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m.joho

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Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

1

Mittwoch, 10. September 2014, 10:18

Alfredo Kraus, Grandseigneur der Tenöre

Da sich heute der Todestag dieses massgeblichen Sängers zum fünfzehnten Mal jährt, scheint mir dies eine willkommene Gelegenheit einen schon längst überfälligen Thread zu errichten.
Alfredo Kraus wurde am 24.11. 1927 in Las Palmas geboren. Nach der Schulzeit begann er ein Ingenieursstudium und entschloss sich bald zu einem Gesangsstudium, dass er MercedesLLopart (die u.a. auch Renata Scotto und Ivo Vinco betreute) in Mailand abschloss.
1956 hatte er sein Bühnendebüt als Herzog in Rigoletto und sang schon 1958 den Alfredo in Traviata mit Maria Callas, wovon es auch eine bei EMI herausgekommene Aufnahme gibt.
Zeitlebens hat Kraus sich an ein beschränktes Répertoire gehalten, was es ihm ermöglichte, bis an sein Lebensende, die stimmliche Unversehrtheit zu bewahren und ihm zu einer beispiellos langen Karriere verhalf.
Da er in den Partien des Verismo durch die dicke Instrumentierung eine stimmliche Gefahr sah, hielt er sich (etwa im Gegensatz zu Carreras) von Puccini weitesgehend fern und beschränkte sich in den ersten Jahrzehnte seiner Karriere auf den leichten Verdi (Traviata, Rigoletto, Falstaff) und auf Komponisten des Belcanto, wie Donizetti (Favorita, Lucrezia Borgia, Fille du régiment) und Bellini und auf Mozart. Diese kluge Voraussicht ermöglichte es ihm, im Alter von über 50 Jahren eine „zweite Karriere“ mit Partien des französischen Fachs zu starten, die ihm weltweite Bewunderung verschaffte.
Er wurde zu „Monsieur Werther“, Hoffmann, Roméo (Gounod), des Grieux (Manon), Faust, und dies in einem Alter, in welchem vor allem Tenöre dem Alter schon längst Tribut zahlen müssen und sich zurückziehen.
Sein Tenor zeichnet sich nie durch sinnliche Opulenz aus, wie sie einen Pavarotti oder di Stefano auszeichnete und war eine Stimme für die „happy fews“, wie es Kesting bezeichnete, die eine perfekte Gesangstechnik über die sinnlichen Reize einer Stimme stellen.
Während er in seinen jungen Jahren von den Plattenfirmen sträflichst vernachlässigt wurde (er gründete seine eigene Firma Carillon und nahm in Eigenregie etliche hervorragende Rezitals auf), konnte er ab 1980 noch viele seiner Glanzrollen diskographisch festhalten.

Einige persönliche Anmerkungen zum Schluss:
Als ich ihn 1979 in München in Rigoletto das erste Mal live erlebte war ich enttäuscht, da ich damals für den Duca das draufgängerischen Singen von Giuseppe di Stefano im Ohr hatte und Kraus mir den Eindruck eines Sängers machte, der demonstrierte wie man singen sollte und der Partie kaum Aufmerksamkeit schenkte.
Im Jahr darauf kam die Plattenaufnahme des „Werthers“ unter Plasson heraus, die ich mit dem Klavierauszug in der Hand verfolgte und ich war auch dadurch begeistert, dass ich erkannte, wie er diesem Werk (das mich mit Dvorsky und Carreras grauslich gelangweilt hatte) eine unglaubliche Dimension gab, indem er notenmässig jede Nuance nachvollzog, und es dadurch in die Nähe von Wagners Tristan rückte.
Seit ich ihn dann in Zürich als Hoffmann erlebt und seine strahlende Spitzentöne gehört hatte, war ich ihm „verfallen“ und habe seine Vorstellungen bis ein Jahr vor seinem Tod (Lucia) mit gleich bleibender Begeisterung besucht. Nie konnte ich es nachvollziehen, dass ihm gewisse Kritiker eine gewisse „Kälte“ und Unnahbarkeit vorwarfen.

Von den drei grössten Tenören (Bergonzi, Gedda und Kraus), der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts, war er für mich nicht zuletzt auch durch seine ästhetische Erscheinung der herausragendste und ich verdanke ihm, dass er mir als damals überzeugtem Wagnerianer eine ganz neue Sorte von Musik eröffnet hat.

