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Uranus

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1

Donnerstag, 6. Oktober 2005, 09:17

Mahler - Das klagende Lied

Hallo,
ich möchte gerne eine weitere Lücke in meiner Sammlung schließen - Mahler's Frühwerk "Das klagende Lied".
Leider finde ich auf Anhieb nicht allzu viel hierüber im Internet - Rondo rezensiert lediglich eine Aufnahme von Kent Nagano.
Kann mir jemand etwas - beschreibendes - über dieses Werk sagen und evtl. auch noch eine Empfehlung zu einer guten Einspielung geben?
Herzliche Grüße
Uranus

pianoflo

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2

Donnerstag, 6. Oktober 2005, 09:56

Hallo,

die Aufnahme-Empfehlung hast du eigentlich schon in deinem Posting. Ich besitze diese Einspielung und bin mit ihr vollauf zufrieden. Es ist wohl so, dass Nagano hier die dreiteilige Urfassung einsgespielt hat.

Beim Werk an sich handelt es sich um eine sinfonische Kantate für 6 Solisten, Chor und großes Orchester. Die Texte sind soweit ich weiß von Mahler selbst gedichtet (als er gerade 17 war). Ein monumentales Opus 1 des Komponisten, das in manchen Stellen schon den reiferen Mahler durchscheinen lässt.

Schwer zu beschreiben das Ganze, sollte man einfach mal gehört haben, um sich ein Urteil zu bilden.

Gibt wohl auch noch eine empfehlenswerte Aufnahme von Simon Rattle aus Birmingham, über die ich Gutes gehört habe, die ich selbst jedoch nicht besitze.

Also, Tipp: Kauf dir doch die Nagano-Aufnahme, für 5 Euro bei 2001 ist nicht allzuviel kaputt, falls es dir nicht gefällt

Gruß, flo
"Das Leben ist zu kurz für schlechte Musik"

Wise Guys 2000

  • »Johannes Roehl« ist männlich

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3

Donnerstag, 6. Oktober 2005, 10:44

Ich kenne Nagano noch nicht (aber da momentan spottbillig, werde ich sie mir bald zulegen). Zu Recht ein Klassiker ist jedoch Boulez' Aufnahme von 1970, die erste der dreiteiligen Fassung, unverständlicherweise nur per marketplace erhältlich (bei den neueren "Urfassungen" gibt es wohl ein paar textliche Änderungen, aber es gab auch Aufnahmen, bei denen der erste Teil ganz fehlt).



Das Werk selbst finde ich außergewöhnlich faszinierend; ein schlagender Beweis dafür wie unfair und falsch der zeitweilige Vorwurf war, Mahler sei ein komponierender Dirigent gewesen. Er war Anfang 20 als er dieses ehrgeizige, hochoriginelle und sehr eigenständige Werk schrieb, noch keine Spur vom berühmten Kapellmeister.

viele Grüße

JR
Struck by the sounds before the sun,
I knew the night had gone.
The morning breeze like a bugle blew
Against the drums of dawn.
(Bob Dylan)

MStauch

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4

Donnerstag, 3. November 2005, 22:11

An anderer Stelle wurde mitgeteilt, dass die Aufnahme von Kent Nagano bei 2001 nicht mehr greifbar ist.

Ich hätte mich auch auf Anhieb nicht unbedingt für die Nagano-Aufnahme entschieden, obwohl ich gestehen muss, dass ich diese Aufnahme nicht kenne.

Wenn nach einer Aufnahme des "Klagenden Liedes" gefragt wird, müssen nach meiner Meinung unbedingt genannt werden:

Simon Rattle mit dem City of Birmingham Orchestra (EMI 1985)

- sehr günstig erwerbbar - und

- von mir lange gesucht und jetzt endlich über amacon.com erhalten und eben gerade auch bei jpc für wenig Geld gesehen -

Riccardo Chailly, Das klagende Lied (und Lieder eines fahrenden Gesellen, Rückert-Lieder und Kindertoten-Lieder) mit Brigitte Fassbaender und dem Deutschen Symphonie Orchester Berlin (Decca Doppel-CD Auflage 2003 - Aufnahmen 1991 und 1994).



Beides sehr gute Aufnahmen.

Mit besten Grüßen

Matthias
Tobe Welt, und springe,
Ich steh hier und singe.

