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hart

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481

Freitag, 15. September 2017, 19:08

Bruno Walter - *15. September 1876 Berlin - † 17. Februar 1962 Beverly Hills, Kalifornien, USA

Ich weiß zwar, dass, eben weil die Familie nach der Emigration lange Zeit in Sorengo lebte, der Wunsch, in der Schweiz begraben zu sein, eigentlich naheliegend war. Aber warum ausgerechnet auf dem Friedhof von St. Abbondio in Gentilino, am Hang der Collina d´Oro? Den kenne ich als kleine sepulchrale Idylle zwar gut, die kleine Kirche mit ihrem zypressengesäumten Zuweg gegenüber hat mich immer wieder beeindruckt, - das aber kann doch für Bruno Walter nicht das Motiv gewesen sein, dort seine letzte Ruhestätte zu finden?!

Das Zitat stammt von einem Beitrag (Nr. 309), der im Oktober 2015 eingestellt wurde. Vordem hatte moderato (Nr. 306) ein Foto vom Grab Bruno Walters gezeigt.
Heute ist der Geburtstag von Bruno Walter, ein Anlass, etwas mehr über sein Leben auszusagen.


Wenn man auf der Suche nach dem Friedhof von unten kommt, bietet sich zunächst dieses Bild, links der Straße; auf der rechten Straßenseite befindet sich der Friedhof mit den Gräbern von Hermann Hesse und Bruno Walter.


Gegenüber der Zypressenallee befindet sich der Friedhofseingang. Gleich nach dem Eingang findet man eine Stele mit dem Friedhofsplan und der Bezeichnung von Gräbern bekannter Persönlichkeiten. Zum Grab von Bruno Walter hält man sich links, das Grab von Hermann Hesse befindet sich auf der rechten Seite des Friedhofs.




Sein Geburtsname war Bruno Walter Schlesinger; er stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie und war das zweite von insgesamt drei Kindern seiner Eltern. In der Nähe vom Alexanderplatz wurde er geboren. Der Vater war Buchhalter, die Mutter spielte Klavier, sie hatte am Sternschen Konservatorium studiert. Noch im Kindesalter, mit acht Jahren, begann Bruno mit dem Klavierstudium und hatte schon als Neunjähriger seinen ersten öffentlichen Auftritt als Pianist. Etwas später kam das Interesse am Dirigieren dazu, was wesentlich durch die Bewunderung des jungen Bruno Walter Schlesinger für den Dirigenten Hans von Bülow geweckt wurde, als er diesen mit den Berliner Philharmonikern hörte.

Seine erste Anstellung fand Bruno Walter Schlesinger am Kölner Opernhaus als Korrepetitor; dort wurde er von dem wendigen Hamburger Opernchef Bernhard Pollini entdeckt und für die Spielzeit 1894/95 nach Hamburg geholt, wo Gustav Mahler zu dieser Zeit Kapellmeister war. Mahler fand Gefallen an dem jungen Mann, dessen Wirken für ihn eine wesentliche Erleichterung bedeutete, weil dieser immer mehr Aufgaben übernahm; bald war er zum Chordirektor aufgestiegen und wurde in seinem letzten Hamburger Vertragsjahr sogar noch Kapellmeister. Seit diesen Tagen entwickelte sich ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis der beiden Musiker zueinander - nach Mahlers Tod galt Bruno Walter als der kompetenteste Interpret von Mahlers Werken.
Mahler erkannte die große dirigentische Begabung des um sechzehn Jahren Jüngeren und förderte dessen Karriere nach Kräften und ebnete dem jungen Mann den Weg nach Breslau. Zu diesem Zeitpunkt verabschiedet sich der aufstrebende Dirigent von dem Namen Schlesinger und nennt sich fortan Bruno Walter. Es folgte ein Wechsel nach Preßburg, und vor seinem Engagement ins damals russische Riga konvertierte Walter zum Katholizismus.

Erst 1901 folgt er Gustav Mahler, der in Wien Operndirektor geworden war, in die österreichische Metropole. Neben seinem Familiennamen legt er nun auch noch seinen Bart ab, denn Mahler gab ihm praktisch den dienstlichen Befehl: »Rasieren Sie Ihren Bart ab, ehe Sie in Wien eintreffen«. Der Herr Hofoperndirektor hatte den nunmehr 24-jährigen Bruno Walter als Kapellmeister engagiert. Auch im privaten Bereich gibt es für Walter eine Veränderung, er heiratet die Sopranistin Elsa Korneck.
Zu dieser Zeit komponiert Walter auch noch und arbeitet eng mit Musikern wie zum Beispiel Schönberg und Zemlinsky zusammen.

Zwölf Jahre war Bruno Walter in Wien Erster Kapellmeister, dann wechselte er nach München, wo Felix Mottl 1911 überraschend gestorben war. Richard Strauss hatte den Wiener Kapellmeister empfohlen. Bereits am 20. November 1911 fand in der Münchner Tonhalle die Uraufführung von Mahlers »Das Lied von der Erde« statt, dessen Aufführung Gustav Mahler nicht mehr erleben konnte, es war Bruno Walter vorbehalten dieses Werk aus der Taufe zu heben.
Schon vor seinem offiziellen Amtsantritt - im Verlauf der Münchner Festspiele 1912 - hatte er dort einige Aufführungen dirigiert. Nun war Walter an einem großen Ziel angelangt, er hatte die musikalische Leitung eines großen und bedeutenden Opernhauses inne.
Und Bruno Walter setzt hier Maßstäbe; er leitet im Mai1914 die Münchner Erstaufführung des »Parsifal« - die Schutzfrist war gerade abgelaufen, denn vordem war das Werk ausschließlich dem Aufführungsort Bayreuth vorbehalten.

Walter fühlte sich aber auch den zeitgenössischen Werken verpflichtet. So kommt es dann auch 1917 in München zur Uraufführung von Pfitzners Werk »Palestrina«. Bruno Walter ist seit Jahren mit Hans Pfitzner befreundet, in späteren Jahren muss diese Freundschaft dann einiges aushalten.

Walter hatte in München großen Erfolg, hatte vieles voran gebracht, dirigierte an drei Opernhäusern und hat die Presse begeistert. Außerhalb Münchens entwickelte Walter zudem eine ausgedehnte Gastspieltätigkeit und dirigiert in Berlin, Österreich, Italien, Frankreich, England ...
Aber das konnte auf Dauer nicht so bleiben, die Stimmung trübte sich in München ein, einmal mehr kam es zum Disput über die richtige Wagner-Interpretation. Thomas Mann sieht sich genötigt seinen Nachbarn - die Familien leben dicht beieinander - öffentlich zu verteidigen.
Die Probleme in München summierten sich, da war Antisemitismus, wirtschaftliche Schwierigkeiten und einiges mehr; Bruno Walter wurde krank, der rechte Arm war betroffen, Walter konnte und mochte nicht mehr, im Oktober 1922 stellte er sein Amt zur Verfügung.

Im Februar 1923 hatte Walter mit dem New York Symphonie Orchestra sein Debüt in der Carnegie Hall und war in vielen amerikanischen Städten und Kanada auch mit anderen Orchestern präsent.

Ab 1925 ist Bruno WalterGeneralmusikdirektor der Städtischen Oper Berlin-Charlottenburg, also wieder in seiner Heimatstadt tätig, wo er diese Position bis 1929 ausübt. 1925-37 dirigiert er auch bei den Salzburger Festspielen und im Sommer 1926 erstmals an der Mailänder Scala.
Als Bruno Walter die Städtische Oper Berlin verlässt und 1929 in Leipzig Nachfolger von Furtwängler als Gewandhauskapellmeister wird, sind ihm hier nur wenige Jahre vergönnt, das politische Umfeld verdüsterte sich immer mehr. Am 7. März 1933 gab es bereits an der Dresdner Oper einen Riesenskandal, als der Dirigent Fritz Busch bei einer »Rigoletto«-Aufführung am Dirigieren gehindert wurde.
Als Bruno Walter am 16. März 1933 zu seinem Arbeitsplatz im Gewandhaus wollte, um ein Konzert zu dirigieren, durfte er auf Anordnung der Polizei das Haus nicht mehr betreten, als Grund nannte die Behörde »die Volksstimmung«.
Bruno Walter konnte noch erleben, dass ihm 1957 der Arthur-Nikisch-Preis der Stadt Leipzig zuerkannt wurde und er im September 1961 die Anerkennung als Ehrenmitglied des Gewandhaus-Orchesters erhielt.

Bruno Walter hatte sich einen guten Namen erarbeitet und somit keine Schwierigkeit im Ausland seinen Beruf auszuüben und sich dort bejubeln zu lassen. »Deutschland hat seinen größten Dirigenten dem Rest der Welt geschenkt«, schrieb eine englische Zeitung. In Amsterdam bereitete man ihm einen überwältigenden Empfang, 1934-1938 war er Gastdirigent beim Concertgebouw Orchester in Amsterdam; und auch das Wiener Publikum applaudierte beim ersten Konzert des aus Deutschland vertriebenen Dirigenten eine halbe Stunde lang. Walter ging nach Österreich, nach Wien, wo er sich eigentlich nicht fremd fühlen musste, von 1936 bis 1938 war er ja bereits Dirigent an der Wiener Staatsoper gewesen.
1944 schreibt Bruno Walter in seinen Erinnerungen, dass er seiner Seele nach ein Wiener gewesen sei; den Wiener Philharmonikern vermachte er testamentarisch 60 000 Dollar.