Don_Gaiferos

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Registrierungsdatum: 4. Juni 2013

2

Mittwoch, 10. September 2014, 11:35

Lieber m.joho,

danke für die schöne Würdigung dieses bedeutenden Sängers! Gerade im französischen Fach mag ich ihn sehr, als Werther ist er absolut herausragend. Zudem hat er auch hervorragende Aufnahmen mit Zarzuelas vorgelegt; ähnlich, wie Fritz Wunderlich jede noch so schmalzige Operette durch seine Stimme und seine Art zu singen in etwas Besonderes verwandeln konnte, hatte Alfredo Kraus eine ähnliche Gabe und adelte jede Zarzuela, die er interpretierte.



Auch diese Einspielung wurde im hohen Alter gemacht und ist ein weiterer, staunenswerter Beweis, dass don Alfredo trotz jahrzehntelanger Karriere bis zuletzt toll gesungen hat.



NIemand, der einmal gehört hat, mit welch überwältigendem Temperament und duende Kraus Manuel de Fallas "tus ojillos negros" singt, würde ihn als "kalt" bezeichnen.



Nie konnte ich es nachvollziehen, dass ihm gewisse Kritiker eine gewisse „Kälte“ und Unnahbarkeit vorwarfen.
Da kann ich nur beipflichten; seine makellose Technik sowie seine aristokratische Ausstrahlung mögen ihm das Attribut der "kalten Perfektion" eingebracht haben, ich empfinde diese Einschätzung der Kälte und Unnahbarkeit jedoch als völlig unzutreffend.


Sein Tenor zeichnet sich nie durch sinnliche Opulenz aus
Das würde ich so nicht sagen. "Opulent" im Sinne von schwer, voluminös und extrem umfangreich würde ich auch nicht sagen, "sinnlich" würde ich aber auf jeden Fall als Qualität für seine Stimme gelten lassen.

lutgra

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  • »lutgra« ist männlich

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Registrierungsdatum: 9. April 2013

3

Mittwoch, 10. September 2014, 15:13

Von den drei grössten Tenören (Bergonzi, Gedda und Kraus), der zweiten Hälfte des 20ten Jahrhunderts, war er für mich nicht zuletzt auch durch seine ästhetische Erscheinung der herausragendste und ich verdanke ihm, dass er mir als damals überzeugtem Wagnerianer eine ganz neue Sorte von Musik eröffnet hat.

Auch von mir Dank für diese schöne Würdigung. Von allen Tenören, die ich live erleben durfte, war er mir der liebste. Seine Auftritte an der Met als Hoffmann und Edgardo werden mir immer im Gedächtnis bleiben. Wenn ich sein Un'aura amorosa aus Cosi van tutte unter Böhm höre, läuft mir jedesmal ein Schauer über den Rücken.

rodolfo39

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  • »rodolfo39« ist männlich

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Registrierungsdatum: 7. Oktober 2010

4

Mittwoch, 10. September 2014, 15:59

Ich habe von ihm mehrere Video Kassetten wo er u.a. den Herzog in Rigoletto, den Hoffmann und den Werther singt. Hatte er eigentlich auch den Calaf im Repertoire ? Ness un dorma habe ich von hm bislang noch nie gehört .

Joseph II.

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  • »Joseph II.« ist männlich

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Registrierungsdatum: 29. März 2005

5

Mittwoch, 10. September 2014, 16:14

Ich habe von ihm mehrere Video Kassetten wo er u.a. den Herzog in Rigoletto, den Hoffmann und den Werther singt. Hatte er eigentlich auch den Calaf im Repertoire ? Ness un dorma habe ich von hm bislang noch nie gehört .

Nessun dorma gibt's zumindest als Studioaufnahme; aber ich glaube, er sang ihn nicht auf der Bühne.
»Finis coronat opus.« (Das Ende krönt das Werk.) – Ovid

m.joho

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Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

6

Mittwoch, 10. September 2014, 16:31

Er hat um den Kalaf einen ebenso grossen Bogen gemacht, wie um die anderen Puccini-Partien. Den Rodolfo hat er für die EMI eingespielt, den Cavaradossi hat er zu Beginn seiner Sängerlaufbahn nur zwei Mal aus Karrieregründen, um einen Vertrag zu erfüllen, auf der Bühne dargestellt. Die Arie "nessun dorma" gibt es auf einer der genannnten Carillon-Rezitals.