Engelbert

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5

Dienstag, 15. Juni 2010, 03:57

Mahler, DAS KLAGENDE LIED

Gustav Mahler (1860-1911)
Das klagende Lied

Kantate in 3 Teilen
für Soli, Chor und Orchester

1.Waldmärchen [Forest Legend]
2.Der Spielmann [The Minstrel]
3.Hochzeitsstück [Wedding Piece]

Libretto vom Komponisten in Anlehnung an die der Sammlung 'Volkssagen und Legenden' von Ludwig Bechstein und einem Märchen der Gebrüder Grimm

Entstanden: 1878 bis 1880

Uraufführung der dreiteiligen Version 1935 vom Wiener Rundfunk




INHALTSANGABE


Erster Teil
WALDMÄRCHEN

Die stolze Königin ist ebenso schön wie launisch. Einen Gemahl hat sie noch nicht. Lässt sie ihre Verehrer aus Freude am sadistischen Spielchen nur zappeln oder ist sie dem männlichen Geschlecht grundsätzlich abhold? Die Untertanen fragen sich, wem sie eines Tages ihre Gunst schenken wird. Die Konditionen, die sie den Brautwerbern stellt, sind kindisch. Irgendwo im Wald hat sie einstmals eine rote Blume ausfindig gemacht. Klatschmohn kann es nicht gewesen sein, denn die Blume soll genau so schön gewesen sein wie sie selbst. Nun mutet sie der tapferen Ritterschaft zu, nach dieser Blume intensiv zu fahnden. Dem edlen Finder wird sie die Hand zum Ehebunde reichen. Das Interesse an der dümmlichen Königin lässt gewaltig nach, denn im Lied ist nur von zwei Brüdern die Rede, die sich auf den Waldweg machen, um nach dem seltenen Kraut Ausschau zu halten. Der Jüngere der beiden ist von edlem Charakter und guten Mutes, dem anderen fehlt es an Geduld. Vom Chor muss er ständig ermahnt werden, das Fluchen sein zu lassen. Ein vernünftiger Entschluss bewirkt, dass die beiden Ritter sich trennen und jeder allein nach der Blume sucht.

Der Kleinere mit dem angenehmen Charakter hat die glorreiche Idee, nicht nur im Wald, sondern auch auf der Heide Ausschau zu halten. Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein und das heißt Erika. Es ist zwar nicht knallrot, aber wer kann schon wissen, welche Farbe die Königin für Rot hält.

Er steckt sich ein Büschel von dem Kraut an den Hut und legt sich ins Moos, um ein wenig zu ruhen - die Füße tun ihm weh. Der andere, der in Unrast den ganzen Tag vergeblich gesucht hat, findet Brüderlein schlafend am Waldrand. Sofort sieht er rot, als er die Blume gewahrt, welche der erfolgreiche Konkurrent sich unter die grüne Hutschnur gesteckt hat. Missgunst übermannt ihn. Die wonnige Nachtigall, weshalb schlägt sie nicht? Das Rotkehlchen hinter der Hecke gibt ebenfalls keinen Laut, um den armen Ritter zu wecken? Der Junge lächelt, der Alte lacht, er zieht sein Schwert und hat dem Kleinen den Garaus gemacht. Im Wald und auf der Heide, da steht eine alte Weide.

Zweiter Teil
DER SPIELMANN

Nachtigall und Rotkehlchen haben sich verzogen und Dohlen und Raben Platz gemacht. Unter Laub und heruntergefallenen Blättern liegt ein blonder Rittersmann begraben, so erzählt es der Dichter. Eines Tages kommt ein Spielmann des Weges, der einen Knochen hervorlugen sieht. Wühlmäuse haben ihn nach oben befördert. Kriminalistischer Spürsinn liegt dem Wanderer fern. Er hebt das Gelenkstück auf, um später eine Flöte daraus zu schnitzen. O Spielmann, lieber Spielmann mein, wird das ein seltsam’ Spielen sein!

