, wenn ich arbeite, aber er liebt mich, wenn ich singe (Tagore)

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