Manfred

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  • »Manfred« ist männlich

Beiträge: 3 051

Registrierungsdatum: 19. November 2010

7

Donnerstag, 11. September 2014, 18:12

Meine erste Schallplatte von Alfredo Kraus war diese:



Das von Franco Patanè betreute Recital bietet viele musikalische Kostbarkeiten. Zwei möchte ich an dieser Stelle nennen: "Il piccol legno" aus Rossinis "W. Tell" singt er unfassbar schön. Jürgen Kesting sagt hierzu: "Kraus' Kehle verwandelt sich auf magische Weise in eine silberne Trompete ..." Vielleicht noch besser: "O muto asil del pianto", ebenfalls aus "W.Tell". Hier zieht Alfredo Kraus alle Register seiner phänomenalen Gesangstechnik und krönt die Arie am Schluss mit einem hohen Es (!!) Aber nicht allein wegen des Spitzentons gehört diese Aufnahme in die "Hall of Fame" des Tenorgesangs!
"Menschen, die nichts im Leben empfunden haben, können nicht singen."
Enrico Caruso

"Non datemi consigli che so sbagliare da solo".
("Gebt mir keine Ratschläge, Fehler kann ich auch allein machen".)
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Registrierungsdatum: 10. Januar 2011

8

Donnerstag, 18. September 2014, 12:40

Hallo,

m.joho ist sehr zu danken, daß er an den Belcanto-Großmeister Alfredo Kraus erinnert hat! Durch Kraus lernte ich erst, was ein richtiger Tenore di Grazia ist! In den letzten 50 Jahren war es leider so, daß berühmte Tenöre über lyrische italienische und französische Partien, Edgardo, Nemorino, Alfredo Germont, Herzog von Mantua, Faust, Romeo, Chevalier des Grieux, Werther, den dramatischen Mantel des Verismo stülpten und ihnen dadurch den Charakter raubten. Alfredo Kraus gab diesen Partien ihre Aura und Würde zurück, durch seine stupende Technik und Sangeskunst. Ganz besonders als Rossinis Almaviva, Verdis Herzog von Mantua, Massenets Werther und Bellinis Arthuro konnte ihm, meines Erachtens, in den letzten 50 Jahren kein Kollege folgen. Wie sehr er noch in fortgeschrittenem Alter mit seinen technischen und stilistischen Möglichkeiten über deutlich jüngeren Kollegen stand, zeigt seine Studioaufnahme von La Traviata von 1992: Kraus wurde, mit immerhin 65, als Juwel des Ensembles bezeichnet. Dem ursprünglich für die Gesamtaufnahme vorgesehenen Jose Carreras, damals 46, standen offensichtlich die stimmlichen Mittel für die zwar anspruchsvolle, aber doch gängige Partie des Alfredo Germont nicht mehr zu Gebote!

Gruß,

Antalwin

William B.A.

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9

Donnerstag, 10. September 2015, 14:14

Zum heutigen Todestag habe ich aus meiner Sammlung die Traviata ausgesucht und die Brindisi von Youtube beigefügt:



Heute ist Alfredo Kraus' 16. Todestag.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

William B.A.

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10

Donnerstag, 24. September 2015, 17:47

Und heute ist sein Geburtstag, wozu ich auch Verdi aus meiner Sammlung habe:





Alfredo Kraus wäre heute 88 Jahre alt geworden.

Liebe Grüße

Willi :)
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William B.A.

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11

Freitag, 24. November 2017, 15:59

Jetzt verstehe ich auch, warum Alfred im Clara Schumann-Thread gerade sagte, dass seiner Ansicht nach deas Thread-Directory kaum genutzt wird. Selbst bei einem so berühmten Tenor wie Alfredo kraus geschieht das, und slebst heute:



Alfredo Kraus wäre heute 90 Jahre alt geworden.




Dies war jetzt das dritte Posting hinereinander, das nur von mir stammt und nur an Alfredo Kraus erinnerte.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
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William B.A.

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12

Freitag, 24. November 2017, 16:01

Wenigstens hat Stimmenliebhaber den Ball aufgegriffen und vor 20 Minuten in seinem neuen Thread einen Beitrag über Alfredo Kraus verfasst.

Vielen Dank, Stimmenliebhaber.

Willi
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
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Stimmenliebhaber

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Registrierungsdatum: 3. Dezember 2012

13

Freitag, 24. November 2017, 16:09

Vielen Dank, Stimmenliebhaber.
Bitte, lieber Willi! Und in ein paar Wochen kann dieser Beitrag (und etwaige Reaktionen darauf) gerne hierher verschoben bzw. kopiert werden. :hello:
Beste Grüße vom "Stimmenliebhaber"

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