1938 erreicht ihn auf einer Konzertreise in Amsterdam die Nachricht, dass die deutsche Wehrmacht in Österreich einmarschiert ist, was dort von einer erklecklichen Mehrheit freudig begrüßt wurde. Nach dem erfolgten »Anschluss« lebte Walter mit seiner Familie bis 1939 in Lugano. Ein Schicksalsschlag von besonderer Wucht traf Walters Familie im August 1939. Tochter Gretel war seit 1933 mit dem Filmproduzenten Robert Neppach verheiratet, die Ehe war nicht glücklich. Gretel hatte ihren Ehemann verlassen und eine Beziehung zu dem italienischen Opernsänger Ezio Pinza - der ein ganz großer Sänger war - aufgebaut.

Neppach hatte seine Frau zu einer Aussprache nach Zürich gebeten. Erika Mann, die alte Freundin aus Münchner Jugendtagen, hatte Gretel in böser Vorahnung noch von diesem Treffen abgeraten, erfolglos - Neppach erschießt seine Frau und dann sich selbst. Erika und ihr Bruder Golo nehmen an der Trauerfeier teil; auch Arturo Toscanini und Adolf Busch waren unter den Trauergästen. Bruno Walter spielte sich und den Anwesenden zum Trost den ersten Satz aus Beethovens Mondscheinsonate.
1942 stand Walter am Pult der »Met« in New York und dirigierte »Don Giovanni«, der Bariton Ezio Pinza sang die Titelrolle ...

1939 verlässt Bruno Walter Europa; von Genua aus geht es mit dem Schiff nach Amerika, wo sich die Familie in Los Angeles im Stadtteil Beverly Hills niederlässt. Dort trifft man viele andere emigrierte Künstler – teilweise kannte man sich seit Jahrzehnten. In den 1920er Jahren war Thomas Mann in München ein Nachbar von Walter gewesen, nun wohnten sie in Kalifornien auch nicht allzu weit voneinander entfernt.
Da Bruno Walter schon vor seiner Emigration ein international bekannter Dirigent war, half ihm seine Bekanntheit beruflich schnell in den USA Fuß zu fassen. Er hatte Angebote der größten Orchester der USA und widmete sich neben dem großen sinfonischen Repertoire vor allem dem Komponisten Gustav Mahler. Los Angeles und New York wurden zu seinen wichtigsten Auftrittsorten, darüber hinaus dirigierte er in weiteren Städten der USA und in Kanada.

Schätzungen gehen davon aus, dass in der Zeit des »Dritten Reiches« mindestens 1500 europäische Musiker über den Atlantik geflüchtet sind, man spricht vom größten Talenttransfer der Weltgeschichte.
Als Walter floh, war Arnold Schönberg schon seit fünf Jahren in den USA. Dort, in Kalifornien, lebten inzwischen auch die Komponisten Erich Wolfgang Korngold und (zeitweilig) Hanns Eisler, während Paul Hindemith 1940 nach Connecticut ging. Im selben Jahr kamen Darius Milhaud aus Frankreich und Béla Bartók aus Ungarn. Es kamen Igor Strawinsky, Kurt Weill , die Dirigenten Otto Klemperer und Erich Leinsdorf, Pianisten wie Rudolf Serkin und Arthur Schnabel, Geiger wie Adolph Busch und Bronislav Huberman und ganze Ensembles wie das Kolisch-Quartett aus Wien . Dazu berühmte Musiker des leichten Genres, der Operettenkönig Emmerich Kálmán oder Friedrich Hollaender, der Komponist des Blauen Engels, und rund neunzig Musikwissenschaftler.

Im privaten Bereich konnten die Walters in Amerika an die alte Tradition der guten Nachbarschaft aus Münchner Tagen anknüpfen. Zwischen Thomas Mann und Bruno Walter hatte sich eine Freundschaft entwickelt, die nach außen dadurch sichtbar wurde, dass man sich duzte. Bruno Walter beriet auch Thomas Mann in Sachen Musik, bevor Adorno in dieser Funktion tätig war.
Mit Bruno Walters Ehe stand es zu dieser Zeit offenbar nicht zum Besten, was durch eine Äußerung Thomas Manns dokumentiert ist, der Walters Ehe als »Waltersche Hölle« bezeichnete.

In dieser Situation hatte nun Erika Mann ihren großen Auftritt, sie verliebte sich in Bruno Walter, eigentlich bewunderte sie schon als Zehnjährige in München den berühmten Nachbarn, aber jetzt war Erika Mitte dreißig und Bruno Walter Mitte sechzig. Erika Mann hatte vordem einige Liebschaften, war mit Gustav Gründgens verheiratet gewesen, aber Bruno Walter war die Liebe ihres Lebens. Sie selbst bezeichnete das alles als ein »Feistes Stück aus des Teufels Tollkiste«. Für das Liebespaar war das ein Ritt auf der Rasierklinge, niemand durfte etwas davon erfahren, dennoch kannte Erikas Mutter das Geheimnis ... gegenüber dem Hausherrn galt die allerhöchste Geheimhaltungsstufe, Thomas Mann hatte von all dem nicht die leiseste Ahnung. Walters Frau Elsa hatte zumindest eine Ahnung, denn es soll im Hause Walter 1944 zu heftigen Szenen gekommen sein.
Erika Mann und Bruno Walter hatten ihre heimliche Beziehung bereits beendet, als sich der Zustand von Walters Ehefrau immer mehr verschlechterte. Nach mehrmonatigem Siechtum starb Elsa Walter 1945 an den Folgen eines Schlaganfalls, aber Bruno Walter mochte keine neue Ehe eingehen. Als er zusammen mit seiner Tochter Lotte zu Konzerten nach Zürich und Wien reiste, fühlte sich Erika beiseitegeschoben und war gekränkt. Bruno Walter wollte wieder in die alte Position der väterlichen Freundschaft zurückkehren.

Nach außen wurde das so sichtbar, dass er die Sängerin Delia Reinhardt, die er schon 1915 entdeckt hatte, und die schon in München seine Geliebte war, zu sich nach Kalifornien holte und ihr ganz in seiner Nähe ein Haus kaufte. Delia Reinhardt sang bis in die frühen 1930er Jahre an fast allen bedeutenden Opernhäusern; 1922-24 stand sie in zehn großen Partien auf der Bühne der Metropolitan Oper New York. 1943 verlor sie bei einem Bombenangriff in Berlin ihr gesamtes Hab und Gut. Durch die Vermittlung von Richard Strauss fand sie bei einer Sängerin in Garmisch-Partenkirchen eine Bleibe. Hier machte sie Bekanntschaft mit dem Dichter Oskar Franz Wienert, der ihr Einblicke in die Anthroposophie vermittelte.
Da ihre Stimme nicht mehr tragfähig war, wandte sie sich der Malerei zu und gab ihr anthroposophisches Wissen an Bruno Walter weiter, der sich diesen Gedanken gegenüber sehr aufgeschlossen zeigte. In seinem Buch »Von der Musik und vom Musizieren« findet sich am Ende ein Bekenntnis zur Anthroposophie.

Der 80. Geburtstag von Thomas Mann war eine große Sache, drei Tage lang wurde gefeiert, in der Schweiz, wohin die Manns inzwischen zurückgekehrt waren. Auch im Zürcher Schauspielhaus wurde gefeiert; Überraschungsgast war Bruno Walter, der eigens zu diesem Termin aus Amerika eingeflogen war, um auf der Bühne Mozarts Kleine Nachtmusik zu dirigieren.

Auch Bruno Walter kam wieder für immer in die Schweiz zurück. Seinem Wunsch entsprechend, wurde er auf dem Friedhof Sant´ Abbondio in Gentilino, nahe Montagnola, zu seiner letzten Ruhe gebracht. Die Beisetzung der Urne erfolgte durch den Priester der Christengemeinschaft Rudolf Mayer.


Das Foto zeigt den Zustand des Grabes im Sommer 2017, vermutlich ist eine Neuanlage geplant ...


Aus den Daten ergibt sich, dass das Grab seit 1939 bestehen könnte.

La Roche

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482

Samstag, 16. September 2017, 14:19

Lieber hart,

danke für Deinen umfassenden Beitrag zu Bruno Walter. Immer, wenn ich im Gewandhaus bin, stehe ich staunend und bewundernd vor der Gedenktafel derer, die als Gewandhauskapellmeister Geschichte geschrieben haben. Die Klangfülle der Namen ist für mich immer ein Beweis dafür, daß das GWO in seiner langen Geschichte immer zu den führenden Orchestern der Welt gehört hat und immer noch gehört.

Herzlichst La Roche
Ein Gespräch setzt voraus, daß der andere Recht haben könnte. Gadamer

Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

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483

Samstag, 16. September 2017, 18:28

Vielen Dank, lieber hart. Du hast mir die Wiederbegegnung mit einem Ort und mit einer Person ermöglicht, die zu den bedeutsamen Erfahrungen in einer nun lange zurückliegenden Lebenszeit gehören. Zu meinen unzähligen Fahrten nach Italien gehörte auf der Rückreise obligatorisch die Rast in Montagnola mit dem Besuch der „Casa rossa“ Hesses und seines Grabes auf dem Friedhof in Sant´ Abbondio. Bei den letzten Reisen hab ich das dann allerdings unterlassen. Die Verwandlung, die die ehedem so stille Welt dort genommen hatte, war zu verstörend und deprimierend.

So, wie auf Deinem Foto zu sehen, sah die Grabstätte übrigens nicht aus, als ich in den späten sechziger Jahren erstmals davorstand. Es gab nur den Grabstein, schlicht eingefasst und ohne Buchsbaumhecke drumherum. Selbst an das Kreuz daneben kann ich mich nicht erinnern. Diese Unscheinbarkeit an abgelegen stillem Ort war es ja, was mich so in Erstaunen versetzte, so dass ich´s gar nicht glauben wollte, als mein Blick beim Schlendern über den Friedhof zufällig auf den Grabstein mit dem Namen „Bruno Walter“ fiel.

