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Timo

Profi

  • »Timo« ist männlich
  • »Timo« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 437

Registrierungsdatum: 23. Dezember 2017

1

Montag, 8. Januar 2018, 10:51

Bach als Opernkomponist?

Der Chor "Sind Blitze, sind Donner in Wolken verschwunden" am Ende des ersten Teiles der Matthäuspassion und die dramatische Johannespassion werden gelegentlich als Argumente dafür angeführt, dass Bach auch ein guter Opernkomponist hätte sein können. (Er hat ja alle musikalischen Gattungen, die in seiner Zeit üblich waren, komponiert, außer der Oper.)

Was haltet ihr davon? Die Frage ist natürlich sehr spekulativ.

  • »Johannes Roehl« ist männlich

Beiträge: 11 498

Registrierungsdatum: 12. August 2005

2

Montag, 8. Januar 2018, 11:51

Da die seinerzeitigen Opern kaum Chöre hatten, ist dieser Chor für mich kein so überzeugendes Beispiel. (Und "So is mein Jesus nun gefangen" mit den Choreinwürfen ist für mich überdies "opernhafter", aber auch das ist keine typische Praxis der seinerzeitigen Oper.)
Ich kenne zuwenig der französischen Oper der Zeit, weiß daher nicht, ob es Parallelen gibt (wie später der Sturm + Chor am Beginn von Glucks Iphigenie) aber in der italienischen Oper gibt es gar keine richtigen Chöre.

Näher stehen m.E. die Bauern- und Kaffeekantate dem seinerzeitigen (heiteren) Musiktheater.

Timo

Profi

  • »Timo« ist männlich
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Beiträge: 437

Registrierungsdatum: 23. Dezember 2017

3

Montag, 8. Januar 2018, 12:17

Es gibt ja auch z.B. das Dramma per Musica "Herkules auf dem Scheidewege" BWV 213, wo so Effekte wie die Echoarie "Treues Echo dieser Orten" vorkommen, die es auch in der frühen italienischen Oper gab.

Die Polyphonie und komplizierten Melodielinien von Bach passen auch nicht ganz so zu den klaren, einfachen und dramatischen Singstimmen, wie man sie beispielsweise in Händels Opernarien findet.

imhotep

Anfänger

  • »imhotep« ist männlich

Beiträge: 36

Registrierungsdatum: 1. Januar 2018

4

Montag, 8. Januar 2018, 16:49

Ich denke, das ist ein Missverständnis, das durch einen ahistorischen Blick auf die Frage entsteht. Es gibt in der Oper des 18. Jahrhunderts nichts, was diesem Chor ähneln würde. Das findet man deutlich später unter deutlich veränderten stilistischen Bedingungen (bei Mozart z.B.) und dann im 19. Jahrhundert. Hätte Bach Opern komponiert, hätte er es aber in dem Stil seiner Zeit tun müsse, nicht in einem vollkommen anderen. Ob er das gekonnt hätte, ich schwer zu beantworten. Aus diesem Chor und anderen Chören aus seinen Oratorien (die wir heute als »dramatisch« zu bezeichnen gesonnen sind) kann man das jedenfalls nicht schlussfolgern. Im Gegenteil: Es gibt auch zu Bachs Zeiten Chöre dieser Art, und zwar – in Oratorien. Wenn aus diesem und ähnlichen Chören also etwas geschlussfolgert werden kann, dann, dass Bach ein hervorragender Oratorienkomponist war – was freilich keine Neuigkeit ist.

Man weiß nicht, was Bach komponiert hätte, wenn er es versucht hätte, aber die Kantaten, die ein wenig wie Opern aussehen, weisen eher darauf hin, dass er sehr wohl gewusst hat, warum er es nicht tat. Diese wirken nämlich ganz und gar nicht dramatisch. Man vergleiche sie einfach mit ähnlichen Stücken von Händel, selbst mit solchen, die gar keine dramatische Handlung haben, wie den »Messias« oder »L’allegro, il penseroso ed il moderato«, die so voll dramatischer Kraft sind, dass sie immer wieder geradezu explodieren. Das war Bachs Sache nicht. Und vermutlich liegt das an einer Eigenheit des Theaters, die Bach kaum gefallen haben dürfte: Theater (jedenfalls in dem Sinne, in dem wir es in unserer westlichen Tradition seit dem alten Griechenland verstehen) braucht zwingend eine kräftige Prise Frivolität. Es kann ohne nicht existieren und hat ohne noch nie existiert. Und Frivolität, überhaupt Erotik ist etwas, was es bei Bach überhaupt nicht gibt (sehr wohl aber bei diversen Zeitgenosse, allen voran Händel und auf der französischen Seite Rameau). Dieses Fehlen der Erotik wirkt sich am sichtbarsten dahin aus, dass der Humor immer etwas Gequältes hat, so dass man immer froh ist, wenn davon gar keine Rede ist, was ja auch für die meisten seiner Werke zutrifft. Ich denke, Bach gehört zu den Künstlern, die sehr gut wussten, wo ihre Stärken liegen und wo nicht, und darum hat er sich gar nicht erst darauf eingelassen.