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van Rossum

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Registrierungsdatum: 12. März 2005

1

Mittwoch, 26. Juli 2017, 18:43

erste Kompositionen in der Zwölftonmusik? - Anton Bauer?

Ich habe vor kurzem einige Manuskripte und Dokumente aus dem Nachlass des bayerischen Komponisten Anton Bauer (1893-1950) erworben. Unter den Dokumenten befindet sich auch eine "Zwölftonmusik für Klavier" aus dem Jahr 1926 (in dem Jahr ist sie jedenfalls von Pankraz Baumeisters Wwe. in Cham gedruckt worden). Die Einleitung zur Komposition sagt: "Die Melodien dieser Suite sind nach dem Prinzip der Zwölftönemusik angelegt."

Ich bin kein Experte im Bereich der Historie der Zwölftonmusik, aber eine kurze Recherche ergab, dass zum Beispiel Anton Weberns erstes Werk in der Zwölftontechnik die "Drei Volkstexte op.17" aus dem Jahr 1925 sind. Dann müsste doch das Werk von Anton Bauer ebenso zu den ersten Werken dieser Kompositionstechnik gehören. Warum wurde das Werk nie beachtet und nimmt keinen Stellenwert - nicht einmal einen historischen - in der Geschichte der Dodekaphonie ein?

(Wen das Werk interessiert, ich habe es im Computer gesetzt und es findet sich auf meiner Internetseite.)
Projekt "Violinkonzerte des 20. Jhds":
[url]www.tobias-broeker.de[/url]

Dr. Holger Kaletha

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Beiträge: 5 892

Registrierungsdatum: 2. Februar 2008

2

Donnerstag, 27. Juli 2017, 07:09

Da hast Du mich mit einer Bildungslücke erwischt, lieber van Rossum. Gibt es davon denn eine Aufnahme, die man hören kann? Mir ist nicht bewußt, dass ich auf den Namen gestoßen bin in der Lektüre von Literatur zum Thema.

Schöne Grüße
Holger

van Rossum

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Beiträge: 807

Registrierungsdatum: 12. März 2005

3

Donnerstag, 27. Juli 2017, 10:07

Eine Aufnahme gibt es nicht, aber wie gesagt, man findet die Noten auf meiner Internetseite:

www.tobias-broeker.de
Projekt "Violinkonzerte des 20. Jhds":
[url]www.tobias-broeker.de[/url]

Edwin Baumgartner

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Beiträge: 5 583

Registrierungsdatum: 17. Dezember 2005

4

Mittwoch, 16. August 2017, 11:58

Von "erster Komposition in Zwölftontechnik" kann bei Anton Bauer keine Rede sein. Josef Matthias Hauer schrieb sein erstes Zwölftonstück "Nomos" 1919, Arnold Schönberg die "Fünf Klavierstücke" und die "Serenade" 1920-23. Bauer ist also zumindest dritter. 1925 war allerdings auch schon Herbert Eimerts Streichquartett herausgekommen.

Schönberg hielt seine Entdeckung relativ lange geheim und erzählte davon zuerst nur im Schülerkreis. Erst, als er sie mit tauglichen Werken belegen konnte, sprach er in Vorträgen über sie bzw. legte seine Erkenntnisse (relativ spät) schriftlich dar. Deshalb stammen die ersten Zwölftontechnik-Lehrbücher auch nicht von ihm selbst oder aus seinem unmittelbaren Schönberg-Umfeld, sondern zB von Ernst Krenek, der aus Franz Schrekers Kompositionsklasse kam.
Nichts desto weniger machte die Idee Schönbergs gerüchteweise ihren Weg. Und wie es bei Gerüchten so ist: Ein bisserl was stimmt, aber nichts Genaues weiß man nicht.
So hörte zB im (relativ fernen) Italien ein fabelhaft begabter Komponist, der aus der Richtung der italienischen klassizistisch geprägten Nachromantik (wie sie Respighi, Pizzetti oder auch, eher klassizistisch als romantisch, Malipiero schrieb), von Schönbergs Entdeckung, glaubte aber, sie beziehe sich ausschließlich auf die Melodie, es gäbe auch nicht nur eine Reihe, sondern beliebig viele, und außerdem könne man die Reihe unterbrechen, wo man wolle und Abschnitte wiederholen. Das Ergebnis ist Luigi Dallapiccolas fabelhafte Oper "Volo di notte", ein Meisterwerk. Im "Prigioniero" ist Dallapiccola schon näher an Schönbergs Idee (offenbar hat er noch mehr Gerüchte gehört), leitet also auch die Harmonik aus den Reihen ab - aber man merkt: Ganz bei Schönberg ist er immer noch nicht, denn es sind "Reihen", es ist nicht eine einzige Reihe mit den erlaubten Verwandlungen. Allerdings weist Dallapiccola die Reihen, mit denen er immer noch ziemlich frei verfährt, personenspezifisch zu.