Traurig und schön klingt die Melodie, zunächst nur instrumental, doch dann wird es verbal. Das Lied berichtet von dem Kriminalfall, der sich einst zugetragen hat. Den jungen Leib haben die Ameisen aufgezehrt und das Skelett übriggelassen. Vorzeitig musste der wonnige Jüngling sein Leben lassen, weil der Bruder ihn im Streit erschlug. Der Mörder beabsichtigte die Königin zu freien und dazu brauchte er die Blume als Legitimation, die der Ermordete gefunden und sich an den Hut gesteckt hatte. Der Spielmann zieht durch die Welt und die Leute lauschen der spannenden Nachricht und der wundersamen Flöte. Von den paar Münzen, die seine Vorstellungen einbringen, kann der Minstrel nicht leben. Inzwischen ist der singende Knochen landesweit berühmt geworden. Könnte man mit der Wunderflöte bei Hofe nicht des Königs Gäste unterhalten, um zur Tafel zugelassen werden?


Dritter Teil
HOCHZEITSSTÜCK

Im Schloss hoch auf dem Felsen wird gefeiert. Pauken und Trompeten sorgen für Stimmung. Die Ritter sitzen vor ihren Bierkrügen, die Damen tragen kostbare Garderobe und prunken mit edlem Geschmeide. Was bedeutet der fröhliche Schall und weshalb leuchtet der Königssaal so festlich? Die Königin hält Hochzeit mit dem Rittersmann, der ihren Stolz gebrochen und ihr die gewünschte Blume gebracht hat. Der König kann sich nicht so recht ergötzen und nimmt die geladenen Gäste nur oberflächlich wahr. Selbst die Königin kann dem Prinzgemahl kein Lächeln abgewinnen. Warum ist er so bleich und stumm? Was geht ihm nur im Kopf herum? Vielleicht kann der Spielmann, der zur Tür hereinkommt, ihn aufheitern. Nach einem melodischen Präludium singt der Knochen seine gewohnte Schauerballade, die den Gästen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der König versucht in frechem Hohn, die Situation herunterzuspielen und setzt nun selbst die Flöte an die Lippen. Der Knochen beschwert sich: „Ach Bruder, liebster Bruder mein, du hast mich doch selbst erschlagen. Jetzt spielst du auf dem Totenbein, darüber muss ich klagen.“ Es ist schon erstaunlich, dass der ausgebleichte Körperbestandteil sich an keinen abgespeichert Text hält, sondern in der Lage ist, nach eigenem Ermessen eine Variation vorzutragen. So weit ist die Technik von heute mit ihren Tonabspielgeräten noch nicht. Die Gäste sind völlig verstört, und wer schreckhaft veranlagt ist, flieht aus der Burg. Die Königin liegt malerisch hingestreckt auf dem Parkett und am kalten Büffet bedienen sich die Raben.


Anmerkung:

In der Vorgabe zum Libretto ist es ein Geschwisterpaar, welches um den Besitz der Blume streitet, weil davon die Thronfolge abhängt. Der Bruder erschlägt die Schwester, welche die Blume gefunden hat, im Schlaf und setzt sich in ihren Besitz. Ein Bauer findet die Verscharrte unter einem Blätterhaufen. Aus dem Gebein sucht er sich das passende Stück heraus und schnitzt aus dem Material eine Flöte. Zu seinem Erstaunen erklingt eine Kinderstimme aus dem Instrument, die das an ihr begangene Verbrechen ausplaudert. Bei ‚Grimms Märchen’ streiten sich zwei Brüder um die Gunst einer Frau. Die Knochenflöte wird dem Brudermörder zum Verhängnis.

Mahler hat sein Frühwerk sehr geliebt und Zeit seines Lebens an der Partitur gebastelt. Er ging sogar soweit, den ersten Teil aus dramaturgischen Erwägungen wegzustreichen und separat aufführen zu lassen. Gedacht war die Kantate ursprünglich als Eingabe für einen Wettbewerb. Die Jury war prominent besetzt, unter ihnen Karl Goldmark. Von Mahler als persönliche Kränkung wahrgenommen, erhielt den Beethoven-Preis ein gewisser Robert Fuchs, dessen Bruder der Jury angehörte.

Die Uraufführung der zweiteiligen Fassung dirigierte Mahler selbst am 17. Februar 1901 in Wien. In England erklang diese Version 1956 in der Royal Festival Hall unter Walter Goehr, der erst im Jahre 1970 unter Pierre Boulez die vollständige Fassung folgte. Das Waldmärchen wurde 1934 erstmalig von Radio Brünn gespielt. Die Musikwelt sieht es tragisch, wenn es einem Komponisten nicht vergönnt ist, sein Werk, an dem er besonders hängt, noch zu Lebzeiten aufgeführt zu sehen.