  • »Hosenrolle1« ist männlich

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484

Samstag, 16. September 2017, 18:39

Ich besitze zwar auch einige Fotos von Grabstätten berühmter Komponisten sowohl aus Wien als auch Berlin, aber von der Tatsache mal abgesehen, dass sie nach über 40 Jahren recht unansehnlich sind, wüßte ich sie hier im Forum auch nicht einzustellen. Die Technik halt...

Ich restauriere gerne alte Bilder. Wenn "unansehnlich" bedeutet, dass sie etwa rot- oder gelb- oder blaustichig sind, oder Kratzer oder so drauf sind, kann ich ja versuchen sie zu reparieren.



LG,
Hosenrolle1
„Gewohnheit, Sitte und Brauch sind stärker als die Wahrheit.“ (Voltaire)

Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

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485

Samstag, 16. September 2017, 19:49

Zu diesem Nachtrag ist mir zumute:
Das, was hart hier in diesem Thread zum Tamino-Forum beiträgt, ist, wie mir gerade aus gegebenem Anlass auf nachdrückliche Weise bewusst wurde, eine überaus verdienstvolle und uns alle bereichernde Sache, für die man sich gar nicht genug bedanken kann.

hart

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  • »hart« ist männlich

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486

Samstag, 16. September 2017, 23:07

Wenn man so einen kompetenten und ortskundigen Leser hat, fordert der gespendete Beifall natürlich eine Zugabe heraus - hier noch eine Totalansicht vom derzeitigen Zustand der Grabanlage Bruno Walters und eine aktuelle Ansicht des Grabes von Hermann Hesse, der hier ja weit prominenter ist als Bruno Walter.






  • »Christian Biskup« ist männlich

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487

Mittwoch, 20. September 2017, 15:11

Ture Rangström - *30. November 1884 Stockholm - † 14. Mai 1947 Stockholm

Liebe Taminos,

diesen Sommer verbrachte ich mal wieder in Schweden - eine kleine Rundreise führte mich von Malmö, nach Göteborg, von dort nach Stockholm und in letzter Etappe wieder in den Süden nach Ystad. Auf jener Etappe machte ich einen kleinen Stop im Örtchen Gryt, direkt an der schwedischen Ostküste. Hier reiht sich Schäreninsel an Schäreninsel - und eine dieser zahlreichen Insel bekam der Komponist Ture Rangström vom schwedischen Staat geschenkt. Rangström, der als "Sturm- und Drangström" als einer der großen Spätromantiker seines Landes in die Musikgeschichte einging, liebt das Meer, die Inseln und das Segeln. Wohl deshalb hat man ihn nach seinem langen Krebsleiden in Gryt bestattet, von wo er immer seine Überfahrt auf die Inseln began. Das Meer spielte auch in seinem Schaffen eine große Rolle. So schrieb er beispielsweise die sinfonische Dichtung "Havet sjungar" (Das Meer singt) oder seinen großen Gesangszyklus "Havets sommar" (Sommer am Meer). Heute ist es jedoch in ersten Linie in Deutschland aufgrund seiner hoch expressiven Sinfonien bekannt, während sein Heimatland ihn als Liedkomponist schätzt. Seine erfolgreiche Oper "Kronbruden" wurde erst dieses Jahr aufgeführt und zeichnet ihn erneut als großen Tonkünstler aus.
Rangströms Grab ist schlicht, es befindet sich ganz am äußersten Rand des alten Friedhofs, hinter der Kapelle im Schatten von Bäumen.









LG Christian

hart

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488

Freitag, 22. September 2017, 17:00

»Katharina« - Katharina Klafsky - *19. September 1855 in St. Johann – † 22. September 1896 Hamburg


Zum heutigen Todestag von Katharina Klafsky



Wenn man das gewaltige künstlerische Schaffen von Katharina Klafsky Revue passieren lässt, könnte man ein ungewöhnlich langes Leben vermuten, aber die Sängerin durfte nur 41 Jahre alt werden.

Ihr Geburtsort liegt im heutigen Ungarn, unweit der Grenze zu Österreich. Sie war armer Leute Kind, der Vater war Schuhmacher. Als Achtjährige sang sie bereits im Kirchenchor und wurde mitunter schon mit kleinen Sopran- und Altsoli betraut, so dass auch fremde Musiker, die am Ort weilten, auf die Stimme aufmerksam wurden.
In dieser Zeit starb Katharinas Mutter. Als der Vater 1870 nochmals heiratete, drängte es Katharina hinaus in die weite Welt, aber zunächst kam sie nur bis Ödenburg, dem heutigen Sopron, wo sie als Hausgehilfin arbeitete. Schon nach einigen Wochen zog sie weiter nach Wien, wo sie eine Stelle als Kindermädchen fand. Dort hörten die Hausbewohner den Gesang des Mädchens offenbar als außergewöhnlich und nannten sie »Nachtigall«.
Auch ihre Arbeitgeberin erkannte das Talent und empfahl sie dem Organisten der St. Elisabeth-Kirche, der dem Mädchen entsprechende musikalische Weiterbildung vermittelte und sie weiterempfahl. So kam sie1873 unter die Fittiche von Wilhelm Hasemann, der Direktor der Komischen Oper Wien war. Nach einem Jahr erhielt sie hier als Chorsängerin ein Monatsgehalt von 30 Gulden.
Der Konzertmeister Joseph Hellmesberger vermittelte Katharina an die damals sehr bekannte Wiener Gesangspädagogin Mathilde Marchesi de Castrone, die aus Frankfurt stammte und ursprünglich Graumann hieß; das Geld für diesen Unterricht wurde durch Spenden wohlhabender Leute aufgebracht.

Nach zwei Jahren kehrte Katharina Klafsky Wien den Rücken; sie hatte eine Anstellung als Choristin am Salzburger Stadttheater gefunden, wo sie aber auch schon in kleineren Solo-Rollen hervortreten durfte und zum Beispiel die erste Brautjungfer im »Freischütz« singen durfte. Das monatliche Einkommen beträgt hier immerhin 49 Gulden und 50 Kreuzer, es wäre interessant zu erfahren, warum das keine runden 50 Gulden sein durften ...

1876 heiratet die junge Sängerin den Kaufmann Liebermann; das Paar zieht nach Leipzig, Katharina bekommt in dieser Zeit zwei Söhne, dann ist diese Ehe aber recht bald zerbrochen und wird geschieden.
Der Leipziger Theaterdirektor Angelo Neumann engagiert Katharina Klafsky für den Chor und kleinere Rollen. Auch in Leipzig feilte sie weiter an ihrer Gesangsqualität und sang 1879 ihre erste größere Rolle, das war die Waltraute. In der folgenden Zeit sang sie in Leipzig die Brangäne in der Premiere von Wagners »Tristan und Isolde« und gab sehr erfolgreich die Venus in »Tannhäuser«.
Eine Tournee brachte sie in der Saison 1882/83 nach Breslau, Danzig, Berlin und Turin, wo sie so schwer erkrankte, dass sie ihre Bühnentätigkeit unterbrechen musste. Gegen den Rat der Ärzte kehrte sie zu ihren Kindern, die in Pflege waren, nach Leipzig zurück und nahm ein Engagement in Bremen an. Ihr erster Auftritt dort, im September 1883, als Leonore in »Fidelio«, war ein voller Erfolg.
Dieser Erfolg kam nicht von ungefähr, stets arbeitete die Sängerin an der Vervollkommnung ihrer Gesangstechnik und holte sich das notwendige Rüstzeug bei Joseph Sucher, Friedrich Rebling, Paul Geisler und Julius Hey.

In der Folgezeit wuchs der Bekanntheitsgrad von Katharina Klafsky durch Gastspiele in Hamburg, Berlin und Wien, die von namhaften Kritikern mitunter enthusiastisch kommentiert wurden. So schrieb der bekannte Komponist und Musikschriftsteller Ludwig Meinardus:

»Frau Klafsky zeigte sich in der Partie der Leonore als ein seltenes, hochbedeutendes Gesangs-Genie, das es vermag, die heftigsten wie die leisesten Erschütterungen auf der Harfe eines tiefangelegten Gemütslebens erklingen zu lassen. Man bewegte sich mit ihr stets in der Sphäre tiefster Ergriffenheit.«

Nachdem sie in der Wintersaison 1885/86 sechzigmal aufgetreten war, betrat sie Ende April 1886 vorerst das letzte Mal die Bühne in Bremen, aber kehrte immer mal wieder zu Gastvorstellungen nach Bremen zurück. In Bremen hatte sie den Bariton Franz Greve kennengelernt, einen gebürtigen Westfalen, der vordem an den Theatern in Zürich, Mainz und Basel beschäftigt war und 1885 an das Bremer Haus kam. Man fand aneinander Gefallen, das nächste gemeinsame Engagement war in Hamburg, dort wurde geheiratet und zu den beiden Söhnen aus erster Ehe gesellte sich dann noch eine Tochter.