Weshalb ich, wenn über Bauer die Rede sein sollte, von Dallapiccola spreche? - Weil mir die beiden Fälle sehr verwandt scheinen. Denn Bauers Stück ist bestenfalls ansatzweise eine Zwölftonkomposition. Gleich zu Beginn durchbricht die linke Hand doppelt, nämlich mit deutlichem Tonartenbezug (A-Dur) und Tonwiederholungen das Prinzip der Zwölftontechnik. Die Einführung von B-Dur im vierten Takt ist durch keine Reihe legitimiert etc.
Nach meinem Gefühl arbeitet Bauer zwar mit Zwölftonmelodien, tut aber alles, sie auf Tonarten zu beziehen, zB ist die Modulation von Fis-Dur -> verminderter 7 -> G-Dur -> d-Moll (zwischengeschaltet) -> Nonenakkord über cis -> A-Dur+6 ajoutée in den Takten 11-16 etwas Stinknormales (Modulation über einen verminderten 7-Akkord...) und, pardon, ziemlich Abgegriffenes - was es eventuell auch sein soll, denn es ist ja ein stilisierter Foxtrot, also "U-Musik". Dementsprechend landet das Trio ganz subdominantisch auf D-Dur, und von dort kann der A-Dur-Hauptteil bestens wiederholt werden.

Was also ist geschehen? - Ich vermute, es lief wie bei Dallapiccola: Bauer hörte gerüchteweise etwas über die Zwölftontechnik, glaubte aber, sie beschränke sich auf ein Prinzip der Melodienerfindung. Also schrieb er Zwölftonmelodien und harmonisierte sie völlig frei und ganz tonal.

Wieso ist das nicht in das Bewusstsein bzw. ins Repertoire eingegangen?
Überlegen wir, was dazu führt, dass ein Werk hervorsticht (nur solche dringen ins Bewusstsein ein).
1) Es ist eine Pioniertat, die musikhistorisch relevant ist.
2) Es ist ein Werk von hohem künstlerischen / geistigen Gewicht.
3) Das Werk enthält einen Hit.
1) wäre zB die Suite Schönbergs oder Ives' "Tone Roads" - wir merken schon: Stücke, die auch eher mehr musikwissenschaftlich analysiert als aufgeführt werden.
2) wären zB Beethovens späte Streichquartette oder Wagners "Ring" etc.
3) wäre zB Weills "Mahagonny".
Selbstverständlich können die drei Punkte kombiniert sein, Kreneks "Karl V" ist etwa Pioniertat (erste abendfüllende Zwölftonoper) und ein Werk von hohem geistigen Gewicht.
Bauers Zwölfton-Foxtrot ist zweifellos ein hübsches Musikstück, fällt aber in keine dieser Kategorien: Es ist keine Pioniertat, es ist kein Werk von hohem Gewicht (will es wohl auch gar nicht sein), und hitverdächtig ist es auch nicht wirklich.

Was Bauers Stück indessen macht: Es illustriert sehr hübsch die Missverständnisse, die sich zu Beginn in Sachen Zwölftontechnik ergaben. Und es ist zweifellos einer der ersten Versuche, Zwölftontechnik und U-Musik-Typen zusammenzubringen. Allerdings reicht das nicht aus, um einen Komponisten im Bewußtsein zu verankern - angesichts der Unmenge an echter und stilisierter "Gebrauchsmusik", die zu jener Zeit geschrieben wurde.
...

van Rossum

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Beiträge: 807

Registrierungsdatum: 12. März 2005

5

Donnerstag, 7. September 2017, 09:14

Hallo Edwin,

ich habe deinen Beitrag erst jetzt gelesen, ein ausgedehnter Urlaub ohne Internet waren die Ursache dafür.
Trotz der Verspätung möchte ich dir hiermit aber sehr herzlich für deine Antwort danken, denn sie ist wunderbar ausführlich mit einem kurzen Abriss über die ersten Entwicklungen zur Zwölftonmusik und dass du dir Zeit genommen hast in die Komposition von Anton Bauer zu schauen, freut mich noch mehr. Also, das ist wirklich ein Paradebeispiel für einen Forumsbeitrag und wie sagt man im Englischen: That made my day! :jubel:

Vielen Dank!
Tobias
Projekt "Violinkonzerte des 20. Jhds":
[url]www.tobias-broeker.de[/url]

Helmut Hofmann

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  • »Helmut Hofmann« ist männlich

Beiträge: 5 555

Registrierungsdatum: 6. Oktober 2010

6

Donnerstag, 7. September 2017, 11:55

Ich möchte mich auch bei Dir bedanken, lieber Edwin Baumgartner. Schön, dass es, initiiert durch einen Thread mit einem solchen Thema, im Forum solche Beiträge zu lesen gibt, die sich intensiv und detailliert auf theoretische Aspekte klassischer Musik einlassen.
Josef Matthias Hauer hielt sich zeitlebens für den „Entdecker“ der „Zwölfordnung“, aber das ist sachlich unzutreffend. Zumindest hat er zur Dodekaphonie keine wirklich bedeutsamen kreativen Beiträge geliefert. Ihm ging es ohnehin mehr um sogenannte „Tropen“, also melodische Fragmente, aus denen er seine Kompositionen konstruierte. In den „Musikblättern“ erklärte er Anfang 1924 seine kompositorischen Absichten so:

„Viele Hunderte von Melosfällen wurden gelöst, gedeutet, sinngemäß aneinandergebaut, zu immer größeren Formen, und Ende 1921 war ich bereits so weit, alle Melosfälle überschauen, sie in größere und kleinere Gruppen einteilen zu können: ich entdeckte die „Tropen“, die nun an Stelle der früheren Tonarten zur praktischen Verwendung kamen. Gleich zu Beginn meiner nun bewußten Arbeit ergab sich von selbst die Regel: gleiche Töne so weit wie möglich auseinander zu rücken, damit die größte Spannung des Melos, die stärkste >Bewegung< erzeigt wird.“