Das Klagende Lied steht an Beliebtheit hinter später komponierten Orchester-Liedern zurück.

:angel:
Engelbert

William B.A.

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6

Dienstag, 19. Oktober 2010, 13:08

Das Klagende Lied

Auch ich kann den positiven Eindruck von den beiden Einspielungen von Sir Simon Rattle und Riccardo Chailly, die hier genannt wurden, nur bestätigen. Ich habe sie mir diesen Sommer zugelegt im Rahmen zweier Gesamtaufnahmen von DGG/DECCA und EMI. Diese Boxen sind jeden Euro wert.

Liebe Grüße

Willi :hello:
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

7

Dienstag, 19. Oktober 2010, 14:10

An hochkarätigen Einspielungen des "Klagenden Lieds" fehlt es wahrlich nicht. Boulez, Chailly, Nagano, Rattle, Tilson Thomas wurden schon genannt - Sinopoli und Roshdestwenskij blieben bisher unerwähnt, ebenso wie die beiden mir zur Verfügung stehenden Aufnahmen, die ich schätze. Bernard Haitink ist (in Kombination mit der Sinfonie Nr. 3) auch auf CD greifbar - ich besitze seine Einspielung aber noch auf Vinyl:



Als Richard Hickox-Fan habe ich mir natürlich auch die Hickox-Version aus Bournemouth angeschafft, mit der ich ebenfalls zufrieden bin:


Travinius

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8

Dienstag, 19. Oktober 2010, 17:51

Man sollte vielleicht noch darauf hinweisen, dass Mahler 1898 eine revidierte Fassung des Klagenden Lieds erstellt hat: zweiteilig, stark gestrafft und deutlich kürzer und mit verkleinertem Vokalensemble: Sopran, Alt, Tenor und Knabenalt ad libitum.

Die einzige Aufnahme von dieser Fassung, die ich gefunden habe war von Hungaroton, leider ohne Cover bei amazon (der MP3-Download hat ein Cover, aber das kann ich hier nicht verlinken), mit den Budapester Symphonikern und András Ligeti; bei JPC bin ich gar nicht fündig geworden.

Mir persönlich gefällt die Urfassung besser, vor allem unter Chailly. Meine Frau wird im kommenden Jahr das klagende Lied in der Urfassung mit dem Musikverein Düsseldorf erneut mit aufführen, als Abokonzert, unter Martyn Brabbins.
LuciusTravinius Potellus

Those who would give up essential Liberty, to purchase a little temporary Safety, deserve neither Liberty nor Safety. (B.Franklin)

9

Dienstag, 19. Oktober 2010, 18:02

Kann jemand von Euch vielleicht etwas zur Roshdestwenskij-Einspielung mit Janet Baker sagen? Diese Live-Aufnahme der BBC würde mich schon stark interessieren.


dr.pingel

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10

Mittwoch, 20. Oktober 2010, 00:59

Das klagende Lied

Dritter Teil
HOCHZEITSSTÜCK

Im Schloss hoch auf dem Felsen wird gefeiert. Pauken und Trompeten sorgen für Stimmung. Die Ritter sitzen vor ihren Bierkrügen, die Damen tragen kostbare Garderobe und prunken mit edlem Geschmeide. Was bedeutet der fröhliche Schall und weshalb leuchtet der Königssaal so festlich? Die Königin hält Hochzeit mit dem Rittersmann, der ihren Stolz gebrochen und ihr die gewünschte Blume gebracht hat. Der König kann sich nicht so recht ergötzen und nimmt die geladenen Gäste nur oberflächlich wahr. Selbst die Königin kann dem Prinzgemahl kein Lächeln abgewinnen. Warum ist er so bleich und stumm? Was geht ihm nur im Kopf herum? Vielleicht kann der Spielmann, der zur Tür hereinkommt, ihn aufheitern. Nach einem melodischen Präludium singt der Knochen seine gewohnte Schauerballade, die den Gästen das Blut in den Adern gefrieren lässt. Der König versucht in frechem Hohn, die Situation herunterzuspielen und setzt nun selbst die Flöte an die Lippen. Der Knochen beschwert sich: „Ach Bruder, liebster Bruder mein, du hast mich doch selbst erschlagen. Jetzt spielst du auf dem Totenbein, darüber muss ich klagen.“ Es ist schon erstaunlich, dass der ausgebleichte Körperbestandteil sich an keinen abgespeichert Text hält, sondern in der Lage ist, nach eigenem Ermessen eine Variation vorzutragen. So weit ist die Technik von heute mit ihren Tonabspielgeräten noch nicht. Die Gäste sind völlig verstört, und wer schreckhaft veranlagt ist, flieht aus der Burg. Die Königin liegt malerisch hingestreckt auf dem Parkett und am kalten Büffet bedienen sich die Raben.
Ich habe ein Problem mit der Logik der Erzählung, vielleicht kann mir jemand auf die Sprünge helfen. Die Hochzeit findet statt, und der Spielmann spielt auf dem Knochen des Ermordeten bei der Hochzeit. Wie aber kann beides gleichzeitig sein, wenn doch der Tote erst verwesen musste, was doch ein paar Jahre dauert? Oder hat die Königin so lange gewartet? Schwer vorstellbar. Irgendwie kann ich mir keinen Reim drauf machen.
Der Mensch hat drei Wege, klug zu handeln. Erstens durch Nachdenken, das ist der edelste. Zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste. Drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste (M.Brzoska, dt. Aphoristiker)