Katharinas Antrittsrolle an der Hamburger Oper war die Isolde in »Tristan«; sie blieb dem Haus bis 1895 erhalten und befand sich nun auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Auch Franz Greve konnte in Hamburg erfolgreiche Auftritte in maßgebenden Rollen verbuchen, aber er musste die Bühne, erst 48-jährig, für immer verlassen, er starb am 12. Mai 1892.
Nach dem Tod ihres Gatten blieb Katharina Klafsky - sie hatte immer an ihrem angestammten Namen festgehalten - für einige Monate der Bühne fern.
Als sie nach dieser Auszeit wieder die Bühne betrat, soll der Jubel so groß gewesen sein, dass der Kapellmeister eine Pause einlegen musste. Auch bei Gastspielen in London, Wien und anderen bedeutenden Stätten konnte sie sich des Beifalls sicher sein.
Nach ihrem Auftritt in der Wiener Hofoper schrieb der gefürchtete Eduard Hanslick:
»Wenn ich die Klafsky höre, vergisst mein Herz, dass ich Hände zum Klatschen habe.«

1894 heiratet die nun Weltberühmte zum dritten Male, der Kapellmeister Otto Lohse wird ihr dritter Ehemann.
1896 reiste das Paar in die Vereinigten Staaten, um der Damrosch Opera Company beizutreten, Amerika lockte die Primadonna so sehr, dass sie gegenüber Hamburg sogar vertragsbrüchig wurde. Diese Amerika-Tournee war für Katharina Klafsky ein wahrer Triumphzug; in den acht Monaten ihres USA-Aufenthalts trat sie 76 Mal auf: Boston, Buffalo, Chicago, Cincinnati, Detroit, New Orleans, New York, Philadelphia, Washington ...

Natürlich hatte die New Yorker »Met« auch schon ein Auge auf diese attraktive Primadonna geworfen, das Engagement für die Saison 1896/97 war so gut wie perfekt, auch der Gatte sollte als Dirigent an die New Yorker Oper kommen.

Mit Pollini konnten in Hamburg die Querelen wegen des Vertragsbruchs gütlich beigelegt werden, Pollini war froh, seinen Star wieder an Bord zu haben.
Ende August 1896 stand sie wieder als Elisabeth in »Tannhäuser« auf der Bühne und Gustav Mahler, der Dirigent des Abends, musste des langanhaltenden Beifalls wegen, für einige Minuten pausieren. Mit der Leonore in Beethovens »Fidelio« endete am 11. September 1896 die Karriere einer großen Sängerin.
Ein schwerer Sturz, noch drüben in Amerika, hatte eine Gehirnerkrankung verursacht, die eine Operation erforderlich machte. Nach der Operation besserte sich zunächst ihr Zustand etwas, aber es kamen andere Komplikationen dazu und nach einigen Tagen der Bewusstlosigkeit starb Katharina Klafsky am Nachmittag des 22. September - drei Tage nach ihrem 41. Geburtstag in der Blüte ihres Lebens.

Die musikalische Welt war erschüttert und die öffentlichen Trauerfeierlichkeiten erreichten Dimensionen, die heute kaum noch vorstellbar sind und zeigen aber auch, welchen Stellenwert diese Art Kultur damals in der Gesellschaft hatte.
Im Trauerhaus, in der Klosterallee zu Hamburg, hatte man sie wunschgemäß im weißen Büßergewand der Elisabeth, der sie im »Tannhäuser« so oft ihre Stimme gab, aufgebahrt. Berichte übermitteln weitere Einzelheiten:

»Der Leichenwagen war mit sechs Pferden bespannt. Dahinter schritten der Gatte und die Kinder sowie mehr als 10.000 Verehrer. Massen standen Spalier, als ob ein Gewaltiger dieser Erde einen Triumphzug hielte. Prof. Sittard sprach in der Friedhofskapelle: "Wahrheit des künstlerischen Ausdrucks, ein gänzliches Aufgehen in den darzustellenden Charakteren und ein Gestalten derselben von innen heraus, tiefe und wahre Leidenschaft, hinreißende Gewalt der Innerlichkeit: das waren die Faktoren, die Katharina Klafsky zur großen Künstlerin machten.«

Als der Sarg ins Grab gesenkt wurde, spielte die Musikkapelle Mendelssohns »Es ist bestimmt in Gottes Rat.«

Und heute? Wer kennt noch ihren Namen? Im offiziellen Friedhofsplan wird die Grablage mit X 5, 408/409 bezeichnet, es wird auch darauf hingewiesen, dass der Grabstein nur mit dem Namen »Katharina« bezeichnet wird, aber er ist am ausgewiesenen Platz nicht zu finden.


Neben Katharina Klafsky findet man hier auch Henny Wolff und Helga Pilarczyk


Auf diesen Metallblättern ist nachzulesen, was die Verstorbenen zu Lebzeiten geleistet haben.

Damit Andenken an einst bekannte Persönlichkeiten erhalten werden können, haben sich Frauen zusammengefunden, die Grabsteine aufgelassener Gräber vor der Entsorgung retten, um diese im »Garten der Frauen« aufzustellen. Vom *Haupteingang aus gesehen, geht man die zunächst schnurgerade Cordesallee entlang, bis zum Wasserturm, dann zeigt ein Hinweisschild nach links. Dort ist auch der Haltepunkt der Buslinie 170, die innerhalb dieses großen Friedhofs verkehrt.
*Friedhof Hamburg-Ohlsdorf, Fuhlsbütteler Straße 756

hart

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489

Sonntag, 24. September 2017, 23:53

Marie Wilt - *30. Januar 1834 Wien - † 24. September 1891 Wien


Zum heutigen Todestag von Marie Wilt



Geburtsjahr und Herkunft von Marie Wilt werden in der Literatur unterschiedlich dargestellt, ich habe das mal einfach vom Grabstein so abgeschrieben, stimmen muss es nicht unbedingt und ist wohl auch nicht so wichtig, wenn man einer Sängerin gedenken möchte. Wer den Ereignissen vor mehr als hundert Jahren nachspürt, erkennt, dass dieses Leben weder einen guten Anfang noch ein gutes Ende hatte. In der Mitte stand jedoch Erfolg, Ruhm und Reichtum.

Der als recht kritischer Kritiker bekannte Eduard Hanslick schrieb zwar auch kritisch über Marie Wilt, stellte die Sängerin aber ganz klar als etwas Besonderes heraus:

»Dass die Wilt ihr mächtiges Organ für den Koloraturgesang ebenso geschult hatte, wie für den breiten, pathetischen Vortrag, und imstande war, in den "Hugenotten" nach Belieben die Valentine oder die Königin zu singen, das allein würde sie zu einer seltenen Erscheinung in der Theatergeschichte stempeln.«

Wie war das nun, mit der Herkunft und Entwicklung der berühmten Primadonna?

Da gibt es eine schlechte Kopie aus dem Feuilleton einer Wiener Zeitung von 1909, die das in Frakturschrift so darstellt:

»Marie Wilt wurde als armer Leute Kind am 30. Januar 1834 in Wien geboren, ihr Name war Liebenthal. Der im Jahre 1836 in Wien herrschenden Cholera erlag auch ihre Mutter, und an der Leiche derselben in einer Dachkammer fand der Arzt Dr. Wilhelm v. Prokobevera das zweijährige, frische, blonde Kind und tief ergriffen von dem namenlosen Elend, brachte er es zu seiner Schwester, der Gattin des als Maler nicht unbedeutenden Rentiers Herrn Tremier. Die mildherzige, in kinderloser Ehe lebende Dame nahm die Kleine zu sich und erzog sie sorgfältig und liebevoll wie ein eigenes Kind. Übrigens hat Herr Tremier den ergreifenden Moment der Auffindung der kleinen Marie an der Leiche ihrer Mutter in der ärmlichen Dachkammer in einem Ölgemälde, das sich im Besitze der Tochter, der Sängerin Frau Direktor Göttinger, befindet, der Nachwelt überliefert.«

Der Name des Doktors kann auch geringfügig anders lauten, da ist die Wiedergabe einer schlechten Kopie problematisch, aber in den wesentlichen Punkten stimmt die Übertragung.

Zur guten Erziehung eines heranwachsenden Mädchens zählte damals auch das erlernen des Klavierspiels, welches der jungen Marie offensichtlich lag. Aber eigentlich wollte sie schon mit fünfzehn Sängerin werden. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch an dem vernichtenden Urteil eines Gesangsexperten, der attestierte, dass sie gar keine Stimme habe.

So wurde aus der verhinderten Sängerin 1862 zunächst die Ehefrau des Bauingenieurs Franz Wilt. Aus dieser Verbindung, die keinen Bestand über längere Zeit hatte, ging eine Tochter hervor, die den Opernsänger Heinrich Gottinger heiratete, der später Direktor der Grazer Oper wurde und nach seiner aktiven Bühnenzeit als Professor am Wiener Konservatorium wirkte.

Marie Wilt fühlte sich in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter und auch im fernen Dalmatien, wo ihr Mann damals beruflich tätig war, nicht so recht wohl und betrieb ihre Gesangsstudien autodidaktisch, und kehrte schließlich nach Wien zurück. Nach einer langwierigen Halsentzündung sondierte sie die Möglichkeiten doch noch professionell singen zu können; so kam es auch zum Kontakt mit dem Wiener Singverein. Johann von Herbeck, damals ein bedeutender Mann in der Musikszene, übertrug der Marie Wilt kleinere Solopartien in Oratorien und empfahl ihr zwecks Stimmbildung den renommierten Gesangspädagogen Josef Gänsbacher. Als Marie Wilt schon über dreißig war, ergab sich ein Vorsingen bei der erfolgreichen Mezzosopranistin Désirée Artôt de Padilla, die nicht nur auf den Opernbühnen Europas erfolgreich war, Tschaikowski soll mal in sie verliebt gewesen sein.
Von dieser erfolgreichen Sängerin - die selbst einmal Schülerin der legendären Pauline Viardot-Garcia war - ermuntert, strebte nun Marie Wilt äußerst motiviert eine Gesangskarriere an.
1865 debütierte sie in Graz als Donna Anna in Mozarts »Don Giovanni«. Dieses Debüt war so gut gelungen, dass sie unmittelbar danach ihr erstes Engagement an der Covent Garden Opera in London antrat. Ein Gastspiel in Berlin, wo sie als Donna Anna auftrat, musste sie wegen einer Kohlenoxyd-Vergiftung vorzeitig abbrechen. Aber kurz darauf konnte sie ihre Aktivitäten wieder uneingeschränkt aufnehmen und von Erfolg zu Erfolg eilen. Sie kehrte dann auch wieder nach Wien zurück und wurde dort 1869 mit dem Titel einer Kammersängerin geschmückt; 1871 wurde sie zum Ehrenmitglied der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien ernannt. Bis 1878 war sie am k. k. Hofoperntheater engagiert; in diesem Jahr wurde auch ihre Ehe geschieden. Gerade in ihrer Zeit an der Wiener Oper war Marie Wilt auch an vielen wichtigen Uraufführungen beteiligt.