Travinius

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11

Samstag, 26. Februar 2011, 16:16

Boulez hat seinerzeit die Dreiteilige Fassung 'restauriert', indem er der revidierten, zweiteiligen Fassung das Waldmärchen vorweg stellte. Dadurch entsteht eine eigentümliche Mischfassung.

Mich interessiert die Originalfassung, die seit 1997 veröffentlicht ist und bisher wohl nur von Kent Nagano eingespielt worden ist. Der war jedenfalls laut Internetrecherchen (und laut Mahler-Biographie) der erste; Rattle müsste damit auch eine Mischfassung sein, zumindest mit der Birmingham-Einspielung.

Gibt es noch andere Einspielungen der Originalfassung? Der Nagano ist nämlich absolut nicht mehr zu bekommen (Angebote 'gebraucht für > EUR 200,-- ignoriere ich mal einfach).

Der Chailly ist definitiv die Mischfassung - meine Frau singt demnächst das klagende Lied in der Originalfassung in Düsseldorf, und das passt nicht mit der Chailly-Aufnahme überein.
LuciusTravinius Potellus

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12

Samstag, 26. Februar 2011, 18:27

Hallo Travinius,

ich habe neben den bereits genannten Nagano - Haitink - Boulez-Einspielungen auch die von Michael Tilson-Thomas,
der (denk ich) auch die Original-Ausgabe aufgenommen hat.


Neu für 30, gebraucht immerhin für 15 Euro zu haben.

Und mir gefällt diese Einspielung von allen genannten mit am besten, vor allem wegen der sehr sinnvollen Transparenz.
Auch die Sänger kommen mir hier am nächsten. Und das alles, obwohl ich ansonsten die MTT-Mahler-Einspielungen für
recht überflüssig halte (da so furchtbar steril).
Grüße aus München

Travinius

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13

Sonntag, 27. Februar 2011, 11:53

Hmmm... ich zweifle. Die CD ist vor Nagano aufgenommen, oder? Und in der Literatur, die ich gefunden habe, wird immer betont, Nagano sei der erste gewesen, der diese Fassung eingespielt habe. Ausgerechnet der ist aber nicht mehr zu bekommen. :(

Ich werde noch recherchieren, finde aber bisher keine Hinweise auf die von MTT verwendete Fassung.
LuciusTravinius Potellus

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Accuphan

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14

Sonntag, 27. Februar 2011, 17:28

Ich werde noch recherchieren, finde aber bisher keine Hinweise auf die von MTT verwendete Fassung.
Im Booklet der Aufnahme(n) wird die dreiteilige Urfassung ausdrücklich erwähnt, jene, die Mahler 1881 am Konservatorium einreichte, um den Beethoven-Preis zu gewinnen. Es wird nicht ausdrücklich gesagt, dass diese hier zu hören ist, es scheint mir aber naheliegend, so wie es sich im Kontext liest; auch angesichts der aufgenommenen dreiteiligen Version.

Gruß
Accuphan
(gut stimmen!!)

Travinius

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15

Sonntag, 27. Februar 2011, 18:43

Danke, Accuphan. Der Blick ins Booklet kann sehr lange Recherchen ersetzen. :)
LuciusTravinius Potellus

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16

Sonntag, 27. Februar 2011, 19:20

Hallo Travinius, hallo Accuphan,

ich geb zu, ich hab meine Aussage nicht tiefschürfend recherchiert; ich hab aber beide Aufnahmen - Nagano und MTT - im Ohr (neben den anderen) und die hören sich beide "gleich" an 8| Ganz banal :) Vielleicht sind die Unterschiede auch so marginal, dass sie beim Konsumhören :stumm: nicht sonderlich auffallen.

Travinius

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17

Dienstag, 8. März 2011, 22:49

Die Originalfassung des Klagenden Lieds gibt es am kommenden Wochenende in Düsseldorf, im Rahmen der 'Sternzeichen', der Abbonnementkonzerte.

Es spielen die Düsseldorfer Symphoniker, es singt der Städtische Musikverein, am Pult steht Martyn Brabbins.

Ich habe meine Karte, meine Frau braucht keine (steht hinterm Orchester) und bin enorm gespannt - auch auf Herrn Brabbins, von dem ich einige Einspielungen rarer Klavierkonzerte mein Eigen nenne.

Ich weiss nicht, ob es noch Karten gibt, aber - : kommt all' herbei! Das lohnt sich sicher! Das Konzert gibt es, wie immer, Freitag, Sonntag und Montag abend.
LuciusTravinius Potellus

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Engelbert

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18

Mittwoch, 9. März 2011, 06:14

Logik des dritten Aktes

@ Dr. Pingel

Ich beantworte die Meldung vom 20.10.2010 erst jetzt, weil ich das Posting soeben erst gefunden habe:



Man kann sich die Logik des Dichters zurechtbiegen, indem man davon ausgeht, dass die frische Leiche des Bruders von Tieren des Waldes ausgebuddelt und bis auf die Knochen verzehrt wurde. Der Knochenschnitzer hat sich ein passendes Gebein herausgefleddert, von Ameisen gesäubert, zurechtgeschabt und mit Schnitzen begonnen.

Vielleicht hat ein Taminoraner Anatomie studiert und kann sagen, welcher menschliche Knochen, der Hohlraum enthält, es gewesensein könnte, damit nach Bearbeitung eine Flöte oder ein Fagott entstehen kann. Das Knochenmark musste natürlich noch herausgelutscht werden. Wenn kein Ameisenbär zur Verfügung stand, wird der handwerklich Begabte es wohl selbst gewesen sein. Hoffentlich hat er die Hygiene eingehalten und das Mundstück vorher in der Quelle gewaschen.

In heutiger Zeit liegen in den heimischen Wäldern hin und wieder auch noch Leichen herum (siehe Bildzeitung). Man würde die Knochen aber nicht mehr Beschnitzen, sondern den Fund der Polizeit melden, damit diese eine Spurensicherung vornehmen kann, um den Täter zu überführen. Im 'Klagenden Lied' von Gustav Mahler entwickelt der Knochen Eigeninitiative. 8o

Freundlichen Gruß
:angel:
Engelbert

Travinius

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19

Mittwoch, 9. März 2011, 14:07

Es handelt sich um ein Märchen. Weshalb sollte man da jedes Wort auf die Goldwaage legen?

Ich denke, es hat einen Grund, dass der Schienbeinknochen auch 'Tibia' heisst, wie ein Orgelregister bzw. eine Knochenflöte.

Zu diesem Thema auch ein Wikipedia-Artikel über die Knochenflöte.

Wenn das aus einem Geierknochen geht, warum dann nicht auch aus einem Menschenknochen?

Mahler vertont auch nur eine Fassung des Themas, verschiedene Kulturkreise kennen ähnliche Märchen bzw. andere Fassungen desselben Märchens.

Im entsprechenden Kapitel der Mahler-Biographie von Jens-Malte Fischer (s.u.) werden verschiedene Fassungen einander gegenübergestellt.

Vielleicht liegt das an meinem Hang zu mystischen Rollenspielen wie D&D, GURPS o.ä., dass mich die Geschichte nicht so sehr verwirrt hat. Das gewisse Gegenstände eine Magie, ein Eigenleben entwickeln, ist in Mythen, Sagen und Märchen kein ungewöhnlicher Topos. Manchmal übernehmen auch Tiere die Ankläger (siehe die 'Waldtaube' z.B. bei Dvorak oder bei Schönberg in den Gurre-Liedern, die Vögel in der Götterdämmerung), machmal sind es Naturphänomene und manchmal eben Gegenstände, gerne aus dem persönlichen Besitz. Und was könnte persönlicherer Besitz sein als ein Knochen?