Nach ihrer Wiener Zeit sang sie für zwei Jahre vorwiegend Wagner-Rollen am Opernhaus in Leipzig. Danach folgte für drei Jahre ein Engagement an der Frankfurter Oper und Gastspiele an anderen bedeutenden Häusern. Erst 1886 kam sie noch einmal für eine Spielzeit an die Wiener Oper zurück, wo man sie zum Ehrenmitglied ernannte.
Sie hatte ja erst relativ spät die Bühne betreten und war dann sehr rasch eine bedeutende Sängerin geworden, von der man stets Höchstleistungen erwartete. Diese physischen und psychischen Anstrengungen hatten zu viel Kraft gefordert und so verabschiedete sie sich mit erst 54 Jahren von der Bühne. Aber auch im schon fortgeschrittenen Alter soll sie noch über eine jugendlich klingende Stimme verfügt haben.

Stimmlich konnte sie in ihrer Glanzzeit praktisch alles bewältigen, aber eine exzellente Bühnenfigur war sie nicht. Marie Wilt hatte nicht nur eine große Stimme, sondern auch eine außergewöhnliche Körperfülle, über die dann auch entsprechend gelästert wurde, dazu kam eine gewisse Derbheit in der Alltagssprache, die bei einer Frau Kammersängerin etwas überraschte. Sie lebte nach Beendigung ihrer Laufbahn in der Nähe ihrer Tochter bei Graz.

Im privaten Bereich nahte das Unglück in Gestalt eines 30-jährigen Philologen und Germanisten, in den sich die nicht mehr so junge Frau unglücklich verliebte, aber ihre Gefühle wurden nicht erwidert. Zunehmend litt sie unter Depressionen, aus denen dann auch ein Aufenthalt in einer Nervenheilanstalt resultierte. Die späte Liebe und ein letzter Auftrittsversuch, im Juli 1891 in Salzburg, bei dem ihre Stimme überfordert war, brachte sie der Katastrophe immer näher.

Unter dem Datum 24. September 1891 erschien in der »Neue Freie Presse« Wien:

»Eine Künstlerin, welche durch Decennien zu den gefeiertesten Erscheinungen der Opernbühne gehörte, die Kammersängerin Frau Marie Wilt, hat heute Nachmittags ihrem Leben freiwillig ein Ende gemacht. Nachdem sie sich von einer glänzenden Bühnenlaufbahn zurückgezogen, war Frau Wilt mannigfachen seelischen Aufregungen unterworfen und mußte wiederholt zur Wiederherstellung ihrer erschütterten Nerven Heilanstalten aufsuchen. Ihr Zustand schwankte in der letzten Zeit zwischen tiefster melancholischer Verstimmung und heftig gegen ihr Schicksal sich aufbäumender Exaltation. Es herrscht kein Zweifel, daß die unglückliche Sängerin ihre schreckliche That in geistiger Verstörung ausgeführt hat. Es war wie ein Riß in ihrem Leben, als die Natur, welche ihr die kostbarsten Gaben in die Kehle gelegt und ihrem Bühnenleben eine ungewöhnliche Dauer beschert hatte, zuletzt sich weigerte, auch dem Alter dieselbe Schönheit und Fülle des Klanges zu schenken ...«

Am 24. September 1891 stürzte sie sich nachmittags vom 4. Stockwerk im »Zwettelhof« - in der Nähe der Stephanskirche - in den Lichthof.
Vom Giebel des Musikvereins-Gebäudes wehte eine große schwarze Fahne anlässlich des Todes des Ehrenmitglieds Marie Wilt.

Zentralfriedhof Wien
Ehrengrab - 32A, Nummer 43

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Samstag, 7. Oktober 2017, 20:35

Felix Draeseke - *7. Oktober 1835 Coburg - † 26. Februar 1913 Dresden


Zum heutigen Geburtstag von Felix Draeseke

Felix Draeseke entstammte einer alten evangelischen Pastorenfamilie. Sein Vater war Hofprediger in Coburg gewesen, wo ihm der Sohn Felix 1835 geboren wurde; Felix´ Mutter
starb wenige Tage nach der Geburt des Kindes, das dann von den Schwestern seines Vaters aufgezogen wurde. Seine Kindheit verbrachte der Knabe im seiner Geburtsstadt nahe gelegenen Ort Rodach.

Als erste Komposition Draesekes gilt »Kleiner Marsch«, 1843 zum Geburtstag des Vaters komponiert, wenn man auf die Jahreszahl schaut bemerkt man, dass das noch kein reifes Werk sein konnte.
Ab 1850 wurde er von einem Flötisten der Schlosskapelle unterrichtet.
1852 begann sein Studium am Leipziger Konservatorium, zu dem er keine besondere Liebe entwickeln konnte, weil ihm das Ganze zu konservativ erschien. Das Institut bescheinigt dann auch sehr vielsagend:
Sowohl »kräftiges Talent« als auch »eigentümliche Kunstanschauung«
Allein zu seinem Lehrer Franz Brendel hatte er einen guten Draht, weil dieser recht fortschrittliche Gedanken entwickelte und ihm dann auch später Gelegenheit gab, in seiner Zeitschrift »Neue Zeitschrift für Musik« mit spitzer Feder als Kritiker tätig zu sein. Auch in den »Anregungen für Kunst, Leben und Wissenschaft« propagierte Draeseke die neue Musik, was zur Folge hatte, dass er sich im vorwiegend konservativen Leipzig eine Reihe von Feinden schuf.

Zu Pfingsten 1852 besuchte der angehende Musiker Draeseke in Weimar eine von Lszt geleitete »Lohengrin«-Aufführung, die ihn zu einem begeisterten Anhänger der neudeutschen Schule werden ließ.
Hinzu kam, dass Draeseke 1853 bei einem Besuch in Berlin Hans von Bülow kennen lernte, dessen musikalische Bestrebungen auch in Richtung Liszt und Wagner gingen.
Einige Jahre später ergab sich eine Freundschaft zu Liszt; als Bülow 1857 ein Treffen zwischen Draeseke und Liszt arrangierte zeigte sich Liszt von Draesekes erstem Opernwerk »König Sigurd«, das fast fertiggestellt war, beeindruckt.
In Weimarer Künstlerkreisen war Draeseke auch unter dem Namen »Recke« bekannt, was auf seine stämmige Figur abzielte, aber Zeitgenossen überlieferten, dass in Draesekes ganzer Art etwas Markiges und Reckenhaftes zu bemerken war.

Durch die Vermittlung von Franz Liszt ist der 24-jährige Felix Draeseke im Sommer des Jahres 1859 von Richard Wagner zu einem Besuch in Luzern eingeladen worden. Das war aber nicht etwa nur eine Stippvisite bei Wagner, es kam ein enger Kontakt über einige Tage hinweg zustande, bei dem man sich auch auf Wanderungen und Spaziergängen intensiv austauschte, und eines Abends empfängt ihn Wagner mit den Worten: »Warten Sie noch einen Augenblick, eben wird der "Tristan" fertig!«

Draesekes enthusiastisches Wirken in Wort und Ton als Vertreter der Neudeutschen Schule gipfelte in der Aufführung seines »Germania-Marsches«. Im August 1861 kam es bei der zweiten Weimarer Tonkünstlerversammlung zum Eklat, als Draeseke sein Werk zur Aufführung brachte. Die Verrisse waren praktisch überall zu lesen, das war keine Werbung für die neue Musik, die nun ganz allgemein geschädigt war.

Draeseke zog die Konsequenzen und übersiedelte in die Schweiz, aber nicht etwa nach Luzern, sondern dort, wo das Land zu Ende ist - erst nach Yverdon bei Lausanne, dann nach Lausanne, wo er am Konservatorium Klavier unterrichtete, aber auch im nahen Genf entstanden Kompositionen.
In seiner Schweizer Zeit - er blieb immerhin bis 1876 in seinem selbstgewählten Exil - unternahm er Reisen nach Frankreich, Italien, Spanien und sogar Nordafrika.

Obwohl er in der Rückschau seine Zeit in der Schweiz als »verlorene Zeit« bezeichnete, entstanden Stücke, die auch heute noch als bedeutend gelten, wie zum Beispiel seine Klavierkomposition der Sonate op. 6, die zu den wichtigen Klavierwerken des 19. Jahrhunderts zählt.

Etwas einfach ausgedrückt war es so, dass sich Draeseke zwischen alle Stühle gesetzt hatte - in seiner Anfangszeit war er zu modern, und danach wurde kritisiert, dass er sich wieder der traditionellen Gattung zugewandt habe. Zu diesem Sachverhalt wird ein Ausspruch von Liszt kolportiert, wonach aus dem Löwen Draeseke ein Kaninchen geworden sei.

1876 ging es wieder nach Deutschland zurück, zunächst nach Coburg, dann erfolgte der Umzug nach Dresden. Hier gestaltete sich sein Neuanfang zunächst - was das Einkommen betraf - etwas holprig, weil er sein Einkommen aus der Unterrichtung privater Schüler bezog; Draeseke unterrichtete zunächst an der Rollfußschen Musikakademie und widmete sich seiner Kompositionsarbeit. 1884 erfolgte dann seine Berufung an das königliche Konservatorium in Dresden, seit 1892 war ihm sogar gestattet sich Professor zu nennen.
1894 endete für Felix Draeseke das Junggesellendasein, im schon etwas fortgeschrittenen Alter heiratete er eine ehemalige Kompositionsschülerin, eine Menge Briefe dokumentieren eine glückliche Ehe.
Es macht wenig Sinn, hier auf alle Werke Draeskes einzugehen, das lässt sich an anderer Stelle besser nachschlagen, aber man kann grob feststellen, dass in Draesekes Gesamtwerk sein Vokalschaffen fast gleichberechtigt neben dem Komplex der Instrumentalwerke steht.
Seine insgesamt acht Opern waren nie populär, auch wenn Liszt von seiner ersten - »König Sigurd« - so begeistert war. Wie Wagner auch, schrieb Draeseke seine Operntexte selbst.

Anders sieht es bei seinen kirchenmusikalischen Werken aus. Sein umfassendstes Werk war der Oratorienzyklus »Christus«, im Ausmaß auf kirchenmusikalischem Gebiet ein dramatisches Gegenstück zu Wagners Ring des Niebelungen oder der epigonalen Tetralogie der »Homerischen Welt« von August Bungert. Die Oratorien-Tetralogie »Christus« entsteht in den Jahren 1895 bis 1899.
Wenn Draeseke auch nicht die Familientradition fortsetzte und Geistlicher wurde, so zeigen seine zahlreichen religiösen Kompositionen, dass er seiner Kirche nahestand.
Unter seinen vier Sinfonien dürfte wohl die »Sinfonia tragica« den ersten Rang einnehmen.

1906 erregte Draeseke mal wieder - an seine jungen Jahre anknüpfend - mit spitzer Feder in Fachkreisen Aufsehen, als er seinen Mahnruf »Die Konfusion in der Musik« veröffentlichte, was heftige Diskussionen zur Folge hatte. Draesekes Pamphlet beginnt folgendermaßen:
»Angesichts der traurigen Zustände, in denen sich die heutige Musik befindet, sind wir wohl berechtigt, von Konfusion zu reden ...«

Die Situation war damals so, dass Felix Draeseke zwar als lehrender Professor hoch geachtet und geehrt war, aber trotz umjubelter Aufführungen seiner »Sinfonia tragica« unter den großen Dirigenten der Zeit, wie zum Beispiel Hans von Bülow, Ernst von Schuch oder Arthur Nikisch, unter den gespielten Komponisten nie ganz vorne stand. In seiner Streitschrift hatte Draeseke Richard Strauss angegriffen, natürlich ohne dessen Name zu nennen und Strauss - getroffene Hunde bellen - keilte entsprechend zurück, setzte sich aber viele Jahre nach Draesekes Tod für die Aufführung seiner Werke ein, was vielleicht auch etwas mit Politik zu tun hatte ...

In seinen alten Tagen, er war inzwischen 77 Jahre alt und fast taub geworden - eine Gehörkrankheit plagte ihn seit Kindheitstagen und wurde immer schlimmer - , drängten ihn Freunde, seiner dritten Sinfonie noch ein Vierte hinzuzufügen. So entstand sein letztes Werk, die »Sinfonia comica«, mit diesem humoristischen Werk verabschiedete sich Draeseke, die Aufführung 1914 erlebte er nicht mehr. Draeseke hatte das Stück in Taubheit komponiert, wie Beethoven, und tat dies humoristisch, wie der alte Verdi.

In einem Nachruf schreibt die Zeitung unter anderem am 27. Februar 1913:

»Der bekannte Komponist Geh. Hofrat Professor Felix Dräseke in Dresden, ein Coburger Kind, ist gestern früh im Alter von 78 Jahren einer Lungenentzündung erlegen. Dräseke ist unter den Komponisten unserer Epoche eine der interessantesten Figuren gewesen. Er hat den ganzen Kampf um Wagner und Liszt seinerzeit miterlebt und auch selbst durch kritische Aufsätze über beide Komponisten wie überhaupt über Neuerscheinungen in der musikalischen Welt einen nicht zu verkennenden Einfluß auf die Gestaltung der Musikgeschichte ausgeübt ...«

Etwa zwanzig Jahre später wurde Felix Dreaseke dann wieder stark beachtet, man hatte in ihm einen »der artreinsten deutschen Musiker« und das »Ideal eines deutschen Künstlers, eines von Moll nach Dur durchstoßenden germanischen Musikers« entdeckt.
Auch die Musik von Draesekes ehemaligem Freund, Franz Liszt, »Les Préludes«, stand damals in hohem ansehen ...


Man geht durch diesen Torbogen hindurch und wendet sich nach links zu Draesekes Stein,
fast auf gleicher Höhe - rechts davon, im Urnenhain - steht die Urne von Kammersänger Karl Scheidemantel.

Praktischer Hinweis:
Adresse: 01279 Dresden, Wehlener Straße 15
Der Städtische Friedhof und Urnenhain Tolkewitz ist ein Waldfriedhof im Dresdner Stadtteil Tolkewitz, auf dem ausschließlich Urnenbestattungen stattfinden. Der Friedhof liegt direkt neben dem Johannisfriedhof.
Auf dem Friedhofsplan hat das Grab von Felix Draeseke die Nummer 33 und befindet sich links von der Feierhalle, etwa 250 Meter vom Haupteingang entfernt.

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Samstag, 14. Oktober 2017, 17:24

Adrien Boieldieu - * 16. Dezember 1775 Rouen - † 8. Oktober 1834





Heute vor 183 Jahren trug man in Paris unter großer Anteilnahme von Vertretern der Künste und Wissenschaft, den Komponisten François-Adrien Boieldieu zu Grabe.

Für die religiöse Feier im Invalidendom hatte Cherubini ein Requiem komponiert, das dem Erzbischof von Paris nicht genehm war, so dass dieser das Mitwirken von Frauenstimmen im c-moll Requiem kritisierte, woraufhin Cherubini seine zweite Totenmesse für dreistimmigen Männerchor und Orchester schrieb.

François-Adrien Boieldieu kam in gut geordneten Verhältnissen zur Welt, Sein Vater war Sekretär des Erzbischofs von Rouen und seine Mutter betrieb eine gutgehende Modehandlung, auch seine Verwandten genossen ein entsprechendes Ansehen in der Stadt.

Dem Vater blieb das musikalische Talent seines Sohnes nicht verborgen, als Chorknabe am Dom von Rouen hatte »le petit Boiel«, wie man ihn scherzhaft nannte, erste Berührung mit der Musik. Der Vater stützte das erkennbare Talent und gab seinen Sohn zur Ausbildung an Charles Broche, der als Musiker einen hervorragenden Ruf hatte und Organist an der Kathedrale von Rouen war.
Diese Lehrzeit war für den jungen Boieldieu kein Zuckerschlecken, denn er wohnte auch bei seinem Meister und war also gänzlich unter dessen Fuchtel. Aber Broche war nicht nur ein guter Musiker, sondern auch ein großer Säufer. In entsprechendem Zustand soll Meister Broche nicht nur launisch und heftig, sondern zuweilen auch richtig brutal gewesen sein. Ein Vorfall soll sich in etwa so abgespielt haben:

»Was ist eine Quinte?« soll der trunkene Broche einst seinen Schüler angeschrien haben, und da dieser verlegen schwieg, warf er ihn ohne Weiteres kopfüber die Treppe hinunter und befahl ihm, sie mit seiner Händen wieder emporzusteigen. »Das ist c!« rief er, als der Junge zitternd die erste Stufe heraufstieg; »das ist d, e, f, g!« rief er bei der zweiten, dritten, vierten und fünften. »Wie viel Schritte hast du nun gemacht?« fragte er dann. »Fünf!« lautete die Antwort. »Nun merke dir also, dass die Stufen c bis g eine Quinte bilden!« Und um seiner Lehre noch mehr Nachdruck zu geben, bekräftigte er dieselbe noch durch eine derbe Ohrfeige.

Einmal saß Boche an einem hohen Festtag in der Schenke und vergaß darüber seine Organisten-Pflichten. Erst zögerlich, dann mit Gottvertrauen, vertrat der Schüler seinen Meister so, dass es der Gemeinde nicht möglich war einen Unterschied zu hörten.
Glückliche Stunden konnte le petit Boiel erleben, wenn er einen Freund Broches abends ins Theater begleiten durfte, während Meister Broche im Orchester Dienst tat. Hier hörte der junge Boieldieu Opern von Monsigny, Grétry, Méhul ... und war begeistert.
Als Adrien einmal versehentlich ein Instrument mit Tinte besudelte, schwante ihm nichts Gutes und er setzte spontan einen schon lange gehegten Plan in die Tat um und floh vor Boches Zorn nach Paris.

Adrians Vater schickte einen Boten hinterher, der den Jungen mit etwas Geld und Empfehlungsschreiben versorgte. Auf diese Weise fand er dann in der großen, fremden Stadt Unterschlupf bei Verwandten.
Im Jahr 1793 kehrt er wieder in seine Vaterstadt zurück; denn in Paris herrschte der Terror, wogegen es in Rouen ruhiger war. Im November des gleichen Jahres feierte er seinen ersten Erfolg mit der komischen Oper »La fille coupable«, wofür der Vater den Text verfasst hatte. Zwei Jahre später waren Sohn und Vater abermals mit der Oper »Rosalie et Mirza« erfolgreich.

1795 zog es ihn dann wieder nach Paris, wo er Zugang zu dem Komponisten Hyacinthe Jadin erhielt, was sich in der Folgezeit als nützlich erwies. Durch Kompositionen von Romanzen – ein Genre, das zu jener Zeit seine höchste Blüte erlebte - wurde Boieldieu in Paris bekannt.