LuciusTravinius Potellus

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William B.A.

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20

Donnerstag, 31. März 2011, 23:55

Mahler - Das klagende Lied

Nun habe ich endlich auch "Das klagende Lied" aus der DGG-Box "Gustav Mahler - Complete Edition" in der Interpretation von Riccardo Chailly:



gehört und bin ganz begeistert von diesem Frühwerk Mahlers mit der reichhaltigen Melodiösität und dem Drive, aber auch den zarten lyrischen sowie den schroffen Stellen und dem gespenstischen Fernorchester (Marschmusik) in der Nr. 3 "Hochzeitsstück".
Ich habe das Stück ganz bestimmt nicht zum letzten mal gehört und werde es mir zeitnah in der zweiten Version in meiner Sammlung von Sir Simon Rattle anhören.

Liebe Grüße

Willi :)
1. "Das Notwendigste, das Härteste und die Hauptsache in der Musik ist das Tempo". (Wolfgang Amadeus Mozart).
2. "Es gibt nur ein Tempo, und das ist das richtige". (Wilhelm Furtwängler).

lutgra

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21

Dienstag, 16. Juni 2015, 21:00

Heute ist mir die Aufnahme mit Simon Rattle untergekommen, die ich noch nicht kannte. Hat mir gut gefallen. Die Platte knackt allerdings reichlich, so dass ich wohl noch die CD ordern werde. Eigentlich erstaunlich, dass es doch nur eine recht überschaubare Zahl an Einspielungen gibt, wo doch jede Symphonie mindestens in 100 Interpretationen vorliegt. Mir gefällt das Stück auch besser als all die Versuche, die 10. zu komplementieren. Da höre ich über lange Strecken eben doch keinen authentischen Mahler.



Wer sich für die Aufnahmegeschichte des Stückes interessiert, hier noch zwei ältere Einspielungen allerdings nur der 2-teiligen Version. Der Dirigent auf der linken Aufnahme ist der unter Mahlerianern nicht ubekannte Wyn Morris, der der rechten Fritz Mahler, dessen Vater ein Cousin von Gustav war. Fritz Mahler ist als Jude 1935 in die USA emigriert und hat dort bis an sein Lebensende dirigiert, u.a. das Hartford Symphonie Orchester aus Conneticut.


Rheingold1876

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22

Freitag, 29. September 2017, 08:33

Man sollte vielleicht noch darauf hinweisen, dass Mahler 1898 eine revidierte Fassung des Klagenden Lieds erstellt hat: zweiteilig, stark gestrafft und deutlich kürzer und mit verkleinertem Vokalensemble: Sopran, Alt, Tenor und Knabenalt ad libitum.

Die einzige Aufnahme von dieser Fassung, die ich gefunden habe war von Hungaroton, leider ohne Cover bei amazon (der MP3-Download hat ein Cover, aber das kann ich hier nicht verlinken), mit den Budapester Symphonikern und András Ligeti; bei JPC bin ich gar nicht fündig geworden.


Die zweiteilige Fassung hat auch Bernard Haitink eingespielt. Sie findet sich auf diesem Album:



Die Fassungen sind ein, wenn nicht das Problem des "Klagenden Liedes". Neben dieser Version in zwei Teilen ist für mich nur die Originalversion berechtigt. Die ist erst am 7. Oktober 1997 in Manchester uraufgeführt worden. Unmittelbar danach ging Kent Nagano ins Studio und hat sie erstmal auf Tonträger gebracht. Das ist sie:



Die meisten Einspielungen sind Mischfassungen, bei denen die zweiteilige Version von 1898 um das originale "Waldmärchern" erweitert wurde. Viele davon wurden bereits genannt. Die erste Boulez-Aufnahme, die Johannes nannte, gehört auch in diese Kategorie. Ich halte sie für sehr gelungen und für sehr stimmungsvoll. Boulez hatte sogar das Solistenensemble auf die Stärke des Originals erweitert und damit noch eine weitere Möglichkeit angeboten.
Es grüßt Rheingold (Rüdiger)

Erda: "Alles, was ist, endet."