Im Februar 1797 debütierte der kaum 21jährige Boieldieu zum ersten Male mit der einaktigen komischen Oper: »La famille suisse«, im Théâtre Feydeau, einer der angesehensten Pariser Opernbühnen. Dieses Werk gefiel so gut, dass es sehr viele Folgeaufführungen gab.
Eigentlich hatte Boieldieu - wie er selbst feststellte - nie so recht komponieren gelernt, aber er kannte die Werke von Gluck, Mozart, Cherubini, Méhul, Grétry ... auswendig.
Und er produzierte viel, In einem Zeitraum von fünfzehn Monaten hatte Boieldieu vier neue Opern an die Öffentlichkeit gebracht und daneben noch eine Anzahl kleinerer Vokal- und Instrumentalkompositionen geschaffen.

Im Jahre 1800 hatte man Boieldieu als Professor für das Pianofortespiel an das Conservatoire de musique berufen, was für den nunmehr Fünfundzwanzigjährigen beachtlich war.
Natürlich gab es bei der Menge seiner Opern auch Kompositionen, die nicht den ganz strahlenden Erfolg hatten, wie zum Beispiel seine 3-aktike Oper »Beniowski«, von der Boieldieus Biograf Héquet sagt, dass das Libretto: Alexandre Duvals äußerst schwach sei, er bezeichnet es als »Machwerk«
Man denkt zwar bei Boieldieu in der Regel an den Opernkomponisten, aber er schrieb auch Kammermusik und unter dem Einfluss und der Bekanntschaft zu Sébastien Erard wohl auch das Harfenkonzert C-Dur.
Aber gleich sein nächstes Werk war ein glücklicher Erfolg, »Der Kalif von Bagdad«. Schon die Ouvertüre lässt aufhorchen und die Arie der Késie »De tous les pays«, die den musikalischen Stil der verschiedenen Nationen imitiert, versetzten das Publikum in Entzücken. Der »Kalif« wird über vierzig Jahre lang an der Opéra comique gespielt und erreicht in dieser Zeit fast achthundert Aufführungen.
Aber immer noch ist Boieldieu am Lernen, meint aber, dass ihm sein gehobener Wissensstand die Leichtigkeit des Komponierens genommen habe. Zweieinhalb Jahre hält sich der erfolgreiche Komponist von der Bühne fern. Cherubini, der ihm eigentlich musikalisch überlegen war, was Boieldieu auch wusste, hatte ihm ins Gewissen geredet, und Boieldieu hatte dagegen keinerlei Einwände erhoben.

Sein Schaffen tendiert jetzt nach italienischen Vorbildern und er nimmt den Geist der Opera buffa begierig auf. In einem Pariser Bericht der »Allgemeinen musikalischen Zeitung« von 1807 wird der Vorwurf erhoben, dass Boieldieu mit Nocolo Isouart und anderen gemeinsam die französische Oper »entnationalisiere«. Aber er hatte sein Publikum, das seine Werke mochte und war im Bereich der Opéra comiqueg, in des Wortes wahrster Bedeutung, tonangebend. Dass er in dieser komfortablen Situation Paris verließ, hatte rein private Gründe.

Er wurde mit der schönen und gefeierten Tänzerin Clotilde Mafleurai, die an der Oper tätig war, etwas vertraulich und hat die Dame im März 1802 geheiratet. Schon etwa nach einem Ehejahr, vielleicht auch schon früher, hing der Haussegen schief und Boieldieu suchte möglichst weit von seiner Angetrauten fortzukommen. So reiste er zusammen mit zwei befreundeten Musikvirtuosen nach St. Petersburg. Ohne irgendwelche Sicherheiten zog er gen Russland, aber Kaiser Alexander zögerte nicht lange und ernannte Boieldieu sowohl zum Kapellmeister als auch zum Leiter des kaiserlichen Theaters, mit der Auflage, alljährlich drei Opern zu schreiben.
Während man sich als Franzose in der gehobenen russischen Gesellschaft wohlfühlen konnte, weil dort die französische Sprache zum guten Ton gehörte, beeinträchtigten die klimatischen Bedingungen in Russland Boieldieus Gesundheit. Dazu kam, dass sich auch das politische Klima veränderte und man bei genauer Beobachtung einen heraufziehenden Krieg ahnen konnte.

So kehrte Adrien Boieldieu Russland den Rücken und kam 1811 wieder nach Paris, wo sich seit seinem Weggang einiges verändert hatte, auch was das Theaterleben betraf. So war es zum Beispiel nur noch der der Opéra und Opéra comique gestattet, neue musikalische Werke aufzuführen.

Boieldieu war in Paris recht bald wieder gut im Geschäft; schon im April 1812 war an der Opéra-comique die Uraufführung seines neuen Stückes »Jean de Paris«, ein Werk, das dem Komponisten André-Ernest-Modeste Grétry gewidmet war. Wiederum konnte er damit einen großen Erfolg verbuchen, das Stück hielt sich bis 1863 auf dem Spielplan; auch außerhalb Frankreichs macht das Werk Furore.

Und Boieldieu arbeitete weiter, schuf Werk um Werk, und wurde sogar noch pädagogisch tätig, 1817 erfolgte seine Berufung als Mitglied des Institut de France. Durch die viele Arbeit und auch durch seinen Aufenthalt in Russland, war er gesundheitlich angeschlagen; deshalb hatte man ihm gestattet, seine Schüler privat in seinem Hause unterrichten zu dürfen. Er entfloh dem umtriebigen Paris und siedelte sich etwa 15 Kilometer von Paris entfernt an.
Über die Art seines Unterrichts gibt es sogar Berichte eines seiner Schüler - Adolph Adam - die aussagen, dass er sich lobend über Grétry und Rossini äußert, was am Conservatorium nicht en vogue war. Er scheint bei seinen Schülern sehr beliebt gewesen zu sein.

Boieldieu komponierte weiterhin eine Menge gefälliger Stücke und bekam Anerkennung und Auszeichnungen, aber der Höhepunkt seines Lebens war dann am 25. Dezember 1825 gekommen, es war der Tag der Uraufführung seiner dreiaktigen Oper »La dame blanche«.
Das Werk gilt seither als eine der wichtigsten französischen Opern und Hauptwerk der Gattung Opéra comique. Einige Superlative zu dem Erfolg der Oper wären zu nennen, als Beispiel soll dienen, dass »La dame blanche« am selben Theater schon 1862 zum tausendsten Male über die Bühne ging, ein Erfolg, der weit über die Lebenszeit des Komponisten hinausging.
Als Carl Maria von Weber 1826 auf der Durchreise nach London Boieldieus »La dame blanche« zwei Monate nach der Premiere an der Opéra comique hörte, war er derartig begeistert, dass er sofort an Heinrich Marschner in Dresden schrieb: »Welch charmante Musik! Nichts Schöneres wurde seit Mozarts "Figaro" geschrieben. Sofort übersetzen und herausbringen! Welcher Fund für unser Repertoire!« Auch Richard Wagner war angetan.
Eine Gegenstimme - ganz allgemein zu Boildieus Musik - kam von Berlioz, der eine Armut der Tonalität kritisierte, aber Boieldieu war eben ein Mann der Melodie ...

Nachdem Boieldieus Frau, die Tänzerin, von der er seit seiner St. Petersburger Zeit getrennt lebte, 1826 gestorben war, heiratete er am 23. Januar 1827 seine Konkubine, die Sängerin Jenny Phillis-Bertin.

Nach dem überwältigenden Erfolg der weißen Dame, kam mit Boieldieus nächster Oper »Deux nuits« die herbe Enttäuschung, er hatte seinen Zenit überschritten, das Publikum erwartete noch Größeres und reagierte enttäuscht. Ihm, dem vom jahrelangen Erfolg Verwöhnten, schlug das auf die Gesundheit, welche sich zusehends verschlechterte; seine Stimme wurde infolge eines Luftröhrenleidens immer schwächer, so dass er am Konservatorium nicht mehr unterrichten konnte.
Die Julirevolution 1830 verschlechterte auch noch seine finanzielle Situation, weil er seiner einträglichen Hofämter beraubt wurde. Auf ärztliches Anraten hielt er sich lange Zeit in Südfrankreich, den Pyrenäen und in Pisa auf. Erst im Spätsommer 1833 kehrte er nach Paris zurück. Aus dem Fonds der beaux-arts ließ man ihm 3000 Francs zukommen, die er allerdings nicht mehr so richtig genießen konnte. Im Sommer 1834 begab er sich nochmals nach dem Süden und suchte Heilung bei den Quellen von Eaux-Bonnes, einem kleinen Pyrenäen-Badeort, und glaubte sogar etwas Heilung zu spüren, aber das war ein Trugschluss. Auf der Durchreise durch Bordeaux erkrankte er so schwer, dass man um sein Leben bangte, aber nochmals konnte er sich etwas erholen und nach Paris zurückkehren, genauer gesagt, in sein Landhaus in Jarcy bei Brunoy, wo Adrien Boieldieu am Nachmittag des 8. Oktober 1834 starb. Die Trauerfeier fand am 14. Oktober in Paris, seiner langjährigen Wirkungsstätte, statt, aber es gab auch noch eine Beisetzungsfeier in seiner Heimatstadt Rouen, über die damals in vielen Blättern berichtet wurde; als Beispiel sei hier einer dieser Berichte zitiert:

»Das Herz Boieldieu´s, welches des Komponisten Witwe Rouen, der Vaterstadt ihres Gatten, geschenkt hatte, und das seit 1834 in der dortigen Kirchhofskapelle aufbewahrt wurde, ist am 9. Juni in dem Monumente, welches die Stadt ihrem Landsmanne errichtet, beigesetzt worden. Die Witwe und ihr Sohn (Adrian Boieldieu) verrichteten selbst die feierliche Handlung in Gegenwart des Maire und vieler Einwohner Rouens.«


An der Seite des Grabdenkmals erscheint die kontrastarme Schrift nur schemenhaft und ist schwer lesbar, aber es scheint so, als seien Boieldieus Opern hier aufgezählt.

Praktische Hinweise:
Das Grabmal befindet sich auf dem Friedhof Cimetière du Père-Lachaise (Division 11, etwa 300 Meter vom Haupteingang entfernt) in Paris -
16, rue du Repos - erreichbar mit den Metro-Linien 2 oder 3.

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Dienstag, 17. Oktober 2017, 16:29

Johann Nepomuk Hummel - * 14. November 1778 Pressburg - † 17. Oktober 1837 Weimar

Zum heutigen 180. Todestag


Im Grab ruhen auch Hummels Ehefrau, die Schwiegertochter und zwei Enkelkinder.


Das von Mohnkapseln umrahmte Bildnisrelief Hummels wurde nach einem Werk von Adolph Straube geschaffen. Es ist in Zinkguss gefertigt und blattvergoldet.

Er war Klavierschüler Mozarts und mit Goethe befreundet, das zeigt schon an, dass J. N. Hummel zu den bedeutenden Persönlich gehört.

Johann Nepomuks Geburtsstadt gehörte damals zu Ungarn und ist heute die slowakische Hauptstadt Bratislava, etwa eine Autostunde von Wien entfernt.
Als achtjähriges Kind zog Johann Nepomuk mit seinen Eltern nach Wien, wo sein Vater, Johannes Hummel, der Geiger und Kapellmeister war, als Kapellmeister am von Emanuel Schikaneder geleiteten Theater an der Wieden engagiert war.

Natürlich wurde der Knabe von seinem Vater an die Musik herangeführt, und die besondere Begabung des Jungen kam zutage. Ab 1786 war Johann Nepomuk Klavierschüler bei W. A. Mozart, in dessen Haus er zwei Jahre verbrachte. Recht bald startet er seine Karriere als pianistisches Wunderkind. Bereits 1787 konzertierte er unter Mozarts Betreuung in Dresden.
Schon im folgenden Jahr unternimmt er zusammen mit seinem Vater ausgedehnte Konzertreisen, die ihn unter anderem auch nach Prag, Deutschland, Dänemark, England und die Niederlande führen.

Wieder mit reichen Erfahrungen nach Wien zurückgekehrt, setzt er seine Studien bei Johann Georg Albrechtsberger, Antonio Salieri und Joseph Haydn fort. Auch bei Haydns »Salomon-Konzerten« in London hatte J. N. Hummel 1792 mitgewirkt.
Auf Empfehlung von Meister Haydn kam der 26-jährige Hummel als »Concertmeister« der Fürstlich Esterházyschen Hofkapelle nach Eisenstadt. Hier sollte Hummel als Assistent und Vertreter Haydns wirken, aber da Haydn meist abwesend war, gestaltete sich Hummels Arbeit praktisch so, dass er an die Stelle Haydns getreten war, Hummel legte sich da zunächst mächtig ins Zeug, aber zum Kapellmeister konnte er bei Hofe nicht aufrücken, weil amtlicherseits Haydn diese Position innehatte.

Das muss den selbstbewussten Hummel, der ja bereits beifallsumrauschte Konzert-Fernreisen hinter sich gebracht hatte, irgendwie gewurmt haben, denn er betrieb seine Amtsgeschäfte eher lässig; für den Esterházyschen Hof war Hummel hauptsächlich als Komponist von Kirchenmusik tätig, interessierte sich aber intensiv für das, was in Wien angesagt war. Es gab ein längeres Hin und Her, das dann schließlich 1811 mit der Entlassung Hummels endete.
Er ging wieder nach Wien zurück, wo er seinen Lebensunterhalt durch Unterrichten sicherte und sich der Komposition von Klaviermusik widmete. Wenn man seine Klaviermusik betrachtet, stellen seine Kompositionen eine Art Bindeglied zwischen Mozart und Chopin dar.
Hummel hat ja keine Sinfonien geschrieben, sondern vorwiegend Klaviermusik und sich in diesem Genre eher den leichteren Dingen zugewandt.

1812 lernte Hummel die Sängerin Elisabeth Röckel kennen, die er am 16. Mai 1813 heiratet. Die Trauung fand in der Wiener Pfarrkirche St. Joseph statt; einer der Trauzeugen war Antonio Salieri. Nichts Genaues weiß man nicht, aber es gibt Vermutungen, dass Elisabeth Röckel Beethovens »Elise« sein könnte, weil diese sich zwar Elisabeth nennt, aber bei der Taufe ihres ersten Kindes vom Pfarrer des Stephansdoms als »Maria Eva Elise« registriert wurde.

Unbestritten ist, dass beide Beethoven gut kannten. Beethoven und Hummel achteten sich gegenseitig; in der Literatur findet sich die vielsagende Formulierung, dass sie sich in »kriesenanfälliger Freundschaft« verbunden waren. Als Hummel 1816 Wien verließ, schrieb Beethoven für ihn als Abschiedsgruß den Kanon »Ars longa, vita brevis« (WoO 170).
Die Situation in Wien war so, dass sich um Beethoven und Hummel zwei Lager gebildet hatten, die für eine Konkurrenzsituation standen. Die Anhänger Hummels warfen Beethovens Spiel Mangel an Klarheit vor und die Beethoven-Anhänger kritisierten die monotone Spielweise Hummels.
Man kann heute zwar solche Dinge lesen, sich aber kein eigenes Urteil bilden. Tatsache ist, dass der Name Beethoven heute einen weltweiten Bekanntheitsgrad hat, während der Name Hummels im Laufe der Jahre verblasst ist.
Im März 1827 reiste Hummel mit seiner Frau und dem Schüler Ferdinand Hiller nochmal nach Wien und besuchten den todkranken Beethoven. Hummel nahm dann auch an der Beerdigung Beethovens nicht nur teil, sondern bereicherte die Feier durch sein Improvisationstalent. Gesichert ist heute, dass der finanziell besser gestellte Hummel Beethoven unterstützte.

Als Hummel die Sängerin Elisabeth Röckel heiratete, war er in Wien als privater Musiklehrer tätig und kehrte erst 1814 wieder aufs Konzertpodium zurück.
1816 trat er dann in Stuttgart die Nachfolge Konradin Kreutzers als Kapellmeister an; seine Frau soll dort auch noch zwei Auftritte gehabt haben, dann gab es Querelen mit der Intendanz, was zur Folge hatte, dass sie sich ganz von der Bühne zurück zog. Aber die Arbeitsbedingungen in Stuttgart verleideten auch dem Gatten eine längerfristige Tätigkeit in der Stadt, es gab erhebliche Schwierigkeiten mit der Kulturbürokratie. Wie in Eisenstadt auch, schied er hier im Unfrieden.

Nach dem kurzen Stuttgarter Engagement wurde Johann Nepomuk Hummel im Februar 1819 zum Hofkapellmeister in Weimar berufen. Die Situation in Weimar war so, dass dort Kapellmeister Müller gestorben war und man nach einem namhaften Nachfolger suchte. In die engere Wahl kamen Carl Maria von Weber in Dresden, Peter Joseph von Lindpainter in München und Johann Nepomuk Hummel in Stuttgart. Der damals Berühmteste war Hummel. Man kann sich in Weimar Hummel nur leisten, weil Maria Pawlowna, Großfürstin von Russland und Schwester des Zaren, - eine Stütze des Weimarer Kulturlebens - einen beträchtlichen Teil von Hummels Jahresgehalt, das waren üppige 1.800 Taler, aus ihrer Privatschatulle beisteuert.
Der Herr Hofkapellmeister gehört zu den ausgewählten Gästen Goethes, der ihn als »unser nicht hoch genug zu preisender Kapellmeister« schätzt. Hummel besitzt in Weimar ein stattliches Haus mit angebautem Konzertsaal, wo er ab 1823 musikalische Soiréen gibt.

Das Weimarer Amt bietet zudem auch noch die Vergünstigung von drei Monaten garantiertem Urlaub im Jahr, was Hummel für ausgedehnte Konzertreisen nutzen kann. Er kommt nochmal viel herum: nach Russland, den Niederlanden, Polen, England ...
Seine letzte Konzerttournee nach Wien konnte dort keine Begeisterungsstürme mehr entfachen, die Zeit war weiter geschritten, sein Klavierspiel war aus der Mode gekommen. Er bevorzugte weiterhin die leichtgängigen und hell klingenden Wiener Hammerflügel, wogegen sich inzwischen in der Konzertszene die dynamischeren englischen und französischen Instrumente durchgesetzt hatten.

Insgesamt war seine Lebensleistung beachtlich; neben seiner frühen und glanzvollen Pianistenkarriere, hat er eine Menge Kompositionen hinterlassen und in den 18 Jahren seines Weimarer Wirkens 78 Opernerst- und -uraufführungen am Hoftheater verantwortet.

Praktische Hinweise:
Die Friedhofsadresse lautet: Berkaer Straße 43, 99425 Weimar
Wenn man vor dem Gebäude der Fürstengruft steht und auf den Eingang blickt, wendet man sich etwa 50 Meter nach rechts und kommt zur Grabanlage der Familie Goethe. Dort wendet man sich am leicht ansteigenden Weg 70 Schritte nach links und findet das Grab direkt an der westlichen Mauer.


Diese russisch orthodoxe Kirche wurde - um 1860 - als Grabkapelle für die russische Großfürstin Maria Pawlowna errichtet. Sie befindet sich auf dem historischen Friedhof in Weimar, direkt hinter der Fürstengruft, in der auch Goethes Sarg steht, und ist mit dieser unterirdisch verbunden.

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